WEIL

Ist ein deutsches Kaff bei Basel. - Jaja, auch, aber nicht nur. Durchaus reizvoll zu überlegen, wie (deutsches) Denken daherkäme, wenn WEIL nur ein Städtchen und ODER nur ein Flüsschen wäre. Angenommen, so als Zuckerguss wäre NUR nur eine Universität in Santa Cruz - wir könnten in einer recht fröhlichen Welt leben. Vielleicht etwas erkenntnisarm, aber wenn wir einmal die letzten paar tausend Jährchen menschlicher Erkenntnisgeschichte Revue passieren lassen, dann hat selbige ja nicht gerade viel zur Fröhlichkeit beigetragen. Oder doch? Jedenfalls lässt sich kaum ein WEIL-Zusammenhang konstruieren zwischen Erkenntnis und fröhlichem Leben. Und schon sind wir mitten drin in der VerWEILerei beim Thema WEIL. Wenn wir uns ernsthaft und mit etwas wissenschaftlichem Touch hineinstürzen ins Thema, muss lateinisches Vokabular her:

Es geht um die Kausalität, um die Lehre von den CAUSAE (lat. = Ursachen), von denen Aristoteles immerhin vier unterschied, die sich in zwei sich ergänzende Gegensatzpaare unterteilen lassen. Das eine Paar bilden die Causa formalis, die Ursache, die in der vorgestellten Form liegt, in der hinter der materiellen Ausgestaltung liegenden Idee, zusammen mit der Causa materialis, also der Ursache, die in der Eigenschaft der Materie, im Stofflichen liegt. Das gemeinsame Merkmal der beiden Ursache-Typen liegt in der Fokussierung auf die Innen-Aussen-Thematik. Die Zeitachse spielt hingegen hier eine untergeordnete Rolle. Das andere Paar besteht aus der Causa finalis, der Zweckursache, die vom zukünftigen Ziel, vom zu erreichenden Zweck her auf unser Denken und Handeln wirkt und der Causa efficiens, der zeitlich vor der Folge liegenden, den äusseren Anstoss für einen Prozess gebenden Wirkursache. Hier liegt die Gemeinsamkeit in der Zeit-Thematik. Die mathematische Erkenntnis, dass es keine Geraden gibt bzw. dass Gerade letztlich Ausschnitte aus Kreisbogen sind, hilft auch bei der vielleicht schwierigen Vorstellung, dass Zukünftiges auf die Gegenwart wirken kann. Auf eine intensivere Beschäftigung mit dem spannenden Thema 'Zeit' können wir uns hier aber nicht einlassen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: als kleine Provokation, die ich bei nächster Gelegenheit begründen werde: Ich behaupte fröhlich, die Zeit sei nur ein Hilfskonstrukt innerhalb des Modells 'physische Welt', sie entstehe samt ihrem Kollegen, dem Raum, durch die Subjekt-Objekt-Spaltung und verschwinde auch gleich wieder, wenn es gelingt, diese Spaltung aufzuheben oder zu überwinden.

Doch flugs zurück zu den vier Causae des Aristoteles: Wieso denn so kompliziert und reichhaltig, werden Sie sich vielleicht fragen? - Wir kommen doch ganz gut mit einer einzigen WEIL-Beziehung zurecht: "Ich schreibe diesen Text, WEIL ich mich mit anderen über die Kausalität unterhalten möchte." Das ist doch simpel einfach die letzte der erwähnten vier aristotelischen Causae, die 'Wirkursache', die zeitlich vorher kommt. Das ist doch der Normalfall, dass da zuerst eine Ursache gesetzt wird und dann, nachher, die Wirkung eintritt. Da wird zuerst ein Text geschrieben, das ist die Ursache, und dann tritt - vielleicht - die intendierte Wirkung ein. Mit dem 'vielleicht' hätten wir auch schon gesagt, dass es sich da nicht um eine zwingende Kausalbeziehung im naturwissenschaftlichen Sinne handelt. Allerdings, IRGENDEINE Wirkung tritt schon ein. Nur nicht unbedingt die beabsichtigte. Also müssen wir doch etwas genauer hinschauen:

