Denk-Aufgabe 504 vom 6.April 2005:

 

Schönheit?

Nirgends zeigt sich die Relativität der Wahrnehmung schöner als bei der Schönheit. Die Wortschöpfung 'SCHÖN-NEHMUNG' in Analogie zu 'WAHR-NEHMUNG' nehme ich persönlich zwar nicht als formal schön wahr, aber als inhaltlich für mich wahr und deshalb im Gehalt doch schön. Das Wort 'SCHÖN-NEHMUNG' zeigt nämlich schön den individuellen, subjektiven Vorgang des Nehmens und stellt sich damit gleich auf der äusserlich sicht- und greifbaren Ebene der Wortbildung jeder Absolutsetzung entgegen - postuliere ich und versuche dies kurz zu begründen, bevor wir uns dann ganz schön der Schönheit zuwenden.

Ich behaupte also, Absolutsetzung und Allgemeingültigkeitsanspruch seien beim Vorgang des Nehmens fehl am Platz - und behaupte gleich weiter, dies sei für jedermann in seinem eigenen Erleben leicht nachvollziehbar. Denn der Vorgang des Nehmens, die Gerichtetheit des Prozesses, die Notwendigkeit von mindestens zwei Entitäten (Dinge, Gedanken, Vorstellbares) setzt einen Seinsmodus voraus, in dem es Zeit, Raum, voneinander getrennt Wahrnehmbares und die Möglichkeit von Relationen zwischen diesen getrennten 'Objekten' oder 'Was-auch-immers' gibt. Das klingt etwas abgehoben, sollte aber an einem Beispiel klarer werden:

Wenn wir irgendetwas hernehmen, z.B. die Tasse Kaffee, die vor uns steht oder die Vorstellung eines Dreihorns, dann braucht dieser Vorgang Zeit, die Zeit, die wir brauchen, die Tasse anzuheben und zum Mund zu nehmen bzw. die Zeit, die wir brauchen - bzw. die wir uns nehmen - um uns das reizvolle Bild eines Wesens mit drei Hörnern vorzustellen. Das Nehmen braucht auch Raum, wobei dies bei der Kaffeetassenbewegung etwas leichter ersichtlich ist als bei der Dreihorn-Imagination, aber seien Sie getrost, die Neurophysiologen können Ihnen die Räumlichkeit der Hirnströme zeigen. Der Vorgang des Nehmens macht schliesslich erst Sinn, wenn minimal zwei Beteiligte mitmachen: ein Nehmender und ein zu Nehmendes oder - im Nachhinein - ein Genommenes. Also Sie als Nehmende und die Tasse bzw. die Vision des Dreihorns als zu Nehmendes, Genommenes. Als weitere Voraussetzung muss der Nehmende das zu Nehmende entdeckt, erkannt, als Nehmbares eingestuft haben, völlig unabhängig davon, ob er es als Ding auf seinem Tisch, als Körperteil an seinem Körper, als Vorstellung in seinem Kopf oder als Gefühl in seinem Herzen lokalisiert. Nicht vergessen sollten wir, dass der Nehmende natürlich 'nehm-fähig' sein muss, damit der Prozess überhaupt vonstatten gehen kann: Die nehmende Entität muss alle Voraussetzungen mitbringen, muss im Zeit-Raum-Abtrennungs-Modus sein, über Wahrnehmungsfähigkeit verfügen und dann auch diese Heranholbewegung ausführen können, damit sich Nehmen ereignet.

Sind Sie bis hierher einverstanden? Sie halten das Ganze für reichlich banal? Für eine Beschreibung des 'Normalzustandes'? Einverstanden, aber mit der Beschreibung dieses Normalzustandes, des Seinsmodus mit Zeit, Raum und sich abgetrennt vorfindenden Entitäten habe ich mir immerhin ein Hintertürchen geöffnet: da könnte es also noch einen anderen, einen 'Abnormalzustand' geben - zumindest wäre der denkbar - in dem diese Bedingungen von Zeit, Raum und Abgetrenntheit nicht gleich sind - oder vielleicht überhaupt nicht gültig, nicht vorhanden? Sehen Sie Einstein winken mit seiner Raumzeit? Kommt Ihnen da vielleicht sogar Stephen Hawking in den Sinn mit seinen 'Schwarzen Löchern'? Riemann mit seiner Geometrie, in der eine Gerade immer ein Kreisausschnitt ist und die Zeitachse also letztlich ein Kreis? Heisenberg mit seiner Unschärferelation? - Wenn nicht, ist das völlig egal, jetzt wird's nämlich gleich ganz praktisch.

