"Richtig leben mit Wunibald"

oder

Der Weg weg von den Erwartungen

 

Man kann es sich tausendmal in den Kopf zu hämmern versuchen "Du sollst keine Erwartungen haben", man kann den Satz gross aufschreiben, auf's WC, über's Bett, neben's Telefon hängen, auf Grossleinwand projizieren - es hilft alles nichts. Die Wirkung ist ähnlich toll wie bei anderen 'Du sollst nicht...'-Sätzen wie

"Du sollst keine Lust auf ................... haben". Setzen Sie ein, was bei Ihnen ganz schnell und direkt Lust oder sogar Gier auslöst, z.B.: Schokolade, Sex, Geld, Macht (im Beruf, privat, im Sport), der neue Ferrari, bei mir: der Verlag, der auf meine Bücher abfährt!)
oder
"Du sollst ……………..nicht negativ werten. ". Setzen Sie ein, was bei Ihnen ohne Umweg über das Hirn ganze Lawinen negativer Wertungen auslösen kann, z.B.: die Politiker, die Abzocker-Manager, das Wetter, der rasenmähende Nachbar, die Papiertaschentücher im Bett, das Schnarchen, das Bäuchlein, die Orangenhaut, bei mir: die Denk- und Lesefaulheit vieler Zeitgenossen).

Und jetzt kommt der grosse Glücks-Prophet und will uns also weismachen, wie man ein weiteres dieser "Du sollst nicht..."-Gebote umsetzen könne? - Man darf gespannt sein.

Denn täglich, nein stündlich, manchmal minütlich holen uns die Erwartungen ein: Dass es hell wird am Morgen, dass unser Partner (so wir denn sowas im Haus haben) uns anlächelt beim Erwachen, dass der Kaffee, Tee, Saft genau so heiss bzw. kalt und mit oder ohne die einzig richtigen Zutaten daherkommt, dass nur der 'normale' Stau herrscht auf dem Arbeitsweg bzw. die öffentlichen Verkehrsmittel mit der sprichwörtlichen schweizerischen Pünktlichkeit ankommen, dass die Mitarbeiter ausgeruht und arbeitsfreudig aus dem Wochenende... - spätestens hier wird es kitschig. Woher denn dieser masslose Anspruch? Richtig leben mit ..................... Bitte setzen Sie hier Ihren Namen ein. Kein Witz, tun Sie es. Sie können den Satz auch gross aufschreiben und statt der 'Du sollst nicht...'-Sprüche über's Bett, über's Telefon etc. hängen. Mit garantiert grösserem Effekt.

Richtig leben mit Wunibald

Lassen Sie das auf der Zunge zergehen. Kennen wir denn das nicht von tausend Erlebnissen, angefangen bei den Eltern, den Lehrern, den Vorgesetzten, den Trainern, den Partnern, den Freunden, den Politikern, den Pfaffen - es hört ja gar nicht auf. Alle wollen uns doch ständig weismachen, wie man 'richtig' lebt. Ja, die Buchautoren! Haben wir denn die Nase nicht mehr als voll von ihnen. Wieder so einer, der uns das ultimative Rezept vom 'Richtig Leben' verheisst. Ins Feuer mit ihm - zumindest mit dem Buch. "HALT" schreie ich, "gemach, gemach". Ich verspreche Ihnen gar nichts. Ich behaupte aber fröhlich, nichts sei absolut falsch. Nichts, gar nichts. Also sind auch Ihre Erwartungen nicht absolut falsch, so wenig wie Ihre mögliche Wut auf all die 'Richtig leben leicht gemacht'-Autoren, die ich sogar oftmals auch verspüre. Ich verspreche Ihnen weder, dass irgendetwas absolut richtig noch dass es leicht sei. Im Gegenteil. Was ich aber sehr wohl versuche, ist das Aufzeigen von Zusammenhängen. Hier geht es zuerst einmal um den Konnex zwischen innen und aussen. All das 'Richtig leben'-Gesalbader, das uns so mächtig in Rage bringt bei den andern (aussen), machen wir ja auch selbst (innen). Das wäre also wieder mal so eine Schattenprojektion, die man gemäss einschlägiger Psychologen-Weisheit zurücknehmen und bei sich selbst suchen, durchlichten, transformieren sollte. Viel Spass denn.

