Denk-Aufgabe 507 vom 14.Juli 2005:

Quelle statt causa

A: Ich gehe jetzt.
B: Warum?
A: Weil ich mit C abgemacht habe.
B: Warum?
A (bereits leicht genervt):Weil wir uns sehen wollen.
B: Warum wollt ihr euch sehen?
A (Gereiztheit nimmt zu): Weil wir miteinander sprechen wollen, etwas trinken wollen, einfach zusammen sein wollen!
B: Warum wollt ihr das?
A (kurz vor der Explosion): Weil wir uns mögen, verdammt noch mal!
B: Warum mögt ihr euch?
A (der Kragen platzt): Ist es vielleicht verboten, jemanden zu mögen oder was?
B: Ich habe gefragt, warum ihr euch mögt.
A (kochend): Nun hör mal ganz gut zu. Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, warum ich jemanden mag. Zweitens muss man in einer freien Gesellschaft nicht begründen, WARUM man jemanden mag. Es reicht, DASS man jemanden mag. - So dachte ich jedenfalls bis heute. Und drittens: In diesem Moment, just right NOW, mag ich DICH jedenfalls nicht - und das kann ich begründen: WEIL du ständig so ekelhafte WARUM-Fragen stellst, weil du immer einen Grund haben musst. Diese ganze Warum-Fragerei geht mir ganz gehörig auf den Geist. Und wenn ich jetzt gehe, dann habe ich einen GRUND, den ich vor 2 Minuten noch nicht hatte: WEIL ich dir mit deinen blöden WARUM-Fragen entfliehen will! Reicht das?
(A rauschend ab, B zündet sich eine Zigarette an)
Der Dialog kann natürlich beliebig auf Sie, Ihr Temperament, Ihr Umfeld umgeschrieben werden. B kann auch ausgezeichnet von einem Kind gespielt werden.

Grenzen der Tauglichkeit des 'Warum-Weil'-Modells
Wer behauptet, er hätte die nervende Seite der Warum-Fragerei noch nie erlebt, ist höchstwahrscheinlich ein allein-lebender, kinderloser und auch sonst weitgehend vom Strom des Lebens abgeschotteter Sonderling oder ein Wissenschaftler, der in seinem Glashaus sitzend etwas von der dem Menschen angeborenen Kausalität, ja vom wichtigsten Naturgesetz überhaupt faselt und das Recht auf die Warum-Fragerei für sich beansprucht - immer genau dort und so weit, wie es ihm in den Kram passt, also z.B. bis zum Urknall, aber ja nicht weiter. Alles, was nicht mit Gründen, mit Argumenten belegt, noch lieber, stringent bewiesen werden kann, das gibt es für ihn eigentlich gar nicht. Aber er legt selbst fest, was 'stringent' heisst und wann man gefälligst mit der Warum-Fragerei aufzuhören habe: z.B. immer dann, wenn es um Nicht-Materielles geht. Deshalb lebt er auch allein und ist kinder- und auch sonst eher kontaktlos. Seine Kontakte sind meist erzwungene: das können Kontakte mit Laborratten sein, denen er Krebs oder sonst was Nettes verabreicht, um dann die so in Gang gesetzten Kausalketten studieren zu können - alles zum Wohle der Menschheit, der er so fern steht, selbstverständlich. Oder er hat Kontakt mit einem Produkt des Geistes vor sich, das sich so wenig zur Wehr setzen kann wie die Laborratte und erklärt streng kausal, warum Goethe ein Komma setzte zwischen "Wenn ihr's nicht fühlt" und "ihr werdet's nicht erjagen." Er könnte auch Kontakt haben mit Musik und kausal erklären, warum Mozart die kleine Nachtmusik mit einem Quartsprung beginnen lässt. Lassen wir den armen Kerl, vielleicht fragt ihn ja eines Tages jemand, warum er seinen Beruf - das Finden und Erfinden von Kausalketten - mit so viel Hingabe ausübe; und er wird ins Stocken kommen, die 'Weils' werden ihm im Halse stecken bleiben: "Na ja, weil...äh, weil..." Wenn er schon ein klein wenig entwickelt ist und die fragende Person keine medienschaffende, könnte er zugeben "weil ich nichts anderes kann, nichts anderes gelernt habe, weil ich zu nichts anderem tauge" - diesem Manne kann geholfen werden: wir schicken ihn in die Lebens- und Liebesschule, wo er alle Dinge kennenlernt, die es jenseits der Kausalität noch so gibt. Schwieriger wird's bei dem, der poltert: "...weil es das doch das Wichtigste ist, Gründe zu liefern, weil wir nur so je die Welt in den Griff kriegen können, wenn wir alles begründet, alles in Kausalketten zerlegt haben." - Diesen könnten wir mit etwas Geschick ins Schlingern bringen, wenn wir seine eigene Methode anwenden und - wie oben B - weiterfragen: "Und warum soll man denn alles erklären können und die Welt in den Griff kriegen?" - "Ja, weil dann alles klar und planbar wird, weil man dann alles organisieren, managen kann, weil der Welthunger und alle Krankheiten dann ausgerottet