Wir haben zwar erst die Bedingungen, die Voraussetzungen für den Vorgang des Nehmens angeschaut, aber noch gar nicht untersucht, was denn Spezielles abgeht, wenn wir etwas nehmen. Wenn Sie die Augen schliessen, sehen Sie vielleicht eine Bewegung, die in irgendeiner Form eine Annäherung zeigt. Etwas Entferntes wird näher heran geholt und - je nach Resultat der Prüfung - wieder entfernt oder noch näher genommen, ja vielleicht sogar eingenommen, aufgenommen, verinnerlicht. Dies klappt bestens beim Kaffee, den wir - wenn er scheusslich riecht - in den Ablauf giessen und damit entfernen oder bei positivem Resultat unserer sinnlichen Prüfung schluckweise ein-, auf- und ins Innere nehmen. Es funktioniert aber auch bei der Vorstellung des Dreihorns, die wir - je nach Phantasie und einschlägigen Erfahrungen, die wir vielleicht mit Zweihörnern schon gemacht haben - entsetzt von uns weisen, wegdrängen aus unserem Gedankenreich, oder genüsslich ausmalen, speichern, in uns aufnehmen, behalten, um sie jederzeit wieder abrufen zu können. Hier zeigt sich aber bereits eine kleine Vertracktheit, ein Unterschied zwischen Innenwelt und Aussenwelt: das Entfernen des Genommenen, das Wegschmeissen geht äusserlich viel leichter als in der Innenwelt. Denn auch bei denen, die die Dreihornvorstellung gern wieder hergäben, ist sie jetzt bereits irgendwo gespeichert und Bösewichte wie ich und andere Märchenerzähler können sie jederzeit wieder hervorlocken (ich tu's, wenn ich Sie antreffe und Sie sich als Leser zu erkennen geben!). Nicht auszudenken, was das bedeutet, wenn alle Gefühle, Gedanken, Visionen, auch aller innere Müll, irgendwo gespeichert und jederzeit wieder abrufbar ist und - noch schlimmer - sich diese Abruferei gar unserer Kontrolle entzieht. Aber das ist eine andere Denk-Aufgabe.

Zurück zum Nehmen, sonst kommen wir - das wäre ja noch schöner - überhaupt nie zur Schönheit. Nehmen wäre also - nehmen Sie das wenigstens für den Kontext dieses Texts als gegeben - die Bewegung des Heranholens, des In-die-Nähe-Bringens von irgendetwas aus der Sicht dessen, der diese äussere oder innere Bewegung ausführt. Nehmen ist also eine einseitige Sache, eine Standpunkt-bezogene Relation. Das Nehmen allein sagt nichts aus darüber, was das zu Nehmende bzw. Genommene zum Akt des Nehmens meint. Es wird oft auch gar nicht gefragt, ob es 'genommen' sein will. Weder die Tasse noch das Dreihorn haben eine reelle Chance, sich unserem Nehmen zu widersetzen. Und wenn das zu Nehmende noch gefragt wird, wie bei der traditionellen Eheschliessung, dann ist es aus der Sicht des Gefragten, auch wenn er mit dem Nehmen des Fragers einverstanden ist, kein Akt des Nehmens, sondern die gegenpolare Bewegung des Gebens. Sind Sie unter diesen Umständen - Nehmen so verstanden, wie ich es hier erläutere - einverstanden mit mir, dass Nehmen ein relationaler und damit relativer, von einer Entität ausgehender, Standpunkt-abhängiger, einseitiger, subjektiver Prozess ist? Dass Nehmen also von der Begrifflichkeit her schon kein 'objektiver', 'absoluter' Prozess sein kann? (Lassen wir die Frage, ob es im Modus von Zeit, Raum und Abgetrenntheit überhaupt so etwas wie Objektivität oder Absolutheit gebe; Sie können sich vorstellen, dass ich es anzweifle). Sind Sie - innerhalb des hier vorgestellten Modells - mit mir einig, dass keiner behaupten kann, sein Nehmen sei ein allgemeingültiges, also für alle in gleicher Weise gültiges Nehmen? Habe ich damit den Boden gelegt für den Gedanken, dass auch das Wahr-Nehmen und das Schön-Nehmen relative, subjektive Prozesse sind?

