Die Weltverbesserungsfalle

 

Die Alternative zur Weltverbesserung. These 1: Wer nur und direkt die Aussenwelt verändern will, hat keinen nachhaltigen Erfolg. These 2: Ändere dich - und die Welt ändert sich mit. Der Weg: Grenzen abbauen. Das Werkzeug: Liebe. Die faszinierende Korrelation Innenwelt - Aussenwelt. Verliebtsein als Einstieg in die Zeit-Raum-Qualität. Der Sprung ins Jetzt braucht Mut. Der Sieg des Egos. Verliebtheits-Zustände erweitern. Daniel-Düsentrieb-Helferlein. Grenzen existieren nur dort, wo wir sie ziehen. Verliebtheitszustände objektunabhängig erleben


1. Entrüstung

Wieso soll das eine Falle sein? Ist nicht Weltverbesserung das Edelste, was wir überhaupt anstreben können auf diesem Planeten? Ist nicht genau das der Unterschied zwischen dem nicht-ethischen und dem ethischen Denken und Handeln, dass der ethische Mensch über seine Bedürfnisse und Triebe hinaus denkt und handelt, dass er nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, sein Umfeld, seine Welt und damit 'die Welt' in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als er sie angetritt bei seiner Geburt? Ist dieses innere Feuer der Weltverbesserung nicht der stärkste Motor hienieden, wenn nicht der einzige, der zum Guten führt? Wie soll sich denn die vielbeschworene Liebe anders ausdrücken als im Bestreben, die Welt für unsere Liebsten und letztlich für alle Menschen, ja, alle Wesen besser, schöner, lebenswerter, friedlicher zu gestalten?

Wie kann man es nur wagen, daran zu zweifeln, dass Weltverbesserung der einzig wahre Weg sei? Hat es denn je schon irgendeinen Philosophen, einen Religionsstifter, einen Soziologen, Ökonomen, Politiker gegeben, der nicht mit grosser Inbrunst sein Rezept dargelegt hätte, wie die Welt zu retten sei? - Und da kommt einer und bezeichnet diese edelste aller Haltungen als 'Falle'?

Und was ist denn die Alternative? Egozentrik? Sich nur um sich selbst und sein eigenes Heil kümmern? Nabelschau? Weltflucht? Irgendwo im Hochtibet vor sich hinmeditieren und sich einen Deut um die Welt kümmern? Ist denn das ethisch?

Mit diesen entrüsteten Fragen ist die Brisanz der Thematik skizziert. Wobei das immerhin die Fragen von Menschen sind, die sich überhaupt auf einen Dialog einlassen. Ich habe auch schon erlebt, dass Leute derart schockiert waren von meinem Ansatz, dass sie jegliches Gespräch darüber verweigerten. Und das nicht etwa am Stammtisch einer Spelunke, sondern durchaus in universitärem Umfeld. - Ich verstehe die hochemotionalen Reaktionen auf diese These, Weltverbesserung sei eine Falle, durchaus, zieht sie doch vielen vermeintlich den Boden unter den Füssen weg, wenn sie sie zulassen. Wer sich ein Leben lang bemüht hat, die Welt zu verbessern, will doch nicht plötzlich am Sinn seines Bemüh'ns zweifeln müssen.

2. In guter Gesellschaft

Ich behaupte nun aber, dass es lohnt, sich auf das Thema einzulassen, weil es nämlich nicht der Boden ist, sondern nur gerade der Teppich, an dem ich zupfe. Und weil sich die These in allen grossen Religionen wiederfindet, so auch ganz stark im Christentum: Jesus betont mehrfach, 'sein Reich sei nicht von dieser Welt' und zu Petrus, der die Welt mit Gewalt verbessern will, sagt er wie zu einem kleinen Jungen, er solle sein Schwert wieder in die Scheide stecken. Die Jünger glaubten ja immer wieder, Jesus werde das irdische Jerusalem erobern und dort König werden. Auch sie verwechselten aussen und innen, irdisch und himmlisch, wie die Nachverfahren Petri bis heute.


3. Die Alternative zur Weltverbesserung

Zuerst einmal den Fokus umdrehen: statt nach aussen auf 'die Welt', nach innen, auf sich selbst. Aber das ist nur der erste Schritt. Der Verbesserungsprozess zielt nämlich darauf ab, dass Innen so zu weiten, bis es alles umfasst, das eigene kleine und abgegrenzte Ego-Bewusstsein zum Selbst-Bewusstsein, zum kosmischen Bewusstsein zu weiten. Oder in Umkehrung des Bildes: Aussen zum Innen machen, 'Karma essen', wie es bei den Hindus heisst: alles, was wir als aussen, fremd, von uns getrennt vorfinden, integrieren, hereinlassen, zu uns nehmen.

Letztes Ziel ist, philosophisch ausgedrückt, die völlige Aufgabe der Subjekt-Objekt-Spaltung: nicht mehr uns als Wahrnehmende getrennt vom Wahrgenommen erleben, sondern als zusammengehörige Elemente des einen grossen Organismus, den ich - wie viele andere - in diesem Buch Einheit nenne; psychologisch können wir den Vorgang beschreiben als einen Abbau der Ego-Grenzen bis sie so durchlässig sind, dass wir die Verbundenheit mit allem andern zu spüren beginnen bis wir am Ziel die Ego-Grenzen völlig aufgeben und das Selbst finden, bis der aus allem Abgelehnten bestehende Schatten durchlichtet ist. Theologisch ausgedrückt ist das Ziel die Überwindung der Welt 'am Kreuz' - und das Kreuz steht für die materielle, irdische Welt, an die wir mit unseren fünf Sinnen (den Nägeln) gefesselt sind - und das Zurückfinden zu Gott, zum Vater in den Himmel.

