Denk-Aufgabe 301

 

RELIGION

Jetzt ist der Kommunikationsprofi definitiv verrückt: Pinkelt den Theologen ins Gärtchen! Der Trick ist einfach: Ich behaupte, Religion sei nichts anderes als ein Unterbegriff von Kommunikation. Wenn Kommunikation die auf Gemeinschaft zielende Bezugnahme mindestens zweier Entitäten ist, dann ist RELIGION von der Begriffshierarchie her ein Unterbegriff, eine spezielle Art von Kommunikation,nämlich die Bezugnahme mit dem Ziel der Durchschauung der Formen und des Erkennens der Inhalte. Auf Gemeinschaft zielt sie auch, nämlich auf das Integrieren der Inhalte. Religion ist demzufolge Kommunikation mit dem Ziel, hinter den Formen die Inhalte zu erkennen und zu integrieren. Das ist sehr wohl ein kommunikativer Akt und auch durchaus ein konkreter. Der Zugang zu den Inhalten, zum Metaphysischen erfolgt immer und zwingend über die Form, das Physische. Wer einen Inhalt erkennen will, muss mit der Form Kontakt aufnehmen, kommunizieren, sich beziehen auf die Form, hinter der konkreten Form die abstrakte Idee, den Inhalt erkennen. Und für 'Form' können Sie jede beliebige Entität nehmen, von Menschen über Tiere, Pflanzen bis zu Dingen. Hinter sämtlichen konkreten formalen Erscheinungsformen gibt es einen abstrakten Inhalt, eine Idee, die es freizuschaufeln, zu erkennen gilt.

(Wer da nur noch 'Bahnhof' versteht, aber definitiv auf den 'Zug' möchte, muss sich vielleicht die Mühe machen und sich in meinem Buch Ethische Kommunikation, Die Hohe Schule der Achtsamkeit, schlau machen. Der erste Teil findet sich bei den Kostproben: Ethik und Kommunikation).


'Religio' kommt vom lateinischen Verb religare = verbinden, an etwas zurückbinden, 'religio' hiesse dann 'Rückbindung'. Etymologisch ist das nicht die einzige Möglichkeit der Herleitung, aber eine meines Erachtesn sehr sinnfällige. Religion wäre dann die - heute weitgehend verloren gegangene - Rückbindung an die 'andere Seite', die Welt hinter der Welt, die Meta-physische, hinter dem Materiellen, Korporalen liegende Welt oder in der Sprache der griechischen Philosophie gesagt: an die Welt der Inhalte, der Ideen hinter den konkreten Formen. 'Religio' als Aktivität meint also das Suchen, Erkennen und Begreifen des Metaphysischen hinter dem Physischen und umfasst alle Prozesse, die den Weg zu diesem Erkenntnisziel fördern. 'Religiös' ist demzufolge, wer sich an diesen Weg und dieses Ziel rückgebunden weiss und sich an diesem Ziel orientiert.

'Religio' ist der Inhalt, die institutionalisierten Weltreligionen, Kirchen, Sekten sind mögliche Formen. Genauso wie hinter allen formal-korporalen Stühlen die 'Idee der Sitzgelegenheit' als Inhalt steckt (Plato lässt grüssen), steckt hinter allen kirchlich-religiösen Gruppen und Institutionen die Idee der Verbindung zur anderen Welt. Seit es Menschen gibt, gab es immer diesen Versuch, mit formalen Hilfsmitteln ein Scharnier zu bilden zwischen physischer und metaphysischer Welt, eine Telefonzentrale, ein Internet-Café, wo unter Befolgung bestimmter Regeln und Riten speziell ausgebildete Menschen den andern helfen, Verbindung aufzunehmen. Und wie es für Funkverbindungen Satelliten, Schüsseln, Kabel etc braucht, benutzten die Menschen spezielle Zeichen, stellten Symbole wie Totempfähle oder Gotteshäuser an geweihte Orte, die ihnen besonders kraftvoll oder geeignet erschienen für die Kontaktaufnahme. Natürlich war und ist das immer Menschenwerk, mit allen Fehlern und Schwächen behaftet. Aber mal Hand auf's Herz. Ist es Ihnen wichtig, ob der Informatiker, der Ihren PC wieder erweckt, sie wieder ins Netz und in Verbindung mit der ganzen Welt bringt - ist es wirklich wichtig, ob der hübsch, nett, ein braver Mensch, gut angezogen ist, in was für einem Auto er daherkommt und ob er sonst vielleicht ein arger Wüstling ist? - Wenn Sie nicht gerade dringend auf Partnersuche sind, ist Ihnen das höchstwahrscheinlich ziemlich egal. Hauptsache er macht seinen Job! - Und genau diese Einstellung hatten frühere Kulturen diesen kirchlichen Institutionen gegenüber. Die haben gefälligst die Verbindung herzustellen, die Stöpsel richtig einzustecken, die richtigen Chips unter Strom zu setzen - der Rest war Dekoration.

