Denk-Aufgabe 1913 vom 21.12.2019

 

Die Diskriminierungs-JägerInnen

ein Beitrag zur Serie der 'Lieblingszeitgenossen'

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Ach, ich liebe sie – ja, es ist mein Coming-Out! – ich liebe sie über alles, die Entrüsteten, Empörten, die Wutbürger, die Fundis, die 'Kleinwülferode den Kleinwülferodern'-Skandierenden, die Klima-Paniker, die Gelb-, Rot- oder Grünwesten, ich liebe aber auch die Dauerbeleidigten, Frühverletzten, Stetsmissbrauchten, spätesten ab der Pubertät Langzeit-Traumatisierten, Gemobbten, die immerbleichen Immeropfer, die am abenteuerlosen Wohlfahrtsstaat Verfetteten, innen Verödeten, die professionellen Jammerlappen und natürlich die titelgebenden Diskriminierungs-JägerInnen, und zutiefst liebe ich auch die lieben MitmenschInnen, die sich schon von der Länge dieses ersten Satzes in verletzender Weise an ihre Bildungsferne erinnert fühlen. Darum kommet zu mir und sehet, die ihr mühselig und beladen seid: schon der zweite ist kürzer!

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Ich bete zuversichtlich, dass alle Genannten weiterhin im vor uns liegenden Terrarium herumwuseln, auf dass uns, den vielgeprüften Satirikern, Glossenschreibern und Kabarettisten, der Stoff nie ausgehen möge.

Denn – jeder Junky weiss es – nichts ist schlimmer als on turkey, auf Entzug, ohne Stoff zu sein. Die Aufgezählten plus ein paar Diktatörlis und andere Mörderlis sind unser Stoff, der uns in Fahrt bringt, uns genau dieses unanständige Lächeln ins Gesicht zaubert, das ich als jugendfroh-naiver Radiohilfsredaktor erstmals sah, als der Ticker zu nachtschlafener Stunde die Meldung von einem Flugzeugabsturz ausspuckte.
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Ich rannte sofort zum diensthabenden News-Redaktor – und er strahlte in Erwartung eines karriereförderlichen 'Primeurs', als ich ihm entsetzt zurief, ein Jumbo mit über 200 Passagieren sei ins Meer gestürzt. Und dann sah ich das Strahlen langsam verglimmen, als er die Meldung überflog und erkennen musste, dass keine Schweizer, ja nicht einmal Europäer umgekommen waren, dass es sich nur um – na ja, er brachte es dann unter 'ferner liefen' ganz am Ende der 23-Uhr-Nachrichten.

Aber dieses 'Du-hast-den-Jackpot-geknackt-Glücksstrahlen', das er am Anfang drauf hatte, als ich ihm entgegen schrie: "Ein Jumbo abgestürzt!" ist mir – im doppelten Sinne – geblieben. Nicht nur in Erinnerung, sondern als eigene Reaktion auf die oben unvollständig aufgezählten 'Lieblingszeitgenossen'. Je schlimmer, desto schöner!

'Only bad news are good news' – eine banale Weisheit, seit sich die Neandertaler die Keulen über die Rübe hauen. Testen Sie es, rufen Sie beim Blick an und sagen sie, ein Palästinenser hätte eine Israelin geheiratet. Sie hören nur ein 'Klick' - aufgelegt. Dann rufen Sie nochmals an und sagen, ein Palästinenser habe eine Israelin erschossen. Der andere hört zumindest zu. Noch besser ist es, wenn Sie die Nachricht umdrehen und sagen, ein Israeli habe eine Palästinenserin erschossen, dann bringt sie auch der Tagi und SRF. Denn die Israeli sind die Bösen, weil sie die letzten sieben Kriege gewonnen haben. Und die Palästinenser, nein alle Araber, sind die Lieben, weil sie verloren haben. So einfach ist das. Kriege darf man nicht gewinnen, wenn man bei den Medien beliebt sein will. – Könnte es vielleicht sein, dass die verfetteten Alt-68er und deren nannystate-verwöhnte Windelträgerkindli vergessen haben, dass sie wohl kaum auf der Welt wären, wenn die bösen Alliierten den zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hätten?
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Auch das Feuilleton lechzt nach all den Aufgezählten, den Geschundenen mit grauslicher Vorgeschichte bis ins x-te Glied, den Nullbock-Suizidalen, die kurz vor ihrem Exitus noch als letzten pathetischen Rülpser ihr Missfallen an der Welt zu Papier kotzen – daraus werden Bestseller geformt, liebe Freunde, drum hört endlich auf zu lachen und euch zu freuen, sonst bringt ihr es nie zu was!

