Lust auf Intimität

Der Inhalt im Überblick:
Lust ist mehr als Trieb. Bewusst Sein und bewusst Tun. Der programmierte Herzinfarkt. Sein braucht weder Zeit noch Raum, erst Tun erfordert dies. Zugang zur Intimität über das Im-JETZT-Sein, statt über Lustobjekte. Intimität = Angstfreiheit. Kurvenmanipulationen. Radio Piz-Schlechtes-Gewissen. Innenreize statt Aussenreize. Spirituelle Intimität mit allem, was ist.


'Am Anfang war die Lust' - so könnte die Bibel doch auch beginnen. Wäre einleuchtender als '…das Wort' oder die Variante von Faust: '…die Tat'. 'Aller Anfang war Lust?' - Da hätte vielleicht sogar der freudlose Freud ein einziges Mal genickt bei einem Vorschlag von mir. Nur war er im Unterschied zu mir 'aufgeklärt' - war also stolz darüber (und entsprechend unglücklich), die Re-Ligio, die Rückbindung zu einer metaphysischen Seinsqualität abgestreift zu haben. Und Lust war bei ihm nur Trieb, nur 'Frosch im Frühling' - etwas bescheiden halt. Ich meine viel mehr: Lust als ganzheitlicher Impuls, nicht nur auf Vermehrung des Laichs, Lust auf Fühlen, Denken, Erkennen, Lust auf innere und äussere Bewegung, Lust auf Öffnung, auf Neues, auf Visionen und ihre Umsetzung, Lust auf Kreation, auf Schöpfung. Und diese Lust unterstelle ich Gott als Anfangs-Impuls. Und wenn ich das Wort 'Gott' benütze, meine ich es immer als Metapher, als Bild für das, von dem man sich kein Bild machen kann, machen soll, weil es zwingend scheitert, weil wir mit polarem Bewusstsein und polarer Sprache auf den Bereich der Gegensätze, der Vielheit, des Unterscheidbaren beschränkt sind und das Ununterscheidbare, die Einheit, das Gegensatzlose, Allumfassende gerade nicht beschreiben können, da jedes Adjektiv, jede Eigenschaft, die wir diesem Ganzen zuschreiben, es bereits wieder zergliedert, halbiert, den nicht genannten Teil aussen vor lässt. Die Gottes-Beweise der letzten paar tausend Jahre sind Zeugnis davon: der Versuch, den guten, den allmächtigen, den gerechten Gott mit analytischer Sprache zu beschreiben, scheitert zwingend. Stellen Sie sich also bitte nichts mit Eigenschaften Behaftetes vor, wenn ich Synonyma verwende wie Gott, Einheit, Selbst. Und da wir es nicht schaffen, uns Eigenschaftsloses vorzustellen, stellen Sie sich am besten gar nichts vor (wie das östliche Religionen empfehlen), oder 'Alles'. Und wenn Sie Lust haben, sich 'Alles' vorzustellen, den Giga-Eintopf, in den Sie alles reinschmeissen, was für Sie vorstellbar ist, vergessen Sie nicht, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Wenn ich behaupte, am Anfang sei Lust gewesen, Gott habe Lust gehabt auf etwas, dann ist die Formulierung also zwingend paradox, bestenfalls halb richtig. Ein abstrakteres Bild, das dasselbe aussagt, und vielleicht die andere Hälfte mit hereinholt: Die Einheit als Einheit erkennt sich nicht. Sie IST einfach. Um sich zu erkennen, muss sie sich in Vielheit aufspalten. Wir lassen die Frage jetzt mal beiseite, warum die Einheit sich überhaupt erkennen will und die ganze Mühsal der Subjekt-Objekt-Spaltung auf sich nimmt, nur um Erkenntnis zu gewinnen und am Schluss wieder Einheit zu sein. Es ist eine hoch spannende Frage, was der Sinn des universalen Erkenntnis-Spiels sein soll. Wer sich dafür interessiert, geht mit Gewinn mythischen Erzählungen zu dieser Thematik nach: Luzifer, der Lieblingsengel Gottes, dem es langweilig wurde im Paradies, Prometheus, der mit Vergnügen aus der Ordnung des Zeus'schen Kosmos ausbrach, Eva, die das Risiko der Vertreibung aus dem Paradies (der Einheit) auf sich nimmt um der 'Erkenntnis von Gut und Böse' willen, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der weggehen muss, um heimkehren zu können. Vielleicht finden Sie ein archetypisches Grundmuster, das sich auch in Ihrem Leben abzeichnet. Und dann wären wir mit der mutigen Analogie: Mikrokosmos = Makrokosmos doch schnell wieder bei Einheit-Vielheit-Einheit?

Zurück zur Lust und zum abgeänderten Bibel-Anfang: Gott hatte Lust, etwas zu erschaffen, zu schöpfen. Er war motiviert, ein Projekt in die Tat umzusetzen. Dann erst gerann diese Lust, diese Motivation, dieser innere Motor zum Wort 'Schöpfung' oder 'Welt' - und aus diesem Wort, dieser Idee entsprangen tausend andere, kleinere, überblickbarere Ideen, Begriffe mit weniger Umfang, aber mehr Inhalt wie Himmel, Erde, Land, Wasser, Licht, Tiere etc.. Und erst dann kam die Tat, die Konkretisierung, die Umsetzung dieser Inhalte in korporale Formen, in greifbare, mit den Sinnen erfassbare Dinge. - Ich will Sie nicht mit meiner Neuversion der Schöpfungsgeschichte langweilen, aber es geschah da etwas ganz Verrücktes, das wir hundertfach wieder antreffen werden. Für diese Tat brauchte Gott nämlich Zeit und Raum. Die gab es vorher nicht - aus dem schlichten Grund, weil man sie nicht braucht, wenn man einfach IST. - Zu abstrakt?