sind, weil wir, wenn wir wirklich alles kausal erklären können, uns auch vor nichts mehr zu fürchten brauchen." - Haken Sie nach: "Warum muss man sich denn vor den Menschen nicht mehr fürchten, wenn sie alles, also auch die andern Menschen im Griff haben, die noch nicht so weit sind? Und warum soll der Welthunger ausgerottet sein, wenn es doch wegen der Ausrottung der Krankheiten immer mehr Menschen gibt? Und warum soll überhaupt der Welthunger gestillt werden, nur weil man erklären kann, warum so viele Hunger haben? Geben denn Kausalketten Milch? Und warum gibt es denn immer noch so viele Krankheiten, ja eigentlich immer etwa gleich viele kranke Menschen, obwohl man doch schon sooo viele Kausalketten gefunden hat? Und warum gibt es denn in Ländern, wo die Leute tatsächlich dank der Kausalketten körperlich etwas weniger krank scheinen als anderswo, so viele psychische Krankheiten? Und warum soll die Angst vor dem Haifisch kleiner sein, wenn ich die Kausalkette kenne, die ihn dazu veranlasst, micht mit Vergnügen zu verspeisen?" - Aber diese Art der Fragerei führt wahrscheinlich höchstens dazu, dass er uns kopfschüttelnd davonläuft - zurück in seinen geliebten Elfenbeinturm. Besser wäre es vielleicht, ihn zu einem kleinen Experiment einzuladen, das ich gerne probeweise mit Ihnen durchführen würde:

Experiment 'Quelle statt causa'
Versuchen Sie einmal, irgendeines der vielen Warum-Weil-Bilder, ein einziges Ursache-Wirkungs-Element aus einer der oben persiflierten Kausalketten durch das Bild einer Quelle zu ersetzen. Wir könnten z.B.
- den 'Urknall' nicht als prima causa, als allerersten und alles bewirkenden Grund für die Existenz unseres Universums anschauen, sondern als zeitlos sprudelnde Quelle - (zugegeben, dabei müssen Sie sich sowohl vom 'Knall' wie vom 'Ur' und sogar von Ihrer zeitmessenden Uhr verabschieden, können den Begriff also gleich ganz 'spülen')
- die 'Schöpfung' (vielleicht ist Ihnen - wie mir - dieser Bildspender vertrauter ist als der des 'Urknalls') nicht als mechanische Wirkursache betrachten, aus der durch dauerndes Zweiteilen schön eins hinter dem andern die 'Welt' entstand, sondern als Quelle, die in immerwährender Gegenwart überall gleichzeitig und 'gleichörtlich' plätschert
- wir könnten auch die für uns selbst unmittelbar als 'tatsächlich' erfahrbare eigene leibliche und geistig-seelische Existenz nicht eingleisig auf den Zeugungsakt als Ursache zurückführen, sondern ebenfalls auf dieses Bild der im Hier und Jetzt synchron und ubiquitär murmelnden Quelle. Dies ergibt ein ganz anderes Bild: unser Sosein und Dasein wird permanent und überall gespeist von allem rundum, was in unser Bewusstsein dringt - und ich behaupte darüber hinaus auch von allem, was nur in unser Unterbewusstsein dringt, jetzt also gerade von dem bewusst gelesenen letzten Satz und den teilbewussten, aber auch unbewussten Assoziationen, die der Satz auslöst. Wir sind nicht nur diachron das Resultat einer Kausalkette, sondern auch synchron ein in stetem Wandel begriffener pulsierender Quellteil, der in reichem Wechselspiel aktiv und passiv mit anderen Quell-Elementen, mit der Quelle als Ganzer verknüpft ist. Mit dem trockenen Terminus 'Kontext' meine ich alles zusammen, den ganzen Reichtum , die unendliche Farbpalette diachronen und synchronen Wechselspiels
- und schliesslich könnten wir etwas Naheliegendes und ganz Konkretes tun, nämlich unseren Atem beobachten und uns den Einatemstrom als Quelle des Ausatemstroms vorstellen, diesen wieder als Quelle des Einatemstroms - solange, bis sich die Quell-Bilder überlagern, durchmischen, vereinen und die kausale Vorstellung, was nun vorher, was nachher, was Grund und was Wirkung sei, völlig verblassen, irrelevant werden.Nehmen Sie einen Unterschied wahr zwischen dem üblichen Kausalbild und dem Quellbild? Fühlt es sich verschieden an? Ist das Quellbild nicht irgendwie frischer, fröhlicher, friedlicher?Für alle, die den Qualitätsunterschied dieser beiden Vorstellungen vielleicht nicht wahrnehmen können - oder schlicht keine Lust auf solche Art der Wahrnehmung haben, gibt es ganz nüchtern-rationale Be-GRÜND-ung, eine causa für den Ersatz der causae durch Quellen - bzw. bei genauem Hinsehen kann man auch diesen Grund für den Wechsel von causa zu Quelle als Quelle sehen, der der Gedanke der Quelle entsprang.

