Denk-Aufgabe 508 vom 24. August 2005

 

 

Sprache und Selbstreflexion - for humans only?

 

Der gängige Klischee-Spruch, der Mensch zeichne sich durch Sprache und Selbstreflexion aus vor dem Tier, wird auch heute noch besonders in wissenschaftlichen Kreisen eifrig nachgebetet. Früher regte ich mich darüber auf, heute versuche ich, dieses Phänomen als geeigneten Ausgangspunkt für ein paar Überlegungen zu nutzen. Ich baue mir eine Brücke zum Einverstandensein mit dieser selbstgerechten Vorstellung, die mir hilft, ein paar archetypischen Mustern menschlichen Denkens und Handelns auf die Spur zu kommen.

 

Der Erkenntnisprozess als Geburt

Was ich dabei mache, entspricht selbst einem archetypischen Muster: Ich benutze etwas nach aussen Projiziertes, etwas Abgelehntes, einen Schattenanteil, zu dem ich (noch) nicht 'Ja' sage, zu dem ich also eine künstliche Distanz etabliere, um es erkennen zu können. Es ist der archetypische Vorgang des Gegenüberstellens, der Herstellung von Abstand, Spaltung zwischen Erkennendem und Erkanntem, der zur Illusion der Objektivität im Sinne der 'wahren Erkenntnis' führt. Illusion deshalb, weil das Wort 'ob-iectum' von lat. 'ob-' = entgegen und 'iacere' = werfen eigentlich nur: 'entgegenwerfen', 'gegenüberstellen' meint, was ich paraphrasiere mit 'so weit von sich entfernen, dass man es anschauen kann'. Erkenntnis ist also nicht etwa das Aufnehmen von bereits Daseiendem oder gar das passive Beeindrucktsein von 'Faktischem', von dem, was Wittgenstein so cool 'das, was der Fall ist', nannte, sondern ein aktiver und subjektiver Prozess, den ein einzelnes Bewusstsein ausführt: Es stellt etwas in Gegenüberposition, um es wahrnehmen zu können.

Die Geburt ist ein schöner Vergleich für den Erkenntnisprozess, der sich auch auf Inneres übertragen lässt. Ein 'Kind' im wörtlichen oder im übertragenen Sinne entsteht in uns, schlummert in uns, regt sich, wächst und will irgendwann hinaus, ans Licht. Und mit der Entäusserung, mit der 'Geburt' kommt es in die Distanz, die es erlaubt, unsere Wahrnehmung mit anderen zu teilen. Für uns selbst als Gebärende ist der Unterschied vor und nach der Geburt nur ein gradueller. Wir haben in der Innenschau unser 'Kind', unser Projekt, unsere Vision längst wahrgenommen, sind mit ihm, mit ihr schwanger gegangen, haben uns auf die Geburt, die Entäusserung, die Materialiserung im Aussen, die Realisierung eingestellt, sie hundertfach durchdacht, durchempfunden, visioniert. Aber nun, mit dem 'Nach-aussen-Treten' wird die Schöpfung auch für andere wahrnehmbar. Und die Enttäuschung ist programmiert. Auch unsere allernächsten Mitmenschen können uns in der Regel nicht folgen in unserer Begeisterung, unserer Zuwendung zu unserem Geschöpf. Für sie ist es ja völlig neu, sie werden konfrontiert mit etwas 'Fertigem', wo wir das Resultat oder zumindest den wesentlichen Zwischenstand einer langen Entwicklung, einer Schwangerschaft, eines Wachstumsprozesses begrüssen. Auch und gerade die Schmerzhaftigkeit der Geburt ist ein wesentlicher Faktor für die Bedeutung, die wir als Gebärende, als Schöpfer unserem Geschöpf beimessen, für die Nähe und Zuwendung, die wir für diese unsere Schöpfung empfinden. Wir haben etwas überstanden, wir mussten uns anstrengen, wir rangen vielleicht sogar mit dem Tod, um unser Geschöpf 'zur Welt' zu bringen. Wir blicken im Augenblick der Geburt bereits auf eine Geschichte zurück: auf den oft langwierigen, mit Hochs und Tiefs durchsetzten Weg von der Zeugung, der ersten Idee, der Vision bis zum Augenblick des 'Ans-Licht-Tretens'.

 

Erkennen und Lieben

Wenn wir Glück haben, ist der andere positiv überrascht vom 'Geschöpf' aber auch dann ist seine Empfindung eine völlig andere als die unsrige. Wenn wir noch mehr Glück haben, liebt uns der andere und versucht, sich in uns hinein zu versetzen, unser Erlebnis nachzuempfinden. Je grösser diese Liebe, desto leichter wird ihm dies gelingen. Und damit haben wir so nebenher noch ein gutes Kriterium für die Qualität von Liebe gefunden: das Mass von Empathie, die Gabe, sich in ein anderes Wesen hineinzuversetzen ein Vorgang, der zumindest für die Zeit seiner Dauer mit Ego-Hintanstellung verbunden ist. Je besser es einem Wesen gelingt, sich, sein Ego, seine Sichtweise, seinen Standpunkt zu verlassen um denjenigen eines anderen einzunehmen, desto besser kann er die Welt durch dessen Augen sehen (Denk-Aufgabe 506). Lieben heisst unter diesem Aspekt: die Welt durch die Augen des andern sehen, seinen Standpunkt einnehmen, 'Er/Sie/Es-Sein', mit dem andern eins sein. Liebe wäre also die Vereinigung mit dem andern, die Überwindung der Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Erkennendem und Erkanntem. Und jetzt möchte ich gern (ach welche Eitelkeit!) ein entsetztes Raunen durch die Gemeinde der Aufgeklärten, der Rationalisten, der Vernunftanbeter, der Wissenschaftsgläubigen, der Differenztheoretiker gehen hören: Liebe wäre demzufolge das Gegenteil von Erkenntnis! Und ist nicht das höchste Ziel aller Aufklärung die Erkenntnis? Um die Verwirrung komplett zu machen, zitiere ich einen Satz aus dem Alten Testament (1. Buch Mose, 4.1, Luther-Übersetzung): "Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain [...]" Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das hebräische Verb für erkennen tatsächlich als polysem und meint auch 'lieben' hier sogar ganz deftig körperlich lieben! Jetzt haben wir den Salat: einmal sind 'lieben' und 'erkennen' synonym, das andere Mal diametrale Gegensätze?

