Jenseits von Gier und Schmerz

 

Möchten wir das denn wirklich? Keinen Schmerz, keine Gier mehr erleben? Gehört dies nicht zutiefst zum Menschsein? Genauso wie Freude, Wohlbefinden, Befriedigung, Sattsein oder was immer wir als Gegenpole von Gier und Schmerz empfinden? - Sicherlich. Aber die Frage ist berechtigt, ob wir nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten des Ausgeliefertseins an Gier und Schmerz nicht darüber hinauswachsen möchten. Weil wir mit allen Kontrollversuchen weder die Gier in den Griff kriegten noch die Schmerzen zum Verschwinden brachten. Nicht dass wir die Stufe 'Gier und Schmerz' ausgelassen hätten. Im Gegenteil. Wir verweilten lange auf diesem Treppenabsatz, loteten sowohl Gier wie Schmerz aus, erlebten deren Verknüpfung mit den Gegenpolen Befriedigung und Wohlbefinden. Wir spürten, wie Schmerz der Nährboden, die zwingende Voraussetzung für Wohlbefinden ist, wie Befriedigung, Sattsein nicht vorstellbar ist ohne die vorgängige Gier - und irgendwann, wenn die Sehnsucht nach Überwindung dieses ewigen Hin und Hers, dieser Achterbahnfahrt der Empfindungen genug stark ist, wollen wir den Versuch unternehmen, die Gegensätze zu versöhnen, zu vereinen, ihnen gleiche Gültigkeit zuzubilligen bis wir ihrem Kommen gleich-gültig, gelassen entgegen sehen können, weil wir wissen, dass sie untrennbar zusammengehören, dass Wohlbefinden nicht ohne die Schmerzerfahrung, Befriedigung nicht ohne Gier, ganz generell Freude nicht ohne Leid, Plus nicht ohne Minus zu haben ist. Dann kann aus der These Gier und der Antithese Gierlosigkeit oder Leidenschaftslosigkeit vergnügte Gelassenheit entstehen. Und wenn wir diese Gelassenheit Schritt um Schritt verinnerlicht haben, können wir beides zulassen - aber auch beides loslassen. Wir bewerten nicht mehr die Pole Wohlbefinden und Befriedigung als dringend nötig, wir fiebern ihnen nicht mehr gierig entgegen, ziehen nicht mehr alle Register, um sie festzuhalten und den unvermeidlichen Wechsel zum Gegenpol zu vermeiden, sondern wir nehmen sie dankbar und gelassen als das, was sie sind, Wohlbefinden und Befriedigung. Wir beobachten sie mit derselben Ruhe und Achtsamkeit, mit der wir Schmerz und Gier beobachten, die wir ebensowenig negativ bewerten, wenn sie auftauchen.

Gelassenheit
Gelassenheit ist aber nichts Lauwarmes, Halbbatziges, sondern im Gegenteil ein Zustand viel höherer Qualität, der ja durch die Versöhnung und Vereinigung von zwei Gegensätzen entsteht. Es sind die höheren, die von ihrem Konfliktpotenzial befreiten, von der Polarität erlösten Formen der ursprünglich gegensätzlichen Pole, die zusammenfinden. Wenn unerlöste Gier als Unfreiheit, Abhängigkeit, Triebhaftigkeit, mangelnde Macht über sich selbst und damit angsteinflössend erlebt wird, ist die erlöste Form von Gier die Lust, Teil des Universums zu sein, die Lust die Freude darüber zum Ausdruck zu bringen wie Anton Bruckner , der über jedes Werk schrieb 'Ad Maiorem Dei Gloriam' (lat., wörtlich übersetzt: 'Zum grösseren Lobe Gottes'). Die unerlöste Form der Gierlosigkeit treffen wir an als aufgezwungene Askese, als Verdrängung statt Überwindung der Gier in tiefere Schichten, die sich meist in scharfer Ablehnung aller Sinnlichkeit und Leiblichkeit äussert wie beim grossen antiken Philosophen Sokrates ) und vielen Vertretern asketischer Strömungen in religiösen Gemeinschaften. Wer die Gierigen geisselt, ist selbst noch in der Reaktion, ist noch nicht über die Gier hinausgewachsen. Wer scharf ablehnt, ist immer noch in der Angst, befürchtet, vom mühsam Verdrängten eingeholt, überrollt zu werden, weshalb er es bekämpft, wo er kann. Wir bekämpfen immer nur Dinge, vor denen wir uns fürchten. Nicht in der Ablehnung liegt die Lösung, sondern in der Transzendierung, in der Höherentwicklung oder eben der Er-Lösung. Dieser Weg führt aber immer durch den Pol hindurch, durch das Erleben und Erfahren hindurch. Deshalb ist spirituelle Entwicklung nie Welt-Flucht sondern Welt-Transzendierung oder Welt-Erlösung.

Erlöste Gierlosigkeit zeichnet sich aus durch Unabhängigkeit und Freiheit im Umgang mit Leiblichkeit, Sinnlichkeit und allen Formen von Gier und Lust. Weder hechelnd danach streben noch verkrampft alles ablehnen. Das nehmen und geniessen, was uns zufällt. Und genau das ist Gelassenheit. Wenn uns aber ein gutes Essen, erotisches Zusammensein, ein intensives Naturerlebnis zufällt und wir es zutiefst geniessen, ohne uns daran zu klammern, ohne bereits ans nächste Mal zu denken, ohne uns dabei so furchtbar wichtig zu nehmen - ist das dann lauwarm? Ist das eine mindere oder nicht viel eher eine höhere Qualität von Genuss? Und trifft sich diese erlöste Form der Gierlosigkeit nicht genau mit der erlösten Form der Gier: Lust und Freude, ein Teil des Universums zu sein und die Lust, dies zum Ausdruck bringen?

