Beziehungsmodell "Königskuchen"

1. Idee

Eine durch starke und gegenseitig kommunizierte freundschaftliche Bande vernetzte Gruppe von Menschen wohnt so rund um eine zentrale Gemeinschafts-Infrastruktur zusammen, dass alle grundsätzlich für sich allein, autark, unabhängig wohnen und leben können. Keiner ist aus materiell-funktionalen Gründen (Küche, Bad etc.) auf den Gemeinschafts-Teil angewiesen, der freiwilliger Treffpunkt, Spielplatz, Ritualplatz ist. Es gilt die Grundhaltung gegenseitiger Achtsamkeit. Der von der Gemeinschaft akzeptierte, ja promovierte Austausch zwischen den Mitgliedern geht aber weit über das freundnachbarliche oder WG-artige hinaus. Aber er ist immer ein freiwilliger. Es bestehen keine Ansprüche, die ähnlich einem Ehevertrag durchsetzbar wären. Es besteht das freiwillige Bekenntnis zur Achtsamkeit, das aber eine innere Verpflichtung auslöst, nicht eine äussere, einforderbare und durchsetzbare. Damit scheint die Anforderung an den Entwicklungsstand der Mitglieder hoch zu sein. Ich bin aber der Überzeugung, dass die freiwillig eingegangene, nicht von Zwang oder Sanktionen bedrohte innere Verpflichtung im Beziehungsbereich nachhaltiger und tragfähiger ist als die vertraglich abgesicherte, bei der am Schluss doch immer nur der ökonomische Teil mehr oder weniger durchsetzbar ist. Liebe entzieht sich vertraglicher Verpflichtung (ich zähle Prostitution nicht zum Liebesbegriff).

Im Gemeinschafts-Bereich finden neben der ganz funktionalen Nutzung als Spiel- und Austausch-Treffpunkt regelmässig Veranstaltungen und Rituale statt mit dem Zweck, Achtsamkeit und Alleinsein-Fähigkeit zu fördern. Anstoss und Ideen für die Gestaltung dieser Veranstaltungen und Rituale können von jedem Mitglied, aber auch von Kindern und Heranwachsenden kommen.

Dieses Modell ist vor allem auch für jüngere Menschen mit Kindern gedacht, die auf dem archetypischen Lebensweg in der ersten Hälfte sind, der spirituelle Weg also noch nicht im Vordergrund steht.


2. Entstehung

Es braucht mehrere Menschen, die untereinander so vernetzt sind, dass jeden mit jedem ein freundschaftliches Band verknüpft oder zumindest die Absicht besteht, ein solches Philia- oder Amicitia-Band zu knüpfen. Alle müssen willens sein, die Haltung der Achtsamkeit zu erwerben, zu entwickeln und zu leben. Die Fähigkeit, allein zu leben, muss bei den Mitgliedern so weit entwickelt sein, dass keine unkontrollierte physische Bedürftigkeit besteht (ausser bei den Kindern). Dann braucht es aber auch eine geeignete Infrastruktur. Idealvorstellung ist der titelgebende 'Königskuchen' mit einem Gemeinschafts-Teil und rundherum liegenden Bungalows, Wohnungen, Häusern.