Wenn Sie soweit sind, dass Sie wutschnaubend anerkennen, dass Sie das auch ständig machen, nämlich vorzugeben, Sie wüssten, wie man 'richtig' lebt, geht es weiter mit dem Zusammenhang zwischen dieser so ekelhaft lehrer-polizisten-pharisäerhaft-besserwisserischen Super-Ego-Ich-bin-der-Grösste-Haltung und der klitzekleinsten Erwartung, die wir hegen. Bitte jetzt keine Ausreden wie "Aber gewisse Dinge wird man ja wohl erwarten dürfen...". Wenn wir diesen Spruch klopfen aufgrund einer vom Empfänger verlangten Vorleistung unsererseits oder - weit häufiger - aufgrund von etwas, was wir als Vorleistung, als Investition anschauen, dann wird es noch übler. Dann ist Erwartung nur ein Euphemismus, reine Schönfärberei und meint eigentlich Forderung. Da sind wir doch besser gleich ehrlich und machen einen sauberen Handel: Hier ist meine Leistung, dafür fordere - nicht 'erwarte'! - ich Geld oder sonst eine Gegenleistung. Dazu fehlt uns oft der Mut. Klar fordern, dazu stehen, dass wir die Leistung nicht - oder nicht nur - für die blauen Augen des Empfängers erbringen. Am besten geben wir gleich die Währung bzw. die geforderte Art der Gegenleistung an bzw. wir bringen sie als Bestandteil des Handels in die Verhandlung ein und versuchen eine Einigung zu erzielen.

Das braucht nicht nur eine Portion Mut, es kann auch ernüchternde Konsequenzen haben:
Erstens können wir uns nicht mehr um die Einsicht drücken, dass viele unserer mit Erwartungen verknüpften Leistungen gar nie verlangt wurden, dass gar niemand uns je darum ersucht, gebeten, uns einen Auftrag erteilt hat. Bevor Sie sich jetzt in Selbstmitleid ergiessen, fühlen Sie sich mal in die Haut eines Autors ein, der ständig Bücher schreibt ohne dass jemand danach geschrien hätte. Da gibt's weder was zu fordern noch zu erwarten!
Und zweitens vermiest uns das eines unserer Lieblingsspiele: die Rolle des Selbslosen, Grosszügigen, über den Niederungen des Handels, des 'do,ut des' = 'ich gebe, damit du gibst' Stehenden. Hier liegt nämlich die faule Motivation hinter vielen unserer Erwartungen. Wir leisten irgend etwas Ungefragtes, erwarten eine bestimmte Reaktion und sind bei deren Ausbleiben enttäuscht, bringen das auch meist säuerlich zum Ausdruck mit all dieser unnachahmlichen Mimik, Gestik, Verschnupft- und Betupftheit bis zur veritablen Depression, wenn's um grössere Enttäuschungen geht.

Lassen Sie mich ein provokatives Beispiel machen: die Prostitution. Unter dem Aspekt 'Forderung statt Erwartung' eine saubere Sache. Da wird schon gar nicht gespielt mit all den Erwartungen wie bei den meisten übrigen Zweierkisten, die ja sowieso früher (nach der ersten Nacht) oder später (statistisch im Schnitt nach ca. 3 Ehejahren) in die Enttäuschung münden - nein, ganz klar: Leistung gegen Geld. Und falls an der Leistung (zu wenig) oder am Geld (gefälscht) irgendetwas nicht stimmt, sollten Mängelrüge, Klage auf Ersatzleistung, Rücktritt wegen Schlecht- oder Nichterfüllung des Vertrags - einfach das ganze herrliche juristische Instrumentarium zur Verfügung stehen - was es im Beispielsfall der Prostitution zwar nicht tut, doch das hat andere Gründe. Aber in der Anlage und bezüglich Erwartungen eine saubere Sache. Man darf geteilter Ansicht sein, ob diese Liebes-Trennkost, das von den anderen Ebenen abgekoppelte Angebot von rein körperlicher Liebe nun irgend ein Schritt Richtung spirituelle Entwicklung oder doch eher verabscheuungswürdig sei. Genau deshalb bringe ich natürlich das Beispiel, weil es viele von uns zu einer schnellen Negativ-Wertung verleitet, zu einem 'Du sollst nicht...'-Satz. Wenn es anhand des Beispiels Prostitution gelingt, mir, Ihnen, irgendjemandem zur Einsicht zu verhelfen, dass nichts absolut falsch ist, dass sogar der vielgeschmähten Prostitution ein positives Element abzugewinnen ist, und dass es sich lohnt, seine eigenen Erwartungen daraufhin zu überprüfen, ob sie nicht in Forderungen umgewandelt werden könnten, dann IST das bereits ein Schritt Richtung spirituelle Entwicklung.

