Kunst und Jetzt

 

Fazit der letzten Denk-Aufgabe (504) zur Schönheit war, dass die ganze Verantwortung für Wahrnehmung – nicht nur, aber auch von Schönheit, von 'Kunst' – beim Rezipienten liege, beim Wahrnehmenden, der durch seine Brille das Wahrgenommene deutet, interpretiert, wertet. – So weit, so gut, aber was ist mit dem Künstler? Die Schöpfer-Creator-Seite scheint etwas verwaist, in die Marginalität abgedrängt. Was soll sich der Künstler bemühen, Kunst zu schaffen, wenn ihm sowohl die Kürung seiner Taten in die erstrebte Kategorie der Kunstwerke und erst recht die Vergabe des Prädikats 'wertvolle Kunst' völlig entzogen sind; wenn es auf den Künstler gar nicht ankommt, er gar totgesagt wird? Und dies nicht von schrägen Phantasten, die man mit einer Handbewegung ignorieren könnte, nein, üblerweise erscholl der Ruf, der Autor sei tot, von erlauchtem Podium, ironischerweise von hochgeachteten Autoren – Lehrern am renommierten Collège de France wie Roland Barthes, Michel Foucault und anderen illustren Gestalten wie Jacques Derrida. Natürlich entbehrt es nicht der Komik, wenn Autoren ihrer ehrfürchtig lauschenden Hörerschar verkünden, sie seien tot. Zwar nicht sie selbst, denn sie verkünden ja noch etwas, aber DER Autor in seiner Funktion als verantwortlicher und die Bedeutung, die Interpretation, den Gehalt seiner Buchstabenkonglomerate bestimmender Schöpfer – der sei demaskiert, seiner Wichtigkeit beraubt, dekonstruiert, und zwar dergestalt, dass man ihn gerade so gut als 'tot' bezeichnen könne. Dass gerade diese PR-artig spektakuläre, werblich-überzeichnete Verpackung der Botschaft den Autor, der sie macht, ins Rampenlicht rückt und ihm den Glorienschein schenkt, dessen Existenz seine Botschaft negiert, ist natürlich das Sahnehäubchen der Ironie und zeigt auch bereits einen Ausweg aus der Einseitigkeit des Totseins, des in den Gulag der Irrelevanz verbannten Autors: den Jahrmarkt der Eitelkeit. Wer auch immer, wie auch immer, was auch immer für Botschaften einem grösseren Publikum präsentiert – und ich nehme mich da nicht aus – hat diesen Schuss überdurchschnittlichen Sendungsbewusstseins, dieses von Eitelkeit nie ganz freie Bedürfnis nach qualitativ positiver und am liebsten auch quantitativ bedeutsamer Zuwendung: "Schaut her, was ich zu zeigen, zu sagen habe" – Und dahinter steckt der kindliche Anerkennungshunger: "Bin ich nicht ein toller Hecht?"

 

Die Auferstehung des Autors

Nur schon wegen der Archetypizität dieses Bedürfnisses wird der Creator , der Macher, der Sender und Täter nicht aussterben, ganz ungeachtet der Tatsache, dass wir als Empfänger, als Zuschauer, Hörer, Rezipienten zwar nicht brach lägen, stürben sämtliche menschlichen Schöpfer und Erschaffer aus – wir könnten uns an die Deutung der Naturschönheiten, des nicht von Menschen Gemachten halten – , aber doch verarmten, hätten wir nichts von Menschen Gebasteltes mehr zu interpretieren. Der Konjunktiv ist berechtigt: das mit dem toten Autor (der ja konsequenterweise sämtliche Mit-Künstler mit ins Grab gerissen hätte) entpuppt sich bei näherem Hinsehen tatsächlich als ein PR-Gag. Er wurde auch längst von Kollegen in ureigenstem Interesse mit verschiedensten Argumenten aus dem frisch geschaufelten Grab heraus geholt. Das folgende Argument scheint mir (nicht nur weil es von mir ist) das stärkste zu sein: Jede Interpretation, die in eine Form gepackt wird (so deute ich den Begriff In-formatio: Wiedereinkleidung eines decodierten Inhaltes in eine neue Form) – z.B. die in Sprache gefasste Interpretation eines Werks – ist ja selbst wiederum ein Machwerk, eine Kreation und – je nach den Wertmasstäben derer, die diese Interpretation rezipieren – wiederum ein Kunstwerk. Das alte Babuschkapuppen-Phänomen holt uns ein: In jeder Rezeption steckt die Chance, sie in eine Form zu giessen, sich ihrer zu entäussern und ihr damit wieder die Gestalt einer Kreation zu geben, die wiederum rezipiert werden und in eine neue Form gekleidet werden kann – ad infinitum. Damit haben wir aber eine weitere Grenze aufgeweicht: die zwischen Creator und Rezeptor. Vielleicht taucht im einen oder andern die Erinnerung an die Formel der Creatio ex nihilo auf, der Schöpfung aus dem Nichts, die – weil unfassbar, unvorstellbar für das menschliche Bewusstsein – als differentia specifica , als auszeichnendes Merkmal Gott zugeschrieben wurde. Die Naturwissenschaft behilft sich mit Metaphern wie 'Urknall', die aber nur solange funktionieren, als man sich damit zufrieden gibt und nicht weiterfragt, wer oder was dann den Urknall ausgelöst habe. Auch die traditionelle Zuweisung der Creatio ex nihilo an Gott funktioniert nur, wenn wir Gott vom Geschöpfs-Charakter, vom Entitäts-Charakter befreien. Ein personalisierter Gott wie z.B. der jüdische, der nicht mit der All-Einheit zusammenfällt, müsste sich ja bereits wieder die Frage stellen lassen, wer denn ihn als Entität erschaffen habe. - Auf jeden Fall würde uns Sterblichen nur die Creatio ex aliquo bleiben, die Schöpfung aus 'Etwas' und dieses 'Etwas' wäre selbst wiederum eine Kreation, die wir zu verstehen, den Inhalt, Sinn freizulegen und das Verstandene wieder neu einzukleiden und weiterzugeben suchen. Dann fusste also bereits die allererste Kreation durch eine Entität auf der Rezeption und Verarbeitung eines 'Etwas', einer vorgefundenen, nicht von einer Entität gemachten Kreation. Um mit dieser paradoxen Vorstellung zurecht zu kommen, hilft die Riemannsche Geometrie mit den Geraden, die genau besehen Ausschnitte aus Kreislinien sind und die Anwendung dieses Konzepts auf die Zeitachse: wenn die Zeit eine Kreislinie ist, fallen entfernteste Vergangenheit und entferntest Zukunft in einem Punkt zusammen und die Vorstellung einer linearen Reihenfolge mit einer 'ersten Kreation' wird hinfällig. Zum selben Resultat können wir kommen über die Dekonstruktion des Newtonschen Zeit- und Raumbegriffs durch Einstein: Zeit und Raum sind nicht nur ineinander überführbar, sondern auch umkehrbar und relativ, also keine absolute Grössen. Ich gehe einen Schritt weiter und behaupte, sie entstünden erst mit dem Zerfall der Einheit in Vielheit, mit der sogenannten Subjekt-Objekt-Spaltung. Diese Spaltung generiert Raum, und das Erkennen des Raums braucht Zeit. Die beiden Hilfsfunktionen Raum und Zeit sind geboren - und können auf dem gleichen Weg, wie sie entstanden, auch wieder zum Verschwinden gebracht werden: durch die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung im subjektlosen Hier und Jetzt. Mit dieser Relativierung von Zeit und Raum und der Evozierung des Kreisbildes wird zumindest die Vorstellung etwas plausibler, dass es gar keinen Anfangs- oder Endpunkt braucht, auch nicht für die Abfolge von Kreation und Rezeption. Der Kreis, die Kette schliesst sich, die Verzahnung, die unauflösliche Zusammengehörigkeit von Sender und Empfänger, von Künstler (im weitesten Sinne) und Interpret wird plausibel – wir können den Autor wieder auf die Füsse stellen und ihm wie einem durch 'Kurz' oder 'Schlungg' gefällten Schwinger das Sägemehl vom Rücken klopfen.

