"Ich befürchte, dass..."

 

Die Denk-Aufgabe besteht darin, folgende These ganz oder teilweise zu falsifizieren oder zu bestätigen:

Nach der Einleitung "Ich befürchte, dass..." folgt bestenfalls etwas Unreifes, übleren Falls etwas Dummes, schlimmstenfalls eine Lüge oder eine schlecht kaschierte Gemeinheit.

"Ich befürchte, dass..." ist Ausdruck einer Angst. Angst ist das Gegenteil, die Abwesenheit von Liebe. Je mehr Liebe wir entwickeln, desto weniger Ängste haben wir. Wer in völliger Liebe ist mit allem, ist vollkommen angstfrei. Umgekehrt dient das Mass unserer Ängste als Gradmesser für unsere Entwicklung. Nun gehören Ängste aber zum Menschen wie die Windeln - mit dem Unterschied, dass wir sie - die Ängste - in der Regel länger mit uns herumtragen. Ängste sind so üblich wie Schmutz unter den Fingernägeln - und genau so behebbar, entfernenswert. Ihr Realitätsgehalt ist bescheiden: (fast) alle haben Ängste, aber (fast) alle haben andere. Es ist ein wenig wie mit dem Osterhasen und dem Samichlaus. Gewisse Ängste sind typisch für ein bestimmtes Lebensalter. Wenn ein Dreijähriger kommt und gross herausposaunt, er glaube nicht mehr an den Osterhasen, erstaunt uns das. Wenn ein 30-Jähriger immer noch Versli lernt für den Samichlaus, bringen wir ihn schonend in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik. Ganz grundsätzlich ist es freiwillig, an welche Gefahren man glauben und welche Ängste man kultivieren will. Sie sind immer und alle 'hausgemacht'. Gewisse sind natürlich sehr nützlich und motivierend für alle die, die Macht ausüben wollen, sei es staatliche oder wirtschaftliche Macht. Denn einer der grandiosen Effekte der Angst ist, dass sie die davon Befallenen führbar macht, zumindest wenn es gelingt, eine kollektive Angst zu verbreiten, indem man so gut, so geschickt Gefahren beschwört, dass sie von einer grösseren Anzahl von Menschen im angestrebten Machtbereich geglaubt werden. Brilliant diesbezüglich der Vatikan, der Staat und Unternehmen zugleich ist und seit 2000 Jahren floriert. Gefahren an die Wand zu malen und Ängste während des Lebens zu schüren vor Ungemach in der Phase nach dem Tod ist natürlich haftungsrechtlich genial, denn weder die denkbare Meldung, es gebe doch keine Hölle noch Mängelrügen betreffend die in Aussicht gestellten Belohnungen für frommes Erdendasein treffen je in einklagbarer oder sonstwie relevanter Form hienieden ein.

Es geht natürlich immer um einen Glaubensakt, da keine einzige Gefahr und keine einzige Angst von allen geteilt wird. Jeder nimmt das als Gefahr wahr - und bastelt sich darauf fussend seine Angst -, was ihm eben gerade als 'wahr' erscheint. Jeder glaubt an seine Ängste. Das macht ja den Umgang mit Sokrates und Diogenes, mit buddhistischen Mönchen oder etwas aktueller auch mit islamischen Terroristen so schwierig, dass sie die gängigsten Ängste nicht teilen und damit die Bedrohung ihrer Habe oder ihres Leibes nicht als 'Gefahr' wahrnehmen. - Es heisst ja 'wahr-nehmen': Jeder nimmt etwas und stellt es für sich als wahr hin, ob er nun ein angstpredigender Naturwissenschafter, Politiker oder schlicht ein sich ängstigender Privatmann sei. Wahr ist also immer das, was wir gerade als wahr hinnehmen und das entspricht immer unserem aktuellen Entwicklungsstand, dem, was wir verstanden, begriffen haben. Angst ist immer 'Nichtkennen', immer ein Mangel an Erkenntnis. Wer alles - oder: das Eine - erkannt hat, ist angstfrei.

