Denk-Aufgabe 206

 

Form und Inhalt

 

Wir leben in einer Welt der Formen, die ungedeutet für uns sinnlos, bedeutungslos sind. Wir müssen also versuchen, Formen zu begreifen, zu durchschauen, zu interpretieren, zu deuten, wenn wir zur Bedeutung vorstossen wollen. Das gilt sowohl für die Kommunikation wie für die Welt generell. Deuten wir nicht, bleiben wir bei der Form hängen und der dahinterliegende Inhalt bleibt uns verborgen, bedeutungslos. Das klingt vielleicht banal, aber genau das macht in aller Regel die Naturwissenschaft unserer Tage. Sie macht es brillant und genau, sie beschreibt Formen von Galaxien bis zu Quarks. Und sie feiert sich jedesmal stürmisch, wenn sie eine Form noch genauer, noch detaillierter beschreiben kann. Aber die ketzerische Frage sei gestattet: Wozu tut sie es, wenn sie gar nie zum Inhalt vorstösst, wenn sie immer noch tiefer in die Form hineinklettert - und meist darin steckenbleibt? Was für den Geisteswissenschafter das Selbstverständlichste der Welt ist - oder zumindest war - nämlich Literatur, Kunst, Rechtsnormen zu interpretieren, zu deuten, auszulegen, interessiert die meisten Naturwissenschafter nicht. Mit Kommunikation hat das insofern zu tun, als sie nicht - oder mangelhaft und oberflächlich - stattfindet zwischen den Fakultäten. Moderne Fachspezialisten haben ein müdes Lächeln übrig für die Universalgelehrten früherer Jahrhunderte. Nur: ein Aristoteles hatte dafür etwas mehr Überblick, was sich z.B. in der Kausalitätslehre zeigt. Er kannte, benannte und arbeitete noch mit vier causae. Der moderne Naturwissenschafter gibt sich meist mit der causa materialis, der im Stoff liegenden Ursache, und der causa efficiens, der immer zeitlich vorgeschaltet die Manifestation auslösenden 'Wirkursache' zufrieden und forscht mit Inbrunst immer in die gleiche Richtung: zurück auf der Zeit- oder der Raumachse zu der Ursache der Ursache der Ursache - z.B. von Aids, oder der hohen Suizidrate in der Schweiz, oder der Börsenflaute, oder dem 11. September. Das ist durchaus eine interessante Fragestellung und man findet auch immer wieder etwas. Man isoliert ein Virus, man entdeckt die Wohlstandsverwahrlosung, die Familienzerrüttung, die weltweite Vernetzung der Märkte und die bösen Taliban. Dann macht man sich daran, möglichst all das auszumerzen. Aber dass einer die für Aristoteles und jeden Literaturwissenschafter selbstverständliche Frage stellte nach der causa finalis, also nach dem 'Wozu', findet höchst selten statt. 'Warum gerade jetzt, gerade hier? Zu was führt, bringt, zwingt es uns jetzt und in Zukunft? Woran hindert es uns jetzt und in der kommenden Zeit? Ist es so abwegig, diesen Fragen mindestens gleiche Wichtigkeit beizumessen, wie der Frage nach dem meist nur materiell-korporalen Woher, nach den in der Vergangenheit liegenden materiellen Ursachen?

Das Einseitige dieses Vorganges zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der modernen Medizin. Da wird endlos nach Viren und Erregern geforscht - und kaum ein moderner Schulmediziner stellt die Frage nach dem Sinn einer Krankheit, nach der causa finalis, der Finalität von Krankheit generell und dem einzelnen Symptom speziell. Wahrscheinlich verhilft erst der Zusammenbruch des Gesundheitswesens in den sogenannt modernen Zivilsationen zur Wiedergeburt dieser Fragen. - Die Fixierung unserer Wissenschaft auf die Kausalität im Sinne der Wirkursachen hat auch das Denken in Analogien in den Hintergrund gedrängt. Obwohl immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, dass die uralte Erkenntnis 'Mikrokosmos = Makrokosmos' auf allen Ebenen stimmt, wird selten mit Analogien gearbeitet, mit den Schlüssen von einer Beobachtung auf die andere, ohne dass ein kausaler Wirkzusammenhang bestehen muss.

Das klingt jetzt wie eine Gross-Attacke gegen die Wissenschaft. Ist es nicht, oder zumindest nicht nur. Erstens produziert die Wissenschaft am Laufmeter herrlichste Forschungsergebnisse, die sich deuten lassen, die fast täglich auf der formalen Ebene etwas bestätigen, was Weise wie Hermes Trismegistos oder Lao Tse vor undenklicher Zeit auch schon sagten. Dafür bin ich der Wissenschaft zutiefst dankbar, auch wenn sie diese Analogien selbst nicht zieht. Und zweitens haben wir genau die Wissenschaft, die wir verdienen, die zu uns passt - analoger Schluss! Sie ist eben gerade nicht causa efficiens für irgendwelche Miseren. Aber auch umgekehrt sind nicht wir andern, die ausserhalb der Naturwissenschaft stehen, schuld am Zustand, in dem sie sich befindet, Wirkursache für ihre Einäugigkeit. Sie repräsentiert nur den Gesamtzustand der westlichen Kultur. Einer Kultur, die sich in der Einseitigkeit des materiellen Individualismus verfangen und dabei jegliche Rückbindung an übermaterielle, nicht physische oder eben metaphysische Werte verloren hat. Wenn ich jetzt noch Rückbindung ins Lateinische übersetze, komme ich zum Begriff Re-ligio - und laufe wieder Gefahr, missverstanden zu werden. Das Thema ist delikat und vielschichtig, mehr darüber passenderweise im Weihnachtsmonat Dezember. Damit sich die paar Schuss-Leser schon ein bisschen einstimmen oder vielleicht sogar aufregen können, hier als Vorgeschmack meine Definition von Re-Ligio:

'Religio' ist das Suchen, Erkennen und Begreifen des Metaphysischen hinter dem Physischen und umfasst alle Prozesse, die den Weg zu diesem Erkenntnisziel fördern. Religiös ist, wer sich an diesen Weg und dieses Ziel rück-gebunden weiss und sich an diesem Ziel orientiert.

Auf den Bannstrahl der Ayatollahs, die Exkommunizierung durch die Päpste, die Verunglimpfung durch die mit dem Fischli am Auto und das ETH-Verbot des Rektors - aber auch auf das zustimmende Grunzen ähnlich Denkender freue ich mich.