KAUSALITÄT und WIRK - LICHKEIT

In dem Wort WIRK-lichkeit steckt WIRKEN und damit das ganze Modell der Wirkursachen, der Kausalität. Zumindest spielerisch könnten wir uns aber kurz verabschieden aus diesem Modell und eins anschauen, das die Welt nicht auf Kausalketten reduziert, sondern z.B. als Netz von Interkonnektionen und Interdependenzen annimmt, Relationen mit einer Vielfalt möglicher Eigenschaften und nicht nur der einen, einseitigen Relation der Kausalität.

Wie unbefriedigend das reine Kausalitätsmodell ist, zeigt ja bereits die Beschreibung der Physis, wo wir immer wieder vor dem legendären Problem stehen, ob jetzt das Huhn Ursache für das Ei war oder umgekehrt das Ei für das Huhn. Auch die Simplizität des Vorher-Nachher auf der linear gedachten Zeitachse, die bei lästigen Warum-Fragern immer wieder zur letztlich auch nicht wirklich als erste Ursache taugenden Schöpfung bzw. zum Urknall führt, haben wir bereits eingehend in Denk-Aufgabe 406 besprochen. Noch mühseliger wird das Kausalitätsmodell aber bei der Beschreibung innerer Vorgänge: war jetzt das Gefühl des Alleinseins kausal für unser Verlieben oder hat der zufällige Vorgang des Verliebens bewirkt, dass wir uns unserer Einsamkeit bewusst wurden. Oder, für nüchternere Typen: Ist die Idee eines ultramodernen Industriekomplexes kausal für unsere Teilnahme an einem bestimmten Architekturwettbewerb oder hat umgekehrt die Wettbewerbsausschreibung die Idee verursacht. Ganz übel wird's bei der kausalen Verbindung zwischen Innen und Aussen und da liegen sich auch Psychologen, Neuro- und Geisteswissenschafter schon länger in den Haaren, als es sie gibt: Die einen behaupten mit Platon, die wahre Ursache liege im Innen, in der Metaphysis, im Reich der unverrückbaren Ideen, denen einzig wahre WIRK-lichkeit zukomme, die andern reklamieren für sich, ganz klar die wahre Ursache im Aussen, in der Physis, in der Biochemie des Körpers, in den Gehirnströmen dingfest gemacht zu haben. Die unversöhnliche Polarität, der ganze Widerspruch, das Entweder-Oder löst sich im Nu in Nichts auf, wenn wir aus dem willkürlich einseitigen Pfeil Ursache --> Wirkung einen Doppelpfeil <----> machen und gleich noch die beiden Begriffe über Bord werfen. Wenn die Ursache auch Wirkung und die Wirkung auch Ursache ist, passen die Begriffe nicht mehr und wir können die Phänomene an den beiden Pfeilspitzen umbenennen in etwas Gleichartiges, z.B. eben 'Phänomene', oder 'Wahrnehmungen', 'Erscheinungen' in einem so weiten Sinne, dass auch rein Inneres, Geistiges darunterfällt. Jetzt haben wir also Phänomen A und Phänomen B, die in einem Dialog stehen. Aber ist diese Relation, dieser Dialog zwingend auch ein WIRK-Zusammenhang, den man mit Doppelpfeil formalisieren sollte? Ist es notwendigerweise A <--> B? Das darf gefragt werden. Zumindest nicht immer, also reicht doch als generelle Formel A----B, gelesen: ' A steht in einem irgendwie gearteten Verhältnis zu B'; A und B stehen in einer Verbindung, einer Relation, sind nicht völlig unabhängig, autonom, isoliert. Die Art, die Eigenschaften, die Qualität der Relation können wir im Einzelfall zu bestimmen versuchen. Es kann sich dabei durchaus einmal um eine simple Kausal-Beziehung handeln. Aber nur vordergründig, behaupte ich. Bei näherem Hinsehen ist es immer mehr, gibt es in jedem Fall eine Reziprozität, eine Rückwirkung. Vielleicht auf einer anderen Ebene, mit anderern Mitteln, aber der einseitige Pfeil ist auch in der Physik eine simplifizierende Annahme. Jede physikalische Kraft stösst auf Gegenkräfte, Widerstände, die die als wirkend bezeichnete Kraft modifizieren, beeinflussen.

