Die Sehnsucht nach Objektivität


Nicht nur Philosophen, auch Juristen, Sprachwissenschafter und Politiker streiten gerne über Objektivität. Ich halte das für ein gutes Zeichen. Eher ungemütlich wird es dort, wo gar nicht mehr darum gerungen wird, weil man meint, man wisse, was Objektivität sei, ja, man habe sie gepachtet, weil das eigene Modell, die eigene Methode ja sowas von aufgeklärt rational, von soviel empirischen Untersuchungen, Experimenten, Statistiken - FAKTEN halt - gestützt sei, dass da doch kein Zweifel mehr bestehe. - Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wo kämen wir denn hin, wenn die exakten Wissenschaften - und die, die um diesen Status buhlen, wie grosse Teile der universitären Psychologie - als nicht exakt, weil nicht objektiv entlarvt würden. Auf irgendetwas muss man sich doch verlassen können! - Die Sehnsucht nach Sicherheit ist nachvollziehbar. Denn wenn im grossen Bereich des Wissens nichts sicher ist ausser dem Wissen, dass wir nichts wissen, dann braucht es schon die Konstitution eines Sokrates oder eines Nikolaus von Kues, um nicht als Angst- und Depro-Patient in den Fängen der Psychiatrie zu landen. Wenigstens das ist doch eine Sicherheit: Wie auch immer die Welt sich entwickelt, das 'Patientengut' stirbt zwar laufend weg, aber nie aus.

Doch zurück zur Sehnsucht nach Objektivität, die wir alle kennen. Die Denk-Aufgabe besteht darin, sich zuerst einmal klar zu werden, was für uns, für Sie, die Begriffe 'Objekt', 'objektiv', 'Objektivität' überhaupt bedeuten. Dann möchte ich Sie mit auf eine Gedankenreise nehmen und Ihnen näher bringen, was Objektivität in einem Welterklärungsmodell bedeutet, das auf folgendem Axiom - also der modellbegründenden, nicht deduzierbaren, mithin nicht logisch 'bewiesenen' Grundannahme - ruht:

Axiom: Die Aufspaltung der All-Einheit in die Vielheit lässt die sinnvolle Fiktion abgetrennter Entitäten, Subjekte entstehen, die für die Erkenntnis des Rests der Vielheit, der Objekte, die Hilfskonstruktionen Zeit, Raum und Polarität braucht. Damit entsteht Subjektivität und Relativität, da alle Entitäten in Relation zu den Objekten stehen und diesen von ihrem subjektiven Standpunkt aus nur relativ und relational erkennen. Ziele dieses Erkenntnisprozesses sind das Durchschauen der Fiktion des Abgetrenntseins, das Hinauswachsen über die Abhängigkeit von der wertenden Subjektivität und damit von Ego, Zeit und Raum, das Überwinden der Polarität und das Zurückfinden in die All-Einheit.

Falls Sie finden, das klinge reichlich unverständlich: Denk-Aufgaben sollen ja auch eine Herausforderung sein, oder nicht? Es wird auch gleich klarer, wenn wir zusammen das Subjekt-Objekt-Puzzle spielen.


Objekt, objektiv, Objektivität?

Laut Wörterbuch (Wahrig. Deutsches Wörterbuch. München 2002) ist

ein Objekt: Das 'Entgegengeworfene', der Gegenstand, mit dem etwas geschieht oder geschehen soll; das dem Bewusstsein Gegenüberstehende; der dem Denkvorgang gegenüberstehende Denk- , Bewusstseinsinhalt.
Hier wird ein passives Element eingeführt, das ich bereits in Zweifel ziehe. Wenn wir die Dynamik, die Bewegung, das Lebendige in Objekten, Dingen nicht erkennen, folgt nicht zwingend, dass nichts von dem in den Dingen sei.

Unter objektiv heisst es: gegenständig, tatsächlich, sachlich, vorurteilsfrei, unparteiisch, allgemein gültig

Und Objektivität wäre die objektive Beschaffenheit, Betrachtungsweise, Allgemeingültigkeit, Sachlichkeit, Vorurteilslosigkeit

Das sind meines Erachtens Beschreibungen einer subjektiven Wahrnehmung bzw. eines Wunsches, eines Zieles.