Jenseits-Qualitäten
Bleiben wir in dieser Gelassenheit, haben wir den Boden geschaffen, um in den Bereich jenseits von Gier und Schmerz zu gelangen. Und Jenseits ist durchaus doppeldeutig gemeint. Wir gelangen in den 'jenseitigen Bereich', wo wir nicht mehr Gefangene unserer Ängste, sondern befreite, uneigennützig und damit gierlos Liebende werden. Denn das gierige Streben nach Befriedigung wechselnder Bedürfnisse, das Bekämpfen des Schmerzes und die panische Angst, das körperliche und seelische Wohlbefinden zu verlieren, sind der Inbegriff von Diesseits, sie dienen geradezu als Beschreibung, als Metapher für das Angekettetsein an die materielle Existenz in einem Körper, angenagelt an das Kreuz von Zeit und Raum. - Nur, was ist denn die Alternative? Jenseits? Dort kommen wir ja dann früh genug hin, wenn überhaupt - viele aufgeklärte Zeitgenossen haben da aus ihrem materialistischen Weltbild verständliche Zweifel über die Qualitäten dieses undurchsichtigen - oder gerade völlig durchsichtigen und darum nicht so leicht wahrnehmbaren? - Jenseits. Ist das nicht eine Mogelpackung, wenn einer einen Zustand jenseits von Gier und Schmerz in Aussicht stellt und dann einfach das Jenseits anpreist? - So simpel ist die hier empfohlene Glücks-Route natürlich nicht. Es ist das Jenseits im Diesseits, das ich Ihnen schmackhaft machen möchte. Es geht darum, Jenseits-Qualitäten Schritt um Schritt, dem Entwicklungsstand angepasst, ins Diesseits einzubauen. Luzide Momente des Wachseins in den Schlafzustand hereinlassen. Und das ist weniger metaphorisch gemeint, als es klingt. Sie alle kennen das befreiende Gefühl, wenn Sie von irgendetwas unabhängig werden und es geniessen können, wenn es da ist, stattfindet und nicht schmerzhaft vermissen, wenn es nicht da ist oder nicht stattfindet. Da geht uns doch buchstäblich ein Licht auf, wir wachen auf, fühlen uns aufgeweckter als vorher. Und wir können lachen über den überwundenen Zustand des schlafmützigen Tappens im Dunkeln.

Noch konkreter: Es ist, wie wenn Sie Ihre Stube, Ihr Haus so allmählich à la Feng Shui einrichten. Oder nach Jahren mit Schlafproblemen so eine Wasserader nach der andern entstören und skeptisch prüfen, ob das mit Feng Shui nur ein Modetrend und diese Rutengänger nur Scharlatane sind oder ob sich da tatsächlich die Lebens- bzw. Schlafqualität verbessert. In diesem Sinn möchte ich diejenigen unter Ihnen, die die Nase etwas voll haben von der Art, wie sie Gier und Schmerz erleben, von den Folgen wie Abhängigkeit, Unfreiheit, Ausgeliefertsein, Ohnmacht und Angst - all die möchte ich einladen, ein paar dieser Jenseits-Qualitäten in Ihr persönliches Diesseits zu holen. Und es ist wie in einem riesigen Einkaufszentrum mit beliebig grosser Auswahl. Wenn Sie nicht so brennend interessiert sind an den Gegensatzpaaren Gier/Gierlosigkeit und Schmerz/Wohlbefinden, gehen Sie doch zu einem anderen Gestell. Nehmen Sie doch irgend ein anderes Begriffspärchen, die Methode funktioniert bei allen.

Aber ich will Ihnen nichts vormachen. Jenseits-Qualitäten haben ihren Preis. Generell ist es das Zurücknehmen des Egos mit seinem Eigennutz. Und zurücknehmen können wir nur etwas Vorhandenes, Existierendes. Wer noch gar kein richtiges Ego aufgebaut hat, gar nie eigennützig handelte und lebte, kann auch nichts zurücknehmen oder abbauen. Es ist immer wieder diese Sinuskurve oder die Kreisbewegung im Bild von der Rückkehr (z.B. des verlorenen Sohnes): Man muss zuerst weggehen, damit Heimkehr einen Sinn macht. Darum aufgepasst mit der Verketzerung des Egos (siehe Route ?: Vom Ego zum Selbst). Wenn wir davon ausgehen, dass die Welt samt uns so ist, wie sie sein soll, dass da kein Pfusch gemacht wurde, dann ist doch auch das vielgeschmähte Ego in Ordnung? - Aber gewiss! Das Ego ist schwer in Ordnung, ja unersetzlich wie Spielzeug für Kinder, wie Sex für die Fortpflanzung, wie Aggressivität und Kompetitivität für den Sport, wie Macht und Geld, um ein Haus, ein Unternehmen, ein Projekt aufzubauen, mit dem wir unsere Spuren in der äusseren Welt hinterlassen wollen. Aber doch auch nicht mehr. Es geht also nicht um Ego - Ja oder Nein, sondern um Ego - Ja, aber wann und für wie lange. Alles zu seiner Zeit und im richtigen Mass. Wenn ein Kind wirklich ausgiebig und vielseitig spielen durfte, fällt die Spiel-Gier irgendwann wie ein reifer Apfel von ihm ab. Wenn nicht - wie bei vielen Männern - spielen Sie bis ins reifere Alter mit schnellen Autölis, Pänzerlis, Flugis und bei einigen gerät das Spielen zur Sucht. Dasselbe gilt für Sex, Macht, Geld, Aggressivität. All diese wunderschönen Dinge haben ihre Zeit, ihren Bereich, ihre Phase, in der wir sie auskosten, erleben - wunderschön. Wenn wir uns gesund entwickeln können, werden wir weder süchtig noch bleiben wir darin stecken, aber wir bauen mit all diesen und tausend anderen Aktivitäten unser Ego auf zu einem erwachsenen, grossen, starken, selbstsicheren, profilierten, einmaligen Wesen. Irgendwann kommen dann andere Ziele, meist gerinnt der Wechsel, der Umkehrpunkt vom Hinweg zum Rückweg zu einer Krise etwa um die Lebensmitte. Eine Krise, die auf dem Scheitern aller Versuche des Egos beruht, das Glück wirklich einzufangen. Immer wenn wir glauben, wir hätten es erhascht, jetzt, mit diesem Partner, mit den Kindern, mit irgendeinem Projekt, einem Beruf, Haus, Sport und was der äusseren Glücksversprechen mehr sind - immer dann hat es sich uns wieder entzogen. Krankheit, Unfall, Misserfolg oder sonst ein Grund für das Scheitern finden wir immer im Aussen. Und jetzt - erstmals passt es und lohnt es, sich Gedanken über den Rückweg, den Weg nach Innen, den Weg zum Selbst zu machen. Jetzt ist erstmals Demut angesagt, Beugen des stolz emporgereckten Hauptes. Demut als zwingende Gegenbewegung zur Hybris der Ego-Aufbauzeit. Rückkehr nach Hause, zum Vater (der uns ein Fest bereiten wird), in die Ordnung und - am härtesten - in die Ununterschiedenheit. Denn das ist der Preis. Ego-Abbau verbindet uns zwar sukzessive intensiver mit allem, was ist, aber wir verlieren dabei das mühsam erarbeitete Profil, die ganze Kantigkeit löst sich langsam aber sicher auf bei diesem Vorgang des Ausdehnens, der die Dichte und damit den Widerstand mindert, die Kanten schleift bis zur Unkenntlichkeit. Das macht es ja so schwierig, die skeptische Frage zu beantworten, ob wir dann in der nächsten Inkarnation noch 'die Gleichen' seien oder nicht. Ja und Nein. Ja bezüglich der Seele, des spirituellen Entwicklungsstandes, Nein bezüglich des Ego-Profils und des Körpers.

