Gefahr und Klarheit

Die Denk-Aufgabe besteht darin, sich klar zu werden, ob Klarheit irgendetwas zu tun hat mit Gefahr - oder umgekehrt Gefahr mit Klarheit - ohne dabei Gefahr zu laufen, sich im Unklaren zu verlaufen. Damit dies nicht geschieht, befleissige ich mich für einmal vornehmster Zurückhaltung, was die Textlänge betrifft - ich will ja keine Gefahr für Ihr klares Augenlicht heraufbeschwören mit der Leserei am Bildschirm...

"Wo Gefahr droht, kann auch Klarheit gewonnen werden" - schreibt der Schweizer Krimi-Autor Matthyas Arter in seinem on-line entstehenden Roman "Forrer in Italien" am Schluss des 18. Kapitels. Es geht um handfeste Gefahren und um Klarheit in Liebes- und Lebensdingen - und trotzdem habe ich ihn im Verdacht, dass da auch handfeste philosophische Überlegungen dahinterstecken. Da der Roman tatsächlich erst im Entstehen begriffen ist, kann ich nicht flugs weiterlesen, um Klarheit zu finden, wie er das genau meint mit der Verbindung von Gefahr und Klarheit. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst kurz mit der Denk-Aufgabe auseinanderzusetzen.
Hier der Stand des vorläufigen Irrtums mit der Bitte um klare (An-)Teilnahme, die zumindest in der theoretischen Phase gefahrlos sein sollte, ausser die Einstellung zur Gefahr änderte sich grundlegend. Ja, und wer Klarheit sucht bezüglich des Fortgangs des On-line-Romans: ein Klick auf www.buch.ch , dort oben rechts auf 'Forrer in Italien' - und der Gefahr zunehmender Klarheit stehen Sie sich höchstens noch selbst im Wege, also Sie Ihrem Selbst - aber darüber ein andermal.


Abhauen oder hinschauen?

Wer vor Gefahren davonrennt, rennt ein Leben lang in Unklarheit, was sie und sein Leben bedeuten. Er erkennt die Gefahren nicht, da er sie im Rücken hat. Er erkennt aber auch sein Leben nicht, da es ihm unter den Füssen weggleitet. Er rennt, bis die Gefahren ihn ein- und sein Leben abholen.

Wer sich den Gefahren stellt, verliert vielleicht sein Leben, aber er tut dies in grösstmöglicher Klarheit, da er ihnen ins Auge blickt und die Chance packt, sie zu durchschauen: als Schaumblasen seiner hechelnden Todesangst, als Eigenprodukt, als Vorstellung, Mär, als hausgemacht, änderbar, umpolbar - und mit diesem Hinschauen hat er sie bereits entkräftet, aus der Todesangst wird homerisches Gelächter, da er nun ja selbst bestimmen kann, ob er etwas als Gefahr bewerten will oder nicht. Mit jeder Gefahr, der er sich gestellt und die er durchschaut hat, wächst seine Gelassenheit und schwindet das, was überhaupt noch zur Gefahr taugt, bis schliesslich auch der Tod seinen Schrecken verliert.

Ob er in irgendeiner der Gefahren umkommt, verliert an Bedeutung, da die Begegnung mit der Gefahr, die Vereinigung mit der Gefahr ihr die Möglichkeit raubt, ihm etwas anzuhaben. Denn die Kraft der Gefahr, nach der Vereinigung mir ihr, ist auch seine Kraft. Verliert er sein Leben dabei, so kann das, was er dabei verlor, unmöglich sein Leben, seine Substanz gewesen sein. Durch die Vereinigung mit der Gefahr hat er sich vielleicht seines Leibes entledigt, aber nicht seines Lebens. Leib und Ich sind ja auch Gefängnisse, die die nachhaltige Vereinigung mit anderem, mit anderen behindern. Und die Vereinigung ist es, die grösstmögliche Klarheit verschafft, nicht rationale, zergliedernde, aber intuitive, zusammenfügende Klarheit. Die Klarheit der Gesamtschau, des Gesamtbildes, des ganzen Puzzles. Jede noch so winzige Vereinigung gibt einen klärenden Einblick in die Verbundenheit, Zusammengehörigkeit und Unverzichtbarkeit jedes einzelnen der so verschiedenartigen Puzzleteile, lässt ahnen, wo sie wie nach Farbe und Form zusammenpassen. Manchmal reicht es, sie umzudrehen, um zu erfassen, wo sie hingehören, zu erkennen, wie sie - wie wir - gemeint sind. Die Analogie mit dem Puzzle ist allerdings zu schwach, zu flach, zu zweidimensional. Versuchen wir uns drei oder mehr Dimensionen der Vernetztheit vorzustellen, kommen wir der Sache wohl näher. Dann wird das Umdrehen von uns selbst als mehrdimensionalen Puzzle-Teilen ein dynamischer Vorgang. Auf allen Seiten lauern fremde, andersfarbige Teile, skurrile Formen, merkwürdige Konsistenzen - je andersartiger, desto gefährlicher. Je genauer wir hinschauen, uns drehen und wenden, desto grösser die Chance, die zusammenpassenden Schnittstellen, die gemeinsamen Farb- und Formnuancen, die Kompatibilität der Konsistenzen zu entdecken - Klarheit zu erlangen über die vermeintliche Gefahr in Form dieser Puzzleteile, ihre Nähe zuzulassen, uns neben sie zu legen, uns mit ihr, der Gefahr, zu 'paaren', uns zum Gesamtbild zu vereinen mit all den Teilen, die alle für Gefahren stehen können - oder für Anschmiegpartner, es hängt nur von der gewonnenen Klarheit ab.

Arter scheint tatsächlich Recht zu haben: Jede Gefahr ist eine Chance, Klarheit zu gewinnen. Die Klarheit, dass die Gefahr keine ist, zumindest keine absolute, sondern nur eine relative, auf unseren Wertungen beruhende. Haben wir diese Klarheit erlangt, ist es weder nötig, Gefahren gierig zu suchen, noch sie furchtsam zu fliehen. Sie kommen genau dann und genau so auf uns zu, wie es uns gemäss ist. Wie könnten sie anders, wo sie doch selbstgemacht, vom Selbst gemacht sind?