Denk-Aufgabe 1906 vom 24.5.2019

 

Angst macht dumm

Eine tausendfach wiederholte These zur Besänftigung aller Verängstigten lautet, Angst sei lebensnotwendig, sie mache uns alert, vorsichtig und schütze uns damit vor Gefahren. Bei genauerem Hinsehen ist das Gegenteil der Fall. Angst ist ein Gefühl, das jegliche nüchterne Analyse der Gefahr und damit auch die intelligente Reaktion darauf verdrängt. Angst erzeugt unverhältnismässige und nicht situationsadäquate Reaktionen. Erfasst sie eine Mehrheit von Entitäten und steigert sie sich zur Panik, so sind Verhaltensweisen möglich, die sowohl die von Panik Erfassten wie ihr Umfeld schädigen, zerstören, ja in den Untergang reissen können. Nicht Angst, sondern blitzschnelles Kombinieren, antrainierte Reaktionsmuster und kühle, nüchterne Distanz, auch und gerade jeglichen eigenen Gefühlen gegenüber sind es, die uns alert, wachsam machen und Gefahren klug begegnen lassen. Wenn wir die Evolution anschauen, dann sind es die Entitäten mit einem gesunden Misstrauen, einer grossen Palette an kreativen Strategien und einer hohen Anpassungsfähigkeit an neue Umstände, neue Herausforderungen, die überlebt haben. 'Gesundes Misstrauen' mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Verbindung sein, da wir 'gesund' meist positiv, 'Misstrauen' negativ assoziieren. Vielleicht wäre 'angstfreies, rational induziertes, begründbares Misstrauen' klarer. Wenn der englische Gentleman auch an einem Tag mit wolkenlosem Himmel den Schirm mitnimmt, tut er dies nicht aus Angst, sein teurer Massanzug könnte nass werden, sondern aus dem begründbaren, auf langer Erfahrung beruhenden Misstrauen dem englischen Wetter gegenüber. Wenn ein Politiker Ängste schürt, vor dem Verlust des Wohlstands, vor dem Terrorismus, der Klimakatastrophe, dem nuklearen Weltuntergang oder was auch immer warnt, so fällt der mit rational induziertem Misstrauen Ausgestattete weniger schnell darauf herein, sucht nach den Gründen für die Panikmache und entdeckt meist bald, dass es um Machtgier geht. Denn Verängstigte sind schnell bereit, auf Freiheit, Selbständigkeit, Privatsphäre zu verzichten, wenn dafür das Angstmachende gebannt oder wenigstens bekämpft wird. Wenn es dem Machtgierigen gelingt, den Notstand auszurufen und eine Mehrheit der Entscheidungsbefugten – in der Schweiz also des Volkes – mit der Angst anzustecken, den Notstand zu legitimieren, hat er fast unumschränkt freie Hand, Regeln aufzustellen, die zwar – leiderleider, aber nur vorübergehend, wie der Machtgierige betont – freiheitseinschränkend sind für die Betroffenen, aber unabdingbar 'Not-wendig', um die Not abzuwenden. Im Falle eines Krieges legen auch wir helvetischen Freiheits-Junkys eine grosse Macht in die Hände eines Generals. Und wenn es brennt, hat der Feuerwehrkommandant ebenfalls eindrucksvolle Machtbefugnisse. Wir tun dies aus der Überzeugung, dass die Abwehr der offensichtlichen Not verkürzte, schnelle Entscheidungswege erfordert. Jeder gewiefte Machtgierige erkennt dies und tut alles, um die behauptete 'Not' so überzeugend und offensichtlich wie möglich zu machen. Dies gelingt viel leichter auf der emotionalen Schiene, also über das Schüren von Ängsten, als über nüchterne, rational überprüfbare Argumente. Ein Volk in Angst wird ihm erlauben, den Notstand auszurufen und dann endlich all die Regeln aufzustellen, die seine Macht vergrössern. Wir finden dieses bewährte Muster in allen Diktaturen und am Anfang aller Angriffskriege – und wir finden es auf dem Weg zur Diktatur, also überall dort, wo als Vorstufe Macht möglichst zentral in möglichst wenig Händen zusammengefasst wird, wie wir es zurzeit in vormals demokratischeren Staaten wie der Türkei, Ungarn oder Polen erleben. Denn wenn schnell Grosses geschehen soll, sind die basisdemokratischen und föderalistischen Wege zu langsam, wie die selbsternannten Führer ihren Schäflein predigen. Und 'Grosses' ist zum Beispiel die Vergrösserung des Lebensraums, wie sie Hitler forderte, die Schaffung von Grosseuropa, wie sie heute die letzten trutzigen Eidgenossen zur Aufgabe ihrer Selbständigkeit bewegen soll, oder die Rückeroberung eines Landstrichs, der dereinst zum eigenen Machtbereich gehörte, wie Putin behauptete, als er die Krim einsackte. Und 'Grosses' ist aktuell natürlich die Rettung der Menschheit vor dem Untergang wegen der nahenden Klimakatastrophe. Mehr Bewusstsein für unseren Planeten ist wunderbar, aber nicht über Angst und Panik, sondern über das nüchterne Hinterfragen unserer Stellung als 'Krone der Schöpfung', die den Planeten nur schützt, um sich den Lebensraum zu erhalten und nicht aus Respekt vor den anderen Entitäten, wie schon der Begriff 'Umweltschutz' zeigt. 'Mitweltschutz' würde die Haltung besser zum Ausdruck bringen, dass wir nur WG-Mitbewohner sind, dass wir zusammen mit allen anderen Entitäten auf diesem Planeten weiterleben möchten. Wer nüchtern überlegt, erkennt auch sofort, was wirklich das zentrale Problem ist: es gibt zu viele Menschen. Anstatt in Panik auszubrechen und einen wilden CO2-Ablasshandel zu installieren, könnten wir doch ganz trocken und rational überlegen, wie wir freiwillig, nachhaltig die Ausbreitung und das Anwachsen der menschlichen Spezies bremsen und langfristig reduzieren können. Merkwürdigerweise ist davon in all dem angstinduzierten Panikgeschrei wenig zu hören. Für mich der untrüglichste Hinweis, dass es weniger um die Rettung des Planeten, als um simples politisches Machtkalkül geht. Die grünen Parteien aller Länder profitieren vom Jahrhunderthoch und nutzen als überzeugte Etatisten die Gelegenheit, freiheitseinschränkende Regeln zu produzieren – selbstverständlich alle nur vorübergehend, nur bis das Klima gerettet ist.

