Denk-Aufgabe 506 vom 2.Juni 2005:

 

Lieben heisst, die Welt durch die Augen des Andern sehen -

auch wenn der, die oder das 'Andere' gar keine Augen hat

 

Die Denk-Aufgabe bestünde darin, das eigene Denken so auszuweiten - oder partiell aufzugeben - dass dieser Satz drin Platz hat. Insbesondere die zweite Hälfte, denn die erste ist wahrscheinlich den meisten sattsam bekannt. Nicht dass der Bekanntheitsgrad eines Satzes seine Umsetzung erleichterte, im Gegenteil. Was wir allzuoft gehört haben, verliert seine Eindringlichkeit, seine zum Handeln drängende Kraft. Denken wir beispielsweise an den abgegriffenen und seit rund 2000 Jahren zum Volksgut gewordenen Satz: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Würden wir noch je über irgendetwas jammern und klagen ausser über uns, wenn wir den Satz wirklich verinnerlicht hätten und danach lebten? - Ähnlich scheint es mir mit dem ersten Satz unserer Denk-Aufgabe. Ja, ja, durch die Augen des andern sehen, seinen Standpunkt einnehmen, ihn ernst nehmen usw. Das wird in jedem Führungskürslein gepredigt. Dabei ist es unheimlich anspruchsvoll. Denn 'die Augen' sind ja nur pars pro toto, Stellvertreter für das ganze Wesen, seine Art der Wahrnehmung. Nur in den simpelsten Fällen reicht es, wenn wir uns räumlich genau auf den Standpunkt des andern stellen und in dieselbe Richtung blicken, versuchen, dasselbe zu fokussieren wie er. Aber es ist nicht nichts. Vielleicht sehen wir einen anderen Ausschnitt des Panoramas, wir entdecken ein äsendes Reh, das von unserem Standpunkt aus verborgen war. Und das Wichtigste: Wir können bei diesem ganz einfachen, äusserlichen Standpunktwechsel erkennen, dass die Welt tatsächlich anders aussieht, sogar bei kleinsten Verschiebungen des Blickwinkels, ja schon bei Verengung oder Erweiterung des Gesichtsfeldes, bei Unterschieden der Fokussierung, der Scharfeinstellung des Blicks.


Ein folgenschwerer Analogieschluss

Wenn wir diese Erkenntnis als Ausgangspunkt für eine Analogiekette benützen, können wir zum Verständnis der zweiten Satzhälfte gelangen. Denn wenn unser Standpunkt immer und jederzeit ein äusserlich relativer, ein an den konkreten Ort, die konkrete Zeit und unsere konkrete Sichtweise gebundener ist, dann könnte dies doch ebenso für die Innensicht, für abstrakte Orte, Zeiten und Subjekte gelten? Wir könnten aus der äusseren Standpunktabhängigkeit unserer Wahrnehmung analog auf die innere Standpunktabhängigkeit schliessen. Sowenig wie wir einen absoluten Beobachterstandpunkt im äusseren Universum einnehmen können, gelingt uns dies im Reich der Meinungen, Vorstellungen, des 'Für-wahr-Haltens'. Die Wissenschaft plausibilisiert uns diese These täglich: Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine wissenschaftliche Theorie falsifiziert wird. Das gestern noch Wahre wird überholt vom heute gerade Wahren - und auch dies gehört vielleicht morgen schon zu den Irrtümern der Wissenschaftsgeschichte. Dies sollte uns zumindest argwöhnisch machen gegenüber allen, die behaupten, sie hätten die ewig-gültige, absolute, alleinseligmachende Wahrheit gepachtet. Ob sie ihre Behauptungen nun einleiten mit "Wie man heute weiss...", "Die Wissenschaft konnte beweisen, dass..." oder "Wie uns Gott (Allah, Mohammed, Buddha, Wotan oder irgendein Name irgendeines Religionsstifters oder irdischen Vertreters eines solchen) offenbart hat..." - eine gesunde Skepsis gegenüber dem Absolutheitsanspruch scheint mir immer am Platz zu sein. Achtung: das heisst nicht, dass das, was nach einer solchen Einleitung folgt, bedeutungsloser Unsinn sei. Es geht nicht um den Gehalt des nachfolgend Gesagten, sondern um den absoluten Wahrheitsanspruch dessen, der die Behauptung in die Welt setzt. Gegen diese Haltung ist Argwohn am Platz. Der Gehalt des Gesagten kann sehr wertvoll sein, kann unserem Leben sogar eine entschiedende Wendung geben, kann eine Bedeutung haben, auch wenn das Gesagte sich eines Tages unter bestimmten Gesichtspunkten als 'falsch' erwiesen hat.