Die Unvermeidbarkeit der Setzung oder Annahme
Wie jedes Modell - und ein solches möchte ich hier skizzieren - basiert das Folgende auf einem Axiom, einer nicht weiter begründbaren Annahme (das ist ja einer der vielen Nachteile des Kausal-Modells, dass die Kausalketten immer irgendwo bei einem nicht weiter kausal rückführbaren Axiom, einer Setzung landen!). Meine Behauptung, die ich hier in diesem Text nicht weiter zu begründen versuche (siehe Denk-Aufgaben 406 und 407), lautet:
Kausalität ist - wie jede menschliche Aussage zur 'Welt', jede Äusserung einer Wahrnehmungs-Interpretation - eine Haltung, eine Sichtweise, ein Kriterium, ein Konzept, ein Massstab, ein Regelsystem, ein Modell - auf jeden Fall etwas Relatives, Hinterfragbares, Ersetzbares und nichts Absolutes, Faktisches oder Gottgegeben-Zwingendes.
Selbstverständlich darf man diese Grundannahme ablehnen, darf man Kausalität als etwas 'Faktisches', Angeborenes bzw. unabhängig von menschlicher Wahrnehmung Gegebenes, als eine absolute Grösse betrachten - dies tun viele. Aber auch alle die sind eingeladen, minimal für die Dauer der Rezeption dieses Textes meine Setzung als Hypothese zu akzeptieren und mit gesunder Neugier mitzuverfolgen, wohin es uns führen könnte, wenn man Kausalität als änderbare, relative Sichtweise anschaut. Wenn sich nach diesem experimentellen Ausflug ergeben sollte, dass es 'nichts bringt', dass wir mit Alternativen zur ehernen Kausalität keine Aufgabe besser lösen und schon gar nicht unser Leben irgendwie glücklicher gestalten können, dann können wir ja getrost wieder zum Konzept 'Kausalität ist absolut' zurückkehren. Was wir nicht verwechseln dürfen ist die Aussen- und die Inneperspektive jeglicher Modelle: Innerhalb eines Modells wie der Kausalität können wir selbstverständlich soviele zwingende Regeln statuieren, wie wir wollen. Wir kennen das bestens aus Spielen und Rechtssystemen: beim Schach sind es nun mal zwingende Spielregeln, dass es nur zwei Farben gibt, dass der Läufer nur diagonal, der Turm nur gerade fahren kann; im schweizerischen Rechtssystem ist es z.B. zwingend, dass gewisse Straftaten die sogenannten Offizialdelikte von Staates wegen verfolgt werden, auch wenn kein privater Kläger klagt. In der Logik ist es der Konditional, der die willkürliche Festlegbarkeit zwingender Regeln schön vordemonstriert in Fällen, wo sich unser am Alltag orientiertes kausales Denken dagegen sträubt: "Wenn der Papst Ravioli isst, dann schwärmen bei uns die Schnecken aus" ist als logischer Konditional völlig unverdächtig und zwingend. Wer sich dagegen wehrt und sagt, die beiden Aussagen hätten doch überhaupt nichts miteinander zu tun, zeigt nur, dass er den Konditional kausal interpretiert bzw. das Spiel der Logik nicht begreift, das Modell und seine Regeln nicht kennt. Ausserhalb der Modelle ist es aber AUS mit dem zwingenden oder absoluten Charakter von Spielregeln. Wir können zwar durchaus mit den Schachfiguren Eile-mit-Weile oder Halma spielen, aber die