Wenn ich mich jetzt mit Anstand aus der Affäre ziehen will, muss ich entweder zwei ausreichend verschiedene Sorten von 'Lieben' oder zwei markant differierende Arten von 'Erkennen' postulieren. Ich tue gleich beides und unterscheide zuerst das trennende Erkennen vom vereinigenden Erkennen. Beim trennenden Erkennen findet der oben beschriebene Vorgang der Spaltung statt. Wir werfen etwas Eigenes in eine Gegenüberposition, 'objektivieren' es und erkennen die Differenz, den Unterschied zu uns und zu anderem, was wir 'gegenüber geworfen' haben, zu anderen Objekten. Beim vereinigenden Erkennen machen wir das Gegenteil, lösen wir den gegenpolaren, ausbalancierenden Vorgang aus: Wir nehmen etwas Gegenüberliegendes, ein Objekt, wieder zu uns, in uns hinein, erkennen es als etwas zu uns Gehöriges, als Eigenes. Wir richten unseren Fokus statt auf das Trennende auf das Gemeinsame, statt auf die Unterschiede auf die Zusammengehörigkeit, erweitern unsere Ich-Identifikation um dieses andere, nehmen das aussen Geglaubte als Inneres auf. Und dieses vereinigende Erkennen können wir auch 'lieben' nennen. Allerdings ist es eine spezielle Art des Liebens und damit wären wir bei der angekündigten Differenzierung des Liebens: das vereinigende Erkennen entspricht dem Richtung Bedingungslosigkeit tendierenden Lieben, nicht dem uns so vertrauten libidinösen, erotischen oder freundschaftlichen 'Lieben', das mit mehr oder weniger angstvollem Haften, mit Besitzanspruch und Eifersucht verknüpft ist. Natürlich kann auch vereinigendes Lieben noch mit Absicht, mit Intention und mit Besitzanspruch auftreten und damit noch mit Bedingungen behaftet sein, aber das Mass der Bedingtheit ist indirekt proportional zum Gelingen der Vereinigung. Einfacher gesagt: je mehr Bedingungen an eine auf Vereinigung ausgerichtete Liebe geknüpft sind, desto weniger nachhaltig klappt es mit der Vereinigung, wie wir es alle von der körperlichen Liebe her kennen. Die Aufgabe des Egos, des eigenen Stand-Punktes zugunsten des Wesens, mit dem wir uns vereinigen wollen, gelingt meist nur sehr kurzfristig ausser es seien höhere Ebenen am Vereinigungserlebnis beteiligt, seelische und geistige Dimension involviert. Ist unser Vereinigungswille gar von ausschliesslichem Besitzanspruch Inbegriff eines Ego-Anspruchs dominiert, kommt es gar nicht zur Ego-Aufgabe. Dann wird der vorgetäuschte Vereinigungswille zur Farce und es geht ganz im Gegenteil um Stärkung des Egos, um Bestätigung der eigenen Wichtigkeit, um Macht über das andere Wesen, um Inbesitznahme - und nicht um Grenzöffnung und Hingabe, Voraussetzungen für echte Vereinigung.

 

Beide Arten der Erkenntnis machen Sinn

Wir erleben die Ambivalenz der Erkenntnis im Alltag, dieses Hin- und Herpendeln zwischen den beiden Extremen der trennenden und der vereinigenden Erkenntnis. Wir alle kennen das Glücks-Erlebnis der vereinigenden und das Macht-Erlebnis der trennenden Erkenntnis, das Glück der Ego-Aufgabe zugunsten des Vereinigungs-Erlebnisses und das geile Gefühl der Ego-Stärkung, der Ego-Profilierung durch Grenzziehung und Machtausübung. Beides ist völlig in Ordnung es geht hier in keiner Weise darum, das eine hochzujubeln und das andere zu verteufeln. Es geht mir einzig darum, beides auszuleuchten und die jeweiligen Folgen zu skizzieren, für die wir selbstverständlich die Verantwortung zu übernehmen haben, freiwillig oder unfreiwillig.

Ich möchte in diesem Text die skizzierte trennende Erkenntnis im Bereich des Themas 'Sprache und Selbstreflexion' etwas vorantreiben und bin mir dabei voll bewusst, dass ich mich damit von einigen trenne, die gegenteiliger Ansicht sind. Ich suche jetzt und hier nicht das Vereinigungserlebnis mit denen, die seit gut zweitausend Jahren der Ansicht huldigen, der Mensch sei die Krone der Schöpfung, er habe das Recht, sich die Erde untertan zu machen, die Tiere, Pflanzen und die ganze Natur mit Füssen zu treten, auszubeuten, zu benutzen, um seinen Grössenwahn auszuleben. Ich suche im Gegenteil die schärfst mögliche Trennung von diesen Haltungen, indem ich sie in Gegenüberposition bringe, sie 'objektiviere', in eine künstliche Distanz zu mir bringe, um sie betrachten und kritisieren zu können, wohl wissend, dass es dabei letztlich um Eigenes, um Inneres, Intrasubjektives geht, um von mir nach aussen Projiziertes, mit dem ich mich irgendwann wieder vereinigen muss, zu dem ich irgendwann wieder 'Das bin auch ich' sagen muss. Ich möchte anhand dieses Beispiels auch zeigen, dass dieser Prozess Sinn macht: Abtrennen projizieren anschauen kritisieren bewerten und dann wieder zurücknehmen - integrieren. Wir sind nicht mehr dieselben nach diesem Prozess und auch das Angeschaute, das Objekt unserer Erkenntnis wandelt sich.

