Denk-Aufgabe 503 vom 1.März 2005:

 

Lust auf ein Umstürzchen?

Sie nicht? - Ich schon. Nur so ein kleines Palast-Revolutiönchen. Ein feines Bilderstürmchen. Mit rein geistigem Sprengstoff ein paar Denkmälerlein flach legen. Ich verspreche Ihnen, dass rein gar niemand direkt physischen Schaden nimmt. Gut, was das Umstürzchen in den Köpfen und Herzen allfällig sich betroffen Fühlender auslöst, darüber kann ich noch nichts sagen. Ich mixe ja erst gerade die Molton-Cocktails (die molton-weichen Brüderleins der Molotows). - Ach, Sie möchten wissen, wen ich denn im Visier habe? - Ja, schon so ziemlich die ganze Menschheit, Sie eingeschlossen. Mich allerdings auch. Jetzt muss ich wohl oder übel rausrücken mit dem Sockel, der ja immerhin so breit sein muss, dass die ganze Menschheit auf ihm Platz hat. Gut, ganz alle sind nicht oben. Penelope Smith zum Beispiel nicht. Auch ein paar aussterbende Indianer und archaische Stämme im Urwald nicht. Und dann sonst noch ein paar tausend Frauen und Kinder. Und ganz ganz ganz wenige Männer. Die helfen mir dann vielleicht beim Schubsen. Garfield könnte ich auch um Hilfe bitten. Der schubst so gern. Ja und ein paar Millionen weiterer Tiere könnten da durchaus mitschubsen; ein paar Schlingpflanzen mitziehen.

Jetzt wird es aber Zeit, dass ich den Sockel benenne, auf dem da fast alle Menschen stehen, hocken, liegen sollen: Der Sockel heisst schlicht: HOMO SAPIENS. Oder ANIMAL RATIONALE. Oder ZOON LOGISTIKON. Ganz eifrige verdoppeln das 'sapiens' sogar zum HOMO SAPIENS SAPIENS. Der ganze Sockel ist vollgekleckert mit Bezeichnungen in allen Sprachen. Auf Deutsch steht da z.B. VERNUNFTBEGABTES, DENKFÄHIGES, ABSTRAKTIONSFÄHIGES, SELBSTREFLEXIVES SINNENWESEN usw. - Das alles, so meinen Sie vielleicht, sei ja nur Schall und Rauch, nur willkürliche Bezeichnung, Eigenwerbung, Selbstaufplusterung. Da gebe ich Ihnen Recht. Nur: die, die oben stehen, glauben tatsächlich daran, dass sie die einzigen Wesen seien mit diesen Eigenschaften. Und da das 'Auf-dem-Sockel-Stehen' zwingend gekoppelt ist mit dem 'Abgekoppelt-Sein' von der Kommunikationsfähigkeit mit allen und allem, was über die Gattung Mensch hinausgeht, hören sie das Gelächter der Tiere, Pflanzen, Steine, Berge und Wolken nicht. Dafür müssten sie ja deren Sprache verstehen. Merkwürdigerweise sind aber gerade diese nackten Äfflein, die den Anspruch geltend machen, als Einzige mit Denkvermögen, Sprache und Kommunikationsfähigkeit ausgestattet zu sein, just die Einzigen, die sich mit knapper Not mit einem winzigen Teil der eigenen Gattung unterhalten können. Wären sie kommunikativ nicht so minderbemittelt, würden sie bemerken, dass alle andern sich mit allen andern unterhalten können. Darf man fragen, wer denn da der Dumme sein könnte? Sollte man die Belegschaft auf dem Sapiens-Sockel nicht gänzlich austauschen? Alle die, die oben stehen, gehören runter und umgekehrt? Sind nicht die die Schlauen, die die allen gemeinsame Sprache sprechen und verstehen?