Sein und Tun

Lassen Sie uns schnell einen Sprung weg von der abgehobenen Philosophie in unseren Alltag machen: Vergegenwärtigen wir uns Momente, in denen wir mal nichts tun, sondern einfach sind, z.B. glücklich, zufrieden, geborgen, satt, anerkannt, wahrgenommen, fröhlich, LUSTig - wir kennen das doch alle, diese Augenblicke, in denen das Sein, also ein Zustand, das Tun, einen Prozess, überlagert, etwas in den Hintergrund drängt. Sind das nicht Momente, wo die Zeit stillzustehen scheint oder zumindest weniger wichtig ist?

Wenn wir solche Zustände überhaupt nicht kennen, ist unser Herzinfarkt fast programmiert. Wobei auch ein Infarkt in der 'Nichts-ist-absolut-falsch-Philosophie natürlich einen Sinn hat. Er kippt uns aus den Prozessen raus und zwingt uns in einen Zustand. Der Infarkt zwingt uns zum Sein und hindert uns am Tun - wenigstens für eine Weile. Also, falls wir ihn überleben, könnten wir uns auch bedanken bei ihm. Aber wir könnten auch versuchen, ihn zu vermeiden, indem wir uns freiwillig dem Thema stellen: Tun und Sein ins Gleichgewicht bringen, in die Balance. Ziel ist ja nicht, niemals mehr etwas tun. Wir verhungern alle auf der Stelle, wenn die ganze Menschheit ab sofort ins reine Sein versinkt und keiner mehr etwas tut. Es geht nur um den Ausgleich, die Versöhnung der Gegensätze, das ganzheitliche 'Sowohl-als-auch' anstelle des einseitigen 'Nur das'. Und - nochmals Werbeblock - das ist das Hauptziel aller in diesem Buch vorgeschlagenen Übungen: Balance herstellen. Denn, zugegeben, Übungen machen ist ja auch wieder ein Tun - aber mit der hinterhältig-liebenswürdigen Absicht, in Seinszustände zu (ver)führen.

1000 Rezepte für das gleiche Gebäck?

Wir suchen also Rezepte, die uns helfen, über ein Tun in einen Seins-Zustand zu kommen. Und zwar soll der angestrebte Zustand das Gefühl der INTIMITÄT sein. Probieren wir's: Man nehme eine Prise Lust und rühre sie unter ein Erfüllung, Befriedigung, Freude versprechendes Etwas, vielleicht ein Wesen, vielleicht ein konsumierbares Ding, das wir etwas abstrakt 'Lustobjekt' nennen wollen. Und genau im Augenblick des Aufeinandertreffens entsteht etwas Neues: INTIMITÄT! Erfüllung der Lust ist also Intimität. Diese Erfüllung ist verbunden mit dem Gefühl von Nähe, Verschmelzen. Bei Schokolade sehr konkret, bei erotischer Liebe geringfügig abstrakter, bei der ganz grossen bedingungslosen Liebe, wie wir sie vielleicht in Annäherung für unsere Kinder, für unseren Partner empfinden, braucht es dieses äussere Zusammentreffen von Lust und Lustobjekt nicht mehr zwingend, ist dieses Gefühl der Verbundenheit, das wir hier Intimität nennen, etwas ganz Tiefes, Inneres, das wir immer in uns tragen, das aber manchmal akut und ganz stark spürbar ist. Und wenn wir genau hinspüren, ist die Zeit in solchen Momenten der Intimität nicht mehr so wichtig. Sie ist wie gar nicht da, oder von ganz anderer Qualität als sonst, wenn wir mit ihr kämpfen, sei es, dass sie zu schnell, sei es, dass sie zu langsam vergeht. Auch der Ort mit all seinen Eigenschaften - vielleicht auch unangenehmen wie Lärm, Schmutz oder einfach Schäbigkeit - ist nicht mehr so wichtig wie sonst. Wenn wir die Intimität des Verliebtseins erleben, wenn wir die für uns schönste Musik hören, verliert der Ort, der Raum seine vordergründige Bedeutung, es kann überall und nirgends sein. Und - jetzt kommt das Verrückteste - unser Ich, also die Ansammlung all der Daten und Informationen über uns, die wir normalerweise aufzählen, wenn jemand fragt: 'Wer bist du?', ist irgendwie auch weniger wichtig in solchen Intimitäts-Momenten, oder zumindest - wie die Zeit - von anderer Qualität. Natürlich erleben WIR die Intimität, natürlich sind wir ganz fest dabei. Aber wir sind nicht dieselben wie sonst. Unsere Grenzen werden etwas durchlässiger oder lösen sich fast völlig auf, je nachdem wie angstfrei wir uns auf die Intimität einlassen.