Wir haben also für den Prozess der 'Innen-Verbesserung' in synonymem Gebrauch Bewusstsein erweitern, Karma essen, Aussen zum Innen machen; für das Ziel haben wir in gleicher Bedeutung kosmisches Bewusstsein, Einheit, Selbst, Gott, Vater, Himmel. Es gibt sowohl für den Prozess wie für das Ziel noch viele weitere Begriffe, Bilder, Umschreibungen, Metaphern. Wichtig ist mir hier nur, dass man sich nicht an einem Wort festkrallt. Gerade für die Beschreibung des jenseits der Polarität, der Spaltung liegenden Ziels taugt die polare Sprache schlecht und kann immer nur einen Teilaspekt des Ganzen beleuchten. Die paradoxe Formulierung oder das Nebeneinanderstellen mehrerer Begriffe kann der für uns nicht vorstellbaren Ganzheit am ehesten gerecht werden.


4. Hindernisse und Fallen

Auf dem Weg zu diesem Ziel der Einheit gibt es viele Hindernisse, Sackgassen und eben: Fallen. Eine davon ist - so behaupte ich - die Weltverbesserung. Genauer: Der Versuch, ausschliesslich und direkt im Aussen etwas zu ändern, ohne bei sich anzusetzen und die angestrebte Veränderung bei sich zu initiieren. Die These müsste also korrekterweise lauten: Wer nur und direkt die Aussenwelt verbessern will, tritt in eine Falle. Und da das Verb verbessern auf einer subjektiven Wertung beruht und es dafür keine absoluten Masstäbe gibt, sagen wir besser verändern, denn den Veränderungswillen und auch die Veränderungen initiierenden Handlungen können wir zumindest viel leichter feststellen von aussen und damit einen gewissen Konsens erzeugen: "Ja, der Wunibald ist fest entschlossen, an seiner Verschwendungssucht (Geld-, Schreib-, Fress-, Sauf-, Kritik-, Macht- Was-auch-immer-Sucht) etwas zu verändern. Erste Massnahmen hat er schon eingeleitet" So bleibt die unterschiedliche Bewertung, ob die angestrebten Veränderungen nun auch Verbesserungen seien, aus dem Spiel.

Damit wir uns schliesslich nicht im Bild der Falle verfangen, könnte man ebensogut sagen:

Wer nur und direkt die Aussenwelt verändern will, hat keinen nachhaltigen Erfolg

Denn das meine ich mit der Falle: die vergebliche Hoffnung auf nachhaltigen Erfolg. Und wer die Welt verändern will, sucht immer das Glück, minimal für sich selbst, maximal für alles, was da lebt und webt. Kurzfristig mag sich ein Erfolg einstellen, ein Krieg wird beendet, eine Krankheit wird ausgerottet, ein als böse oder schädlich bewerteter Gegner wird niedergemacht, vom Markt gefegt, ein Konkurrent wird ausgestochen, ein Nebenbuhler verjagt, man hat der Geliebten die Perlen gekauft, die sie sich immer wünschte. Ob hoch oder tief angesiedelt, all diese Weltveränderungen machen niemanden nachhaltig glücklich - behaupte ich. Und sie sind vergänglich. Kaum ist das Kriegsbeil beim einen Stamm begraben, gräbts der nächste aus, kaum ist die Pest besiegt, kommen Krebs und Aids, kaum haben wir dem Drachen mit Heldenmut ein Haupt vom Leib getrennt, wachsen sieben neue nach - das ist nicht nur ein verstaubtes Märchenbild, wie viele Kämpfer bestätigen können! - kaum ist der Erzfeind aufgekauft oder in den Konkurs gedrängt, kommt irgend so ein globalisierter Monsterkonzern aus Übersee und pfuscht uns wieder ins Handwerk, kaum haben wir unser so viel Neid auslösendes Partnerwesen gegen den eleganten Spanier, die üppige Blondine verteidigt, kommt so ein erotischer Zirkusreiter, eine glutäugige Tänzerin ins Leben unseres 'besten Stücks' spaziert und macht uns schon wieder unsere Besitzansprüche streitig, da helfen keine Perlen und auch keine Porsches, denn die X hat bereits ein viel teureres Diamanten-Diadem und der Y einen Ferrari…


5. Die innere Weltordnung

An pessimistischen Aussagen zur Entwicklung der äusseren Welt fehlt es nicht und ich habe nicht die Absicht, mich in die Liste derer einzureihen, die mit mehr oder weniger Pathos die Apokalypse heraufbeschwören. Im Gegenteil. Ich bin zutiefst einverstanden mit der äusseren Welt, die ja nichts anderes als ein getreues Abbild meiner inneren Welt ist. Wenn sie auch Unschönes, ja Erschreckendes enthält, dann ist es das Unschöne, Erschreckende in mir drin. Ich sehe es als meine Aufgabe, meine eigene innere Welt zu verändern, zu ordnen, weil ich überzeugt bin, dass sich jedes bisschen gewonnener Ordnung im Innern auch im Äusseren reflektieren wird. Ich spreche deshalb auch schon im Untertitel des Buches von 'Wegen zu einer inneren Weltordnung' und setze mich damit in einen klaren Gegensatz zu all denen, die an der äusseren Weltordnung zimmern, seien es die auf die ordnende Kraft militärischer Gewalt setzenden Amerikaner oder die mehr auf die kantische Vision des Friedens dank der normativen Kraft global gültiger Grundwerte und auf die Verrechtlichung weltpolitischer Verhältnisse setzenden Europäer.