3. Kinder

Kinder und Heranwachsende haben einen Sonderstatus. Sie erhalten zwar dieselbe Freundschaft und Achtsamkeit wie die erwachsenen Mitglieder, aber sie können und müssen nicht dieselben Anforderungen erfüllen. Insbesondere haben sie einen Anspruch auf Nähe im Masse ihrer Bedürfnisse, der seine Grenzen im Potenzial der Mitglieder findet. Die Hauptverantwortung und die finanzielle Verantwortung für die Kinder bleibt bei den rechtlichen Eltern. Die Kinder haben aber einen Anspruch auf Austausch und Kontakt auch mit den andern Mitgliedern, die im Rahmen der Achtsamkeit so auch einen Beitrag zur Erziehung leisten. Eines der klaren Erziehungsziele ist der Erwerb der Voraussetzungen, um als Erwachsener selbst einmal freiwillig in einer ähnlichen Gemeinschaft zu leben, also das Erlernen der Haltung der Achtsamkeit und der Fähigkeit, allein zu leben. Sie haben aber auch einen ausgeprägteren Schutzanspruch gegenüber den Erwachsenen. Das Gebot der Freiheit bei der Gestaltung von Nähe und Intensität der Kontakte und des Austauschs mit Erwachsenen findet nach Massgabe ihres Alters seine Grenze nicht nur in der vom Kind geäusserten Freiwilligkeit, seinem Wunsch oder seiner Akzeptanz, sondern ist dem Alter entsprechend enger gezogen. Heikel ist ja meistens die Körperebene. Hierzu ein konkretes Beispiel: Wenn ein Heranwachsender einem Erwachsenen gegenüber den klaren Wunsch nach sexueller Nähe äussert, hat dieser diesen Wunsch nicht zu respektieren sondern abzulehnen und evtl. alternativ dazu emotionale, geistige Nähe oder gemeinsame, nicht sexuelle körperliche Aktivitäten wie Sport und Spiel anzubieten. Umgekehrt kann es bei einer rohen Rauferei nötig sein, dass Erwachsene gegen den Willen der Kinder auch physisch eingreifen um grösseren Schaden zu vermeiden. Solche und ähnlich Fälle, wo solchermassen engere Grenzen gelten für den Grundsatz der Freiheit und Freiwilligkeit können in einem von der Gemeinschaft gemeinsam erarbeiteten 'Code of Conduct' genau geregelt werden.


4. Nähe, Häufigkeit, Intensität der körperlichen, emotionalen, geistigen und spirituellen Kontakte der Erwachsenen

Es herrscht der Grundsatz der Freiwilligkeit und grösstmöglichen Freiheit. Beides findet seine Schranken:

a) in der Freiheit des/der andern
b) im Grundband der Freundschaft
c) in der Achtsamkeit allen gegenüber
d) in den Bedürfnissen und dem Schutzanspruch von Kindern und Heranwachsenden

Diese Schranken können je nach Grösse der Gemeinschaft in einem 'Code of Conduct' mehr oder weniger ausführlich aufgelistet und verbindlich gemacht werden. Offen bleibt für mich die Frage nach der Durchsetzbarkeit und den Folgen bei Verstössen. Ich glaube, dass die Frage, ob und wie dies geregelt werden soll, wie auch das Mass der Strukturierung und Organisation des ganzen Modells, den einzelnen Gemeinschaften überlassen sein sollte.

Die Schranken zielen vor allem auf Übergriffe auf allen Ebenen. Kein Mitglied darf einem andern einen Kontakt, eine Nähe aufdrängen, die dieser nicht in freier Entscheidung akzeptiert oder wünscht. Besteht aber Einigkeit bezüglich der Ebene, der Art, Nähe und Intensität des Kontakts, stehen der Realisierung im Rahmen der Achtsamkeit keine Hindernisse rechtlicher oder moralischer Art im Weg. Damit steht das Modell in einem markanten Gegensatz zum geltenden Eherecht, aber auch zum noch in weiten Teilen der Bevölkerung als gültig erachteten Moral-Paradigma. Brisant ist dies vor allem auf der körperlichen und teilweise auf der emotionalen Ebene, da sich Recht und Moral in der Regel nur zu diesen Bereichen äussert. Doch der Gegensatz ist nicht so, dass das Modell wahllose Promiskuität fördern würde. Die Leitplanken der Freundschaft und Achtsamkeit dürfen nicht unterschätzt werden. Denn diese Achtsamkeit gilt natürlich nicht nur zwischen den am Kontakt Beteiligten, sondern immer auch gegenüber den andern Mitgliedern. Wer also z.B. eine intensive körperliche Beziehung mit einem andern Erwachsenen innerhalb der Gemeinschaft pflegt und weiss, dass sein Partner in diesem Bereich noch nicht so autark ist, dass es ihn nicht tief verletzte, wenn der andere innerhalb oder ausserhalb der Gemeinschaft eine andere intime körperliche Beziehung eingeht, verletzt das Gebot der Achtsamkeit, wenn er es trotzdem tut. Aber es heisst durchaus, dass Wechsel der Fokussierung, der Intensität, der Nähe innerhalb der Gemeinschaft nicht grundsätzlich auf die spirituelle und geistige Ebene beschränkt sind, sondern auch auf emotionaler und körperlicher Ebene stattfinden können, wenn alle in einen solchen Prozess Involvierten die nötige Unabhängigkeit und Reife haben und das Gebot der Achtsamkeit beachten.

