Denk-Aufgabe 21-04 vom 31.1.2021


UM-WELT oder MIT-WELT?

Plädoyer für ein horizontales Weltbild


Vorwarnung

Taktisch Geschulte nutzen geschickt die Schwächen des Gegners. Ich betrachte die emotionalisierte und PR-gesteuerte Art der Klima-Debatte, die nur sehr oberflächlich die dahinter liegenden etatistischen und regulatorischen politischen Ziele überdeckt, für schwach, leicht durchschaubar und in der Kulmination der Greta-Panik sogar für hochgradig lächerlich. Aber ich möchte diese Schwäche nutzen und das durch all das Gefühls-Geschwurbel in den Fokus der Aufmerksamkeit geschubste Thema der menschlichen Selbstüberschätzung bearbeiten – aber weder gefühlsdusslig, noch panisch, noch mit versteckten politischen Absichten, sondern nüchtern, rational, mithilfe einer ziemlich weit ab vom Zeitgeist liegenden Art des Denkens, das sich ständig kontrolliert, in Frage stellt und immer wieder auf Distanz zu den Resultaten geht, die es vermeintlich vorurteilsfrei erreicht.

Ziel des Spiels

Ziel ist dabei keineswegs so etwas wie absolute Wahrheit – die überlassen wir weiterhin gerne den religiösen oder ideologischen Fanatikern und Gesinnungsterroristen – sondern das Aufzeigen von Konnexen, Zusammenhängen, teilweise vielleicht unangenehmen Verknüpfungen. Dabei sind auch die für Philosophen typischen, meist ziemlich realitätsfremden Gedankenspiele ein Mittel, um dem eigenen Denken auf die Schliche zu kommen und Vorurteile und Axiome – also nicht weiter hinterfragte Annahmen – als solche zu entlarven. Hier ein kleines Beispiel, das die Praxisrelevanz solcher theoretischer Spielchen illustrieren könnte:

Angenommen, du bist so mächtig, dass dein Entscheid in folgender Frage auch tatsächlich Realität wird: Du hast die Wahl, entweder alle Tiere, Pflanzen, Gewässer, Berge, Schluchten, Gletscherspalten etc., die nicht unbedingt nötig sind für die Menschheit, zum Verschwinden zu bringen und damit die Chance des Überlebens der weiterhin exponentiell wachsenden Menschheit zu vergrössern – oder die gesamte Menschheit mit einer Substanz zu infizieren, die dazu führt, dass in Zukunft rund zwei Drittel der Menschen bereits impotent oder unfruchtbar zur Welt kommen, die menschliche Erdpopulation also innert weniger Generationen auf ein Mass schrumpft, das die Überlebens-Chancen der übrigen Entitäten und des Planeten selbst kräftig erhöht. – Was würdest du tun? Zum Spiel gehört die reichlich theoretische und zugegeben immer auch etwas ärgerlich-dümmliche Binarität des 'Entweder-Oder', das keine dritte Variante oder gar eine ganze Palette von Zwischenvarianten zulässt.

Und? – Ich gebe gern zu, dass das Gedankenspiel realitätsfern und rein für sich genommen reichlich blöd ist, wenn wir es nicht als Mittel zum Zweck benutzen. Und der Zweck liegt auf der Hand: Ich möchte wissen, wie wichtig mir die Menschen sind im Vergleich zum 'Rest' des Wahrgenommenen. Und damit habe ich eine erste Antwort auf die im Titel angetönte Frage:

Bin ich eher ein UM-weltschützer, der die Welt um mich und die andern Menschen herUM erhalten will, damit die Menschen auch in Zukunft gut über die Runden kommen, weil der Mensch nun einfach das Wichtigste, das Bedeutendste, das Herausragendste, ja der eigentliche Gipfel der Evolution ist? – Oder bin ich ein MIT-Weltschützer, der die wahrgenommene Welt nicht hierarchisch in mehr oder weniger schützenswerte Entitäten mit dem Menschen als unangefochtene 'Krone der Schöpfung' zuoberst einteilt, sondern auf Augenhöhe seine MIT-Welt wahrnimmt, sich angesprochen fühlt durch die wahrgenommene Welt und ihr zu antworten, MIT und nicht VON ihr zu leben versucht?

Das Spiel hilft uns zumindest, uns und unseren Vorurteilen, den Axiomen unseres Weltbildes auf die Schliche zu kommen, auch wenn wir uns vielleicht beim Entscheid schwertun oder uns sogar mächtig ärgern darüber, dass keine Zwischenlösungen angeboten werden. Die Idee dieses Essays ist nun, ohne spirituelles Geschwurbel, ohne emotionalisiertes Panik-Gedöns und ohne politische Tricks so nüchtern wie möglich herauszufinden, woher die Einstellung derjenigen kommt, die von einer erhöhten Position aus alles Wahrgenommene als zu benutzende und dienlich zu erhaltende UM-Welt anschauen, und wie sie diese Einstellung begründen, und auf der anderen Seite zu ergründen, woher die Einstellung der MIT-Welt-Promotoren kommt, und mit was für nüchternen Argumenten sie ihre Haltung zu stützen versuchen. Wenn der Text einigen wenigen hilft, die primär mit sich selbst geführte Debatte über das gerade aktuelle Thema zu versachlichen und eine Position zu finden, die er oder sie jenseits aller emotionalen oder politischen Verstricktheit auch jederzeit rational begründen kann, so hat er seinen Zweck erfüllt. Wenn Sie auch ab und zu lachen beim Lesen und Spielen – umso besser.