Nochmals zu Platons Ideenlehre: Wenn man einen Stuhl hässlich, unbequem findet oder schlicht gerade kein Bedürfnis hat, sich zu setzen, heisst das in der Regel nicht, dass man grundsätzlich gegen die Idee der Sitzgelegenheit ist. Genau das machen aber die meisten unserer so aufgeklärten Zeitgenossen, wenn sie vor dem Phänomen der kirchlichen Institutionen stehen. Sie schauen hin, finden die Form Quatsch und drücken damit auch gleich beim Inhalt - der 'Religio' - auf die 'delete'-Taste. Die meisten tun dies sehr unbewusst. Und da möchte ich gnädigerweise auch die Naturwissenschaft mit hineinnehmen. Die sind so fasziniert von der Form, dass sie meist gar keine Hirn- oder besser Herz-Zelle mehr frei haben für die Inhalte. Wer wollte ihnen da verargen, dass sie für den Inhalt 'Religio' kein Interesse haben, wenn dort nicht einmal die Form so richtig was hergibt zum Forschen - ausser vielleicht für Archäologen. Aber dass dies auch Legionen von Philosophen und Künstlern tun seit geraumer Zeit, Nietzsche mit seinem zwar meist falsch verstandenen 'Gott ist tot'; Sartre und die ganzen Existenzialisten mit ihrem trostlosen 'In-Die-Welt-Geworfen-Sein', geniale Dichter wie Grass und die ganzen Nachkriegler, die gebannt vor der Form sitzen und das Materiell-Historische immer wieder und wieder erzählen, teils brillant verpackt, aber doch stets kreisend um die Form, um die Physis, ohne einen Bezug zum Metaphysischen herzustellen.

Der Lösungsansatz ist simpel. Die Aufklärung hat gründlich aufgeräumt, nicht nur mit Königen und Kaisern, sondern auch gleich mit der ganzen Metaphysik. Das war sicher mutig damals, und die Verfilzung von kirchlicher und weltlicher Macht weckt durchaus Verständnis für die rigorose Aktion. Aber könnte man so ein paar hundert Jahre später nicht darauf zurückkommen, ein bisschen genauer hinschauen und sagen: 'Na ja, so ganz alles hätte man wohl nicht kippen sollen, aber es ist ja nie zu spät, lassen wir doch die Metaphysik wieder auferstehen und behalten einfach die kirchliche Macht unter Kontrolle, entziehen uns ihr ganz oder teilen sie auf - wie auch immer?'

Warum haben wir die Religio verloren? - Weil die meisten von uns die 'andere Seite' aus den Augen und dem Erleben verloren haben. Weil wir gar nichts mehr haben, an das wir 'rückgebunden' sein möchten, ausser vielleicht an's Konto, die weltliche Machtposition in Beruf und Familie, das Hab und Gut. Die überzeugten Marxisten, Leninisten, Kommunisten hatten wenigstens noch das hehre Ziel der Herrschaft des Proletariats. Das taugte doch recht gut und mehr als ein halbes Jahrhundert zur Ersatzreligion. Heute sind es nebulöse Begriffe wie Fortschritt, Friede, Nahrung für alle, die so als dünne Decke über den rein materiellen Eigennutz gelegt werden; mit denen das eigene Outfit verbrämt wird, wenn man nach höchsten Werten fragt. Aber auch da bleiben wir in der materiellen Welt, der Physis stecken. So nett und ethisch wertvoll es klingen mag, wenn jemand Friede auf Erden herbeiwünscht, so wenig hat es mit der andern Seite, der metaphysischen Welt zu tun. Es sind Reparatur- und Änderungswünsche, die das Diesseits betreffen. Religio meint aber die Rückbindung ans Jenseits, an das hinter dem Physischen, dem Korporalen Wirkende, an die platonische Ideen-Welt, an die Welt der INHALTE. Religio ist das Verbindungsstück zwischen Form und Inhalt. Wenn wir den Begriff so von seinen weltlichen Erscheinungsformen entschlacken, sehen wir plötzlich, dass es gar nicht um eine Glaubensfrage geht. Nur wer ganz grundsätzlich die Aufsplittung des unserer Wahrnehmung Zugänglichen in Inhalt und Form negiert, braucht keine Religio. Wer aber akzeptiert, dass hinter jeder Form ein Inhalt steckt, den es über das Mittel der Deutung freizulegen gilt, wird kaum auf das abstrakte Scharnierstück, die Relais-Station Religio verzichten können.