Ich wende das uralte Gesetz der Analogie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos auf die innere Ordnung im Mikrokosmos 'Mensch' und die äussere Ordnung im Makrokosmos 'Welt' an und postuliere, dass es mehr als nur eine Entsprechung und vor allem mehr als nur eine Zustandsbeschreibung ist. Es gilt das Resonanzgesetz, also das Zusammenklingen von Innen und Aussen und die Entsprechung ist eine prozessuale und nicht eine statische, d.h. jede geringste Änderung im Innen bewirkt ohne Zeitverzögerung die Änderung im Aussen, das Anklingen der entsprechenden Saite im Orchester 'Welt'.

Im Unterschied zur Ohnmacht bei unseren Versuchen, die äussere Ordnung direkt zu ändern, hat jeder von uns die Macht, die Kraft, die Energie und im tiefsten auch die Motivation zur Änderung der inneren Ordnung. Ich lade Sie nur ein, dies vielleicht noch bewusster als bislang zu tun.

Wer umgekehrt die Welt nur - oder vor allem - apokalyptisch wahrnimmt als Ort des Grauens, macht damit letztlich nur eine Aussage über sein Inneres. Auch das sage ich ohne vorwurfsvolles Pathos. Es ist nicht weiter tragisch, sondern bloss eine Aufforderung zur entwicklung, zur Veränderung von uns selbst, unseres Egos zum Selbst, unserer archetypisch völlig richtigen Start-Unordnung zur archetypisch ebenso richtigen Ziel-Ordnung.

Die Aussen-Wahr-Nehmung, das, was wir von der Welt nehmen und als wahr hinstellen, ist genau so subjektiv und relativ, ein genau so grosser oder eben kleiner Ausschnitt des Ganzen, wie das, was wir im Innen wahr-nehmen, als wahr hinstellen.

Ich setzte mich mit dem hier postulierten Weltbild auch klar von dem Teil der New-Age- und der Esoterik-Bewegung ab, die mit ebenso viel Pathos wie die mit Physis-Argumenten kämpfenden Weltuntergangs-Propheten den einzig rettenden und darum so dringlichen Bewusstseinswandel magisch herbeireden, ja herbeizuzwingen versuchen. Es drängt so sehr - und so wenig, wie es schon immer drängte: In den Herzen, im Bewusstsein derer, die gerade an diesem Punkt ihrer Entwicklung angekommen sind, wo sie sich auf den inneren Weg begeben können und wollen. Die Meinung, alle hätten am gleichen Punkt ihrer Reise von der Unordnung in die Ordnung zu sein, ist anmassend und beruht in aller Regel auch auf einer masslosen Überschätzung der Bedeutung der eigenen Zeit. Gab es denn je eine Zeit, wo die Leute nicht meinten, die Welt gehe jetzt dann gleich unter? Gehört das nicht etwas zum Versuch unseres Egos, sich aufzuplustern, sich in einer bedeutenden Zeit zu wähnen. Und was wäre bedeutender als die 'Endzeit'? - Denken Sie doch einmal an die innere und äussere Unordnung zurück, in der wir alle zumindest als Pubertierende waren? Hatte sie nicht ihren Platz, ihre Zeit und sogar ihren Charme? - Auch Ordnung ist kein absoluter und einseitig positiv bewerteter Begriff. Immer nur Ordnung ist spannungslos, ja langweilig. Erst auf dem Nährboden der Unordnung kann ein Sehnen nach Ordnung überhaupt erst einsetzen.

Ich möchte Sie wieder einmal auffordern, liebenswürdig zu sein mit sich selbst, die eigene innere Unordnung mit einem Schmunzeln zu betrachten und sich dann und dort ans Aufräumen zu machen, wenn's Ihnen drum ist. Wir haben alle Zeit der Welt - denn es gibt sie letztlich gar nicht. Die Gleichzeitigkeit, in der alles stattfindet, ist genau so ausgedehnt, wie Sie das für Ihren Weg brauchen - eine paradoxe Vorstellung, weil ich die Ausdehnung jetzt einfach in den Raum verschiebe, aber wir stossen hier an die Grenzen unserer Vorstellungskraft und es brauchte ein Genie von der Grösse eines Einstein, um die Relativität von Zeit und Raum, die jeder von uns schon intuitiv gespürt hat, auch für die Ratio zugänglich zu machen. - Diese Liebenswürdigkeit und Geduld, die Sie für sich selbst empfinden auf dem Weg zu Ihrer inneren Ordnung, wird sich auch im Aussen reflektieren: Sie werden liebenswürdiger und geduldiger mit der Welt(un)ordnung im Aussen.

Wer nur am Aussen, am Haus herumwerkelt und selbst derselbe bleibt, wird auch im schönsten Schloss nicht glücklich. Wer umgekehrt sein inneres 'Gebäude' erweitert, im Inneren ein paar Suiten und Flügel anbaut, dem wachsen ebendiese, für den wird auch das Aussen weiter, denn - und das wäre These Nummer zwei in dieser Route