Versuchen wir es einmal mit einer zeitlichen Abfolge:

1) Zuerst war doch da einmal eine Motivation in mir, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, verbunden mit der Absicht, in der nahen Zukunft den Dialog mit anderen zu suchen: Vorstellung und Wille zum zukünftigen Dialog löste die gegenwärtige Tätigkeit aus. So formulierte ich doch oben die Causa finalis. Witzigerweise kommt also die 'finale Kausalität' zeitlich zuerst, steht die Beabsichtigung eines zukünftigen Ereignisses, der Wille am Anfang des Prozesses.

2) Dann gerann das finale Ziel, die Motivation zu einer inneren Gestalt, zu einer fassbaren und konkretisierbaren Idee, einen Text über Kausalität zu basteln und hier als Denk-Aufgabe ins Netz zu stellen: die Causa formalis. Wir sind immer noch im Innern, im Bewusstsein. Aussen ist noch nichts geschehen - ausser neuronaler Vorgänge, biochemischer Prozesse im Gehirn (wir kommen gleich darauf zurück).

3) Jetzt brauche ich Material, um die Idee umzusetzen. Material mit bestimmten Eigenschaften, z.B. einen Rechner mit Netzanschluss und der nötigen Software, der mir erlaubt, mich auszudrücken, die inneren Gedanken nach aussen zu transportieren und verfügbar zu machen: die Causa materialis. Jetzt bin ich mit dem Blick im Aussen, kümmere mich um die materiellen Voraussetzungen für das äussere Tun.

4) Erst jetzt beginnt die äusserlich sichtbare Umsetzung, der wahrnehmbare Arbeitsprozess. Die Ursache, die ihn ins Rollen bringt und ständig weitertreibt, ist die Causa efficiens, die in Zeit und Raum die Abfolge von Handlungen verknüpft. Unmittelbar jetzt also die Bewegungen der Finger auf der Tastatur, die genau diesen Satz auf dem Bildschirm erscheinen lassen.

Es scheinen also alle vier Causae beteiligt zu sein, wenn wir die Matrix der Kausalität auf die von uns wahrgenommene Welt legen: Ziel - Idee - Umsetzungsmöglichkeiten - Umsetzung. Diese vier Faktoren bewirken eine Manifestation. Wenn ich das als Regel behaupten will, muss ich aber zeigen, dass es immer alle vier Faktoren braucht. - Ist dem so?

Braucht es immer eine Absicht, ein Ziel? Ist Willensfähigkeit eine Voraussetzung? Gibt es nicht tonnenweise Manifestationen, hinter denen keine bewusste, 'absichtsfähig' Entität steckt, die über einen freien Willen verfügt? - Hier scheiden sich die Geister:

Die einen behaupten mit guten Gründen, es sei immer Bewusstsein im Spiel, wenn auch nicht immer menschliches. Sie schliessen vom Mikrokosmos Mensch analog auf den Makrokosmos Welt und gestehen demzufolge auch Tieren, Pflanzen, anorganischer Materie, Gestirnen Bewusstsein, Absichtsfähigkeit, freien Willen zu. Sie müssen aber eingestehen, dass dieser Analogieschluss kein deduktiver und damit kein streng logisch gültiger Schluss ist.

Die andern postulieren ebenfalls mit guten Gründen, Bewusstsein und freier Wille seien auf den Menschen, allenfalls auf einige weitere höhere Lebewesen beschränkt und verweisen auf entsprechende naturwissenschaftliche Experimente, die positiv zeigen, dass der Mensch und allenfalls gewisse Tiere über Bewusstsein verfügen, sich ihrer selbst gewahr werden können und dass sie absichtsfähig sind, einen Willensentschluss fassen, dessen Umsetzung planen und in die Wege leiten können. Nur müssen auch sie zugeben, dass sie nicht stringent beweisen können, dass die übrigen Entitäten über diese Voraussetzungen NICHT verfügen. Sie können nur feststellen, dass es mit den heute verfügbaren menschlichen Erkenntnismethoden (noch) nicht möglich ist, Schlüssiges darüber zu auszusagen. Wenn man die Erkenntnisse der zoologischen Verhaltensforschung der letzten Jahrzehnte zu Rate zieht, darf man aber immerhin annehmen, dass noch einige Überraschungen bezüglich tierischem Bewusstsein, tierischer Kommunikation und tierischem Denken auf uns warten.