Vertikales UM-WELT- vs horizontales MIT-WELT-Denken

Es gibt Menschen und Kollektive, ja ganze Nationen, Ideologien und Religionen, die ganz stark in vertikalen Strukturen denken und leben. Alles, was sie wahrnehmen, wird sofort durch den Raster der Vertikalität positioniert in 'oben' oder 'unten' – und, ganz selten und meist nur vorläufig und vorübergehend in 'gleichauf'. In vielen Fällen ist ihnen diese vertikale Einordnung oder Hierarchisierung derart selbstverständlich, dass sie unbewusst vorgenommen und nicht hinterfragt wird. Natürlich unterscheiden sich die Kriterien individuell, nach denen die Einteilung vorgenommen wird, aber darum geht es mir hier nicht. Mich interessiert die Grundeinstellung der dominant vertikalen Struktur des Weltbildes. Wobei die Vertikalität an sich nicht das Problem ist, nur die Engführung von 'oben' = 'gut' und 'unten' = 'schlecht', die zu einem Gerangel nach 'oben' führt. Positiv konnotierende Begriffe wie 'Erfolg' oder 'Glück' werden verknüpft mit einem Platz 'ganz oben'. Hinter der Wertung steckt auch das Bild von dunkel und hell: unten, unter der Erde ist es dunkel, dort wird in vielen religiösen Vorstellungen auch die 'Hölle' ('Höhle'), das 'Inferno' als Inbegriff des 'Schlechten' angesiedelt; oben ist es hell, der nach oben Strebende kämpft um 'einen Platz an der Sonne', und 'ganz oben' ist der 'Himmel', das 'Paradies'.

Diese mit Wertung verknüpfte Vertikalität finden wir nicht nur in der Bibel, sondern auch in unzähligen literarischen Werken wie Dantes 'Divina Comedia'. Sie macht auch verständlich, warum sich die katholische Kirche so schwer tat damit, das ptolemäische Weltbild aufzugeben. Es passte einfach so wunderbar zusammen mit der klar verortbaren Zuweisung von unten und oben. Entgegen der Befürchtungen der Kirche hat das vertikal wertende Weltbild aber trotz Galilei et al. bestens überlebt.
Es zeigt sich in all den Statistiken und Wettbewerben, die auf Komparative und Superlative hinauslaufen und in denen reichste, mächtigste, schnellste, schönste, beste, fruchtbarste, erfolgreichste, gefährlichste, giftigste, gesundeste, hilfreichste, oder bei Waffen gern auch tödlichste Entitäten und Phänomene aufgereiht werden. Zurzeit können Sie diese Lust an Rekorden auch bei der Corona-Berichterstattung der Mainstreammedien beobachten: die Begeisterung der Journalisten über steigende Infektions- und Todeszahlen und die Vergleiche zwischen den Nationen – "Mexiko überholt Indien!" – kennt keine Grenzen. Superlative stossen bei wenig entwickelten Menschen regelmässig auf Bewunderung, auch wenn es um den Jäger mit der höchsten Abschussquote, den Serienkiller mit der höchsten Opferzahl, den Gewaltherrscher mit den meisten Umgebrachten geht: wer einen Superlativ erreicht, ist erfolgreich und sich eines Platzes in der Geschichte sicher. Wenn in tausend Jahren alle Friedensnobelpreisträger, alle grossen Künstler der Vergangenheit längst vergessen sind, wird man sich noch an Figuren wie Hitler oder Stalin erinnern.
Junge Menschen, die in solchen Denk- und Kommunikationsfeldern aufwachsen, können sich nur schwer dem Sog entziehen, irgendeinen dieser Superlative anzustreben oder zumindest für anstrebenswert zu halten, in irgendetwas die 'Weltnummer 1' zu werden und wenigstens für eine gewisse Zeit an der Spitze einer vertikalen Struktur zu stehen.

Verschiedene Religionen und Ideologien gingen so weit, die Menschheit als Ganzes an die Spitze einer vertikalen Hierarchie zu positionieren und den Menschen als 'Krone der Schöpfung' zu legitimieren, ja gar aufzufordern, sich 'die Erde untertan zu machen'. Dies hat er in den letzten paar tausend Jahren auch mit viel Erfolg getan. Nur ging sie leider dabei nachhaltig kaputt, und so langsam merkt er, ähnlich der gefrässigen Krebszelle kurz vor dem Exitus, dass der Untergang des Wirts auch seinen eigenen bedeutet. Das kann noch eine Weile dauern, aber m.E. lohnt es sich durchaus, sich bereits jetzt einige Gedanken zu machen, wie man der verfahrenen Situation einen neuen Dreh geben könnte. Die Greta'sche Klima-Hysterie und Panikmache halte ich für wenig zielführend, und ich bezweifle, dass mit ein bisschen weniger CO2-Ausstoss die Welt gerettet wird, aber ich verachte die äusserlichen, materiellen Ansätze keineswegs, wenn sie mithelfen, die oben skizzierte vertikale Sichtweise zu hinterfragen.

Der aktuelle Ansatz der Klima-Hysteriker bedeutet für viele primär Verzicht und weniger Lebensqualität, und bleibt bei den meisten im Gedanken stecken, die 'Umwelt' als Selbstbedienungsladen, als auf der vertikalen Achse unter uns stehendes Konsumgut zu erhalten. Nur schon der Begriff 'Umwelt' deutet auf die dahintersteckende Haltung: die Welt um uns, die wichtigste, zentrale, ja eigentlich letztlich die einzig erhaltenswerte Spezies, herum, das 'surrounding' um den Kern, das doch bitte einigermassen brauchbar und erspriesslich bleiben soll. Man erhält die Natur nicht um ihrer selbst willen, weil ihr ein eigener Wert zukäme, sondern nur insofern, als sie für uns notwendig oder zumindest nutzbar, brauchbar ist.