Eine sinnvolle Entwicklung führt also immer weiter weg von den Ängsten, über sie hinaus, wandelt Ängste in Liebe. Je älter ein Mensch ist, desto angstfreier sollte er sein. Fällt Ihnen etwas auf? Entspricht es nicht Ihren Erfahrungen? Sind die Mutigen in Ihrem Umfeld jüngere Menschen? Kennen Sie viele ältere Menschen, die mutlos, feige, voller Angst sind? - Meine Erfahrung ist, dass Mut - und damit Entwicklung - wenig mit dem Lebensalter zu tun hat. Es gibt erstaunlich angstfreie Teenager, aber auch sehr mutige Greise. Man muss auch aufpassen, dass man Respektlosigkeit dem Leben gegenüber oder gar Tollkühnheit nicht mit Mut verwechselt. Mut ist Angstfreiheit in jeder Hinsicht und meint vor allem eine innere Stärke und Gelassenheit, nicht äussere Waghalsigkeit.

In der Regel machen wir aber schon ein paar Schritte weg von den ganz archaischen Ängsten im Laufe des Lebens. - Denken Sie doch mal schmunzelnd an frühkindliche Ängste vor Dunkelheit, Alleinsein, Geräuschen im nächtlichen Wald zurück. - Oh, Entschuldigung, Sie haben diese Ängste immer noch? Steht Ihnen selbstverständlich frei. Man kann auch die Angst, Mami gehe zum Einkaufen und komme nicht wieder, selbstverständlich weit über den Tod der realen Mami hinaus kultivieren. Im Bereich der Ängste ist nun wirklich die Lebensbühne frei für jeden noch so absurd scheinenden Blödsinn. Wahrscheinlich ist es nicht nur so, dass es keine Angst gibt, die alle teilen, sondern auch umgekehrt so, dass es nichts gibt, vor dem nicht irgendjemand Angst hat. Zum Beispiel Blütenpollen. Sie lachen? Dann hören Sie sich doch mal den Pollenbericht an - da gibt es eine eigene Telefonnummer dafür! Und dieser Bericht zur Pollenlage ist weder für Gärtner noch für Imker, sondern für Pollen-Allergiker. Für die können diese schnuckligen Fruchtbarkeitsträger zu einer ganz realen Bedrohung werden und wenn einer von ihnen diese Zeilen liest, ist er höchstwahrscheinlich bereits stinkesauer. Denn er kann ja nichts dafür, der Ärmste. Na ja, so spricht natürlich jeder von seiner Angst. Kann ich denn etwas dafür, dass mir meine Mami nicht so oft und so ausgiebig zugehört hat, wie ich es gerne gehabt hätte als Dreikäsehoch - weil sie mit fünf anderen Bälgen beschäftigt war notabene - und ich darum bis heute der Welt ständig meine neusten Erkenntnisse mitteilen muss, wie jetzt hier gerade mit diesem Text - natürlich aus Angst, mich höre ja doch kein Schwein. - Der einzige klitzekleine Unterschied zwischen dem zornesroten Allergiker und mir ist vielleicht, dass ich mir bewusst bin, dass meine Angst eine selbstgebastelte, freiwillige und jederzeit überwindbare ist und dass ich niemandem Schuld dafür gebe, dass ich sie habe, sondern die Verantwortung selbst übernehme.

Die Gallier rund um Asterix und Obelix hatten nur noch die Angst,"que le ciel leur tombe sur la tête" - für mich eine wunderschöne Metapher für die Angst vor dem Sterben, vor der 'unfreiwillig heftigen Vereinigung mit dem Himmel'. Und mit dieser Angst lebten sie recht munter, da sie mit allen anderen vermeintlichen 'Gefahren' - vorab den Römern - sehr elegant und angstfrei fertig wurden.

