Denk-Aufgabe 21-01 vom 1.1.2021


Liebe deine Feinde!

(Warnung an die Empfindsamen: lest das nicht ohne Traumatherapeutin in eurer Nähe)

Ok, die Heuchler unter euch werden mit Unschuldsmiene sagen: "Ich habe doch keine Feinde!" – Dann sagt statt 'Feinde' einfach 'Menschen, die zu lieben ich mich noch schwertue' und nehmt doch gleich mich, der ich euch gerade der Heuchelei bezichtigt habe. Mir geht es aber wirklich um die, deren Verschwinden vom Erdboden (oder Abtauchen unter selbigen in einem Zustand, in dem sie nur noch von Würmern bewegt werden) euch so ganz insgeheim nicht nur gleichgültig wäre, sondern euch sogar ein schadenfreudiges Lächeln ins Gesicht zaubern würde. Es sind Leute, die gegen eure Grundwerte verstossen, Widerlinge, die euch oder euch Nahestehende quälen oder die euch einfach ganz gigantisch auf den Keks gehen. Wenn es das in eurem Leben weder je gab noch gibt, seid ihr entweder bereits tot (wahrscheinlich), habt ein sehr verschobenes Selbstbild (sehr wahrscheinlich), oder seid tatsächlich heilig (sehr unwahrscheinlich). In all diesen Fällen könnt ihr aufhören mit Lesen und stattdessen irgendein Gross-Unternehmen anrufen und euch das 45-minütige Panflötensolo reinziehen.

Nun also zur Begründung, warum wir unsere Feinde lieben sollten, unabhängig davon, ob wir christlich domestiziert wurden und uns dies in der Jugend eingehämmert wurde. Es gibt durchaus rationale Gründe dafür. Die Wahrnehmung aller Lebewesen auf unserem Planeten ist so konstruiert, dass wir Dinge, Phänomene, Objekte nur wahrnehmen können aufgrund ihrer Verschiedenheit, ihrer unterschiedlichen Beschaffenheit im Vergleich mit anderen Dingen, Phänomenen, Objekten. Wir brauchen Unterschiede, um irgendetwas dingfest zu machen und mit dem Wahrgenommenen zu interagieren. Das kann durchaus überlebenswichtig sein. Zum Beispiel wenn wir einen Baum nicht vom Strassenverlauf unterscheiden können; oder ein Starkstromkabel für eine Lakritzestange halten; oder einen Denunzianten für einen lockerlässigen Nachbarn halten (warum das zum Tod des Denunzianten führen kann, erzähle ich euch ein andermal). Differenzieren, definieren und bei Verbalsprachlern dann auch mit Worthülsen etikettieren ist die Basis unseres Verhaltens von dem Augenblick an (oder vielleicht auch schon früher), in dem wir den warmen Mutterbauch verlassen und die nährende Nabelschnur gekappt wird (gut: heute wird Sekunden später die Staatsnabelschnur montiert, die uns bis in den Sarg begleitet). Deshalb lernen alle lebenden Entitäten (von den andern wissen wir's nicht, sie vielleicht auch) sehr schnell zu unterscheiden. Zuerst mal ganz grob-simpel-binär in Gegensätzen: warm-kalt; nicht atmen – atmen, sattsein – hungrigsein etc. Aber bald lernen die Jungpflanzen und Jungtiere differenzierter zu unterscheiden: das Mass von Sonneneinstrahlung, also Tageszeiten, unterschiedlichste Wetterlagen, Temperaturen, Jahreszeiten – und unterschiedlich freundliche Wesen im Umfeld wahrzunehmen, Pflanzen, die andere angreifen, überwuchern, Tiere, die sich in den Schatten eines Baumes legen – und solche, die ihn kahlfressen, Mütter, die das kleine Wesen nähren, Geschwister, mit denen man sich balgen kann. Und bald begegnet das Jungtier auch den ersten Feinden, vor denen Mama oder Papa sie vielleicht noch rettet und im besten Fall ihnen beibringt, wie man sich vor ihnen in Acht nimmt oder sich gegen sie zur Wehr setzt.