Wenn ich hier einlade, sich zur Abwechslung ein horizontales Weltbild genauer anzuschauen, dann stelle ich nicht Verzicht und weniger Lebensqualität in Aussicht, sondern das Gegenteil: eine faszinierende Bereicherung und Erhöhung der Lebensqualität und eine Form von Glück, wie sie materielle Güter oder Top-Positionen auf irgendwelchen Best-of-Rankings nie vermitteln können. Aber wie sich das für anständige Philosophen gehört, versuche ich zuerst, wenigstens in Stichworten die Gegenposition stark zu machen.

Vorteile des vertikalen Weltbildes

Spielen Sie Bei-Spiele durch: Wie wäre es, wenn ich 'ganz oben' wäre, ich, meine Familie, meine Kinder, mein Verein, mein Sport, meine Gemeinde, mein Land (an der Fussball-WM!).

Sie werden bald entdecken, dass der Hauptvorteil des vertikalen Weltbildes in der Legitimation der Macht des Oberen über alles Untere besteht, bis hin zur ultimativen Macht des Tötens. Um diese Legitimation nicht zu verlieren, sträuben sich die meisten Menschen gegen eine Aufgabe dieses eigentlich leicht durchschaubaren Trick-Weltbilds, das ja nur eine These, eine Setzung, eine Behauptung ist, die jedes andere Wesen auch für sich reklamieren könnte und das ja nicht nur von den Menschen gegenüber der Natur, sondern auch innerhalb der Menschheit in ständigem Krieg aller gegen alle angewendet wird. Auch im Übrigen durchaus intelligente Menschen rechtfertigen ihre Macht über andere mit dem simplen Hinweis auf ihre Position in der vertikalen Skala oder – noch einfacher – mit dem Hinweis auf die Legitimation der Macht des Stärkeren: "Ich tue es, weil ich es kann. Und die Tatsache, dass ich es kann, legitimiert mich, es zu tun."

Zugegeben, Macht hat Suchtpotential und es ist nachvollziehbar, dass defizitäre Persönlichkeiten sich an ihre vertikale Macht über andere und anderes klammern, und sei sie noch so klein. Aber sie ahnen nicht, was sie verpassen, wie einsam es ist auf ihrer Leitersprosse. Denn sie können und wollen gar nicht in Kommunikation treten mit der Welt. Sie erhalten Weisungen von oben und geben Weisungen nach unten – und erleben nie Dialog mit der Welt auf Augenhöhe. Und damit wären wir bereits bei den Nachteilen

Nachteile des vertikalen Weltbildes

Kommunikation kommt vom lateinischen Adjektiv 'communis', das man in etwa mit 'gemeinsam', die Tätigkeit der Kommunikation mit 'gemeinsam machen' übersetzen könnte. Das kommt im vertikalen Weltbild gar nicht vor. Kommunikation ist nicht dasselbe wie Befehlserteilung, aber auch nich dasselbe wie Verschmelzung oder Vereinigung, Einsmachung; es ist das In-Dialog-Treten mit einem Gegenüber. Und um ein Gegenüber überhaupt erkennen zu können, braucht es eine minimale Distanz zwischen Erkennendem und Erkanntem.

Die Evaluierung der jeweils gerade richtigen, stimmigen Distanz zwischen zwei sich getrennt wahrnehmenden Entitäten besteht in einem – zuerst meist nonverbalen - Kommunikationsprozess. Behindert wird der Dialog am meisten durch die anthropozentrische, rassistisch-fundamentalistische und ich-trunkene Illusion der meisten Menschen, nur sie seien kommunikationsfähig oder - in der milderen, aber immer noch von abenteuerlicher Eitelkeit triefenden Variante - nur sie könnten bestimmen, welche anderen Entitäten in welchem Masse und mit welchen Mitteln kommunikationsfähig seien. Es ist die durch Jahrtausende vor allem im christlichen Abendland kultivierte Arroganz der Menschen, die Welt sich 'untertan zu machen', sie als Servicestation, als Ersatzteillager, als Konsumtempel anzuschauen, die das Kommunizieren auf Augenhöhe, den partnerschaftlichen Dialog mit allem, was man wahrnimmt, für den Grossteil der nackten Affen so unsäglich erschwert. Dabei würde bereits eine nüchterne Vor-/Nachteil-Analyse zeigen, dass sich diese Überhöhung der eigenen Spezies nicht lohnt, schon gar nicht auf die Dauer. Denn wie uns das die Krebszellen so wunderschön deutlich spiegeln: wenn sich Einzelteile in einem komplexen, vernetzten System abkoppeln von dem, was für das ganze System förderlich ist, wenn sie sich als Dominatoren, als Chefs aufführen, sich rücksichtslos vermehren und ungefragt an jeder Ecke Filialen bzw. Metastasen eröffnen, dann geht eben nicht nur der Wirt, der Körper, der Planet ein, sonder die arroganten Abkoppler mit ihm.

Wer je in einer straffen Hierarchie eine Funktion innehatte, weiss, dass in einem vertikalen System nicht dialogisch-partnerschaftlich kommuniziert wird, sondern dass hier die sogenannte einseitige Übermittlung vorherrscht ( was nur ein Euphemismus für den Befehl ist, der nicht auf ein Gespräch, sondern höchstens auf eine Quittierung wie 'Verstanden' und vor allem auf ein Verhalten abzielt, das den Inhalt des Befehls umsetzt). Genau so geht der Mensch nicht nur mit dem Planeten und all seinen nicht-menschlichen Bewohnern um, sondern überall, wo er kann, auch mit Seinesgleichen. Wo zwei oder drei beisammen sind, da geht's zwar nicht immer gleich fromm zu und her, aber es wird bestimmt sofort eine hierarchische Struktur erstellt, und sei es auch eine inexplizite. Ob das in der Natur des Menschen liege, wie z.B. der Trieb, immer dann, wenn er den Drang verspürt, seine Notdurft zu verrichten, dies auch sofort ohne Umschweife zu tun, oder ob es doch vor allem eine Prägung der im Dunstkreis des idiotischen Bibelsatzes 'Machet euch die Erde untertan' sozialisierten 'Abendländer' sei, können wir getrost den Soziologen späterer Jahrhunderte überlassen, so es sie denn noch gibt (die Jahrhunderte mit lebenden Hominiden, die sich der Soziologie verpflichtet wissen), mich führt die Beobachtung zu folgender These:

Kultur beginnt mit dem Kommunizieren auf Augenhöhe.