Eines der Lieblingsspiele der Menschen - wenn nicht sogar der absolute Top-Favorit - besteht nun darin, Mit-Ängstiger zu suchen und dann die eigenen Privat-Ängste zu verabsolutieren, als 'echte' Realität hinzustellen. Das macht der Mensch natürlich generell mit allem, was er so ganz privat und individuell wahrnimmt. Das Ansinnen ist verständlich: Er will sich in seiner Wahrnehmung der Welt nicht so allein fühlen, er will sich austauschen mit anderen über die Welt, will Bestätigung, dass die andern sie auch so wahrnehmen. Gerade für den Bereich der Gefahren und Ängste ist es tröstlich, wenn man sich nicht so einsam fühlt mit seiner negativen Emotion. Geteiltes Leid ist halbes Leid, meint der Geängstigte - und wird natürlich enttäuscht. Die meisten verstehen seine Angst nämlich entweder überhaupt nicht oder nicht in ihrer Tiefe, und bei den wenigen, die seine Angst vollumfänglich zu teilen scheinen, verdoppelt sie sich, anstatt kleiner zu werden. Das Missverständnis ist in der Kommunikation generell die Regel, da ja jeder in seiner Welt lebt und etwas anderes wahrnimmt als der andere, nur ist dies bei der Farbe der Kaffetasse ziemlich unerheblich. Bei den Privat-Ängsten hingegen wird dieser Irrtum, dieser Selbstbetrug, dieser zutiefst verlogene und oft auch bewusst fiese Umgang mit einer individuellen Manifestation höchst relevant - unsere psychiatrischen Kliniken legen beredtes Zeugnis davon ab. Denn wer glaubt, seine eigene Wahrnehmung - also auch seine Angst - sei real, verlangt natürlich von allen andern, dass sie sie auch als solche erkennen, sich mitängstigen, die selbst vorgeschlagenen Massnahmen unterstützen oder gar zusätzliche treffen. Wer ernsthaft glaubt, die Welt gehe jetzt dann gleich unter, sei es wegen dem Ozonloch, dem Borkenkäfer, dem grossen Atomkrieg, der Klimaerwärmung, den Gletschern, die auf dem Vor- oder Rückmarsch sind, der Globalisierung, dem weltweiten Terror oder der Übernahme der Weltherrschaft durch die Ratten - Günter Grass lässt grüssen - oder der totalen Überfremdung aller Länder, weil wir ja in jedem Land ausser dem eigenen Fremde sind und die natürlich höchst reale Gefahr besteht, dass irgendwann in allen Ländern nur noch je Fremde leben - was auch immer der Geängstigte glaubt, er sucht Mitstreiter, die mit Friedens- oder Kriegsfahnen, mit Pro- oder Anti-Globalisierungspamphleten, mit Rattengift oder Gletschermilch mit ihm ins Feld ziehen, die ausgewählte Angst mitschüren und notfalls mit allen Mitteln, auch und gerade mit den Mitteln, die man so anprangert, die 'Gefahr' eindämmen helfen, die vom jeweiligen Gegner gerade als das Heil gepriesen wird.

Gibt es etwas Lustigeres als Friedenskämpfer, die militant gegen das Militär, kriegerisch gegen den Krieg losziehen? - Wer einmal einen Schritt zurücktritt aus diesem Robinson-Spielplatz, wo alle gegen alle Räuber und Gendarm spielen, kommt aus dem Staunen, aber auch aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Und der Nährboden für all diese Aktivitäten und systemimmanenten Missverständnisse sind die Ängste - denn alle haben sie eine Befürchtung vorzuweisen, alle begründen sie ihr Tun mit irgendwelchen grauslichen Gefahren, die irgendwo zu lauern scheinen und die sofort und ohne Rücksicht (sic!) auf Verluste zu bekämpfen seien. - Und niemand merkt, dass die Bilanz immer dieselbe bleibt, seit Tausenden von Jahren. Dass jedes inkarnierte Wesen Anrecht auf seine Ängste hat, denn Ängste sind der Motor der Entwicklung. Sie treiben uns alle früher oder später an, sie zu überwinden und uns liebewärts zu entwickeln. Deshalb ist auch angesichts des wilden Gebarens und all der manchmal komisch, oft aber auch ziemlich schröcklich anmutenden angstmotivierten Taten und Untaten keine Aufregung angesagt. Denn die Welt ist schon richtig, wie sie ist. Liebe braucht als Nährboden ihren Gegenpol, die Angst, wie der Berg das Tal braucht, um überhaupt als Berg wahrgenommen zu werden; und wie der Tag die Nacht braucht, das Helle das Dunkle, um von unserem polaren Bewusstsein erkannt zu werden. Aber auch bei diesem Gegensatzpaar führt die Entwicklung auf eine höhere Stufe, zu einer erlösten Form der beiden Gegenpole. Dort wandelt sich Angst in reines 'Taking Care', in achtsame Zuwendung, verantwortungsbewusstes Sorgen für sich und den andern - was nichts anderes ist als erlöste Liebe. Die Gegensätze sind ausgesöhnt, vereinigt, meinen dasselbe. Die Frage ist also, wie lange und wie intensiv jeder einzelne auf seinem Lebensweg die Windeln tragen will, wann und ob er sich sukzessive aus der angstvollen Bettnässerei herausentwickeln möchte.