Soviel Einleitung war nötig, damit Sie meine überquellende Freude darüber nachvollziehen können, dass das Zürcher Café Mohrenkopf auf behördliche Anweisung umbenannt werden muss, wie der brillante NZZ-Journalist Urs Bühler am 19.12.19 unter Hinweis auf die Gefährdung von Weihnachtsgebäckbezeichnungen wie 'Meitschibein' und 'Totebeinli' berichtete. Das 'Komitee gegen rassistische Süssigkeiten' hatte offenbar schon länger dazu aufgerufen, die Patisserie zu dekolonialisieren. – Sehen Sie mich leuchten? Endlich mal Leute, die die echten Probleme der Menschheit anpacken!
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Dabei war doch das antirassistische, friedlich Aussöhnende am Mohrenkopf, dass er aussen wunderschön schoggi-schwarz und innen eklig klebrig-weiss war. Nun, Bühler bewirbt sich um das Café und macht Namensvorschläge, zum Beispiel 'Kafi Kopf': knackig, geschlechts- und farbneutral – und ressourcenschonend, da man in den Unterlagen und der Werbung ja nur das 'Mohren-' streichen müsse.

Nun hat aber die zürcherische Verteufelung des Mohrenkopfs einen wahren Tsunami ausgelöst. Besorgte DiskriminierungsjägerInnen verlangen die sofortige Änderung des Avencher Gemeindewappens. Es zeigt nämlich – kaum zu glauben – einen Mohren!
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Auch Schiller muss umgeschrieben werden. Ab sofort muss es heissen: 'Der Afrikaner hat seine Schuldigkeit getan. Der Afrikaner kann gehen' – auch wenn das den Sprachfluss etwas versaut. 'Mohr' geht übrigens auf 'Mauren', auf die Bewohner des nordwestafrikanischen Staates Mauretanien zurück und ist so gesehen eine reine Herkunftsbezeichnung wie Afroamerikaner und enthält keinen Hinweis auf die Hautfarbe. – Aber wahrscheinlich fehlt mir einfach das Diskriminierungserlebnis-Gen, das Gefühl für die stigmatisierende Wirkung einer Buchstabensuppengruppe – ich verlange sofort ein Careteam, das mir über diese traurige Erkenntnis des Nicht-Dazu-Gehörens hinweghilft!

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Denn alle andern scheinen es zu haben, dieses Gen! Aus dem tiefen Emmental werden Stimmen traumatisierter Talbewohner laut, die durch die ständige Gleichsetzung mit dem legendären Lochkäse offenbar selbst löchrig und käsig geworden sind und deshalb vermehrt gezwungen seien, als Staatsangestellte zu arbeiten.
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Greyerzerfrauen beklagen sich, dass sie ständig für 'räss' gehalten und nach ihrer Reifedauer gefragt würden.

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Glarnerinnen wollen nicht länger als hellgrünstinkige, schäbige Schabzigerstöckli verhöhnt werden.

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Enragierte Waadtländerinnen verlangen eine Umbenennung der legendären saucisson vaudoise wegen der völlig verfehlten Assoziationen, die die typischen dicken Fettklösschen auslösten.
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Und Zürcher wollen fortan alles sein, nur nicht mehr 'geschnetzelte Kälber'.

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Die berühmten Basler Läckerli werden umgetauft auf den unverfänglichen Besitzernamen Blocherli, weil immer wieder Männer ins 'Läckerli-Huus' stürmten, die es mit einem Etablissement verwechseln, in dem man an Baslerinnen lecken könne.

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Appenzeller verlangen eine neue Bezeichnung für den berühmten Alpenbitter, da sie weder richtige Alpen hätten noch bitter seien – im Gegenteil!

