Denk-Aufgabe 21-03 vom 8.1.2021


Brainstorming zur Überbevölkerung

Kürzlich zelebrierten wir in heiterer Runde einen 'Gehirnsturm' zum Thema Überbevölkerung. 'Brainstorming' meint bekanntlich, dass jede noch so realitätsferne, witzige oder auch grausliche morbide Idee erlaubt ist, also auch solche 'pour la poubelle'. Anstoss war das abgelutschte Thema Corona und die Feststellung, dass es bessere Viren gäbe, z.B. eines, das innert einer Generation zwei Drittel der Menschheit unfruchtbar machen würde. Das grösste Problem des Planeten wäre in Kürze gelöst, ohne Atomkriege, Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche.

Einer meinte, man könnte einfach alle Ideologen, Fanatiker, Rassisten und sonstigen Verkünder der absoluten Wahrheit von der Leine lassen und zusehen, wie sie sich gegenseitig abschlachten. Das wäre ja nichts wirklich Neues, nur vielleicht etwas effizienter, schneller, weil gleichzeitiger. Als erstes könnte man alle alten, weissen Heteromänner weltweit ins Visier nehmen; die sind zurzeit mega out, eine systemisch rassistische Rasse, die man locker aus rassehygienischen Gründen eliminieren könnte, also irgendwie im Kampf gegen Rassismus, der ja immer genau von eben dieser Rasse, diesen systemisch rassistischen weissen Heteromännern ausgeht. Wenn die sich dann gegen ihre Auslöschung als Rasse wehren würden, wäre der Beweis erbracht, dass sie Rassisten sind. Und dann weiter im Text alle gegen alle.

Wenn sich dann irgendwann fast alle Fanatiker umgebracht hätten, würde am Schluss vielleicht irgendeine Sorte übrigbleiben. Vielleicht gäbe es dann nur noch Frauen, oder Katholiken, oder Klimakteriker – nein, wie sagt man denen: Klimaten, Klimalisten, die den Klima-Klimmzug schaffen, oder es gäbe nur noch Sonnenanbeter, Sunniten, Schiiten, Schiifahrer, Wissenschaftisten, Scientologen, Kommunarden, Kommunisten, Kommunalpolitiker, Kapitalfahrer, Kappenträger, Kapellmeister, Rocker, Rockzipfelaner, Stasiisten, Staatisten, Endzeitchristen, Religasten, Revolutionisten, Katamaraner – aber, Hans oder Jeanine aufs Herz, meinte einer der Brainstormer: Auch wenn es dereinst nur noch eine Rasse, Ethnie, Sorte Zweibeiner gäbe, nehmen wir doch den Glücksfall an, es gäbe am Schluss nur noch die heute trendigen 'Gutmenschen', also die mit der richtigen Gesinnung, den richtigen Gedanken, den richtigen Worten, den richtigen Taten, mit den richtigen Berufen, den richtigen Hobbys, den richtigen Klamotten, die am richtigen Ort wohnen, das Richtige essen und die richtige Musik hören, die Kinder richtig erziehen usw., könnte es dann – also er stellt dies nur als Frage an die Gutmenschen – vielleicht nicht emänd doch vorkommen, dass sich nicht alle Gutmenschen immer schön einig wären, was denn jetzt in jedem Augenblick gerade das Richtige, das Gute sei und sich vielleicht wegen kleiner Meinungsverschiedenheiten in die Haare geraten?

Vielleicht so ähnlich, wie das ja auch schon bei den lieben Christengutmenschen der Fall war, als die einen fanden, diese runden, faden Flach-Crackers seien Symbol für das käumlich so fade, so trockene und so leicht verdauliche Fleisch Christi und der dazu gereichte saure Trasadinger eben auch nur Symbol für das Blut Christi, die andern aber fanden obige Flach-Crackers seien nach der Zauberibus-Verwandlung eben wirklich echtes Fleisch und der Trasadinger nach eben dieser Verwandlung und ganz ohne Panschen mit Shiraz oder Cabernet süsses und echtes Blut des Herrn, was ja zu der doch etwas grauslichen Vorstellung führte, dass der arme Gottessohn seit zweitausend Jahren von Millionen Gläubigen regelrecht gefressen und sein Blut draculamässig getrunken wird – aber sei's wie's sei, diese kleine Meinungsverschiedenheit ob Symbol oder nicht reichte schon mal aus, dass die beiden Sorten 'Gutmenschen' sich ganz gehörig verhauten und zu Tausenden ins Jenseits spedierten. – Drum, so fragte der sich damit aus dem heilen Rund der Gutmenschen gleich selbst hinauskatapultierende Gehirnstürmer selbige vorgestellten Gutmenschen, ob das nicht auch unter den Frauen – so es denn dereinst nur noch Frauen gäbe, die ja per se alles Gutmenschinnen sind – eines Tages soweit kommen könnte, dass sie sich in die Resthaare gerieten? Unwahrscheinlich, sie lieben sich ja alle so innig und gönnen sich alles, zugegeben, aber vielleicht wenn es um die richtige Kleidung, den richtigen Schmuck, die richtige Haartracht oder gar die richtige Körbchengrösse gehen könntete? Und wenn sie wider Erwarten in Keifer- oder Keilereien gerieten, hätten wir ja schon wieder Ungleichheit, sich bekämpfende Gruppen, die das Gutsein, das Richtigsein für sich beanspruchten und den andern absprächen: die Lang- gegen die Kurzhaarigen, die Blonden gegen die Rötschen gegen die Brünetten gegen die Schwarzen – ein Mehrfrontenkrieg schlimmer als ihn weiland der gute alte Adolf anzettelte! – oder, zugegeben eine lustige Vorstellung, ein Amazonenheer von schwergewichtigen D-Körbchen gegen einen federhüpfigen Schwarm von Halb-A.