Auch die Jungmenschlis müssen durch diese – Achtung ein langes Wort! – Wahrnehmungsdifferenzierungsschule. Aber es passt, dass es lang ist, weil auch der Prozess bei den Menschlis viel länger dauert als bei allen anderen Wesen. Dafür hat er dann meist auch eine reichere Palette an Möglichkeiten, auf seine Feinde zu reagieren. Es ist nicht einfach klar Flucht wie beim Schaf oder Kampf wie beim Panther. Wenn es sich bei dem Menschli um ein äusserlich und innerlich gesundes, starkes Wesen handelt und es vom Kräfteverhältnis her möglich ist, stellt es sich dem Feind, weist ihn in seine Schranken; wenn er dies nicht akzeptiert, bekämpft es ihn, wenn nötig so, dass es nie mehr vom selben Feind belästigt wird. Wenn es sich beim Menschlein aber um ein eher feiges, schwächliches Exemplar handelt, flieht es oder unterwirft sich dem Feind, kollaboriert sogar mit ihm und denunziert seine früheren Freunde.

Dazwischen gibt es alle Schattierungen von 'Umgang mit Feinden', aber darum geht es hier nicht. Ich möchte ja die steile These begründen, warum man allen Feinden minimal dankbar sein, maximal sie lieben sollte dafür, dass es sie gibt, dass sie uns mit ihrer Existenz helfen, die Angenehmeren von den Vollpfostigeren zu unterscheiden, also auch denen, die wir leiderleider aus dem Weg schaffen müssen. Den Feinden dankbar sein oder sie gar zu lieben, heisst also keineswegs, sie nicht zu bekämpfen oder notfalls zu töten. Es heisst nur, ihre Existenz zu bejahen und einverstanden zu sein damit, dass sie sich uns in den Weg stellen.

Stellt euch kurz vor, all die dämlichen Neujahrswünsche nach lauter lieben Menschen und ewigem Frieden auf Erden und dem stereotyp doofen 'Bleib gesund' würden sich samt und sonders erfüllen. Es wäre nicht nur unsäglich langweilig, es wäre nicht lebbar, die Freude an all den lieben braven Menschlein würde einer immer empfindsameren Feindbildung weichen. Wir können dieses Phänomen in den dekadenten sozialistischen Wohlfahrtsstaaten gut beobachten. Heute sind die Feinde nicht etwa Diktatoren und ihre Schergen, Terroristen, Serienmörder, Vergewaltiger, Raubmörder, Einbrecher und Grossbetrüger, sondern Menschen, die nicht genau so denken und sprechen, wie die Masse und die Mainstreammedien es verlangen. Wer in den letzten fünf Jahren in Helvetien und Umgebung ein einziges anerkennendes Wort über Trump sagte, wer sich 2018/19 nicht begeistert von der Greta-Klima-Hysterie mitreissen liess, wer es 2020 wagte, die Effizienz und Verhältnismässigkeit der Coronamassnahmen zu hinterfragen oder – das Lustigste für alle ET's, denen ich davon erzählte – wer es wagte und wagt, eine innen klebrigweisse, aussen zartdunkelschokoladige Süssspeise weiterhin als 'Mohrenkopf' zu bezeichnen, oder wer als Weltmeister der Formel 1 es wagte, nachts um drei auf einer leeren Strasse mit 60 statt mit 30 zu seinem Hotel zu fahren (1 Jahr Gefängnis!) – entpuppte sich als wahrer Feind in den Gesellschaften, die sich – fast schon bemitleidenswert – in den letzten Dekadenz-Zuckungen vor dem Untergang dahinwinden.

Aber auch diese Gesellschaften können wir lieben, denn sie helfen uns, dank all den Gegensätzen junge, starke, gesunde Gesellschaften überhaupt als solche zu erkennen.
Meist brauchen wir allerdings ein paar Schritte, um zu dieser Dankbarkeit zu gelangen dafür, dass uns A-Löcher begegnen, die uns helfen, die Nicht-A-Löcher von ihnen zu unterscheiden. Zuerst – Hand auf's Herz – überfällt uns meist der Ärger, die Wut, vielleicht sogar der Hass und – je nach Schwere des Falls – eine Portion Mordlust angesichts oder angespürs einzelner oder im Kollektiv auftretender A-Löcher. Dann kommt die Phase von Kampf, Flucht oder – bei den ganz grossen Weicheiern – Duckmäuserei, Eintritt in die Partei, Mitschwimmen im Mainstream der neuen Welle, denkt an Deutschland in den 30-er-Jahren, an die DDR oder heute an alle, die so willfährig bei der Abschaffung der Freiheit und der Allmacht des Staates mitschleimen. Und erst in der dritten Phase kommt die Chance der Dankbarkeit.