Wenn wir uns und unseren Erwartungen auf die Schliche kommen wollen, sehen wir das Muster natürlich an allen Ecken und Enden. Anstatt des in vielen Fällen möglichen sauberen, aber vielleicht nicht ganz so hochedelmütigen Handels mit Leistung und Gegenleistung, Mängelrüge etc. verbrämen wir unser Tun so oft mit hehren Zielen, edlen Haltungen und hegen dafür Erwartungen, die wir - je nach Sensibilität des Gegenübers mehr oder weniger deutlich - in Mimik, Gestik, Wort und Tat durchschimmern lassen. Werden unsere Erwartungen nicht erfüllt, haben die meisten von uns eine beeindruckende Palette von Ausdruckmöglichkeiten, vor der auch Profi-Schauspieler erblassen könnten. Es ist in keiner Weise frauenfeindlich, wenn ich Sie nun bitte, sich an Ihre Mutter, Grossmutter, Frau, Partnerin, Freundin, Lehrerin, Trainerin oder sonst eine Ihnen nahestehende weibliche Person zu erinnern im Zusammenhang mit dem Ausdruck enttäuschter Erwartungen. Es geht einfach besser mit Frauen, weil sie diesen subtilen Part in der Regel mit viel mehr Brillanz, mehr Raffinement spielen als die etwas simpleren Männer. Denken Sie mal zurück an die Worte, das Gesicht, die Handbewegungen, das ganze Verhalten Ihrer Mutter oder einer ähnlich zentralen Frauenfigur in Ihrem Leben: Wie zeigte sie Ihnen enttäuschte Erwartungen? - Ich bin überzeugt, Sie kommen zu herrlichen Bildern. Dieses Besorgtsein, leicht Vergrämtsein, diese Duldermiene, die leidumflorten Augen, der verhärmte Zug um den Mund, weil wir wieder einmal x-eine Erwartung nicht erfüllt hatten.

Genug gesuhlt in der so schönen Rolle des waidwunden Opfers. Jetzt sind wir Täter! Wie machten und machen WIR das? Mit ätzenden Bemerkungen, beissendem Spott, rabenschwarzem Galgenhumor wie viele Skorpione? Mit verheulten Weltschmerz-Glubschaugen wie viele Fische? Mit einer Erhöhung der Körperverhärtung auf 270% und Lippen, die zu schmalen Messern werden wie viele Steinböcke? Mit jovial-grossspuriger Geste, die erst auf den zweiten Blick verletzend ist, weil in ihr der unausgesprochene Satz steckt: "Du kannst ja nichts dafür, dass du so bist, wie du bist - nämlich eine Pfeife!" wie viele Löwen? Mit dem hilflos-jämmerlich-orientierungslosen Blick vieler Waagen, die wir mit unserer Nichterfüllung ihrer Erwartungen wieder einmal aus ihrer Balance, aus ihrer so lebensnotwendigen Dauerharmonie warfen? Ich erspare Ihnen Jungfrau, Krebs & Co. bzw.: ergänzen Sie selbst, es macht durchaus Spass!

Humor
Nun geht's aber um mehr als Spass. Ich hab ja behauptet, ich hätte Änderungsvorschläge. Eine ernste Sache. Oder doch nicht? Mein erster Vorschlag ist nämlich: HUMOR. Lachen über uns und unsere Erwartungen, unsere Methoden, wie wir auf der Alltagsbühne die Enttäuschten spielen. Und wenn uns das Lachen über uns selbst einmal im Hals stecken bleibt, lachen wir zur Erholung über die andern. Da geht's zwar leichter, aber der Therapie-Effekt ist kleiner. Wir bieten ja wirklich haufenweise Anschauungsmaterial zu diesem Thema - es wäre ein Jammer, soviele Lachgelegenheiten zu verpassen. Mit dem Lachen über uns werden uns die angewendeten Muster und Schauspielertricks bewusst. Lachen ist auch eine der lockersten Möglichkeiten, einseitige Wertungen wegzunehmen. Der grösste Bush-Hasser muss zugeben, dass es noch von keinem amerikanischen Präsidenten so viele Witze, Cartoons, Geschichten gab - darunter solche, bei denen ich Tränen lachte. Genau so ist es mit Erwartungen und den damit verknüpften Enttäuschungen. Wenn wir die einseitige Wertung wegnehmen, dass Erwartungen nur schlecht und deshalb loszulassen seien, können wir uns auf die Suche nach ihren positiven Aspekten machen. Haben wir denn nicht auch erlebt, wie motivierend Erwartungen sein können? Wie uns der Druck der Erwartung nicht nur quälte, sondern auch beflügelte, seien es Erwartungen von aussen oder solche, die wir selbst an uns stellten? Die beste Voraussetzung, irgendetwas aus der Problemhaftigkeit zu lösen, ist das Erkennen der positiven Aspekte und deren untrennbares Verknüpftsein mit den von uns als negativ erlebten.

Haben wir das Thema Erwartungen bewusst erkannt und in seinen verschiedenen Aspekten auf den Tisch gelegt, können wir auch eine Strukturierung, eine Unterteilung vornehmen. Es braucht dazu eine gehörige Portion Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Wir müssen versuchen, unseren derzeitigen Entwicklungsstand unbeschönigt zu umschreiben und uns Etappenziele setzen, die erreichbar und verkraftbar sind.