Damit wären alle Aktivitäten in vertikal-hierarchischen Strukturen ausserhalb des Kulturbegriffs anzusiedeln. Rücksichtsloses Benutzen von Wesen und Dingen kann durchaus Phänomene erzeugen, die gemeinhin als Kunst verhökert und als 'Kultur' bezeichnet werden. Die These will den Fokus auf den Dialog legen, auf die Kommunikation mit dem Gegenüber, sei es Wesen oder Ding. Zivilisation als äusserlich sichtbarer, bescheidener Ausdruck von Kultur beginnt ja für viele auch dort, wo man eben nicht einfach in die Zimmerecke pinkelt, wenn einem danach ist, sondern dazu vorgesehene und geeignete Lokalitäten aufsucht. Genau so meine ich es mit der Kultur im Grossen: conditio sine qua non ist der Dialog mit dem Wahrgenommenen. Und damit Dialog möglich ist, braucht es eine minimale Empathie, eine hierarchiefreie Zuwendung auf Augenhöhe, die man auch mit den Begriffen Rücksicht, Respekt, Achtsamkeit umkreisen könnte. Dies scheint mir die beste Haltung zu sein, wenn man so wenig weiss über Bewusstsein und Kommunikationsprozesse bei dem von uns Wahrgenommenen.

Solange wir nicht wissen, ob eine andere Entität, z.B. ein Fluss, ein Berg, ein Baum über Bewusstsein verfügt und wenn ja über was für eine Art von Bewusstsein, solange wir auch nicht mehr über die Kommunikationsmöglichkeiten anderer Entitäten wissen als das, was wir selbst schon direkt erlebten oder wovon uns andere berichteten, sollte uns dieses sokratische Nichtwissen in eine neugierig-abenteuerliche Haltung von Zuwendung und Kommunikationsversuch schubsen. Wenn man beispielsweise einem Baum nicht nur als Pinkelgelegenheit, Schattenspender oder Papierlieferanten begegnet, sondern als Mitwesen, das vielleicht schon viel länger da ist als wir und das uns auf seine Weise etwas 'erzählen' und unser Sosein spiegeln kann, so wird es nicht nur unheimlich spannend, sondern es beginnt auch das, was ich mit meinem Kulturbegriff meine: das einzige Hindernis, dass es zu einem Austausch, zu einem echten Dialog kommt, ist, wenn wir es für unmöglich halten und nicht zulassen, wenn wir gar nicht bereit sind, uns auf die Suche nach dem gemeinsamen Draht, der funktionierenden Kommunikationsschiene zu begeben. Der alte Marpa-Aphorismus, dass es Grenzen nur dort gibt, wo wir sie ziehen, gilt ganz besonders bei der Kommunikation. Wer überzeugt ist, dass man mit einem Tier, einer Pflanze, einem Fluss oder sonst irgendeiner wahrgenommenen Entität nicht kommunizieren kann, wird so wenig Kommunikationserfahrung machen wie der, der den Radioempfänger für ein totes Stück Kunststoff hält und weder bereit ist, ein paar Schritte aus dem Zivilschutzbunker hinaus zu treten, noch willens, mit feiner Hand die Frequenzen abzusuchen. Wer sich umgekehrt auf ein Gegenüber einlässt, kann erleben, dass sich das vermeintliche Objekt als ein mit uns verknüpftes, dialogfähiges Subjekt entpuppt.

Vom Umgang mit der eigenen Kommunikationsbehinderung

Wenn wir von x-was angestossen werden, in unseren Erinnerungen zu kramen und nicht gleich fündig werden, sagen wir manchmal sinnend: "Das sagt mir was! - Ich weiss im Augenblick nur nicht mehr, was es mir sagt..."

Das ist in etwa die Einstellung, die ich Ihnen verklickern möchte, um mit Ihrer Kommunikationsbehinderung besser umgehen zu können. Je nachdem, wie unsicher Sie sind, könnten Sie jetzt bereits mit Entrüstung reagieren: "Ich und kommunikationsbehindert? Frechheit! Ich spreche fliessend X Sprachen!" (Sie dürfen mit innerer Genugtuung X durch die Zahl ersetzen, die Sie jeweils in Ihrem CV bzw. in Interviews angeben).
Tja, sobald sich Ihre Entrüstung wieder gelegt hat und Sie noch da sind, komme ich zur ersten These:

"Kommunikation ist unendlich viel mehr als menschliche Verbalsprache."

Ja ja, wir haben alle schon in Konzertkritiken von 'Tonsprache', in Tanzkritiken von 'Körpersprache' gehört, und die eine oder andere vielleicht auch schon von der Duftsprache eines Parfums, der Hunde und anderer Tiere, die Duftmarken hinterlassen oder gar der Pflanzen untereinander. Einige Gourmands kennen vielleicht auch die gustatorische Sprache, die man mit den Geschmacksknospen der Zunge decodiert. Man muss auch nicht zwingend blind sein um nachzuvollziehen, dass Blindenschriften – v.a. die aus verschiedenen Punktkombinationen bestehende Brailleschrift – mit dem Tastsinn der Finger decodierte Tastsprachen sind. Hier ist der Tastsinn allerdings nur der Ersatz für den Sehsinn zur Decodierung der Verbalsprache. Von eigentlichen Tastsprachen könnten wir beim Massieren sprechen und bei all den reichen Formen der Berührung, vom warmen Händedruck über das Anfassen von Pflanzen, Bäumen, Steinen, Dingen, das Streicheln von Tieren, bis zum erotisch-sinnlichen Körperkontakt zwischen Menschen. Gerade bei Letzterem sollte es nicht allzu schwer fallen, die Bedeutung nonverbaler Kommunikation zu erkennen – und auch den Spass, den sie bereiten kann, wenn man sie ein wenig beherrscht. Massage und erotische Körpersprache schaffen auch gleich - so hoffe ich - am leichtesten Verständnis für These zwei:

"Alle Formen der Kommunikation wollen gelernt sein."