Mythen und Märchen

Denken Sie an unseren Umgang mit Märchen und Mythen. Vielleicht glaubten Sie als Kleinkind auch ans Christkind, an den St.Nikolaus, an den Osterhasen, an all die Märchengestalten vom Schneewittchen bis zum Rotkäppchen in dem Sinne, dass Sie diese Gestalten für historische oder materiell in Fleisch und Blut existierende hielten. Und irgendwann kam die sogenannte 'Aufklärung', die Desillusionierung. War nun plötzlich alles nichts mehr wert? Waren die Geschichten damit 'erledigt', gehörten nun alle Märchen auf den Müll? - Natürlich gab es vielleicht Enttäuschungen - Wegfall von Täuschung -, wenn der St.Niklaus sich als Nachbar entpuppte oder sich die Vorstellung eines Wolfes, der so gross sein müsse, dass ganze sieben Geisslein in seinem Bauche Platz hätten, als nicht 'realistisch' erwies. Aber blieben nicht ganz starke Eindrücke, die sich mit zunehmender Bewusstheit zur Erkenntnis von Archetypen verdichteten? Entdeckten wir den 'Wolf' nicht plötzlich in unserem Umfeld? Und irgendwann auch in uns? Und Big Brother-St.Niklaus, der immer alles von allen wusste, der zu all unserem Tun und Lassen einen bewertenden Kommentar hatte: Entdeckten wir diese archetypische Besserwisser-Stimme nicht in unseren Eltern, Lehrern, Trainern - und irgendwann in uns selbst, wenn wir plötzlich in die Rolle des Erziehers gerieten? Vielleicht ganz früh schon gegenüber jüngeren Geschwistern?

Und wie war es mit den religiösen Erzählungen? Ist die Schöpfungsgeschichte denn wertlos, weil sie nicht mit aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsresultaten übereinstimmt? Ist dies nicht genau so wenig relevant wie die zoologisch unstimmige Vorstellung von der Grösse meines Märchenwolfs? Hat denn Mythos überhaupt einen naturwissenschaftlichen Anspruch? Geht es nicht um ganz anderes, um Bilder von archetypischen Strukturen, um die Einkleidung von Zusammenhängen, die sich abstrakt nur schwer oder gar nicht fassen lassen? Wenn in der Schöpfungsgeschichte aus Einheit zuerst Zweiheit und dann immer wieder durch Teilungsvorgänge Vielheit geschaffen wurde, ist das nicht bereits ein starkes Bild für das Urmuster der Schöpfung, auch unserer eigenen Kreationen? Steckt nicht in der Herrlichkeit der Schöpfung und unserer Kreationsfähigkeit immer auch der Aspekt des Trennens, des Absonderns, der Teilung von Ununterschiedenem in Unterschiedenes, von Einheit in Vielheit?

Und wenn unmittelbar nach dem ersten ein zweiter Schöpfungsmythos folgt, ist dies nicht schon ein deutlicher Hinweis, dass es nicht um einen Tatsachen-Report geht? Welches Informationsmedium unserer Tage würde zwei sich widersprechende Berichte desselben Vorgangs unkommentiert nebeneinander veröffentlichen? - Können wir aus der zweiten Schöpfungsgeschichte nicht in anderen Bildern teils dieselben, teils andere Archetypen entdecken, die sich um das Geheimnis Einheit-Vielheit ranken? Die Vertreibung aus dem Paradies, der Sturz aus der Ununterschiedenheit der Einheit in die Vielheit, in die Unterschiedenheit, die Wahrnehmung und sofort einsetzende Bewertung des Unterschiedenen nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis - all dies können wir doch auch als neue Einkleidung des Archetypus der Zweimachung, der Trennung, der Spaltung in abgetrennte Entitäten deuten, wie sie uns im ersten Schöpfungsmythos entgegentreten?