zwingenden Regeln des Schachs sind ausser Kraft. Auch sind Rechtsordnungen denkbar und in der Schweiz per Gesetzesänderung herstellbar die eine Straftat aus dem Kanon der Offizialdelikte herausnehmen. Es sind auch logische Modelle konstruierbar, die ohne die etwas bübisch-kindisch anmutende Willkür konditionaler Verknüpfungen auskommen. Ausserhalb der Grenzen eines Modells, eines Spiels, auch eines Welterklärungsmodells spielt die Relativität der Sichtweisen und Standpunkte, die jeden Absolutheitsanspruch wie einen Ballon früher oder später platzen lässt. Ausgehend von der Hypothese der Modellhaftigkeit, Relativität des Konzepts 'Kausalität' können wir nun versuchen, aus einer anderen Position, von einem anderen Standpunkt aus dieselben Phänomene bzw. Verknüpfungen von Phänomenen anzuschauen, die wir üblicherweise mithilfe von Kausalverbindungen und Kausalketten erklären.Warum nun als Alternative gerade der Bildspender 'Quelle'? Was ist Quelle der Wahl der 'Quelle'?

Nachteile des Modells 'Wirkursache'
Zwei der grössten Nachteile des Kausalitätskonzepts sehe ich in der Einseitigkeit, der Irreversibilität, Nicht-Umkehrbarkeit einerseits, in der veralteten Vorstellung einer starren, 'ungebogenen' Zeitachse. Zumindest die Wirkursache, die causa efficiens (Aristoteles arbeitete immerhin noch mit vier Causae, von denen die causa finalis nicht so simpel auf der Zeitachse lag, dass die causa zeitlich VOR der Wirkung liegen musste!) ist bildlich darstellbar als ein Pfeil, der von einem Punkt auf der Zeitachse - der 'Ursache' - auf einen zwingend zeitlich später gelegenen Punkt zielt - die 'Wirkung'. Der Pfeil ist - wegen dieser Festnagelung auf der Zeitachse - weder zu einem Doppelpfeil ausbaubar (weshalb die Logik Kausalverbindungen durch Konditionalverbindungen auszudrücken versucht, wo der Doppelpfeil möglich ist und für die sogenannte 'Bikonditionalität' steht), noch ist der Pfeil umkehrbar, dass also anstelle der Pfeilrichtung von der Ursache zur Wirkung der Pfeil umgekehrt von der Wirkung auf die Ursache zeigen würde. Dass dies nicht abgehoben theoretisches Gequassel ist, erleben wir bei jedem Strafprozess, bei jeder Krankheit, überhaupt bei jedem uns wichtig scheinenden Ereignis, das wir zu deuten versuchen: Wenn der Strafrichter herauszufinden versucht, ob zwischen einer kausal offensichtlichen Straftat, bei der der Kausalpfeil ganz klar vom 'Täter' zum 'Opfer' führt, auch eine Mitschuld, z.B. eine Provokation durch das Opfer vorliegt, kann er innerhalb des Kausalitätsmodells keinen Doppelpfeil machen. Wenn er von Wechselwirkung spricht, dann muss er sie in Kausalketten auflösen und sich wieder entscheiden, ob nun die Provokation causa Nummer 1 war, der dann z.B. die Tätlichkeit als causa Nummer 2 folgte. Dabei fand vielleicht alles synchron statt bzw. es lagen viel komplexere Verhältnisse vor, die sich z.B. aus den nicht kausal verknüpften Biographien der beiden Beteiligten erhellen, was aber bereits das Kausalitätsmodell sprengt.