Ändere dich - und die Welt ändert sich mit


5. Wortklauberei?

Dann geht es ja nur um den Ansatzpunkt und wir können trotzdem fröhlich diese schnöde Welt verbessern. Einfach immer zuerst bei uns beginnen? Ist das nicht Wortklauberei? Ist denn der Unterschied gar so gross zwischen dem, der direkt aussen ansetzt und dem, der den Umweg über sein Inneres macht? Könnte es nicht auch sein, dass die beiden Vorgänge einfach interdependent sind, in einer dialogen Wechselwirkung stehen? Denn wer die Welt mit Feuer und Flamme verbessern will, wird doch bei diesem Tun auch selbst mitverändert? - Schon, aber nicht zwingend in die Richtung zum oben skizzierten Ziel der Gegensatzvereinigung, der Einswerdung mit allem, was ist, sondern eher in die Gegenrichtung. Der Einseitige wird noch einseitiger, der Fanatiker wird noch fanatischer - erst der anhaltende Misserfolg führt in der Regel irgendwann zu einer Besinnung, zur Frage nach dem Sinn des einseitigen Kampfes. So gesehen ist der Misserfolg, das Scheitern im Aussen, das sich auf der Körperebene so schön im älter und hinfälliger werden und letztlich in der Sterblichkeit zeigt, durchaus eine Veränderungswirkung vom Aussen auf das Innen. Viele Menschen werden nach dem Ausstieg aus dem beruflichen Kampf im Alter milder, weiser, grosszügiger in ihren Wertungen, lassen mehr gelten und verwischen damit die Scharfkantigkeit früherer Tage. Andere kommen früher an diesen Punkt dank grosser Katastrophen, grosser Rückschläge in ihrem Leben. Meine Einladung hier heisst nur: Wir brauchen weder die Katastrophen noch die Hinfälligkeit des Alters abzuwarten. Wir können diesen Prozess auch freiwillig initiieren. Zumindest einen Versuch ist es doch wert?


6. Der Weg: Grenzen abbauen

Angenommen, wir akzeptieren den vorgeschlagenen Weg und machen uns daran, bei uns anzusetzen mit der Veränderung. Wie soll das vor sich gehen? Wir definieren uns ja gerade mit Eigenschaften, die wir haben und in der Ablehnung von Eigenschaften, die wir nicht haben und auch nie haben wollen? Und da gibt es doch auch unverrückbare Fakten: Wir sind mit einem bestimmten Geschlecht, mit einer bestimmten Hautfarbe, in einer bestimmten Familie in einem bestimmten Land geboren? Und wir haben doch jede Menge Ansichten zu jeder Menge Themen? Wir sind für dies und gegen das - und unsere Meinung ist sogar gefragt. Am Familien- oder Stammtisch, und - wenn wir in einer Demokratie leben - sogar an der Urne. So gibt es doch haufenweise profilierende Adjektive für uns. Zum Glück, denn sonst wären wir ja gar niemand, wären wir keine Persönlichkeiten? - Wie sollen wir da je 'alles integrieren, was wir aussen vorfinden'? Da geht ja unsere Persönlichkeit vor die Hunde? Und das wollen wir doch nicht. Im Gegenteil. Wir wollen uns im Laufe des Lebens immer mehr profilieren, immer dezidierter auftreten, damit die andern sich an uns orientieren können. Wir wollen in den Spiegel schauen und sagen können: "Mein lieber Wunibald, also eins muss ich dir lassen, du bist ….." und dann eine möglichst beeindruckende Serie von uns als positiv bewerteter Eigenschaften aufzählen, z.B. 'fleissig, grosszügig, erfolgreich' - Ethiker aller Länder sagen uns doch ständig, welches die guten Eigenschaften seien und welches die schlechten? Und in fast allen psychologischen Beratungen geht es doch so oft um die Grenzen: 'Lernen Sie sich abgrenzen' - ist das Zauberwort und es wird kein Aufwand gescheut, um dem Notleidenden aufzuzeigen, wo und wie er Grenzen setzen kann, damit er seine Position findet, seinen Stellenwert. Wo soll nun der Reiz liegen, dass wir dereinst auch die Gegenpole unserer mühsam erworbenen profilierenden Eigenschaften integriert hätten und zu unserem Spiegelbild sagen könnten: "Lieber Wunibald, du bist fleissig und faul, grosszügig und sparsam, erfolgreich und scheiternd…" - Um Gottes Willen, was würden wir dann für profillos-fade Wesen werden, ohne Eigenschaften, ohne Kanten, ohne Grenzen? Wollen wir das? - Das muss jeder für sich beantworten. Es ist der Preis für das Ticket Richtung Selbst, dass wir unsere Ego-Profilierung Schritt um Schritt aufgeben. Mit spiritueller Ent-wicklung ist ja der gegenpolare Vorgang zur Ver-wicklung in die Ego-Identifikationen gemeint, ein Auswickeln und Ablegen all dessen, was wir für individuell, einzigartig, speziell halten an unserem Ich. Ich bin niemandem Gram, der das nicht oder noch nicht will, weil er sich noch gar nicht richtig gespürt hat, seine Verwicklung noch nicht zum Höhepunkt getrieben hat, weil er noch anecken will mit seiner Kantigkeit. Das ist völlig in Ordnung, wir haben alle - alle Zeit der Welt. Der Nährboden für den Wunsch nach Entwicklung ist das Scheitern des Egos, das Leiden an seiner Einsamkeit, an den Konflikten, die es durch seine Abgrenzung ständig erzeugt und nie ganz aus der Welt schaffen kann. Wer das nicht - oder noch nicht - erlebt hat, soll das dringend tun. Vorher ist er schwerlich zu motivieren für die zweite Hälfte des Weges.