Weiter gilt der Grundsatz der Bedürfnis-Kommunikation. So banal dieser Grundsatz klingen mag, so wenig selbstverständlich wird er in den meisten Partnerschaften und Gemeinschaften gelebt. Alles was über die oberflächlichen Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und allenfalls Ruhe hinausgeht, wird in vielen Gemeinschaften mehr oder weniger codiert oder gar nicht kommuniziert und es ist für viele Kommunikationswillige ein veritables Spiessrutenlaufen, die tieferen Bedürfnisse des Partners oder der Familienmitglieder zu erahnen. Darum scheint es mir wichtig zu sein, in einer Gemeinschaft diesen Grundsatz zu postulieren, dass die Verantwortung für das Gelingen der Kommunikation im Bereich der Bedürfnisse als Grundregel beim Botschafts-Sender liegt. Konkret: jeder hat seine Bedürfnisse so zu kommunizieren, dass er von dem oder denen verstanden wird, von dem/denen er sich die Bedürfnis-Stillung wünscht. Diese Offenheit mag in der Anfangsphase etwas plump und charmelos, sicher aber unraffiniert wirken, langfristig pendelt sich das ein und es überwiegen die Vorteile. Denn das Nein desjenigen, der ein Bedürfnis eines andern nicht befriedigen will oder kann, verliert den peinlichen oder dramatischen Charakter in einem Umfeld, wo jeder jeden immer wieder um etwas bittet und damit jeder auch lernt, mit Absagen umzugehen. -

Am delikatesten ist auch hier wieder die in unserer immer noch verklemmten Gesellschaft oft überbewertete körperliche Ebene. Aber gerade im grossen Bereich körperlicher bzw. im engeren Sinne erotischer Bedürfnisse ist die übliche Kommunikation nicht nur von fast unentwirrlichen Codes, sondern auch von einer sonst nur noch kabarettistisch persiflierten Domino-Denkweise geprägt. Ein herrliches Beispiel dafür ist das Lied des Berner Troubadours Mani Matter über das 'Zündhölzli', das er anzündet, das ihm auf den Teppich spickt und über eine herrliche Folge von Kausalzusammenhängen zum Weltuntergang führt. Das Streichholz ist also der erste Dominostein, der umfällt und den ganzen Rattenschwanz von Folgen auslöst. Ein anderes Bild wäre der Schneeball-Effekt (ein kleiner Schneeball löst eine Lawine aus).
Auf die Codes in der erotischen Kommunikation angewendet meint das Bild, dass z.B. bereits ein Quadratzentimeter nackte Haut einer Frau eine unkontrollierbare Lawinenwirkung auf die Männer haben soll und die Frau damit selbst die erste Ursache z.B. für ein Sexualverbrechen gesetzt hat. Dieses Denken findet heute noch seinen Niederschlag in der Kleidung der Frauen in islamisch regierten Ländern. Aber auch in unseren Breitengraden prägt sie noch stark das Verhalten der Geschlechter. Es gibt sowohl ängstliche Frauen, die glauben, nur schon mit einem Lächeln oder einem Blick-Kontakt sexuelle Bereitschaft zu signalisieren, wie auch Männer, die tatsächlich das Verhalten von Frauen genau so deuten. Wer Lust hat, ein Messer in den Bauch gerammt zu kriegen, strahle einmal irgendwo in Italien die eindeutig zu einem jungen Mann gehörende Freundin länger als eine Sekunde lang an. Er wird uns leider nicht mehr von seinen Erfahrungen berichten können…
Deshalb scheint mir das Postulat vornehmlich im erotischen Bereich zentral zu sein und ich würde als Kommuniaktionsregel im vorgeschlagenen Modell empfehlen: Alles, was nicht ausdrücklich als erotisches Bedürfnis oder Signal kommuniziert wird, ist kein erotisches Bedürfnis oder Signal und darf auch nicht als solches ausgelegt werden. Es ist mir nämlich bislang kein Fall bekannt, wo zwei Menschen, die sich bezüglich ihrer gegenseitigen erotischen Bedürfnisse einig waren, sich längerfristig missverstanden hätten, also scheint es nicht so schwierig zu sein, sich diesbezüglich zu verständigen. Hingegen sind mir unzählige Fälle bekannt, wo wegen falscher Interpretation von vermeintlichen Signalen Missverständnisse entstanden, die eine im übrigen durchaus erspriessliche Kommunikations-Situation oder gar eine Beziehung erheblich belasteten.
Diese etwas umfangreichen Ausführungen zur körperlichen Ebene sollten nicht den Eindruck erwecken, diese Ebene sei zentral in der Gemeinschaft und in der Kommunikation. Sie ist nur die in 'normalen' Beziehungen diejenige, die zu den meisten Konflikten führt und deshalb der deutlichsten Klärung bedarf, damit sie geregelt und entschärft wieder in den Hintergrund treten kann.


