Denk-Aufgabe 20-10 vom 30.11.2020

 

Mission impossible?


Die meisten Menschen schaffen sich ihren Stress selbst, indem sie sich dauernd im Widerspruch verheddern, der entsteht, wenn sie einerseits alles tun, um die totale Kontrolle zu ergattern, die absolut garantierte Sicherheit, dass nichts, aber auch gar nichts geschieht – und sich dabei so grauenhaft langweilen, dass sie gleichzeitig alles tun, um Abenteuer zu erleben, die sich wesensgemäss dadurch auszeichnen, dass ihr Ausgang unsicher ist, dass sie sich der totalen Kontrolle entziehen, dass die Unvorhersehbarkeit Spannung erzeugt, dass man für das Gelingen, den glücklichen Ausgang kämpfen muss, dass nichts, nicht einmal das Überleben garantiert ist – Zustände also, die verwirrend, verunsichernd, aber auch höchst anregend, erregend, faszinierend und mit Adrenalinschüben verbunden sind. Solange die Abenteuer losgelöst, in völlig vom langweiligen Kontroll-Leben getrennten Bereichen stattfinden, kann die Balance durchaus gelingen: möglichst totale Kontrolle, Sicherheit und Vorhersehbarkeit im Beruf, atemberaubende Abenteuer im Sport, zum Beispiel beim Fliegen in Wingsuits, beim Extremklettern oder Atlantiküberquerungen allein im Segelboot. – Oder umgekehrt: biederstes, kontrolliertes, vorhersehbares Privatleben – und high risk im Business. All das kann unter Eustress abgebucht werden.

Dysstress entsteht erst, wenn die beiden sich widersprechenden Ziele im selben Bereich gesucht werden. Und genau dies ist beim alltäglichsten, banalsten und weltweit von am meisten Menschen gelebten Bereich nicht nur häufig, sondern sogar der Normalfall: bei engen zwischenmenschlichen Beziehungen. Natürlich trägt der ordinärste Grund für Nähe, der Sexualtrieb, emsig dazu bei, dass trotz seit Tausenden von Jahren milliardenfach belegtem Misslingen diese legendäre mission impossible mit grosser Wahrscheinlichkeit von jedem Zweibeiner immer wieder gestartet wird: totale Kontrolle, Sicherheit und Vorhersehbarkeit und gleichzeitig heisses, lebenslänglich anhaltendes Abenteuer. Auch mit dem IQ einer Plastiktopfpflanze ist unschwer erkennbar, dass diese mission selbst dem guten alten Scientologen Tom Cruise nicht gelingt – trotzdem wird weltweit täglich munter und millionenfach geheiratet, werden Partnerschaften mit inbrünstigen Versprechen besiegelt, die kaum den Versand der Anzeigen überstehen.

Dabei ist das Scheitern so sicher wie der Tod alles Lebendigen. Das Scheitern hat gar nichts mit den konkreten Protagonisten zu tun. Es ist genuin, liegt im Fehlkonzept, in der Unvereinbarkeit der beiden Ziele. Bei den Ehen und Partnerschaften, die nach aussen hin als 'lebenslänglich funktionierend' belobigt werden, ist in der Regel der Wunsch nach Abenteuer, Unvorhersehbarkeit, Risiko, Herausforderung längst verblasst und einer mehr oder weniger abgeklärten Akzeptanz des zwar langweilig-vorhersehbaren, aber dafür verlässlichen Nebeneinanders gewichen. Dabei hilft natürlich auch das Nachlassen des erwähnten ordinärsten Grundes für das Suchen abenteuerlicher Nähe im fortschreitenden Alter. Die Oldies sind gottlob meist zu fett, zu faul, zu desillusioniert, um noch alles zu packen, was nicht bei 3 auf dem Baum ist – und geben sich zufrieden mit der zwar bis zur letzten Regung vorhersehbaren Alten, die aber leidlich kocht. Und umgekehrt.
Mein Forschungsinteresse geht nun dahin, ob es sich bei sehr engen Beziehungen zu Nichtmenschen anders verhalte – und tatsächlich zeigen zumindest meine bescheidenen Experimente, dass bei engen Beziehungen zu Tieren, Pflanzen, Dingen, ja auch Sammelbegriffen wie 'Bergen', 'Gewässern' oder der ganzen Natur die vermeintliche 'mission impossible' gelingen kann. Und meine Nachfragen bei anderen tier- bzw. naturaffinen Menschen hat diese These bislang mehrfach bestätigt. Enge Beziehung mit Tieren birgt sehr häufig eine harmonische Mischung von Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit, von Kontrolle und Überraschung, von courant-normal und Abenteuer. Desgleichen die Beziehung von Alpinisten zum Berg, von Seglern zum Wasser, von Astronomen zum Universum, von Atomphysikern zu den Urgründen dessen, was möglicherweise die Welt im Innersten zusammenhält.