Es bleibt also vorläufig bei der PATT-Situation, dass wir heute nicht mit Sicherheit sagen können, ob es für das Entstehen einer Manifestation immer eine Absicht, ein Ziel, eine Causa finalis brauche. Genauso verhält es sich mit der Causa formalis: Platon hielt die einer Manifestation zugrundeliegende Idee für die wahre Wirklichkeit, viele Philosophen und sogar einige moderne Sprachwissenschafter gehen von a priori, also zum Vorneherein vorhandenem Wissen, von 'generativen Strukturen' aus, die in unserem Bewusstsein angelegt sind und die das Bewirken äusserer Manifestationen - wie zum Beispiel das Aussprechen grammatisch korrekter Sätze - erst möglich machen. Und umgekehrt gibt es namhafte Neurowissenschafter, die behaupten, Bewusstsein entstehe erst a posteriori, also im Nachhinein, durch biochemische Gehirnaktivitäten, mithin gebe es weder eine Causa finalis noch eine Causa formalis, sondern nur matierelle, korporale Abläufe. Bewusstsein sei - wie alles 'Innere' - nur eine Folge und nie eine Ursache von Manifestationen. Damit würde sich die Kausalkette auf die zwei verbleibenden Causae, die Causa materialis und die Causa efficiens reduzieren.

Jetzt können wir die Kausalitäts-Debatte vereinfacht weiterführen: auf der einen Seite diejenigen, die postulieren, Inneres könne Ursache sein, auf der anderen Seite diejenigen, die behaupten, nur Äusseres könne Ursache sein. Nehmen wir statt der Begriffe Innen und Aussen die Begriffe Psyche und Körper, sehen wir den Zusammenhang mit der medizinischen Debatte zwischen denen, die alle Krankheiten und Unfälle rein korporal deuten und angehen - dazu gehört die klassische Schulmedizin, die mit Medikamenten und chirurgischen Eingriffen Symptome bekämpft - und denjenigen, die alle korporalen Defizite als Ausdruck eines inneren Geschehens deuten und sowohl Krankheits- wie Unfall-Symptome neben der medizinischen Behandlung immer auch auf ihren Sinn, ihre psychische Botschaft hin zu decodieren suchen. Dazu gehört die psychosomatische Medizin, die chinesische Medizin und einige psychotherapeutische Schulen.

Setzen wir für Innen Metaphysis (meta = griech. für: hinter, jenseits der Physis) und für Aussen Physis (griech. für Natur, Materie), gelangen wir zur philosophischen Dimension der Debatte. Es wurde im letzten Jahrhundert im Schlepptau der marxistischen Philosophie des Materialismus Mode, die Metaphysik völlig ins Reich der Science Fiction (z.B. Carnap in seiner Kritik an Heidegger) oder zumindest aus der menschlichen Kommunikation zu verbannen, die von einigen Exponenten auf die verbale und rationale Sprache reduziert wurde (Wittgenstein: 'Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt'). Das ist insofern reichlich witzig, als es sich bei diesen anti-metaphysischen Theorien natürlich um wundervolle Beispiele von Metaphysik handelt: Weiter kann man vom Boden der Natur, der Physis wohl kaum entfernt sein, als sich diese Theoretiker verstiegen. Etwas weniger polemisch ausgedrückt: Jede Theorie über die Welt ist meta, also jenseits, hinter der Physis. Deshalb spricht man auch bei theoretischem Diskurs über die Sprache von einer Metasprache.