 

Das todsichere Kunst-Rezept

Wenn wir alle nicht nur Rezeptoren, sondern auch Kreatoren sind, haben wir aber immer noch kein Qualitätskriterium für unsere Kreationen, die sich aus dem Meer der gewöhnlichen menschlichen Machenschaften herausheben und das Prädikat 'Kunst' ergattern möchten. Gibt es denn überhaupt rein gar nichts, was wir beachten, anstreben könnten bei unserem Machen und Kreieren, wenn wir nach 'Hohem' streben, wenn wir wirklich Kunst schaffen möchten? Was zeichnet denn die 'ewigen', die weitgehend unbestritten grossen Kunstwerke der Menschheitsgeschichte aus? Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, sollen wir versuchen, zu komponieren wie Mozart, zu malen wie van Gogh, zu schreiben wie Homer, zu bauen wie die Architekten der Akropolis? Würde uns dies – angenommen es gelänge – einen Platz unter den 'Happy Few' der 'wahren Künstler' sichern?

Ich bezweifle es. Erstens wankt diese Einschätzung je nach Zeitgeschmack. Mozart war nur als Wunderkind ein Star und starb arm, jung, bar jeder Wertschätzung. Van Gogh verhökerte seine Bilder gegen ein warmes Mittagessen in der nächsten Beiz. Und auch das Werk von Künstlern, die zu Lebenszeit bereits eine gewisse Anerkennung erhielten wie J. S. Bach (er galt zwar vielen Zeitgenossen als schrecklich modern und 'schwierig'!), konnte in der Folgezeit völlig in Vergessenheit geraten und plötzlich wieder entdeckt und hochgejubelt werden. Es ist also kein Verlass auf die Rezeption, auch wenn wir kreieren wie diejenigen, die heute gerade als die grössten Genies der Kulturgeschichte gelten. Dazu kommt, dass die Rezeption die Wertschätzung eines Künstlers bzw. seiner Werke in der Regel mit der Zeit verknüpft wird, in der sie geschaffen wurden und ein 'Malen, Komponieren, Schreiben wie ein alter Meister' mit grosser Wahrscheinlichkeit als Imitation, als Anachronismus abqualifiziert würde. Wer z.B. im heute gerade trendigen Nullbock-die-Welt-ist-Scheisse-Gott-die-Metaphysik-und-die-Romantik-sind-tot-Seele-gibt-es-nicht-Alles-ist-Materie – Zeitparadigma Künstler sein will, hat es nicht leicht, wenn er an diesen modisch-aktuellen Vorurteilen vorbei 'künstlert'. Natürlich darf er – zumindest im freieren Teil der Welt – auch wider den Zeitgeist seine 'Kunst' kreieren, unmodisch das Leben, die Schöpfung preisen mit seinem Werk wie weiland Anton Bruckner, der über jedes seiner Werke die Widmung setzte: Ad maiorem Dei Gloriam - ' Zur Vergrösserung des Lobes Gottes'. Er kann die Resultate mit etwas moderner Technik verquicken, sich vielleicht irgendwo in die Populärkultur begeben, harmonisch-romantische Songs schreiben, spirituelle Texte verfassen oder Rundbauten aus Nicht-Beton erstellen. Wenn er's geschickt macht, kommt er bei einem Massenpublikum an damit, wird vielleicht gar berühmt und reich – aber die Anerkennung der 'Arbitres elegantiarum', der Fachjurys und Nobelpreiskomitees wird er kaum erlangen, sie werden ihm wahrscheinlich vorwerfen – falls sie ihn überhaupt wahrnehmen – er sei ein Kitschbruder, ein anachronistischer Schönfärber, der die Befindlichkeit seiner Zeit, seiner Zeitgenossen nicht treffe, denn selbiger sei dank konsequenter Aufklärung desillusioniert. Man wisse heute, dass all das Gefasel von einer Metaphysis, von einer andern Welt, von Gnade und Erlösung, von einem andern Seins-Modus als dem Hineingeworfensein als isolierter Zellklumpen in eine sinnlose Welt, dass all dies Opium, Einbildung, Konstruktion sei, um die grauenvolle Wahrheit menschlicher Existenz nicht konfrontieren zu müssen.

