Das Zuwendungs-Pronomen MEIN

Ziel der Aufgabe wäre, die gängige Bezeichnung 'Possessivpronomen' für die Dauer von ein paar Zeilen-Gedanken aufzugeben und spielerisch durch die folgenleichte wendungsreiche Bezeichnung 'Zuwendungspronomen' zu ersetzen. Wenden Sie sich MEINEM 'linguistic turn' zu? Lassen Sie sich dazu verführen, Besitz in Zuwendung zu verwandeln? Könnte dies gar die entscheidende Wende in Ihrem Leben bedeuten, das sich schlagartig vom Besitz- zum Zuwendungs-, zum Liebesleben wandeln würde?
Oder ist Ihnen das zu wendehälsisch, zu wetterwendisch?

Mein, Dein, Sein, Unser, Euer, Ihr - in grauer Schul-Vorzeit lernten wir doch mal, das seien Possessiv-Pronomen. Und das Wort possessiv kennen wir bis heute aus allen möglichen Streitgesprächen als etwas eher Unangenehmes. "Sei doch nicht so possessiv!" klingt zumindest ziemlich vorwurfsvoll. 'Besitzergreifend' wäre wohl die träfste Übersetzung beim Vorwurf, 'besitzanzeigend' beim Pronomen. - Es geht also um Besitz: Wer mein sagt, will damit seinen Besitzanspruch kundtun. Und dies nicht erst seit gestern. Wieso also die liebe alte Schulgrammatik auf den Kopf stellen? Denn einem Kopfstand käme es gleich, wenn der Besitz, dieser handfeste, statische, etwas schwerfällige, aber Festigkeit, Stabilität, Verlässlichkeit, Sicherheit, Wohlstand (mit etwas mehr Betonung auf 'Stand' als auf 'Wohl') versprechende Begriff sich im Handumdrehen in etwas ganz Leuchtend-Leichtes, Liebevolles, Luftig-Lockeres verwandelte: in Zuwendung.

Wobei, seien wir genau: Im heutigen Sprachgebrauch konnotiert 'Zuwendung' zwar meist positiv, lässt Zuneigung im Sinne von liebevoller Achtsamkeit mitschwingen, aber grundsätzlich ist das Zuwenden eine wertneutrale Bewegung: ein Fokussieren, ein Aufmerksamkeit schenken, sei es etwas Konkretem im Aussen oder etwas Abstraktem im Innern. Man kann sich auch Unangenehmem zuwenden. Zuwenden allein bedeutet noch nicht, dass wir für das Objekt der Zuwendung warme Gefühle, ja gar Liebe empfänden. Wir können uns auch Grauenvollem, Angst- oder Ekelerregendem zuwenden, Abgelehntem, Abstossendem, Verhasstem. Das Grossartige, was ich vorhin so blumig als luftig-leicht-locker, ja leuchtend-liebevoll bezeichnete, liegt im Akt des Zuwendens, nicht in der Wertung des Objekts. Wobei gerade in dieser Zuwendung eine Wertschätzung liegt. Darin liegt ein grosses Geheimnis der Konfliktkultur: dass die Beteiligten mit der gegenseitigen Zuwendung auch eine gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Wenn wir bei Konfliktkultur nur an Auseinandersetzungen mit anderen Menschen denken, loten wir aber die Tiefe dieser Erkenntnis nicht aus. Wir kommen der Tragweite der Zuwendung vielleicht auf die Spur, wenn wir nach einem Antonym, einem Gegenbegriff zum Zuwenden suchen und dabei auf die Wortfelder Abwenden, Nicht-Beachten, Ignorieren, Links-Liegenlassen stossen. Beides - zu- und abwenden - machen wir nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern in jeder Auseinandersetzung, in jeder Begegnung mit Welt. Wir können uns der Welt zuwenden - oder sie ignorieren. Wir alle haben erlebt, wie stark uns Abwendung, Ignoriert-Werden verletzen kann, oft stärker als eine konfliktreiche Zuwendung.

Der stärkste Anspruch, den wir an die Welt, an unsere Umwelt stellen, ist der Anspruch auf Zuwendung. Ist es so verstiegen, dies umgekehrt auch der Welt zuzubilligen? Und mit 'Welt' meine ich wirklich alles, was uns in unserer ureigenen Wirklichkeit begegnet, vom Frühstücksei bis zu den Albträumen, vom winzigen Käfer bis zum Planeten, dem man sich genauso zuwenden kann wie einem geliebten Menschen. Ich meine aber auch alles Innere, von der Vision des Traumpartners bis zur Todesangst - es gibt nichts, dem man sich nicht zuwenden könnte, nichts, das dies nicht verdiente. Nun werden Sie einwenden, dass der Tag, das Leben zu kurz sei, um sich allem und jedem zuzuwenden. - Deshalb sprach ich von der ureigenen Wirklichkeit, die für jeden Einzelnen eine andere ist. Jeder lebt in seiner Bezugs-Welt, in seinem Netz von Relationen, von Dingen und Vorstellungen, die für ihn Wirklichkeits-Charakter haben.