Nun können Sie entgegnen, es heisse ja eben gerade nicht Schön-Nehmung, sondern 'Erkenntnis des Schönen' bei den grossen Philosophen, die das Gegenteil von mir behaupten, nämlich Schönheit sei etwas Absolutes, Allgemeingültiges und der, der sie nicht erkenne, sei halt schlicht zu blöd dazu, zu unterentwickelt, zu unkultiviert. Falls Sie dies einwenden die Philosophen sprächen von Erkenntnis des Schönen und nicht von Schön-Nehmung - , gebe ich Ihnen sogar Recht. Nur verschiebt das unser Problem einfach auf die Begriffsbestimmung von 'Erkenntnis': Fusst unsere Erkenntnis nicht auch wieder auf der Wahr-Nehmung, sei sie äusserlich (die Tasse) oder innerlich (das Dreihorn)? Und damit wären wir bereits wieder bei einer 'Nehmung'. Vielleicht hilft es, wenn ich den Stand meiner Erkenntnisse zum Thema Erkenntnis ganz kurz zusammenfasse:

In meinem Modell gibt es zwei Arten von Erkenntnis: Einerseits die rational-analytische Erkenntnis, die Wahrgenommenes zergliedert, analysiert, in Teile zerlegt, mit Hilfe des in der linken Gehirnhemisphäre lokalisierbaren rationalen Verstandes Unterschiede und Kausalverbindungen zwischen den Elementen des Wahrgenommenen fokussiert und beschreibt. Andererseits die ganzheitlich-vereinigende Erkenntnis, deren Werkzeugkasten von der Neurophysiologie in der rechten Gehirnhälfte angesiedelt wird und die sich mit dem zu Erkennenden vereinigt, diesen Nehmen-Prozess ausführt mit dem Ziel der Verinnerlichung, der Vereinigung. Damit erweitert der Erkennende das, was er als zu sich gehörig anschaute vor der Erkenntnis um das, was er zu sich herangeholt, was er zu sich genommen, mit dem er sich erkennend vereinigt hat. Wir kennen diesen zweiten Gebrauch des Wortes 'erkennen' vielleicht noch aus der Bibel, wo wir an verschiedenen Stellen Wendungen finden wie 'Und er erkannte sein Weib und sie gebar ihm einen Sohn...' - Da ist doch dieser Vereinigungsaspekt der Erkenntnis ganz konkret und körperlich gemeint, da führt eine Wahr-Nehmung über eine Schön-Nehmung zu einem äusserlichen Akt des Nehmens, der zu einer Vereinigung und letztlich zu einer Vereinigungs-Erkenntnis führt. Wenn dabei die Erweiterung der Beteiligten nicht nur in der gegenseitigen Verschmelzung gipfelt, in der Begegnung, die zu einer anderen Seins-Qualität führt, sondern sogar in der Zeugung von etwas Neuem, das sich dereinst aus der Symbiose wieder löst, entäussert, ausgetragen, hinausgetragen und geboren wird, ins Leben hinein gegeben wird, dann können wir auf dieser fasslichen, greifbaren Körperebene das Geheimnis des Kreislaufs von Nehmen und Geben, das Ausbalancieren des Nehmens durch das Gebens, des Verinnerlichen durch das Entäussern entdecken.