Es lohnt sich also, genau hinzuschauen und zu prüfen, ob wir das wirklich schon wollen. Ob wir die Intensität von Gier und Leidenschaft für unsere Verhältnisse genügend ausgekostet haben - oder ob wir es weiterhin erleben wollen, diese durchaus faszinierenden Gefühle von Kontrollverlust, von Hingabebereitschaft, wenn endlich einmal die Dominanz des ewig kontrollierenden und mahnenden Hirncomputers abgestellt ist. - All das gibt es - noch viel schöner - jenseits von Gier und Schmerz, aber für denjenigen, der es noch nicht erlebt hat, ist das eine ungestützte Behauptung, eine dörre These. Und wir sehen zuerst nur das, was wir verlieren. Viele möchten Gier und Schmerz loswerden, wenigstens teilweise, wenigstens in der Intensität, wenigstens dieses ohnmächtige Ausgeliefertsein eindämmen. Aber den Preis wollen sie nicht zahlen, dass wir dann auch Befriedigung und Wohlbefinden nicht mehr in der gleichen schmerzhaft-geilen Leidenschaftlichkeit erleben. Unsere Emotionalität wird sukzessive miterfasst von der erworbenen Gelassenheit. Wir gehen nicht mehr für den einen Pol auf die Barrikaden, um den Gegenpol wegzuhaben. Wir können das schlicht nicht mehr, wenn wir wissen, wie sich alle Gegenpole gegenseitig bedingen und nähren. Leidenschaft gibt es aber nur dort, wo wir in dieser Täuschung gefangen bleiben. Nur solange wir felsenfest überzeugt sind, wir könnten und müssten das eine haben, nur solange wir mit letztem Einsatz dafür kämpfen, um den Gegenspieler, den Gegenpol auszutricksen, zu marginalisieren oder gar zu vernichten, solange sind wir auch leidenschaftlich. Die Sprache hat ja hörbar das Wort Leiden eingebaut und vermittelt damit, dass beide Pole zusammen gehören: die meist positiv bewertete Leidenschaft und das negativ bewertete Leiden. Auch in den meisten andern mir vertrauten Sprachen ist diese Verbindung sichtbar geblieben. Im Englischen ist es sogar ein und dasselbe Wort passion, das sowohl für 'heftige Gemütserregung' und 'Leidenschaft' als auch für 'Zorn' und 'Leiden' steht.

Leiden und Achtsamkeit
Jenseits von Gier und Schmerz ist auch das Leiden aller Leidenschaften keines mehr. Alle übersteigerten Emotionen weichen einer grosszügigen, nicht haftenden, achtsamen Haltung allem Beseelten und allen Dingen, Manifestationen gegenüber. Auch Liebe ist dann nicht mehr dieses sirupartig klebende, fokussiert auf einem Wesen haftende, Gegenliebe und eifersüchtig kontrollierte Treue fordernde unberechenbare Gefühl, das innert Sekunden in seinen Gegenpol, den Hass umschlagen kann. Wer die Gier überwunden hat, kennt auch keine Besitzgier, keine Eifersucht mehr und fordert nichts von den geliebten Wesen. Der so Gereifte gibt achtsame Zuwendung dort, wo sie erbeten wird oder nützt. Doch er erwartet weder Gegenliebe noch Dank. Er erkennt und erlebt, dass das, was er für leidenschaftliche Liebe hielt, eine sehr unerlöste Form von Liebe war, stark besetzt von ihrem unerlösten Gegenpol, der Angst. Erlöste Liebe ist uneigennützige Liebe, reines Verströmen und Einatmen, Verbundensein mit allem, was ist, völlige Ausdehnung bis zur Aufgabe alle Dichte, allen Widerstandes. Erlöste Angst ist aber dasselbe, es ist die Ausdehnung des Gewahrseins, der Achtsamkeit, des 'taking care' allen und allem gegenüber, die Ausdehnung des verantwortlichen Mitgefühls auf die ganze Schöpfung, verbunden mit dem Urvertrauen in die schöpferische Kraft, die alle und alles immer Richtung Mitte, Richtung Balance, Harmonie, Ausgleich, Versöhnung der Gegensätze treibt - auch wenn wir mit unserer beschränkten Wahrnehmung Mühe haben, diesen grossangelegten Mechanismus zu durchschauen. Erlöste Liebe kann es so gut wie erlöste Angst.

Synthesen
Um welchen Antagonismus es sich auch immer handelt, um den zentralen Gegensatz Liebe-Angst, um Gier-Gierlosigkeit oder um Schmerz-Wohlbefinden, es geht immer darum, aus These und Antithese eine Synthese zu machen, die immer mehr ist als die Summe ihrer Teile ist, wie es im oben gebrauchten Bild der unerlösten und erlösten Form der Begriffe zum Ausdruck kommt. Es ist immer eine neue Qualität, die dazukommt. Das, was ich oben 'Jenseits-Qualität' nannte. Spirituelle Entwicklung hin zu IHREM Glück ist also nichts anderes als 'Synthetisieren', Gegensatzvereinigung, Erlösung der Gegensätze von ihrer Gegensätzlichkeit. Der Weg ist immer derselbe: Aufgabe der einseitigen Bewertung. Und das Mittel, um diesen Prozess einzuleiten und durchzufühen, ist auch immer das gleiche: uneigennützige Liebe (Agape). Schwierig ist einzig die Beschreibung des Zielzustandes. Weil es sich um etwas Ganzheitliches, 'Jenseitiges', Göttliches handelt, ist die polare Sprache etwas hilflos und muss sich mit Bildern begnügen, die alle immer nur einen Teil erfassen und transportieren können. Gelassenheit ist ein solches Bild, das aber bei vielen etwas lauwarme Assoziationen auslöst; Glückseligkeit ist vielen zu kitschig; Innerer Friede und Existenzielle Freude zu leblos; Liebevolles Verbundensein mit allem, was ist zu abgehoben und Ganz im Hier und Jetzt schwer nachvollziehbar. Nehmen Sie die Elemente aus all den Begriffen, die etwas Positives auslösen in Ihnen und suchen Sie eigene Bezeichnungen.