Schliessen Sie kurz die Augen und lassen Sie ein paar starke Intimitäts-Erlebnisse vor ihrem inneren Auge durchgleiten. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Intimität zu erleben. Natürlich mit anderen Menschen, aber auch mit Musik, mit Natur, mit Tieren, mit Wasser, Wind, überhaupt Natur, aber auch mit Technik, im Sport - ja wir müssen uns fragen: Gibt es irgendetwas, was sich der Intimität entzieht? Es muss auch nicht immer 'Lust' im herkömmlichen Sinne sein, die sich mit dem 'Lustobjekt' verbindet - das klingt ja beides noch ziemlich stark nach Gier und Tier. Es kann einfach Zuwendung sein, Liebe, ein Sich-Öffnen ohne berechnende Absicht. Was macht's denn nun wirklich aus, dass Intimität entsteht? Welche Teile des Rezeptes können wir fast beliebig austauschen - und welche müssen zwingend dabei sein, damit das Gebäck 'Intimität' entsteht? Was ist allen Intimitäts-Erlebnissen gemeinsam, die wir schon hatten?


Einssein und Einverstandensein

Ich glaube, all diesen Moment ist gemeinsam, dass wir eine Verbindung eingehen mit jemandem oder etwas, was vorher ausserhalb von uns war. Eine meist nur kurzzeitige, vorübergehende Vereinigung mit etwas anderem, zu uns in irgendeinem Gegensatz stehenden Wesen oder Ding. Und gerade weil wir immer wieder erfahren, dass sich dieses Erlebnis der Vereinigung, des Einsseins, nicht dauerhaft halten lässt, erleben wir es so stark als beglückend, als Intimität. Es ist jedesmal erhebend, erweiternd, vergrössernd, wenn wir uns zuwenden, öffnen, etwas hereinlassen in unsere Welt, sei es auf der körperlichen, der emotionalen oder der geistigen Ebene. Wir sind für einen Augenblick einverstanden mit diesem Vorgang, weil er uns das Glück der Intimität beschert. Das allen Intimitäts-Erlebnissen gemeinsame könnte man also das Einverstandensein mit dem Einssein nennen. Und weil Zeit, Raum und Ego regelmässig in den Hintergrund treten dabei, können wir Intimitäts-Erlebnisse auch JETZT-Zustände nennen, also Zustände höchsten Gewahrseins, höchster Präsenz in der Gegenwart.

Quantensprung Richtung Freiheit

Probieren Sie's immer wieder aus, ob das für Sie Sinn macht, indem Sie Ihre stärksten Intimitäts-Momente nacherleben und herausspüren, ob Sie dieses Einverstandensein mit dem Einssein und dieses 'Im-JETZT-Sein' auch in ähnlicher Weise erlebt haben. Denn wenn das für Sie stimmt, dass das wunderschöne Gefühl von Intimität gar nicht so sehr von den 'Lustobjekten', aber auch nicht von der vorhandenen Lust abhängt, sondern primär vom Einverstandensein mit dem Einssein, von diesem JETZT-Gefühl, dann könnten wir ja all unsere riesigen Anstrengungen auf ein anderes Ziel richten. Wir müssten uns dann gar nicht mehr so sehr um die Lustobjekte kümmern, die konkreten, formalen Wesen oder Dinge, die bei uns Lust -und bei Erfüllung Intimität- auslösen, die sich so leicht unserer Verfügunsmacht entziehen und meistens unerwünschte Nebenwirkungen haben wie Kilos (Schokolade) oder Besitzansprüche (Traummann). Wir könnten uns ganz auf das JETZT-Gefühl konzentrieren, auf diese beschriebenen Momente reinen SEINS, die wir alle schon erlebten? BewusstSEIN pur?

Könnte es denn sein, dass diese SEINS-Momente darum so schön, so lustvoll, so intim sind, weil sie nicht so sehr an Zeit und Raum gebunden sind wie unser sonstiges Tun? Würde dies das abstrakte Gefasel vom HIER UND JETZT endlich mit lustvoll erlebbarem Inhalt füllen? Wenn das SEIN in der erfüllten intimen Lust oder lustvollen Intimität das vielbeschworene JETZ ist, dann sind wir doch sofort zu haben dafür?

Der grosse, unschätzbare Vorteil des JETZT-Gefühls als Ansatzpunkt unserer Bemühungen ist der folgende: Wir brauchen nichts und niemanden dazu! Und das darf man doch schon als grossen Sprung - oder eben als Quantensprung - Richtung Freiheit bezeichnen.

Wir brauchen für die Intimität - wie oben angedeutet - nicht einmal uns, das eigene Ich! Zumindest nicht das, was wir normalerweise als 'Ich' bezeichnen, nämlich eine Person mit einem bestimmten Namen, Geschlecht, Alter, Beruf, Wohnort, sozialem Umfeld, bestimmten Eigenschaften, Vorlieben, Abneigungen etc. All das sind Daten, die für eine Anmeldung beim Partnervermittlungs-Service wichtig sein mögen - aber nicht für das JETZT-Gefühl. Ich sage nicht, Sie müssten jetzt gleich Alzheimer kriegen, damit Sie alle Daten über sich vergessen, aber wenn es Ihnen gelingt, dieses Festklammern am 'Wer-bin-ich-was-mach-ich' ab und zu etwas zu lockern, dann gelingt dieser Sprung ins JETZT viel leichter. Sie müssen ja nicht ständig in diesem Gefühl sein. Wie gesagt, TUN Sie nur ab und zu etwas. Aber einen neuen Zugang dazu haben, den uns keiner verwehren kann und für den wir weder etwas kaufen noch umwerben müssen, das ist doch Klasse.

