Denk-Aufgabe 1909 vom 12.7.2019

 

K.O.-Tropfen für die Meinungsäusserungsfreiheit?


Offener Spottbrief an die selbsternannte Mutter Courage

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Wer wäre kompetenter zur Verabreichung von K.O.-Tropfen als 'pretty woman' Jolidula, die den Spiess nun umdreht und alle einklagt, die 'Hate' verbreiten im Netz der Netze. Denn sie weiss als Stellvertreterin der Göttin auf Erden genau, was 'Hate' ist und was nicht. Deutungshoheit, das wissen wir spätestens seit Michel Foucault, war doch schon immer das Ziel aller MachtstreberInnen. Hat nicht auch Adolf der Welt kundgetan, was 'wertes' und was 'unwertes' Leben ist? Wieso soll dann nicht die grosse Jolidula der Welt mitteilen können, was 'werte' und was 'unwerte' Meinungsäusserungen sind? Und so ein bisschen Englisch verstehen doch alle, auch die selbsternannte Mutter Courage, die allerdings nicht viel Courage braucht, um ihr Netzstrumpfvereinli am Laufen zu halten. Gefühlsgetriebene feministische Kriegsführung war noch nie so 'in', ja 'hype' wie heute. Und hat sie nicht in der guten alten STASI – ach, wer sehnte sich nicht nach dieser ordnenden Kraft zurück! – ein tüchtiges Vorbild? – Die eifrigen Hilfskräfte in der leider allzufrüh verblichenen DDR kriegten zwar ein Staatsgehalt, wo sich die umtriebige Jolidula noch begnügen muss mit Krautfunding (ich glaube, das ist, wenn man im Kraut – oder Unkraut? – Nötli gefunden hat?). Aber was nicht ist, kann ja noch werden: Helvetia muss doch einfach wissen, wer am Stammtisch oder im Netzli sich unziemlich über ihre "Ju!-soo!"-breiten Hüften oder ihr nach dem ewigen Stehen auf dem Zweifränkler etwas stumpf gewordenes Hirni äussert. Das sollte ihr doch was wert sein, oder nicht?

Wir Sprachfritzen würden ihr gern bei der Jagd helfen und ich habe schon vier Supportbereiche zusammengestellt, so nach dem neulateinischen Motto: Learn more…, weil ich sie – ich gebe es beschämt zu –trotz ihrer Schwammbäckchen einfach zuckersüss und nur ein ganz klein wenig doof finde.

Das erste learn more wäre die kleine, aber für die unter Helvetias Mantel grosszügig garantierte Meinungsäusserungsfreiheit wichtige Unterscheidung zwischen der rein persönlichen Meinung "Ich finde sie doof" und der mit absolutem Gültigkeitsanspruch dahertrampelnden Behauptung "Sie IST doof". Da ist eben nur das zweite frech und dumm.

Die zweite Lektion wäre dann alles rund um die  und die für die Generation Opfer vielleicht manchmal etwas anspruchsvolle Erkennbarkeit von Karikaturen, Witzen, Kolumnen, Glossen, Satiren – wenn kein  dabei steht.

Die erzürnten Hate-Speech-Jäger in Paris hatten damit ja auch Mühe, weil Charlie Hebdo einfach keine  auf dem Cover hatte und – naja, vielleicht auch, weil die tollbärtigen Jägersmänner 'journal irresponsable' und 'humour' weder im aktiven noch im passiven Wortschatz hatten. Aber Jolidula hatte bestimmt auch mal ein bisschen Frühfranzösisch, oder?

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In der dritten Stunde würden wir dann more learnen über Fluch und Segen der 'personnes publiques'Man gehört zwar gern zur Cervelat-Prominenz und wird vielleicht zur Jahresfeier des Turnvereins mit der Laienspielgruppe vom Kantonsrat eingeladen, aber auf der andern Seite interessiert sich das Quartierblettli nun auch dafür, wie viele Blusenknöpfe man bei der Kranzniederlegung für den verblichenen Dorfpopen offenstehen hatte. Und das nächste ist dann eine Karikatur in der Fasnachtszeitung – wobei man das als Ehre verstehen sollte: Wer karikiert wird, hat es geschafft, hat die legendäre helvetische Cervelathaut abgestreift und ist zu den wahren Promis aufgestiegen.

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Am letzten Chinzgi-Morgen käme etwas trockene Staatskunde, wobei wir nur den Konnex zwischen Staatsform und Meinungsäusserungsfreiheit thematisieren würden: Je mehr demokratischer Rechtsstaat mit garantierten Freiheitsrechten, desto freier die Rede und Schreibe. Dazu Beispiele, die Jolidulas zarte Seele vielleicht schockieren könnten wie Michael Moores Filme über Präsident Bush den Dümmeren, mein Lieblingsfilm 'The Life of Bryan' von Monty Python, natürlich ein paar Ausgaben von Charlie Hebdo und vielleicht eine Sendung von Jan Böhmermann. Und dann als hübschen Kontrast die etwas eingeschränktere Freiheit, seiner Lebensfreude Ausdruck zu verleihen zu können unter all den Adolfs, Stalins, Maos, Honeckers, Putins, Erdogans, Kim Jong Uno-Due-Tres, Xis und wie die Diktatörlis alle heissen. Und die Examens- nein: Gretchenfrage an die Solo-Elevin lautete dann zum Schluss: "Wohin zieht es dich und deinen Don Quijoteschen Netzjägerclub, Jolidula? Eher a bisserl hinab, oder doch lieber a bisserl hinan, wohin das ewig Weibliche zumindest laut Goethe uns doch ziehen sollte?" - Ach ja, diese Glosse würden wir in der zweiten Stunde natürlich auch behandeln. Du kannst mich natürlich trotzdem noch vor Gericht zerren, dann werde ich vielleicht auch endlich ein helvetischer Wurst-Promi, jipii!

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Und die Denk-Aufgabe für das verehrte, elitäre Kleinheer der Denk-Freudigen? Liegt auf der Hand - oder im Glas: Wie hast du's mit der Meinungsäusserungsfreiheit? Mein Vorbild - nur diesbezüglich - bleibt Voltaire, der zu einem Widersacher, der keifend gegen ihn vom Leder zog, gesagt haben soll: "Ich halte es für Schwachsinn, was Sie sagen. Aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie es sagen dürfen."

Wobei ich zugegebenermassen auch Freude am Sätzchen habe, dass Churchill zu einer erbosten, ihn beschimpfenden Dame gesagt haben soll (es passt auch so schön zum Bild der KO-Tröpfchen und Jolidulas Hetzjagd auf Hetzer). Die Hasserfüllte: "Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihnen Gift in den Tee mischen!"- Churchill erwiderte ruhig: "Und wenn Sie meine Frau wären..." - er schaute sie genauer an - " würde ich ihn trinken."

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