Unvermeidlichkeit der Polarität
Der schwierigste Schritt ist der erste: Die Einsicht in die Unvermeidlichkeit des Prozesses. Dass die Wahl eigentlich nur darin besteht, den Weg rechtzeitig freiwillig oder später unfreiwillig zu gehen. Die Wahl, sich wertend und kämpfend dagegen zu sträuben oder freiwillig immer die Gegensatzpaare anzupacken, die uns gerade als Themen in unserem Leben zufallen. An den ganz grossen wie Liebe-Angst, Freude-Leid, Schmerz-Wohlbefinden, Gier-Gierlosigkeit kommt keiner vorbei.

Machen wir also den ersten Schritt, die Einsicht, dass wir uns in einer Welt der Gegensätze vorfinden. Und siehe da, bereits die Erkenntnis der Unvermeidlichkeit dieses Hin und Her, dieses Auf und Ab, dieser Sinuskurve, die auf dem Weg zwischen dem oberen und dem unteren Bogen immer in der Mitte vorbeikommt, bei der Synthese, glättet die Wogen der Wertungen. Und letztlich sind es die Bewertungen, die uns die eine Emotion als negatives Leid, die andere als positive Freude erleben lassen. Geben wir diese Bewertung auf, ist plötzlich jeder Punkt auf der Sinuskurve recht, solange wir im Fluss, in Bewegung bleiben. Wir kommen dann viel leichter in diese Beobachterposition, in den Zeugenstatus, oder besser: in diesen wachen Erlebnisstatus ohne gedankliche Konstruktionen, ohne verzweifeltes, angstvolles Schliessen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Ganz aus der Gegenwärtigkeit, aus der Gewärtigkeit heraus können wir neutral feststellen 'Ja, da ist Gier, da ist Schmerz. Es fühlt sich so und so an. Und hier ist Sattheit, Wohlbefinden, das fühlt sich anders an.' Aber das Auf und Ab wird so wertfrei wie der Antagonismus von Einatmen und Ausatmen. Ich zitiere gerne die vier Zeilen des von Hugo Wolf so meisterlich vertonten Gedichts 'Das Gebet':

"Herr, schicke was du willt
Ein Liebes oder Leides.
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt."

Hier hat einer bestimmt einmal den ersten Schritt gemacht: Er ist einverstanden mit beiden Polen, hat sich ausgesöhnt mit den Gegensätzen, die einseitige Wertung zurückgenommen. Aber irgendwann erwacht die Sehnsucht nach dem Verweilen in der Mitte, bei der Synthese, die soviel mehr ist als Gier oder Gierlosigkeit, als Schmerz oder Lust. Es beginnt eine Suche nach Möglichkeiten, die Kurvenausschläge zu verflachen oder gar ganz in der Mitte zu verweilen. Es ist der Versuch, nicht nur passiv einverstanden zu sein mit der Achterbahnfahrt, sondern aktiv die Gegensätze zu vereinigen. Wenn es im obigen Gebet heisst: 'Ich bin vergnügt' - dann ist das vielleicht ein ungeeignetes Wort im Zeitalter der Spassgesellschaft und der Vergnügungsparks, aber es zeigt, dass der Autor auch den zweiten Schritt gemacht hat. Er nimmt nicht nur beide Gegenpole an, er vereint sie und ist vergnügt dabei. Nicht leidenschaftlich begeistert oder ablehnend, sondern diese viel gelassenere Emotion 'vergnügt'.

Nur: wollen wir das? Hier haben wir nochmals Gelegenheit, ganz deutlich 'Nein' zu sagen, wenn wir diesen Prozess nicht - zumindest noch nicht - einleiten wollen. Lieber wie Prometheus angekettet sein am Atlasgebirge (als Metapher für die materielle, polare Welt), lieber leiden, weil der Adler ihm jeden Tag die Leber (in der Antike Sitz der Leidenschaften) aus dem Leib riss, die über Nacht wieder nachwuchs (in der Dunkelheit der Nacht wachsen die Leidenschaften, deren der tag-helle Geist nicht bedarf). Lieber das, als ein braver Zeus-Bote sein, sagt Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, Menschen nach seinem Bild schuf und Zeus beim Opfer betrog. Auch jetzt, trotz der Strafe, bereut er nicht - und will nicht zurück. Wohl eines der stärksten Bilder des erwachsenen Menschen, der den Göttern sein Nein entgegenschleudert und auf der Befriedigung seiner Machtgelüste beharrt. Genau so dürfen Sie hier sagen "Ihr könnt mich alle mal. Ich will nicht nur 'vergnügt' sein. Ich will intensiv leben, für das Gute und gegen das Böse kämpfen, will Macht haben und ausüben, die Welt anders - natürlich besser - hinterlassen, als ich sie angetreten habe, ich will Spuren hinterlassen, lieben und hassen, begeistert und enttäuscht sein, begehren und verabscheuen, üppig geniessen und dafür auch leiden - was soll dieses lauwarme, leidenschaftslose, neutrale Zeugs" - Das steht jedem von uns zu. Und wer nie so gedacht, geredet, gelebt hat, sollte dies dringend nachholen.