Nehmen wir für den Bereich der Verbindung zur inneren Welt, zur Metaphysis den lateinischen Ausdruck für Rück-Bindung: Re-ligio, so kommt auch noch die theologische Dimension ins Spiel. Für theologisches Denken ist es natürlich entscheidend, dem Innen, der Metaphysis, dem freien Willen, der Idee eine ursächliche Qualität zuzubilligen. Unabhängig davon, ob einer Theologie irgendeine Form einer monotheistischen, pantheistischen oder sonstigen Einheits-Vorstellung zugrunde liegt, basiert sie doch regelmässig auf dem Axiom, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt, dass er JA oder NEIN zu Gott sagen kann, sei dieser Gott nun in ihm oder 'das ganz Andere'. Und dieser freie Wille implizierte die Verantwortung für den getroffenen Entscheid. Gerade darin bestand die Würde des Menschen, dass er sich entscheiden konnte und die Verantwortung für seine Entscheide trug.

Der freie Wille, die Absichtsfähigkeit wird dem Menschen aber nicht nur von konsequenten Materialisten, sondern auch von vielen anderen sogenannt 'aufgeklärten' Wissenschaftern abgesprochen. Als einfachstes Beispiel mag Sigmund Freud herhalten, der den Menschen zur triebgesteuerten Maschine reduzierte, zu einem lächerlichen Wesen, das damit nicht nur seine Verantwortung, sondern auch gleich noch seine Würde verliert. Wen wundert's, dass in der Folge dieser völligen Abkoppelung von einer Rück-Bindung an eine Metaphysis, die freien Willen, Verantwortung und Würde, aber auch Sinngebung und Ziel des menschlichen Lebens implizierte, sich immer traurigere philosophische Strömungen breitmachten. Man mag 'traurig' als nicht sehr wissenschaftliches Kriterium für eine Philosophie erachten - ich halte die nachhaltige und achtsame Glücksrelevanz aber für höchst wesentlich, ja für zentral bei einer Philosophie. Aber damit geraten wir bereits auf das Nebengeleise der Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Aufgabe der Wissenschaft, um die es letztlich auch geht bei der Kausalitätsdebatte, die uns aber hier zuweit vom Hauptthema wegführen würde.

Wir sehen immerhin, dass der kleine Streit um die Kausalität gewaltige Kreise zieht. Auch bei diesem Streit können wir die Kausalitätsfrage stellen. Ist jetzt der Entscheid über die Zulassung 'innerer' Causae eine Ursache für die Haltung eines Menschen in Fragen der Medizin, der Philosophie, der Religion? 'Weil ich die Causa finalis und die Causa formalis als Ursachen akzeptiere, deute ich auch Krankheitssymptome auf einer inneren Ebene?' Oder müsste die kausale Verknüpfung umgekehrt lauten? - Oder könnten wir entspannt Beziehungen, Relationen erkennen, die parallel laufen, die deswegen aber noch lange nicht kausal sein müssen? Könnten wir nicht - in dieser speziellen Frage, aber auch ganz generell bei Verknüpfungen - von Korrespondenz, Entsprechung, Analogie sprechen anstatt von Kausalität?

Die Logik - sowohl die klassische wie die modern-formale - gibt eine entwaffnende Antwort: Sie kennt gar keine Kausalbeziehungen, kann sie nicht ausdrücken. Es gibt keine logische Verknüpfung für die kausale Relation, kein formales Zeichen für 'weil'. Als Alternative bietet die Logik 'Wenn-dann-Verknüpfungen', sogenannte Konditionale an: Die können ganz einfach lauten: 'Wenn x, dann y', oder bepackt sein mit zusätzlichen Merkmalen wie: 'Immer wenn x, dann auch y', 'Nur wenn x, dann y' oder 'Wenn x, dann notwendigerweise y', 'Wenn x, dann y oder z' etc. - so lauten die logischen Konditionale, und nicht etwa: 'WEIL x, darum y'. - Das ist nicht nur Wortklauberei, sondern höchst bedeutsam, denn sie unterscheiden sich wesentlich voneinander. Die Frage sei gestattet, ob wir mit 'Wenn-dann-Beziehungen' nicht wunderbar leben könnten? - 'Wenn die Grossmutter ein Hühnchen brät, ist es Sonntag'. Diese Relation reicht doch aus für die Verbesserung der Vorhersehbarkeit und damit Beherrschbarkeit der Welt, den zwei grossen Zielen der Wissenschaft (auch darüber liesse sich trefflich streiten, ob denn dies wirklich das grosse Ziel unserer Erkenntnisbemühungen sein soll, unsere Angst vor dem Unvorhersehbaren zu mindern und unsere Macht über andere und anderes - statt die Macht über uns selbst - zu erhöhen).