Diese beiden Nachteile des Kausalitäts-Modells - Unumkehrbarkeit und starre Zeitachse - sind mit einem dritten gekoppelt: der Binarität oder Kontradiktion, dem Entweder-Oder, das sich in der sturen Rollenverteilung in Ursache und Wirkung, 'Täter' und 'Opfer' manifestiert. Es gibt bei der Kausalität immer nur zwei Rollen. Wenn mehrere Gründe vorliegen - mehrere 'Täter' auf dasselbe 'Opfer' einstechen - dann muss diese Polykausalität in mehrere Zweier-Beziehungen, eben binäre Relationen zerlegt werden, die untereinander wieder nur binäre Beziehungen haben können. Das Kausalitätsmodell ist nicht zu wirklich vernetztem Denken fähig, sondern nur zur Addition von binären Beziehungen. Rein rational-kausales Denken kann immer nur auseinander nehmen, zerteilen, aber nie zusammensetzen und vernetzen. Wären wir nicht dank unserem komplexen, ganzheitlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen dazu fähig, kriegten wir im wahrsten Sinne des Wortes 'nichts auf die Reihe'. Wobei auch 'Reihe' wieder ein zu enges, zu zweidimensionales Wort ist. Kausalketten sind ja auf den ersten Blick Reihen, aber bei genauerem Hinsehen auch nur addierte Zweier-Verknüpfungen. Es bedarf bereits einer suprakausalen Denkleistung, um bei der Kausalkette A --> B --> C auf die indirekte Wirkung A --> C schliessen zu können. Denn das Modell 'Addition' ist nicht im Modell 'Kausalität' inbegriffen. Addition ist bereits eine verbindende, zusammenfügende Art der Verknüpfung im Unterschied zur Kausalität, die gar nichts verbindet, die - im Gegenteil - trennt in verschiedene inkompatible Rollen. Kausalität beschreibt einen aggressiven Akt, ein Schubsen, Anstossen oder Verletzen des Opfers durch den Täter, das Erzeugen einer aus der Sicht des 'Bewirkten' unfreiwilligen, unverlangten Veränderung durch die Ursache. Die beiden an einem Kausalkonnex beteiligten Elemente haben zwar 'miteinander zu tun', aber nicht in einer verbindenden oder gar vereinigenden Weise wie Addition, Zusammenfügung oder gar Liebe es vermögen, sondern nur im Sinne eines grundsätzlich aggressiven Zusammenpralls.

Das Bild der Billardkugeln eignet sich gut für das Verständnis der Qualität der kausalen Verknüpfung: Ein aggressiver Stoss des Queues bringt eine Kugel in Bewegung, diese trifft auf eine Bande oder eine andere Kugel usw. - eine ganze Abfolge mechanisch aggressiver Akte. Wenn wir aber den Zusammenhang zwischen dem ursprünglichen Stoss und dem letztendlichen Fallen der x-ten Kugel ins Loch herstellen wollen, brauchen wir die Addition, die die einzelnen aggressiv-kausalen Akte zu einem Ganzen zusammenfügt, in eine - diesmal nicht aggressive - Verbindung bringt und so eine Kette entstehen lässt, die wir - eigentlich nicht ganz korrekt - Kausalkette nennen. Ich will damit die Beschränktheit des Kausalitätsmodells zeigen, das - völlig isoliert - nicht einmal ausreicht, eine simple, zweidimensionale Kette, geschweige denn etwas Komplexeres zu beschreiben und zu verstehen. Die Reduktion der Vielfalt auf 'Zweifalt', von Plural auf Dual, wie sie das Kausalitätsmodell betreibt, kann aber durchaus nutzbringend und funktional sein innerhalb rein konstruierter Modelle. Sowohl in einfachen Spielen wie in technologischen Erzeugnissen kann simple Binarität Sinn machen, man denke nur an die binäre Grundlage der digitalen Technologie, die auf 'Strom/Nicht-Strom' bzw. 'Biep/Nicht-Biep' beruht. Aber bereits für das Verstehen komplexer Vorgänge in technischen Geräten und erst Recht für das Erfassen alles 'lebendig' Vernetzten reichen Binarität und Kausalität nicht aus.

Vorteile des Modells 'Wirkursache'
Einen Vorteil des Kausalitätsmodells sehe ich in der zeiträumlichen Verfolgbarkeit und damit auch Planbarkeit mechanischer Konnexe. Wenn wir alle Einflussfaktoren, den gesamten materiellen Kontext beachten, können wir mit grosser Treffsicherheit voraussagen, dass z.B. der im Flug ausgestossene Vogeldreck auch in naher Zukunft erdwärts fallen wird. - Aber damit treffen wir bereits wieder auf einen weiteren Nachteil des Kausalitätsmodells: Es eignet sich zwar trefflich für die Beschreibung mechanisch-materieller Vorgänge - und dabei durchaus nicht nur für das plumpe Plumpsen eines Vogeldrecks, sondern auch für feinste Finessen im Mikrobereich eines Computerchips - aber für die Beschreibung und vor allem das Verständlichmachen geistig-seelischer Vorgänge taugt das Kausalitätskonzept wenig, auch wenn wir die Addition dazunehmen, da sich diese Vorgänge nur mit unverantwortbarem Verlust auf binär-kontradiktorische, irreversible Entweder-Oder-, Plus-Minus-, Biep-Nichtbiep-Ketten reduzieren lassen.