Wenn wir Religio und Metaphysik mal ein bisschen herunterholen vom Olymp und sehen, dass sie bereits hinter den konkreten Stühlen bei der Idee des Sitzens zu greifen wäre. Dass man das Begreifen von Inhalten über die Form bei jeder überhaupt nur erdenklichen Tätigkeit üben kann, dass Religion nicht nur in der Al-Aksha-Moschee, an der Klagemauer, auf dem Petersplatz stattfindet, dass Rituale nicht an geweihte Priester und Gerätschaften gebunden sind, sondern dass wir letztlich jede Tätigkeit zum Ritual machen können, indem wir sie in den Dienst des beschriebenen Erkenntnisweges zum Metaphysischen stellen. Dann können banalste Tätigkeiten wie Duschen und Zähneputzen zum Reinigungsritual werden. Wenn wir uns dabei bewusst machen, was hinter der körperlichen Reinigung für eine Idee steckt. Essen, Trinken, Erotik - alles kann bewusst, rituell und damit im weitesten Sinne religiös werden. Sinn und Ausgestaltung von Ritualen wäre ein eigenes Kapitel, nein ein Buch. Nur soviel: Ritual ist nicht gleich Weihrauch. Man muss dazu keine jammer-ernste Miene machen und so furchtbar weihnächtlich tun. Im Gegenteil. Die Lebenslust und Freude kann mächtig angeheizt werden, wenn man sich bewusst macht, dass man gerade etwas be-deutungsvolles tut und nicht nur schnell schnell was reinstopft, hinter die Binde giesst, die ehelichen Pflichten erledigt etc. Man findet dann plötzlich haufenweise Anlass zum Feiern. Das einzige, was in der Regel abnimmt, wenn man alles ritualisiert, sich ständig um Bewusstheit bemüht, ist das Tempo. Man bringt vielleicht weniger rein in seinen Tag. Aber ich kenne bislang niemanden, der dies als Verlust empfindet. Langsam und bewusst auch Dinge und Tätigkeiten geniessen, die man früher als lästig empfand und deshalb möglichst schnell hinter sich bringen wollte, ist doch ein Gewinn an Lebensqualität? Aber diese Art des Tuns steht natürlich zutiefst in Widerspruch zu den höchsten Werten unseres materiellen Zeitparadigmas, die da heissen: Effizienz, Leistungssteigerung, Rendite.

Wenn also bereits der kleinste Akt des Greifens einer Form und des Begreifens des Inhalts eine religiöse Fingerübung ist, dann sind wir doch alle - ob wir wollen oder nicht - irgendwie religiös? Ja, der kleine Junge, der nach dem Üben mit Äpfeln das Multiplizieren, die Idee dahinter begriffen hat und zum berühmten Heureka- oder Aha-Erlebnis kommt, hatte eine Mini-Erleuchtung. Genau darum geht's. Und es erzähle mir keiner, er hätte noch nie solche Erlebnisse des Erkennens gehabt. Das glaube ich nicht einmal George Bush. Und deshalb ist die ganze Diskussion um Religion oder nicht, Gott oder nicht so unsäglich unnötig. Es ist eine Diskussion um des Kaisers Bart, um reine Formen. Man kann über Religionsgemeinschaften, Kirchen, Institutionen und ihre Vertreter streiten. Aber sogar das ist letztlich verlorene Liebesmüh'. Nennen Sie mir eine menschliche Gemeinschaft, die nicht früher oder später in den Formen erstarrte, sich am Buchstaben, an den Regeln, den Dingen, den Gebäuden und Stätten, den historischen Abläufen, den Gründerpersonen festkrallte und immer absolutere Ansprüche stellte nach innen und aussen. Nett sind diesbezüglich die modernen Endzeitsekten, die alles wie im Zeitraffer, sozusagen in der Mikrowelle erhitzt demonstrieren. Kaum gegründet, ist der Spuk dank kollektivem Selbstmord auch gleich wieder vorbei. Damit ist nicht gesagt, es lohne nicht, es immer wieder neu zu versuchen mit menschlichen Gemeinschaften. Aber der Streit darüber lohnt nicht wirklich. Wenn wir daran interessiert sind, an die Inhalte ranzukommen, an die Ideen, an das Metaphysische hinter dem Physischen, dann suchen wir uns Gemeinschaften, wo wir dies mit andern zusammen tun können.