Und hier kommt nun das ehemalige Possessivpronomen ins Spiel, das ich vom engen, vereinnahmenden Besitz-Anzeigen etwas lösen möchte. In einem ersten Schritt möchte ich es zum Relations-Pronomen umfunktionieren: Mein, dein, sein, unser, euer, ihr zeigen Relationen, Bezüge an im Netzwerk unserer subjektiven Wirklichkeit. Die Palette dieser Relationen geht aber weit über die Besitz-Relation hinaus. "Wir haben unsern Weg - ihr habt den euren" drückt eher eine Relation der 'Gemässheit' aus: "Wir haben den uns gemässen Weg, ihr den euch gemässen"; die Wendung: "Das ist euer Bier!" hingegen stellt den Bezug zur Verantwortlichkeit ins Zentrum.

In der ersten Person - Singular und Plural - erhält das Relationspronomen mein nun aber oft diese Farbe der Zuwendung: Mein Idol, meine Geliebte, mein Lieblings-Komponist; unsere Grossmutter, unsere Heimat, unsere Erde, aber auch mein Problem, meine Sucht, meine Angst fokussiert weder den Besitz-Aspekt noch sonst eine statische Relation, sondern den Akt der Zuwendung. Mein Problem ist eines, dem ich mich zuwende (und das damit auf bestem Weg ist, sich aus der Problemhaftigkeit herauszuwickeln). Gerade bei den eher unangenehmen Objekten, die wir mit dem Relationspronomen mein bestücken, kann es entscheidend werden, ob wir den Aspekt des Besitzes oder den der Zuwendung in den Vordergrund stellen. Empfinde ich meine Angst als die mir gehörende Angst, die Angst, die ich besitze oder die mir gemäss ist, so beschreibe ich einen Zustand, sie wird statisch, bleibt an mir kleben, ja sie kann als mir gemässe derart mit mir verwachsen, dass ich sie als zu meinem Wesen gehörig anschaue, mich mit ihr identifiziere. Ist es aber die Angst, der ich mich zuwende, so beschreibe ich einen Prozess, sie bleibt dynamisch und hat beste Chancen, überwunden zu werden.

Aber auch bei den ersehnten, hochgelobten und -geliebten Objekten kann es folgenreich sein, ob wir mein besitz- oder zuwendungsanzeigend interpretieren. Stelle ich die Frau meiner Träume voller Zuwendung als meine Freundin vor, kann sie dies - vielleicht emanzipatorisch sensibilisiert - missdeuten als Äusserung eines mir nicht zustehenden Besitzanspruchs, mir eine geharnischte Szene machen und flugs zur Frau meiner Albträume mutieren. Auch mein Kind kann das mein in den falschen Hals kriegen und mir entsprechend was husten. Umgekehrt verstand der von seinen Dragonern heiss verehrte letzte eidgenössische Kavallerie-Oberst sehr wohl, welcher Art das Relationspronomen war, als er bei der letzten Fahnenübergabe zu Pferd als 'Mon Colonel' angesprochen wurde: Es war Zuwendung voller Dankbarkeit und Wehmut, die dem strammen Kämpfer sogar ein Tränchen in die Augen trieb.

Vielleicht hülfe es, bei der Deutung der Unterart des Relationspronomens mein vermehrt auf die Intonation, auf den Gesichtsausdruck, das Leuchten in den Augen der Sprechenden oder der Angesprochenen, auf den Kontext im schriftlichen Verkehr zu achten, getreu dem Motto moderner Textlinguistik und Diskursanalyse: "Keine Bedeutung ohne Kontext!"

Vielleicht könnten wir uns gar angewöhnen, grundsätzlich auf Zuwendung zu tippen, wenn ein mein nicht ganz ausdrücklich besitz- bzw. verlustangstanzeigend daherkommt wie in der Wendung: "Das mit dem Mein als Zuwendungspronomen war im Fall meine Idee - und nicht etwa deine!", gefolgt von urheberrechtlichem Getue vom Copyright-Zeichen bis zur Strafdrohung für's Weitererzählen. - Doch auch dies kann man ins Gegenteil wenden, wie uns die flotten Kettenbriefe zeigen, wo's zuweilen heisst: "Wenn du dies nicht sofort an ganz viele Freunde weitersendest, wird dir ein grausliches Unglück widerfahren." - Ja, Strafe für Nicht-Weitererzählen! Das ist ganz in meinem Sinne und hoffentlich auch im Sinne meiner Leser - und dieses letztere mein ist nun wirklich - zumindest in meiner Wirklichkeit - als Zuwendungspronomen gedacht und gesagt, meine lieben, vielleicht fiktiven oder posthumen Leser.