Per Erkenntnis zur Objektivität?
Die - fiktionale, 'geträumte' - Aufspaltung der Einheit in Vielheit erzeugt die Illusion von unzähligen Entitäten mit einem eigenen Bewusstseinsausschnitt, die sich alle zuerst einmal als abgetrennt von den andern wahrnehmen. Die Einteilung in Subjekte und Objekte ist aber eine relative. Die wahrnehmende bzw. reflektierende Entität bezeichnet immer sich selbst als Subjekt, alles Wahrgenommene bzw. Reflektierte als Objekte. Somit ist jede Entität in einer einzigen Hinsicht Subjekt, in unzähliger Hinsicht Objekt. Diese Relativität des Objekt-Begriffs haftet nun auch allen Ableitungen an, also 'objektiv', 'Objektivität', 'Objektivismus' und zeigt die Schwierigkeiten dieses Bemühens. Jede Entität kann ihre Erkenntnis zwar erweitern, indem sie die Erkenntnisse anderer Entitäten beizieht, ja ihnen gleiche Gültigkeit zubilligt wie der eigenen. Aber bereits der Selektionsvorgang und die Interpretation der Erkenntnis anderer ist nicht vorurteilsfrei, da die Entität nur zwei Möglichkeiten hat, vorurteilsfrei zu werden: zu sterben oder in einem Zustand höchster Präsenz ganzheitlich wahrzunehmen. In beiden Fällen wird die Entität vorübergehend frei vom Urteilen. (Ich unterscheide hier Vorurteil und Urteil nicht, da die Bezeichnungen immer dann wechseln, wenn ein Urteil von einer Entität in seiner Relativität und Vorläufigkeit erkannt wird. So gesehen sind alle Urteile immer auch Vorurteile, da - wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt - immer eine Zeit und eine Entität kommt, die ein für ewig und absolut gehaltenes Urteil falsifiziert und damit zum Vorurteil macht.) Analyse, Bewertung und Urteil sind aber zwingende Bestandteile rationaler Erkenntnis. Also ist die einzige heute wissenschaftlich anerkannte Erkenntnismethode bereits ausgeschaltet.

Es kommt aber noch schlimmer. Sowohl im Tod wie im Zustand höchster Gegenwärtigkeit treten weitere für die Erkenntnis zentrale Elemente in den Hintergrund oder werden sogar ganz aufgehoben: das Ego, die Zeit und der Raum. Die Art der im Tod oder in Momenten höchster Präsenz erlangten Erkenntnis ist also eine komplexe, ganzheitliche, d.h. von Ego, Raum und Zeit unabhängige. Die Frage ist, ob wir diese Art der - wie oben gezeigt - auch von rationaler Reflektion freie Art der Wahrnehmung überhaupt noch unter den Erkenntnis-Begriff subsumieren können. Da sie in jeder Hinsicht gegenpolar ist zur analytischen, also auf der Differenzierung der Welt in einzelne Objekte und auf deren Beurteilung und Bewertung beruhenden Erkenntnis, können wir sie als zusammenfügende (synthetische), die Ununterschiedenheit, Einheitlichkeit, Verbundenheit aller Entitäten fokussierende, Reflektion, Beurteilung und Bewertung überwindende Erkenntnis bezeichnen. In letzter Konsequenz erreicht diese Art der Erkenntnis das Ziel, das ursprünglich für die 'objektive Erkenntnis' formuliert wurde: sie ist frei von Subjektivität, da Subjektivität Ego, Zeit, Raum und Wertung voraussetzt. Die postulierte 'ganzheitliche Erkenntnis' ist damit aber leider auch frei von Erkenntnis, da Erkennen immer ein erkennendes Subjekt voraussetzt. Dieser Paradoxie lässt sich ein Sinn abtrotzen, wenn wir sehen, dass Erkenntnis kein Selbstzweck ist, sondern ein Hilfsmittel. Sie dient dazu, sich selbst letztlich überflüssig zu machen, über sich hinauszuwachsen. Sie ist ein Werkzeug für den Weg, das am Ziel nicht mehr gebraucht wird.