5. Qualität der Kontakte: Achtsamkeit

Das Gebot der Achtsamkeit ist das zweite differenzierende Merkmal neben der Zusicherung freundschaftlicher Unterstützung. Es betrifft alle Ebenen der Kontakte untereinander. Hier der Versuch einer Begriffsbestimmung:
Achtsamsein heisst bewusst, wach, offen, verantwortlich und doch ganz präsent im Augenblick, konzentriert und doch ganzheitlich wahrnehmend, sich liebevoll, respektvoll und nicht bewertend einem Wesen oder einer Sache zuwenden, die ganze Aufmerksamkeit schenken aus einem Gefühl der Kraft, der Freiheit und der angstfreien Gebe-Bereitschaft heraus.
Achtsamkeit ist nicht etwas, was man hat oder nicht hat, sie will erworben und zeitlebens geübt werden. Aber das Bemühen um Achtsamkeit ist eine Grundhaltung, die natürlich nicht Halt macht an den Grenzen des Beziehungsmodells, der Kleingemeinschaft. Aber es ist bestimmt einfacher, das Erwerben und Leben der Achtsamkeit zuerst im Kleinen, in einer Gemeinschaft zu üben, in der alle sich um Achtsamkeit bemühen, dann aus diesem Hafen auszulaufen und seine Achtsamkeit in die Welt hinauszutragen.

Eine der grössten Herausforderungen der Achtsamkeit liegt im Verzicht auf Wertungen. Ein Leben lang lernen wir unterscheiden, analysieren, differenzieren , bewerten und aufgrund dieser Wertung dann entscheiden. Und wir sind zu Recht stolz auf dieses Vermögen. Aber es ist wie bei allem: Es ist nur die eine Hälfte und wir müssen die Einseitigkeit irgendwann ausbalancieren. So notwendig das Werten für das Abnabeln und Erwachsenwerden ist, für das sich Herausrecken (ex-istere) aus der Einheit, bis wir in die Not des Scheiterns aller Ego-Projekte geraten, genau so not-wendig, die Not wendend ist das Aufgeben dieser Wertungen auf dem Rückweg, wenn wir die Rückbindung (re-ligio) wieder suchen, wenn die Sehnsucht nach Hause, zurück in die Einheit in uns zu wachsen beginnt. Auch wenn dieser Gedanke also eigentlich für das Hauptzielpublikum dieses Modells zu früh kommt, geht es doch bereits in einer früheren Phase darum, die Wertungen zu beschränken auf die Bereiche, wo sie ihren unbedingten Platz haben. So ist es durchaus überlebenssichernd und vernünftig, aufgrund des Durstes zur Wertung zu kommen 'Flüssigkeit ist gut für mich jetzt' - aber es ist auch für einen jungen Menschen nicht förderlich, in einer freundschaftlichen Beziehung ständig zu bewerten und diese Wertungen kund zu tun.

