Denk-Aufgabe 20-11 vom 24.12.2020


Weihnacht in Karkassien

Grölze und Pfnorche kämpfen um Vorherrschaft in Karkassien.
Seit Äonen woget wild das Schlachtengetümmel.
Krallen die Grölze sich fest an die Macht mit klirrenden Gliedern,
brennen die feurigen Pfnorche sich wieder ans Ruder zurück.
Erst als nichts mehr wächst erkennen die Grölze und Pfnorche:
nichts ist übriggeblieben zu munterem Schalten und Walten,
ausgestorben die kreuchende, fleuchende, sirrende Brut, die
reizvolle Macht über Nacht ihrer Masse verlustig gegangen. Doch
da war es längst schon zu spät. Karkassien öde und leer. Mit
lautem Geschepper vergrölzten metallisch gröhlend die Grölze und
grauslich in giftigem Gasblitz verpfnorchten die pfnuchsenden Pfnorche.

Lang aber dauert es nicht, die ersten Pflanzen und Tiere
schauen munter heraus aus zerklüfteten Spalten, aus Höhlen,
Löchern, Gräben und Pfützen – in atemberaubender Schnelle er-
grünt und erblüht Karkassien zu neuem Leben in allen
Farben und Formen, vielgestaltiges Zwitschern, Singen und
Pfeifen, Blöken, Muhen, Wiehern, Bellen, Trompeten,
Maunzen, Scharren, Flügelschlag, Hufgetrappel, Sirren und
Sausen, Wind- und Wellengebraus erfüllt nun die Luft.

Lange Äonen erfreut Karkassien lebendiges Gleichgewicht,
keines der Tiere ist machtbesessen und gierig auf Herrschaft,
keines vermehrt sich grenzenlos, keine der Pflanzen wuchert
wild über alles hinweg, kein noch so gewaltiger Berg er-
drückt alle Wiesen und keines der Meere ertränkt alle Frucht.

Alles scheint nun durchdrungen, durchwirkt vom kosmischen Wissen, dass
alles mit allem verbunden, vernetzt und verquickt, dass all diese
Vielfalt, der Reichtum an Farben und Formen, an Seiendem letztlich der-
selben Quelle entspringt, der Sehnsucht nach Sein, nach wieder-
kehrendem Auftritt und Ausdruck vom kleinsten Quark bis zu Milchstrassen,
Gross-Galaxien im All, ohne 'höher' und 'besser' und 'mächtiger',
'wichtiger', ganz ohne Könige, Kronen der Schöpfung, Zentren der
Nabelschau, einfach ein staunendes Miteinander verschiedenster,
ungleicher, einzigartiger Wesen im Wechsel des Lichts.

Niemand im Land spricht verächtlich vom selbst gezimmerten Thron aus von
'Umwelt', von marginal zu Füssen des Herrschers liegender
'Drumherumwelt', zu dienen dem einzigen, wichtigen, eitlen, sich
wertvoller, höher wähnenden Super-Geschöpf, denn alles ist
Mitwelt, ist Schöpfung, ist Sinn, ist Bedeutung, Begegnung voll Freude und
Staunen: gleichauf, nicht nach unten, nach oben, respektvoll Auge in
Aug' . – Karkassien erblüht und niemand vermisst die Grölze und
Pfnorche, bis eines Tages ein zweibeinig Wesen sein wildum-
locktes Haupt aus dem Blätterwerk streckt und wissend um das, was die
andern längst wussten, mit inneren Bildern und Zeichen diese Ge-
schichte Karkassiens erzählt, den Bäumen und Bächen, den Tieren und
Steinen, dem Wind und den Wolken; und grosses Gelächter erschallt in den
Wäldern und Meeren – endlich, so seufzt nun die Welt in dem Lachen,
endlich erkennt auch ein Menschlein, was jedes Atom, jede Zelle seit
Urzeiten wissen. Willkommen im Kreise des Lebens, mein Kleines, nenns
Einsicht, Verstehen, nenns Glück, nenn es Weihnachten, nenns, wie du willst: wir
feiern und nehmen dich liebevoll auf in unsere Mitte.

Ich freue mich auf Feedbacks und gebe auch gerne Tipps zum Lesen von Hexametern, meinem Lieblingsversmass, seit wir als junge Wichte die halbe Odyssee auswendig lernen mussten...