Denk-Aufgabe 1905 vom 18.5.2019

Der Gedenkende

Ein Schatten huschte über Balthasars ernstes Gesicht mit den empfindsamen Zügen und den etwas blutleer-schmalen Lippen, als er sah –und vor allem hörte – wie die Quartierjugend lauthals und in geradezu abstossender Fröhlichkeit herumalberte auf dem verwilderten Spielplatz. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, empfand aber mehr Mitleid als Ärger. Sie wussten ja nicht, dass sich genau heute vor 3428 Jahren Archibald der Wahnsinnige vom berühmten Nagelfelsen in Timbuschetien gestürzt hatte. Ein Verlust für die Entwicklung der noch jungen Menschheit. Und morgen jährte sich der siebzehnte Versuch des ostkoreanischen Warlords Klamm Pflock Zwei, eine wirklich lange Langstreckenrakete mit subatomarem Strengkopf trumpwärts zu senden. Grund genug, seinen Frieden mit Gott zu machen, so es letzeren denn trotz Nietzsche, dessen Todestag sich auch gerade gejährt hatte, noch geben sollte. Und übermorgen gälte es dann des letzten Neandertalers zu gedenken, der laut einer vielbeachteten Studie vor 30'000 Jahren ausstarb, weil er offenbar ein Fortpflanzungsmuffel war und deshalb in wenigen tausend Jahren vom kopulationsfreudigeren Homo sapiens abgelöst wurde. Andere Studien, die sich auch schon wieder jähren, vermuten, dass der Neandertaler in einer der vielen Kaltphasen erfror, lange bevor es zur Hauptvereisung Europas kam – Schreckensszenarien, die heute ja von ihrem ebenso entsetzlichen Gegenteil abgelöst werden, der sich auch bereits seit einigen Jahren jährlich jährenden Klimaerwärmung, die – einziger Blick in die Zukunft, den sich Balthasar je gönnte – schon bald zum Hitzetod des besagten Homo sapiens führen würde.

Gedenkender.jpgUm so wichtiger, in der verbleibenden Restzeit noch all der wichtigen Figuren und Ereignisse zu gedenken, die die Welt zu dem gemacht haben, was sie heute ist, nämlich kaputt, sagt sich Balthasar, immer noch befremdet vom ordinär-frohen Gejohle der tanzenden Unwissenden. Wie können sie nur! So wenige Tage vor dem 1379. Todestag Anselms des Grauslichen, der die damals bekannte Welt mit Angst und Schrecken überzog, als er mit seinen mordlustigen Heeren durch die Kontinente brandschatzte. Und musste man nicht angesichts des drohenden Weltuntergangs auch ganzjährig des Ausbruchs der Pest in Europa vor 673 Jahren gedenken, des schwarzen Todes, der damals einen Drittel der Bevölkerung auslöschte – solange man noch gedenken konnte? Balthasar spürte, wie all die vergangenen und all die weiterhin nahtlos über ihn hereinbrechenden Gedenktage ihn überfluteten, ihn und das leiser werdende Gelächter der unbewussten Massen zuschütteten, ihn auf die Knie zwangen, zu Boden streckten und sich als zentnerschwere Last auf ihn türmten. Sein letzter Gedanke war die unheilschwangere Frage, ob wohl irgendein länger Lebender seiner, Balthasars, und seines entsetzlichen Opfertodes eines Gedenkenden, je gedenken würde?

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