Es gibt bestimmt Unterschiede im Talent – wie bei der verbalen Kommunikation auch – aber es ist wie überall: Talent allein reicht nicht. Irgendwann artet das Ganze in Arbeit aus, wenn man auch nur den geringsten Beherrschungsgrad einer Kommunikationsform erreichen will. Dieser Lernprozess muss allerdings nicht zwingend bewusst als kommunikationsorientierter erlebt werden. In vielen Fällen ist unser kommunikativer Fortschritt ein Derivat, ein Randprodukt einer auf ganz andere Ziele gerichteten Tätigkeit, sei es im Beruf oder in irgendeinem Hobby. Dass der Reiter mit seinem Pferd eben nicht nur plappert, sondern 'pferdisch' spricht, indem er genau beobachtet, wie Pferde untereinander kommunizieren und dies mit seinen Möglichkeiten imitiert und adaptiert, dass der Geigenbauer mit dem Holz 'spricht' und dieses ihm auch antwortet, leuchtet vielleicht ebenso ein, wie dass die Geigerin mit dem fertigen Instrument in Dialog tritt. Dass auch jeder Läufer mit dem Boden kommuniziert und geringsfügigste Änderungen in seiner Beschaffenheit wahrnimmt, die Gegenkräfte des Bodens als Antwort auf sein Auffussen interpretieren kann, mag schon etwas mehr erstaunen. Sobald es sich um einen Kletterer handelt, der mit dem Stein ins Gespräch kommt und dessen Leben durchaus von der Antwort des Steins abhängen kann, wird die These von der Wichtigkeit des Kommunizieren-Lernens wieder plausibler.

Wer in irgendeiner Tätigkeit ein gewisses Niveau erreichen will, muss also mit den Entitäten, die in diese Tätigkeit involviert sind, in Kommunikation treten und den Dialog trainieren. Das führt uns zu These 3, die bereits gefährlich an der Eitelkeit des Menschen als 'Krone der Schöpfung' zu sägen beginnt:

"Alles, was wir wahrnehmen, ist Kommunikationspartner."

Sehen Sie, wie ich Ihnen – ziemlich fies – eine monströse Erweiterung der kommunikationsfähigen Entitäten unter die Weste schieben will mit dem 'Alles, was wir wahrnehmen'? Vorher waren es noch die Wesen oder Dinge, mit denen wir beruflich, sportlich oder sonstwie intensiv zu tun haben – jetzt ist es schon 'Alles, was wir wahrnehmen'. Zugegeben, dahinter steckt eine kleine Nebenthese, die Sie selbstverständlich – wie alle Thesen, die ja immer Behauptungen, Annahmen sind – fröhlich (oder auch entrüstet, aber Letzteres ist immer ein wenig lächerlich) ablehnen dürfen. Nur sollten Sie, falls Sie beim intellektuellen Diskurs-Spiel mitspielen wollen, einigermassen plausible Argumente anführen können für Ihre Ablehnung. Ich sage damit nicht, dass man nicht auch etwas aus dem Bauch, aus emotionaler oder intuitiver Befindlichkeit heraus ablehnen dürfe – das ist sogar oft der sicherste Indikator dafür, dass uns etwas Wahrgenommenes nicht gut tut – ich sage nur, dass man damit das Spielfeld verlässt, das ich hier 'intellektuelles Diskurs-Spiel' nannte. Nun also zur Nebenthese, die eben gar nicht so nebensächlich ist:

"Wahrnehmung ist Kommunikation."

Wahrnehmung ist Kommunikation. Interpretation und Zuordnung des Wahrgenommenen sind das Resultat dieser Kommunikation. – Klingt doch ganz locker? Ich sehe eine Schnecke, lächle vielleicht, weil sie im Unterschied zu mir ihr Haus immer bei sich hat – sie ist sozusagen ständig im Home-Office – und jetzt scheiden sich die 'Vertikalen' von den 'Horizontalen', die 'Umweltler' von den 'Mitweltlern', diejenigen, die alle Nicht-Menschen, also den 'Rest der Welt' für nicht kommunikationsfähig halten von denen, die sich von allem, was sie wahrnehmen AN-SPRECHEN lassen und auf diese Ansprache durch Welt antworten wollen. Der Vertikale ignoriert die Schnecke oder übt Macht aus, schmeisst die Schnecke aus dem Gart, streut Gift, steht auf sie drauf, überfährt sie - alles legitimiert durch seine höhere Position auf der vertikalen Leiter. Die Frage, ob die Schnecke kommunikationsfähig sei, ein Bewusstsein habe, Schmerz empfinden könnte oder ob ihr gar ein Sinn abzugewinnen sei, vielleicht Entschleunigung, vielleicht 'Alles-dabei-Haben'? stellt sich ihm gar nicht - es ist ja nur eine Schnecke. Und wenn der 'Horizontale' ihm die Frage stellt, ist das für ihn Eso-Quatsch, spiritueller Kitsch, wenn der von seinen Erlebnissen auf Augenhöhe berichtet.