Was ist gegen das Modell nennen wir es einmal 'dialoge Relation' einzuwenden? Könnten wir nicht das ganze Hickhack um die Frage, welches Phänomen nun Ursache und welches Wirkung sei, elegant vom Tisch fegen? Liessen sich nicht in gelassen friedlicher Atmosphäre und ohne grosse Bewerterei diese vielen, netzartigen dialogen Relationen beschreiben, ohne den konfliktträchtigen Anspruch der Kausalität, die ja nicht nur darauf pocht, ein für allemal festzulegen, welches Phänomen Ursache sei, sondern in aller Regel auch monokausal operiert, also nur jeweils EINE Causa zulässt? Was es bedeutet, wenn es nur einen richtigen, wahren, objektiven, absoluten ersten Verursacher gibt, für den es auch nur eine richtige, wahre, objektive und absolute Bezeichnung gibt, zeigten und zeigen die Kriege der Fundamentalisten und Dogmatiker bild- und blutreich in der ganzen uns bekannten Historie. Damit meine ich weiss Gott nicht nur die Dogmatiker religiöser Prägung, die ihren Gott verabsolutierten und auf die Fahne malten, sondern genau so alle anderen Fundamentalisten, seien es politische mit Götzen wie 'Industrialisierung', 'Technischer Fortschritt', 'Globaler Markt', 'Sozialstaat', seien es wissenschaftliche mit Dogmas wie 'Rationalität', 'Materialismus', 'Wissens-Fortschritt' (mit dem naiven, aber irgendwie auch 'herzigen' Glauben, die sich ansammelnden und aufhäufenden Daten würden das Weltbild täglich 'wahrer' machen).