Denkt an die mittelalterlichen Ritter (nicht nur Don Quichotte), die auszogen, um Kämpfe zu bestehen, Abenteuer zu erleben. Denkt an alle Sportler, an Unternehmer, die sich ganz bewusst und freiwillig in ein Umfeld von Kampf begeben und die sogar oft die Phase des Hasses auslassen, weil sie wissen, dass das Spiel ohne Konkurrenten nicht funktionieren würde. 'Viel Feind viel Ehr', Federer braucht Nadal, um seine Klasse zu zeigen. Er bekämpft ihn auf dem Court und zeigt seine Dankbarkeit, ja Liebe, indem er neben dem Court mit ihm befreundet ist. Aber das sind die in unseren dekadenten Gesellschaften eher seltenen Ausnahmen, die es begriffen haben.

Gehen wir zurück zu den A-Löchern, die wir uns weder im Sport noch in der freien Marktwirtschaft ausgelesen haben, die uns unverhofft begegnen und die uns zuallererst einfach nur ärgern. Denkt an Leute, die an irgendwelchen Nadelöhr-Positionen sitzen, wo wir alternativlos durch müssen. Da kommen mal fast alle Beamten in Frage, aber auch Leute an Schaltstellen grosser Verbände und Unternehmen mit Monopolstellung, die es sich leisten können, faul, unfreundlich, abweisend, widersinnig, miesepetrig, oder alles gleichzeitig zu sein. Bevor ihr sie totschlagt, was durchaus eine Lösung mit generalpräventiver Wirkung sein könnte, solltet ihr daran denken, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe. Wir hätten gar kein Gespür und keine Freude an all denen, die zwar an vergleichbaren Stellen sitzen, aber ihre kleine Macht nicht missbrauchen, sondern aufgestellt, kundenfreundlich, hilfreich ihren Job machen. Unvergesslich die Zollbeamtin, der ich – nach unzähligen schlechten Erfahrungen mit Pferden am Zoll – die Papiere und Pässe meiner Pferde hinlegte, nur darauf wartend, dass sie irgendetwas bemängeln würde, was einer über Nacht geschaffenen neuen Regel nicht entsprechen könnte. Die junge Dame war erstens hübsch, was mich bereits verwirrte, zweitens lächelte sie mich freundlich an, was mich veranlasste, mich zu kneifen, um sicher zu sein, dass ich nicht träumte, und dann sah sie den eigentlich sturzgewöhnlichen Namen meines Pferdes 'Hunter' und sagte begeistert: "Ist das nicht der wunderschöne Dunkelbraune, der bei den Olympischen Spielen in Atlanta dabei war? Darf ich ihn sehen?" Ich geriet – ein eher seltenes Ereignis – kurz ins Stammeln, sagte was wie "Selbstverständlich, äh, jederzeit..." Sie rief nach einem anderen Beamten, der ihren Schalter übernahm und kam tatsächlich zum LKW – woher sie die Karotten hatte, ist mir bis heute schleierhaft. Ein solches Erlebnis braucht aber als Hintergrund die A-Löcher an all diesen Schaltstellen, die wir – je nach Naturell – so gern von ihren Sitzen schiessen würden.


Der Abwart
Zum Schluss noch ein aktuelles Beispiel eines gigantischen Vollpfostens, dem ich Dank schulde, weil er mich daran erinnerte, wie vielen tollen, sympathischen, ihren Job mit Liebe und höchst kundenfreundlich ausübenden Vertretern aus der Branche der Abwarte, Hauswarte, Hallen- und Platzwarte ich schon begegnet bin. Unvergesslich der Schulhausabwart Steiner im Primarschulhaus Obermeilen. Er liess sich immer wieder etwas einfallen, damit wir Schüler mehr Spass hatten in den Pausen, setzte sich für Klettergeräte und Sandplätze ein, im Winter spritzte er abends den Hartplatz, damit er am Morgen von einer Eisschicht überzogen war, auf der wir rumgleiten und rumalbern, ja sogar Hockey ohne Schlittschuhe spielen konnten. Klar, heute wäre er den Job los, die Schule würde evakuiert und Careteams würden hornissenschwarmgleich herniederfallen und jedem Schüler klar machen, dass er ab sofort bis ans Lebensende traumatisiert sei – aber das war in den Sixties, da war die Generation Opfer noch gar nicht auf der Welt und – zugegeben – wir vermissten sie auch nicht.