7. Das Werkzeug: Liebe

Für die, die - zumindest hier und vorläufig einmal theoretisch - den Weg gehen wollen, stellt sich die Frage nach dem geeigneten Hilfsmittel, dem Werkzeug für diese Integration von allem, was ist. Und da kommen wir nicht um das vielgeschundene Wort 'Liebe' herum. Aber es ist eine ganz weit oben angesiedelte Liebe , eine, die letztlich nicht mehr auswählt, nicht mehr unterscheidet zwischen den 'Objekten' der Liebe. Schönstes Bild für diese Art von Liebe ist für mich die Sonne, die ihre wärmenden Strahlen auf alles richtet, ohne nach dem Verdienst zu fragen. Wir müssen ja nicht gleich am Ziel beginnen mit der Liebe und können uns von den einfacheren Formen der Liebe ganz langsam nach oben tasten. Wenn ich von unten und oben spreche, muss ich ein Kriterium angeben: Aus spiritueller Sicht ist es das Mass der Einschränkung, der Fokussierung, die die verschiedenen Liebes-Qualitäten unterscheidet. Es geht aber nicht um Wertungen, sondern um Unterscheidungen bezüglich des spirituellen Wegs. Ich bin so ziemlich der Letzte, der etwas gegen erotische, auf ein Wesen fokussierte Liebe sagen würde. Sie ist ein wunderbarer Einstieg in die Welt der Liebe. Und doch gilt es, irgendwann höhere Formen der Liebe kennenzulernen und zu leben, wenn wir den skizzierten Weg gehen wollen: Welt integrieren, Aussen zum Innen machen - uns weiter, grösser, umfassender machen und so die Welt mitverändern.


8. Die faszinierende Korrelation Innenwelt - Aussenwelt

Wir gehören ja selbst auch zur Welt, die wir so gern verändern, verbessern wollen? Ja ganz wesentlich und prioritär gehören wir doch selbst zu dieser Welt, zu unserer Welt? Denn wenn wir schlafes-, narkose- oder todeshalber verschwinden, verschwindet die Welt ja mit uns - zumindest unsere Welt. Gut: Die Träume; und vielleicht: Das Spital, das niederbrennt während unserer Narkose; und die Übertragung der Erkenntnis, dass sich bislang die Welt weiterdrehte nach jedem Tod von irgendwem, auf das Geschehen nach unserem eigenes Sterben - all das sind so Anzeichen, dass da schon noch etwas weiterläuft, wenn wir gerade nicht bewusst anwesend sind. Aber doch: Das, was wir wirklich für wesentlich halten an der Welt, hat mit unserem Erleben von Welt zu tun, und das ist an unsere Wahrnehmungsfähigkeit bzw. Erlebnisfähigkeit gekoppelt. Ist denn die These so verstiegen, dass diese von uns erlebte Aussenwelt nichts anderes als eine ganz tolle Projektion unserer Innenwelt sei? - Gehen wir doch dieser Behauptung einmal in unserem täglichen Erleben nach und überprüfen, ob und wie sich die Welt aussen mitändert, wenn wir etwas an uns ändern. Das muss gar nicht zwingend etwas sein, was wir als positiv bewerten, es funktioniert fast noch deutlicher mit Veränderungen, die wir als negativ bewerten, zum Beispiel mit Stress, Ärger oder - noch besser - Wut. Und die weniger Temperamentvollen können ja Abgelöschtheit oder gar Depressivität nehmen. Ist Ihnen schon aufgefallen, wie man lauter gestresste Idioten antrifft, wenn man es selbst ist? Also: gestresst, 'Idiot' sagen wir erst, wenn andere es sind. Wer wutschnaubend aus seiner Hütte braust, kann doch mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass er lauter aggressive Rüpel und Tölpel antrifft - am schnellsten geht es, wenn er sich in den Strassenverkehr stürzt. Und wer mit depressivem Novembermontagsgesicht die Strassenbahn besteigt, wird kaum mit Herzlichkeit überschüttet, und wenn, dann regt ihn das sogar noch auf oder erreicht ihn nicht, je nach Grad seiner Abgelöschtheit, seines Vitalitätsmangels.

Umgekehrt funktioniert das allerdings auch. Mit einem echten Strahlen, echter Herzenswärme bringt man bekanntlich die Steine zum Schmelzen, das haben wir bestimmt alle schon als Strahlende wie als Angestrahlte erlebt. Und plötzlich ist der vielzitierte Satz 'Wie innen, so aussen' kein blutleerer Spruch eines entrückten Mystikers mehr, sondern erlebte Wirklichkeit.