Achtung, das heisst nicht, dass ich Ihnen ab sofort Ihre gewohnten und geliebten Lustobjekte missgönnte oder gar vermiesen möchte. Es geht um 'Sowohl-als-auch'. Wenn Sie Julia Roberts, Brad Pitt oder sonst so jemand sind, der alle und alles zu kriegen scheint mit lockerem Fingerschnippen, und wenn Sie dabei glücklich sind, dann geniessen Sie das bitte weiterhin. Ich wage zwar auch bei den obgenannten 'Happy few' ab und zu am Glück zu zweifeln, aber davon später. Es geht nur darum, eine Alternative zu haben, und zwar eine qualitativ hochstehende, aufwandarme und kostengünstige!


Freiheit heisst immer auch Angst-Freiheit

Wann fühlen wir uns frei? Wenn wir vor nichts und niemandem Angst haben. Wenn wir von nichts und niemandem abhängig sind. Nur - das klingt zwar tatsächlich sehr frei, aber auch ziemlich einsam. Wir kennen doch alle diese Sorte Unabhängigkeits-Freaks: nur niemandem etwas schuldig sein, niemandem Dank schulden, nichts ausborgen, sich nicht einladen lassen, weil man sonst irgendwann die Gastgeber auch wieder einladen muss etc. Solche Menschen machen ja nicht gerade den Eindruck, wie wenn sie tolle Intimitäts-Erlebnisse hätten? - Wie kommen wir aus dieser Falle? Oder, noch lieber: Wie geraten wir erst gar nicht in sie hinein?

Unser Quantensprung macht uns frei vom verzweifelten Suchen nach Lust und Lustobjekten, von der Angst, beides ständig wieder zu verlieren und gibt uns die Freiheit, immer und jederzeit überall Intimität zu erleben, indem wir mit dem, was gerade ist, einverstanden sind, einswerden. Wir müssen uns also gerade nicht wie die Unabhängigkeits-Freaks von allen potentiellen Abhängigmachern abschotten. Im Gegenteil: wir können versuchen, immer dem, was wir gerade erleben, tun bzw. sind, einverstanden zu sein und brauchen weder zu suchen noch abzuwehren.


Einverstandensein mit Ungerechtigkeit?

Zugegeben, leicht ist das nicht, wenn wir mit himmelschreiender Ungerechtigkeit, mit Gewalt, Hunger, Elend, Krankheit und Tod konfrontiert sind. Aber wir können versuchen, auch im Konfrontiertsein mit all dem, was wir auf unserer 'Schwarzen Liste' haben, irgendeinen Ansatzpunkt für das Einverstandensein zu finden. Es kann ja sein, dass wir gerade an einer solchen von uns als negativ interpretierten Manifestation in der Welt unsere Aufgabe, unsere Berufung finden. Dass wir Gerechtigkeit in unserem Inneren, in unserem nächsten Umfeld und vielleicht sogar darüber hinaus erwirken können durch unser Vorbild. Dann brauchte es doch die Ungerechtigkeit, die wir vorfanden, als Nährboden für unsere Aufgabe. Wir können also zumindest im Nachhinein, mit etwas Distanz und weiser Gelassenheit, einverstanden sein auch mit diesem Nährboden unserer Lebensaufgabe. Das führt noch nicht zu lustvoller Intimität mit der Ungerechtigkeit, aber es nimmt uns die Angst, die Verzweiflung und - wenn wir den Kampf mit der eigenen Ungerechtigkeit in unseren Herzen wirklich geführt haben und wissen, wieviel Ungerechtigkeit auch in uns steckte und immer wieder auflodert - macht es uns toleranter all denen gegenüber, die vielleicht noch weniger weit sind in diesem Prozess als wir es gerade sind. Einverstandensein mit dem, was gerade ist hier und heute in unserer eigenen Welt, ist mithin ein gewaltiger Schritt Richtung Angstfreiheit. Und je angstfreier wir sind, desto mehr Intimität ist möglich.


Intimität, Angstfreiheit und JETZT gehören zusammen

Die völlige Abwesenheit von Angst erleben wir in den skizzierten JETZT-Zuständen am intensivsten. Sobald nämlich unser Hirn-Computer läuft und seine Vergangenheitsdaten verarbeitet und als mehr oder weniger horrible Zukunfts-Szenarien ausspuckt, ist da minimal die latente Todesangst, meist aber viel mehr, die Angst, einen Unfall zu erleiden, von einer Krankheit befallen zu werden, jemanden oder etwas Wertvolles zu verlieren etc. Im JETZT, im puren zeit- und raumlosen SEIN sind diese Ängste nicht da - wenn auch meist nur kurzfristig.

Gegenprobe: Gibt es Intimität, die diese Bezeichnung verdient, wenn wir nicht angstfrei und damit auch nicht im JETZT-Gefühl sind? Wir alle erlebten schon vermeintliche, erhoffte, erwartete, zum Beispiel sexuelle Intimität, die dann keine war, weil eins der beiden aufgrund der Lust zusammengebrachten 'Etwas' - z.B. wir - nicht wirklich im JETZT landete, da irgendeine Restangst uns zurückhielt. Das muss gar keine melodramatische sein wie die Angst, der andere tue uns etwas Böses an, es kann eine ganz banale Angst sein wie die vielzitierte Sorge 'Habe ich das Bügeleisen im Nebenzimmer ausgesteckt?' Der Gedanke daran hält unseren Hirn-PC am Laufen, er extrapoliert die Daten 'Bügeleisen möglicherweise noch eingesteckt, möglicherweise flach aufs Brett gelegt' in die allernächste Zukunft, spuckt Szenarien aus wie 'Brandausbruch im Nebenraum, vor lauter 'Intimität' merken wir es nicht, Rauchvergiftung, beide tot' und empfiehlt verständlicherweise 'Geh ins Nebenzimmer! Prüf die Situation!' oder 'Behalte wenigstens die Kontrolle, damit du sofort reagieren kannst', was wir dann vielleicht tun - und die erhoffte Intimität bleibt Traum. Wir bleiben in der Zeit stecken mit unserem Bewusstsein ('gleich bricht der Brand aus') und im Raum (im Nebenzimmer), gelangen deshalb nicht ins JETZT, und damit ist auch keine Intimität möglich. Lassen Sie - am besten mit einem Schmunzeln - eigene Erlebnisse verpatzter Intimität Revue passieren.