Prime-Selection
Ich mache jeweils zuerst eine Prime-Selection und wähle ein paar ganz erlesene Erwartungen aus - gute Jahrgänge, fruchtig im Aroma und überhaupt kein Abgang - die ich mir weiterhin gönne, deren motivierende Kraft ich noch brauche, so z.B. die zarte Erwartung, dass sämtliche Hunde der Welt meine doch so hochkarätig wertfreie, der ganzen Species ununterschieden zugespülte Liebe wenigstens mit einem leisen Schwanzwedeln erwidern. Oder die vor Bescheidenheit triefende Erwartung an mich selbst, dass ich mal noch einen Bestseller schreibe. Natürlich sind diese Prime-Selection-Erwartungen so wenig vor Enttäuschung gefeit wie alle andern, aber sie gehören jetzt und heute noch so stark zu meiner Lebensqualität und meinem Wohlbefinden, dass ich die mögliche Enttäuschung in Kauf nehme. Die Prime-Selection ist einfach Ausdruck der mildtätigen Eigenliebe, die nicht gleich alles auf's Mal fordert. Es ist die Devise 'Langsam, dafür nachhaltig', die sich bei vielen Verzichtsübungen bewährt.

Aus Erwartungen Forderungen machen
Dann gibt es ein Häufchen sauber aufgelisteter Erwartungen, die ich in Händel umfunktionieren will. Da fasse ich mir dann ein Herz und gehe zu jemandem hin, der meine Erwartungen auf Entschädigung meiner Leistungen seit geraumer Zeit nicht - oder überhaupt noch nie! - erfüllt hat und sage ihm: "Hör mal, Ideen haben, schreiben, sprechen, moderieren, leiten - das ist mein Beruf, viel mehr kann ich nicht, ich muss davon leben, von jetzt an kosten meine Leistungen etwas". Das fällt mir zwar gigantisch schwer, weil es doch dem Bild, das ich von mir habe, nicht entspricht: Der hoch über den Niederungen des schnöden Mammons schwebende Philosophikus. Aber auf diese Weise werde ich eine Erwartung los - zugegeben auch ab und zu einen vermeintlichen 'Freund', der sich als cleverer Gratisleistungsbezüger entpuppt - aber beides lohnt sich auf die Dauer. Nicht nur finanziell, sondern auch als winziges Schrittchen der Entwicklung.

Aus Erwartungen Hoffnungen machen
Eine weitere Verwandlungsmöglichkeit besteht darin, aus Erwartungen Hoffnungen zu machen. Aber Achtung: Wenn wir nur das Etikett wechseln und die der Erwartung zugrundeliegende fordernde Haltung beibehalten, ist nichts gewonnen. Was ist der Unterschied zwischen Erwartung und Hoffnung? - Erwartung ist näher bei der Forderung, kommt aus einer stärkeren, selbstsichereren Position heraus als die Hoffnung, die immer auch etwas Hilfloses, Ohnmächtiges hat. Wenn alles GEGEN das Eintreten eines bestimmten von uns herbeigewünschten Ereignisses, Verhaltens, Zustandes spricht, dann greifen wir zur Hoffnung: auf dass es doch noch, wider Erwarten eintrifft. Das zu Erwartende hat einen viel höheren Wahrscheinlichkeitsgrad als das zu Erhoffende. Hoffnung ist deshalb viel näher beim Wunsch, weil uns in der Regel die Durchsetzungsmöglichkeiten fehlen, wo bei der Erwartung im Hintergrund immer die Drohung mitschwingt "Wenn sie nicht erfüllt wird, hat das Konsequenzen, die du/ihr - die Nichterfüllenden - zu spüren bekommen werdet."

Im religiösen Kontext haben wir das Gebet, mit dem wir einer Hoffnung, einem Wunsch, aber nicht einer Erwartung Ausdruck verleihen. Hoffnung kommt aus einer demütigeren, bescheideneren, aber auch klar schwächeren Position heraus als Erwartung und lässt sich nicht in eine ernstzunehmende Forderung umfunktionieren, sowenig wie sich eine Erwartung in die Form des Gebets kleiden lässt.