9. Verliebtsein als Einstieg in die Zeit-Raum-Qualität

Wir kennen es von den luziden Momenten des Verliebtseins: Wir könnten dann unseren Feinden verzeihen, nackt im Schnee tanzen - wir sind närrisch vor Glück und Weltumarmungsfreude. Die Zeit scheint stillzustehen, wenn wir mit dem Objekt unseres Verliebtseins zusammen sind - 'Objekt' tönt ein bisschen kühl, aber es muss nicht zwingend ein menschliches Wesen oder ein Tier sein, es kann sich dabei durchaus auch um einen Steinway-Flügel, einen Ferrari oder ein Haus am Meer handeln. Diese andere Zeitqualität ist ein ganz wesentliches und untrügliches Element jedes Glückserlebnisses. Wir kennen die Unterscheidung von Zeitqualitäten bestenfalls noch aus der Astrologie. Die alten Griechen kannten noch zwei verschiedene Begriffe für den quantitativen Aspekt - Chronos - und den qualitativen Aspekt der Zeit: Kairos. Zum Bezug hier nur soviel: Chronos und Kairos sind natürlich auch Gegensätze, die sich auf der unerlösten Ebene auszuschliessen scheinen. Wenn wir Kairos, Zeitqualität, intensiv erleben, scheint deshalb Chronos, die Zeitquantität, also die Abfolge von Sekunden und Minuten, ausgeschaltet zu sein, die Zeit 'still zu stehen'. In der erlösten Qualität, wenn es gelingt, die Gegensätze Chronos und Kairos zu versöhnen, zu einen, bedeuten sie dasselbe: Ewiges Jetzt - für unsere polare und damit 'unerlöste' Sprache natürlich ein Paradox und für unser polares Bewusstsein nicht vorstellbar. Aber genau um dieses Paradox kreist letztlich die ganze Glücks-Suche. Wir kriegen die Vorstellung von 'ewig', die bei uns die Endlosigkeit der Zeitachse, also des quantitativen Aspekts assoziiert, und die Vorstellung von 'jetzt', die bei uns einen quantitativ kaum messbar kleinen Ausschnitt aus derselben Zeitachse evoziert, nicht zusammen. Wenn wir uns aber von dieser eindimensionalen Vorstellung der Zeitachse lösen und unter Zuhilfenahme der rechten Gehirnhemisphäre mit der Intuition versuchen, die Zeitqualität des Augenblicks am besten am Beispiel der Verliebtheit dazuzunehmen, können wir zumindest ahnen, worum es geht und wie sich der angestrebte Glückszustand anfühlt. Formulieren können wir weiterhin nur paradox: Eine Aneinanderreihung von 'Zeitstillständen', von 'Ausserhalb-von-Zeit-und-Raum-Befindlichkeit'. Denn mit dem Raum ist es dasselbe wie mit der Zeit. Es gibt den quantitativen und den qualitativen Aspekt. Und in diesen Räumen des Verliebtseins drängt der qualitative Aspekt ins Bewusstsein. Nicht im Sinne eines schön eingerichteten Ambiente, sondern - wie bei der Zeit - vielmehr in dem Sinne, dass der konkrete Raum gar nicht mehr relevant zu sein scheint, die Grenzen des Raumes überwunden zu sein scheinen. In der Verliebtheit gibt es keine Ferne mehr, man ist eins mit dem geliebten Wesen oder Ding, auch wenn unter quantitativem Aspekt Tausende von Kilometern dazwischen liegen. Je nach Autonomie und Selbstvertrauen können wir - nun wieder auf der Zeitachse gemessen - länger oder weniger lang in dieser Befindlichkeit ausserhalb der nur quantitativen Aspekte von Zeit und Raum bleiben oder, positiv formuliert, auf dieser erlösten Ebene von Raumzeit-Qualität und Raumzeit-Quantität, in diesem Ewig-Jetzt-Überall-Hier, um gleich zwei paradoxe Bilder zusammenzupappen. Um über den 'Augenblick' im Sinne eines kleinstmöglich vorstellbaren Zeitpunkts hinauszukommen mit dem Glücksgefühl, braucht es allerdings einen weiteren Schritt, der sich paradox anhört. In der gängigen Vorstellung passiert in einem ganz winzigen Zeitpunkt natürlich nichts. Prozesse brauchen Zeit. Wieviel? - Na, einfach mehr als nur einen Punkt, der ja definitionsgemäss keine Ausdehnung hat. Nun möchte ich Ihnen das Gegenteil schmackhaft machen: Im Zeitpunkt, im JETZT, passiert alles. Leben findet überhaupt nur im JETZT statt. Wenn wir im Bild der uns vertrauten Zeitachse mit Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft bleiben, dann ist Vergangenheit totes Gewesenes und Zukunft totes Mögliches, Gegenwart aber Leben. Unter Leben verstehen wir aber Prozesse. Also braucht Leben, brauchen Prozesse in Wirklichkeit nur Gegenwart, also JETZT und sie haben nur lebendige Relevanz, wenn sie im HIER stattfinden. Vergangenheit und Zukunft sind demzufolge virtuelle oder tote Bereiche, die wie Archive einzig dazu dienen, Inhalte in die Gegenwart, ins Jetzt und ins Hier, ins Leben zu ziehen. Dafür allerdings sind sie durchaus geeignet, vergleichbar den Daten auf der Festplatte eines Computers. Das Leben findet statt auf dem Bildschirm des Monitors. Aber wir können alles, was auf der Festplatte gespeichert ist, ins Leben holen, mit den uns zugänglichen Programmen bearbeiten im Hier und Jetzt des leuchtenden Bildschirms. Durch diesen Vorgang werden Vergangenheit und Zukunft aber lebendig. Es ist ein ganz anderer Zugang als das angstvolle Extrapolieren toter Daten aus der Vergangenheit in die toten Szenarien der Zukunft. Es ist so etwas wie das Austricksen der starren Zeitachsen-Quantität durch die Zeitraum-Qualität. Es ist der Unterschied zwischen Erinnern und (nochmals) Erleben. Das, was in einer guten Rückführung passiert, wobei mir schon der Begriff Rückführung nicht ganz gefällt. Es ist vielmehr ein 'Ins-Jetzt-Holen', ein Verschieben des Jetzt-Punktes aus der aktuellen Chronologie in eine andere. Der Jetzt-Reisende erlebt andere Inkarnationen, er erinnert sich nicht an sie. Er spürt Schmerzen, spricht andere Sprachen, riecht und schmeckt das JETZT, in dem er sich jeweils gerade befindet. Wie ist das möglich? - Meines Erachtens deshalb, weil die Zeitachse nur ein Modell ist, ein Hilfsmittel wie das kausale Denken der linken Hirnhemisphäre. Beides für gewisse Zwecke durchaus brauchbare Modelle, aber eben nicht immer und ausschliesslich. Und wenn wir die Einseitigkeit der beiden Modelle ausbalancieren wollen, müssen wir die gegenpolaren Modelle dazunehmen, also die ganzheitlich-komplex wahrnehmende, in Analogien und dialogen Bezügen arbeitende Inutition der rechten Hirnhemisphäre und die Zeitqualität oder Gleichzeitigkeit als Gegensatz zum Nacheinander der Zeitquantität. All diese Ausflüge in die Vergangenheit oder in die Zukunft verlieren das Spektakulär-Geheimnisumwitterte, wenn wir uns mit der Vorstellung befreunden, dass alles gleichzeitig da und per Mausklick aus dem Archiv auf den Bildschirm zu zaubern ist.