Und damit sind wir der goldenen Seite der Angst auf der Spur. Sie ist das beste, bewährteste, über Jahrtausende erfolgreichste Werkzeug auf dem Weg zur Machtvergrösserung. Wem es gelingt, eigene Angst vorzutäuschen und sie bei anderen zu schüren, hat es leicht, Machtbefugnisse an sich bzw. an die Stellen zu transferieren, die er kontrollieren kann. Und das bewusste und gezielte Streben nach Macht über andere und anderes zählt wahrscheinlich zu den deutlichsten Kriterien, die den Menschen vom Rest der Natur unterscheiden. Aber auch dieses Machtstreben beruht letztlich auf Angst. Der Weise braucht keine Macht über andere. Und er erkennt mit Schmunzeln und Demut, dass auch die Macht über den eigenen Körper und den eigenen Geist beschränkt und endlich ist. Der Machtgierige aber hat Angst vor der Ohnmacht, vor dem Kontrollverlust, vor der Ungewissheit. Macht ist das erfolgreichste Surrogat für Gewissheit. Keine noch so laut verkündete wissenschaftliche Erkenntnis, keine religiöse Überzeugung schafft soviel konkrete Sicherheit, soviel greifbare Gewissheit, wie die – vermeintliche – Macht über sich und die wahrgenommene Welt. Sie kann unsere Illusion, einen Zipfel absoluter Wahrheit erhascht zu haben, so nachhaltig stärken, dass wir nur allzugerne bereit sind, sie in sichere, handfeste Realität umzudeuten und alle Restzweifel zu verdrängen. Natürlich wissen wir alle ganz tief drinnen, dass nichts sicher ist, dass es Richtigkeit nur innerhalb von Spielen und Modellen gibt. Aber wer will schon mit dieser Unsicherheit leben, dieser von den echten Wissenschaftlern immer wieder geschürten Vorläufigkeit aller Erkenntnis. Der angstvolle und damit aus meiner Sicht dumme Mensch braucht einen Grundstock von vermeintlich 'gesichertem Wissen', ein Fundament von unhinterfragbaren 'Tatsachen', eine unumstössliche 'Realität'. Sogar Wittgenstein brachte dieses Bedürfnis überdeutlich zum Ausdruck mit seinem verzweifelten Satz: 'Welt ist, was der Fall ist.' Wer sich zum Beispiel in die Quantenphysik vorwagt, erkennt mit Schrecken, dass es nichts gibt, was unumstritten 'der Fall' ist. Als 'der Fall' und damit als Wittgensteins 'Welt' bleiben uns nur Spielregeln, die wir samt und sonders selbst geschaffen haben, die der Wandelbarkeit, dem Zeitgeist unterliegen. Natürlich ist es 'der Fall', dass der mit dem Fuss ins Netz geschossene Ball als Tor gepfiffen und gezählt wird, es ist 'real' und eine 'Tatsache' – aber eben nur innerhalb des menschengemachten Spiels 'Fussball'. Schon auf dem Nachbarfeld, wo Handball gespielt wird, gelten andere, zum Teil gegenteilige Regeln. Dasselbe gilt mit selbstgebastelten Welterklärungsmodellen. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Nichtchristen Heiden sind, die notfalls mit Gewalt bekehrt werden müssen, oder dass alle Nichtmuslime Ungläubige sind, die vernichtet werden müssen, dann leiten diese Regeln unser Verhalten. Es sind aber nicht absolute Wahrheiten, sondern nur angstinduzierte Behauptungen, die dem sie vertretenden Kollektiv Sicherheit, Gewissheit, Legitimation verschaffen sollen.