Was ist der Grund für diesen Unterschied? Könnte es in der Abwesenheit des erwähnten ordinärsten aller Nähebedürfnisse liegen, dass Sex keine Rolle spielt in der innigen Beziehung der Geigerin zu ihrer Geige, der Vernarrtheit des Rösselers in seine Equiden, der Verehrung archaischer Kulturen für ihre Bäume? Dies obwohl Väterchen Freud und seine Nachfahren, deren Horizont nie über die Libido hinausreichte, natürlich in allem und jedem ein sexuelles Motiv vermuten und dabei mehr über sich als über den Untersuchungsgegenstand verraten.

Oder, zweite Begründungsoption, liegt es daran, dass der Mensch ein derart missratenes Produkt der Evolution ist, dass es höchstens einen verträgt in einer nachhaltigen Beziehung? Für diese These spricht, dass es mit zunehmender Masse von Menschen meist direkt proportional übler wird mit der erspriesslichen Funktionalität von Beziehungen. Ein Mensch mit hundert Tieren, tausend Pflanzen, Millionen von Sternen – kein Problem. Aber menschliche Kollektive ballen sich sofort zu Hassbündeln zusammen, die nun sogar nach zwei Seiten mit Missgunst, Neid, Eifersucht und Machtanspruch jegliche enge Beziehung im Innern wie vom Kollektiv nach aussen scheitern lassen. Je grösser das Kollektiv, je gefährlicher sein Wirken und die Unmöglichkeit nachhaltiger enger Beziehungen, von einer Balance zwischen Verlässlichkeit und Abenteuer ganz zu schweigen. Wenn es in der Tier- und Pflanzenwelt ähnliche Verdrängungs- und Machtkampfszenarien gibt, dann regelmässig nur dort, wo der Mensch das natürliche Gleichgewicht bereits nachhaltig zerstört hat. Ohne Mensch kam und kommt die Natur ganz gut zurecht, etwas vereinfacht nach dem Motto: 'Die Grossen fressen die Kleinen, von denen es aber vielmehr gibt, sodass keine Spezies ausstirbt.'

Aufgrund des selbstverständlich vorläufigen und relativen Standes meiner Forschungen pflege ich zu Menschen mit Vorliebe und Genuss herrlich distanzierte Beziehungen, die dank des Abstands durchaus erspriesslich sind, und daneben sehr enge Beziehungen zu Tieren, Pflanzen, Sternen – der ganzen Natur. Aus der Beobachterposition ist es durchaus anregend, ab und zu einen Blick auf die sich quallenartig verändernden menschlichen Hass-Kollektive zu werfen, die sich nach innen und aussen mit Gesinnungsgift und Tugendgalle bespucken – und wenn das nicht reicht, sich gegenseitig mit dem altbewährten Rausekeln, Ächten, mit Bann belegen das Dasein vermiesen, und wenn das immer noch nicht reicht, sich wie in guten alten Zeiten mit Feuer und Schwert nach Väterchen Stalins Motto bekämpfen: 'Lebender Mann – Problem. Toter Mann – kein Problem.' Wenn du in dem Motto 'Mann' präzisierst und 'weisser, alter Heteromann' einsetzt, bist du sogar ganz in der Gegenwart angelangt, in der – nun sage einer, das sei nicht amüsant – mit einem noch nie dagewesenen, beeindruckend pauschalen Rassismus, neben dem der widerliche Adolf wie ein Chorknabe wirkt, die Milliarden angeblicher Rassisten, eben alle 'weissen Heteromänner' weltweit, im Namen des Antirassismus bekämpft werden und die einzig wirklich brauchbare Rasse, nämlich alle nichtweissen Männer und sämtliche Nichtmänner, promoviert wird, vorläufig vor allem mit Feuer, aber die Schwerter sind bereits gezogen.

Tja, wenn ich Zeus beraten dürfte, würde ich ihn fragen, ob er nicht doch mal kurz einen Augenschein nehmen und gewisse Updates vornehmen möchte?