Denk-Aufgabe 204

 

Ganzheitliche Bildung als 'vierter Weg'?

Ich meine: "Ja, aber..."
JA, ganzheitliche Bildung IST ein probates Mittel gegen die weltweit grassierende Verengung des Blickwinkels auf Rendite, auf rein materielle, ökonomische Zusammenhänge, gegen die Fixierung und Reduzierung des Menschen auf seinen Körper und die korporalen Bedürfnisse.
ABER: sie ist unter dem herrschenden Zeitparadigma aus dem 'Angebot' entschwunden. Es gibt kaum Stimmen, die sich dafür stark machen. Das Bedeutungsumfeld des Begriffs 'BILDUNG' ist längst auf 'WISSEN' zusammengeschrumpft. Dass der Erwerb von Wissen wertvoll und förderungswürdig ist - Investitionen lohnt - darüber herrscht allerdings von Buschor bis Japan fast globale Einigkeit. 'Wissen, um zu...', Wissen, das irgendwann (lieber früher als später!) rentiert, umsatzrelevant wird, die getätigten Investitionen nicht nur deckt, sondern mindestens so übersteigt, dass die (dank der Anwendung eben dieses Wissens in der Medizinaltechnik) immer längere unrentable, unproduktive Zeit des Alters 'abgedeckt' ist. Es ist ein in sich stimmiges Konzept, das Leben als Gauss'sche Rentabilitätskurve mit der investitionsreichen Jugend, der maximalen Rendite während der 'produktiven' Periode und der unrentablen Alterszeit, wo der Nutzlose mit dem eigenen -oder schlimmstenfalls von andern- Ersparten korporal am Leben erhalten werden muss. Dass viele sich überflüssig fühlende alte Menschen in die Demenz flüchten, ist vor diesem Hintergrund nicht nur einleuchtend, sondern fast zwingend.

Es gäbe - und gab - ein zum skizzierten im Gegensatz stehendes Konzept, aber es basiert auf Prämissen, die zur Zeit in unseren Breitengraden nicht gerade en vogue sind. Doch nehmen wir einmal als Arbeitshypothese an, es gebe wie bei allen Erscheinungsformen auch zum sogenannnten Diesseits, zur irdischen Existenz, einen gegenpolaren Bereich, nennen wir ihn 'Jenseits'; und nehmen wir weiter an, die Übergänge vom einen Bereich in den andern seien so zyklisch, sich gegenseitig bedingend und wertfrei wie Einatmen-Ausatmen, Tag-Nacht, Wachsein-Schlafen, Plus-Minus oder - in der digitalen Zeit: Eins-Null; stellen wir dann noch fest, dass wir im diesseitigen Bereich relativ wenig wissen über den jenseitigen, dann wäre doch die Zeit unmittelbar nach bzw. vor dem Übergang besonders interessant. Unter diesen Annahmen wären also Kinder und alte Menschen besonders spannende Zeitgenossen, die einen, weil sie vielleicht noch etwas in sich tragen, spüren, ahnen, wissen von der andern Seite so kurz nach dem Übergang, die andern, weil sie sich vorbereiten auf den Übergang, sich einstimmen, manchmal 'mit einem Bein schon drüben' sind; weil sich ihr Fokus ändert, sie das Loslassen üben, nicht mehr so eifrig Diesseitigem hinterherrennen. In früheren Zivilsationen war es selbstverständlich, dass man den Alten mit Verehrung, ja mit einer gewissen Scheu, sicher aber mit einer Lernhaltung begegnete. Nicht weil sie einem sagen konnten, wie man die Rendite in seinem Geschäft erhöhen könnte, sondern weil sie bereits weiter, hinüber blickten und sich ihr Wertsystem veränderte und die noch im Diesseits Verhafteten fasziniert waren von der darauf fussenden Veränderung der Lebensqualität. Der den meisten von uns paradox erscheinende Satz 'Lerne sterben, so kannst Du leben' wird plötzlich verständlich. Das heute herrschende Rendite-Zeitparadigma hat einen ganz andere Haltung gegenüber Kindern und alten Menschen produziert - aber auch andere Alte. Wenn man ein Leben lang daran glaubt, dass man nach der Rendite-Periode nutzlos sein wird, ist die Chance gross, dass man dieses Eigenbild dann auch ausfüllt. Zumindest wäre es für alle von uns, die noch nicht dement sind, doch eine lohnende Sache, ein paar Minuten Lebenszeit in die Prüfung alternativer Welterklärungsmodelle zu investieren(!).

Und die 'ganzheitliche Bildung' soll nun das richtige Mittel dazu sein, den Nachwuchs frühzeitig Sterben zu lehren? Zugegeben, 'ganzheitlich' ist ein bereits übel geschundenes und von der Masse längst vereinnahmtes Wort, das für die Bewerbung jeglicher Produkte und Dienstleistungen herhalten muss. Aber zur Zeit steht mir kein treffenderes Adjektiv zur Verfügung, das den Inhalt besser transportierte. Auf die Ganzheit zielende Bildung impliziert eben auch die oben beschriebene Vorbereitung auf den Übergang bzw. den sorgfältigen Umgang mit Kindern, die nicht immer gleich schnell mit den - jeweils neuen - diesseitigen Bedingungen zurecht kommen. Ganzheitliche Bildung öffnet aber auch die Wahrnehmungsfähigkeit, weil sie eben die ganze Palette, neben rationalen auch korporale, emotionale, intuitive und spirituelle Inhalte rezipieren lehrt. Dies völlig unabhängig davon, ob jemand obigen Hypothesen zustimmt oder nicht. Ziel ist also keinesfalls ein Indoktrinieren, Aufzwingen einer bestimmten Weltsicht. Ziel ist aber sehr wohl ein Durchschauen und Relativieren des jeweils gerade geltenden Zeitparadigmas, ein Öffnen des Blickwinkels, ein Prüfen aller möglichen alternativen Konzepte und ein Zur-Verfügung-Stellen möglicher Bewertungskriterien. Wenn wir einmal erkannt haben, dass auch das geltende Weltbild immer nur - wie die wahren Wissenschafter immer betonen - 'der heutige Stand des Irrtums' ist, dann könnten wir doch mit genau den Arbeitshypothesen zu leben versuchen, die uns Richtung Ganzheit schieben, die unser Leben über die 'rentable Periode' hinaus spannend, herausfordernd, lehrreich bis zum letzten Atemzug machen. - Wenn wir schon wissen, dass ein ständig wachsender Teil des Lebens der Forderung nach Rentabilität nicht genügt, wäre das doch Grund genug, auch das Lernen, die Bildung über diese Periode hinaus zu konzipieren - ganzheitlich, wie ich meine. Aber dies ist nur der individuelle Aspekt. Im Hinblick auf den Robinson-Spielplatz Erde mit allem Geknatter und Geknalle scheint mir ganzheitliche Bildung die beste Prävention gegen Engstirnigkeit und damit auch gegen Terrorismus, alle Schattierungen von Fanatismus, Extremismus und Sucht. Falls Ihnen was Besseres einfällt, freuen wir uns!