Gut, um die Schubserei zu vermeiden, könnten wir auch die Aufschriften auf dem Sockel ändern. Denn herausragen tun diese Menschlein schon aus der ganzen übrigen Natur. Nur scheint mir das sie auszeichnende Merkmal ein anderes zu sein. Wer sich ganz lange, tief und innig mit Tieren, Pflanzen und Dingen beschäftigt, mit allem, was es ausser dem Menschen noch so gibt im Universum, der kommt auf einige weniger schmeichelhafte Eigenschaften, die die Sockelmenschlein auszeichnen: Sie sind die Einzigen, die zu Fundamentalismus fähig sind, zu dieser lebensfeindlichen Sturheit, die eigenes und fremdes Leben zu zerstören bereit ist, um Recht zu haben. Sie sind überhaupt die Einzigen, die Absolutheitsansprüche stellen für ihre Wahrnehmungen, die behaupten, so und nur so, wie sie die Welt sähen, sei sie auch. Das kommt keinem Tier, keiner Pflanze, keinem Berg in den Sinn. Aber nicht, weil sie nicht denken könnten, sondern weil sie nicht abgekoppelt sind, nicht losgelöst (absolutus) vom Wissen, dass alles Seiende zusammengehört und vernetzt ist, dass der Standpunkt jedes Wesens demzufolge immer ein relativer ist.

Und damit sind wir bei der zweiten Eigenschaft der Sapiens-Sockel-Hocker: Sie sind die einzigen Wesen, die fähig sind, sich von diesem Wissen um die Zusammengehörigkeit und Vernetztheit alles Seienden abzukoppeln. Nicht dass sie damit wirklich isoliert, ausgestossen, abgekoppelt und allein wären - als Seiende können sie gar nicht aus der grossen Einheit rausfallen - aber sie können es nachhaltig verdrängen und vergessen - und schrecklich darunter leiden, sich fühlen als 'zufällig in eine sinnlose Welt hinein Geworfene'. Nur die Sockelmenschlein können den Zugang zum Sinn des Lebens, zum Sinn des Seins verlieren. Sie sind auch die Einzigen, die glauben, man könne gezielt andere Wesen besitzen, wo doch sowieso alle allen gehören, zusammengehören.

Das lustigste Merkmal der Sockelmenschlein ist aber, dass sie in ihrer Taubheit, in ihrer Abkoppelung und ihrem Hang zum Fundamentalismus tatsächlich glauben, sie seien die 'Krone der Schöpfung'. Vielleicht weil sie das bislang grösste Zerstörungspotenzial entwickelt haben und - auch dies als Einzige im uns bekannten Universum - die eigene Gattung munterstens und im grossen Stile auszulöschen imstande sind? Wäre nicht umgekehrt 'Krone der Schöpfung' dasjenige Wesen, das zutiefst erkannt hat, dass es eins ist mit allem, was ist, dass es gar keine 'Krone' im Sinne eines Spitzenplatzes in einer Wertehierarchie gibt und braucht, dass alles in seiner Zusammengehörigkeit 'Krone der Schöpfung' ist?

Die ganze Restwelt hat eigentlich Mitleid mit den Sockelmenschlein, spricht sie dauernd an, wenn sie sich gegenseitig hauen und umlegen, weil jeder mit fundamentalistischem Eifer den vermeintlich besten, den höchsten Platz auf dem Sockel beansprucht. Aber weil sie taub sind, weil sie die Universal-Sprache verlernt haben, weil sie sich gar nicht vorstellen können, dass irgend ein Wesen der Sprache fähig sein könnte ausser ihnen - hören sie nichts, halten das ganze Universum für ihren Sockel, trampeln darauf herum und hören weder die tröstenden Worte von Mutter Erde noch die motivierenden von Vater Himmel, weder das Gelächter noch das Geheule aller anderen Wesen und Dinge. Ganz selten, in luziden Momenten, erfassen auch ein paar Sockelmenschlein einen Brocken Universums-Talk; sei es, dass Mutter Erde sich schüttelt oder schnäuzt, sei es, dass sie vor der sie erschütternden Tatsache stehen, dass Tiere dies ganz selbstverständlich voraus wissen, sei es, dass sie einen Gesprächsfetzen, einen Gedanken eines Baums, eines Bergs, eines Bisons mitkriegen, wenn sie für einen Augenblick ihr Herz offen haben, das normalerweise nach allen Regeln der Sicherheitstechnik hinter Schloss und Riegel vor sich hin blubbert. - Aber meist ist der Spuk in wenigen Sekunden vorbei, sie tun das Erlebte als unwirklich ab, weil es nicht in ihr gewohntes Denken, nicht in ihre Vorstellung vom Sockel passt, auf dem sie stehen.