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Eglisauerinnen stossen sich an der Weinbezeichnung 'Eglisauer Beerli', mit der sie sich gemeint und veräppelt fühlten, da der Tropfen als ziemlich säuerlich gilt und sie schon genug zu kämpfen hätten mit dem Fisch und der Sau im Gemeindenamen.

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Auch die veganen Bernerinnen wehren sich gegen die 'Berner Platte', die fast nur aus fetten Fleischbrocken besteht – alles, was sie selber nie sein wollen!

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Den Solothurnerinnen klingt die kantonale Spezialität 'Funggi' sexistisch...

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...die Nidwaldnerinnen fühlen sich von Ausserkantonalen als Toren verlacht wegen ihrer 'Ofentori'...

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...und sogar die Walliser wollen ihrem Gemüsekuchen 'Cholera' aus touristischen Gründen einen neuen Namen verpassen.

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Die Bewegung hat aber längst aufs Ausland übergegriffen. Wiener wollen nicht mehr mit Wienerli in Verbindung gebracht werden, wo es doch in ganz Wien kaum ähnlich schlanke Figuren gebe. Desgleichen die Frankfurter.
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Auch die Berliner wehren sich. Sie seien ja vielleicht etwas trocken, aber ein klebrig-süss mundendes Innenleben habe ihnen noch nie jemand vorgeworfen.

Dass die Pariser die bei uns nach ihnen benannten Verhüterli selbst 'capote anglaise' nennen und damit den Schwarzen Peter einfach ein Land weitergegeben haben, ist allerdings nicht neu.
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Wo haben die Französinnen ihre Kehle???
Wie verklemmt die vermeintlichen Weltmeister in Sachen Liebe sind, lässt sich unschwer an ihrer Bezeichnung für Büstenhalter erkennen. Auch wenn Frauen sicher stolz sind, wenn ihr Busen näher bei der Kehle als bei den Knien zu verorten ist, so ist 'soutien-gorge', wörtlich: 'Unterstützer-(der)-Kehle' doch wohl ein kleiner sprachlicher Missgriff, oder nicht?

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Erdogan hingegen wehrt sich zu Recht gegen den 'Türkenhonig', wo es doch für Kurden und andere Nichtmuslime keineswegs ein Honigschlecken sei in seinem Land. Wo er recht hat, hat er recht!

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Zum Dessert noch eine wunderschöne, wirklich liebenswerte Meldung aus Schweden. Wer sich in dem Land der schönen Blondinen vor Aufregung in den Finger schneidet, darf kein hautfarbenes Pflaster verlangen, da dies ja bedeuten würde, dass die Farbe eines Hellhäutigen gemeint ist und sich die dunkleren Typen, also auch die Schweden nach dem Sommerurlaub, diskriminiert fühlen könnten – nein müssten!

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Dass in den Zürcher Trams die grauslichen Kleber 'Schwarz fahren – unfair' längst entfernt wurden, versteht sich von selbst. Ob auch schwarz Gekleidete sich ausgegrenzt fühlten durch diesen behördlich sanktionierten Rassismus, ist nicht bekannt. Dass aber in Politkreisen immer noch von Schwarzarbeit gesprochen wird und die bösen, alles Licht verschluckenden Monster im Universum schamlos weiterhin als 'schwarze Löcher' bezeichnet werden, ist allerdings Grund zu grosser Entrüstung, zu der ich Sie ganz herzlich einlade.

Nun, liebe sich über den Buchstaben-Aufruhr Mitfreuende – bitte helft mit bei diesem hehren, echten und überlebenswichtigen Kampf der genderbewegten Jägerinnen auf dem Pfad der Dekolonialisierung, Entschlackung und Säuberung unserer immer noch so gruseligen Sprache, auch wenn wir wissen, dass wir damit den Schmutz noch lange nicht aus den Gedanken, den Herzen und vor allem den Lenden der Bösen getilgt haben, die nach wie vor garantiert Übelstes denken, wenn sie sich ein 'hufeisenförmig gebogenes, regionales Hefegebäck mit Nussfüllung' munden lassen.
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Ach, lassen Sie uns doch gemeinsam verzweifeln an der Schlechtigkeit der Welt, vor allem der Männer. Vielleicht schaffen wir es – posthum – ins Feuilleton damit?

 

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