Und gehen wir nicht auch mit diesen 'grossen' Mythen im Laufe unseres Lebens immer wieder anders um? Je nach unseren aktuellen Erfahrungen im Leben hat vielleicht einmal die Zweimachung, das Abgetrenntsein eine stärkere Bedeutung, ein andermal die hinter allem stehende und vielleicht wieder zu gewinnende Einheit, das Wissen um die Zusammengehörigkeit, die gemeinsame Herkunft aller Geschöpfe. Wie bei Lessings Nathan, den wir vielleicht in jungen Jahren als Emanzipations-Drama deuten, als Aufklärungs-Stück, das die Vernunft an die Stelle des braven Kirchenglaubens stellt, als geballte Faust gegen alle Religiosität - also den trennenden Aspekt betonen; und in einer späteren Lebensphase sehen wir vielleicht viel mehr den Aspekt der Zusammengehörigkeit aller Protagonisten, die ja drei verschiedene Religionen vertreten und doch eine Familie bilden, die durch Achtsamkeit und Nächstenliebe verbunden ist. Die Botschaft, dass es nicht um das Recht Haben, sondern um das recht Leben im Sinne von liebevollem Leben geht - der vereinigende Aspekt desselben Stücks tritt vielleicht in den Vordergrund.
Ähnlich beim Prometheus-Mythos, den wir in der Pubertät (die bekanntlich oft ein ganzes Leben andauert) vielleicht als unsere eigene Befindlichkeit entdecken mit seinem Kampf gegen die Autorität, mit seiner Wut gegen alle Machthaber, mit seiner Bereitschaft, zu stehlen und zu betrügen, um in den Besitz von eigener Macht zu gelangen - und in einer Lebensphase nach der Midlife Crisis kann die Betrachtung umschwingen zur Relativierung dieser Hochwertung von Unabhängigkeit, Macht und Autonomie. Werte wie Freundschaft, Harmonie, Demut, Sich Einordnen in die Gemeinschaft gewinnen vielleicht an Bedeutung und statt Goethes Prometheus-Poem ist es sein gegenpolares Gedicht mit dem Titel 'Grenzen der Menschheit', das unsere Befindlichkeit besser trifft.

Wenn wir also selbst mit demselben Stoff im Laufe unseres Lebens unterschiedlich umgehen, so werden wir wohl kaum einen absoluten Wahrheitsanspruch reklamieren für unsere heute aktuelle Interpretation? Dann könnten wir bereit sein, auch andern ihren vom unsrigen differierenden Standpunkt zuzugestehen, ja, ihn versuchsweise einzunehmen, ohne zu werten und zu richten, welches nun der 'wahre' sei. Daraus kann sich ein äusserer und innerer Dialog entwickeln, nicht nur mit lebenden Anderen in unserem Umfeld, sondern mit allen, die sich irgendwann irgendwo äusserten, ihren Standpunkt zugänglich machten in Texten, Tönen, Bildern, Skulpturen, Gebäuden, aber auch in ihren Taten, in ihrer Lebensweise, von der vielleicht wieder andere berichten. Der Kreis derer, durch deren Augen wir die Welt betrachten können, in die wir uns liebend hineinversetzen können, hat sich also bereits ungemein erweitert. Aber noch sind es Menschen.

 

Haben Tiere Augen, Wahrnehmungsfähigkeit, Bewusstsein, Selbstreflexion, Seele?

Die meisten Tiere haben Augen, wenn auch nicht alle gleichermassen wahrnehmungsfähige. Wenn wir Augen aber nur als symbolische Repräsentanten für Wahrnehmungsfähigkeit interpretieren, dann wird der Kreis sofort grösser, begrüssen wir auch Regenwürmer, Blindschleichen, Maulwürfe, Fledermäuse und die Bewohner der dunkelsten Tiefseegründe unter den Wahrnehmungsfähigen. Bei den Haustieren sind die meisten von uns sogar bereit, von Bewusstsein zu sprechen. Je näher und intensiver wir mit Tieren zusammenleben, zusammenarbeiten, desto beeindruckender wird das Erlebenis der Kommunikation mit ihnen. Wir ahnen, dass wir nicht die einzigen sind, die über Sprache verfügen, dass es aber genau so einfach oder schwierig ist, eine Tiersprache zu lernen wie eine Menschensprache; schwieriger für die einen, weil der rein rationale, herzlose Dialog nicht funktioniert, einfacher für die andern, weil es weniger um die Quantität der Vokabeln als um die Qualität des kommunikativen Aktes geht. Tiere sind nach meiner Erfahrung diesbezüglich wie Kinder: für liebevolle Kommunikation auch ohne differenzierte 'Vokabeln' sind sie jederzeit zugänglich, für lieblose sind sie weitgehend taub - und Zwang rechne ich nicht zur Kommunikation.