Diese Verwandlung von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess können wir auch als Entwicklung bezeichnen. Wobei auch dieser Begriff nur die Hälfte ausdrückt. Zuerst ver-wickeln wir uns in Identifikationen, selektionieren Hüllen, Kleider, Profile, Eigenschaften, wickeln uns in sie hinein, sagen 'Ja' bzw. 'Ich' zu diesem ausgewählten Teil, ziehen scharfe Grenzen um uns herum, beziehen in unserer Eingehülltheit und Verwickeltheit Standpunkte, von denen aus wir die Welt, die Objekte, das Äussere, den 'Rest der Welt' anschauen, erkennen und bewerten. Und erst jetzt kann die zweite Hälfte des Erkenntnisprozesses, die eigentliche Ent-wicklung beginnen: Mit jeder echten Vereinigung öffnen wir die Grenzen, geben einen Teil unserer Ich-Identifikation auf, wickeln uns aus den Hüllen, Kleidern, Rollen, lassen das Aussen gewähnte, das Fremde, das Feindliche herein. Ver-wicklung ist also Voraussetzung für Ent-wicklung, trennendes Erkennen Voraussetzung für vereinigendes Erkennen, Subjekt-Objekt-Spaltung Voraussetzung für Einswerdung. Wenn wir dieses Sowohl-als-auch, diesen Rundweg und seinen Sinn erkennen, haben wir eines der grössten Geheimnisse des Menschseins erkannt behaupte ich munter und lege los, vorerst also einmal trennend.

 

"Was ich nicht verstehe, gibt es nicht"

Ich lege diesen Spruch politically uncorrect im höchsten Grade den lieben Beamten in den Mund und nenne die dahinter gewitterte Haltung 'Zöllner-Arroganz', obwohl sie natürlich weder bei allen noch nur bei Zöllnern vorkommt . Sie klingt etwa so: "Die Welt ist genau so gross wie mein Beamten-Wissen. Alles, was darüber hinausgeht, ist irrelevant oder inexistent." Spuren dieser Überheblichkeit finden sich zuhauf bereits in der frühesten Geschichte. Schon die alten Griechen nannten alle Nichtgriechen 'Barbaren' eine onomatopoetische Bezeichnung für das ihnen unverständliche Gebrabbel aller nicht Griechisch Sprechenden. Fremde Sprachen sind aus dieser Sicht per se minderwertig, unkultiviert und irrelevant. Alle fundamentalistischen Native-Speaker zeigen bis heute dieselben Ansätze: Wer nicht spricht wie wir, ist ein 'frömder Fötzel' und damit bereits ein Mensch zweiter Klasse. Wir Schweizer mit unserem topographisch bedingt besonders engen Horizont bringen dieses Muster durchaus auf den Mikrokosmos von Gemeinden herunter: Nur im schaffhausischen Schleitheim selbst sagt man 'Schlaate', schon im Nachbarkaff Siblingen sagt man 'Schleite' und damit sind die Siblinger für die Schlaatemer bereits 'frömdi Fötzel', eingewanderte Siblinger sind auch nach drei Generationen und 80 Jahren noch 'Zugereiste', denen mit 'gesundem' schweizerischem Misstrauen begegnet wird. Auf diesem Teppich nimmt sich die ablehnende Arroganz gegenüber nicht-menschlichen Sprachen geradezu als harmlos aus. Wie kann ein Wesen, das der Sprache von Mitwesen gleicher Gattung, aber mit zwei Kilometer entferntem Wohnort schon tiefste Ablehnung und mehr oder weniger unverhohlene Verachtung entgegenbringt, Respekt empfinden vor den Kommunikationsformen fremder Gattungen, die zwecks Unterhaltung vielleicht nicht einmal das Maul aufreissen sei es in Ermangelung eines entsprechenden Organs, sei es, weil sie sich mit geschlossenem Maul bestens verständigen können? Dabei wäre es eigentlich gar nicht so schwer, über die eigene Klappe hinauszuäugen, kennen wir doch auch unter Menschen einige Kommunikationsformen, bei denen keine gutturalen Laute ausgestossen werden, die gerade mal die unverstopften Ohren Anwesender erreichen und nur von denen decodiert werden können, die zufälligerweise desselben Rülps-Systems mächtig und kundig sind. Z.B. das System, das wir hier gerade benutzen, das aber bis vor kurzem nur als 'aufgeschriebene Lautsprache' galt. Aber auch Musiksprache, Blindenschrift, Taubstummensprache, Morsen, Rauchzeichen, Bildschriften, Mimik, Gestik, Tanz, Gerüche, Geschmack, taktile Kommunikation und vieles mehr sind Kommunikationsformen, die uns als Alternativen neben der Lautsprache zur Verfügung stehen. Einige wenige besonders Begabte können auch die Aura - die als 'feinstofflich' bezeichnete energetische Ausstrahlung von Wesen und Dingen - sehen bzw. lesen, und im Ansatz können wir es alle. Wer nicht völlig verstopft ist, nimmt die Stimmung, die Ausstrahlung eines Wesens oder wenigstens eines Kollektivs, einer Masse wahr und deutet sie mehr oder weniger intuitiv. Wer sich aufgeklärt wähnt, versucht dann zwar oft verzweifelt, seine Deutung an unverdächtigen 'Fakten' festzumachen, beweist seine Wahrnehmung mit Lärmpegel- und Schweissmessungen, mit Fotos, Videos, Enzephalogrammen und sonstigen von Neurophysiologen sichtbar gemachten elektrischen Strömen, um nicht als Eso-Kitschbruder zu gelten es sei ihm gegönnt, wichtig ist mir hier nur, dass auch hartgesottene Materialisten Alternativen zur Lautsprache kennen und es deshalb eigentlich nicht so schwer sein sollte, einen klitzekleinen Entwicklungsschritt über die 'Zöllner-Arroganz' hinaus zu tun. Wie wäre es mit:

"Rein theoretisch könnte es Dinge unter der Sonne geben, die ich nicht noch nicht verstehe."

Und wenn wir diesen Ausbruch von Einsicht und Toleranz schon erreicht hätten, könnten wir unsere aufgeweichten Zöllner, Lehrer und Polizisten, unsere Pharisäer und Alleswisser doch gleich noch näher an den Abgrund schubsen und sie drängen, sich wenigstens für fünf Minuten mit dem grauslichen Satz anzufreunden:

"Es könnte sehr rein und sehr theoretisch sein, dass es sogar auf unserem Planetlein Wesen geben könnte, die sich in uns Menschen vergleichbarer Weise verständigen können."