Und dass die Formen sich bei allen Gemeinschaften unterscheiden, ist nicht nur einleuchtend, sondern logisch zwingend. Jeder Mensch hat seine Mitte, und die meisten geben dieser selbstgewählten Mitte einen formalen Ort und oft auch eine formale Zeit - und schon ist ein Ritual geboren. Wenn jemand zu bestimmten Zeiten einen bestimmten Ort aufsucht, um 'sich zu finden', wenigstens etwas Abstand zu gewinnen von der Hektik und den Identifikationen des Alltags, so tut er das meist ganz für sich und ist glücklich dabei. Und er kommt nicht auf die Idee, dass andere das am selben Ort zur gleichen Zeit und mit demselben rituellen Ablauf tun müssten. Erst bei grösseren Gemeinschaften beginnt diese Gefahr zu wachsen, dass die eigene Mitte verabsolutiert wird und plötzlich generelle Gültigkeit beansprucht. Dabei ist es doch wunderbar, wenn Sippen, dörfliche Gemeinschaften, Stämme oder gar Nationen alle ihre 'Mitte der Welt' haben, wo sie sich zusammenfinden um 'sich zu finden', den Kontakt zur anderen Seite herzustellen, über Formen - meist ritualisierte Formen - an die wichtigen Inhalte heranzukommen. Aus dieser Optik haben wir z.B. mit dem Verlust des geozentrischen Weltbildes etwas verloren, das durch das heliozentrische Weltbild nicht ersetzt werden konnte und deshalb wehrte sich die damalige Kirche verständlicherweise dagegen. Nur sträubte sie sich auf der falschen Ebene, nämlich der formal-naturwissenschaftlichen. Es geht aber weder beim geozentrischen Weltbild noch bei den Schöpfungsgeschichten der Religionen um Naturwissenschaft, sondern um Mythos, um Bilder, die helfen, Inhalte begreiflich zu machen. Und das taten sie sehr wohl. Würden wir uns heute noch am Mythos der Erde als der Mitte der Erdbevölkerung, als unserer gemeinsamen Mitte orientieren, würden wir bestimmt verantwortungsbewusster mit ihr umgehen als wir es jetzt tun mit dem ganzen naturwissenschaftlichen Wissen, das zwar sicher formal richtig ist, aber die Funktion der Inhaltsvermittlung nicht mehr erfüllt.

Für mich ergibt sich aus dem Gesagten auch ein Einteilungskriterium für die formalen religiösen Institutionen. Je mehr Absolutheitsanspruch, Missionieren und Gewaltanwendung eine religiöse Gruppierung zeigt, desto weiter hat sie sich von ihrer ursprünglichen Funktion entfernt, Relaisstation zwischen hier und dort, zwischen Erde und Himmel, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen materieller Welt und metaphysischer Welt, zwischen Form und Inhalt zu sein. Wenn wir die bekanntesten Grossreligionen daraufhin prüfen, fällt der Buddhismus besonders positiv auf. Aber in jeder der erstarrteren, buchstabengläubigeren Religionen gibt es auch heute noch Bewegungen, die sich sehr wohl der ursprünglichen Funktion bewusst sind und sich distanzieren von Absolutheitsansprüchen, Mission, oder gar Gewaltanwendung. Aktuell ist dieser Gegensatz beim Islam, wo wir zur Zeit vor allem mit dem puristisch-aggressiven Islamverständnis der Wahhabiten konfrontiert sind und dabei nicht vergessen sollten, dass der Sufismus eine uralte und immer noch lebendige Bewegung von höchster Spiritualität ist, die sich auf dieselben heiligen Schriften beruft. Damit möchte ich auch klar machen, dass ich nicht über irgendwelche unverbindlich-theoretischen Dinge plappern möchte, sondern dass diese Unterscheidung in Inhalt und Form gerade im Bereich der Religionen und der verhärteten Fronten formal unterschiedlicher kirchlicher Institutionen von grosser Aktualität ist. Die Erkenntnis, dass es letztlich um Inhalte geht und die formale Verpackung eigentlich beliebig ist, könnte dem angebrochenen Jahrhundert vielleicht ein paar Religionskriege ersparen. Aber vielleicht braucht es die ja gerade - denken wir an Heraklit - damit nach der Zerschlagung der Formen der Blick auf die Inhalte wieder frei wird, dass aus These und Antithese eine neue Synthese möglich wird. - Überlassen wir das den Historikern des nächsten Jahrhunderts.