Wenn ich nun versuche, eine Erwartung in eine Hoffnung umzuwandeln, ist mir der Aspekt der Demut wichtig. Ich will mich und meine fordernd-erwartende Haltung zurücknehmen, bescheidener werden, um etwas bitten, beten, etwas wünschen - für etwas hoffen. Auch die Reaktion auf die Nichterfüllung, das Nichteintreten des Erhofften ist anders als bei der Erwartung. Die nichterfüllte Erwartung erzürnt unser besserwisserisches Ego, die nichterfüllte Hoffnung lässt unser auf Grenzenlosigkeit angelegtes Selbst sogar wachsen. Sie hilft uns auf dem Weg zur Gierlosigkeit, auf dem Weg aus der ewigen Extrapoliererei von der Vergangenheit in die Zukunft ins Hier und Jetzt, in die Gegenwart. Denn genau dieses Sammeln von Daten und Erfahrungen aus der Vergangenheit und die Verarbeitung dieser Daten in Zukunftsszenarien ist die Basis aller Bedürfnisse, die sich in Gier, Forderungen, Erwartungen, Hoffnungen, Wünschen, Bitten und Gebeten ausdrücken. Wer wirklich in der Gegenwart angekommen ist, hat auch keine Bedürfnisse mehr. Wir kennen das alle von den luziden Momenten völliger Gegenwärtigkeit, die sehr oft auch als starke Glückserfahrungen erlebt werden.

Erwartungen gehören als Ego-Stärker also archetypisch in die erste Lebenshälfte, Hoffnungen als Selbst-Promoter in die zweite. Beide mit dem Ziel, irgendwann gar nicht mehr gebraucht zu werden. Wer nichts mehr erwartet, nichts mehr hofft, frei ist von Wünschen, Bitten, Bedürfnissen, wer einfach IST im Hier und Jetzt, der ist angekommen im Zustand des verwirklichten spirituellen Glücks. - Doch das ist Zukunftsmusik, das sind die grossen Fernziele, vorläufig sind wir noch ganz bescheiden daran, die Erwarterei etwas zurückzubinden.

Erwartungen loswerden
Jetzt kommt nämlich der grosse Haufen von Erwartungen, die ich weder in Forderungen noch in Hoffnungen verwandeln kann und die nicht zu meiner Prime-Selection erhaltungswürdiger Sonder-Motivations-Erwartungen gehören. Es sind all die, die ich im nächsten Schritt loswerden möchte. Erwartungen, die gar nichts zu meiner Lebensqualität beitragen, ausser dass sie mir dieses Pharisäer-Feeling geben, dieses "Richtig leben mit ...."-Gefühl, das "Alle mal herhören". Diese Erwartungen drücken sich bei mir aus in Gedanken und Sätzen wie: "Man müsste meinen, dass die mit über 60 und all dem angehäuften Wissen wenigstens dieses winzige Entwicklungsschrittchen gehen könnte..." oder "Wäre es nicht an der Zeit, sich mit 80 so langsam auf den Übergang vorzubereiten? Nicht äusserlich, sondern innerlich!" - In der Regel sind es Erwartungen, deren Nichterfüllung echt schmerzt, weil es dabei meist um Menschen geht, die wir liebhaben, deren Entwicklung uns am Herzen liegt wie z.B. bei der klassischen Konstellation Eltern-Kind. Ich halte es deshalb für umso wichtiger, diese Erwartungen loszuwerden oder zu verwandeln. Das geht aber nicht mehr so leicht im Kopf. Ich muss Übungen machen im Innen und Aussen, mit Einbezug der Gefühlsebene und des Körpers. Zuerst muss ich mich aber tief in die Erwartungen hineinbegeben, sie als notwendigen Teil meiner Entwicklung akzeptieren, die Schutzschild- und Motivations-Funktion sehen lernen, die nicht nur die Erwartung haben kann, sondern die auch in der Enttäuschung und der zugrundeliegenden Täuschung stecken. Erst dann kann ich den Wegfall der verkraftbaren Täuschungen zulassen, mit der Ent-Täuschung einverstanden sein. In genau diesem Augenblick verliert die Erwartung an Bedeutung und ich kann sie loslassen.

Täuschung und Ent-Täuschung
Der Begriff Enttäuschung scheint so negativ bewertet und es sieht bald so aus, als würden wir all die Anstrengungen nur unternehmen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Das muss schnell klargestellt werden. Der Abbau von Erwartungen ist ein Weg Richtung Glück und hat das Ziel, denjenigen, der den Weg geht, in der spirituellen Entwicklung weiterzubringen. Die Enttäuschungen sind Wegweiser und Steine auf dem Weg. ENT-TÄUSCHUNG ist ein wundervolles und höchst notwendiges - die Not der Täuschung wendendes - Hilfsmittel auf dem spirituellen Entwicklungsweg. Ja, ich wage sogar zu behaupten, dass ohne den Wegfall der Täuschung, eben die Ent-Täuschung gar nichts geht. Doch wer jetzt den schwarzen Peter einfach eins weitergibt und die Täuschung als das absolut Falsche zu erkennen glaubt, täuscht sich wiederum. Ohne Täuschung werden wir sowenig erwachsen wie ohne Verwicklung in Ego-Identifikationen. Die Täuschung ist Basis der Enttäuschung wie die Verwicklung Voraussetzung für die Entwicklung.