Nun, so liebenswert das klingt mit diesen 'Mitweltlern', die da mit jedem Fluss den Rede-Fluss initiieren, dieses für die Umweltler reichlich kitschige Weltbild hätte auch grauenhafte, unabsehbare Konsequenzen, wenn man sich darauf einliesse. An irgendwas Unbewusstem, Totem, tief unter uns Angesiedeltem kann man doch rummachen, wenn es nützt oder auch aus purem Spass Gewalt anwenden. Noch Descartes hielt das Tier für nicht schmerzfähig, für eine reine Maschine – und wenn man sich in unseren Schlachthöfen umschaut, hat sich daran nicht viel geändert. Es sind ja nur Tiere. Als beim ersten Nerz das Coronavirus entdeckt wurde, ermordete man flugs und ohne Federlesens 17 Millionen dieser Tiere allein in Dänemark. Die Legitimation war simpel und kaum angefochten: vielleicht konnte man so das Leben eines 86-Jährigen Diabetikers um ein paar Wochen verlängern. Eine deutlichere und aktuellere Demonstration, wie tief das vertikale Weltbild noch verankert ist, braucht es kaum? Oder vielleicht der Umgang mit männlichen Küken? Sie werden jetzt neu nicht mehr geschreddert, nur noch vergast. Allein in der Schweiz rund 2 Millionen jährlich. 'Au-Schwiz' ist ganz nah, liebe Möchtegern-Gutmenschlis und 'Umweltler'.

Warum ist Freude an der Gewalt das unter Menschen am weitesten verbreitete und am häufigsten zu beobachtende Phänomen, ja vielleicht sogar das, was den Menschen unter allen Tieren am treffendsten kennzeichnet? - 'Homo destruens' statt des überheblichen 'sapiens'? Eigentlich ist es trivial: der vom Mutterleib abgenabelte Mensch beginnt langsam wahrzunehmen. Um seine Wahrnehmungen irgendwie einordnen zu können, spielt er mit ihnen herum und erkennt bald, dass er mit 'Rummachen' auf Wahrgenommenes einwirken, es verändern kann. Er erlebt auch, dass ein Teil des 'Rummachens' angenehme, ein anderer Teil unangenehme und ein grosser Teil überhaupt keine direkten Körpergefühle auslöst. Der Spass an diesem ersten, ganz ohne fremde Hilfe erkannten Einteilungsprinzip ist bei den meisten kleinen Menschlein gross und sie schicken sich an, die wahrgenommene Welt aufgrund dieser Einteilung zu erforschen und zu memorieren. Bald kommt es zu ersten Konfliktsituationen: Das Saugen an der Mutterbrust und das Schlucken der Milch, das warmnährende Gefühl der Flüssigkeit im Bauch scheint für das Baby zu den angenehmen Körpergefühlen zu zählen. Die Saugerei gehört also offenbar zu dem Teil des 'an der Welt Rummachens', der für den Säugling positiv konnotiert ist. Was aber, wenn da plötzlich nix mehr kommt, die Milch alle ist, oder die Mutter nur schon die Brust wechseln will? Da wird lautstark protestiert und dann vielleicht mal probeweise etwas härter zugepackt. Sobald kleine scharfe Milchzähne vorhanden sind, hat diese Art des 'Rummachens' an der nächsten Umwelt bereits die Züge von Gewaltanwendung. Der Säugling will sein Bedürfnis stillen, die Verfügbarkeit des Begehrten möglichst lange sichern und greift dabei zu den Mitteln, die er gerade zur Verfügung hat. Der allfällige Schmerzensschrei der Mutter kann nun eine ganze Palette von Gefühlsreaktionen auslösen beim Säugling, von "Geschieht ihr Recht. Sie soll sich hüten, mir noch jemals schlappe Titten anzubieten oder halbgefüllte zu entziehen!" über "Naja, sorry, war ja nur eine Warnung!" bis zu "Uuh ich wollte dir doch nicht wehtun, nur kucken, ob Beissen was bringt!" - In allen Fällen ist damit die Basis für verschiedenste Muster lebenslänglichen 'Rummachens an der Welt' gelegt. Allen gemeinsam ist die je nachdem als beglückend oder erschreckend eingestufte Erkenntnis, dass Gewaltanwendung das Wahrgenommene sichtbar, hörbar, spürbar – und meist sehr schnell verändert. Keine andere Art des 'Rummachens' oder schlicht 'Machens' führt so direkt zum Machterlebnis und damit zur Selbstvergewisserung wie die Anwendung von Gewalt.