So darf man es selbstverständlich auch sehen. Und bei aller schwächlichen Tristesse entbehrt diese Haltung nicht des Witzes und des Machtgebarens: die Tristen begnügen sich nämlich nicht mit der Verhöhnung der Fröhlichen, Glücklichen als Naivlinge und Kitschfritzen, sie beanspruchen die Desillusionierung für sich, wähnen sich im Besitz der letzten Wahrheit und bezichtigen alle anderen, in Illusionen gefangen zu sein. Die 'Wahrheit', die sie entdeckt hätten, sei zwar tatsächlich eine traurige, die die Welt als unwirtlichen Ort, das Leben als sinnlos und den Einzelnen als gefangen in seiner Isolation demaskiere, aber es handle sich dabei um die einzige, die richtige, die absolute und letzte Wahrheit. Psychologisch gesehen rettet das alle Depressiven unserer Zeit vor dem Massen-Suizid: Wer noch Machtansprüche stellt – und sei es nur um die weltweite Anerkennung der Allgemeingültigkeit der bescheidenen Einsicht, die Welt sei die Hölle (Sartre lässt grüssen: "L'enfer c'est les autres!") – der ist noch nicht ganz unten, hat sich noch nicht völlig aufgegeben, träumt insgeheim von einer 'besseren Welt', an die er vordergründig gar nicht glauben darf. Ich wage sogar zu behaupten, dass hinter dem modischen Grufti-Gehabe, der Schwarz-Sicht und Schwarz-Kleidung der tiefe Wunsch nach Farbe, nach Hoffnung glüht. Wie bei vielen einseitigen Botschaften wittere ich auch hier das Bedürfnis nach dem Antipoden, dem 'Gegner', der die eigene Einseitigkeit ausbalanciert.

 

Kunst der Vernunft oder Vernunft-Kunst?

Auch wenn die Ausführungen zu unserem Zeitparadigma, unserer 'Kultur' etwas spöttisch-bissig klingen mögen, so entspringt das meiner notorischen Ungeduld. An sich bin ich überzeugt, dass wir die Kultur haben, die wir verdienen, die uns entspricht. Noch sind wir in dieser für mich etwas gar lange währenden‚ einseitigen 'Aufklärung' mit ihrer blinden Verherrlichung der 'Vernunft', die reduziert wurde auf das analytisch-differenzierende Wahrnehmungsvemögen der linken Gehirnhemisphäre, diese sektiererisch-fundamentalistische Absolutsetzung der Rationalität als Überreaktion auf die ebenso einseitige Unterdrückung der Vernunft durch die katholische Kirche, welche – machttaktisch einleuchtend – den unabhängigen Gebrauch der Rationalität als Instrument der Emanzipation des Individuums unterdrücken musste, wollte sie ihre Monopolstellung halten als einzige, den Zugang zum Seelenheil vermittelnde Institution. Aber anstatt den Kampf auf der Ebene der Machtpolitik auszufechten, schwappte er auf die Ebene der Welterklärungsmodelle und Heilslehren über und so wurde das eine fundamentalistische Modell einfach durch ein anderes ersetzt, der Teufel 'Kirchengläubigkeit' mit dem Beelzebub 'Rationalitätsgläubigkeit' vertrieben.

 

Die Crux mit dem subjektiven Geschmack

Zurück zu unserem Künstler, der nach Kriterien für seine Kunst, nach Leitplanken für sein Schaffen sucht: Der Zeitgeschmack allein taugt also wenig für den, der sein Tun nicht einfach nach dem monetären bzw. medialen Erfolg misst. Und das Bedürfnis nach einer Leitplanke für das eigene Schaffen ist verständlich, auch wenn das zu findende Kriterium keine Gewähr bietet, dass es auch von den potenziellen Rezipienten angewendet wird – und noch weniger, dass sie damit zum selben Resultat kommen wie der kreierende Künstler, der so gerne sein Tun allgemeingültig scheiden möchte in 'Kunst' und 'übriges Schaffen'. Denn es ist nicht nur der näher liegende Fall denkbar, dass der Künstler ein eigenes Werk als Kunst einstuft, dieses aber von einer Mehrheit der Rezipienten als Kitsch, als Design, als hübsches Nutzding oder gar als nichtsnutzig-überflüssiger Nonsens bezeichnet wird, sondern auch der zugegeben seltenere Fall, dass der Künstler etwas von ihm Hergestelltes als Fingerübung, als bedeutungslose Etüde einstuft und diese von der Rezeption dann als grandioses Kunstwerk verehrt wird (so geschehen z.B. beim 'Bolero' von Maurice Ravel: die Orchestrierungsübung für Kompositionsschüler wurde – zu seinem grossen Ärgernis – sein berühmtestes Werk).

 

Kunst – jenseits von Ich, Zeit und Raum?

Wagen wir eine These zum gesuchten Kriterium für Kunst:

Das Merkmal, das die Kunst aus dem Meer unseres gewöhnlichen Schaffens heraushebt, ist die Losgelöstheit von Ich, Zeit und Raum.

Ich, Zeit und Raum sind die drei Parameter der Subjekt-Objekt-Spaltung, und diese entspricht dem Seins-Modus des 'Im-Diesseits-Seins', des Inkarniertseins in einem Körper in der materiellen Welt, der Physis, der inneren und äusseren Befindlichkeit, die unserem rational-analytischen Bewusstsein zugänglich ist. Das klingt reichlich abgehoben und verlangt nach Konkretisierung. Ich versuche es zuerst mit Paraphrasierungen und Metaphern: Kunst ist Jetzt-Qualität ; Jetzt im Sinne der Einfallsachse der Einheit in die Vielheit, des Verbundenen ins Getrennte. Kunst ist ein Fenster zur Ewigkeit , ein Verbindungskanal zur Metaphysis. Ex negativo ist Kunst losgelöst, unabhängig sowohl vom Ich des Künstlers wie von der Funktionalität in Zeit und Raum. Der Begriff der Funktionalität bedarf der Präzisierung: wenn Kunst ein 'Fenster zur Ewigkeit' ist und in die 'Jetzt-Qualität' führt, hat sie ja auch wieder Funktion, Zweck und Ziel: eben genau diese Funktion des Fensteröffners, den Zweck des Hinführens mit dem Ziel des Ankommens im Jetzt. Ich meine also nur die Freiheit von der Funktionalität innerhalb von Zeit und Raum'. Kunst führt aus Zeit und Raum hinaus. Auch das Postulat der Unabhängigkeit vom Ich kann kein absolutes sein, denn wer als Künstler, als Schaffender wirkt, hat ein Ich und kreiert sein Werk innerhalb von Zeit und Raum. Das Kriterium ist also nicht messerscharf. Es gibt nur die Tendenz, die Zielrichtung an, in die sich ein Künstler bewegen, eine Leitplanke, an die er sich halten kann. Aber als solche ist sie meines Erachtens sowohl für den kreierenden Künstler wie für den interpretierenden Rezipienten tauglich, auch wenn die Trennungslinie für jedes Subjekt an einem anderen Ort verläuft. Gesucht ist immer ein möglichst hohes Mass an Distanz zum Ich des Künstlers bzw. des Rezipienten und zur zeiträumlichen Funktionalität, also intentionaler Abstand von Nutzen, Brauchbarkeit und ökonomischem Wert eines Werks. Mit dem Ausdruck 'intentionaler Abstand' will ich den Künstler von der Verantwortung für die Rezeption abkoppeln. Wenn er ein Werk schafft ohne die Intention auf Nutzen, Brauchbarkeit und ökonomischen Wert zu richten, die Rezeption aber - vielleicht erst posthum wie bei Van Gogh - die Werke zu ökonomischen Bestsellern macht oder etwas als 'Kunst' Konzipiertes zum nützlichen Design-Stück umfunktioniert, so ist dies nicht dem Erschaffer anzulasten und nimmt seinem Werk nicht ex post den Kunst-Status.

