Denk-Aufgabe vom 1.Januar 2005

Nach zwei Jahren mit immer opulenteren philosophischen Denk-Aufgaben (die sich nun, zusammen mit anderen Aufsätzen, im Gär-Prozess zum nächsten Buch befinden), möchte ich im soeben angebrochenen Jahr 2005 die lyrische Form etwas pflegen. Gelingt es ab und zu, dass in einer Wendung, einer Zeile meine Vorbilder Busch, Morgenstern, Ringelnatz, Kästner, Matter aufblitzen, dass auch hie und da philosophisch Relevantes mundgerecht verpackt erkennbar und - höchstes der Gefühle - auch geniessbar wird, fernab von besserwisserischem Mahnen und pathetischem Gejammer Schmunzeln auslöst, wäre ein erster Anspruch erfüllt. Lässt sich der eine oder andere Leser auch zu ein paar eigenen Gedanken zum Thema anstossen, ja gar zur Formulierung selbiger und zur Kundgabe an mich, würde das die Beibehaltung des Titels 'Denk-Aufgabe' in der ersten Bedeutung von 'Auftrag', 'Übung' rechtfertigen. Wenn Autor und Leser - die ja als Interpreten immer auch Mit-Autoren sind - es schliesslich schaffen, das (rationale) Denken auch wieder aufzugeben, suprarationaler Wahrnehmung Platz zu machen, dann ist auch die zweite Bedeutung der Denk-Aufgaben als Aufforderung, gelöste Aufgaben aufzugeben, mit Inhalt gefüllt und ein ganz kleines Ziel erreicht.

 

ELEFANTENBLAU

ELEFANTENBLAU ist eine lockere Einstiegs-Übung zum freien Assoziieren und zum Bewusstmachen der Mit-Autorschaft des Lesers: nur schon bei den zwei semantischen Teilen des Titel-Kompositums können verschiedenste Bilder und Vorstellungen geweckt werden. Sowohl 'Elefant' wie 'blau' sind gewaltige Wortfelder mit schwierig verortbarem Kern, deren Metaphorik sich zentrifugal horizontwärts ausdehnt - und von nicht viel mehr als den inneren Grenzen jedes Rezipienten eingeschränkt werden. Die vordergründigsten Fragen könnten sein: Geht es um das Blau der Elefanten oder um das Elefantöse der Farbe Blau? Und wenn Ersteres: die äussere oder die innere Blauheit? Die Blaublütigkeit oder die Blauäugigkeit? Und wenn Zweiteres: was soll elefantös sein an einer Farbe? Was heisst überhaupt elefantös? - Ich hoffe, mit diesem Vorspann gerade genügend Verwirrung gestiftet zu haben, damit Sie die schillernde Vieldeutigkeit und die zentrifugale Kraft der Sprache bewusst erleben können - nicht nur bei diesem harmlosen Poemchen, sondern überall, wo Sie in Kommunikation stehen. Und das tun Sie doch permanent? Mit sich, mit Wesen rund um Sie herum, mit Dingen, die Sie eigentlich als 'tot' bezeichnen. - Kommuniziert nicht unser Planet gerade ziemlich deutlich? Oder sind das alles nur statistische Schwankungen eines toten Materieklumpens? - Es ist jedem Einzelnen überlassen, irgendwas als Kommunikation, als Ansprache aufzufassen, was andere als bedeutungslos, als höchstens mess- und registrierwürdig anschauen. Kommunikation, sich angesprochen fühlen ist immer freiwillig. Man kann und darf sich der Ansprache entziehen, auch ohne Angabe der Gründe. Aber wenn wir uns angesprochen fühlen, dann antworten wir doch in der Regel, nehmen Ver-Antwort-ung wahr. Und nun behaupte ich munter, dass es erlaubt sei, sich auch nach Darwin, nach Nietzsche und nach allen Existenzialisten von einem Planeten angesprochen zu fühlen, der sich schüttelt. Zumindest einen Versuch ist es doch wert, auch wenn noch keine wissenschaftlich beglaubigten Daten vorliegen, dass es sich bei diesem Materieklumpen um ein ernstzunehmendes Lebewesen handelt. Tja, man hat das Erd-Hirn eben noch nicht gefunden. Bei den Elefanten hingegen hat man eins entdeckt und deshalb stehen sie doch auch in unseren Zoos. Das ist unsere Antwort auf die Ansprache. Das Hirn von 'Blau' harrt auch noch der Entdeckung - blaue Hirne gab's hingegen gerade in den letzten Tagen viele. - Genug der Spöttlerei: Ich lade ein zur Kommunikation mit dem 'toten' Buchstabensalat ELEFANTENBLAU.

ELEFANTENBLAU

Eine Herde blauer Elefanten
Kommt herangetrampelt Leib an Leib
Welch ein Gruppenbild von seelverwandten
Eleganten Elefantentanten

Rüsselschwingend orgeln sie heran
Rumpeln dröhnend durch die Steppenstadt
Walzen alles Aufgeweckte platt
Wehe dem, der sich nicht retten kann

Doch der Schwung verebbt nach kurzer Zeit
Keuchend fällt die Damenwelt in Schritt
Ohren-schwenkend teilt die Leitkuh mit
"Im Pinienwald steht blauer Tee bereit"

Wie gewichtig sich die Damen laben
Und die Blauheit ihrer Haut vergleichen
Spöttelnd über graue Elefantenknaben
Lassen sie die blaue Zeit verstreichen

"Die Verantwortung für Zukunft tragen wir
Die wir den weisen blauen Weitblick haben
Nicht wie Arbeitsbullen, junge Schaben
Dem Augenblicke hörig' Grau-Getier

Wär'n wohl Weiher, Seen, Meere blau
Wenn dies nicht die wahre Farbe wäre?
Da soll einer kommen und erkläre
Wie unsre Haut zum Himmel passt genau!

Berufen sind wir Elefantenfrauen
Einzubläuen dieser grauen Welt
Dass sie sich mit Vorteil blau einstellt
Grauen soll es grauen vor uns Blauen!"

Also tönt es röhrend aus den Reihen
Währenddes der Himmel unbemerkt
Sich mit grauem Wolkenschutz verstärkt
Dies Grau wird er gleich allen Wassern leihen
Und die Welt von zuviel Blau befreien

Verzeihen Sie, die Frage sei gestattet
Ob auch das Elefantenblau ermattet?

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