Vielleicht geht es ja doch nur, meinte ein anderer, wenn ein weiser, grosser Gutmensch-Kaiser – äh sorry, eine Kaiserin! – für die ganze Welt festlegt, was richtig ist, bis ins klitzekleinste Detail. Sogenanntes Mikromanagement zum Wohle der Gleichheit. Napoleon hat uns doch gezeigt, wie das klappt mit dem Gleichsein. Hat er nicht sogar den Slogan erfunden mit der 'liberté, fraternité, égalité' (wenn ein Deutscher das ausspricht, klingt es wie dreimal Tee). Der kleine Kaiser war doch sehr gleich wie die andern und total brüderlich und auch freiheitlich, wie er seine Soldätlein den Freitod sterben liess in Russland. – Also eine Gutmensch-Kaiserin muss her, damit endlich alle gleich sind, vielleicht mischfarbig B? Sie sagt uns, wie sich gute Menschen richtig begrüssen, wie und was sie mit Abstand am richtigsten essen, leben, arbeiten, feiern, was sie wo und wann und vor allem bis wann kaufen dürfen, wie sie das mit dem Kindermachen anstellen sollen, wie und wohin und wie lange sie sich ausser Haus begeben und wie sie sich fortbewegen dürfen, was sie anschauen, lesen, schreiben dürfen – und, ein ganz zentrales Problem: was mit denen geschehen soll, die die Gutmenschen in ihrem Gutsein stören, indem sie ausscheren aus dem Richtigen, dem Guten.

Es möge schmerzen, meinte ein Vierter, aber es gehöre doch auch zum Gutsein, das Nichtgute zu erkennen und auszumerzen? Müssen wir nicht jäten in unseren Gärten, so fragte er, das Unkraut entfernen, damit das Kraut gedeihe? Müssen wir nicht die Schädlinge unter den Tieren erkennen und – lasst uns ein Wort wählen, das nicht so grauslich klingt wie, ihr wisst schon, sagen wir doch 'wegmachen', 'dezimieren' oder halt 'keulen'? Und wieso sollten wir, die Gutmenschen, die alles so machen, wie die weise Kaiserin es uns sagt, nicht auch die Nichtguten unter den Menschen erkennen, die mit falscher Gesinnung, die Schädlinge, die Entarteten, die Verschwörer, die Lügner, die Diebe, die Mehrhaber, sind sie nicht eine Gefahr für das Gute und für uns Gutmenschen, indem sie das Gute, das Reine trüben mit ihrem unrichtigen Fühlen, Denken, Sprechen und Handeln? Reicht es denn aus, sie einfach zu meiden, sie aus der Gemeinschaft der Gutmenschen hinaus zu stossen, ihnen keine Arbeit mehr zu geben, sie aus all unseren Vereinen, Gruppen, Behörden, Schulen und Universitäten zu verbannen?

Ein Pragmatischer fand, dass man die Nichtguten doch irgendwie kennzeichnen sollte, damit kein Gutmensch sich irrtümlich mit ihnen einlasse. Vielleicht mit einem Chip, einer Fussfessel, einer App, oder traditionell mit einer Armbinde, einer Tätowierung? Die Frage lag dann nahe, ob man sie nicht besser separieren, ihnen einen eigenen Lebensraum zuweisen sollte, wo sich unsere Lebenswelten nicht mehr überschneiden würden, wo sie für sich schlecht sein und das Falsche machen und wir für uns gut sein und das Richtige machen könnten?

Aber wie verhindern wir, meinte ein anderer, dass sie ausbrechen aus ihrem Habitat und sich doch wieder einschleichen ins Reich der Guten, und womöglich die Labileren unter den Guten zum Schlechtsein verführen oder den Guten ihr anständig erworbenes Eigentum abluchsten, abtricksten?

Wäre es nicht vielleicht doch besser, erwog schliesslich einer der Gehirnstürmer, wir würden es machen wie mit dem Unkraut? Das pflanzen wir ja auch nicht irgendwo ausserhalb unseres Gartens wieder an. Die Gefahr wäre viel zu gross, dass es sofort wieder in die Gärten hinein wuchern würde. Denn, das weiss man doch, das Schlechte vermehrt sich rascher als das Gute. Also wäre es ja vielleicht doch unsere schmerzliche Pflicht als Gutmenschen, das Ganze anzupacken und zum sinnvollen Ende, zur Lösung zu bringen? Die Runde war sich zumindest einig in der abschliessenden Feststellung, wir seien doch schon recht weit gekommen in dieser hilfreichen Zeit von Klima, Corona und Rassismus, wo sich klarer als früher, zu Calvins Zeiten, zeigt, wer zu den Guten, zu den Richtigen gehört auf diesem Endweg, diesem Lösungsweg, oder findet ihr nicht?


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