Das witzige Resultat dieser Überlegungen ist also, dass wir auf dem Weg von der völlig im Ich gefangenen subjektiven Schau zum Ziel der völlig von der Subjektivität befreiten vorurteilsfreien Schau alle Vorzeichen umdrehen müssen. Oder - mit einem andern Bild - wir müssen konsequent in die eine Richtung gehen, um dann umzudrehen und ebenso konsequent, aber auf einer höheren Ebene, Richtung Ausgangspunkt zurückzukehren. Zuerst gilt es nämlich die rationale Erkenntnis solange und so differenziert zu betreiben, bis alles Analysierbare analysiert, alle Unterschiede festgestellt, alle Widersprüche in voller Schärfe freigelegt sind. Dann sind wir aber nicht etwa am Ziel grösstmöglicher 'Objektivität' im Sinne der 'Freiheit von Subjektivität' angelangt, sondern erst auf halbem Weg. Die völlig zerlegte 'Ganzheit' läuft nicht, funktioniert nicht. Wir erkennen im besten Fall die Funktion jedes einzelnen Elements, erkennen, dass kein einziges überzählig, unnötig ist, keines bekämpft, zerstört, weggeschmissen werden muss, jedem eine gleiche Gültigkeit zukommt.

Das Puzzle-Spiel
Erst jetzt können wir uns ans Zusammensetzen machen, erkennen dabei im glücklichen Fall, wie die Gegensätze, die scheinbaren Widersprüche zusammenpassen, zueinander gehören, sich gegenseitig ergänzen, ausbalancieren, brauchen, erst zusammengefügt etwas Ganzes, Sinnvolles, Funktionales ergeben. Je mehr Puzzle-Teile wir zusammenfügen, desto unwichtiger, bedeutungsloser werden die auf der ersten Weghälfte so wichtigen Konturen der Puzzle-Stücke. Je besser es uns gelingt, die Spalten zwischen den Einzelteilen, die Spaltung zwischen den Entitäten, zuzukitten, desto klarer ergeben sich die Teile des Bildes, bis ganz am Schluss das Gesamtbild erkennbar wird: Alles ist eins, ein einziges Bild. Wer das Gesamtbild geschaut hat, kriegt ein ambivalentes Verhältnis zu den einzelnen Puzzle-Teilen. Sie sind als Einzelteile bedeutungslos, ihre Formen, Konturen, ihre Bemalung haben etwas Willkürliches, ja oft Skurriles. Aber als Elemente des Gesamtbildes sind sie unverzichtbar, von grösster Bedeutung. Fehlt ein Einziges, ist das Gesamtbild unvollständig, keine Ganzheit mehr.

Wer dies erkannt hat, kriegt Lust, andere auf ihre so eminent wichtige Rolle im Gesamtbild aufmerksam zu machen - und bleibt vielleicht stecken in überblickbaren Puzzles wie Familien, Sippen, Vereinen, Völkern, Nationen, Rassen, Geschlechtern. Das kann ein erster Schritt sein, erste Erlebnisse von Verbundenheit, Zusammengehörigkeit vermitteln. Aber solange es ein Aussen gibt, ein 'Ausserhalb-der-Gemeinschaft', ist auch das Erlebnis des Abgetrenntseins, der Ablehnung oder des Abgelehntwerdens, der Bewertung und Selektion nicht zu vermeiden. Und solange es Machtverhältnisse gibt innerhalb einer Gemeinschaft gibt es auch Machtmissbrauch. Das bedeutet auch kulturlose Konflikte, Krieg, Zerstörung. Objektivität wird nicht erreicht, bestenfalls eine auf die jeweilige Gemeinschaft erweiterte Subjektivität.