Kurven-Manipulationen

Solange wir noch nicht mit allem und jedem permanent einverstanden sind - vor allem nicht mit allem und jedem, was wir selbst so denken, fühlen und tun den lieben langen Tag - solange also die angestrebte Intimität, das Lustgefühl des 'Im-Jetzt-Seins' noch kein Dauerzustand ist, müssen wir uns fragen, wie wir die gewünschten Zustände von Lust, Intimität, Jetzt verstärken könnten. Der normale Ablauf ist doch - wie eigentlich bei allem in der Welt - kurvig. Da baut sich Lust auf, die Kurve steigt an, sie erreicht den Zenith, wird befriedigt, erfüllt, die Kurve flacht ab, es folgt das Gefühl der Sattheit, eine gewisse Müdigkeit, zumindes dreht der Motor mit weniger Umdrehungen, die Kurve fällt und kommt wieder auf den unteren Wendepunkt, wo sich neue Lust aufbaut. Wenn die lustauslösenden Faktoren nicht nur immer zur Stelle und verfügbar sind, sondern auch ihre Funktion erfüllen und die Sättigung, Befriedigung vermitteln, ist alles in Ordnung. - Wobei, ehrlich gesagt, sogar dann der abwärts verlaufende Kurventeil, diese Saturiertheit nach der Befriedigung, diese Lustlosigkeit oft zu lange dauert, wir zu lange weilen müssen in diesem Zustand und uns langweilen. Spüren Sie eine Sekunde in diesen Zusammenhang zwischen Langeweile und ruhig friedlicher, befriedigter, zufriedener Sattheit - und dann trauen Sie sich, den fürchterlichen Schluss daraus zu ziehen: Frieden ist langweilig. - Das darf nicht sein, schnell verdrängen! Dann überspringen Sie halt die nächsten Zeilen. Aber für die, die hart im Nehmen sind, stelle ich noch ein paar ätzende Fragen, die zugegeben etwas suggestiv formuliert sind:
- Kann man ernsthaft ein Krieger für den Frieden, ein Friedenskämpfer, ein Friedensaktivist sein? Mit den Mitteln des Krieges für den Frieden kämpfen? Den Frieden hinKRIEGen?
- Liegt in der Langeweile, der Lustlosigkeit und Einseitigkeit des Friedens vielleicht der Grund für all die Konfliktgier, die Action-Geilheit, die sich in echten und virtuellen Konflikten, im Sport, in Wirtschaft und Politik, in Kriegsspielen, Filmen, Büchern niederschlägt - am stärksten natürlich in den Ländern, die keine institutionalisierte und gelebte Konfliktkultur kennen?
- Gilt die Regel wohl ausnahmslos, dass wir auf dieser Welt keinen Pol, so schön er uns auch scheint, ohne seinen Gegenpol kriegen können - auch Frieden nicht?
- Wäre das Bemühen um einen ausbalancierten Umgang mit Konflikt, um Konfliktkultur vielleicht eine mögliche Alternative zur Verketzerung des Krieges und zum Kampf für einen Frieden, der sowieso nie allen genehm und wenn, dann langweilig ist?

Zurück zur Sinuskurve Lust-Sättigung mit der wenig geliebten Abwärtsbewegung nach dem Höhepunkt:
Wir haben auf den ersten Blick zwei Möglichkeiten, diesen Vorgang zu beeinflussen. Wir können versuchen, die Amplitude oder die Frequenz zu ändern. Verflachen wir die Amplitude, wird der ganze Verlauf flacher, wir erleben einen weniger steilen Abstieg, also weniger Lustlosigkeit, dafür auch weniger Lust im Aufstieg und - vor allem - ein weniger 'hohes' Gipfelerlebnis.

Wir können deshalb auch das Gegenteil machen und die Amplitude zu vergrössern versuchen, z.B. mit Extremsportarten, Abenteuerferien, wilden Sexspielen, Alkohol, Drogen, Arbeitssucht - irgend etwas, was den 'ultimativen Kick' gibt. Aber das bezahlen wir logischerweise wieder mit intensiveren Abstiegsphasen.

Nun können wir die Frequenz erhöhen, indem wir z.B. sehr schnell, häufig hintereinander Lust- bzw. Befriedigungserlebnisse suchen und damit die Abstiege zwar nicht weniger gross, aber zeitlich kürzer gestalten. Diese Erhöhung der Frequenz oder - auf Erlebnisse übertragen - der Kadenz der Wiederholungen entwickelt aber eine gewisse Eigendynamik und findet damit auch eine Grenze, denn wenn wir ein an sich starkes Lusterlebnis in zu kurzen Intervallen wiederholen, verliert es logischerweise an Intensität, nicht nur, weil das Gipfelerlebnis weniger breit, ausgiebig ist durch die Frequenzerhöhung, sondern weil die Amplitude auch absolut zusammensackt, die Kurve verflacht.