Aber - so schön das ist - wir waren der Schönheit auf der Spur und ich versuchte gerade die Parallelen zwischen dem Vorgang des Nehmens und dem Vorgang der Erkenntnis zu skizzieren. Genau so wie wir beim Nehmen nach dem Heranholen noch entscheiden können, ob wir das Genommene gleich wieder weit wegschmeissen oder schlucken wollen, haben wir also auch bei der Erkenntnis die Wahl, ob wir etwas nur zergliedern, zerlegen, anschauen und dann irgendwo ausserhalb schubladisieren wollen, oder ob wir unsere Grenzen dem Erkannten öffnen, es einlassen, uns mit ihm vereinigen wollen. Damit ist auch das Stichwort gefallen, das für diesen Entscheid in der Regel sehr wesentlich ist: die Grenzen. Es ist ein subjektiver Entscheid, ob wir Grenzen als schützend oder als einsperrend bewerten. Im Fall des 'Firewalls' gegen Computer-Viren, des Immunsystems unseres Körpers, der Hausmauern beim Kältesturm etc. erleben wir eher die positive, schützende Seite der Grenzen; im Stau am Zoll, bei Gefängnismauern, chinesischen, berlinischen und israelischen Mauern, bei Kontaktschwierigkeiten, Autismus, Depression, Einsamkeit erhält die negative, ein- bzw. ausschliessende Funktion der Grenzen mehr Gewicht. Sowohl das Errichten und Schliessen von Grenzen wie das Öffnen hat beides seine individuell unterschiedliche Zeit und Berechtigung. Ich lade Sie nur ein, sich diese Frage nach der Grenzöffnung bei jeder Erkenntnis zu stellen, denn sie entscheidet darüber, ob wir ein nur analytisch-trennendes oder ein vereinigendes, bewusstseins-erweiterndes Erkenntnis-Erlebnis haben. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen den beiden Erkenntnis-Arten. Die Vereinigungserkenntnis verfügt nicht über die Werkzeuge der rational-analytischen Erkenntnis, also das analytische Bewusstsein und die analytische Sprache. Im Moment, wo Abraham sein Weib erkennt und einen Sohn zeugt, wo er die Vereinigung vollzieht, ist er nicht im rational-analytischen Modus und löst wahrscheinlich auch nicht gerade Infinitesimalrechnungen. Wir kennen das (hoffentlich) alle auch auf der Ebene der Gefühle und der geistigen Glücks-Momente, in denen wir - wie vom Blitz getroffen - einen Erkenntnis-Sprung machen. Im Nachhinein können wir dann wieder das normale rationale Licht einschalten und zu beschreiben versuchen, was im Moment der Vereinigungs-Erkenntnis abging. Wir können mit unserem Buchhalter-Verstand das Erlebte einordnen, aber es hat irgendwie nicht mehr dieselbe Qualität wie das Erlebnis selbst. Dieser Qualitäts-Abfall zwischen rechtshemisphärischem Erlebnis und linkshemisphärischem Report darüber macht die Vereinigungs-Erkenntnis so verdächtig, so schwammig und damit unzuverlässig für Menschen, die ganz stark und einseitig in der linken Hirnhemisphäre zuhause sind (man sieht es oft an den einseitig ausgestalteten, 'gebrauchten' Gesichtshälften, aber Achtung: die linke Hemisphäre steuert die rechte Gesichts- bzw. Körperhälfte!). Nun sind es aber vor allem diese Letzteren, die sogenannten 'Intellektuellen', die sich in klug geschriebenen Artikeln und Büchern über Schönheit in der Kunst und anderswo auslassen. Und womit wohl? Natürlich mit dem Werkzeug, mit dem sie vertraut sind, ja oft dem einzigen, das ihnen zugänglich ist: mit der analytischen Ratio. Wenn Sie es sich antun wollen, werfen Sie einmal einen Blick in das Buch 'Kritik der Urteilskraft' des fast mit Heiligenschein umflorten Philosophen Immanuel Kant. Ich bin Ihnen nicht böse, wenn sie es sehr schnell wieder von der Nachttisch-Kante kippen und stattdessen einen schönen Wein dekantieren. Man wünscht diesem Herrn Kant wirklich von Herzen ein Erlebnis von Vereinigungs-Erkenntnis, damit er der Schönheit von der anderen Seite her auf die Spur kommen könnte (vielleicht ist er ja längst wieder da und heisst in diesem Leben nicht mehr 'Kant', sondern 'Rund' und es geht in seinem Leben runder zu, mit vielen Rundungen und Vereinigungs-Erlebnissen...).