Und jetzt möchte ich ein kleines, ziemlich fieses Exkürslein machen und die allso Weichgeklopft-Offenherzigen mit gespielter Naivität fragen, wie toll es denn klappe mit der menschlichen Kommunikation, wie hoch denn der Anspruch sei an die Nicht-Menschlein, wenn sie sich 'in vergleichbarer Weise' unterhalten möchten. Funktioniert sie denn eigentlich, die menschliche Kommunikation? Ist denn das Sich-Verstehen die Regel? Schauen Sie doch bitte mal in Ihrem eigensten Umfeld oder blättern Sie nochmals zurück zum Thema 'Geburt' oben, wo wir doch vor allem auf Nicht-Verständnis stiessen. Könnte es sein, dass die folgende, leicht deprimierend klingende These gar nicht so einfach zu widerlegen wäre:

"Das Missverständnis ist in der menschlichen Kommunikation die Regel."

Und um noch eins draufzusetzen dass die Missverständnisquote im Vergleich der menschlichen Kommunikationsformen bei der Verbal-Sprache am höchsten sei? Anstelle langer theoretischer Erwägungen, die ich andernorts bereits anstellte (HIER wäre der Link), könnten wir es einfach ausprobieren bzw. unsere Erfahrung auf Missverständnisse abklopfen. Und seien Sie bitte genau: zählen Sie nicht bereits als Verständnis, was oberflächlich funktioniert hat. Wenn der eine in einen Apfel beisst und sagt: "Gut!" - und der andere nickt einverständlich, so ist eigentlich noch gar nichts klar. Vor allem deutet der Nickende wohl eher Mimik und Gestik, die ganze Körpersprache des Apfelessers und würde dessen Wohlbefinden auch erkennen, wenn er statt 'gut' etwas Chinesisches sagte oder einfach einen gutturalen Schmatz-Rülps-Laut von sich gäbe. Nun kann das Nicken - oder wenn wir's lieber verbal haben, das 'Ja' des Nickenden - aber verschiedenerlei bedeuten. Es kann bedeuten, dass der Nickende einverstanden ist damit, dass der andere seinen 'Znüni' isst gerade jetzt gerade hier; oder dass sich der Apfelesser wohlfühlt dabei; oder dass er selbst - der Nickende - Äpfel auch gut findet - und alle möglichen Kombinationen dieser drei Interpretationen. Deutet nun der Apfelesser das Nicken so, dass er glaubt, der andere habe auch gerne Äpfel, bietet er ihm vielleicht einen zweiten Apfel an, was der andere möglicherweise dezidiert ablehnt, weil er mit seinem Nicken bzw. mit seinem 'Ja' nur Zustimmung zur Situation geben und nichts über seine kulinarischen Vorlieben aussagen wollte - und schon ist das Missverständnis da. - Banal, ich weiss, aber prüfen Sie einmal Ihre Alltagskommunikation auf diese Preislage von Missverständnissen. Wie oft sagen oder hören Sie den Satz: "Aha, ich habe gemeint..."? Und dann unterscheiden Sie bitte 'Live-' und 'Distanz-Kommunikation'. Vergleichen Sie die Häufigkeit der Missverständnisse. Ich behaupte, dass die Häufigkeit kontextabhängig ist: Je mehr andere Kommunikationsformen eine verbale Äusserung unterstützen, desto höher die Verständnisquote. Und ich postuliere, dass es sehr viele Wesen gibt, die sich untereinander besser verstehen als wir Menschen.

Natürlich ist diese Quote auch stark von den beteiligten Charakteren abhängig. Für Anwälte und Politiker z.B. gehört es geradezu zum Berufs-Knowhow, Missverständnisse zu erzeugen und zu pflegen, sei es in der Auslegung gesetzlicher Bestimmungen oder in den Ausführungen des Gegners. Umgekehrt ist in der funktionsorientierten Kommunikation von Praktikern die Bereitschaft gross, Verständnis zu erzielen - auch bei hanebüchen unklarer, vieldeutiger Kommunikation. Es sind Miniaturformen von vereinigender Erkenntnis dahinter, wenn der eine Kommunikationsteilnehmer den andern verstehen will, sich fragt, was er wohl gemeint haben könnte und sich zu diesem Zweck auf dessen Standpunkt stellt, sich seine Sichtweise zu eigen macht, in seine Rolle schlüpft. - Und damit wären wir bereits beim Lösungsansatz für das Problem der menschlichen Kommunikation: je besser es uns gelingt, liebend zu kommunizieren, desto geringer die Missverständnisquote.

 

Ambivalenz menschlicher Verbal-Sprache

Nun ist aber die menschliche Verbal-Sprache eine sehr stark auf trennender Erkenntnis, auf Differenz beruhende Kommunikationsform. Für ganz engstirnige Sprachwissenschafter wie de Saussure bezieht das sprachliche Zeichen sogar seinen einzigen Wert aus der Differenz zu anderen Zeichen. Auf diesem Axiom aufbauend ist mit Sprache gar keine Vereinigung möglich, haben wir nur eine immer wieder anders geartete Menge einzelner, eiskalt und verbindungslos isoliert dastehender Buchstaben, die sich zwar zu Wörtern und Sätzen gruppieren, aber nie verbinden. Ich sehe das selbstverständlich anders, nehme Sprache auch intuitiv, ja sinnlich-erotisch wahr, erlebe sie als verbindend, vereinigend sowohl im mikrokosmischen Bereich der Buchstaben- bzw. Lautfolgen wie im makrokosmischen Bereich der performativen Sprechakte, die Menschen, Gemeinschaften, ja ganze Völker verbinden können. Aber ich gebe zu, dass die Verbal-Sprache eine sehr abstrakte, vom sinnlichen Erleben stark entrückbare Kommunikationsform sein kann. Genau auf diesen Abstraktions-Level bilden sich Menschen aber oft so unheimlich viel ein, ähnlich wie auf die Selbst-Reflexion, die ebenfalls auf einer abstrahierenden im Sinne einer 'weg-ziehenden' Bewegung beruht, nämlich der Fähigkeit sich, seinen beobachtenden Geist, von seinem inneren und äusseren Erscheinungsbild zu entfernen, eine gewisse Distanz zu sich selbst einzunehmen und über sich nachzudenken. Doch sowohl die Sprache wie die sich meist in Sprache äussernde Selbstreflexion sind nicht zwingend auf die Rationalität beschränkt. Poetische, lyrische, lautmalerische Sprache und intuitive 'Befühlung' seiner selbst, also 'Selbst-Empathie' statt Selbstreflexion sind kommunikative Akte, die das enge Korsett analytischer, intellektueller Rationalität sprengen. Durch dieses Hintertürchen kann auch der vereinigende Aspekt, die Liebe wieder in die kommunikativen Erkenntnisbemühungen eindringen. Und auf dieser Ebene können sich vielleicht auch 'Mensch-als-Krone-der-Schöpfung'-Anhänger der Vorstellung nähern, dass der Mensch nicht das einzige Wesen ist, das zu entwickelten Formen der Kommunikation fähig ist. - Wobei sich sofort wieder fragt, was 'entwickelte Formen' sind. Wenn das einzige Kriterium dafür das Mass an Trennung, an Abstraktion, an Distanz zwischen Erkennendem und Erkanntem, aber auch zwischen den Kommunikationsbeteiligten ist, dann scheint der Mensch eine Sonderstellung einzunehmen. Ich sage 'scheint', denn wir haben schlicht keine wissenschaftlichen Grundlagen, die beweisen würden, dass z.B. die Kommunikation unter Tieren auf tieferem Abstraktionsniveau stattfindet als beim Menschen. Wir haben uns daran gewöhnt, alle mehr oder weniger unerklärlichen Phänomene tierischer Intelligenz mit dem Etikett 'Instinkt' zu versehen und zu schubladisieren. Dies scheint mir zu einfach. Ich möchte mehr als ein etikettierendes Wort für faszinierende Kommunikationsphänomene wie den Bienentanz, bei dem Bewegungen als Fluganweisungen decodiert werden müssen - eine doch erstaunlich abstrakte Leistung? Weitere Beispiele wären das räumliche Orientierungsvermögen vieler Tiere wie z.B. Zugvögel, Katzen und Pferde, das Zeitgefühl von Tieren, die Kombinatorik: z.B. der Schluss von Kleidung oder Ausrüstungsgegenständen des Tierhalters oder -wärters auf kommende Ereignisse. - Wer muss eigentlich wem was beweisen in der Wissenschaft? Hier drängt sich ein kleiner Exkurs zur Beweislast auf.