Das Kriterium für Dummheit ist also aus dieser Sicht das Mass der Angst vor der Ungewissheit, die Intensität des verzweifelten Gierens nach absoluter Wahrheit, nach unumstösslichen, unhinterfragbaren, alle Spiele und Modelle übergreifenden 'Fakten'. Solange wir diese Gier nach Gewissheit nur für uns selbst befriedigen, indem wir uns ein Fundament aus Axiomen, aus Grundplatten zusammenstellen, die uns helfen, mit dem Leben und Sterben klar zu kommen, ist das harmlos und verzeihlich, vielleicht sogar unabdingbar für uns Sterbliche, (noch) nicht Erleuchtete, in einem Körper Steckende. Entscheidend ist, dass wir uns bewusst sind, dass wir uns dieses Fundament selbst ausgewählt, es selbst geschaffen oder bewusst übernommen haben, und dass es deshalb nur uns trägt, nur für uns gilt – und vielleicht für ein paar andere, die sich freiwillig, weder von uns noch von andern genötigt, auf dasselbe Fundament stellen, dasselbe Modell für passend halten, Lust auf dasselbe Spiel haben. In einem solchen Umfeld ist Koexistenz problemlos möglich. Es sind Menschen, die nach dem Motto leben: "Es ist egal, mit welcher Religion, Ideologie, Überzeugung du offen und tolerant bist."

Fragwürdig wird es erst, wenn aus dem 'Fan', der die sportlichen Höhen und Tiefen 'seiner' Mannschaft teilt, der gewaltbereite Hooligan wird, wenn der religiöse Fanatiker, der überzeugte Ideologe, der verbohrte Forscher die absolute Wahrheit für sich beansprucht und beginnt, die Andersdenkenden und Andershandelnden auszuschliessen, zu bekämpfen oder gar zu vernichten. Auch dieses Verhalten ist angstinduziert: der Fanatiker hält Meinungspluralismus nicht aus. Das Nebeneinander individueller 'Wahrheiten' verunsichert ihn zu stark, raubt ihm seine Gewissheit, kratzt an der Tragfähigkeit seines Fundaments und muss deshalb minimal verdrängt, maximal ausgelöscht, getilgt werden.

Diese Form von menschlicher Dummheit ist meines Wissens bislang einmalig auf unserem Planeten. Zumindest ist bis heute kein Tier, keine Pflanze, keine Naturentität bekannt, die vergleichbare Verhaltensweisen zeigen würde. Wenn eine Spezies keine natürlichen Feinde hat und sich ungehemmt vermehrt, dann kann es zu Zerstörung anderer Spezies oder ganzer Pflanzenbestände oder von Gewässern kommen, aber nicht aus angstinduzierter Machtgier dieser, sondern schlicht aus den genannten, nachvollziehbaren Konstellationen. Die Ausrede, dies liege daran, dass Tiere nicht über ein entsprechendes, zur Selbstreflexion fähiges Bewusstsein verfügten, greift zu kurz, denn erstens können wir uns im Zusammenleben mit Tieren jederzeit vom Vorhandensein eines zur Selbstreflexion fähigen Bewusstseins überzeugen und zweitens ist es ja gerade der Mangel an Selbstreflexion, der zu der typisch menschlichen, angstinduzierten Gier nach absoluter Wahrheit, zu Fanatismus und Intoleranz führt. Wer zu Selbstreflexion fähig ist, kann damit leben, dass es Wahrheit im Plural gibt und Richtigkeit nur in Spielen und Modellen. Die gewagte These, über die sich nun trefflich forschen und debattieren lässt, lautet also: Haben die Tiere vielleicht ein adäquateres, besser strukturiertes Bewusstsein als wir? Ein Bewusstsein, das sie vor dieser menschlichen Dummheit der angstinduzierten Machtgier bewahrt?

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