10. Der Sprung ins Jetzt braucht Mut

Warum gelingt es uns denn so selten, uns auf das Jetzt einzulassen? Wieso lassen wir uns so schnell immer wieder von den beiden toten Bereichen Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart vermiesen, anstatt dass wir sie benutzen, um unsere Gegenwart noch farbiger, noch intensiver zu erleben? - Ich meine, weil das Sich-Einlassen auf die Gegenwart unheimlich Mut braucht. In diesen Jetzt-Momenten, zum Beispiel in Phasen des Verliebtseins spüren wir nämlich auch unsere Ego-Grenzen nicht mehr so klar. Wir fühlen uns mit allem verbunden, ohne Grenzen - eben: grenzenlos verliebt! So schön sich das anfühlt, so sehr verunsichert es uns auch. Unser Ego-Bewusstsein, das uns sonst so klar sagt, wer wir sind, wie wir heissen, wo wir wohnen, was wir für einen Beruf haben, was wir anstreben und was wir verabscheuen - dieser verlässliche, aber auch einengende Daten-Ausspucker lässt uns in solchen Momenten im Stich, und das löst nicht nur Glück, sondern auch Angst aus.


11. Der Sieg des Egos

Der Verliebtheitszustand oder andere Jetzt-Glückserlebnisse dauern nur solange, bis sich unmerklich von hinten wieder irgendein mieses Gefühl bemerkbar macht, meist Verlustangst, Eifersucht, Angst vor der Enttäuschung - weil: "So kann's ja nicht ewig weitergehen" - und damit haben wir selbst die Welt bereits wieder verändert, genau mit diesem Vorurteil. Sie wird nichts anderes tun, als diese Änderung mitmachen und uns genau das Befürchtete präsentieren: Die Enttäuschung und damit die Erfüllung der Befürchtung, dass es nicht endlos so weitergehe. Befürchtungen - ganz generell Ängste - sind das sicherste Mittel, um die Welt zu verändern, allerdings meist nicht in die Richtung, wie wir es wünschen. Aber es funktioniert fabelhaft, indem immer genau das eintritt, wovor wir uns fürchten. So gut sich die Angst also eignet für die Einsicht, dass wir unsere Aussenwelt wirklich selber basteln, so schlecht klappt es mir der Umsetzung in die andere Richtung: Ängste loslassen und damit das Eintreten des Befürchteten unnötig machen. Warum? - Die Antwort ist dieselbe wie beim Sprung ins Jetzt: Weil Ängste-Loslassen Mut braucht, genau die Eigenschaft, die der Ängstliche nicht hat. Und Mut ist ganz eng mit Liebe verkoppelt: Liebe erfordert Mut, und gibt wieder Mut. Mut zur Liebe und muterzeugende Liebe sind aber Gegenpole zur Angst. Damit sind wir in einem kleinen Teufeslkreis gefangen: Solange wir Angst haben, haben wir weder Mut noch Liebe, und genau diese beiden bräuchten wir, um aus der Angst herauszukommen. Aber wenn es stimmt, dass alles, was wir im Aussen vorfinden, nur projizierte Innenanteile sind, dann hat auch der Ängstlichste irgendwo Mut und Liebe in sich. Er lebt sie nur noch nicht, erkennt aber in seinem Aussen Mutige und Liebesfähige. Nun kann es ihn doch ermutigen und liebesfähgier machen, wenn wir ihm sagen, dass er das alles in sich hat, dass er nur die entsprechenden festgezurrten Deckel von den Kesseln heben muss. Denn wir können nichts wahrnehmen, wofür wir nicht Resonanz in uns haben, wir müssen auf Empfang sein, Antennen haben für Mut und Liebe, wollen wir sie wahrnehmen. Nun spielt uns aber unsere Wertung wieder einmal einen Streich. Mancher Ängstliche hält die Mutigen und die nicht berechnend Liebenden für unvernünftig, tollkühn, dumm. Umgekehrt hält mancher Mutige den Ängstlichen für eng, feige, kleinkariert. Erst wenn es gelingt, die beiden Gegensätze zu versöhnen, sie auf die erlöste Qualität zu bringen, wo sie keine Gegensätze mehr sind und auch nicht mehr bewertet werden müssen, ist das Thema integriert und aus der Problemhaftigkeit befreit.


12. Verliebtheits-Zustände erweitern

Stellen Sie sich vor, Sie könnten dieses 'Seid-umschlungen-Millionen'-Gefühl nicht nur beim Anhören von Beethovens Neunter oder in frischer Verliebtheit haben, sondern auch ohne Fokussierung auf ein bestimmtes Wesen oder Ding oder Ziel, ohne einen ganz bestimmten Anreiz von aussen. Verliebtheit ohne Begehren, ohne Haben-Wollen, ohne Begierde nach einem Objekt, ohne dieses sirup-artige Kleben an einer ganz bestimmten Manifestation, die auch ein spirituelles Ziel sein kann. Begierde nach Erleuchtung bleibt Begierde und unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von jeder aneren Begierde. Aus dieser Sicht können Sie viel pseudo-spirituelles Gelabber als Eso-Kitsch entlarven, aber auch das gierig-frömmlerische Getue nach sofortiger Vereinigung mit 'Jesulein-Süss', wie wir es in vielen mittelalterlichen Texten und auch heute noch in sich speziell fromm und gottesnah wähnenden Kreisen finden, ist und bleibt Gier , einfach weltabgewandte. Achten Sie etwas weniger auf die Objekte der Begierde, und etwas mehr auf das Vorhandensein und das Mass des Begierdegefühls. - Begierden, Wünsche, Hoffnungen sind zusammen mit den rückwärtsgewandten Erinnerungen, aus denen sich all diese Zukunftsprojektionen nähren, die Elemente, die uns auf der Zeitachse festhalten