Inkompatibilität von Liebe und Kausalität
Am einfachsten lässt sich dies an der Liebe zeigen, die doch - was auch immer genau darunter verstanden wird - sogar von kühlsten Rationalisten in der Regel als hohes Gut gepriesen wird. Wenn wir nun versuchen, Liebe, die wir spüren, aussenden oder empfangen, kausal zu erklären, kann es sogar abgebrühten 'Kausalisten' peinlich werden:
"Ich liebe meine Frau/Partnerin, WEIL sie für mich kocht, wäscht und mit mir Sex hat" oder "Ich liebe meinen Mann, WEIL er Geld nach Hause bringt und nicht fremdgeht" oder "Ich liebe mein Kind, WEIL es mich dereinst pflegt und durchfüttert, wenn ich alt bin" - ergänzen Sie die Liste mit Aussagen, die Sie betreffen. Die Frage, die uns bei solchen Kausalangaben zur Liebe auf der Zunge liegt, ist in etwa: "So? Nur deshalb?" - worauf der Dialogpartner vielleicht noch einige weitere Gründe anfügt: "Nein, auch weil er/sie/es...". Wenn wir unserem unguten Gefühl Ausdruck verleihen wollen, könnten wir nachdoppeln: "So, dann wissen wir's jetzt: Falls er/sie/es hinweggerafft würde, müsste man also nur eine entsprechende Person als Ersatz anschleppen, die über die genannten Qualitäten verfügt, die Gründe bzw. Bedingungen erfüllt und - Päng! - deine Liebe wäre da?" Kulturell sattelfest könnten wir noch von der Mutterliebe, ja von der bedingungslosen Liebe zu erzählen beginnen, von der Agape, der christlichen Nächstenliebe, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie nicht auswählt, keine Bedingungen, keine Gründe angibt als Voraussetzungen für die Liebe.
Spätestens jetzt sollten wir - so meine ich - zumindest für den Bereich der Liebe einen neuen Beobachtungsstandort, ein neues Beschreibungskonzept, ein alternatives Modell evaluieren. Es gibt unzählige Alternativen und ich wähle hier und heute eines aus, das ich 'Quelle' nenne und das wir eingangs intuitiv-ganzheitlich als Bildspender zu erspüren versuchten.

Das Quell-Modell
Die Quelle entspringt zwar nicht gerade 'grund'-los, sie entspringt ja aus dem 'Grund und Boden', aber ihrem munteren Entspringen haftet nicht die bleierne Schwere des aristotelischen 'Ersten Bewegers, der selbst nicht bewegt ist' an. Ihr fehlt auch das Spektakuläre des Urknall-Bildes oder das Pathos des Schöpfungsberichts. Die Quelle lädt nicht ein, gleich an die Urururursache ihres Entsprudelns zu denken, sondern eher ans "Wohin denn, munterer Quell?" - und die Antwort wird kaum sein: "Ich verursache jetzt den Bach, jener den Fluss, jener den Strom, jener das Meer, jenes die Verdunstung, jene den Regen, jener das Grundwasser und selbiges verursacht wieder mich selbst - ich bin also Causa mei, Verursacher meiner selbst und damit göttlich!" - Viel eher wird sie munter und kurz vor sich hinplätschern: "Wohin es mich trägt..."Wobei der Gedanke mit dem Wasserkreislauf durchaus sinnvoll ist; er illustriert die Ausbalancierung eines weiteren Nachteils des Kausalitäts-Modells: den der starren, geraden Zeitachse, die von der unendlichen Vergangenheit in die unendliche Zukunft führt. Die Quell-Metapher zeigt dagegen einen Kreis - auch und gerade für Raum und Zeit: Das ständig in Bewegung befindliche Wasser vollzieht einen räumlichen und zeitlichen Kreisbogen, wobei der räumliche leichter nachvollziehbar ist, da wir uns in den paar hundert Jahren seit Galilei an die vormals paradoxe Aussage gewöhnt haben, dass man nur genug lange westwärts fahren müsse, um im Osten anzukommen - und umgekehrt. Auch das Bild des Zeitraums ist uns vertraut: die Vorstellung, dass Zeit eine Extension, eine Ausdehnung im Raum hat, einer Strecke entspricht. Wir benutzen die ganze Bilderwelt des Räumlichen für