Und wer schwankt, denke mal nach über die andere Seite. Bei einigen Begierden gibt es ja ein Gegenüber, ein Wesen, auf das sich die Gier richtet, jemand, der Ziel der Begierde ist. Und in dieser Rolle waren wir ja auch unzählige Male in unserem Leben. War das denn nur schlecht, lästig, einengend, bedrohlich? Oder war es auch schön? Gab es uns nicht auch das Gefühl der Einmaligkeit, der Unersetzlichkeit, der Überlegenheit? Es muss sich ja nicht immer um direkt auf uns als Person gerichtete Gier gehandelt haben wie bei der sexuellen Begierde. Ziel der Gier kann ja auch ein Produkt gewesen sein, das wir herstellten. Zum Beispiel ausgezeichnetes Essen. Ist es nicht für jeden Koch, jeden Gastgeber eine Befriedigung, wenn sich die Gäste gierig auf die Teller stürzen? Und auch wenn es um die sexuelle Begierde geht: Ich kenne Frauen, die zugeben, dass sie die flackernde Gier in den Augen eines Mannes geniessen - zumindest solange sie damit spielen und den völligen Kontrollverlust beim Mann vermeiden können. Sind wir bereit, auch diese unserem Ego so schmeichelnde Rolle des Begierde-Auslösers aufzugeben oder zumindest aktiv zu mindern? - Da ist kein Unterton: 'hoffentlich schon' - Es ist nicht einmal so, dass jemand, der sich hier bewusst für die Fortsetzung des leidenschaftlichen Lebens entschliesst, nicht mehr jammern dürfte, wenn er dann wieder einmal grässlich leidet. Leiden ist immer ein Nährboden für den nächsten spirituellen Entwicklungsschritt.

Wir hören es oft in Wirtschaft und Politik, aber auch bei der Beurteilung von Partnerschaftsproblemen: "Der Leidensdruck ist noch nicht gross genug…" um sich ökologisch zu verhalten, einen Streit zu begraben, gemeinschaftliche Anstrengungen zu unternehmen etc. Doch auch hier haben wir die Wahl. Wir können zuwarten, bis der Leidensdruck so gross ist, dass wir gezwungen werden für den nächsten Schritt - oder wir können uns freiwillig der anstehenden Gegensatzproblematik zuwenden, achtsam und liebevoll den nächsten Schritt zu gehen versuchen.

Beides ist völlig in Ordnung - wir haben alle Zeit der Welt - es fühlt sich einfach verschieden an. Noch einmal: Ich bewerte die erreichten Entwicklungsstufen nicht, weder meine, noch die anderer. Aber ich versuche, Zusammenhänge zu entdecken, herauszufinden, wie ich gemeint bin und was die nächsten Schritte sein könnten.

Kontrollverlust
Wieder so ein Begriff, der eher negativ bewertet daherkam bislang. Wenn Sie mal genüsslich zurücklehnen, die Augen schliessen und 'Kontrolle' denken (und sie bei dem Mini-Reislein gleich ein klitzekleines bisschen aufgeben!) - kommen da durchwegs tolle Bilder? Gut, wir sind stolz auf gewisse Bereiche, gewisse Augenblicke, in denen wir die Kontrolle bewahrten, über uns selbst, über eine Situation, über andere, über ein Unternehmen etc. Wir assoziieren Kontrolle auch mit Begriffen wie Disziplin, Selbstbeherrschung, Macht über sich und andere. Aber war es nicht auch oft langweilig, etwas bieder, verklemmt, gehemmt, voraussehbar, ja manchmal etwas leblos mit all dieser Kontrolle? Ständig dieser Daten sammelnde Hirncomputer, der vergleicht, die Emotionen steuert, jeder vitalen Regung Leitplanken, Schranken gibt. Das gibt zwar einen absolut lupenreinen Leumund - aber auch wenig zu erzählen am Cheminée-Feuer, wenn die Kinder, die Enkel oder sonst irgendwelche jüngere Wesen, die das Staunen noch nicht verlernt haben, uns mit grossen Augen zuhören. Und was steckt eigentlich hinter diesem gern zu einer männlich-überlegen-coolen Eigenschaft aufgewerteten Kontrollbedürfnis? Sind da nicht auch ganz gewöhnliche Ängste dahinter? Weitab von 'cool'? Die Angst, irgendetwas zu sagen, zu tun, was nicht 'normal', korrekt, akzeptiert ist? Oder die Angst, den sicheren Boden unter den Füssen zu verlieren? Angst, nicht mehr zu wissen, wer man ist? Sind denn das so selbstsichere Menschen, diese Kontroll-Freaks? Oder sind es nicht oft angstgesteuerte Wesen mit wenig Selbstwertgefühl, die fortwährend auf die Einhaltung von Regeln und Etikette achten, die sich verzweifelt an ihre Rolle in der Gesellschaft klammern, die ihren Eigenwert vor allem aus den Reaktionen der andern auf ihre Leistungen beziehen? Antworten Sie selbst, aus Ihrem Erfahrungsschatz, aus Ihrer Intuition heraus.

Und wie verhält es sich mit dem Gegenpol, dem Kontrollverlust? - Gab es denn da nicht auch Momente, die unheimlich erregend, faszinierend, stark waren, die wir nicht missen möchten? Und wie gerieten wir denn in diesen reizstarken Bereich des Kontrollverlusts? Was war es bei uns, das die Kontrollinstanz im Hirn in den Hintergrund zu drängen vermochte? Waren es nicht genau diese Sehnsüchte, Leidenschaften, diese Begierden, denen wir ab und zu die Zügel frei gaben? Und war es nachhaltig, das Erlebnis der Sättigung, der Befriedigung der Gier? Oder wurde die Gier sogar mit jedem Mal, wo sie befriedigt wurde, noch stärker, die Intervalle kürzer? War die Hemmschwelle nicht immer leichter zu überschreiten? Und wurde das Gefühl der Sättigung damit nicht immer schaler, die Befriedigung flauer, je schneller und häufiger wir den Kontrollverlust zu und der Gier freien Lauf liessen?