Soweit die Analyse. Die Synthese ist angedeutet mit der Entwicklung, der Wandlung der Ängste zur erlösten Form, wo sie zu Liebe werden. Aber das hätten wir ja schon gern ein bisschen konkreter: Wenigstens einenTipp, wie man denn mit den offensichtlich 'normalen', aber doch so hinderlichen Ängsten umgehen könnte?

Ich versuche, mit Ängsten umzuspringen wie mit schmutzigen Füssen. Als Barfuss-Mensch werden meine Füsse täglich schmutzig. Dagegen ist auch weiter nichts einzuwenden. Aber ich trample nicht mit dem frischen Dreck an den 'Pedalen' in der Wohnung herum - weder in der eigenen noch in einer fremden und gehe auch nicht mit ungewaschenen Füssen ins Bett. Zum Waschen muss ich sie anschauen, in die Hand nehmen, anfassen, mich mit ihnen befassen. Ich schrubbe sie liebevoll, bis sie sauber sind. Da mir das jeden Tag gelingt, bekümmert es mich wenig, dass sie auch jeden Tag wieder schmutzig werden. Also nicht: Achtung, Panik! Katastrophenalarm! Überschmutzungsgefahr! So etwas darf nie mehr vorkommen! Versicherung gegen Verschmutzung der Füsse! Schmutzsichere, nein besser aseptische, sterile Fussbekleidung! - Das wäre ja, übertragen auf die Angst - panische Angst vor der Angst! Nein, ich nehme den Schmutz - die Ängste - als etwas ganz Alltägliches, letztlich nie ganz Vermeidbares für einen Normalsterblichen. Aber ich übernehme höchstpersönlich und ausschliesslich die Verantwortung. Für die Schmutzfüsse und für die Ängste. ICH bin es ja, der barfuss über die Wiese gerannt und in den Kuhfladen gestanden ist. Es hat mich niemand geschubst. Niemand hat mir den Kuhdung klammheimlich und gemein nächtens zwischen die Zehen gerieben. Es ist mein Dreck, meine Angst, also wasche ich den Dreck, die Angst, auch ganz in eigener Verantwortung wieder ab. Die Welt braucht da überhaupt nichts dazu zu tun, nicht das Geringste muss sich ändern in unserem Umfeld. Es gab und gibt ja immer Leute, die diese meine Angst nicht haben, also ist es nicht zwingend, sie zu haben - und deshalb muss sich auch die Welt nicht ändern. Nur ich muss mich ändern, und auch das nur ein ganz klein wenig, wenn ich sie loshaben will. Ich muss nur die Freiwilligkeit, die Relativität, die Willkürlichkeit meiner Angst und der dahinter postulierten Gefahr durchschauen - dann kann ich sie fahrenlassen, loslassen, ziehenlassen zu denen, die sie noch unbedingt brauchen, die sie weiter kultivieren und hegen wollen.

Wer im Umgang mit der Angst diese Eigenverantwortung aus den Augen verliert, wird ein ungemütlicher, anstrengender und sehr oft ein verlogener Zeitgenosse. Er drapiert seine durchaus egoistischen, emotionalen, gierigen, rechthaberischen Aussagen und Taten gerne mit Befürchtungen, Ängsten vor Gefahren, die er als absolut hinstellt. Doch die Verlogenheit liegt immer auf beiden Seiten des kommunikativen Prozesses. Wer mit Ängsten anderer konfrontiert wird und sie - bzw. die als Begründung angegebenen Gefahren - für bare Münze, für real und allgemeingültig nimmt, tritt genau so in die Angstfalle wie derjenige, der seine Befürchtungen zelebriert.

Wenn unser Kind mit strotzdreckigen Füssen vom Spielen kommt, dann nehmen wir das ja durchaus ernst, aber wir rennen wohl kaum aus lauter Mitgefühl raus und trampeln im selben Kuhfladen rum, sondern wir gehen ins Bad und helfen ihm vielleicht beim Waschen, je nachdem, wie klein, wie bedürftig es ist. - Genauso möchte ich mit angstvollen Menschen umgehen, auch mit mir selbst, wenn ich vor irgendetwas Angst habe.