Achtsam sein einem Freund gegenüber heisst also zuallererst, sein Tun und Sein nicht zu werten, ihn nicht zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Erst wenn er uns um unsere Hilfe in Form unserer Meinung, unserer Wertung irgendeines Ausschnittes aus seinem Sein oder Tun bittet, dann und nur dann bilden wir uns ein Urteil. Aber auch bei dieser Urteilsbildung und erst recht bei der Kommunikation dieses Urteils dem Freund gegenüber gilt wieder das Gebot der Achtsamkeit: bewusst, wach, offen, verantwortlich und doch ganz präsent im Augenblick, konzentriert und doch ganzheitlich wahrnehmend, wenden wir uns dem Freund zu, liebevoll, respektvoll und schenken ihm die ganze Aufmerksamkeit aus einem Gefühl der Kraft, der Freiheit und der angstfreien Gebe-Bereitschaft heraus. - Eine gewaltige Herausforderung, die es auszuloten gilt. Erst wer sich um Achtsamkeit bemüht, erahnt, wie hoch der Anspruch ist und wie selten es uns gelingt, wirklich achtsam zu sein nur schon uns selbst gegenüber.


6. Veranstaltungen und Rituale

Wie bei der Vorstellung der Idee angetönt, sollen Veranstaltungen und Rituale Achtsamkeit und Alleinsein-Fähigkeit, Unabhängigkeit der Mitglieder fördern. Dies mag auf Anhieb paradox klingen, in der Gemeinschaft zu lernen, allein zu sein. Bei näherem Hinsehen und vor allem beim Praktizieren wird jedoch klar, dass Zusammensein und Alleinsein Gegenpole sind, die - wie alle anderen Gegensätze auch - in Balance gebracht werden können, bis sie gleiche Gültigkeit erlangen und zur Gelassenheit reifen. Der Vorteil gegenüber heute üblichen Formen des Zusammenlebens ist, dass durch das unterschiedliche Mass an Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten (normal-funktionellen, spielerischen oder rituellen) jedes Mitglied seine eigene Balance zwischen Zusammensein und Alleinsein finden kann. Erklärtes Ziel ist aber, irgendwann über die Abhängigkeit von der Gemeinschaft hinauszugelangen zu echter Unabhängigkeit und Freiheit von Bedürftigkeit, aus der heraus die gemeinschaftlichen Kontakte eine höhere Qualität erreichen.

Warum Rituale? Ist das nicht so religiöses oder sonst abgehoben-wauscheliges Getue? - Rituelles Tun ist der Gegenpol zu effizientem, eigennützigem, rendite- bzw. zweckorientiertem Tun. Beides hat seinen Sinn und Platz, aber bei wenigen sind die beiden Arten von Tun in der Balance. Wir alle kennen Rituale in unserem Alltag, Aufsteh-, Reinigungs-, Körperpflege-, Essens-, Kommunikations-, Einschlafens-Rituale. Natürlich ist immer auch ein Zweck dabei, aber die Art unseres Tuns gehorcht bei vielen dieser immer wiederkehrenden Tätigkeiten nicht reinen Effizienz-anforderungen, sondern einer ganz eigenen, uns stabilisierenden Stereotypizität, die wir ungern aufgeben. Meist wird uns der ritualisierte Charakter dieser Tätigkeiten erst bewusst, wenn wir an einem Ort sind, wo wir sie nicht in gewohnter Weise ausführen können. Bereits bei diesen ganz allein ausgeführten Ritualen können wir den JETZT-Aspekt erleben, also die Tendenz, dass wir zwar ganz bewusst da sind, mit voller Präsenz das tun, was wir tun - aber ohne so stark wie sonst die Zweckgerichtetheit und damit die Zeitachse und die Egogrenzen zu spüren. Es geht nicht darum, so schnell wie möglich aufzuwachen, einzuschlafen, die Zähne zu putzen, den Körper zu waschen, den Tisch schön zu decken, liebevoll Speisen zuzubereiten, sondern das Tun ist gut um seiner selbst willen und geht in Sein über, in reines Gewahrsein. Das ist logisch paradox, denn im Normalzustand ist etwas entweder Tun oder Sein. Aber genau das Ritual kann über diese Schwelle hinweghelfen, kann die beiden Gegenpole Tun und Sein auf eine Qualitätsstufe bringen, wo sie sich nicht mehr ausschliessen, wo wir sie aussöhnen, vereinigen können, wo sie letztlich dasselbe meinen.
Sobald wir Rituale zusammen mit andern, im Kontakt, im Dialog, in einem weiteren, grösseren Kontext ausführen, entdecken wir das Potenzial, die Chance, die in ihnen liegt, weil oft der Ego-Aspekt, der Effizienz-Gedanke noch mehr in den Hintergrund gerät. Wenn wir das Umfeld und den Ablauf bewusst gestalten, gelingt es auch leichter, uns von Zeit und Raum etwas zu lösen. Im Idealfall machen wir den Ritual-Raum zur Mitte der Welt und lösen den Ablauf so gut wie möglich aus der Zeitquantität (Chronos) heraus in die Zeitqualität (Kairos) hinein. Wir tun Dinge ganz bewusst, konzentriert, achtsam, in höchstem Gewahrsein, also fokussiert auf das, was wir tun und doch offen für alle und alles um uns - und das alles ohne irgendwohin gelangen zu wollen, ohne Bedürftigkeit, ohne akut zu erreichenden Zweck.