Short cuts
Es gibt auch hier wie bei allen Gegensatzpaaren neben der hier beschriebenen unerlösten Form von Kontrolle und Kontrollverlust, die sich gegenseitig auszuschliessen scheint auch die erlösten Formen, die sich vereinigen und zum selben Ziel führen. Der Wunsch nach Aufgabe der Kontrolle (der erlösten Form!) liegt viel tiefer und ist auf der materiell-körperlichen Ebene nicht zu befriedigen. Es ist die Ur-Sehnsucht in jedem beseelten Wesen, die Grenzen des Egos zu sprengen, uns wieder zu vereinen mit allem, was ist. Die Sehnsucht nach dem Selbst. Doch diese Grenzen-Sprengung fürchtet das Ego wie der Teufel das Weihwasser - verständlicherweise, wer möchte schon einfach so gesprengt werden! Und deshalb setzt das Ego - aus Überlebensangst (da ist sie wieder, die Angst!) - die Kontrolle ein und wehrt sich vehement gegen jeden Ansatz von Kontrollverlust. So wogt ein ständiger Kampf zwischen der unstillbaren und nie ganz unterdrückbaren Sehnsucht nach Verströmen, nach Vereinigung, nach Alleinheit und dem verzweifelten Versuch des Egos, so super kontrolliert und kontrollierend, so stark, so gut gepanzert zu sein, sich in so viele herrliche Identifikationsmäntel zu hüllen, dass genau dies eben nicht geschieht. Diese Sehnsucht nach der Befreiung von den Ego-Grenzen nimmt - wie jede Sucht - alle möglichen Tricks zuhilfe, auch faule Abkürzungen wie Alkohol, Nikotin, Trips, Drogen, Medikamente, missbraucht auch magische Techniken, um doch einmal eine kleine Prise vom Allgefühlstabak zu schnupfen, wenigstens zu ahnen, wie es wäre, wenn es denn sein dürfte. All diese Abkürzungen können zwar durchaus einen kleinen Einblick gewähren, zum Ziel führen sie nie, dafür öfters zu körperlichen und psychischen Schäden.

Es gibt Alternativen zu diesen short cuts, beschwerlichere, dafür nachhaltige Wege wie die in diesem Buch geschilderten. Und was brauchen wir für eine Haltung, um einen mühsameren, steileren Weg zu nehmen als einen leichten, flachen? Ist es nicht ein gewisses Mass an Kontrolle, Disziplin, Macht über sich selbst, Sich im Griff, in Gewalt haben? All die Eigenschaften, die bei vielen Eso-Freaks so im Schatten liegen, verdrängt und abgelehnt? Da käme uns nun die erlöste Form von Kontrolle zu Hilfe. Die Kontrolle, die uns liebevoll zum erlösten Gegenpol, zum erlösten Kontrollverlust führt. Es ist spirituelle Disziplin - eine Begriffskombination, die bei vielen sich spirituell wähnenden Menschen Übelkeit auslöst. Wunderbar: Hinschauen! Wie immer, wenn irgendetwas bei uns starke emotionale und körperliche Symptome auslöst. Bei mir reichte es lange Zeit, das Wort 'Zöllner' langsam und genüsslich auszusprechen, und ich hatte in derselben Sekunde höheren Puls, unkontrolliertes (sic!) Faustballen, Verschärfung des Tonfalles in der Stimme - ein Zustand, der sich meist im Absingen wüster Beschimpfungen über diese durchaus ehrenwerte Berufsgattung entlud. Heute kann ich lachen darüber. Falls Sie also jemand sind, der bei 'spirituelle Disziplin' Übelkeit oder Ähnliches spürt: das Ziel wäre lachen! Und dann natürlich: Anwenden, spirituelle Disziplin einbauen in Ihren Alltag. Nicht mit dem Ziel, irgendein Super-Asket zu werden, ein Avatar, ein Guru, Yogi, Reiki-Meister anstelle des Super-Unternehmers, -Politikers, -Sportstars oder was immer wir in der ersten Lebenshälfte anstrebten zu werden oder gar wurden und damit schon wieder in den gleichen Ego-Mustern zu landen, aus denen wir uns doch gerade raus-wickeln, ent-wickeln wollen.

Erlöste Kontrolle ist also die, die genau das gleiche meint und will wie der erlöste Kontrollverlust: das Finden des Selbst jenseits des Egos; Ausdehnen des zusammengezogenen Egos mit spiritueller Disziplin (erlöster Aspekt der Kontrolle) und immer stärkeres Erleben des grenzenlosen Ausgedehntseins im Selbst (erlöster Aspekt des Kontrollverlusts).

Ganzheitliche Momente
Das geht aber alles viel langsamer als bei den short cuts, braucht ganzheitliche Arbeit mit Körper, Seele und Geist, eine gehörige Portion Mut - und auch eine gewisse Verzichtsbereitschaft, weil auf die Dauer nicht beides gleichzeitig zu haben ist: Das dicke, fette Super-Ego mit seinen kleinen Instant-Befriedigungen und Selbstbeweihräucherungen, die es für Glück hält, solange es nichts anderes kennt - und das spirituelle Glück, das jenseits der Ego-Grenzen der Entdeckung harrt. Die grossartigen Augenblicke des Ankommens in der Gegenwart, im Jetzt, die Momente der wenigstens kurzfristigen Aufgabe des Egos zugunsten eines Gefühls von Mitte und Ausbalanciert-Sein, von Verbundenheit, Zentriertheit, Achtsamkeit. Ein ganzheitliches Erleben, das sich letztlich der Beschreibung durch polare Sprache entzieht. Man muss es erfahren, ausprobieren, kosten - sonst hält man alle, die davon erzählen, für hoffnungslos übergeschnappte Phantasten.

Bis wir etwas ausserhalb unseres Egos erlebt haben, identifizieren wir uns verständlicherweise völlig mit unserem Körper, mit den uns bekannten Gefühlen und dem Hirncomputer, der nicht aufhört zu betonen: 'Ich bin der oder die, heisse so und so, bin so alt, so gross, so schwer, das von Beruf, wohne dort, mag dies und verabscheue jenes' etc. - lauter äussere Etiketten, die Beschreibung des Fahrzeugs, das wohl zum Wesen am Steuer passen mag, aber doch nicht identisch ist mit ihm. Solange wir das nicht durchschauen, bleiben wir Gefangene dieser Täuschung und begeben uns gar nicht auf die Suche nach dem Glück, das ausserhalb der engen Ego-Grenzen liegt.