Was spricht also gegen dieses weite Netz der dialogen Relationen, ja was spricht generell dagegen, nach ein paar tausend Jahren eher schlechter Erfahrungen mit dem Modell der linearen Kausalketten einmal ein anderes anzukucken? Vieles. Lassen wir die dümmliche Antwort 'Weil das Kausal-Modell stimmt' einmal weg. Es wäre noch nie etwas Neues gedacht worden, wenn wir die alten Denkmuster nie hinterfragt hätten. Und dass man für jedes Modell haufenweise Argumente, durchaus auch Zahlen ins Feld führen kann, zeigt uns die Statistik täglich. Sie beweist uns locker immer das, was wir gerade bewiesen haben wollen. Aber der grosse Widerstand gegen jegliche Rüttelaktionen am Betonklotz Kausalitätsmodell liegt m.E. in tieferen Schichten verborgen: in der Psyche des Mannes, im Animus-Prinzip. Gut ich nehme das zynische Argument allfälligen emanzipierten Spötterinnen gleich aus dem Mund: soo abgrundtief ist diese Männerpsyche nun auch wieder nicht. Stimmt. Eigentlich ist es ziemlich simpel, wie wir Männer halt sind: Wir sind nichts lieber als Verursacher! Wir wollen WIRKEN, bewirken, Grund, Auslöser sein. Und wir bewerten das Verursachersein klar höher als das Bewirktsein. Wir sind uns selten so einig wie in dieser Hierarchie. Wir sind die Aktiven, die den Anstoss geben, etwas in Bewegung setzen und das ist mehr wert, als Angeschobener, Bewirkter, Ausführender sein. Wir ejakulieren und setzen damit die prima causa für die Fortpflanzung. Dass wir anschliessend dann herzlich wenig dafür tun, dass aus dem Samen auch was wird, weder während noch nach der Schwangerschaft darüber schauen wir grosszügig hinweg. Hauptsache, wir haben die Causa gesetzt. In diesem archetypischen Urmuster liegt m.E. viel Erklärungsstoff für unser Festhalten am Kausalitätsprinzip. Auch die Linearität passt wunderbar zum Mann, zum männlichen Prinzip. Alles, was das Patriarchat an Tollem und vor allen weniger Tollem leistete in der Geschichte, trägt den Stempel der Linearität: Volldampf voraus mit Scheuklappen, nicht links und nicht rechts kucken, sondern mit dem Kopf durch die Wand zielwärts. Das kann im Sport und bei der Eroberung des Weltalls durchaus spektakuläre Erfolge zeitigen, aber ganzheitlich betrachtet (was wir ja gerade nicht gerne und nicht gut machen) ist das Resultat doch eher ernüchternd und bisweilen gar beschämend - vor allem, wenn wir schauen, was so alles drauf ging bei unserem hurronigen ^Volle Kraft voraus!". Das hier vorgeschlagene Netz-Modell, das in der Grundstruktur frei ist von Bewertung der Phänomene und Relationen, frei von Hierarchie, ist also ein zutiefst weibliches Modell, das dem Archetypus der Anima entspricht. Und wenn die Männer irgendetwas fürchten wie der Teufel das Weihwasser, dann ist es das Erstarken der Anima, sei es die Anima, die jeder Mann auch in sich trägt und die es zu entwickeln gälte, sei es die Anima, die ihm als Frau gegenübertritt. Solange die Hierarchie klar ist, solange er mit der Vorstellung, Verursacher zu sein, auch den wesentlicheren Beitrag an die Welt zu leisten wähnt, solange die Anima beherrschtes Zoo-Tier, steuerbares, mietbares Objekt bleibt, empfinden wir sie durchaus als attraktiv, charmant, geheimnisvoll aber wehe sie gewinnt an realer Macht, wird gar zu einem gleichberechtigten Entscheidträger im Kleinen wie im Grossen dann kriegen wir es mit der Angst zu tun; und Angst vor Machtverlust lässt uns Männer die letzten Kraftreserven mobilisieren. Und da die Philosophie nach wie vor eine stark von Männern dominierte Branche ist, die sich im für Frauen in der Regel wenig attraktiven Netz einseitiger Rationalität eingekerkert hat und alles, was aus der Sphäre jenseits der polar-analytischen Sprache, aus der rechten Gehirnhemisphäre kommt, weit von sich weist, konnte die Gefahr bislang gedämmt werden, dass Frauen die Männer mit ihren eigenen Mitteln der rationalen Analyse auf die Sprödigkeit, die Löchrigkeit und das Hohle an ihrem geliebten Kausalkonzept in einer Weise aufmerksam gemacht hätte, dass sich die Herren der Schöpfung ernsthaft damit auseinandergesetzt hätten.

Wenn ich dies als Mann hier versuche, werde ich wahrscheinlich schlicht ignoriert eine der stärksten Waffen im Kampf gegen missliebige Modelle. Das ist aber weiter keine Katastrophe, denn im genau richtigen Zeitpunkt dann, wenn die Zeit reif, das 'Kind' ausgetragen ist, dringen solche und ähnliche Gedanken an die Bewusstseinsoberfläche vieler Frauen und wacher Männer, das Netz dialoger Relationen wird erstarken und damit auch das Bewusstsein der Vernetztheit. Dass eine Entwicklung weg von einem überholten Modell führen wird, lässt sich in Analogie zur Sinuskurve als Grundstrukur des Universums leicht postulieren. Was hingegen die zeitliche und räumliche Konkretisierung dieser Vorhersage betrifft, muss ich zugeben, dass wir in aller Regel weder Amplitude noch Frequenz der zeitparadigmatischen Sinuskurven kennen. Sei's drum, mir macht es schon Spass, einen Blick auf ein mögliches zukünftiges Modell geworfen zu haben. Und Ihnen?