Wozu brauchen wir überhaupt Kausalität? Was leistet eine kausale Verknüpfung mehr als eine konditionale? Warum ist es mehr oder bedeutsamer, wenn wir sagen können 'WEIL meine Grossmutter ein Hühnchen brät, ist es Sonntag'? Oder, in der Umkehrung: 'Weil es Sonntag ist, brät meine Grossmutter ein Hühnchen'? - Wir merken es an diesem Beispiel: Eine WEIL-Verknüpfung ist grundsätzlich eine einseitige, nicht umkehrbare Relation, denn die erste Aussage klingt doch ziemlich beknackt: Dem Sonntag ist es wohl ziemlich egal, ob meine Grossmutter ein Hühnchen brät. Er liesse sich wohl nicht davon abhalten, nach Ablauf des Samstags stattzufinden, wenn meine Grossmutter wider Erwarten für einmal einen Fastensonntag einlegen würde?

Die gewöhnliche Wenn-dann-Beziehung sagt hingegen noch nichts aus über die Umkehrbarkeit. 'Wenn es Sonntag ist, brät meine Grossmutter ein Hühnchen' lässt die Umkehrung zuerst einmal offen: 'Wenn meine Grossmutter ein Hühnchen brät, ist es Sonntag'. Man schliesst von der einen Manifestation auf die andere, da sie offensichtlich immer wieder zusammen auftreten, parallel laufen - ohne dass wir uns entscheiden müssten, ob eine die andere verursacht - und wenn ja, welcher welche Rolle zukommt bei diesem Spiel.

Bei genauerem Hinsehen ist es zwar durchaus nicht so, dass sich jeder Konditional in einen Bikonditional verwandeln liesse, aber er schmettert eine Türe nicht zu, die bei der Kausalverknüpfung zuknallt. WEIL schafft sofort klare Verhältnisse bezüglich der Rollen der Manifestationen und ordnet der einen die Funktion 'Ursache' und der andern die Funktion 'Folge' zu. Dass für Klarheit und Eindeutigkeit Suchende auch die aristotelische Polykausalität mit den vier verschiedenen Causae für eine einzige Manifestation eher hinderlich ist, lässt sich nachvollziehen. Eine Causa reicht, und das ist für Menschen, die in einem materialistischen Weltbild leben, in aller Regel die Causa efficiens, also diejenige Ursache, die äusserlich sichtbar Bewegung in die ganze Sache bringt, die etwas anschiebt und zum Laufen bringt.

Und jetzt nähern wir uns der Antwort auf die Frage nach dem Nutzen der Kausalität: Sie schafft klare Verhältnisse. Und wenn wir die vier Causae noch auf die vordergründigste, die Causa efficiens beschränken, dann schafft sie sogar noch einzigartig simple Klarheit. Und das völlig unabhängig von der delikaten Frage nach dem Wahrheitsgehalt - was auch immer das genau sein soll. Das einzig Sichere, was wir über die Wahrheit sagen können, ist ja, dass wir nichts Sicheres über sie sagen können - zumindest wenn wir die Augen nicht verschliessen vor der Geschichte der letzten paar tausend Jahre, in denen täglich unzählige für wahr gehaltene Aussagen falsifiziert wurden.