Destruo, ergo sum

So nett und einleuchtend Descartes These 'Cogito, ergo sum', also in etwa 'Ich denke, zweifle, also bin ich' auf Anhieb klingt - sie ist doch reichlich akademisch, zumal es die wenigsten Menschen überhaupt je bis zum Entwicklungsstand autonomen Denkens schaffen ("Denken ist grundsätzlich allen Menschen möglich. Vielen aber bleibt es erspart." Curt Goetz). Gewaltbereitschaft ist hingegen nicht nur allen Menschen möglich. Sie bleibt auch keinem erspart. Denn es ist immer nur eine Frage der Optik, ob irgendein 'Rummachen' von irgendeiner davon betroffenen Entität als Gewalt erlebt wird oder nicht. 'Destruo, ergo sum!' wäre deshalb die meines Erachtens treffendere Variante des Descartes-Sprüchleins: 'Ich zerstöre, ich wende Gewalt an, also bin ich!' Es ist dieses Grunderlebnis der Fähigkeit, etwas weg zu machen, etwas davon zu jagen, etwas in der Form zu verändern, auf etwas Wahrgenommenes so einzuwirken, dass es kaputt geht, mit Schmerz, Leblosigkeit oder Verschwinden reagiert, das dem Menschen immer wieder versichert: 'Es gibt dich! Denn gäbe es dich nicht, wären alle diese Wirkungen auf die von dir wahrgenommene Welt ausgeblieben!' Der grosse Vorteil dieser Art von Selbstvergewisserung gegenüber der Descarteschen Denk- oder Zweiflerei ist die Verzahnung (sic!) mit dem als 'Aussen', als 'Nicht-Ich' Wahrgenommenen. Der Zweifelnde erhält kein Feedback von sich selbst zur Frage, ob seine Zweiflerei nur Traum, nur realitätsfernes Hirngespinst sei. Das 'Ich bin!' des Denkzweiflers bleibt im Kokon des eigenen Bewusstseins stecken. Der Protagonist tritt nicht in Kontakt mit dem Wahrgenommenen – er zweifelt nur an seiner Wahrnehmung und an der Interpretation, was ich für äusserst wertvoll halte - aber nicht der Bestätigung des 'Ich bin' dienend.
Der Gewalt Anwendende hingegen, der 'Homo destruens' tritt in Kontakt mit dem Wahrgenommenen. Wenn es auf seine Gewaltanwendung reagiert, bestätigt ihm das, dass er zumindest nicht allein ist in seinem Wahrnehmungsraum, dass es so etwas wie Mitspieler gibt, auf die er einwirken kann. Aus der Reaktion des Wahrgenommenen auf seine Gewaltanwendung schliesst er zurück auf seine Existenz; sie plausibilisiert seine These des 'Ich bin'. Noch stärker wird diese Gewissheit, wenn er auch Gewalt an sich selbst erlebt, sei es, dass er sie selbst gegen sich anwendet, sei es, dass etwas Wahrgenommenes gegen ihn Gewalt anwendet. Aktives und passives Machen – und Machen hat immer einen Gewaltaspekt, wie zu zeigen sein wird – wären also die sichersten Methoden der Selbstvergewisserung.
Natürlich liefert auch die aktive und passive Gewalt keine Sicherheit über das Mass an 'Realität' dieses 'Ich bin'. Es könnte immer noch ein gigantisches Spiel, ein Albtraum, eine Schimäre sein, die sich nur in unserem Bewusstsein abspielt, wie das östliche Weisheitslehren postulieren. Aber mit dieser Relativität müssen wir uns abfinden, solange es uns nicht gelingt, über unser Bewusstsein hinaus zu gelangen. Dass dies auf verschiedensten Wegen versucht wurde und wird, mit mehr oder weniger Erfolg, sei es mit bewusstseinserweiternden Drogen, mit Musik, Meditation oder mit dem meines Erachtens erfolgversprechendsten, aber nicht so leicht zu behändigenden Mittel, nämlich mit bedingungsloser Liebe, habe ich in anderen Texten zu beschreiben versucht. Hier geht es mir nur um den graduellen Unterschied in der gefühlten Selbstvergewisserung. Ich behaupte, dass aktive und passive Gewalt in ihrer physisch erlebbaren Rohheit das den meisten Menschen am leichtesten zugängliche Mittel der Selbstvergewisserung ist.

Construo, ergo sum?

Menschenliebende Frohnaturen mögen einwenden, das sei doch nur die eine Hälfte des Machens, man müsse doch auch den kreativen Gestaltungswillen, das Konstruktive menschlichen Machens sehen und könne mit gleicher Berechtigung sagen: 'Construo, ergo sum!' - Dagegen spricht die genauere Analyse des 'Konstruierens': dass wir etwas als 'konstruktiv' und damit positiv bewerten, ist eine nachträgliche Wertung eines 'Machens' aus einer ganz bestimmten Sicht. Wenn ich ein neues Haus haben möchte an dem Ort, wo gerade noch ein altes Haus und ein paar Bäume im Weg stehen, so werte ich die Destruktion des Vorhandenen als konstruktiv. Aus der Sicht der Bäume und der ganzen Lebensgemeinschaften in und um die Bäume dürfte die Wertung anders ausfallen. Die Zuordnung der die Wertung umpolenden Vorsilben 'de-' oder 'con-' ist also abhängig vom wertenden Bewusstsein. Was bei einigermassen nüchterner Betrachtung bleibt, ist das 'Rummachen' des Menschen, das immer für irgendeine andere Entität als destruktiv, als Gewaltanwendung erlebt werden kann. Wenn wir Wärme erzeugen, 'konstruieren' wollen und dazu Holz verbrennen, ist es besonders augenfällig, dass das positiv Bewertete, die Wärme, nur über die Zerstörung oder zumindest durch ein massives Eingreifen in den Zustand des Holzes zu haben ist.

Nicht-Menschen = empfindungslose Maschinen?