Es ist vertrackt: Je mehr Lustbefriedigung wir erreichen, desto heikler und verwöhnter werden wir. Die Ansprüche wachsen exponentiell. Ständig müssen wir neue, verstärkte Reize setzen, um auch bei hoher Frequenz die Amplitude gross zu behalten. Wir kennen das alle vom Bereich der körperlichen Lüste, z.B. bei Essen und Trinken. Wenn wir satt sind und gerne aus purer Lust weiteressen möchten (Frequenz), braucht es schon sehr erlesene Genüsse, um unseren vollen Magen zu überlisten und noch wirklich Lust zu empfinden (Amplitude). Dasselbe bei der erotischen Liebe, wobei - Gott hat Humor - es ja witzigerweise so eingerichtet ist, dass der diesbezüglich in der Regel masslosere Mann beschränkter ist in den Möglichkeiten der Frequenzerhöhung als die Frau.

Aber auch auf der emotionalen Ebene beobachten wir dieselben Mechanismen. Wer mehrere Oscars gewinnt im selben Jahr, kann sich beim vierten gar nicht mehr gleich freuen wie beim ersten, sein Freude-Potenzial ist irgendwie erschöpft. Läge Erholungszeit (Frequenzminderung) dazwischen - ein paar Jahre Oscar-Abstinenz - wäre zumindest eine ähnlich starke Befriedigung (Amplitude) möglich. Genau so bei Emotionen wie Mitgefühl und Trauer. Wer in kürzester Abfolge mehrere wichtige Menschen aus seinem nächsten Umfeld verliert, kann nicht jedesmal das gleiche Mass von Trauergefühlen aufbringen. Es findet eine gewisse Gewöhnung, ja Immunisierung gegen starke Aussenreize statt. Und das ist das äussere Reizwort für meine nächste These:

JETZT-Gefühl setzt Innenreize statt Aussenreize

Ich will Sie nicht zur Weltflucht animieren und betreibe auch nicht nebenher ein tibetanisches Kloster, das nicht ausgelastet wäre, aber ich möchte Ihnen diese Alternative, dieses Plus an Lebens- und Lust-Qualität schmackhaft machen (Innenreiz!). Immer wenn es Ihnen gelingt, aus der Hektik des Alltags kurz auszusteigen, den Hirn-PC schnell herunterzufahren, der ja seine Sache wieder gut gemacht hat den ganzen Tag; wenn Sie es sich leisten, kurz ins JETZT zu tauchen, dann setzen Sie damit Innenreize, die Sie mit zunehmender Übung in Glückszustände führen, gegen die die üblichen Aussenreize schlicht keine Chance haben. Es sind Bewusstseins-Erlebnisse - es handelt sich um SEIN und das ist ja wie gesagt etwas Zeit- und Raumloses und damit zwingend etwas Inneres. Denn alles, was im Aussen existiert, hat ja Form, beansprucht Raum. Und alles, was im Raum existiert, hat eine zeitlich zwingend limitierte Existenz, ist also auch an die Zeitachse gebunden. Diese Verkettung von Raum und Zeit führte ja Einstein zur Postulierung des Raum-Zeit-Kontinuums. - So merkwürdig es Ihnen vielleicht noch vorkommt, aber SEIN ist immer innen, auch wenn es durch äussere Eindrücke oder eben Reize ausgelöst wurde. Das IM-JETZT-SEIN löst dann starke Reize aus, die zu Glückszuständen im Innern führen - aber das klingt jetzt schon wieder wie ein Prozess, dabei ist es gerade keiner. Es ist alles zeigleich oder eben zeitlos. Im selben Augenblick, wie es Ihnen gelingt, ins JETZT zu tauchen, erleben Sie umfassende Intimität und Glück. Aber eben nicht so etwas Klösterlich-Asketisch-Fades, sondern maximale totale Innenreize. Vielleicht hilft Ihnen die Vorstellung, dass die meisten, die solche Zustände erleben, zuerst einmal lachen müssen. Weil es so beglückend ist, aber auch weil es so unsäglich einfach ist. Weil es wie gesagt ja gar nichts braucht dazu, weder Zeit, noch Raum, weder Aussenreize, Lustobjekte - ja weil wir im Moment des 'Im-JETZT-Seins' nicht einmal die Grenzen unseres Ichs mehr spüren.

Aber die polare Sprache versagt hier grundsätzlich, weil es nicht gelingt, zeit- und raumloses Sein zu beschreiben, weil Sprache an Zeit und Raum, überhaupt an die Welt der Gegensätze gebunden ist.

Kosten-Nutzen-Analyse

Zurück zu praktischen Erwägungen: Schauen Sie's mal ganz pragmatisch von der Disponibilität, der Kosten-Nutzen-Rechnung, der Rentabilität an. Aussenreize sind nur mit beträchtlichem Aufwand an Geld, Zeit, Personal in der Weise verfügbar zu machen, dass Sie sie immer dann setzen können, wenn Sie Zeit, Raum und Lust darauf haben. Nicht so die im JETZT gesetzten Innenreize. Die sind grundsätzlich immer verfügbar, kosten kein Geld und verbrauchen definitionsgemäss nicht das geringste bisschen Zeit - sie finden ja im JETZT statt, in der Gegenwart bzw. der Zeitlosigkeit.

