Denk-Aufgabe 1907 vom 12.6.2019

Rassismus ganz nah

Man braucht gar nicht immer gleich islamistische Terroristen zu bemühen, wenn man sich mit Rassismus beschäftigen will. Man kann sich im allernächsten Umfeld umsehen – und wenn man da genug gesehen und hämisch gelacht hat, kann man dann auch noch den eher etwas unangenehmen Blick in den Spiegel wagen. Aber beginnen wir mit dem unterhaltenderen Teil, dem Blick über den Zaun.

maumona_0203as.jpg

Als vor kurzem meine schwarze Schwiegertochter samt meinem Sohnemann und zwei schokoladefarbenen Kids zu Besuch war und wir uns im Garten beim Apéro Geschichten aus Guinea anhörten, liess sich unser – zugegeben eher bildungsferner – Nachbar aus seiner Werkstätte laut und deutlich mit Ausdrücken wie 'dreckige Niggerschlampe' vernehmen. In jüngeren, gewaltbereiteren Jahren hätte das für mich ausgereicht, um die Dienstwaffe zu holen und ihm minimal ein 9mm-Löchlein in eins seiner fetten Stummelbeinchen zu schiessen. Doch die Altersmilde hat mich wohl erreicht und – zumindest in lichten Augenblicken – sogar einer gewissen Empathie Platz gemacht, selbst für Einfachgestrickte dieser Sorte. Denn der Ärmste fühlt sich nicht nur von Andersfarbigen aus fernen Ländern bedroht, sondern sogar von Zuzügern aus einem andern Kaff oder Kanton. Die sollen zurück dorthin, wo sie herkommen, quäkt er aus der Werkstatt heraus, umgeben von mächtigen Baggern und Walzen, die ihm offenbar etwas Sicherheit gewähren.

Ich versuchte mal – und lade euch ein, euch dem Versuch anzuschliessen – , die Welt aus den Augen von jemandem wie ihm anzusehen, jemandem, der keine Fremdsprachen beherrscht, kaum je aus seinem Landkaff herausgekommen ist, Kunden und viele Autos, aber keine Freunde hat, nur eine alternde Mutter, die ihm immer noch ab und zu das Mittagessen in die Werkstatt bringt, einem wenig attraktiven Dauerraucher, dessen Beziehungen kaum je über käufliche hinausreichten. Ist da die Angst vor dem Fremden nicht nachvollziehbar? Und fremd ist einem wie ihm eigentlich alles ausserhalb der Werkstatt. Seine Welt sind die Motoren und Maschinen, da hat er ein Händchen, sie gehorchen ihm, er bringt sie zum Laufen und zum Verstummen. Hier ist er der Meister, der Herrscher. Und da er der einzige ist in seinem Betrieb, hat er die alleinige Kontrolle. Aber sobald ein Wesen atmet und sich selbständig fortbewegt, sich also seiner Kontrolle entziehen kann, ist es ein Feind, eine Gefahr, eine Bedrohung. Damit erklärt sich auch, warum er versucht, mit seinen unzähligen Fahrzeugen Tiere zu überfahren. Täglich fährt er so schnell, wie es ihm seine Maschinen ermöglichen gegen alles, was sich bewegt. Das ist gar nicht Rücksichtslosigkeit, wie ich anfänglich meinte. Es ist die Angst des Unbedarften vor dem Leben. Solange es keine Fernbedienung gibt, mit der man Tiere und andere Menschen steuern, abschalten kann, sind sie für ihn furchteinflössend, eine Gefahr, etwas zu Tilgendes, Auszuradierendes. In seiner grenzenlosen Egozentrik ist alles ausserhalb seines Kontrollbereichs fremd und hassenswert – und damit ist er für mich ein Traumbeispiel für die Illustration des Phänomens 'Rassismus'.