 

Exkurs: Wer trägt die Beweislast?

Müssen diejenigen, die etwas nicht ausschliessen - wie ich hier die Fähigkeit der Tiere zu dem Menschen vergleichbarer, ja gar überlegener Kommunikation - den andern, die dies ohne Argumente ausschliessen, den Beweis liefern, dass es tatsächlich so ist? Oder liegt die Beweislast bei denen, die etwas ausschliessen? - Ich meine, dass beide Seiten in einem Disput sich um Plausibilisierung ihrer Thesen bemühen sollten. Das müssen nicht zwingend logische Argumente sein. Wenn man die Wissenschaftsgeschichte betrachtet, so waren es in den häufigsten Fällen Erlebnisse, Erfahrungen, Experimente, sogenannte 'Tatbeweise', die etwas für unmöglich Gehaltenes ins Reich des Möglichen, des 'Realen' holten. Als die Spanisch-Brötli-Bahn in Betrieb genommen werden sollte, gab es scharfsinnig ausgeklügelte, wissenschaftlich daherkommende Warnungen, die unter anderem mit dem Argument operierten, dass sich der menschliche Körper bei Geschwindigkeiten über 60 Stundenkilometer in seine Einzelteile auflöse. Die Betreiber wollten Geld verdienen, riskierten die 'Auflösung' ihrer Passagiere, fuhren los - und siehe da, die verrückten Abenteurer blieben intakt, die 'Für-unmöglich-Halter' wurden mit all ihren Argumenten falsifiziert. Ähnlich klang es vor den ersten Raumfahrten in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Diesmal hiess die These der 'Für-unmöglich-Halter', der menschliche Körper gehe zugrunde, wenn er sich von der Erdoberfläche entferne - auch das erwies sich im Experiment als falsch. Die Frage ist, was zu tun ist, wenn sich das Experiment nicht so leicht und offensichtlich durchführen lässt wie in den erwähnten Beispielen. Wir haben bei der Frage der Kommunikation nichtmenschlicher Entitäten ein ähnliches Problem wie bei den Taubstummen und der Musik. Es können ganze Sinfonieorchester zum Tatbeweis aufspielen im Taubstummenheim - die Tauben hören nichts und können auf diese Weise kaum überzeugt werden, dass es Musik gibt. Ähnlich gibt es haufenweise Menschen, die sowohl Kommunikation unter Tieren wie auch mit Tieren, Pflanzen, Bergen, mit Organischem und Anorganischem auf hohem Niveau erlebten und erleben - aber diese Erfahrungen lassen sich nur schwer in die gewohnten verbalsprachlichen Formen und die üblichen naturwissenschaftlichen Experimentier-Kontexte pressen. Es ist nicht unmöglich und es gibt durchaus schon einiges Material (wie z.B. die Wasserkristall-Fotos des japanischen Biologen Emoto, die die Kommunikationsfähigkeit von Wasser dokumentieren), aber oft sind die 'Für-unmöglich-Halter' nicht einmal bereit, sich auf die Dokumentationen einzulassen. Damit wären wir wieder bei der verbohrten, fundamentalistischen Verschlossenheit, die ich oben als Zöllner-Arroganz' apostrophierte, und bei der Beweislastverteilung: Was spricht denn dagegen, die Beweislast dem 'Für-unmöglich-Halter' aufzubürden? Soll mir doch einer wissenschaftlich beweisen, dass Tiere, Pflanzen, Dinge NICHT kommunizieren, NICHT zu Selbstreflexion fähig sind. Macht es nicht viel mehr Sinn, alles für möglich zu halten, was sich nicht als unmöglich erwiesen hat? Die wahrhaft wissenschaftliche - und m.E. auch versöhnliche - Haltung wäre die Folgende: Nichts wird per se und von vornherein als unmöglich betrachtet. Auch wenn irgendetwas sich als unmöglich erweist, gilt es als 'Hier und jetzt unmöglich', als 'Mit den jetzt zur Verfügung stehenden Mitteln, im aktuellen Kontext nicht möglich'. So bleibt das Rennen offen, niemand muss auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, Skepsis gegenüber gerade Geltendem, von einem Zeitparadigma Akzeptierten, aber auch gegenüber allen neuen, verrückt klingenden Thesen bleibt erlaubt - und beide Seiten, sowohl die 'Für-möglich-Halter' wie die 'Für-unmöglich-Halter' haben jederzeit Gelegenheit, ihre Thesen zu plausibilisieren.