Anstoss und Ideen für die Gestaltung dieser Veranstaltungen und Rituale können von jedem Mitglied, aber auch von Kindern und Heranwachsenden kommen.


7. Rechte und Pflichten

Jedes Mitglied hat das Recht, eines oder mehrere andere Mitglieder in Zeiten erhöhten Bedarfs um freundschaftlichen Beistand zu bitten, der über das Grundmass hinausgeht, das im normalen Alltag oder in den Veranstaltungen und Ritualen alle allen gewähren. Selbstverständlich ist dieses Recht weder einforderbar noch durchsetzbar. Es reicht, beim Beitritt dieses Recht zu kennen, und die damit verbundene moralische Pflicht, diesen Beistand den andern ebenfalls zu geben, wenn sie darum bitten.

Die administrativen und monetären Verpflichtungen wie Mietzins für den eigenen Wohnbereich und Anteil am Gemeinschaftsteil, allenfalls nötige Hilfe bei der Erledigung der Verwaltung des Anwesens richtet sich nach gängigen Mustern der Rechtsordnung. Hier besteht reiche Erfahrung aus dem Stockwerkeigentum, Miethäusern mit gemeinschaftlichen Teilen und allen Arten von Wohngemeinschaften, Clubs, Vereinen und anderen Rechtsgemeinschaften. Diese materiellen Pflichten sind in landesüblichen Miet- und Arbeitsverträgen geregelt und auch durchsetzbar.


8. Austritt und Auflösung

Das Mass der Organisation und Strukturierung hängt meines Erachtens stark von Anzahl und Persönlichkeit der Beteiligten ab, aber auch von der gemeinsamen Infrastruktur, den Besitzverhältnissen und den bestehenden Verträgen. Alle diese Regelungen müssen der individuellen Gemeinschaft überlassen sein. Ich beschränke mich darauf, etwas zu Stil, zur Art zu sagen, wie ich mir Austritte und allfällige Auflösung der ganzen Gemeinschaft vorstelle. Auch und gerade in Konfliktsituationen gilt das Band der Freundschaft und - wenn dieses aus irgendwelchen Gründen völlig gerissen ist, das Gebot der Achtsamkeit. Es ist durchaus möglich, einen Konflikt, eine Auflösung kultiviert und im Geiste der Achtsamkeit durchzuführen, Verletzungen zu vermeiden, klar und respektvoll zu kommunizieren.
Solange das Band der Freundschaft aber noch hält, sind Konflikte auf der körperlichen, emotionalen oder geistigen Ebene kein Grund für das Verlassen der Gemeinschaft. Im Gegenteil, sie können - kultiviert ausgetragen - sogar höchst wertvolle Impulse für die spirituelle Weiterentwicklung der Involvierten sein.

Anregungen, Ergänzungen, Alternativen, aber auch wutschnaubende Kritik zum vorgeschlagenen Modell nehmen wir dankend entgegen: info@marpa.ch