Damit nähere ich mich doch wieder Kant mit seinen Bemühungen, die 'Zwecklosigkeit' zum Kriterium der Kunst zu machen. Aber es ist mir wichtig, die Kant'sche Zwecklosigkeit in meiner Terminologie zu differenzieren: Je weiter wir uns von den 'diesseitigen' Funktionen Ich, Zeit und Raum entfernen und uns der Funktion der Jetzt-Qualität widmen, der möglichst hohen Präsenz im Jetzt, die uns als Schaffende oder Rezipierende sowohl uns selbst und unser zeiträumliches Sein, wie auch all unsere diesseitigen Bestrebungen vergessen lässt, desto stärker erfüllt sich die Anforderung an den hier postulierten Kunst-Begriff. Damit haben wir ein zwar nur subjektiv gültiges, aber doch recht verlässliches Kriterium gefunden, mit dem wir eigenes und fremdes Schaffen auf einer Skala zwischen den Extremwerten 'Reine ich-zeit-raumlose Kunst' und 'Reine ich-zeit-raumgebundene Funktion' einteilen können.

 

Das Gleschterspältchen zwischen Kunst und Markt

Nur spielt mir jetzt mein konstruktivistisches Weltbild, das auf jegliche Absolutheitsansprüche verzichtet und die ganze Verantwortung für jedes Werturteil ausserhalb eines klar umgrenzten Modells dem Rezipienten auflädt, einen neckischen Streich. Denn in meinem Modell kann dasselbe Werk für den Einen ich-zeit-raumlose Kunst, für den Andern ich-zeit-raumgebundene Funktion sein. Wenn ein Mensch mit dem für mich liebenswert-simplen Weltbild eines Klaus Stöhlker mit der Maxime an Kunst herangeht "Gut ist, was sich verkauft", dann bleibt auch das grossartigste aller grossartigen Kunstwerke ein ich-zeit-raumgebundenes funktionelles Ding, mit dem ein Ich in nutzbringender Zeit möglichst viel Zaster in seinen Tresor-Raum holen kann. Der liebe Herr Stöhlker kommt in meinem Modell also gar nie in Kontakt mit Kunst, was ihm allerdings piepegal sein kann, wenn es ihm um Piepen geht. Ihn interessiert das Fenster nach unten zum Tresorraum, nicht das nach oben zur Ewigkeit. Nun, das ist weiter kein Problem, denn er hindert andere Rezipienten ja nicht daran, dasselbe Werk völlig anders zu interpretieren. Er verrammelt das Fenster nach oben nicht. Jeder kann und darf also durch das Fenster schauen, das ihm gemäss ist.

Umgekehrt kann bereits ein Farbklecks, ein Akkord, eine Fassade, ein Wort den Schöpfer desselben oder einen Rezipienten ins Jetzt katapultieren, kann ihn sein Ich, die Zeit ( Chronos als den quantitativen Aspekt der Zeit) und den Raum (seine Extensio als Wesen in einem ausgedehnten Raum) vergessen lassen – und damit das, was dieses Jetzt-Erlebnis auslöst, zur Kunst erheben. Aus der Sicht des Rezipienten ist es wiederum egal, ob überhaupt ein Creator auszumachen ist. Das einzige, was für den Rezipienten zählt, ist die Auslösung des Jetzt-Erlebnisses, des Augenblicks höchsten Gewahrseins mit den Nebenwirkungen des Verblassens von Ich, Zeit und Raum. Dies mag für denjenigen unbefriedigend sein, der mit dem Kunstbegriff zwingend das Können, das Beherrschen von handwerklichen Techniken verbindet - und für den Kunst notwendig 'von Menschen gemacht' sein muss. Mein Kunstbegriff ist weiter, und ich bediene mich des Unterbegriffs 'Kunsthandwerk' für all das, was Menschen-gemacht sein muss und auf handwerklichem Können beruht.

 

Try and error?

Schön und gut, aber ist damit dem Künstler geholfen? Muss er einfach ausprobieren, ob etwas von ihm Geschaffenes bei ihm selbst und allenfalls bei gewissen Rezipienten dieses 'Fenster zur Ewigkeit' aufreisst und dann immer wieder versuchen, Ähnliches zu schaffen? Gibt es wirklich nur diese etwas gar darwinistisch-einfach anmutende Try-and-error-Methode, die Erinnerungen an Witze der Marke 'Irrtum, sprach der Igel und sprang vom Kaktus' weckt? – Ich will's nicht glauben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf und versuche, diesen munteren Glauben mit einer kleinen Untersuchung der Entstehung solcher Jetzt-Erlebnisse zu stützen. Wir können dazu sowohl die eigene Erfahrung anzapfen wie die uns Nahestehender. Was löst bei uns, bei andern ein Jetzt-Erlebnis, einen Augenblick höchster Präsenz aus? Wie werden denn diese 'Fenster zur Ewigkeit' aufgerissen? Was für Dinge, Töne, Werke, Erlebnisse haben dies bei uns, bei andern schon bewirkt? Gibt es einen gemeinsamen Nenner?