Für die verbale Kommunikation gibt es eine Faustregel: Immer, wenn ich selbst - oder ein anderer - einen Satz beginne mit "Ich befürchte, dass..." oder "Ich habe Angst, dass..." spitze ich die Ohren und lasse geistig bereits das warme Wasser einlaufen, weil der Rest des Satzes garantiert 'Kuhfladen' ist und 'gewaschen' werden muss. Oft sind es nämlich gar nicht vom Sprecher ernst gemeinte oder gar gespürte Befürchtungen, sondern nur schlecht maskierte Vorwürfe, Verletzungen, Beleidigungen, Angriffe, die da im Mäntelchen der Befürchtung daherkommen.

Wer zum langjährigen Berufsfischer sagt: "Ich befürchte, dass du heute das Netz, die Angel, das Boot, die Köder vergisst..." sagt im Klartext: "Ich halte dich für so sturzbetrunken oder für einen so schlechten Berufsmann, dass ich dir nicht einmal zutraue, deine eigene Berufsausrüstung mitzuführen." Das Einkleiden in einen Befürchtungs-Satz ist hier nichts als verlogene, feige Maskierung einer massiven Beleidigung. 'Kuhfladen' steht in solchen Fällen für Feigheit, für den mangelnden Mut, Klartext zu reden. Und Feigheit passt wunderbar zur Angst. Sie liegt nämlich jeder Angst zugrunde. Hier ist es die Feigheit, die Relativität unserer Wahrnehmung zu konfrontieren und die schmutzigen Füsse als von uns beschmutzt und abwaschbar zu erkennen - und auch dieses Urteil 'beschmutzt, schmutzig' in seiner Relativität zu erkennen.

Wenn wir nämlich von der Wiese in den Stall gehen, streifen wir die Schmutzfüsse vielleicht nur gerade kurz ab im Gras. Wenn wir ins Haus gehen, waschen wir sie am Brunnen und bevor wir Socken und Schuhe anziehen, waschen wir sie gründlich mit Wasser und Seife. Aus der Sicht der Pédicure-Spezialistin sind sie auch dann immer noch weitab von dem, was sie als 'gepflegt' bezeichnen würde. Wer hat nun die 'richtige' Wahrnehmung'? - Jeder für sich, natürlich! Denn jeder lebt in seiner Welt, hat eine eigene Vorstellung von dem, was für ihn 'schmutzig', 'sauber', 'angst-' oder 'liebevoll' ist.

Übrigens: Kennen Sie angstfreie Menschen? Gut, völlig Angstfreie gibt es wohl kaum in Fleisch und Blut, das wären dann schon Engel, aber ich meine 'nahezu Angstfreie'. Ist es nicht herrlich mit ihnen? Sie wettern gegen nichts, weil sie vor nichts Angst haben. Sie lachen über sich selbst und erzählen, wie sie gerade mit ihren eigenen aktuellen verbliebenen Ängstlein umgehen - und nehmen weder die eigenen noch die fremden Ängste allzu ernst. Sie helfen vielleicht mal beim Waschen der schmutzigen Füsse, aber auch das locker und ohne dieses fürchterliche moralinsaure Pathos. Nichts kann sie wirklich erschüttern, weil sie nichts befürchten, nichts zu befürchten haben. Sie schlafen immer gut und wenn nicht, ist niemand anders als sie selbst schuld daran. Sie scheinen ein unendliches Potenzial für Verantwortung zu haben, die sie aber mit erstaunlicher Gelassenheit tragen. Sie nehmen die Aufgaben wahr, die ihnen zufallen, weil sie nichts als 'zufällig' anschauen. Sie sind einverstanden mit dem, was ist, mit dem, was ihnen geschieht. Maria war so ein angstfreies, einverstandenes Wesen - nicht verwunderlich, dass sie für eine wichtige Aufgabe ausersehen wurde. Aber es gibt auch heute unter uns solche Wesen. Man erkennt sie ganz leicht an ihrer Stärke, ihrer Glücksausstrahlung und ihrer Jammerfreiheit. Sie verteilen keine Flugblätter, sind in keiner Partei, haben keine Weltverbesserungsvorschläge - aber jedem, der sich auf ihre Ausstrahlung einlässt, geht es besser…

Ich könnte noch stundenlang von angstfreien Menschen schwärmen, auf jeden Fall lohnt es sich meines Erachtens, sich in diese Richtung zu entwickeln.