Wer das Gesamtbild erahnt, kriegt vielleicht auch Lust, sich und den andern Subjekten den Spiegel vorzuhalten, die Komik freizulegen, die in der Aufplusterung der einzelnen Puzzleteilchen liegt, aber auch in der Umarmung von Wegweisern, seien es nun Führer, Gurus, Idole, Ideale, Weltanschauungen, Religionen.

Kein Weg ist a priori ein falscher Weg. Auch Umwege können uns wunderschöne Aussichten bescheren. Wichtig scheint mir, das Ziel zu kennen und nicht zu früh zu glauben, man sei dort angelangt. Wenn wir Objektivität anstreben, müssen wir die völlige Freiheit von Subjektivität anstreben. Und die ist erreicht, wenn wir die Subjekt-Objekt-Spaltung als Fiktion, als Illusion durchschaut haben. Diese 'geträumte' Welt der Vielheit, in der wir uns immer wieder neu als ein in Zeit und Raum aufgespanntes, wild wertendes Ego vorfinden. Wir nähern uns der Objektivität, wenn es uns gelingt, wenigstens ab und zu in den Beobachtermodus zu wechseln, unser Treiben auf dem grossen Robinson-Spielplatz aus liebevoll-schmunzelnder Distanz anzuschauen; wenn wir plötzlich erfassen, dass der Vorgang des Puzzle-Zusammensetzens zwar ein spannendes und erkenntnisreiches Spiel ist, aber letztlich doch nur ein Spiel. Und dass das Gesamtbild auf dem Deckel der Schachtel immer schon vorhanden war. Wir haben in der Aufregung über all die herauspurzelnden Puzzle-Teile den Deckel umgedreht, beiseite gelegt und gar nicht weiter beachtet. Wir hätten das Bild auch nicht verstanden, nicht deuten können. Erst jetzt, nach all dem mühseligen, aber auch abenteuerlichen Suchen, Finden, Drehen, Probieren, Verwerfen, Weitersuchen; erst jetzt, wo wir begriffen haben, dass die asymmetrisch geformten Teile beidseits - aber verschieden! - bemalt sind und wir sie immer wieder drehen und wenden, die Kehrseite beachten mussten, erst jetzt können wir uns so richtig freuen über das Gesamtbild, löst es wirkliche Begeisterung aus. Begeisterung über die Wirklichkeit. Denn dass das Gesamtbild die Wirklichkeit ist - und die Teile nur so etwas wie halbbatzige 'Modellwirklichkeit', das erleben wir jetzt unmittelbar. Wir hätten es nicht geglaubt, nicht erlebt, wenn wir nur das Bild auf dem Deckel betrachtet hätten. Wir mussten den langen Erkenntnisweg gehen. Er hat sich gelohnt. - Aber, und das ist das grosse ABER: Jetzt, wo wir aufgegangen sind im Gesamtbild, wo wir frei von Subjektivität und damit bei der angestrebten, lang ersehnten Objektivität angelangt sind - jetzt brauchen wir sie gar nicht mehr, erkennen sie auch nicht mehr. Jedenfalls benötigen wir sie nicht mehr so, wie wir sie ursprünglich benutzen wollten: um Recht zu haben, uns gegen Andersdenkende zu rechtfertigen, durchzusetzen, um mehr Gewicht auf dem grossen Markt der Meinungen zu haben. All das macht ja jetzt gar keinen Sinn mehr. Weil auch der Meinungsmarkt, ja die andern, die Welt - alles aufgegangen ist im Gesamtbild. Die Motivation unseres Strebens nach Objektivität hat sich - wie so vieles andere auch auf dem langen Weg - als Täuschung erwiesen. - Aber sie war Antrieb und Motor, uns überhaupt in Bewegung zu setzen, den Weg in Angriff zu nehmen. Und damit hat es sich eben doch gelohnt. Vielleicht wäre es mit weniger Blut, Schweiss und Tränen gegangen, hätten wir von Anfang an die Täuschung durchschaut. - Aber was soll's. Wer fragt auf dem Gipfel noch nach allen Strapazen?