Da tut die Sicherheit und Klarheit schaffende Kausalverknüpfung doch richtig wohl: 'Du hältst jetzt deine Klappe, WEIL ich Recht habe.' - Basta, damit wird zwar nicht Wahrheit, aber doch Ruhe und Ordnung geschaffen. Ausser der Gegenspieler habe die Impertinenz, weiterzufragen: 'Und warum hast du Recht?' - 'Weil ich dein Vater / dein Vorgesetzter / dein Lehrer bin.' - 'Und warum haben Väter/Vorgesetzte/Lehrer Recht?' - 'Weil sie mehr wissen und können.' - Und warum wissen und können sie mehr?' - 'Weil sie über Jahrzehnte gelernt haben.' - 'Und warum mussten sie solange lernen?' - 'Weil sie vorher zuwenig wussten.' - Das Spiel kann endlos dauern und führt irgendwann zum Urknall oder zu Adam und Eva, je nach Weltbild des Antwortenden, ausser der Antwortende hat die Macht, die Fragerei abzuklemmen. Meist hat er die. Wenn nicht, kann es sein, dass sich der lästige Frager auch mit Schöpfung und Urknall nicht zufrieden gibt und wissen will, wer wie und vor allem warum da geschöpft bzw. geurknallt habe. Es kann sein, dass sich dann auch ein geduldiger Mensch Knall-Fall mit urigem Tür-zu-Knall davonmacht oder erschöpft den geistigen Schöpflöffel abgibt.

Aber das hübsche Beispiel gibt den Blick frei auf die Achillesferse der sich auf die Causa efficiens beschränkenden kausalen Verknüpfung: sie ist linear und festgefahren auf der Zeitachse, d.h. die Ursache muss immer vor der Folge liegen und diese äusserlich sichtbar bewirken. Deshalb auch die Freude über die Fortschritte der Neurologie, die uns die biochemischen Prozesse im Gehirn zeigt. Wer auf dem Boden einer auf das Aussen und auf die Causa efficiens beschränkten Kausalitätstheorie denkt, verknüpft naheliegenderweise die Manifestation z.B. der Verliebtheit kausal mit der entsprechenden Gehirnaktivität und -schwupps- ist endlich die Liebe 'erklärt': Es ist nichts als die intensivere Stimulation einer bestimmten Hirnregion, wahrscheinlich verbunden mit etwas Endorphinausschüttung, die die Liebe bewirkt. Dieser für viele doch etwas gar einfach wirkende Schluss ist nur möglich, wenn man vorher alle beschriebenen Stadien der geistigen Vereinfachung durchlaufen hat und letztlich das Axiom, den Glaubenssatz innerlich bejaht, dass man Kausalität überhaupt braucht. Und an diesem Glauben möchte ich jetzt schelmisch etwas rütteln und setze die folgende, hier gar nicht mehr so spektakulär wirkende These in den Raum:

Kausalität ist keine absolute, objektive, beweisbare Tatsache (falls es so etwas überhaupt gibt), sondern ein Hilfskonstrukt für Angstvolle, Unsichere, denen die Wenn-dann-Relationen zur Bewältigung ihres Lebens nicht reichen. Kausalität ist eine therapeutisch durchaus wirksame Erfindung von und für Ruhe-und-Ordnung-Typen, die sich angesichts der Unwägbarkeiten und Überraschungen des Lebens überfordert fühlen bzw. für solche, die für die Ausübung ihrer Macht bzw. ihres 'Geschäfts' interessiert sind an der Steuerbarkeit Verängstigter.