Auf Schritt und Tritt braucht es Täuschungen, die zum richtigen Zeitpunkt der Ent-Täuschung zugeführt werden. Wir wissen doch alle aus reicher Erfahrung, dass es Stärke, Sicherheit, eine gewisse Reife braucht, um Enttäuschungen zu verkraften. Deshalb wählen Eltern den Zeitpunkt meist sehr bewusst oder intuitiv richtig, wann sie ihren Kindern die Enttäuschung zumuten wollen, dass das mit dem Osterhasen, dem St. Nikolaus und dem Christkind eine Täuschung war. Und obwohl wir wissen, dass diese Enttäuschung gewissen Kindern sehr zu schaffen macht, greifen wir doch seit Generationen immer wieder zu dieser alten Täuschung. Wieso? - Vielleicht weil es dem Entwicklungsstand der Kleinen, ihrer Phantasie entspricht, weil es sie motiviert und beflügelt?

Genau so ist es mit allen Täuschungen und Enttäuschungen. Sie entsprechen unserem Entwicklungsstand. Wir brauchen sie als Antrieb, als Motor für unser Wirken. Seien Sie deshalb auch achtsam und liebevoll mit sich selbst, wie ich das mit meiner Prime-Selection auch bin. Gönnen Sie sich Erwartungen, bei denen Sie die Täuschung noch wollen, noch brauchen. Versuchen Sie nicht, sich Täuschungen wegzunehmen, an denen Sie noch derart hängen, dass es einfach zu früh ist, sie aufzugeben. Meistens funktioniert zwar unser Verdrängungsmechanismus bestens und hilft uns, solche Bereiche einfach auszuklammern. Wir erkennen in der Regel nur das, was wir erkennen wollen. Und das ist ein durchaus gesunder Mechanismus, weil wir das andere, das Aufdecken der verdrängten Täuschungen, noch nicht verkraften könnten.

Der Eso-Boom
Ein delikates Beispiel für die mit Verantwortungsbewusstsein zu treffende Entscheidung, wann eine Täuschung der Ent-Täuschung zugeführt werden soll und kann, trifft die Anliegen meiner Texte im Nerv. Bevor es zum grossen Eso-Boom kam in den 70er und 80er Jahren, passte die Bezeichnung 'Esoterik' durchaus für das Bündel altüberlieferter Geheimlehren und Welterklärungsmodelle, die sich alle dadurch auszeichneten, dass sie hinter die Dinge, hinter die Welt der Formen schauen wollten, hinter dem Physischen das Metaphysische, hinter dem Diesseitigen das Jenseitige, hinter den Formen die Inhalte, hinter dem Gewirkten das Wirkende zu ergründen suchten. 'Esoterisch' kommt vom griechischen Wort esoteros und meint das Innere, den 'inneren Kreis' im Unterschied zum Exoterischen, das dem 'äusseren Kreis' entsprach. 'Esoterik' meinte also das seit Jahrtausenden angesammelte Wissen, das in seiner schonungslosen Wegnahme aller wichtigen und für viele lebenserhaltenden Täuschungen richtigerweise nur einer kleinen Schar von Unentwegten - in der Regel alten Menschen - vorbehalten war, die diese Ent-Täuschungen verkraften konnten, die aber auch bereit waren, die teilweise mühsamen Deutungs- und Decodierungstechniken zu erlernen, sich das umfangreiche Wissen anzueignen. Die Zurückhaltung entsprang weder elitärem Denken noch kindischer Geheimniskrämerei, sondern der Erfahrung und Überzeugung, dass diese Wissen vielen nicht gut tat und für viele auch gar nicht nötig war. Nie glaubten Esoteriker früherer Jahrhunderte, der Weg zum Ziel führe nur über das Wissen, nur über den Weg von Weisheitslehren und Techniken. Aber es gab und gibt immer wieder Menschen, für die das der richtige, ja vielleicht sogar der einzig erfolgversprechende Weg ist, weil bei ihnen andere Talente mangelhaft ausgebildet sind, sei es die Gabe der Intuition, die Gabe, über künstlerische Betätigung sich zu entwickeln oder die Gabe, Gelassenheit und inneren Frieden zu finden über die unmittelbare und direkte Arbeit mit Menschen, Tieren, Natur, Dingen und Werkstoffen.

Aus Verantwortungsbewusstsein und durchaus bescheidener Zurückhaltung war man vorsichtig mit der Weitergabe dieser Lehren, liess Täuschungen bestehen, wo man sie für sinnvoll und hilfreich erachtete - oder wo keine absolute Sicherheit bestand und schon gar keine stringente Beweisführung den Schluss zwingend machte, dass es sich um eine Täuschung handelte.