Nun bin ich also dank oder trotz Kant endlich bei der Schönheit angelangt und kann ganz schön lapidar behaupten: Schönheit wahrnehmen, erleben, Schön-Nehmung entspricht dem Erlebnis der Vereinigungs-Erkenntnis, bedingt also eine Grenz-Öffnung. Damit wäre auch geklärt, warum wir Schönheit so individuell unterschiedlich beurteilen: wenn jeder aus leicht nachvollziehbaren Gründen - aufgrund seiner Biographie, der Erfahrungen, die er bereits gemacht hat, aufgrund des Umfeldes, in dem er lebt, seiner Bildung, seiner Kultur, seines Horizontes, seines Entwicklungsstandes - in anderen Fällen seine Grenzen öffnet, sich bei anderen Wahrnehmungen für das Heranholen, das Nehmen entschliesst und aus ihm gerade gemässen Gründen entscheidet, ob er das Herangeholte wieder wegschmeissen, genauer analysieren oder sich direkt mit ihm vereinigen will, weil sich in vielen Fällen das zu Nehmende der vielleicht angestrebten Vereinigung entziehen will und dies auf der Körperebene (hoffentlich) auch kann, kommt es zu der - aus meiner Sicht - wunderschönen Palette individueller Schön-Nehmung. Auch diese Erkenntnis - dass es bei genauem Hinsehen so viele Urteile über Schönheit gibt wie Wesen, die diese Kategorie überhaupt kennen, multipliziert mit den möglichen inneren und äusseren Entitäten, die für eine Schön-Nehmung in Frage kommen - kann man beklagen oder bejubeln, für unschön oder für schön halten. Ich halte sie natürlich für ausnehmend schön. Nicht einmal nur, weil ich ein so grosszügiger Typ wäre, der jedem seine Schönheit, seine Schön-Nehmung gönnte, sondern auch aus purem Eigennutz und weil ich ein Schönheits-Junky bin. Ich zapfe nämlich ständig die Schönheits-Wahrnehmungen anderer an und trinke mich voll damit. Klar klappt das nicht immer. So hab ich es bis heute nicht geschafft, die Begeisterung meines Sohnes über Rap-Musik nachzuempfinden und zu teilen - aber ich bin ja noch jung...