Aber es ist nur ein je nach Kultur und Zeitparadigma unterschiedlich grosser Teil der Weltbevölkerung, der diesen kommunikativen Zugang zu Tieren hat - und es mag nicht verwundern, dass es selten die Mächtigen sind, die in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft das Sagen haben. Das Thema Macht könnte ein Schlüssel sein für das Verständnis dieses Zusammenhangs.

 

Macht und Angst

Für den Animus in uns, das männliche Prinzip, ist die Orientierung an der Macht ein grosses Hindernis, Tieren ein Bewusstsein oder gar eine Seele zuzugestehen. Gäbe es ein Tier, das uns die Macht erfolgreich streitig machte, wären wir vielleicht eher bereit, ihnen Respekt zu zollen.

Für die Anima, das weibliche Prinzip, das in der Regel einen leichteren Zugang zu Tieren findet, wird oft die Angst zum Hindernis. Angst macht eng, nicht nur im Fühlen, sondern auch im Denken. Was uns Angst einflösst, bewerten wir schnell als 'schlecht', als 'bestialisch' - und wir werden enger im Zusprechen von 'Gütern' wie Seele oder Bewusstsein.

Das häufigste, auch von Wissenschaftlern immer wieder angeführte Argument gegen das Bewusstsein der Tiere ist aber die Behauptung, sie verfügten nicht über die Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken, sich sozusagen von aussen zu beobachten, in den Zeugenstand zu treten und Selbstreflexion zu üben. Dem kann ich nur die Gegenthese entgegenhalten, dass dies eine ungestützte Annahme ist, dass wir dies nicht plausibel zeigen und schon gar nicht stringent beweisen können. Wir können Tiere nur beobachten und versuchen, ihre Sprache zu lernen, die Welt aus ihren Augen zu sehen. Wem es gelingt, in echte Kommunikation mit Tieren zu treten, wird reich belohnt für sein Bemühen und er erlebt eine Weisheit, die oft weit über die durchschnittliche menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion hinausgeht. Aber noch gibt es keine Bandaufnahmen, keine messbaren, quantifizierbaren Resultate dieser Kommunikation - und es wird wohl auch nie perfekte Quantifizierung von Qualität, rationale Durchdringung von Suprarationalem geben. Liebe entzog sich in ihren höheren Formen seit eh und je der Messbarkeit und der rationalen Analyse. Liebe ist ein gegenpolares Prinzip. Liebe ist Synthese, nicht Analyse, Liebe ist suprarationales Schenken, nicht rationaler Handel, Liebe ist Qualität, nicht Quantität. Liebe ist masslos, nicht messbar. Und trotzdem ist es für mich vorstellbar, dass es auch für die quantifizierende Wissenschaft dereinst möglich sein wird, den formalen Abdruck gewisser inhaltlicher Aspekte von Liebe - z.B. die energetische Ausstrahlung, die bei liebender Kommunikation in der Aura, dem Energiefeld der Beteiligten entsteht, wahrzunehmen, auf irgendeinem materiellen Träger festzuhalten, transportfähig und präsentierbar zu machen. Aber jeder formale Träger taugt nur soviel wie die Deutungskapazität dessen, der ihn interpretiert. Das Festmachen von irgendeinem Inhalt, einer Botschaft auf einem formalen Träger ist eine Codierung - und nur wer über die Decodierungskompetenz verfügt, kann den Code knacken. Wenn Liebe codiert wird, muss der Interpret also über Liebesfähigkeit verfügen, will er das Verschlüsselte aufschlüsseln. Wer aber über Liebesfähigkeit verfügt, braucht den Umweg über die Quantifizierung, über die materielle Sichtbarmachung nicht - jedenfalls nicht so dringend wie der, für den es nur gibt, was er materiell anfassen kann.

