Denk-Aufgabe 203

 

Das Beste im Leben sind die Katastrophen'

Vielleicht etwas provokativ, aber zynisch ist das nicht gemeint. Gesagt hat es der deutsche Psychotherapeut und Buchautor Thorwald Dethlefsen. Sucht man die ursprüngliche Bedeutung des altgriechischen Begriffs, verliert die für heutige Ohren mit üblen Bildern von Terrorattacken, Flugzeugabstürzen und Erdbeben behaftete 'Katastrophe' Schrecken und Schärfe. Eigentlich ist es schlicht der Wendepunkt, der Umkehrpunkt am Ende der Strophe. Von einer negativen Wertung keine Spur. Später bezeichnete die Katastrophe im griechischen Drama die Wendung hin zum (tragischen) Ende - und hier produzierte dann sukzessive die abendländisch-christliche moralinsaure Sichtweise eine einseitig ablehnende Bewertung des an sich wertfreien Begriffs 'Katastrophe' - eines von vielen Beispielen für den vielleicht verhängnisvollsten Prozess im Weltverständnis der letzten 2000 Jahre: Wertung und Bewertung in alles und jedes hineinzupumpen, auch und gerade in Begriffe, die eigentlich wertfrei waren. Ein anderes Beispiel ist das christliche Missverständnis des Begriffs 'Sünde', der ursprünglich weder mit 'Bösen Onkelz' noch mit pfadihaft guten Taten irgendetwas zu tun hatte. Sünde meint schlicht 'sondern', 'absondern' und beschreibt völlig wertfrei den normalsten Vorgang der Welt: das sich Ablösen des Kindes von den Eltern, des 'Sohnes' vom 'Vater', des Menschen von Gott. - Okay, jetzt wird's dem einen oder andern zu theologisch. Es ging ja nur darum, den abstrakten Vorgang zu beschreiben, wie einem Begriff aus mannigfaltigsten Gründen eine Wertung injiziert wird, die ursprünglich nicht drin war. Wer's lieber etwas weltlicher hat, nehme Begriffe wie 'bürgerlich' oder 'Weib'.

Zurück zu den belobhudelten Katastrophen. Die Titelaussage ist natürlich genau so bewertend und damit fragwürdig wie ihr Gegenpol, dass nämlich Katastrophen mit allen Mitteln zu vermeiden seien. Sie will aufschrecken und den Fokus darauf richten, dass jeder Katastrophe etwas abzugewinnen ist. Und dass sowohl im individuellen wie im überindividuellen Bereich bei intensivem Bemühen Sinn entdeckt werden kann in diesen Wendepunkten, die zwar meistens für den bzw. die Betroffenen zuerst einmal als zur Unzeit kommend, als zu stark, zu gross, zu heftig, zu erschütternd empfunden werden. Dass aber früher oder später die Einsicht folgt - folgen kann - dass die unfreiwillige Wende in eine vorerst nicht gewählte Richtung heilsam, stimmig, in einem grösseren Sinne richtig war als das angenehm-munter-bequeme Weitersausen auf der eingeschlagenen Bahn. Und dass - aus der nötigen Distanz betrachtet - die Katastrophen im eigenen Leben letztlich eben doch das Wichtigste sind, weil sie Reifungsprozesse, manchmal gar Reifungs-Sprünge auslösen können. Bei den Katastrophen nationalen oder globalen Ausmasses sind es meist erst die Epigonen, Historiker späterer Jahrhunderte, die sich auf Sinnsuche machen und nicht nur fündig werden, sondern auch mit einer gewissen Akzeptanz rechnen können.

Bis hierher wird der eine oder andere noch nicken und brummeln 'Na, soo neu sind diese Gedanken nun aber auch nicht' (was ich auch nie behauptet habe). Wenden wir nun aber diese theoretischen Erkenntnisse in unserem praktischen, überblickbaren Erlebnisbereich an, wird's kritischer. Beim katastrophalen Misserfolg irgendeines missliebigen Konkurrenten, der sich in ein völlig anderes, uns nicht mehr 'kratzendes' Tätigkeitsfeld verzieht, sind wir auch noch durchaus angetan von der Theorie. Bei der Anwendung auf den 11.September, die Amokläufe in Zug und Erfurt und ähnliche Ereignisse wird's unangenehm. Es wirkt so schnell zynisch, irgendetwas anderes als 'erschüttert', 'entsetzt' oder einfach 'traurig' zu sein. Eine geniale Radio-Journalistin hat's am ersten Abend nach dem Zuger Blutbad auf den Punkt gebracht, als die Bevölkerung ratlos und meist schweigend mit Kerzen draussen stand: Zum ersten Mal in ihrem Leben sei ihr bewusst geworden, was es heisse, zusammenzustehen. - Dass sie dieses Erlebnis im schweizerischen Klein-Manhattan hatte, wo die Hauptenergie normalerweise nicht gerade in die Solidarität fliesst - dazu war vielleicht eine Katastrophe, eine abrupte Wendung nötig.

Am delikatesten aber wird es, wenn wir versuchen, den Sinn in den Katastrophen zu sehen, die scharfe Kehrtwendungen in unserer eigenen Lebensbahn bewirken. Da ist die Versuchung riesengross, Schuldige zu bezeichnen, die Verantwortung abzuschieben und es braucht eine gehörige Portion Reife und Grösse, die sichtbaren, ja zum Teil einklag- und verurteilbaren Täter als Erfüllungsgehilfen eines richtigen Schicksalsweges zu erkennen, der uns dorthin führt, wo wir freiwillig nicht hinwollten - wo wir aber letztlich hinmüssen, wollen wir unsere Lebensthemen bearbeiten, ganz werden, heiler werden. Und das wäre doch eigentlich schon das Ziel? Oder nicht? Auf Widerspruch, Ergänzung, Kommentar freuen wir uns.