Macht es denn Sinn, wenn ein alter, gescheiterter und desillusionierter (=ent-täuschter!) Mensch die Vitalität, den Lebenshunger, den Optimismus und Enthusiasmus junger Menschen bricht? Wenn er - ohne selbst seinen inneren Frieden gefunden zu haben - ungefragt den Jüngeren aufzeigt, wie sowieso alle Anstrengungen im Aussen letztlich zum Scheitern verurteilt sind, wie es in jeder Berufsgattung bereits zuviele gibt, wie übermächtig die Konkurrenz ist, wie brotlos das Brotbacken oder das Bücherschreiben ist. Sogar wenn der alte Sack Recht hätte, wäre sein Tun meines Erachtens im höchsten Grade daneben. Sogar wenn er noch gefragt würde von den Jungen hätte er sich zurückzuhalten mit der Weitergabe seiner Ent-Täuschungen. Wir alle haben ein Anrecht auf Visionen, auch wenn sich ein Teil davon - die materiellen, äusseren - irgendwann als Illusionen entpuppt. Vor allem aber gehört es zu den zentralen Einsichten der esoterischen Philosophie, dass der Weg jedes Menschen archetypisch, richtigerweise und notwendigerweise beides umfasst, die Täuschung und die Enttäuschung, die Illusion und die Desillusionierung. Aus der Ordnung, dem Paradies hinaus dank - oder wegen - der Erkenntnis von Gut und Böse, das Nein zu Gott, die Hybris, das Sich Emporrecken aus dem Gehorsam und mit diesem frischen masslos anspruchsvollen Ego hinein in die Welt der Gegensätze, des Kampfes, der Täuschung, der Illusion bis zur völligen Abnabelung vom Ursprung, zur maximalen Entfernung vom Ausgangspunkt, zur Verhaftung in der Materie, zur maximalen Verwicklung in Ich-Identifikationen und damit zum echten Erwachsensein - und dann, aber erst dann, meist nach einer tiefen Krise, wenn alle Konzepte, die Welt zu gestalten, zu verändern, zu verbessern gescheitert sind, dann erst die Rückkehr, das Ausgleichen aller Bewegungen, nach dem Emporrecken das sich Beugen, nach der Hybris die Demut, nach dem Kampf die Hingabe, das Durchschauen der Täuschung, der Illusion, die neue, jetzt reife Suche nach der Rückbindung, der Religio an die jenseitige Welt, an den Ursprung, das Aufgeben, Loslassen der Verhaftung an die Materie, die Ent-Wicklung, der Abbau der Ego-Identifikationen und die Suche nach dem Selbst. Und weil der erste Teil des Weges für genau so wichtig und richtig befunden wurde wie der zweite und die Gefahr bestand und besteht, dass eine zu frühe Konfrontation mit dem Wissen des zweiten Teiles weder verstanden noch verkraftet werden kann, wurde das Wissen weitgehend geheim gehalten und nur den ausdrücklich Fragenden und Suchenden offenbart.

In einer durchaus nachvollziehbaren Demokratisierungswelle, die auch das Wissen erfasste, wurden schon mit der Erfindung der Buchdruckerkunst die heiligen Schriften der grossen Religionen jedermann zugänglich gemacht. Dass diese Vulgarisierung nicht nur segensreiche Wirkungen hatte, dürfte spätestens deutlich werden, wenn man die heutige Sektenlandschaft anschaut. Was da nicht alles aus den alten Schriften herausgelesen oder besser hineininterpretiert wird, manchmal mit kaum verhüllten sehr diesseitigen Absichten, darf durchaus in einen Zusammenhang gebracht werden mit der wahllosen bzw. nicht mehr kontrollierbaren Verbreitung anspruchsvoller Texte, deren Deutung jahrelanges Studium, grosses Wissen und vor allem persönliche Reife erfordert.

Genau so ging es nun aber in den letzten ca. 30 Jahren mit dem esoterischen Wissen. Jahrhundertelang geheim gehaltenes Wissen wurde in naiver Begeisterung breit gestreut, alles wurde 'leicht gemacht', war im Handumdrehen erlern- und erwerbbar, ein Workshop hier, ein Kürslein da - und schon war man dabei. Dass da viele einfach in den alten Mustern stecken blieben, z.B. die alten Leistungsmuster in den neuen Bereich herüberholten und gleich wieder die besten Reikianer, Astrologen, Tarot-Deuter oder gar Alchimisten sein wollten, ist noch die harmlosere Seite dieser Entwicklung. Die üblere ist, dass viele Leute mit dem Sammelsurium von Ent-Täuschungen oder mit den ohne die dazugehörige Verantwortung erworbenen magischen Techniken nicht fertig wurden und in der Psychiatrie landeten. So ist die indische Lehre, dass die ganze sichtbare Welt MAYA, also Täuschung sei, meiner Meinung nach für Kinder und Jugendliche ungeeignet, für viele Menschen sogar weit über die Jugend hinaus nicht verkraftbar. Sie wird auch von jedem gesunden jungen Menschen verlacht, abgewiesen, verdrängt - und das ist gut so. Aber die sensibleren, zarteren Jungen, denen es an Aggressivität mangelt, laufen Gefahr, durch solche Einsichten aus der Bahn, aus ihrem Weg des Erwachsenwerdens hinausgeworfen zu werden.