 

Die gute alte Liebe

Ich bin mir da für mein Erleben – und auch für das einiger anderer – recht sicher: da ist immer Liebe mit ihm Spiel. Ich meine sogar eine direkte Proportionalität zwischen der Chance für Jetzt-Erlebnisse und der Qualität der beteiligten Liebe ausmachen zu können: Die Erfolgsquote der beteiligten Liebe wächst parallel zur Bedingungslosigkeit, zur Losgelöstheit vom Materiellen. Unter diesem Kriterium kann man die Liebe in mehrere Kategorien unterteilen von der bedingungsreichsten, 'materiellsten' Form der Libido (Triebliebe) über den Eros (erotische Liebe), die Philia (freundschaftliche Liebe) bis zur Agape (bedingungslose, immaterielle All-Liebe). Das ist – trotz wohlklingender Graezismen – eigentlich trivial, denn je weniger Bedingungen wir beim Lieben stellen, desto mehr entfernen wir uns von unserem Ich mit all seinen Forderungen nach Macht, Ruhm, Besitz, Geld etc., die es gern ganz diesseitig in Zeit und Raum erfüllt haben möchte. Es wäre also die Liebe, die Richtung Agape tendiert, die am meisten Chancen hat, Kunst im Sinne des 'Fensters zur Ewigkeit' zu schaffen. Aber Liebe ist – so wie ich sie fasse – auch Antonym zu Rationalität. Denn sie zielt auf Vereinigung, auf Synthese und balanciert das Analytisch-Trennende der Ratio aus. Damit hat sie aber wenig Platz in einem Zeitparadigma, das noch so stark im Zeichen der Rationalität, der Vernunftgläubigkeit steht und Liebe pejorativ als 'irrational' abwertet. Ich versuche diese Abwertung zu neutralisieren durch die Begriffswahl und nenne den Bereich jenseits des Rationalen supra- oder metarational. – Dass trotz unseres rationalistischen und materialistischen Zeitparadigmas doch immer noch Kunst geschaffen wird, ist tröstlich. Offensichtlich lassen sich archetypische Urmuster wie das Bedürfnis nach Liebe und nach Sinnfindung nie nachhaltig unterdrücken. Natürlich ist das Trennungspotenzial unserer Zeit beeindruckend: im Mikrokosmos gelang die Kernspaltung und die Aufschlüsselung des genetischen Codes, im Makrokosmos immerhin die Möglichkeit, mit ein paar wenigen Bömbelein sämtliche derzeit auf dem blauen Planeten kreuch- und fleuchenden Entitäten vom Leben zu trennen. Aber auch das Vereinigungspotenzial zeigt sich, vorläufig vielleicht noch eher in wirtschaftlich-politischen Phänomenen wie der Globalisierung, dem Zusammenrücken der Völkergemeinschaft in Organisationen wie der EU, der UNO, der WHO, Institutionen wie dem Internationalen Strafgerichtshof, aber auch religiösen Öffnungsbewegungen wie der Ökumene. All diese vielleicht noch stark im Äusserlich-Materiellen, Zweckgebundenen verhafteten Erscheinungen sind m.E. doch nicht zu unterschätzende Zeichen von Vereinigungs- und Solidarisierungstendenzen mit grossem Potenzial. Für mich ist es eine Frage der Zeit, bis auch die für meinen Kunst-Begriff relevante Ankoppelung an die Transzendenz - im Sinne einer Vereinigungs-Entwicklung von Physis und Metaphysis - wieder erfolgt und sich nach den beiden Extremausschlägen der letzten zweitausend Jahre eine Zeit der Balance dieser Gegenpole ankündigt.

 

Teures Liebesglück…

Ich postuliere also in keiner Weise das 'Zurück ins Mittelalter', sondern ein achtsames Vorwärts Richtung Balance. Aber der Blick in die Vergangenheit kann Hilfsfunktion auf diesem Weg haben. Wenn ein Künstler wie Bruckner alle seine Werke unter das Motto Ad maiorem Dei Gloriam stellte, so ist dies zumindest ein Hinweis auf eine Haltung, die wir ja in moderner Einkleidung einnehmen könnten. Es ist die Haltung des Künstlers, der nicht sich selbst vergöttern, sein Ich erhöhen will mit seinem Werk, sondern mit seinem Schaffen versucht, diese vertikale Bewegung nach oben zu initiieren. Wenn eine Gemeinschaft in früheren Kulturen einen Tempel, ein Gotteshaus baute, dann steckte in der Regel eine andere Grundhaltung dahinter, als wenn heute eine Mehrzweckhalle erstellt wird. Ich sage bewusst 'in der Regel', denn man kann auch eine Kathedrale mit ganz diesseitigen 'horizontalen' Machtzielen bauen. Und es gibt natürlich alle Schattierungen von Verquickungen beider Ziele. Beim selben Künstler bzw. beim selben Rezipienten kann dasselbe Werk je nach situativem, psychischem, entwicklungsmässigem Kontext tendenziell einmal den vertikalen Kunstaspekt, einmal den horizontalen Funktionsaspekt ins Zentrum rücken. Und doch sind wir einen kleinen, aber wesentlichen Schritt weiter. Denn wir haben ein Modell zur Erfassung von Kunst, das uns weit mehr vermittelt als nur den theoretischen Genuss der Einteilung der Welt in Kunst und Nicht-Kunst – eine Etikettierung, die allein für sich genommen über etwas wenig Glücksrelevanz verfügt. Wir haben eine Anleitung zum Kunst-Erlebnis, die sowohl für den Künstler wie für den Interpreten taugt und die – das sei hier als These trunken (glückstrunken natürlich) behauptet – über ein gewaltiges Glückspotenzial verfügt und unsere Weltwahrnehmung, ja unser ganzes Deuten und Umgehen mit Welt entscheidend prägen kann. Denn diese 'Fenster zur Ewigkeit', die uns Kunst öffnen kann, lassen uns eine im höchsten Grade glückshaltige Luft atmen. Da wir in solchen Momenten frei werden von allen Bedingt- und Beschränktheiten unseres Ichs, können wir fliegen: hinaus aus Haut, Haus und haudriger Zeit. – Doch diese Freiheit hat ihren Preis. Aus der Sicht eines ganz im diesseitigen Nützlichkeitsdenken verhafteten Subjekts ist ein Kunsterlebnis im hier geschilderten Sinne reine Ressourcen-Verschwendung: verlorene Zeit, vergeudeter Raum und – zumindest vorübergehender – Verlust an Persönlichkeitsprofil.