Jenseits von Gier und Schmerz ist viel mehr als 'Vergnügen'
Auch mehr als das Glück eines Drogentrips, eines Rausches oder eines noch so berauschenden sexuellen Erlebnisses. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes jenseits von alledem. Die Glückserlebnisse, auf die dieses Buch Sie hinweisen will, sind vor allem auch nachhaltiger als alles, was wir im normalen Ego-Modus mit oder ohne Kontrolle erleben. Wie wär's also mit dem ersten Schritt? Anstreben der Mitte zwischen Kontrollverlust und Kontrolle bzw. dem Hinsteuern auf die beschriebenen erlösten Formen dieser beiden Begriffe? Wenn die angegebenen Übungen etwas bewirken sollen, müssen Sie bereit sein für ein bisschen Hingabe, ein bisschen lockeres Abstandnehmen von Ihrem Ego und seinem Kontrollbedürfnis. Dafür dürfen Sie im Nachhinein immer wieder die Erfolgskontrolle machen. Lassen Sie die Kontrollzügel locker, gehen Sie eine Glücksroute, machen Sie die Übungen und dann vergleichen Sie vorher - nachher. Sind Sie gelassener, liebevoller mit sich selbst, mit andern, mit Dingen, Problemen? Oder sind Sie im Gegenteil abgehoben, verantwortungslos, egozentrisch, lieblos, freudlos, leblos? - Tun Sie nichts, was Ihnen auf die Dauer nicht wohl bekommt. Aber seien Sie auch nicht allzu naiv. Unser Ego ist ein schlauer, gewiefter, erfahrener Kämpfer und lässt sich nicht so leicht austricksen oder gar nachhaltig zurückbinden. Es tritt weder seinen Allmachtsanspruch noch seine Gier so leicht ab und gibt immer wieder sehr positive Körpersignale, wenn wir ihm geben, was es begehrt. Das muss nicht gleich der Nobelpreis oder das Vermögen von Bill Gates sein, es reichen auch bescheidenere Formen der Anerkennung, der Demonstration seiner Bedeutung, seiner Einmaligkeit, seiner Unverwechselbarkeit. - Natürlich fühlt sich das im Augenblick toll an, lustvoll. Und erst wenn diese herrlich befriedigenden Gefühle wieder abgeklungen sind, dämmert uns jeweils, dass es nicht lange reicht, dass wir es immer wieder haben müssen, dass es süchtig macht und letztlich auch sehr aufwändig, anstrengend ist, diese Anerkennung, diese Ego-Bestätigung immer wieder zu holen, im doppelten Sinne zu verdienen.

Verwandte Begriffe
Noch ein Wort zu den Begriffen derselben Begriffsketten und ihrer Abgrenzung. Da manchmal nur schon die leichteste Verschiebung und Nuancierung eines Begriffs das Wertungsetikett wechseln lässt, ist ein differenzierter Umgang mit Begriffen unerlässlich. Nehmen Sie die Farbänderungen zwischen Gier, Sehnsucht und Leidenschaft. Obwohl auch in der Sehnsucht das meist negativ bewertete Wort Sucht steckt und in der Leidenschaft das Leiden, sind beide Begriffe in der Regel positiv besetzt. Die meisten finden Leidenschaft etwas Schönes, weil Starkes, Intensives und die Sehnsucht gilt ebenfalls als eine starke, viel Positives bewirkende Emotion. Die Gier hingegen, die nichts anderes meint als die leidenschaftliche Hingabe an eine Sehnsucht, konnotiert durchwegs negativ, gilt als rohe, plumpe, rücksichtslose Emotion. Auch bei den Antonymen, den Gegensätzen, kann man durchaus gegensätzlicher Meinung sein, da sie nie den gleichen Bedeutungsinhalt und -umfang spiegeln und oft auch sehr schwierig in andere Sprachen zu übertragen sind. Deshalb gestatte ich mir manchmal die sprachlich nicht sehr originelle Lösung mit der Negation, also Gierlosigkeit, Bedürfnislosigkeit, Wunschlosigkeit, Triebfreiheit etc. Je nach Blickwinkel gibt es für denselben Begriff verschiedene Antonyme. Betonen wir z.B. den Aktivitätsgehalt des Wortes Gier, den Vektor auf das Objekt der Begierde, passen 'innerer Friede', 'Gelassenheit', 'In-sich-Ruhen' als Antonyme. Richten wir das Augenmerk aber auf die Befindlichkeit, den Zustand des 'Gierig-Seins', sind es Begriffe wie 'Sattsein', 'Befriedigung', die den Gegensatz umschreiben.

Gier-Sehnsucht-Bedürftigkeit-Bedürfnis-Wunsch-Trieb
Gier ist eine von Leidenschaft und Kontrollverlust geprägte, auf Angst basierende Emotion. Sie unterscheidet sich dadurch graduell von der Sehnsucht, die nicht mit Kontrollverlust verbunden sein muss, von der Bedürftigkeit, die den Ohnmachts-Aspekt und die Abhängigkeit betont, vom emotionalen Bedürfnis, das bereits sehr zivilisiert und kontrolliert daherkommt und vom noch bescheideneren Wunsch. Zu beachten ist, dass der Begriff Bedürfnis über den Bereich der Emotionen hinausgeht, wo Gier immer eine Emotion ist. Die auf der Körperebene ausgelösten Begierden wie die Fressgier, die Gier nach Alkohol, Drogen, Sex etc. kommen immer auch auf der emotionalen Eben zum Ausdruck und reflektieren einen seelischen Prozess, in der Regel ein seelisches Defizit. Die Gier fokussiert mithin meistens ein Surrogat, einen Ersatz, eine stellvertretend für einen Inhalt stehende Form. Gier zielt auf Befriedigung, Sättigung, die in aller Regel aber nur von kurzer Dauer ist. So kommt es zu einer endlosen Kurve von Gier, die zur Befriedigung drängt, kurzen Momenten des Befriedigtseins bis zum Wiedererwachen der Gier. Triebe wie der Fortpflanzungs-, Überlebens- und Machttrieb, die Triebhaftigkeit des Menschen insgesamt in Analogie zur Triebhaftigkeit der Tiere dient als Erklärung, als causa für die Gier und wird auch oft als Entschuldigung missbraucht. Die bewusste Beschäftigung mit der unbestritten vorhandenen Triebhaftigkeit des Menschen und der Versuch, sich über die Triebgesteuertheit hinaus zu entwickeln, ist die Basis jeder Zivilisierung und Kultur, damit auch Voraussetzung für spirituelle Entwicklung.