Es geht hier um viel mehr als um ein wissenschaftliches Geplänkel im Glashaus. Es geht auch um viel mehr als um das Für-möglich-Halten nicht-menschlicher Kommunikation auf vergleichbarem Niveau. Auch wenn der Terminus 'Beweislast' leicht nach Juristerei riecht - es geht um eine ganz grundsätzliche und in hohem Masse alltagsrelevante Frage: Wenn die Beweislast in jeder Alltagssituation bei dem liegt, der etwas für unmöglich hält, hat dies gewaltige Auswirkungen auf Erziehung, Schule, Wirtschaft, Politik, alle Formen menschlichen Zusammenlebens. Überlegen Sie sich, wie oft Sie schon gesagt oder gehört haben: "Das gibt es nicht!" - "Das ist unmöglich!" - "Das klappt nie!" - "Vergiss es!" - "Das schaffst du nie!" - "Das ist noch keinem gelungen!" - "Das ist verboten!" - "Das macht man nicht!" etc. Und nach Argumenten gefragt, tönte es dünn: "Man weiss heute..." - "Die Erfahrung zeigt..." - "Es gilt als erwiesen..." - "Es gibt Statistiken..." - "Studien zeigen..." etc. - All diese faulen Sprüche sind vom Tisch, wenn der 'Für-unmöglich-Halter' die Unmöglichkeit beweisen und wenn ihm dies nicht gelingt die Möglichkeit zugeben muss. Falls er sich in einer Autoritätsposition befindet gegenüber dem 'Für-möglich-Halter', müsste er diesen gewähren lassen. Er kann selbstverständlich weiterhin versuchen, den 'Für-möglich-Halter' von seiner These, seinem Ansinnen abzubringen mit Argumenten, rationalen und intuitiven. Aber damit verlässt er die Debatte über die Möglichkeit. Man kann jederzeit einwenden, etwas zwar Mögliches sei gefährlich, dumm, irrelevant, sinnlos, schädlich. Alle diese Vorwürfe liesse ich mir auch gefallen bei unserem Thema der nicht-menschlichen Kommunikation, der Sprach- und Selbstreflexions-Fähigkeit anderer Entitäten. Ich würde selbstverständlich versuchen, sie mit Gegenargumenten, Beispielen und Experimenten zu entkräften. Aber ich sträube mich vehement gegen die aus meiner Sicht zutiefst fundamentalistische Haltung des zum vornherein für unmöglich Haltens. - Natürlich kann ich mir einen Menschen auf einem Entwicklungsstand vorstellen, der ein eng begrenztes, einfaches Weltbild braucht mit simplen Leitplanken, was richtig und falsch, was gut und böse sei. Wir durchleben alle mehr oder weniger intensiv diese zur ersten Lebenshälfte passende, pragmatisch-funktionale Phase. Aber auch in diesem Entwicklungsabschnitt ist es nicht nötig, das Abgelehnte für unmöglich zu halten. Es reicht, wenn wir es als falsch, schlecht, irrelevant, unnütz, nicht hilfreich für uns etc. abqualifizieren und beiseite schieben oder gar bekämpfen. Der einzige Vorteil dieser Höchstform der Verdrängung - wenn wir etwas ohne Argumente und ohne es anzuschauen aus dem Bereich des überhaupt Möglichen schubsen - liegt vielleicht (wie bei jeder Verdrängung) in der kurzfristigen und oberflächlichen Angstminderung. Das Verdrängte ist - solange wir die Fiktion seiner Unmöglichkeit aufrecht erhalten können - weg von der Bildfläche, kann uns nichts anhaben. Vielleicht liegt hier auch der Schlüssel für die Verdrängung der Möglichkeit und des Potenzials nicht-menschlicher Kommunikation?

 

Mini-Exkurs zur Ambivalenz der Verdrängung

Was unsere Macht, unsere Sicherheit, unser Wohlbefinden einschränkt, versuchen wir zu entfernen. Gelingt die Entfernung nicht in concreto durch Ausradieren, Vernichten, Unterjochen, Vertreiben des Missliebigen aus dem näheren Umfeld - so beginnen wir unsere Palette von Verdrängungstechniken anzuwenden. Unangenehme Empfindungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen werden unter den Teppich gekehrt - eine höchst praktische und auch durchaus sinnvolle, funktionale Angelegenheit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten z.B. jederzeit alle Erinnerungen an alle physischen und psychischen Schmerzen, die Sie je verspürten, präsent. Eine wenig erspriessliche Vision. Aber es gibt auch in diesem Bereich 'Weicheier' und 'Hartgesottene'. Die 'Weicheier' gehen naturgemäss weiter im Verdrängen, halten weniger Missliebiges aus, die 'Hartgesottenen' werden immer stärker, weil sie sich trauen, auch Unangenehmes zu konfrontieren. Der Witz unseres Psychiatrie- und Psychotherapie-Betriebes ist, dass sich just die 'Weicheier', wenn sie sich gerade besonders mies fühlen, in die Psycho-Mühle begeben, wo sie von detektivisch geschulten Analytikern oft grauslich und in Überdosis mit haufenweise Verdrängtem konfrontiert werden. Zum miesen Zustand gesellt sich dann noch der Frust darüber, dass all das sorgsam Verdrängte offensichtlich immer noch da ist und es dämmert die Einsicht, dass man zu den 'Weicheiern' gehört. Der Gedanke, dass derjenige, der teuer bezahlt wird für sein Tun, genau derselbe ist, der dem Angeschlagenen diesen Frust und diese Einsicht beschert, kann dann dem legendären Fass den Boden ausschlagen und den Hilfesuchenden tatsächlich in eine Depression fallen lassen oder ihm just den Kick geben, sein 'weiches Ei' im Siedewasser der gesunden Wut etwas härter zu kochen. Ökonomisch ist das Spiel aus der Sicht der Anbieter genial: die Psychoanalytiker locken Patienten an und kreieren die Probleme, deren Lösung sie dann anbieten. Denn ohne das Aufdecken der Verdrängungen ging es dem 'Weichei' vergleichsweise gut. Die Seele funktioniert durchaus vergleichbar unserem Verdauungssystem: Solange da nicht gröber von aussen eingegriffen wird, weiss unser Körper recht gut, was ins Kröpfchen und was ins Töpfchen gehört. Genau so versucht die Seele beständig, die Triage zu machen zwischen 'behaltenswert', 'auszuscheiden', und - wenn letzteres nicht gelingt - 'zu verdrängen'. Verdrängung kann als Zwischenstation also durchaus Sinn machen. Die Frage ist, wer wann wieviel wovon hervorklaubt aus der Verdrängungs-Kiste. In der Regel haben wir als Verdränger ein instinktives Gespür dafür, wann wir was aus der Versenkung holen wollen und können. Ich sage nicht, es sei immer und überall dumm, von aussen in dieses System einzugreifen, aber ich meine, dass es in jedem Fall sehr gute Gründe dafür geben muss - und dass der Zeitpunkt und die Verarbeitungskapazität des Klienten - die Weichheit bzw. Härte des Eis - genauster und laufender Überprüfung bedarf. - Ich nehme es also nicht krumm, wenn sich jemand gerade jetzt aus der Lektüre dieses Textes ausklinkt, weil er es zurzeit nicht erträgt, die verdrängte In-Erwägung-Ziehung der Möglichkeit nicht-menschlicher Kommunikation generell bzw. auf dem von mir behaupteten hohen Niveau speziell zu konfrontieren.