die Quantifizierung und Beschreibung der Zeit. Aber wie die Mühe mit dem Einstein'schen Begriff der Raumzeit zeigt, ist es 'nur' eine metaphorische Verknüpfung, werden Raum und Zeit im Begriff des Zeitraums noch nicht wirklich stringent und interdependent verbunden; es wird nur der Bildspender Raum für die Vorstellung der Zeit benutzt. Einsteins Raumzeit hingegen statuiert einen untrennbaren Konnex zwischen Zeit und Raum, eine gegenseitige Abhängigkeit, Bezogenheit oder eben Relativität: je nach Ort ändert sich die Zeit, je nach Zeit der Ort. Wenn wir die Zeit 'wegnehmen', verschwindet auch der Ort und umgekehrt. Einstein geht sogar noch weiter und statuiert: Zeit und Raum sind nicht nur relativ zum Beobachtungsstandort, sie entstehen und verschwinden mit dem wahrnehmenden Bewusstsein. - Aber alle diese Modelle sind erst hundert Jahre alt, offensichtlich zu jung, um bereits ins Bewusstsein breiterer Bevölkerungsschichten hineingesickert und das Zeitparadigma geändert zu haben. Auch das Riemann'sche Geometrie-Modell, das unter anderem statuiert, dass jede Gerade bei genauerem Hinschauen ein Ausschnitt aus einem Kreisbogen sei, wurde noch kaum auf die Zeitachse, das vermeintliche 'Zeitkontinuum' angewendet. Es würde nichts anderes bedeuten als das, was uns beim Reisen auf der Erdkugel vertraut ist, weil wir wissen, dass der Äquator eine gebogene Linie ist, nämlich: Wenn wir genügend lange in die Zukunft sausen, kommen wir in der Vergangenheit an - und umgekehrt. Eigentlich merkwürdig, dass wir Einstein zwar wie einen Guru feiern, uns aber immer noch hartnäckig gegen die untrennbare Verknüpfung von Raum und Zeit und ihre Abhängigkeit von einem wahrnehmenden Bewusstsein wehren. Wir schmieden unter dem Aspekt der Einstein'schen Einsichten nicht nur unser Glück, sondern viel allgemeiner unsere Welt, unsere Zeit und unseren Raum mit allem drum und drin und dran - das klingt doch kreativ, ermutigend, motivierend, jedenfalls in meinen Ohren? Liegt es am für viele moderne 'Sozialstaatinsassen' unattraktiven Nachhall 'Eigenverantwortung', dass wir uns so viel Zeit lassen mit der Verinnerlichung dieses schwerwiegenden 'EinenSteins': unserer Zeit?

Ubiquität und Synchronizität
Für die Quelle gilt also nicht nur der räumliche, sondern auch der zeitliche Kreislauf: Wenn sie genug weit in die Zukunft eilt - zum Bach, Fluss, Strom, Meer wird - kommt sie über ihre eigene Vergangenheit, ihre Herkunft - als Regenwasser, Grundwasser - wieder ins Jetzt ihres Quelle-Seins zurück. Und geht sie genügend weit in die Vergangenheit - Regenwasser, Wolke, Verdunstung, Meer - kommt sie über die Zukunft ins Jetzt. Jeder Punkt des Kreises kann von beiden Seiten aus betrachtet und erreicht werden, je nachdem, ob wir als Beobachter vergangenheits- oder zukunftsorientiert hinschauen. Aber - die für unseren Gedankengang wesentlichste Erkenntnis - jeder Punkt des Kreislaufs kann "jederzeit" als Jetztpunkt, als Gegenwartspunkt betrachtet und erlebt werden. Zugespitzt heisst das: 'Überall ist Hier, Immer ist Jetzt' oder abstrakter: Verschmelzung von Ubiquität und Synchronizität. Das paradox Klingende wird vielleicht verständlicher, wenn wir die Gegensätze von Bewegung und Ruhe noch zu verbinden versuchen im Bild der Quelle: Je nachdem, ob sich die Quelle gerade mit dem davoneilenden Wassertropfen identifiziert oder mit dem Ort ihres Entspringens ist sie 'ortsflüchtig', in permanenter Bewegung oder 'stationär', in völliger Ruhe. Wenn wir den Fokus wechseln, können wir also an jedem Punkt des Kreislaufs innehalten und auf 'stationäre Sicht' umschalten, aus der Bewegung in Zeit und Raum auf Ruhe im Jetzt umstellen.