Wenn wir's genau nehmen, ist der einzige Aufwand, den Sie für die permanente und kostenlose Disponibilität der JETZT-Innenreize betreiben müssen, das, was Sie jetzt gerade tun: Erkennen, dass es sie gibt und wie sie funktionieren, das Ganze auf die Reihe kriegen und dann üben. Es ist so leicht oder schwer wie Singen. Der eine kann's seit frühesten Kindertagen ohne viel zu üben, der andere hat trotz intensivster Arbeit zeitlebens Mühe damit. Beides ist völlig in Ordnung. Talent haben ist toll, sich etwas ganz hart erarbeiten müssen auch.

Die Radiostation 'Piz-Schlechtes-Gewissen' im 24-Std.-Betrieb

Kennen Sie die Stimme, die sich immer wieder meldet, wenn wir irgend ein Lüstchen befriedigt haben? Sie kommt regelmässig in der Phase der absteigenden Sinuskurve. Das Gipfel-Erlebnis ist verraucht und verklungen, eine gewisse müde Saturiertheit oder gar Übersättigung macht sich Raum, und dann hört man diesen lästigen Sender, der eigentlich 24-Stunden-Betrieb hat, besonders deutlich. Früher waren es sogar äussere Stimmen, die jeweils die immer gleichen öden News verbreiteten. Vor allem in der Kindheit und Jugend waren es die Eltern, (ältere) Geschwister, Lehrer, Kirchenleute, Leiter irgendwelcher Vereine oder Clubs, Vorgesetzte, Trainer - einfach all diese 'Autoritätspersonen', die uns ständig ins Leben dreinredeten. Erst mit der Zeit mutierten diese Stimmen zu diesem peinvollen Radiosender, der uns den ganzen Tag, ja sogar im Schlaf, im Traum mit seinen miesmacherischen Botschaften infiltriert. "Alles falsch, was du da machst" - "Lust ist der erste Schritt zur Hölle" - "Entweder Disziplin und Erfolg - oder hemmungslose Lust" - "Du merkst es erst, wenn's zu spät ist" - "Drum hör auf damit" - "Oder fang erst gar nicht damit an" - "Das ist nie das Glück, das du wirklich suchst" - "Das ist Instant-Glück aus dem Pappbecher".- Falls es Ihnen Spass macht, verlängern Sie die Liste mit den Programmen, die Ihr eigener Sender so drauf hat.

Zu behaupten, hinter diesem Sender stünden nur die Eltern, die lustfeindliche katholische (oder sonst eine) Kirche oder andere 'Autoritäten', hiesse allerdings, diesen Instanzen zuviel Ehre antun. Ihn mit der Stimme der Intuition, der ganzheitlichen Wahrnehmung, der ureigenen INNEREN Stimme, dem Zugang zum kollektiven Unbewussten, dem Draht zu unseren Helfern zu verwechseln, ist aber ebenso lächerlich oder tragisch wie die Verwechslung eines guten Drogen-Trips mit Erleuchtung. Nur weil das Dekor ähnlich ist, braucht's noch lange nicht dasselbe zu sein.

Aber all diese Radio-Mitarbeiter, überhaupt die Figuren unseres Welttheaters benützen unseren Sender natürlich gern, fassen ihre Medienmitteilungen lustvoll so ab, dass unsere 'Piz-Schlechtes-Gewissen-Station' sie mit Hochgenuss sendet. - Wie bitte? Lustvoll und mit Hochgenuss? Dann empfinden sowohl all diese lustfeindlichen Sprücheklopfer wie dieser biedere Moralin-Sender also LUST bei ihrem Tun? Genau das, was sie uns vermiesen wollen? Aber natürlich. Lust ist einer der stärksten Motoren, die es gibt auf Erden! Wer hienieden vorwärtskommen will, kommt nicht an der Lust vorbei. Es leuchtet ein, dass sie, wie alle Motoren, dabei Brennstoff verbraucht, der nicht in beliebiger Menge vorhanden ist - jedenfalls nicht, wenn wir die materiellen Ressourcen verwenden. Deshalb legen wir uns ja dann eines Tages hin und sterben, wenn dem Körper Lust und Kraft zum Weitermachen vergehen. Und dass der Lustmotor auch schlecht bekömmliche Abgase produziert, ist auch nicht weiter verwunderlich, denn Menschsein heisst immer auch Abfall erzeugen.

Wenn also die Lustfeinde lustvoll gegen die Lust anrennen, illustriert das den Urmechanismus, der unsere Welt zusammenhält: Die Polarität, das Spiel der Gegensätze, die letztlich immer viel näher miteinander verknüpft sind, als wir wahrhaben wollen, wenn wir gerade im einen Pol verfangen sind, den einen Pol positiv bewerten, ihn für uns haben, verwirklichen wollen und für ihn kämpfen; den andern Pol aber negativ bewerten, ablehnen, zerstören oder eliminieren wollen. Wir merken dann nicht, dass wir mit unserem Kampf genau das Gegenteil bewirken, was wir anstreben.

Sowohl die äusseren Lustfeinde wie unser innerer Anti-Lustsender, das 'schlechte Gewissen' oder wie immer wir diese Instanz nennen wollen, unterstützen, fördern unsere Lust auf Lust also, anstelle sie zu mindern - und fallen erst noch selber der verfemten Lust anheim, weil sie glauben, pharisäische Lust an der Lustunterdrückung sei bessere Lust als direkt ausgelebte.