 

Was ein Fenster so alles hergibt…

Ich habe wiederholt die Metapher vom 'Fenster zur Ewigkeit' verwendet. Ich möchte das Bild auch ganz konkret fassen, zumindest wenn wir Ewigkeit im ursprünglichen Sinne als 'Zeitlosigkeit', 'Modus jenseits von quantitativer Zeit' verstehen. In meinem Begriffsverständnis ist Kunst eine der Zugangsmöglichkeiten zu dieser anderen Ebene, zur hinter, jenseits der Physis, meta physei liegenden Ebene: zur Metaphysis. Durch das Fenster der Kunst können wir hinausfliegen in diesen Modus der Zeit-Raum-Ichlosigkeit. Doch dies ist erst die männliche, die animuslastige, aktive Interpretation des Begriffs 'Fenster'. Wir können auch den Anima-Aspekt der Aufnahmebereitschaft, der Empfängnis betonen: Das Fenster gibt dem, der es will und der die Augen auf es richtet, einen Ausblick auf jenseits von ihm Liegendes. Es braucht den bewussten Akt des Hinsehens und die Bereitschaft, auch etwas zu erkennen vom jenseits Liegenden – und wenn dieses Hinsehen und Aufnahmewilligsein aus einer liebevollen Haltung heraus geschieht, erhöht sich die Chance, dass uns die Gnade eines Jetzt-Erlebnisses zuteil wird. Wem das Wort 'Gnade' zu sehr nach Kirche riecht, den kann ich nur einladen, beim nächsten Einschlaf-Versuch an die Gnade des Einschlafen-Dürfens zu denken und sich anhand dieses Beispiels mit dem entschlackten Gebrauch des Wortes anzufreunden: Gnade im so verstandenen Sinne meint schlicht, sich etwas Angestrebtes schenken zu lassen, es nicht erzwingen zu wollen oder nicht erzwingen zu können.

 

Profanes und Sakrales

Nun ist es denkbar und vertretbar, gar nicht hinzusehen zur Kunst, zu diesem Fenster der Ewigkeit; oder aber wir kucken zwar angestrengt hin, können aber nichts erkennen. Dies tut unsere 'Kultur' seit geraumer Zeit – zumindest die noch vorherrschenden, im aktuellen Zeitparadigma verhafteten Kunst-Diskurse. In Wirklichkeit sind es natürlich nie alle Mitglieder einer Gesellschaft, die sich einem Zeitparadigma beugen, sich assimilieren an das, was gerade als 'richtig' oder 'gültig' verkauft wird. So gab es auch in der mehrhundertjährigen Periode der so genannten 'Aufklärung', der Institutionalisierung der Rationalitäts-Religion als Reaktion auf Jahrhunderte des Machtmissbrauchs durch die Kirche, die im Versuch der völligen Abkoppelung vom Sakralen, von der Metaphysis gipfelte, immer wieder Künstler und Kunstinterpreten, die verbunden blieben in der Vertikalen, die das Einfallen der Transzendenz in ihr Schaffen bzw. ihr Welt-Deuten zuliessen. Aber dies sind Ausnahmen in einer abgekoppelten, profanen, sich 'aufgeklärt' wähnenden Welt. Wenn mein Kunstbegriff aber an das Erlebnis des Vertikalen gebunden ist, an das, was ich hier unter den Begriff des Sakralen subsumiere, so gibt es keine Kunst des Profanen, ist 'profane Kunst' ein Widerspruch in sich selbst. Profanes kann hochfunktional sein, da kann wunderschönes Design, brillante Unterhaltung, pädagogisch Nützliches geschaffen werden – solange es nicht aus dieser bedingungslos liebenden Haltung kreiert ist, die irgendwie und irgendwo den Kontakt zur Transzendenz sucht, fällt es für mich unter dem Aspekt des Schöpfers, des Künstlers, nicht unter Kunst. Der Begriff des Sakralen gerät vielleicht für einige zum Stolperstein. Wie ich den Begriff verwende, hat er mit den äusseren Einrichtungen und Organisationsformen institutionalisierter Religionen nichts zu tun. Mit dem Sakralen versuche ich dem Profanen, dem auf diesseitige Zwecke Fokussierten ein Antonym gegenüberzustellen. Das Profane ist das Horizontale, das mit Kausalketten Diesseitiges verknüpft. Profan und Profit haben in unserer Kultur mehr als nur die ersten vier Buchstaben gemeinsam: Was aus profanen Motiven geschaffen wird, soll einen benennbaren diesseitigen Zweck erfüllen – und der Lieblingszweck in einer dem Materiellen verpflichteten Kultur ist der Profit. Das Sakrale ist das Vertikale, das mit Analogien den Boden zu schaffen versucht für den Dialog zwischen Immanenz und Transzendenz, Diesseits und Jenseits, Physis und Metaphysis. Rituelles Tun kann sakrales Tun sein: mit höchster Achtsamkeit und Präsenz etwas tun, was keinem vordergründigen Zweck dient, keinen praktisch-konkreten Nutzen hat, sondern den Beteiligten helfen soll, aus ebendieser Zweckbezogenheit und Ich-Verhaftung herauszufinden und damit die Voraussetzungen zu schaffen für den Kontakt zur Transzendenz. Ritual und Kunst haben ein gemeinsames Ziel und es ist nicht verwunderlich, dass sich die beiden Bereiche überlappen: Kunst kann rituell entstehen, Rituale adeln Profanes zu Sakralem, können 'Gewöhnliches' zu Kunst transzendieren.

 

Der Künstler als Relais-Station

Kriterium für denjenigen, der Kunst schaffen will, ist also im hier vorgestellten Modell zuerst einmal die Motivation, die Grundhaltung des Künstlers: Wer politische, soziale, informative oder sonst in der Physis nützliche Zwecke erreichen will, schafft Produkte, die vielleicht 'kunstvoll gemacht' sind und für viele Rezipienten neben dem Produktenutzen zusätzlich eine unterhaltende, erfreuende Wirkung haben – er ist (Kunst-)Handwerker oder Designer. Wer demgegenüber mit seinem Tun den Kontakt 'zur anderen Seite', nach 'oben', zur Welt der Inhalte, Ideen, zur 'Schöpfung hinter dem Geschöpften', zur 'Einheit hinter der Vielheit' herstellen will, und wer dieses Bestreben in irgendeiner Form entäussert, zugänglich macht, diesen Inhaltsaspekt in Form giesst, der kann Kunst schaffen. In der Entäusserung versuche ich die differentia specifica zum reinen Innenvorgang zu fassen, bin mir aber bewusst, wie osmotisch durchlässig und unscharf auch diese Grenzziehung ist. Denn aus konsequent neurophysiologischer Sicht ist jede als Hirnstrom nachweisliche Gedanken- oder Gefühls-Tätigkeit bereits eine Entäusserung. Aber Entäusserung kann intendiert sein oder vermieden werden wollen und ich meine, dass zum Kunstbegriff nicht nur der oben beschriebene Versuch der Kontaktnahme mit der Metaphysis gehört, sondern auch der Versuch, das Resultat dieser vertikalen Kontaktnahme auf der horizontalen Ebene zur Verfügung zu stellen, den Mitwesen, den Elementen der Vielheit diesen Einfall der Einheit in die Vielheit zugänglich zu machen. Als simples Bild kann die Vorstellung einer Funkstation dienen: der Künstler bemüht sich nicht nur, für sich selbst eine Satellitenverbindung herzustellen, er lässt auch andere in Kommunikation treten über den Satelliten, ohne die Inhalte der Kommunikation dieser andern zu determinieren. Nun mag dies nach einer technisch aufgepeppten Version der Priesterfunktion klingen – und das ist gar nicht so falsch. Für mich ist der Künstler derjenige, der kraft seines Talents, seiner Kompetenz und seiner Haltung Relaisstation zwischen Physis und Metaphysis, zwischen Transzendenz und Immanenz spielen kann. Der Unterschied zum Priester liegt einerseits in der Unabhängigkeit von jeder Form institutionaliserter Religion und andererseits im Qualitätsanspruch an die Form der Entäusserung, an die Einkleidung des Inhalts in wahrnehmbare Form. Ein gemeinsames Gebet, eine Gruppen-Meditation kann die Relais-Funktion ebenso erfüllen wie Kunst, aber sie brauchen dem Qualitätsanspruch an die formale Einkleidung nicht zu genügen. Damit haben wir ein unscharfes Element mehr in unserem Kunst-Kriterium, denn dieser Qualtiätsanspruch ist in stetigem Wandel begriffen innerhalb und ausserhalb jedes Subjekts, jeder Gemeinschaft, jeder Kultur.