Aber gestern hatte ich das Glück, einem echten Gegensatz, einem geradezu lehrbuchtauglichen Volldeppen der Gattung 'Hallenwart' zu begegnen, der mir beibrachte, die Unterschiede zu all denen wieder wahrzunehmen, die liebevoll ihr 'Objekt', also zum Beispiel ihre Reithalle, pflegen, immer im Bestreben, es für die Reitfreudigen in optimalem Zustand zu halten. Der gestrige, nennen wir ihn Sars, oder Mers, wie die Krankheit, war der häufig anzutreffende und letztlich bemitleidenswerte Typ mit der Ausstrahlung einer Plastiktopfpflanze, so fad, bedeutungslos und langweilig, dass man ihn trotz des eitergelben Barts, mit dem er sich etwas Einzigartigkeit zu verleihen versucht, sofort wieder vergisst. Er war auch nicht hässlich genug, um etwas daraus zu machen wie Giacobbo oder andere Komödianten, sondern einfach nur 'gähn'. Was bleibt ihm also anderes übrig, als seine winzig kleine Macht als Hallenwärtlein zu missbrauchen, damit man ihn wahrnehmen muss? Auf der Couch des Psychiaters liegend eigentlich ein klarer Therapiefall, für den man Verständnis aufbringen sollte. Etwas schwieriger wird es mit dem Verständnis, wenn man miterlebt, wie er die Leute völlig sinnlos rumkommandiert, meckert und dauernd den Unterricht stört, den er so nötig hätte, denn zumindest als Reiter war er auffällig: die talentloseste Figur, die sich je auf ein Pferd verirrt hat, im übelsten Stuhlsitz schief im Sattel hängend, sein armes, gelangweiltes Reittier weit über eine Stunde im untertourigen Jammerhöterlistil Runde um Runde drehen lassend, immer darauf achtend, der jungen Top-Reiterin möglichst in den Weg zu kommen – vielleicht träumt er ja davon, dass sie so auf ihn aufmerksam wird, der Ärmste? – die beiden beim konzentrierten Unterricht immer wieder mit seinem Gequäke störend, bis dem Unterrichtenden der Kragen platzte und er ihn in einem Stil anbrüllte, der unschwer erkennen liess, wie gern er ihn vom Pferd geschossen hätte – anstatt sich bei ihm zu bedanken für seine A-Löchigkeit und ihn – als Musterfeind – zu lieben.

Damit ist auch klar, was zu meinen guten Vorsätzen für 2021 gehört: Bedeutungslosen nicht den Genuss geben, uns mit ihrer A-Löchigkeit aus der Reserve gelockt zu haben, sondern schmunzelnd zu danken, dass sie ihre Aufgabe als A-Löcher so gut wahrnehmen und sie dafür, dass sie diesen Job machen, sogar zu lieben. Bei Judas habe ich ja auch Verständnis. Irgendeiner musste ja den Scheissjob machen und Jesus an die Schächer verraten. Im grandiosen Scorsese Film 'The Last Temptation of Jesus Christ' (1988) überlebt Jesus die Kreuzigung und lebt mit Grossfamilie im Wald, bis Judas ihn findet und ihm genau dies vorwirft: "Ich habe die A-Karte gezogen und musste dich verraten, damit du dein grosses Werk mit dem Tod am Kreuz machen konntest – und du kletterst runter und lebst weiter!" – Für diesen Judas habe ich ein gewisses Verständnis. Vielleicht gelingt es mir ja bis Ende 21 auch bei Hallenwart Sars, oder Mers, wie die Krankheit?


Ich freue mich auf Feedbacks - auch von Hallenwarten, es gibt sooo tolle!