Noch schnell eine Ehrenrettung für Eltern & Co. und den Gewissens-Sender. Die sind natürlich - wie nichts in der Welt - absolut falsch oder 'neben den Schuhen'. Die meinen es in der Regel gut und wollen uns vor Exzessen bewahren - sei es weil sie selbst Exzesse erlebten in ihrer Jugend und irgendwann an den Punkt kamen, wo ihnen dies zu blöd, zu aufwändig oder schlicht zu schädlich wurde mit der ewigen Jagd nach den Aussenreizen, sei es, weil sie zwar immer Lust auf Lust hatten, aber sie nie ausleben durften und es nun auch andern nicht gönnen. Aber sie vergessen zwei Dinge. Erstens wären sie nie an den Punkt der Neuorientierung gekommen, hätten sie die Exzesse und die Jagd nicht erlebt (hoffentlich jeder genau so lang und genau so intensiv, wie er es eben brauchte!). Und für die, die's nie ausleben durften, bleibt der Lustbereich eine gefährlich-reizvolle - weil unbekannte, unerforschte - Domäne, vor der gewarnt werden muss. Und zweitens hat die Warnung durchaus Substanz, wenn sie uns auf die Alternative hinweisen will, wie ich dies auch versuche. Nur dürfte dieser Hinweis ein bisschen lockerer daherkommen, als er das meistens tut. "He Freunde, neue extrem genussreiche Route zum ultimativen Lust-Intimität-Glückserlebnis entdeckt!"

Zurück zur Polarität: Kämpfen für das eine und damit das andere nähren. - Das ist eine lustige, aber auch etwas bittere Einsicht. Lustig, weil sie uns alle zu Don Quichottes macht, die gegen Windmühlen kämpfen; bitter, weil sie so vieles, was wir unbedingt wollen oder nicht wollen, in unerreichbare Ferne zu rücken scheint. - Aber eben nur scheint. Denn die Lösung besteht darin, die Gegensätze von dieser extremen Wertung zu befreien, sie auszusöhnen miteinander.

In unserem Fall heisst das: 'Lust ist gut - Lustlosigkeit ist gut
Da Antonyme je nach Blickwinkel anders lauten, können wir als Gegensatz zu Lust unter dem Aspekt der Zielrichtung auch Sattheit als Gegensatz nehmen - und schon fällt uns die Aussöhnung leichter: 'Lust ist gut - Sattheit ist gut.'

'Beides hat seinen Platz in meinem Leben, einmal das eine, einmal das andere. Hätte ich nur Lust, oder nur Sattheit, würde ich weder Lust noch Sattheit in ihrer unterschiedlichen Qualität wahrnehmen können und erkennen.'

Das wär' ja schon so etwas wie Gelassenheit! Wollen wir schon so entsetzlich weise und gelassen sein in jungen Jahren? Wir müssen es ja nicht übertreiben mit dem Hinnehmen. Wir sind dem Wechselspiel nicht hilflos ausgeliefert. Erstens können wir - wie oben dargelegt - fröhlich an Amplitude und Frequenz dieser Kurve herumbasteln und zweitens haben wir ja jetzt die neue Route über das JETZT-Gefühl. Wenn das so tolle Erlebnisse zeitigt, kann diese Gelassenheit nicht so langweilig sein, wie sie klingt.

Geistige Klimax

Wenn wir die einseitige Wertung wegnehmen von Lust, Sattheit, Lustlosigkeit, dann hindert uns nichts daran, Intimität mit der Lustlosigkeit zu verknüpfen, vorausgesetzt wir steigen über das JETZT-Gefühl ein.

Wenn wir ins JETZT tauchen und dies gerade in einer Phase der Sattheit, der Lustlosigkeit tun, und JETZT ja immer Intimität bedeutet, dann sind wir auch intim mit der Sattheit. Ich habe es oben schon mit der Ungerechtigkeit anzudeuten versucht: Wir können Intimität mit allem, was uns begegnet, erreichen, indem wir einverstanden sind. Mit uns und der Welt, wie auch immer sich diese beiden Protagonisten gerade präsentieren.

Wir können schlechthin alles, ALLES auch als INTIM erleben, mit ALLEM INTIMTÄT erleben, weil ja gilt: IM JETZT SEIN = INTIMITÄT. Es ist nur noch eine Frage, ob wir etwas ganz in die JETZT-Qualität, in dieses pure, bewusste, zeit- und raumlose SEIN holen können und das geht natürlich schwer mit den abgelehnten, verdrängten Menschen, Wesen, Dingen, Bereichen, den sogenannten Schatten. - Aber alles andere geht, und das ist doch schon spektakulär viel! Für den modrig-dunklen Rest haben wir ja beliebig Zeit. Dieses ganze Leben und - falls Sie nicht ein wahnsinniger Turbo sind und in dieser Runde damit fertig werden - noch einige weitere Inkarnationen.

Nochmals zusammengefasst:

Aber das ist Zukunftsmusik. Hier und Jetzt ist entscheidend: Wir brauchen nichts und niemanden, um ins JETZT, ins pure, bewusste, zeit-, raum- und egolose SEIN einzutauchen und dies ist gleichbedeutend mit angstfreier Nähe, Intimität, die letztlich mit allem Inneren, allen Inhalten möglich ist, die hinter den Formen stecken, die wir wahrnehmen können, vom Baum bis zum Menschen, vom Stein bis zum Kunstwerk, von Trauer bis Freude, von Bindung bis Freiheit - mit allem können wir die totale Nähe, die Intimität suchen und so direkt ins Glück sausen. - Wann? - JETZT natürlich!