 

Wer oder was ist 'das Andere ohne Augen'?

Der noch etwas schwieriger aus dem Weg zu schaffende Stolperstein auf dem Weg zum Verständnis der zweiten Satzhälfte ist aber wohl das Zugeständnis von Wahrnehmungsfähigkeit, von Bewusstsein an 'Anderes', dem nicht nur die Augen, sondern jegliche Wahrnehmungsfähigkeit abgesprochen wird. Bei den Pflanzen sind die Meinungen geteilt. Auch hier: Wer Pflanzen liebt, sich auskennt mit ihnen, mit ihnen lebt und arbeitet, der weiss, dass sie minimal Licht wahrnehmen, maximal alles, was wir fühlen, denken, sagen, tun. Wer den legendären 'Grünen Daumen' hat, weiss, dass sein Erfolg als Pflanzen-Doktor mit Chemie wenig, mit Liebe viel zu tun hat.

Ich möchte nun aber einen gewaltigen Schritt weiter gehen und unter dieses 'Andere ohne Augen' alles subsumieren, was wir überhaupt wahrnehmen können. - Das ist ordentlich viel und die Gefolgschaft für diese These wird wohl arg schwinden. Mein Tipp: Probieren Sie's aus. Denn es geht - einmal mehr - nicht um den absoluten Wahrheitsanspruch dieser These, sondern um ihre Glücksrelevanz, um ihren Einfluss auf die Qualität unseres Lebens. Können Sie sich vorstellen, dass dieser Einfluss ganz beträchtlich sein kann? Angenommen, es gelänge Ihnen, die Welt vom Standpunkt eines Baums, eines Flusses, eines Bergs, einer Wolke zu sehen - ist dies wirklich so absurd, so unvorstellbar? Investieren Sie doch bei Gelegenheit ein paar Minuten Ihrer wertvollen Lebenszeit in diese Art von Betrachtung oder 'Befühlung'. Ich verspreche Ihnen eine mehrstellige Verständnis- und in der Folge auch Glücks-Rendite. Wobei 'Verständnis' vielleicht nicht das richtige Wort ist, denn es geht ja nicht darum, rational zu verstehen, was sich eine Wolke so denkt den lieben langen Tag auf ihrer Fahrt, bis sie sich vielleicht über unseren Häuptern ausgiesst oder sonstwie auflöst. Viel eher geht es um ein Erspüren einer vielleicht neuen Befindlichkeit, das 'Wolkenhafte' in uns, das sich laufend Wandelnde, keine Spuren Hinterlassende, sich ebenso leicht neu Bildende wie Auflösende - aber all das ist immer noch viel zu theoretisch. Probieren Sie's, es wird viel reicher sein als meine Worte. Nehmen Sie das Bild, das Ihnen mehr zusagt, sei es das Animus-betonte Bild des Sich Hineinversetzens in die Wolke, den Baum, den Berg, oder das Anima-betonte des Sich-Öffnens, des Hereinlassen des Wolkigen, Bäumigen, Bergigen - beides kann genau so gut zur Vereinigung führen. Vorausgesetzt natürlich, sie knipsen Ihre Liebes-Leuchte an. Das schon. Ich sagte ja: Lieben heisst... So ganz nüchtern-rational bringt der Versuch wenig, halt auch wieder nur Nüchtern-Rationales. Sie wissen dann nachher, was Sie vorher schon aus der Schule wussten, all das mit der Luftfeuchtigkeit und dem Luftdruck, oder das mit den Kapillargefässen und dem Chlorophyll, oder das mit der Alpenfaltung - das meine ich alles nicht. Ausser Sie schauen es auch wieder mit liebenden Augen, vereinigungswillig an. Dann entdecken Sie plötzlich das Gemeinsame mit der Wolke im Wassergehalt - der ja bei uns immerhin so um die 70% ausmacht - und im Druckhaushalt, der ja auch bei uns immer wieder zu Entladungen führt. Wenn Sie diese Prinzipien liebevoll schmunzelnd entdecken, bei sich und der Wolke, und sich dadurch leichter in die Wolke versetzen bzw. sie in Ihnen entdecken können, dann machen auch diese rational-nüchtern eingeleiteten Gedanken Sinn. Dann können Sie meinetwegen gleich verfahren mit den Kapillaren, mit der Umwandlung von Licht in Energie, dem gegenpolaren Sauerstoff-Austausch, der uns so unzertrennlich an die Bäume und Pflanzen bindet. Ich erspare Ihnen die Analogie der Alpenfaltung...