Bis hier ist die Geschichte ziemlich realitätsnah. Jetzt möchte ich sie fiktiv weiterspinnen, um zu zeigen, wie sich die rassistischen Vorurteile dieses in seinem Egopanzer eingesperrten Menschen vielleicht etwas lockern liessen. Nehmen wir an, die aus Guinea stammende Schwiegertochter, nennen wir sie Sita, habe beim ersten Besuch in Unkenntnis des regionalen Dialekts die Beleidigungen durch den Nachbarn nicht verstanden. Nehmen wir weiter an, dass die beiden halbschwarzen Jungs völlig fasziniert waren von den teils riesigen Maschinen, die rund um die Werkstatt wie Ungetüme Wache stehen. Und nehmen wir weiter an, dass sich Sita und die Jungs während der Zeit, da ich mit meinem Sohn im Haus das Mittagessen zubereitete, frohgemut der Werkstatt näherten und die Jungs ihre Mom mit leuchtenden Augen fragten, ob sie nicht auf einen der Bagger steigen dürften. – Ok? Dann lasst uns weiterfabulieren:

werkstatt-bagger_01.jpg

Sita hört Geräusche aus der Werkstatt, klopft an die Tür, setzt ihr strahlendstes Lächeln auf und fragte in ihrem französisch gefärbten Deutsch den Mechaniker, nennen wir ihn Dölf, ob die Jungs auf den grossen gelben Bagger klettern dürfen. Dölf weiss nicht, ob er nicht gleich alle drei mit Schimpf und Schande zum Teufel jagen soll. Doch da kommen die Jungs angerannt, sprudeln einfach los, bestürmen Dölf mit Fragen zu all den Maschinen, interessieren sich für den grossen Motorblock, an dem Dölf gerade arbeitet – und er merkt, dass er den Moment der wütenden Abwehr verpasst hat, dass es bereits zu spät ist, dass ihn diese Strahlefrau und diese Sprudeljungs um den Finger gewickelt haben. Er schüttelt den Kopf über sich selbst und weiss immer noch nicht, ob er sich nicht doch besser ärgern sollte, aber die Jungs haben seinen selbst gebauten Kleintraktor entdeckt und betteln darum, eine Runde mitfahren zu dürfen. Und plötzlich merkt Dölf, dass er eigentlich auch gern eigene Jungs hätte und dass die Niggerschlampe eigentlich gar nicht so fürchterlich aussah und sich auch nicht so benahm, wie er das von einer richtigen Niggerschlampe erwartet hätte. Als sie sich dann noch überaus höflich bei ihm bedankt und fragt, ob sie ihm vielleicht ihren Heckenschneider zum Reparieren bringen dürfe; denn wenn einer den wieder zum Laufen bringe, dann bestimmt er – da schmilzt das Eis ganz weg und der Stumpen fällt ihm fast aus dem Mund, als er sich in einem Lächeln versucht.

Ok, vorläufig alles Fiktion, aber doch nicht völlig undenkbar? Zumindest erhellt die schöne Fortsetzung der Geschichte doch ein wenig, wie der Zuzüger, der Migrant dazu beitragen kann, dass der Abbau der Angst vor dem Fremden und damit der Rückbau des Rassismus auch bei den verstocktesten, den konservativsten Aborigines des sie aufnehmenden Landes, Kantons oder Dorfes gelingen können.