Zusatzschlaufe für bekennende Linkshemisphäriker
Der trockene Intellektuelle kräuselt die Lippen und tappt leicht verbiestert zu Nachttischkante und Kant, der doch wenigstens den Versuch unternimmt, dem ästhetischen Urteil die Zweckfreiheit des Zwecks abzuzwicken - nicht wie hier, wo wir schamlos ins praktische Erleben geschubst werden und dann doch nicht gerüstet sind für die Diskussion zwischen dem Künstler und dem Designer. Wie wollen wir uns denn da intellektuell beeindruckend einbringen, wenn dieser jenem die Zwecklosigkeit seines Tuns vorwirft, auf die jener gerade so stolz ist? - Da ich grundsätzlich tiefes Verständnis für Grosshirnakrobaten habe und selbst auch gerne mitplappere an solchen Kaminfeuergesprächen über das Wesen der Kunst, möchte ich Folgendes ins Argumentkästchen werfen: Die Unterteilung des potenziell Schönen in reine 'Kunst', die sich nach gängiger Auffassung dadurch auszeichnet, dass sie keinem konkreten Zweck ausser dem 'Kunstgenuss' dienen soll und allem Funktionalen, was oft unter dem Begriff 'Design' zusammengefasst ist, ist für die postulierte subjektive Wahrnehmung von Schönheit, die oben erläuterte 'Schön-Nehmung', völlig irrelevant. Schon die Gegenstandsbereiche unterscheiden sich gewaltig. Kunst und Design wählen einen recht winzigen Ausschnitt aus dem Wahrnehmbaren und Vorstellbaren aus: Da muss in der Regel von Menschen oder wenigstens von Maschinen, die ein Mensch erfand, etwas produziert, geleistet werden, das in die Sichtbarkeit tritt, das irgendwo transportierbar, kommunizierbar ist und der quantitativen Objektivierung zugeführt werden kann. Wenn ein Kitschbruder von meiner Sorte auch das Spinnennetz, das Vogelnest, den Fuchsbau oder Ähnliches als kunstvoll bewundert, erntet er - jedenfalls vom Hardcore-Homo-sapiens (Denk-Aufgabe 503) - ein mitleidiges Lächeln, denn was auch immer die Tiere tun, es fällt stets unter das wauschelig-praktische Etikett 'Instinkt', und da mir das stinkt, habe ich mir abgewöhnt, in solchen Fällen mit dem Kunst-Begriff zu hausieren und finde es nur noch ganz privat schön, was Tiere manchmal so zuwege bringen. Das erlaubt mir aber, den Bereich beliebig zu erweitern und ohne weitere Grenzziehung alles, was überhaupt je von irgendeinem Wesen wahrgenommen oder imaginiert wurde, als potenziell schön, als Schönheits-fähig, als bestaunbar einzustufen. Noch wichtiger als dieser Unterschied im Gegenstandsbereich scheint mir aber das meinem Modell zugrunde liegende konstruktivistische Weltbild, das - nicht nur, aber auch - in der Kommunikation die ganze Verantwortung für die Interpretation, die 'Nehmung' (ob Wahr-, Falsch, Schön- oder Grauslich-Nehmung), die Bewertung des Wahrgenommenen dem Empfänger, dem Aufnehmenden, dem Rezipienten, Schauer, Hörer, Welt-Interpreten aufbürdet. Damit fällt das ganze Thema mit der Intention des Senders, ja sogar mit dem ontologischen Status des Senders unter den Tisch. Es ist für die von mir postulierte Schön-Nehmung völlig wurst, ob es da eine nachweisbar existierende Entität gibt, die irgendetwas schafft und noch viel wurster ist es, ob ebendieses Wesen eine bestimmte, decodierbare Absicht verfolgt mit dem Geschaffenen, und am allerwurstesten ist es, ob diese Intention darauf zielte, etwas 'zwecklos' Kunstvolles oder etwas funktional 'Designtes' zu erschaffen (abgesehen davon, dass sich die Hilflosigkeit der Behauptung der 'Zwecklosigkeit' der Kunst spätestens dann zeigt, wenn - ach, ganz unbezweckt natürlich! - die 'zweckfrei' intendierte Kunst plötzlich den herrlichen Zweck erfüllt, den Künstler - oder zumindest seine Schubser und Schergen - reich und/oder berühmt zu machen.

Alle diese Fragen nach Existenz und Absichten von Produzenten mögen sich bei Verträgen stellen, immer dann, wenn irgendwelche Wesen miteinander geschäften wollen. Dann ist es freilich wichtig, ob es die Beteiligten gibt - zumindest so, dass man sie bei Schlechterfüllung des Vertrages belangen kann - und was für Absichten sie mit ihren Händeln verfolgen. Nicht dass da grössere Gewissheit herrschte, aber da verlässt man sich auf Wahrscheinlichkeiten, Erfahrung und Gespür und bestimmt nicht auf Philosophen, die sich über den ontologischen Status einer AG und dergleichen auslassen.