Ich will diese Entwicklung nicht bejammern, denn Nichts ist absolut falsch und die Verbreitung des ehemals geheimen esoterischen Wissens hat auch sehr viele positive Aspekte. Wer in der Krise der Lebensmitte steckt, wer Hilfe für den Rückweg sucht, der findet sie heute bedeutend einfacher als noch vor 50 Jahren. Ich will nur junge Neugierige vor der zu frühen Beschäftigung mit diesen Lehren warnen. Der richtige Zeitpunkt lässt sich relativ leicht festlegen: Sobald ein Mensch wirklich erwachsen geworden ist, sich von allen Autoritäten losgesagt hat, seinen eigenen Lebensplan, seine eigenen Weltgestaltungskonzepte errichtet und probiert hat, trotz Scheiterns hartnäckig immer wieder einen Anlauf nahm, sie durchzusetzen, trotz äusserer Erfolge nicht wirklich glücklich wurde, seinen inneren Frieden nicht fand und zu suchen beginnt nach Alternativen zum äusseren Weg - ein solcher Mensch ist bereit für die Wende, die Hin-Wendung zum inneren Weg und damit zur Auseinandersetzung mit den hier dargelegten uralten Lehren.

Ich richte mich also vornehmlich an Menschen, die in oder kurz vor der zweiten Lebenshälfte stehen oder an solche, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt an den Glücksversprechen der materiellen Welt zu zweifeln beginnen. Aber es will nie und nimmer den gesunden und notwendigen Prozess des Ego-Aufbaus junger Menschen behindern, die noch am Anfang ihres Weges stehen, die voller Spannung und Vitalität wie die Rennpferde auf den Startschuss warten.

Wenn ich dieses Bild des Lebenskreislaufes und die Wichtigkeit des Erwachsenwerdens vor der Inangriffnahme eines spirituellen Entwicklungsweges immer wieder betone, so ist dies Ausdruck meines Verantwortungsbewusstseins, weil ja auch dieser Text - wie alle anderen Angebote des von mir kritisch beschriebenen Eso-Booms - einer nicht selektionierten Öffentlichkeit zugänglich ist und ich niemanden zu früh einer Desillusionierung, einer Ent-Täuschung zuführen möchte, die er noch gar nicht verarbeiten kann, aber auch nicht muss, weil ihm die Lebenserfahrung dazu noch fehlt.

Ein Letztes zum Thema Täuschung - Enttäuschung: Wer masst sich denn an, zu wissen, was Vision und was Illusion sei? Bekanntlich versetzt der Glaube Berge. Und wenn dieser Glaube auf einer Illusion, einer Täuschung beruht und stark genug ist, kann er vielleicht ein Energiefeld schaffen, das die Täuschung Lügen straft, das die vermeintliche Illusion Realität werden lässt. Auch die Naturwissenschaft, die so gern mit dem Pomp mathematisch beweisbarer Wahrheiten auffährt, hat doch bei genauem Hinsehen nur den jeweiligen Stand des Irrtums anzubieten, der sich täglich verändert. Das Verdikt 'Täuschung' ist also eine sehr relative, zeitabhängige, im individuellen Leben ständig mit der Entwicklung verknüpfte, sich ändernde Grösse und wir tun gut daran, sie nicht mit einer generellen Wertung zu belasten. Was für uns heute notwendige Täuschung ist und damit gar nicht als solche erlebt, sondern als Wahrheit empfunden wird, ist bereits morgen ein hinderlicher Stolperstein für unsere spirituelle Entwicklung.

Sowohl Täuschungen wie Enttäuschungen haben durchaus ihren Sinn und ihren Platz im Laufe unserer Entwicklung. Es ist an Ihnen zu entscheiden, wann Sie mit welchen aufräumen wollen, und es ist auch an Ihnen, wo Sie eine Täuschung als solche erkennen und akzeptieren - und wo Sie mit allen Mitteln dagegen ankämpfen wollen. Auch da: alles zu seiner Zeit und im Mass, wie Sie es verkraften können.

Ich erwarte also, dass Sie sich fröhlich ENT-TÄUSCHEN jetzt! Enttäuschen Sie mich nicht! - Und hoffentlich entsprach dieser Text Ihren Erwartungen... Ja, und sonst - erwarte ich Ihre enttäuschten Reaktionen unter: info@marpa.ch