Zumindest ist mir ein Beweis für Kausalität, die über die Konditionalität hinausgeht, nicht bekannt. Ich glaube auch nicht, dass wir sie wirklich ernsthaft brauchen - einmal abgesehen von der geschilderten therapeutischen Funktion oder als Machtinstrument. Um mit sich selbst und der Welt klarzukommen, braucht es nicht zwingend Kausalität. Und wenn Sie's doch nicht lassen können, dann bitte in der differenzierten aristotelischen Ausgestaltung mit den vier Causae. Aber auch diese vier Faktoren lassen sich wunderbar als Wenn-dann-Relationen formulieren. Sie klingen etwas anders, da wir ja keine zwingende Einseitigkeit mehr statuieren und die grundsätzliche Möglichkeit der Umkehrung offenlassen:
1) Statt der Causa finalis: 'Wenn eine Vorstellung und ein Wille zum zukünftigen Dialog bestehen, dann mache ich mir Gedanken dazu.'
2) Statt der Causa formalis: 'Wenn diese Gedanken zu einer fassbaren und konkretisierbaren Idee geronnen sind, einen Text über Kausalität zu basteln und hier als Denk-Aufgabe ins Netz zu stellen, dann beginne ich im Geist zu formulieren.'
3) Statt der Causa materialis: 'Wenn ich die nötige Hard- und Software um mich habe, mein Kopf und meine Finger funktionsfähig sind, dann steht der Umsetzung nichts mehr im Wege.'
4) Satt der Causa efficiens: Wenn ich die Finger über die Tastatur sausen lasse, dann entstehen diese Zeichen, die Sie jetzt gerade wahrnehmen.'

Geht doch auch, nicht? Und irgendwie ganz entspannt, ohne diese dogmatische Behaupterei, ohne diesen unangenehmen Absolutheitsanspruch, der bei jeder kausalen Verknüpfung durchschimmert. Zugegeben, es hat auch damit zu tun, dass ich die Konditionale nicht mit dem NUR, dem IMMER oder NOTWENDIGERWEISE belastete. Man kann auch den entspanntesten Konditionalen Scheuklappen und Beinschienen anziehen - aus obgenannten therapeutischen Gründen für Angstvolle und instrumentalen Gründen für Machtgierige. - Das darf man selbstverständlich. Aber man muss nicht. Und damit noch eine weitere Denkaufgabe lanciert ist, hier noch eine Behauptung für's nächstemal: Angst ist zwar das Normalste der Welt, aber trotzdem immer freiwillig. Und: Macht ist etwas höchst Erfreuliches - den grössten Beitrag zu unserer Entwicklung leistet allerdings die Macht über uns selbst.

Und jetzt ist die Bühne präpariert für die Gretchenfrage: "Nun sag, wie hast du's mit der Kausalität?" - So weit haben wir uns damit gar nicht entfernt von der Originalfrage Gretchens, die ihren Faust nach der Religion fragt. Denn Kausalität ist eine Glaubensfrage. Ich könnte den Stachel der Provokation noch etwas tiefer hineintreiben und zum Schluss behaupten, Kausalität sei nicht nur eine Psychotherapieform, sondern eine uralte Sekte, die in der Neuzeit Boden gutmachte zulasten der Kirchen und anderer fundamentalistischer Organisationen - jedenfalls dort, wo sie - die Kausalität - mit demselben dogmatischen Anspruch auf absolute Wahrheit daherkommt.

Nachtrag: Ich habe eine Rechtfertigung der Kausalität vergessen - unverzeihlich, dass das mir als Alt-Kabarettisten passierte: den HUMOR. Die Verknüpfung von Wahrgenommenem mit dem knackigen, keine Widerrede duldenden WEIL macht nämlich riesig Spass. Es ist ein köstliches Vergnügen, Behauptungen in die Welt zu setzen und sie mit einem WEIL für sakrosankt zu erklären, für absolut wahr, objektiv richtig, WEIL so toll begründet, basta. Das machte und macht den Päpsten Spass, WEIL das einzige WEIL, das sie anfügen mussten, 'WEIL ich der Papst bin' lautete. Das macht Politikern, auch Stammtischpolitikern Spass, WEIL sie sich damit Bewunderung und Wähler verschaffen, vor allem wenn sie noch eine Runde zahlen. Es macht aber auch uns allen Spass, WEIL wir uns bei absoluten Behauptungen, keine Alternative zulassenden Argumenten besser spüren, WEIL unser Profil, unsere Markanz anwächst mit jedem selbstsicher in die Runde geschmetterten WEIL. Und WEIL dem so ist, höre ich jetzt auf, bevor es langWEILig wird.