Mit dieser klaren Zuteilung der Verantwortung an den Welt-Interpreten für alles, was er wahrnimmt, fokussiert und bewertet, schlage ich - fast wie das tapfere Schneiderlein - noch diverse weitere Fliegen mit dem einen Schlag, der die Grenzen zwischen Kunst, Design und dem Rest des Universums wegfegte: Ich schlüpfe z.B. elegant aus dem alten und müssigen Streit, ob es denn da einen irgendwie personalen Schöpfer-Gott gebe, der das ganze Universum gebastelt habe, und ob er nun ein Künstler sei - womit die ganze Schöpfung nur noch zum Kunstgenuss benutzt werden dürfte - oder halt nur ein Designer mit etwas weniger edler Reputation, dafür aber mit der Lizenz zur Schöpfung von Benutz- und Brauchbarem. - In meinem Modell darf sich jeder so lange mit dieser - wie mit jeder andern - Frage beschäftigen, wie er will. Es ist Sache des Interpreten, das für sich - und nur für sich - zu entscheiden. Für die einen gibt es nur Materie, für die andern gibt es nur die Einheit hinter der Materie und die Materie eben gerade nicht, die ist nur Projektion, für die Dritten gibt es beides, eine Physis und eine Metaphysis, die interdependent sind, in einem Dialog stehen. - So what? Wenn jeder die Verantwortung übernimmt für die Folgen, die Auswirkungen, die sein Entscheid, sein Modell auf seine Art, wahrzunehmen und zu leben hat - wunderbar. Wenn keiner dabei vergisst, dass sein Modell nicht allgemeingültig ist und dass er sich auch in Gemeinschaftsmodellen wie z.B. Rechtsordnungen herumtreibt, die ihre eigenen Regeln haben und diese auch durchsetzen, wenn sie die Macht dazu haben, dann wäre eine kultivierte Vielfalt durchaus lebbar.

Für mich ist das Göttliche wie das Schöne grundsätzlich in allem findbar, die Frage nach Kunst, Design und Intention sowohl bei Gott wie bei Menschenwerk obsolet. Die Frage ist für mich nur, ob und wann ich es schaffe, diese metaphysischen Inhalte hinter den physischen Formen zu entschlüsseln. Immer, wenn es irgendwo nicht gelingt, übernehme ich aber die Verantwortung dafür, da ich ja jegliches Resultat meiner Welt-Interpretation für mein Bier halte. Und da ich nicht nach der Intention des 'Herstellers' des Universums und alles Imaginierbaren zu forschen brauche, kann ich mich ganz auf die Entwicklung meiner Pfadfinder-Kompetenzen konzentrieren: Die Meisterschaft wäre für mich dann erlangt, wenn ich das Göttliche in allem und jedem entdeckte, wenn ich durch alles Gestrüpp und Dickicht des von mir wahrgenommenen Robinson-Spielplatzes auch die verschlungensten Wege zu dieser Welt-Interpretation fände. - Das klingt relativ anstrengend, hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass ich an der Welt nichts zu verändern brauche, sondern nur an meiner Wahrnehmung, an meiner Einschätzung der Resultate meiner Welt-Interpretation - und dieser Zuwachs an Freiheit entspricht doch wohl einer weiteren Schneiderlein-Fliege? Dass ich diese Freiheit auch dazu benütze, durch die Brille anderer zu kucken, nicht zuletzt durch die Brille von Künstlern, die vielleicht ihre Intentionen sogar kundtaten oder -tun, die sie mit ihren Werken verfolgen. Das können durchaus Interpretationshilfen, Wegweiser sein auf meinem Weg der Welt-Aufschlüsselung. Aber sie ersetzen nie die Begegnung mit dem Du, dem Werk, dem 'Was-auch-immer', von dem ich mich ansprechen, berühren lassen will und dem ich mit meiner Zuwendung antworten, dergestalt meine Ver-Antwortung wahrnehmen möchte.
(Ende der Zusatzschlaufe!)

Machen Sie die Probe auf's Exempel. Nichts überzeugt und motiviert so wie das eigene Erleben. Fragen Sie mal in Ihrer nächsten Umgebung, wer was warum für schön halte - und schmunzeln Sie, wenn der Gefragte bald in einen Erklärungsnotstand kommt, wenn er beginnt, in Bildern oder gar paradoxen Formulierungen zu schwärmen, wenn er ins Stottern kommt und vielleicht sogar Goethe zitiert: "Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nie erjagen."

Viel Vergnügen - sowohl beim Fühlen wie beim Jagen!

Über quirlig-quasslige, bilderreiche Berichte von Vereiniguns-Erkenntnis-Erlebnissen und Schön-Nehmungen freue ich mich genau so wie über scharf analytische Bemerkungen zu meinem (abstrakten) Schönheits-Modell, dem ich zum Schluss noch einen fotografischen Schuss (konkreter) Modell-Schönheit folgen lasse:

ja ja, aus meiner Sicht natürlich - und Sie dürfen munterstens auf meinen Entwicklungsstand schliessen daraus ;-))