13. Daniel-Düsentrieb-Helferlein

Wenn ich Ihnen hier den Ausstieg aus der Weltverbesserungsfalle und die Perpetuierung von Verliebtheits-Zuständen schmackhaft mache, so will ich Ihnen doch die Katze nicht im Sack verkaufen: Die Katze heisst Objekt-Fokussierung, oder etwas deftiger: Begehrlichkeit, Gier, Wünsche. Und die Grube, in der wir alle stecken, seit wir in die Weltverbesserungsfalle gestürzt sind, ist tief, die Wände steil, aalglatt und ohne Griffe. So ganz ohne Daniel-Düsentrieb-Helferlein geht's in der Regel nicht. Also seien Sie lieb zu sich selbst. Verlangen Sie nicht zuviel auf's Mal, die ultimative Heldentat, die Solo-Direttissima über die Nordwand. Nehmen Sie Hilfe in Anspruch, sie ist ja in beliebiger Menge vorhanden: Sie brauchen sie nur 'herunterzuladen', zu sich herunter einzuladen! - Zugegeben auf die Gefahr hin, dass Sie dann an den Helfern auch wieder kurz kleben bleiben und die Welt, kaum sind Sie aus der Falle, gleich wieder insofern verbessern wollen, als Sie zwingend, unbedingt und sofort Ihren Rett-Engel heiraten oder sonstwie dingfest machen möchten. Dies ist so dumm - und so verständlich! - wie wenn wir den uns rettenden Chirurgen, die Schmerztabletten liefernde Nachtschwester, den vermögensvermehrenden Anlageberater (das soll's geben), den mitfühlenden Bestattungs-Seelsorger aus lauter Dankbarkeit heiraten wollen. Ich jedenfalls war genau so dumm und haderte vorübergehend mit dem Schicksal, als sich mein Engel - natürlich war es eine SIE bei mir, leider, leider nebst allen Engelsqualitäten sogar noch eine bildschöne, herzensgute, lebenskluge…ich erspare Ihnen die tausend weiteren Adjektive - nicht von mir lebenslänglich anbinden lassen wollte, sondern flugs nach der 'Rettung' wieder entflog. Heute verstehe ich das; sie hat nämlich unterzwischen bereits ein paar weitere entpannt, die sich verfahren oder im Unterholz verfangen hatten. Sie betreibt sozusagen einen Seelenpannendienst und kann doch nicht alle reparierten Seelen-Mobile bei sich unterstellen. Doch seither habe ich mehr Verständnis für alle die, die mit oder ohne Goethe seuzen; 'O Augenblick, verweile doch, du bist so schön'. - Aber ich habe unterdessen erlebt, dass immer noch schönere Augenblicke nachkommen oder genauer: dass immer der JETZT-Augenblick der schönste ist. - Jetzt kommt der also auch noch mit der trendigen Lehre vom JETZT? - Aber natürlich! Nur sage ich nicht: 'JETZT oder nie', sondern: 'Probieren Sie's aus, wann und wo immer Sie wollen. Seien Sie lieb zu sich und machen Sie es sich jetzt vorderhand leicht mit dem Jetzt. Wir kommen in den Übungen zu dieser Route darauf zurück.


14. Der hilfreiche Trick mit dem Einverstandensein

Falls Sie Route 5 gelesen haben, kennen Sie den Taschenspielertrick bereits. Was auch immer Sie vorhaben - jetzt wollen wir gerade den Fokus von der direkten Weltverbesserung auf die Veränderung von uns selbst lenken - es hilft ungemein, wenn Sie als Grundhaltung mit sich und der Welt einverstanden sind, so wie sich beides gerade präsentiert. Das heisst ja nicht: Hände in den Schoss, zufrieden-dümmliches Lächeln aufsetzen und ab sofort nichts mehr tun. Tun Sie nur was, für den Sprung ins reine Sein ist es höchstwahrscheinlich noch ein bisschen zu früh. Aber es heisst, einen ersten Schritt weg von Begierden und Wünschen zu machen. Wünsche können sich laut, gierig, rücksichtslos äussern und der Wünschende kann getrieben, unfrei sein in seinem gierigen Streben . Wenn wir immer wieder die Haltung des Einverstandenseins mit uns und der Welt verinnerlichen, werden unsere Wünsche und Hoffnungen etwas leiser. Wir verfolgen sie achtsamer, bis wir dereinst ganz frei werden von ihnen. Es hilft uns auch, achtsam mit uns selbst umzugehen, uns nicht zu verurteilen, wenn wir noch gierige Wünsche und Getriebensein in uns vorfinden. Auch mit dem aktuellen Entwicklungsstand können wir einverstanden sein und ihn als Motor für die Weiterentwicklung benützen. Es ist völlig in Ordnung, dass Säuglinge gewickelt, eingewickelt werden - genau so in Ordnung ist es, wenn wir uns als Erwachsene langsam auswickeln, entwickeln, von den nassen Windeln wieder befreien.


Übungen zur Weltverbesserungsfalle:

1. Grenzen existieren nur dort, wo wir sie ziehen

2. Unabhängigwerden von äusseren Glücks-Auslösern

3. Unabhängigwerden von äusseren Unglücks-Auslösern