Sind auch Vorstellungen und Prinzipien 'das Andere'?

Damit haben wir aber locker einen weiteren Sprung geschafft: Beim 'Anderen ohne Augen' kann es sich also auch um Vorstellungen, Abstracta, Prinzipien handeln. Wir können die Welt durch das Prinzip des Wolkigen, Bäumigen, durch das Abstractum Feuchtigkeit, das Phänomen des Drucks wahrnehmen, all diese Prinzipien verinnerlichen, als Teile von uns, in uns wahrnehmen; wir können einverstanden sein mit dieser Verquickung von allem, was aussen ist mit all dem, was in uns drinnen ist. Das ist ein gutes Stück Arbeit, bis wir da die ganze Welt liebend umfangen haben, alle Standpunkte von allem, was wir überhaupt wahrnehmen können, eingenommen haben - aber es ist beglückende Arbeit, die uns immer reicher und weiter macht, die unsere Liebesfähigkeit exponentiell wachsen lässt. Und - von Eile hat ja niemand etwas gesagt.


Die Zeit als 'Anderes ohne Augen'?

Wir haben alle Zeit der Welt, denn auch die Zeit in ihrem quantitativen Aspekt mit Werden und vor allem mit Vergehen, mit Sterblichkeit und Tod, ist ein solches 'Anderes ohne Augen', dessen Standpunkt wir liebend einnehmen können, um es besser zu verstehen. Wenn wir dabei entdecken, dass auch der Standpunkt der Zeit ein relativer ist, der so wenig absolute Gültigkeit hat wie jeder andere Standpunkt, dann könnte dies doch ungemein tröstlich sein. Zeit wäre dann eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu sehen. Machten das die alten Griechen nicht bereits mit ihren zwei Wörtern für Zeit: Chronos für den Aspekt der Zeitquantität - also den Aspekt, der uns so Mühe macht, der uns so unerbittlich scheint, so unentrinnbar mit dem Ticken unserer Lebensuhr - und Kairos für die Zeitqualität, für die Fülle des Augenblicks? Wenn wir nur schon diese Relativierung der Zeit in unseren Alltag nehmen - wir tun es alle, aber wir könnten es vielleicht noch bewusster tun - so ist doch bereits viel gewonnen: Wir wechseln behende und sinngemäss zwischen den beiden Zeitaspekten, leben beispielsweise den Zeitaspekt Chronos, wenn es um Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geht und den Zeitaspekt Kairos, wenn das Geniessen des JETZT, die Fülle des Augenblicks Platz hat.

Vielleicht gelingt uns nun sogar ein Schmunzeln angesichts der unüberwindlich gross scheinenden Aufgabe, die Welt durch die Augen von allem und jedem zu sehen. Denn in der Zeitqualität, im JETZT wandelt sich auch die unendlich reichhaltige Quantität des Raums zur Einheits-Qualität des HIER und - als Dreingabe - wandelt sich die unendliche Vielfalt der Entitäten, die Quantität der Subjekte, Objekte, der unzähligen Egos zur Qualität des einzigen SELBST. Sie sind nicht mehr irgendeiner irgendwann irgendwo, sondern das allumfassende Selbst im Hier und Jetzt. - Jaja, das klingt reichlich abgehoben, ist es aber nicht. Oder vielleicht doch 'abgehoben', der normalen Alltagsbefindlichkeit enthoben, die Ihnen dauernd Ihre Sorgen in Erinnerung ruft: was Sie morgen (Zeit) irgendwo (Raum) erledigen müssen, die Mängel, unter denen Sie leiden (Ego) - all dem sind Sie tatsächlich enthoben für die Dauer dieser JETZT-Momente, die ja gerade keine Momente sind und keine Dauer haben, da sie ja Kairos und nicht Chronos sind. Da sehen Sie, wie hilflos Sprache sein kann, die an Zeit, Raum und einzelne abgetrennte Zeichen gebunden ist. Deshalb verstumme ich jetzt schmunzelnd und lasse Sie probieren. - Wann? - Natürlich JETZT.