Aus diesem Dilemma, dass er ohne 'Machen' nicht leben kann, mit jedem Machen aber immer auch zerstört und Gewalt anwendet, rettete sich der Mensch durch die unsäglich faule These, nur er verfüge über die Fähigkeit, Gewalt als Gewalt, Zerstörung als Zerstörung, Schmerz als Schmerz zu erleben. Derselbe Descartes, dem ich oben schon etwas am Zeug herum flickte (jaja, in konstruktiver Absicht, aber mit durchaus zerstörerischer Komponente, wenn ich seinen wohl berühmtesten Satz ersetzen, wegmachen möchte!), ebendieser grosse Descartes, der zum 'Vater des Rationalismus' hochstilisiert wurde, obzwar er doch eher 'eso-mässig' im Cheminée vor sich hin träumte in seinen 'Meditationes', verstieg sich zur doch recht hanebüchen idiotischen Behauptung, Tiere seien nur Maschinen und hätten keine Empfindungen, seien also auch nicht leidensfähig. Ich erwische mich bei dem leicht sadistischen Gedanken, die Hindus möchten doch recht haben und der gute Descartes sei mit diesem grauslichen Karma belastet inzwischen ein paarmal als Tier zur Welt gekommen und hätte in seinem Cheminée bei lebendigem Leib gebraten, um zu erfahren, wie strohbohnenblöd seine Behauptung war, die leiderleider bis heute noch in leicht abgeschwächter Form unseren gewalttätigen und Empathie-armen Umgang mit den Tieren prägt. Auch und gerade die Wissenschaft, die im Solde von Pharma-Unternehmen viele Batzelis verdient, indem sie Medikamente und Hygieneprodukte in grausamsten Tests an Tieren ausprobiert, vegisst die wissenschaftliche Grundhaltung der Unvoreingenommenheit, wenn es um die Fragen nach der Empfindungsfähigkeit nichtmenschlicher Entitäten geht. Anstatt zuzugeben, dass wir schlicht nicht wissen, was welches Tier, welche Pflanze, welche Entität überhaupt in welcher Situation wie wahrnimmt, dass wir es nur immer wieder herauszufinden versuchen können, indem wir mit Tieren, Pflanzen, Dingen kommunizieren, blenden die Wissenschaftler das wenig Ruhm und noch weniger Geld einbringende Thema lieber aus, überlassen es den wenigen angefressenen Ethologen. Hier, im Umgang mit dem Tier als dem uns ähnlichsten Wahrgenommenen, läge meines Erachtens ein Schlüssel zu einem bewussteren, reiferen Umgang mit dem Dilemma der Gewalt, das uns vor die Wahl stellt, zu leben und damit ständig auch zu zerstören, oder mit dem Verzicht auf das Zerstören auch auf das Leben zu verzichten.

Der Motivation auf der Spur

Es lohnt der Versuch, das bluttriefende und in der Regel negativ konnotierende Wort 'Gewalt' also angesichts ihrer Unentrinnbarkeit als 'conditio humana' etwas von der Wertung zu befreien – oder den Begriff nur für den Teil des 'Rummachens' des Menschen an der Welt zu verwenden, wo die Zerstörung, das Wegmachen, das Leidzufügen sich als Motivation, als Ziel und Zweck des Machens verselbständigt. Wenn das Ziel des Säuglings die Sättigung ist und er begreift, dass er das Ziel gerade nicht erreicht mit Beissen und Brüllen, sondern im Gegenteil mit zärtlicher Zuwendung, wird er das für Mutter und Kind letztlich als 'konstruktiv' bewertete 'Rummachen' an den Brüsten wählen. Wenn sein Ziel aber nur das Machterlebnis ist, dass er mit dem Zubeissen nämlich eine Schmerzreaktion bei dem doch viel grösseren Wesen 'Mutter' auslösen kann, ohne dass er durch Körpersprache in diesem Vorgehen beeinträchtigt wird, dann ist der Grundstein für das Phänomen der 'Freude an der Gewalt' gelegt und die Chancen sind wohl nicht allzu klein, dass das Muster sich lebenslänglich in allen möglichen Facetten wiederholt.

Achtsamkeit beim 'Machen'

Kriterium für meine subjektive und relative Wertung der unvermeidbaren Gewalt, die in jedem Akt des Machens liegt, wäre also die Verselbständigung der Freude an der Gewalt als Selbstzweck. Und die Kompetenz, um bei jedem Akt des Machens, sei er äusserlich oder innerlich, zu unterscheiden, ob die von uns angewendete Gewalt und die von uns bewirkte Zerstörung wirklich unabdingbar sind für unser Überleben und das derjenigen Entitäten, für die wir Verantwortung übernommen haben, wäre die Achtsamkeit. Auch wer achtsam und bewusst einen Fuss vor den andern setzt, zerstört Kleinstlebewesen, auch wer achtsam einen Kopfsalat erntet, köpft ihn, trennt ihn von seinem Lebensumfeld, aber er kann es bewusst, liebevoll und mit Dankbarkeit tun, dankbar, dass der Boden ihn trägt, dankbar, dass Gewachsenes ihn nährt – und immer bewusst, dass das Werden des einen das Vergehen des anderen bedingt. Mit dieser Haltung träte vielleicht auch die Hybris des Menschen etwas in den Hintergrund, die lächerliche Vorstellung, er sei das einzige Wesen, das sich diesem Werden und Vergehen entziehen könne, dieses hysterische Kämpfen gegen das Vergehen, gegen Alter und Tod, an dem viele bis heute den 'Fortschritt' messen ("Heute kann man mit gesunder Ernährung, Sport und Spitzenmedizin locker 120 werden! Bald sind wir dank Gentechnologie und Klontechnik unsterblich....").

Vertrauen in die Sinuskurve

Aus einer Sicht, in der alles mit allem verbunden ist, der Mensch nicht in einer Hierarchie zuoberst steht, sondern mit allem, was ist, in ein grosses Netz eingeflochten ist, sind diese kindlichen Allmachts- und Fortschrittsphantasien ein Hinweis auf das spirituelle Tief, in dem die Menschheit gerade dümpelt, auf die Unreife des Mainstream-Denkens und -Wollens. Aber da sich bislang alle beobachteten Prozesse als wellenförmig erwiesen, wird es auch aus diesem wohl stumpfsten Zustand, in dem sich die Zweibeiner je befanden, eines Tages einen Aufschwung geben. Das ist nicht nur kindlicher Zweck-Optimismus, sondern mit einem feinen Schluss-Argument gestützte These: Wenn alle Entitäten ausser dem Menschen es längst – schon immer – nicht nur begriffen haben, dass alles mit allem vernetzt ist, dass alles mit allem kommuniziert auf Augenhöhe, sondern diese Einsicht auch permanent leben, dann wird es irgendwann auch der etwas begriffsstutzige, in seiner Erkenntnisfähigkeit oft etwas behindert wirkende nackte Affe eines Tages begreifen – und sich mit einem horizontalen Weltbild ein faszinierendes, unendlich reiches Geschenk machen.

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