blick-in-den-spiegel.jpg

Blick in den Spiegel gefällig? Wo beginnt bei uns die Ablehnung des Fremden? Wo ziehen wir die Grenze? Vielleicht ist es keine grundsätzliche, keine qualitative Grenze, sondern nur eine quantitative, eine Frage der Nähe, der Dauer, der Intensität und der Menge von Fremdem, dem wir uns auszusetzen bereit sind? Also ein grundsätzliches Ja zum Zuzüger, ob er nun aus dem Nachbarkaff oder vom Mars kommt, aber bitte nicht zu nah, nicht rund um die Uhr, nicht zu laut, zu penetrant und vor allem: nicht zu viele aufs Mal? Und vielleicht fällt uns die Akzeptanz und Integration des Fremden ja auch leichter, wenn der im Gegenzug auch uns akzeptiert, uns in unserem Sosein repektiert und sich um Integration bemüht? Das Anderssein ist ja durchaus auch spannend, Gegensätze ziehen sich bekanntlich an – und manchmal auch aus. Die Frage, die ich mir oft stelle, ist, ob wir uns gegenseitig unsere Andersartigkeit so impertinent demonstrieren, in die Ohren schreien müssen, obes denn nicht ausreichen würde, sie privat, für uns, in unseren vier Wänden oder im Kreise Gleichgesinnter leben zu können. Ich konnte nie und kann immer noch nicht recht nachvollziehen, warum man sein Anderssein über Kleber am Auto, über Plakate, über laute Musik, über Geschrei, über Demos, über Schlägereien oder gar Kriege in die Welt hinausposaunen muss. Woher dieser Drang zum Coming-out? Wenn einer immer am 37. Novembruar des Schaltjahres um Mitternacht einen Kopfstand macht und eine Nacktschnecke über seine Fusssohle kriechen lässt, weil er daran glaubt, dass er dann wieder vier Jahre lang gesund bleibt, ist mir das piepegal und stört mich keine Sekunde, ja ich finde es sogar originell und witzig – aber es interessiert mich auch nicht so brennend, dass man es mir über alle Kanäle um die Ohren schlagen muss. Kann man all seine persönlichen, individuellen Wahrheiten, seine Weltsicht, seine religiösen, ideologischen oder wie auch immer motivierten Fürze nicht einfach erst auf Anfrage bekanntgeben? Reicht denn nicht die wunderschöne Freiheit, privat all seine Spleens leben zu dürfen, solange man andere nicht damit behelligt? – Es ist wohl das uralte Bedürfnis nach Bestätigung: "Schaut, so lebe ich, und ich bin doch ein ganz toller Hirsch, oder etwa nicht? Macht es alle auch so!" mit der ebenso uralten Eskalation des Unsicheren, der die Bestätigung erzwingen will: "Wenn ihr es nicht so macht, wie ich, hau ich euch eins auf die Rübe!"

kreuzzug.jpg

Dabei hätte so unendlich viel Verschiedenheit, soviel Anderssein, soviel Einzigartigkeit nebeneinander Platz? Im Sport geht es doch auch? Oder habt ihr schon mal eine Schlägerei erlebt zwischen Schachspielern und Springreitern, weil die beiden das Pferd in ihrem Sport völlig anders einsetzen? Der Konflikt, der sich aus der dem Rassismus zugrundeliegenden Angst vor dem Fremden ergibt, wird erst virulent, wenn wir übergriffig werden, wenn wir dem Fremden die Existenzberechtigung absprechen, wenn die Angst so gross ist, dass wir glauben, das Angstauslösende Fremde müsse vernichtet werden. Bei mir war dies für einen kurzen Augenblick der Fall, als ich den Nachbarn 'dreckige Niggerschlampe' sagen hörte. Da fand ich sein Anderssein so abstossend, dass ich ihm liebend gern die Chance auf eine weitere Benutzung seiner Sprechwerkzeuge verunmöglicht hätte, wenn nötig auch mit etwas beschleunigtem Blei. Da war ich Rassist, hasste den mir in diesem Augenblick zutiefst fremden Fremdenhasser. Natürlich stellt sich hier die Frage, wie tolerant man mit den Intoleranten sein will. Manchmal braucht es vielleicht nur ein wenig Geduld und ein paar Bemühungen der Integrationswilligen, wie in meiner fiktiven Geschichte, um den Panzer des Hasses auf das Fremde zu durchbrechen. Wäre die Geschichte wie oben geträumt weitergegangen, hätte Sita den Fremdenhass Dölfs tatsächlich zum Schmelzen gebracht, wäre ja auch mein Hass auf ihn verflogen. Es muss ja nicht gleich zur Verbrüderung führen, sich gegenseitig leben lassen, die Andersartigkeit des andern akzeptieren, solange er sie uns nicht ständig unter die Nase reibt, wäre ja schon ausreichend.

Ich bin gespannt auf eure Geschichten und höre sie mir gerne an. Für mein Teil habe ich beschlossen, meinen Sohn samt Sita und Kids immer wieder einzuladen. Vielleicht geschieht ja irgendwann mal sowas wie die erträumte Fortsetzung der Story? Und als ersten Schritt zur Therapie meines eigenen Nachbarhasses hab ich schon mal die Patronen aus dem Magazin genommen. Ist doch schon was, oder nicht? Sollte er allerdings eins meiner Tiere anfahren…

sig-sauer-p225-p6-pistolenmagazin.jpgberetta-pistolen-magazin.jpg

 

Auf euer Feedback freut sich: info@marpa.ch