 

Unbehagen im Kleinstaat des Subjekts

Mit der Relaisfunktion ist ein erster Schritt aus der Isoliertheit der subjektiven Kunst-Wahrnehmung getan. Denn wie immer im Umfeld von konstruktivistischen Welterklärungsmodellen regt sich das ungute Gefühl, sich in der völligen Geschlossenheit der Subjektivität, in der eigenen und nur eigenen Welt zu verfangen. Begleitet wird dieses Unbehagen meist vom Erwachen der trotzigen Überzeugung, dass sich doch offenkundig viele Entitäten über einen nicht unerheblichen Ausschnitt ihrer Wahrnehmung einig seien, dass über das Vorhandensein der gemeinsamen Welt, der Physis unter den 'Normalen', mit 'gesundem Menschenverstand' ausgestatteten Wesen wenig Dissens bestehe, dass dieser nur Facetten und Bewertungen der 'gegebenen Realität', der 'Wirklichkeit' betreffe. Dies war auch die heftigste und häufigste Kritik, die gegen die These der Geschlossenheit autopoietischer Systeme vorgebracht wurde, wie sie prominent von Maturana und Luhmann vertreten wurde. Die Thematik des 'Normalen', des 'Common Sense' wird Gegenstand einer späteren Denk-Aufgabe sein. Hier nur die Skizze meines Lösungsansatzes:

 

Archetypizität und 'Normalität'

Aufgrund der Archetypizität der Wahrnehmungsstruktur, aber auch der Wahrnehmungsinstrumente einer Entitätsgattung – z.B. des Menschen – ist die Nähe und Verwandtschaft der Weltwahrnehmungen bzw. Weltkonstruktionen nicht verwunderlich. Der Projektionsvorgang von innen nach aussen ist in höchstem Grade archetypisch, d.h. je tiefer wir suchen, desto ähnlicher sind sich die Projektionen der Innenanteile, die vom Subjekt als 'Welt' wahrgenommen werden. Gerade diese Ähnlichkeit, Verwandtschaft der Weltwahrnehmungen verleitet – verstärkt durch die verbindende, aber auch Unterschiede nivellierende gemeinsame Kultur von unter gemeinsamem Zeitparadigma Lebenden – zur Absolutsetzung, zur Proklamation der Allgemeingültigkeit und 'Wahrheit' dessen, worüber bei der Mehrheit der 'Normalen' Konsens herrscht. Auf den ersten Blick klingt das praktisch und funktional. Die Ausreisser, die Ausnahmen dürfen den möglichen Konsens nicht behindern, sind nötigenfalls auszumerzen oder zu ghettoisieren. So gehen wir bereits mit einem grossen Teil der Entitäten um – z.B. mit Tieren, Pflanzen, natürlichen Ressourcen, Kranken, Alten, Fremden. Der Schritt zur Aussonderung missliebiger Entitäten als 'Abnormale', zu ethnischen Säuberungen, zu Rassentheorien, Hierarchien von Entitäten aufgrund von Macht und/oder Quantität, Mehrheit und damit der Weg Richtung Auschwitz ist nur eine Frage der Konsequenz dieser so harmlos klingenden Promovierung des 'gesunden Menschenverstands'. Denn es gab und gibt immer wieder Zeiten, in denen einer bestimmten Sorte Entitäten das Prädikat 'lebenswert' entzogen wird. Dazu brauchen wir weder tief in die Vergangenheit noch fern von uns zu suchen. Wahrscheinlich reicht bereits ein Nachdenken über unseren Umgang mit Mücken und Fliegen, um fündig zu werden.

 

Modelle zwischen Normalitätsdogma und Isolationshaft im Subjekt

Es gibt aber Lösungsansätze zwischen dem einen Extrem der Absolutsetzung dessen, was für eine Meinungs- oder Macht-Mehrheit gerade als 'normal', 'gesund', 'vernünftig' gilt und der völligen Isolation des Einzelnen in seinem 'autopoietischen', also selbstgebastelten System. Ein Ansatz besteht in der Möglichkeit jeder Gemeinschaft, transparente, funktionale, d.h. immer auch wandlungsfähige Modelle zu schaffen wie z.B. Rechtsordnungen, die bedürfniskonform und lösungsorientiert die Interaktionen zwischen den Modell-Benutzern regeln. Einen weiteren, für die Kunst m. E. besonders fruchtbaren Ansatz sehe ich im Angebot von Zugängen zu Jetzt-Erlebnissen, das unabhängig von Zeit, Raum und beteiligten Subjekten – also irgendwann, irgendwo von irgendwem – genutzt werden kann.