Coniunctio oppositorum - Vereinigung der Gegensätze
Die Gegensätze - und damit auch die Kausalitäts-Rollen, bei denen so messerscharf zwischen Ursache und Wirkung, Täter und Opfer geschieden wird, lösen sich auf, oder besser: sie fallen zusammen, sie vereinigen sich, werden eins. Bewegung und Ruhe, Unterwegs-Sein und An-Ort-Sein, Zeitablauf und Zeitlosigkeit, Bach-Fluss-Strom-Meer-Dunst-Wolke-Rege-Grundwasser-Quelle-Sein ist eins. Vergangenheit und Zukunft fallen zusammen im Jetzt, in der Überall-Immer-Gegenwart. Für dieses Hier-Jetzt-Erlebnis von 'Quelle' fallen die äusseren Wirkmechanismen, die das Kausalitätsmodell - mit Hilfe des Additionsmodells - so präzis zu beschreiben weiss, völlig aus der Relevanz. Es interessiert im Jetzt nicht, wer wann wen angeschubst hat, damit einer der Zustände des Kreislaufs von seiner äusserlichen Entstehung beschrieben werden kann. Wer Fluss, Wolke, Quelle erlebend, erfahrend verstehen will, für den ist die Beschreibung der äusseren Ursachen nicht nur irrelevant, sondern sogar störend, einerseits als Verknüpfung zu eng, andererseits mit dem Fokus auf die Zeitachse zu weit. Die Gegenwart drängt alles in einen Punkt zusammen - aber dieser eine Punkt ist gleichzeitig das ganze Universum. Es geht also nicht darum, das Kausalitätsmodell als falsch hinzustellen; ich möchte nur für den generellen Umgang mit Modellen werben: jedes eignet sich für bestimmte Einsatzbereiche, jedes hat seine Funktionen. Und wenn wir 'Welt' nicht nur äusserlich mechanisch beschreiben, sondern erlebend verstehen, verstehend erleben wollen, wenn wir statt Starrachsen Kreisläufe entdecken und erfahren wollen, so eignen sich andere, nicht-kausale Modelle besser - zum Beispiel das hier skizzierte Vorstellungsmodell 'Quelle': 'In die Quelle eintauchen', 'aus Quellen schöpfen', 'Quell für andere sein' ein sprudliger, leichter, so viel frischerer Zugang zur Welt, denn als schwergewichtiger Causa-Täter möglichst viele Opfer-Wirkungen zu erzeugen, überall Spuren der Verursacher-Macht zu hinterlassen, Eindrücke und Abdrücke ins Erdgestein zu pressen. Wollen wir nicht lieber leichtfüssig wie das Bergbächlein über die moosigen Steine hüpfen, quirlig und wirblig miteinander tanzen, in grösseren Gewässern zur Ruhe finden, uns von der Sonne hochheben lassen, als leichte Tropfen erdwärts fliegen, uns im Untergrund sammeln, um wieder hervorzuquellen aus dem Erdreich ans Tageslicht immer einverstanden mit dem Ort, der Zeit und der Rolle, die wir gerade spielen und im intuitiven ganzheitlichen Wissen darum, dass wir immer wieder alles sein dürfen, dass wir letztlich immer alles sind.

Quelle und Göttlichkeit
Weil sie sich selbst erzeuge in dem Kreislauf des Wassers, sei sie Causa sui , Verursacherin ihrer selbst, habe sie Anteil am Göttlichen, verkündete die Quelle mit aristotelischem Pathos noch im Kausalitätsmodell. Wie steht es nun mit der Göttlichkeit im alternativen Quell-Modell? Wie göttlich ist in diesem Denkmodell die Quelle und wie leiten wir sie her? Wer als Quelle an jedem Punkt seines Universums, seines Kreislaufs ins Hier und Jetzt gelangt und sich mit allem Wahrnehmbaren verbunden weiss, wer Ubiquität und Synchronizität verschmelzen lässt, wird eins mit allem. Und die Metapher 'Einssein mit allem', diese letztlich nicht fassbare, nicht vorstellbare Befindlichkeit jenseits von Zeit, Raum und abgegrenztem Ego-Profil und vor allem jenseits kausal-aggressiver Schubserei ist für mich ein wunderschönes Bild für das Göttliche, einer der vielen Versuche und nicht der unbeholfenste das Unbenennbare zu benennen.