Tja, was wäre also eine stimmigere Bezeichnung für diesen Sockel statt 'vernunftbegabtes Sinnenwesen', statt des hochtrabenden 'Homo sapiens'? Was meinen Sie zu 'HOMO FUNDAMENTALIS, SEPARABILIS et ARROGANS'? Natürlich sehr eigenmächtiges Latein mit Neuschöpfungen, aber für einen so tollen Sockel darf man schon etwas kreativ sein. Das Sockelmenschlein wäre also das zu Fundamentalismus und Abkoppelung von der grossen Gemeinschaft fähige Wesen. Der zu Abtrennung, Sinnverlust fähige Affe mit dem maximalsten Zerstörungspotenzial -

MAXIMUS DESTRUCTOR könnten wir noch anhängen. Und die Taubheit, die Behinderung im Kommunikativen verdient eigentlich auch spezielle Erwähnung in der Gattungsbezeichnung. Dekorieren wir doch das Ganze mit dem lateinischen Wort für taub: SURDUS. Jetzt liest sich doch das bereits recht eindrücklich auf unserem frisch besprayten Sockel:

HOMO FUNDAMENTALIS, SEPARABILIS, ARROGANS ET SURDUS, DESTRUCTOR MAXIMUS

Nun haben wir uns allerdings mit dieser Neubeschriftung des Sockels um den Spass des Umstürzchens gebracht und ich bin mir gar nicht sicher, ob das so schlau war. Müssten wir nicht beides tun? Zuerst schubsen, während sich alle hochrappeln den Sockel neu beschriften und dann alle wieder raufdrängeln lassen. Vielleicht würde ja der eine oder andere beim Hochklettern die neue Beschriftung lesen und seine einzigartige Vernunftbegabung dafür einsetzen, darüber zu sinnieren?

Genau dazu lade ich Sie natürlich auch ein. Ich kann ja nicht wissen, ob sie zur Zeit zu denen gehören wollen, die auf dem Sockel stehen oder zu denen, die mir schubsen helfen. Oder gar zu denen, die einen deutlichen Schritt weiter sind als ich und liebevoll-geduldig zuschauen, weise wissend, dass jedes dieser Sockelmenschlein genau im richtigen Augenblick erwacht, heruntersteigt, die Gehörschutzpfopfen herausnimmt und staunt über die Stimmenvielfalt, die blühende Intelligenz des Universums - ganz ohne Schubsen und Geschubstwerden.

Gerne würde ich von Ihnen hören, was Sie zu meiner umstürzlerischen Anthropologie meinen, ob Sie entrüstet an der alten Sockelbezeichnung festhalten und feurig dafür argumentieren, ob Sie andere bezeichnende Merkmale für unsere Gattung beizubringen wüssten, ob Sie Lust haben, bei der Schubserei mirzuwirken oder ob Sie bereits am Ziel sind: einverstanden mit allem - auch und gerade mit dem aktuellen Gedränge auf dem Söckelchen: info@marpa.ch .
Und falls es Sie interessiert, wer denn diese Penelope Smith sei, die ich da ausdrücklich erwähne als eine (von einigen: sie hat erfreulich viele Schüler rund um die Welt), die nicht auf diesem Sockel steht: www.animaltalk.net oder www.tier-kommunikation.de.