 

Kommunikation ist Macht

Es brauchte weder Goebbels noch die Zigarettenwerbung, um diese These zu stützen. Aber seit den Schriften von Michel Foucoult zur Diskursanalyse ist sie salonfähig und wissenschaftlich geadelt worden. Wer den Diskurs beherrscht, wer die Begriffe bestimmt, ihnen Inhalt und vor allem Wertung gibt, der hat ein sehr wirksames Machtinstrument in Händen. Wenn wir also bereits den Gedanken der Möglichkeit von uns weisen, dass z.B. Tiere auf uns vergleichbarem Level kommunizieren könnten, so geht es vielleicht ganz einfach um Macht. Wo kämen wir denn hin, wenn Tiere über Sprache verfügten, wo wir doch Sprache als differentia specifica für menschliche Kultur, Menschenwürde, Zivilisation betrachten? Hat uns nicht schon Darwin arg zugesetzt mit der Nivellierung der absolut geglaubten zu bloss graduellen Unterschieden zwischen Affen und Menschen? Wir müssen doch noch irgendetwas Einmaliges, Besonderes haben, das uns auszeichnet vor allen anderen Wesen, das uns vor allem legitimiert, sie zu unterdrücken, uns die Erde untertan zu machen, sie auszubeuten nach dem einzigen Kriterium 'Was nützt uns?' (Denk-Aufgabe 503).

Auch Galileis Entdeckungen schmerzten, und aus der Optik des Machterhalts war die fundamentalistische Reaktion der Kirche völlig verständlich: Im ptolemäischen Weltbild war alles noch in Ordnung. Oben der Himmel, unten die Hölle, zwischendrin als einziger Lebensraum die flache Erde, darauf als höchstes Geschöpf der Mensch. Und nun kam da einer, der an dieser Ordnung, an diesem Bild rütteln wollte. Da war nicht nur der klare Platz von Gott und Teufel, sondern auch die Sonderstellung des Menschen im Gesamtsystem in Gefahr. Heute finden wir uns in einem Welterklärungsmodell vor, das eigentlich den Respekt vor allem anderen Seienden nicht nur vor den Tieren erhöhen sollte: als winziges Gewimmel auf einem Staubkorn von einem Planetchen in einem unendlich großen Universum mit haufenweise Sonnensystemen nicht wichtiger, aber auch nicht bedeutungsloser als alles andere, was ist. Auch Scheuklappenträger, die zum 'Für-unmöglich-Halten' tendieren, müssen wohl oder übel zugeben, dass es nicht völlig auszuschließen ist, dass da irgendwo vielleicht vergleichbar schlaue Wesen in diesem Universum herumgeistern könnten. Angesichts des immer enger werdenden Besonderheitsraums, des abbröckelnden Sonderstatus des Homo sapiens, ist es verständlich, dass wir uns an jede Möglichkeit klammern, weiterhin an die Auserwähltheit des Menschen als 'Krone der Schöpfung' zu glauben, auch wenn die sich 'aufgeklärt' Wähnenden die Welt längst nicht mehr als 'Schöpfung' betrachten. Sprache und Selbstreflexion sind zwei solche Rettungsringe, die herhalten müssen, um die kulturelle Überlegenheit und all unser Tun notdürftig zu legitimieren. Denn die These, dass wir tun, was wir tun, aus dem schlichten Grund, weil wir es können, ist doch allzu nüchtern und kommt der uralten Legitimation der Macht durch ihre Faktizität gleich - dem nackten Faustrecht, dem Recht des Stärkeren: Die Macht gehört dem, der sie hat. Das ist faktisch nicht nur in Diktaturen so, es gibt auch einige mit dem Deckmäntelchen der Demokratie ausgestattete Kollektive wie Berlusconis Italien und Bush's USA, die bei genauerem Hinsehen dem Faustrecht nur einen leicht gepolsterten Boxhandschuh übergezogen haben. Nun, das Recht des Stärkeren gilt durchaus auch in vielen Tiergesellschaften, aber wir möchten ja so gern etwas Edleres, Besseres, Höheres sein. Wenn sich nun noch herausstellte, dass auch andere, vielleicht sogar sämtliche Mitwesen auf diesem Planeten über Kommunikationsfähigkeiten verfügen, die den unsrigen vergleichbar sind, ja sogar in mancherlei Hinsicht überlegen sein könnten - so hätten wir nichts mehr, um unsere auf nackter Faktizität beruhende Macht über die anderen Wesen zu bemänteln außer vielleicht Lachen und Weinen? Aber auch da steht der Beweis noch aus, dass Tiere nicht dazu fähig seien. Dass sie Fröhlichkeit und Schmerz nicht mit den genau gleichen Gurgellauten und Tränen zum Ausdruck bringen, heißt noch lange nicht, dass sie nicht Freude und Trauer empfinden könnten. Wer sich je mit Tieren als Mitwesen beschäftige und ihnen nicht nur als Elemente einer ökonomischen Wertschöpfungskette oder als reine Forschungsobjekte begegnete, weiss Bescheid über die reiche emotionale Empfindungs- und Ausdruckspalette unserer Mitbewohner.

