Denk-Aufgabe 21-02 vom 2.1.2021


Hörst du die Tiere lachen?


Ich höre sie täglich. Aber das ist auch keine Kunst. Ich treffe so viele an, wenn ich mit Pferden oder Hunden unterwegs bin. Füchse, Rotwild, Schwarzwild, Raben, Bussarde, ab und an auch einen Dachs; Marder höre ich öfter, als dass ich sie sehe, viele flinke Haus- und Feldmäuse, Maulwürfe (hmm, Letztere zugegeben meist bereits leblos im Maul meiner kleinen, so harmlos aussehenden Jack Russell-Dame hängend...),

Raben, Bussarde, Fischreiher und – je nach Jahreszeit auch meine geliebten 'Hüüslischnägge', für die ich seit frühester Kindheit eine besondere Zuwendung empfinde, weil sie alles immer dabei haben, was sie brauchen. Mit ihnen habe ich auch erste Sportveranstaltungen organisiert: Schneckenrennen in unserem riesigen Garten. Dabei erkannte ich die Wichtigkeit ausbruchverhindernder Rails und erlebte erstmals, dass die Grössten nicht zwingend die Schnellsten sind, eine Einsicht, die sich mühelos auch auf Agility-Hunde, Rennpferde und Menschen übertragen liess.

All diese Tiere beobachte ich täglich beim tausendfachen Hausfriedensbruch: sie zeigen einfach keinen Respekt vor Zäunen, Mauern, Grenzsteinen und 'Privat-Schildern', fliegen oder springen oder klettern drüber – oder kriechen unten durch. Auch Wasser, Sonne und Wind foutieren sich über unsere Furzidee, Mutter Erde in Milliarden von Puzzlestückchen aufzuteilen, sie mit einem willkürlichen 'MEIN' zu etikettieren, und sie uns dann gegenseitig abzujagen, am liebsten mit Todesfolge.

Auf die Gefahr hin, dass selbstherrlich antiquierte, sich für gebildet haltende Selbstbeweihräucherer, die immer noch vom 'Primat' des nackten Affen schwadronieren, mir nun Anthropomorphismus vorwerfen – das kommt immer, wenn es irgendwer wagt, Nichtmenschen vermeintlich für ihn reservierte Dinge wie Intelligenz, Bewusstsein, Kommunikation oder gar Freiheit zuzusprechen – wage ich die These, dass Tiere und Pflanzen wissen, dass Regeln nur für die gelten, die an sie glauben. Sie selbst passen sich flexibel den Umständen an, und die, die von uns gejagt werden, tricksen die Jäger oft mit soviel Souplesse aus, dass sie einfach über Humor verfügen müssen.

Wildschweine, die fast allabendlich auf einer Lichtung mit angrenzendem Maisfeld anzutreffen sind, merken sofort, wenn ein fetter Jäger auf den Hochsitz klettert – wahrscheinlich hören sie die Holzstufen kilometerweit knarren; auf jeden Fall bleiben sie dann dem Plätzchen fern und verlustieren sich an einem anderen Maisfeld, bis der frustrierte Flintenträger unverrichteter Dinge wieder abzottelt. Das sind so Augenblicke, wo man die Bachen, Frischlinge und Keiler deutlich lachen hört im Unterholz.

Ob sich die Tiere wohl freuen über die aktuelle, reichlich zarte Dezimierung der Zweibeiner, die weniger eine Pandemie haben, als dass sie selbst eine sind? Ich glaube nicht. Ich vermute eher: es ist ihnen egal. Ihnen fehlt diese lächerlich-hysterische Selbstbezogenheit, diese aufgeregt entrüstete Selbstüberschätzung und das dümmliche Bedürfnis, alles umzubringen und auszurotten, was sich ihnen in den Weg stellt, Millionen von Tieren zu ermorden, um ihren dementen Greisen noch ein paar Tage Dahinvegetieren zu ermöglichen. Klar, man kann das als 'Kultur' verkaufen, als 'Zivilisation', aber wenn man es aufrechnet mit den Millionen Zweibeinern, die ständig von anderen Zweibeinern ermordet werden, oft perfekt organisiert und mit lächerlichsten Vorwänden, dann scheint es mit 'Kultur' und 'Zivilisation' doch nicht so weit her zu sein?

Tiere hingegen vergreisen und verblöden nicht. Sie scheinen zu wissen, wann es Zeit ist, zu gehen, die Herde zu verlassen, sich unter einen Baum zu legen und zu sterben. Was für eine grandiose innere und äussere Freiheit, eigenverantwortlich darüber entscheiden zu können und zu wollen.

Ob Mutter Erde vielleicht auch ein wenig schmunzelt, sich wieder mal schüttelt und ein bisschen Dampf ablässt, um die Viel-zu-Vielen abzuschütteln? Wenn ich beobachte, wie die Tiere die von uns errichteten Hindernisse überspringen, überfliegen, über- oder unterkriechen, ab und zu bepinkeln oder zielgenau von oben Verdautes runterfallen lassen, dann scheinen sie mir die Schlaueren, und auf jeden Fall die Humorvolleren zu sein, die mehr vom Leben in Freiheit begriffen haben als wir.

Könnte es sein, dass die Bibelschreiber, Darwin und deren 'Hinterherhöseler' sich getäuscht haben? Dass wir doch nicht so wahnsinnig gottähnlich sind und das unübertreffbare Top-End der Evolution darstellen, sondern eher sowas wie ein Auslaufmodell, das dringend eines Updates bedarf? Ein Rückruf des Modells 'homo pavonis 1.0' wegen schwerwiegender technischer Mängel würde mich auf jeden Fall nicht verwundern.

Um etwas zuversichtlich ins neue Jahr zu starten hier noch mein Tipp: Gebt euren Kindern soviel Tier wie möglich, lasst euch anstecken von der Tiervernarrtheit der meisten Kinder – und fragt euch bei Gelegenheit, wann, wie und warum sie euch selbst abhanden gekommen sein könnte? Auf der Jagd nach diesen 'Privat-Schildern' auf einem willkürlich eingezäunten Puzzleteilchen von Mutter Erdes Kleid? Beim Stolpern auf der Stufenleiter nach oben, ohne zu wissen, ob 'oben' denn wirklich so toll sei? Beim Vordrängeln auf die Bühne, ins Rampenlicht, um dann doch gleich wieder überrollt und vergessen zu werden? Tiere vergessen uns nicht. Aber um dies zu erleben, muss man sich ihnen zuwenden. Gebt den Kindern diese Chance – vielleicht erwacht etwas in euch und ihr fragt euch, ob nicht nur die Tiere, sondern auch die Kinder euch in mancher Hinsicht voraus sind, näher an dem, was wirklich wichtig sein könnte für ein beglückendes, abenteuerliches Leben in Freiheit?


Ich freue mich auf Feedbacks - auch von Städtern, die Tiere nur aus Plüsch oder auf dem Teller kennen.