Süchtig nach Mini-Erleuchtungen?
Zurück zu den Aha-Erlebnissen beim Erkennen von Inhalten: Was mich wirklich wundert, ist, dass in einer so drogenanfälligen Zeit nicht mehr Menschen süchtig sind nach diesen Erkenntnis-Trips, nach diesen Mini-Erleuchtungen. Das wäre endlich mal eine fördernswürdige Sucht, wo man auf die Packungen schreiben könnte: Das Inhalieren, Integrieren des Inhalts nützt Ihrer Gesundheit. Tatsächlich ist jeder erkannte, verstandene, aus der Form befreite Inhalt ein Schritt Richtung Gesundheit - zumindest so wie ich Gesundheit verstehe. Und wenn wir das - süchtig oder nicht - lang genug und intensiv genug tun, haben wir irgendwann alle Formen durchleuchtet, alle Inhalte erkannt, begriffen, integriert. Und dann? Dann sind wir am Ziel. Dann sind alle Inhalte IN uns. Ausserhalb gibt es nur noch Formen, Zählrahmen, die nicht mehr wichtig sind, bedeutungslos, weil wir sie gedeutet haben. Dann sind wir dort, wo die Sprache Mühe kriegt, wo sie nur noch Metaphern hat wie Einheit, All-einheit, Tao, oder in Gottes Namen halt Gott. Und genau darum finde ich die Diskussion, ob es Gott gebe oder nicht, ob jemand an ihn glaube oder nicht, so völlig uninteressant, ja obsolet. Die Frage ist für mich so unnötig wie die, ob es Multiplikation ohne Äpfel und Birnen gebe - einfach so abstrakt als System, als Idee, als Inhalt. Und wenn dann jemand als Argument, warum es Multiplikation nicht gebe, sagt, man sehe sie nicht, könne sie nicht anfassen, kein Foto, keine Zeichnung machen von ihr. Na und? Das kann man logischerweise nicht von etwas Abstraktem. Wir können nur Formen fotografieren. Fotografieren Sie doch bitte mal 'das Weibliche an sich', 'die Idee der Frau' - ich wäre brennend interessiert daran! Aber deshalb zu sagen, es gebe nichts Abstraktes, es gebe gar keine Inhalte und Ideen, ist doch etwas derb. Auf diesem Niveau liegen aber die meisten Diskussionen über 'Gibt's Gott oder nicht?'. Hinter jedem Kunstwerk liegt eine Idee - die dann mehr oder weniger gut in Form gegossen, gegenständlich, fassbar gemacht wird. Hinter der Form Welt liegt die Idee Gott. Oder wenn Ihnen der Begriff zu 'besetzt' ist, dann sagen wir halt 'das Metaphysische'. Und wenn wir das Metaphysische in all seinen einzelnen Erscheinungsformen, in all den Millionen von Inhalten, die hinter den Millionen von Formen stecken, akzeptieren, dann macht es doch durchaus Sinn, auch einen Sammelbegriff zu kreieren, einen Over-all-Term, den wir dann als 'Inhalt an sich' der Welt als 'Form an sich' gegenüberstellen können. Und dieser 'Over-all-term' heisst in unserem Kulturraum normalerweise 'Gott'. Das ist für mich logisch einleuchtend und zwingend. Eine Frage des Denkens und nicht des Glaubens. Aber zum Glück gibt es viel einfachere, direktere und meist intuitiv einleuchtende Möglichkeiten, zu erfahren, dass es etwas gibt hinter den Dingen. Kinder haben da meist einen entwaffnend direkten und unverblümten Zugang, ohne Logik und Philosophie bemühen zu müssen. Aber wenn man diesem kindlich-sicheren Wissen einmal entwachsen ist, muss man sich neue Brücken bauen, um nicht in den Formen stecken zu bleiben. Und da hilft vielleicht das Bild von den religiösen Fingerübungen, die dann irgendwann zum abendfüllenden Orgelkonzert werden.