 

Angstfreiheit?

Vielleicht zeichnet den Menschen ja die potenzielle Fähigkeit zur Angstfreiheit aus vor allen andern Entitäten; die Möglichkeit, uns so weit zu entwickeln, dass wir völlig angstfrei werden? Das wäre eine schöne Spur, die wir weiterverfolgen könnten. Aber wer völlig angstfrei ist, muss auch nichts mehr verdrängen, kann auch zulassen, dass andere Wesen an der Macht partizipieren, braucht sich nicht mehr über andere zu erheben. Er hat ja keine Angst vor Machtverlust, überhaupt keine Angst vor Verlust, auch nicht vor dem Verlust des Lebens, dem Verlust seiner Identität und Integrität - da dies alles verschwimmt, ja, sich auflöst in der völligen Angstfreiheit. Was bleibt denn eigentlich noch von einem Menschen, wenn alle Ängste von ihm abgefallen sind? - Ein grenzenloses, mit allem in Verbindung stehendes, bedingungslos liebendes Wesen? Ist das aber nicht bereits die Beschreibung eines Engels, eines Gottes, auf jeden Fall eines Nicht- oder Nicht-mehr-Menschen? Ist es das, was in den östlichen Religionen mit dem Begriff 'erleuchtet' zu fassen versucht wird? - Eine ziemlich seltene Angelegenheit, oder sind Sie schon einem wirklich Erleuchteten begegnet? - Gut, es könnte sein, dass man selbst schon ziemlich hell, nahezu erleuchtet sein muss, um einen andern als Erleuchteten zu erkennen und dass wir deshalb noch keinen getroffen haben? - Lassen wir doch einfach die Möglichkeit einmal offen, dass sich völlige Angstfreiheit und Menschsein vertragen könnte.

Ich sagte ja nicht, dieses 'Angstfreisein' oder 'Erleuchtetsein' mache den Menschen aus, sondern habe nur erwogen, ob die potenzielle Fähigkeit, in diesen Zustand zu gelangen, vielleicht als differentia specifica für den Homo sapiens tauge. - Und jetzt beisst sich die legendäre Katze in den Schwanz: Wer angstfrei ist, keine Abgrenzungen mehr gegen andere ziehen muss, braucht auch keine Unterschiede, keine differentiae specificae mehr, um sich herauszuheben, sich zu profilieren unter den Wesen. Er braucht keine definitorischen Merkmale mehr, kann alles zulassen, alles hereinlassen, sich mit allem vereinigen, eins sein mit allem, was ist. Wenn wir nun ganz sophistisch sein wollten, könnten wir sagen, dass das besondere Merkmal des Menschen darin besteht, dass in ihm die Möglichkeit angelegt ist, dass er sich so weit entwickeln kann, dass er kein besonders Merkmal mehr braucht. Und auch dann könnte man noch entgegenhalten, dass es noch lange nicht erwiesen, ja nicht einmal plausibel sei, dass in anderen Wesen dieselbe Möglichkeit nicht auch angelegt sei. Wir könnten uns ja einfach damit begnügen, es für möglich zu halten - und auszuprobieren, wie weit wir kommen auf dem Weg Richtung Angstfreiheit. Ein Reisetipp noch: Verdrängen Sie nicht allzuviele der schönen Ängstlein, sonst zieht sie Ihnen dereinst ein Analytiker einzeln aus dem Brustkörbchen oder sie kommen von selbst aus der Versenkung im unangenehmsten Zeitpunkt - z.B. die Todesangst genau dann, wenn es wirklich ans Sterben geht. Die Ängste sollten abfallen wie reife Früchte. Und das tun sie auch, wenn wir sie nicht künstlich festhalten, sondern anschauen, auf ihre Funktionalität abklopfen (so sie denn je eine hatten) und getrost feststellen können, dass wir sie schlicht nicht mehr brauchen, dass wir ihnen entwachsen sind wie zu engen Kinderschuhen.

 

Angstfrei kommunizieren

Je angstfreier wir den Dialog mit andern, mit der Welt, mit unserer Welt führen, desto seltener werden Missverständnisse. Angstfrei kommunizieren heisst ja, dass der andere sein darf, wie er ist, dass er uns nicht ängstigt in seinem Anderssein - ja, dass sich die Fremdheit des Anderen immer mehr auflöst bzw. unser Ego-Grenzen verschwimmen, wir immer weniger unterscheiden können, wo wir anfangen und wo wir aufhören. Der Angstfreie ist der Grenzenlose, der zu allem sagt: "Das bin auch ich" - übrigens ein wichtiges Einweihungswort östlicher Kulturen - und der zu andern sagt, im Hinblick auf ihm zugeschriebene Eigenschaften und Talente: "Das bist auch du". Wer so nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit Tieren, Pflanzen, Bergen, mit allem, was er als Entität wahrnimmt, in Dialog tritt, braucht auch keinen Wettbewerb der Kommunikationsmittel und -formen mehr auszutragen. Es wird unbedeutend, ob er mithilfe von Bildern, Tönen, Worten, Gedanken, Energien kommuniziert - Hauptsache, es entsteht eine Verbindung. Auch die Zweckgebundenheit, die Intentionalität der Kommunikation tritt immer mehr in den Hintergrund. Es geht weniger um die Vermittlung von Daten, um das Informieren, damit die andere Entität etwas intellektuell weiss bzw. etwas tut, sondern vielmehr um die Verbundenheit als solche, die Freude über die Möglichkeit, verbunden zu sein mit seiner Welt. Irgendwann weicht auch das Prozessuale, das Hin und Her des Dialogs einem mehr Zuständlichen, Zeit-unabhängigen Modus des sich im Jetzt verbunden Wissens, vernetzt Fühlens - und ganz zuletzt entschwindet das Raumempfinden mit der klaren Ortung von Standorten und Abständen zwischen den Kommunikationsbeteiligten. Aus dem Dialog ist über den Polylog unmerklich und sanft Einheit geworden. - Jaja, das behaupte ich erstmal fröhlich. Und ich bin ja noch weit entfernt davon, mit allen Zöllnern, allen Fundis, allen 'Für-unmöglich-Haltern' eins zu sein. - Aber wer weiss? Wollen wir es nicht vorläufig einfach möglich sein lassen?