Horizontal: Kunst-Diskurs innerhalb von Modellen

Damit grössere Gemeinschaften sich über Kunst austauschen können, brauchen sie bloss Modelle, deren Axiome, Gegenstandsbereiche und Funktionen zu bestimmen. Innerhalb einer solchen Diskursgemeinschaft können dann klare und beliebig eingegrenzte Kriterien festgelegt werden. So kann eine kunstgeschichtliche Diskursgemeinschaft bestimmen, dass sie innerhalb einer bestimmten Epoche oder Schaffensperiode die Werke eines Künstlers unter einem oder mehreren bestimmten Aspekten untersucht und beurteilt. Damit wählt sie bewusst, gezielt und transparent Ausschnitte aus, bestimmt relevante Aspekte und klammert bewusst Fragestellungen aus wie z.B. die Frage, ob es sich bei den untersuchten Werken überhaupt um Kunst im Sinne meines Modells handelt. In einem solchen diskursiven Kunstuntersuchungsmodell kann die Erfüllung der gewählten Ansprüche und Kriterien mit grosser Genauigkeit und Stringenz festgestellt werden. Das skizzierte Vorgehen scheint mir für einen pädagogischen Diskurs angezeigt und hilfreich auf dem Weg in die Selbständigkeit als Kunstschaffender oder Kunstrezipient, solange das jeweilige Modell nicht absolut gesetzt und die innerhalb des Modell-Rahmens gefällten Werturteile nicht für allgemeingültig, für über das Modell hinaus 'wahr' oder 'objektiv richtig' erklärt werden.

Vertikal: Kunst-Erlebnisse im Jetzt

Die oben beschriebenen subjektiven Jetzt-Erfahrungen, die über Ich, Zeit und Raum hinausweisen und die das einzelne Subjekt sowohl als Creator wie als Rezipient erleben kann, wenn es das 'Fenster zur Ewigkeit' benutzt, sind auch in hohem Masse gemeinschaftsfähig und gemeinschaftsbildend. Ja, das Phänomen der Kommunikation, also des Austauschs, des Teilens, kann von der horizontalen Ebene – z.B. des gemeinsamen Musizierens – auf die vertikale Ebene umschlagen, das Öffnen des Ewigkeits-Fensters bewirken und damit das Jetzt-Erlebnis auslösen: Der Beitrag des einzelnen Musizierenden geht auf im Orchester- oder Chorklang, der sowohl vom Musizierenden wie vom Rezipienten als neues Phänomen erlebt werden kann, das weder ohne ihn noch allein durch ihn möglich wird. Diese Erfahrung kann die eigenen Ich-Grenzen relativieren und das Erlebnis von Ort und Zeit vom quantitativen zum qualitativen Aspekt kippen lassen. Wichtig ist nicht mehr der geographische Ort, sondern der Klangraum, nicht mehr der messbare Zeitraum, sondern die Beglückung des Klangs-im-Jetzt. Auf den ersten Blick scheint es paradox, dass sich gerade das Musizieren für Jetzt-Erfahrungen eignen soll, wo es doch so deutlich an ein ausführendes Ich, einen Klang erst ermöglichenden Raum und an die rhythmisch strukturierte Zeit gebunden ist. Noch verwirrender mag es klingen, wenn ich behaupte, dass die Chance für ein Jetzt-Erlebnis steigt mit dem Mass der Ich-Stärke und der Beherrschung des quantitativen Raum-Zeit-Aspekts, also der Beherrschung des Instruments, der Klangerzeugung und des gespielten Werks auch in seinem zeitlichen Ablauf. Ich sehe die Erklärung darin, dass das Beherrschen der Technik und die Ich-Stärke uns erst frei machen für einen Ausflug. Solange wir mit technischen Unsicherheiten und Ich-Schwäche beschäftigt sind, bleiben wir Gefangene dieser Parameter. Der Könner hingegen wird frei – und der Meister nutzt diese Freiheit um über Ich, Zeit und Raum hinaus zu wachsen, sich mit dem Klang, den Mitklingenden zu vereinen zu einem neuen Ganzen.

 

Vereinigung der Gegensätze

Hinter diesem vermeintlichen Paradox verbirgt sich das Geheimnis der archetypischen Zusammengehörigkeit der Gegensätze, der Notwendigkeit ihres Wechsels und ihrer ständigen Ausbalancierung, solange wir im Modus der Subjekt-Objekt-Spaltung mit Zeit, Raum und abgetrennten Entitäten sind. Einatmen und Ausatmen bedingen sich, sind sich gegenseitig Voraussetzung, Causa und Wirkung. Das vereinigte, übergeordnete Phänomen 'Atem' erschliesst sich uns zuerst nur als Oberbegriff, als Abstraktum, als Idee. In der Praxis der Realisation bleiben wir an die Sinuskurve von Ein und Aus gebunden. Das Verlassen von Ich, Zeit und Raum ist beim physisch-organischen Atem gleichbedeutend mit dem Tod. Erst die Transzendierung des Atems auf die abstraktere Ebene des Nehmens und Gebens, des Integrierens und Entäusserns macht diesen zumindest punktuellen Ausstieg aus dem Zwang des sinusartigen Hintereinanders möglich – wobei der Ausdruck 'punktueller Ausstieg' doppelt falsch ist, da er Zeit- und Raumbezug suggeriert. Was wir in einem Jetzt-Erlebnis erfahren, ist aber gerade jenseits von Zeit und Raum, gerade nicht 'nur im Moment' bzw. 'nur gerade hier'. Es ist vielmehr eine Erfahrung des 'Ewig-überall' des 'In-allen-mit-allen', des 'Sowohl-als-auch'. In diesem Erlebnis fallen auch Kreation und Rezeption zusammen, da sich die Ich-Grenzen auflösen und damit auch die Grenzen zwischen dem Schaffenden und dem Aufnehmendem, dem Aktiven und dem Passiven. Der Ausführende ist genauso Werkzeug des Ganzen wie der Aufnehmende, die beiden Aspekte von Kunst verschmelzen zu einer Einheit. Dasselbe ereignet sich auf der grösseren Ebene 'Welt': Weltkonstruktion und Weltinterpretation durchdringen sich zu einem einzigen Ganzen und lassen für einen luziden Moment Einheit in der Vielheit aufblitzen.

Es hat also nicht nur beides Platz – sowohl das 'horizontale' Sich-Beschäftigen mit Kunst innerhalb von Modellen als auch das Bemühen um 'vertikale' Kunst-Erlebnisse im Jetzt – sondern auch diese beiden Gegensätze gehören zusammen, bedingen sich, das eine ist Humus und Frucht für das andere.

 

Der langen Rede kurzer Sinn

Liebe taugt schon seit jeher ausgezeichnet als Fensteröffner zum Du, wie das schweizerdeutsche 'Feischterle' - neuzeitliche Variante des höfischen Minnesangs - belegt. Ist es da verwunderlich, dass das Du auch 'Kunst' oder 'Ewigkeit' heissen kann?