Denk-Aufgabe 205

 

Verständnis - Konfliktkultur - Einverständnis

Basis der Konfliktkultur ist Verständnis für die Werthaltung bzw. die Botschaft eines 'Senders' im Kommunikationsprozess. Wenn wir also sagen können: "Ja, so kann man's auch sehen, ich kann nachvollziehen, warum Du es so siehst - ich sehe es allerdings anders". Wenn wir dem andern kein Verständnis entgegenbringen, wächst die Tendenz, dass Konflikte unkultiviert, roh oder gar destruktiv werden. Akzeptieren wir aber den andern in seinem So-Sein, machen wir uns die Mühe, die Welt - oder wenigstens den in der aktuellen Kommunikation gerade relevanten Ausschnitt - ganz kurz von seinem Standpunkt aus zu betrachten, steigt die Chance für Verständnis und für eine kultivierte Auseinandersetzung, die sich oft dadurch auszeichnet, dass beide Konfliktbeteiligten ihre Standpunkte verschieben, und zwar in der Regel zueinander hin. Minimal kommt Bewegung in die Frontgräben, im günstigeren Fall findet eine Annäherung statt - im Idealfall kommt es zum Einverständnis. Nämlich dann, wenn wir die Relativität oder noch besser die gegenseitige Bedingtheit, Abhängigkeit, Interdependenz der Gegenpole erkennen. Wenn wir erkennen, dass jeder neue Grüne einen Autoparteiler, jeder Pazifist eine Kriegsgurgel gebiert, zwingend hervorruft wie das Einatmen das Ausatmen erzwingt, dann haben wir die Polarität durchschaut und das Eine, Dahinterliegende erkannt. Dann können wir EIN-verstanden sein.

Im alltäglichen Sprachgebrauch benutzen wir 'einverstanden sein' ganz konkret und Einzelfall-bezogen als Synonym für 'ja zu etwas sagen'. Es steckt aber noch etwas mehr in dem Begriff: Das Eine verstanden haben, die Einheit, die Alleinheit verstanden haben. Auch wenn Sie mit meiner Deutung des Begriffs 'einverstanden' nicht einverstanden sein sollten, lassen sie's etwas mitschwingen für die nächsten Zeilen.

Konfliktkultur meint also nichts anderes als 'liebevolles Streiten', den Gegenpart anerkennen, ja sogar Freude haben am Gegner ("Viel Feind, viel Ehr"). Am ehesten kennen wir dies Haltung noch aus dem Sport. Wenn wir ein bestimmtes Niveau haben in einer Disziplin, suchen wir nicht die Auseinandersetzung mit Anfängern, sondern mit 'gleichwertigen' Konkurrenten, mit und an denen wir uns wirklich messen können. Und wenn im Streitgespräch jemand die eine Seite der Medaille zu sehr poliert, zeigen wir auf die andere Seite - ohne zu vergessen, dass es die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind, dass wir nicht eine ohne die andere haben können. Für diese Medaillenseiten können Sie jetzt Licht und Schatten, Krieg und Frieden, Glück und Leid, Erfolg und Misserfolg, Wachstum und Schrumpfung, Tod und Leben, Krankheit und Gesundheit, Mann und Frau, Aufbau und Zerstörung oder auch banalere Dinge wie SPD und CDU einsetzen. Die ganze Welt der Erscheinungsformen lässt sich in solche Polaritäten einteilen, die zusammengehören, sich bedingen, sich abwechseln. Unser Problem ist einerseits die Wahrnehmung, dass wir oft weder Amplitude noch Frequenz dieser Sinuskurve, dieses ständigen Auf und Ab erkennen. Wie tödlich das sein kann, lässt sich am Atem zeigen. Wenn Sie mehr als ein paar Minuten an einem der beiden Pole 'Einatmen' bzw. 'Ausatmen' festhalten, sind Sie tot.
Das andere Problem ist, dass wir nie beide Pole gleichzeitig realisieren können, sondern gezwungen sind, sie auf der Zeitachse hintereinander zu erleben. Gefällt uns der eine Pol, wollen wir ihn festhalten und den Gegenpol wegputzen. Genau das machen wir z.B. mit der modernen Medizin, die mit beeindruckender Kriegsterminologie die Krankheiten bekämpft, Symptome zum Verschwinden bringt - einfach weil man den Pol Gesundheit positiv bewertet, den Pol Krankheit negativ und nicht sieht, dass sie zusammengehören, sich bedingen und beide ihre Berechtigung haben. - Oder kennen Sie jemanden, der immer gesund, fröhlich und glücklich ist? Eigentlich wissen wir es ja seit Kindsbeinen, dass da ein ständiger Wechsel ist von Auf und Ab. Und dass 'Ab' immer auch riesige Chancen birgt. - Nur in unserem ganz speziellen aktuellen Fall, beim Aufstieg unseres Unternehmens, der eigenen Karriere, da möchten wir so gerne etwas schummeln. Was gäben wir da für Linearität: eine stetig steigende Linie. Wohin solch naive Wunschvorstellungen führen, zeigt doch ganz nett der Handy-Markt. Oder die IT-Euphorie. Oder die Privatisierungs- und Globalisierungswelle. Oder die Aktienspar-Sekte - wie hiess sie gleich? BZ? Oder ist das die Billett-Zentrale? (Weitere lustige Beispiele an jedem Stammtisch...)

Konnte ich mich verständlich machen? Auf jeden Fall biete ich Ihnen an, mir zu zeigen, wo Sie stehen in diesen Fragen. Ich werde versuchen, mich kultiviert mit Ihrer Sichtweise auseinanderzusetzen. Vielleicht kommen wir ja sogar durch Annäherung unserer Standpunkte zum EIN-Verständnis?