Schmerz-Leid-Leiden
Schmerz ist eine subjektiv empfundene, negativ bewertete Emotion, die sich der objektivierenden Forschung weitgehend entzieht. Wir können zwar Bezüge schaffen zwischen körperlich oder seelisch ausgelösten Schmerzen einerseits, Ort und Art des individuellen Ausdrucks dieses Schmerzes andererseits, aber die durch Beobachtung und statistische Datenverarbeitung etablierten Relationen sind nie zwingend oder allgemeingültig. Schmerz und Leid sind also Phänomene, die nahezu alle Menschen kennen, deren Herkunft, Konsistenz, Wirkung und natürlich auch deren Überwindung schwer nachweisbar bleibt. Die verlässlichsten Daten liefert wahrscheinlich die chemische Industrie mit den Schmerzmitteln, die es schaffen, bei einem sehr hohen Prozentsatz der Konsumenten die körperliche Wahrnehmung von Schmerz einzudämmen. Auch dieser rein repressive Erfolg beweist aber noch nicht die Realität, die Existenz des körperlichen Schmerzes als absolute Grösse, da es immer noch Menschen gibt, die bei der gleichen Verursacherlage und den gleichen Symptomen subjektiv einen viel geringeren oder gar keinen Schmerz empfinden und damit die wahrnehmungsmindernden Mittel, die bei so vielen Konsumenten wirken, gar nicht brauchen. Leider ist der für mich zwingende Zusammenhang zwischen Angst vor Schmerz und Wahrnehmung des Schmerzes, zwischen (immer mit Angst verbundener) Festklammerung am Ego und Schmerz bzw. Lockerung der Ego-Identifikationen und Schwinden des Schmerzes noch zu wenig erforscht und bleibt hier These. - Aber wir haben ja alle Zeit der Welt.

Noch deutlicher tritt diese Relativität und Subjektivität beim psychischen Schmerz bzw. Leid zutage, also bei Schmerzen, deren Genese wir im emotionalen Bereich orten, die sich aber genau so auf der körperlichen Bühne manifestieren können wie diejenigen, deren Auslöser wir in physischem Geschehen vermuten (Krankheit, Unfall), die aber letztlich auch in Analogie zu einem psychischen Geschehen stehen. Dasselbe äussere Geschehen - z.B. eine Abtreibung, Verlust des materiellen Wohlstands, Verlust eines nahestehenden Wesens - löst beim einen Menschen eine Krise mit schwer depressiven Phasen aus, die oft über Jahre andauern, zu Dauerschäden oder gar zum Suizid führen können. Ein anderer Mensch verarbeitet das Geschehen nachhaltig innert kürzester Zeit.

Interessant ist auch, wie nahe sich z.B. Schmerz und Lust sowohl in der Wahrnehmung wie im Ausdruck sind. Sowohl Mimik wie Lautäusserungen bei grossem Schmerz und grosser Lust können zum Verwechseln ähnlich sein und wir haben alle schon erlebt, wie leicht die beiden Empfindungen ineinander übergehen können. Weinen kann genau so gut von Trauer wie von Freude ausgelöst werden. Ist unser Herz berührt, öffnet es sich, fällt der Kontrollpanzer und Rührung äussert sich - z.B. in Tränen. Die Wertung der Emotion ist zweitrangig, relativ, individuell und kann sehr schnell wechseln. Auch Schönheit und (diesseitiges, polares) Glück können schmerzen, wenn sie in einer zu hohen Konzentration auftreten.

Wird eine Empfindung zu stark, auch wenn es eine stark positiv bewertete ist, können wir meist gar nicht verhindern, dass sie in den Gegenpol kippt. Ein Vorgang, der das archetypische und zwingende Streben nach der Mitte, nach der Balance, nach dem Ausgleich illustriert.


Lockern der Widerstände
Wenn Schmerz und Leid keine absoluten Grössen, sondern beliebig relativierbar sind, könnten wir diese Relativierung im Umgang mit unserem eigenen Schmerz und Leid als bewusste Methode einsetzen. Wenn wir sehen, dass andere mit demselben Schmerz viel lockerer umgehen als wir, verliert der Konnex zwischen der Schmerzursache und unserem Empfinden seine Stringenz. Wir haben es anscheinend in der Hand, den Schmerz auch so anzuschauen wie der andere. Auf der psychischen Ebene lässt sich relativ leicht zeigen, dass die Stärke der Schmerz/Leid-Empfindung parallel zu den inneren Widerständen gegen das auslösende Geschehen wächst bzw. schwindet. Gelingt es, sowohl die Fixierung auf den Widerstand wie die Schuld-Projektion auf das auslösende Geschehen zu lockern oder gar zu beseitigen, schwindet bzw. entschwindet der Schmerz. Er löst sich auf. Der vom Schmerz Befreite zweifelt im Nachhinein an der Realität des Schmerzes. Eine grosse Gefahr besteht nun allerdings, diese Beobachtungen zu verallgemeinern. Denn subjektiv existiert der Schmerz sehr wohl. Das Revolutionäre liegt aber darin, dass wir die grundsätzliche Möglichkeit haben, Schmerz zum Verschwinden zu bringen ohne äussere Hilfsmittel, rein durch innere Aktivitäten wie das erwähnte Lockern oder Aufgeben von Widerständen. - Im Bereich der körperlichen Schmerzen muss der Prozess analog ablaufen, wenn der Grundsatz 'Wie innen so aussen' gültig ist. Es ist zumindest einen Versuch wert, auch wenn damit das bescheidene Jahresgehalt von Novartis-Chef Daniel Vasella sich von 20 auf kümmerliche 19 Millionen zu verringern droht. Wie wär's denn bei den nächsten Kopfschmerzen oder - für Risikofreudige - beim nächsten Zahnarztbesuch? Aber auch hier gilt. Lieber langsam und dafür nachhaltig.

Respekt
Und ich habe nie gesagt, es sei leicht. Ich habe tiefsten Respekt vor Menschen, die wirklich von intensivsten körperlichen und seelischen Schmerzen geplagt werden und die es immer wieder fertig bringen, dankbar zu sein, für das, was noch geht, für jede Besserung oder wenigstens Linderung, ja sogar für die Krankheit oder den Schicksalsschlag, weil sie intuitiv oder ganz bewusst erkennen, dass Schmerz immer eine Chance für spirituelle Entwicklung ist. Der grösste Prüfstein für das Einverstandensein mit uns und der Welt ist Schmerz und Leid. Und es gibt Menschen, die sich mit grossem Mut genau dieser Herausforderung stellen. Es sind die, die uns Trost schenken, wo wir ihn doch geben wollten. Sie sind bereits jenseits von Gier und Schmerz angelangt.