Denk-Aufgabe 509 vom 26. September 2005:

 

Geburt

Die These:
Im Prozess der Geburt sind zentrale Schlüssel zum Sinn des Lebens und Antworten auf die wichtigsten Grundfragen des Seins enthalten.

Der Argumentationsansatz:

1. Not-Wendigkeit der Geburt
Die Schwangerschaft illustriert das Drängen und letztlich Notwendigwerden der Entäusserung, die Unabdingbarkeit - aber auch das Abenteuer - der sich anbahnenden Subjekt-Objekt-Spaltung. Die Schwangerschaft, das Tragen, Austragen des 'zur Welt zu Bringenden' kann mit der ganzen Palette von Gefühlen und Wertungen verbunden sein: von stillem, in sich hinein horchendem Glück, tiefer (Vor-)Freude über gleichmütige Hinnahme bis zu Angst vor dem als schmerzhaft bekannten Prozess der Entäusserung, der Trennung. Angst als Verengung (> lat. angustus = eng) produziert aber ihrerseits bereits Schmerz - völlig unabhängig vom physischen Geschehen - und ist die schlechteste Voraussetzung für die Geburt.

2. Einheit --> Zweiheit --> Vielheit
Der Geburtsprozess selbst steht für den Archetyp der Zwei- bzw. Vielwerdung, den 'Sturz' aus dem Paradies der Einheit - hier der Symbiose von Mutter und Kind - in die Gegenübersituation der Zweiheit. Das Subjekt erzeugt selbst die Distanz zum Objekt, indem es einen Teil von sich entäussert, sich 'gegenüber wirft' (ob-iectum < ob-iacere = wörtlich: entgegen, gegenüber werfen). Sprachlich ist im Deutschen das 'Werfen' als Bezeichnung für das Gebären bei Tieren erhalten geblieben.

3. Trennungsschmerz
In-carnatio, Fleischwerdung, Realisierung im Sinne der Umsetzung von Geist in Materie ist mit Widerstand verbunden. Geist ist 'ätherisch', leicht formbar, änderbar - Fleisch ist fest, schwer und schwerfällig, nur mit Kraft, mit Gewalt formbar. Was auf der Ebene des Geistes im besten Fall zeit-, raum- und widerstandslos möglich ist, erfordert bei der Materie Zeit, Raum und die mühselige Überwindung von Widerständen. Damit will ich keine Wertung suggerieren. Die materielle Schöpfung ist deswegen weder 'schlecht' noch 'böse' oder gar ablehnenswert, im Gegenteil: nur dank des unter Schmerzen Materie gewordenen Geistes, dank dem 'Sturz aus dem Paradies', der Schöpfung können wir überhaupt in Dialog treten, kommunizieren mit 'Welt' - was wiederum Voraussetzung für jegliche Wiedervereinigung des Getrennten ist.
Die grundsätzliche Schmerzhaftigkeit des Geburtsvorgangs ist archetypisch für jede Trennung, jede Abtrennung von Ureigenem, hängt in ihrer individuellen Ausprägung aber stark von der Einstellung der Gebärenden ab. Das Loslassen von Eigenem, mit dem wir uns identifizierten, um es ganz anders, ganz neu als Vis-à-vis zu erleben, kann bei Überidentifikation und Betonung der Ich-Grenzen als Verlust, als Verarmung, bei lockerer Identifikation und durchlässigeren Ich-Grenzen als Gewinn, als Bereicherung erlebt werden. Die Geburt eines Kindes führt in der Regel tendenziell zum Erlebnis der Bereicherung. Darin ist eines der grundlegendsten Geheimnisse des Seins verborgen: Wenn wir uns nur locker mit dem von uns selbst wahrgenommenen Ich identifizieren, seine Grenzen als relativ erkennen und durchlässig halten sowohl für Entäusserungen wie für Aufnahmen, sind wir für den archetypischen Lebensweg ausgezeichnet gerüstet. Sowohl die erste Lebenshälfte mit dem prometheischen Aufmucken gegen die Einheit, gegen das Gleichsein, gegen das Verbindende, gegen das Geregelte, die Zeit der Betonung des Trennenden, Individuellen, mithilfe der rationalen Analyse Differenzierten wird zum bereichernden Abenteuer. Die Welt in ihrer Unterschiedlichkeit, ihrer Vielfalt zu entdecken, immer wieder zu staunen über alles 'Geborene', Entäusserte und deshalb Wahrnehmbare, auch zu staunen über die unterschiedlichen Interpretationen und Sinnzuweisungen des - vermeintlich - selben Wahrgenommenen durch die Wahrnehmenden - all dies kann faszinierend, beglückend, auch erschreckend, aber immer abenteuerlich sein in einer Weise, die der junge Mensch in der Regel nicht missen möchte. Aber jede Geburt, jede Abtrennung ist zwingend und einleuchtenderweise mit Schmerz verbunden: Grenzen sind archetypisch Orte höherer Verdichtung, Verhärtung und damit Orte des Konflikts, der Reibung, des Zusammenpralls, der Abstossung, des Neins. Das Abenteuer liegt aber auch und gerade im Konflikt, im Wagemut der Grenzsprengung mit dem Risiko, selbst verletzt zu werden oder andere zu verletzen und die Folgen verantworten zu müssen. In all diesen Prozessen innerhalb der Welt der Subjekt-Objekt-Spaltung, innerhalb der Schöpfung, mischt sich Abenteuer und Schmerz im ständigen Wechselspiel von Grenzerweiterung und Schaffung neuer Grenzen. Die coniunctio oppositorum liegt bereits im Geburtsvorgang selbst, der einerseits als Voraussetzung eine Grenzöffnung erfordert, um andererseits ein in sich abgegrenztes neues Individuum zu entäussern. Geburt öffnet eine Grenze und schafft neue Grenzen. Die Gebärende nimmt den Schmerz der Geburt auf sich, öffnet sich unter Schmerzen, um etwas neues in sich Geschlossenes in die Welt zu entlassen. Sie bringt unter Schmerzen einen Teil von sich nach aussen, um dank der so entstandenen Abgrenzung und Distanz beiden das Abenteuer der Subjekt-Objekt-Spaltung, das Erlebnis der Erkenntnisreise durch die Welt zu ermöglichen bzw. zu vergrössern.

4. Einverstandensein mit der Subjekt-Objekt-Spaltung
Damit haben wir bereits einen zentralen Schlüssel für den Sinn des Seins in der Hand: Das JA zur Geburt führt über das JA zu irgendwelchen Formen der Entäusserung zum JA zur Subjekt-Objekt-Spaltung. Anhand der Geburt können sogar wir meist etwas dumm daneben stehenden Männer erkennen, dass bei allem Schmerz Sinn in dieser Trennung von Mutter und Kind liegt, dass die Beglückung eine neue, eine andere ist, wenn die Mutter das abgenabelte Kind im Arm hat, dass es dabei um viel mehr als um die rationale Erkenntnis des Objekts geht, das nun in einer Beobachtungsdistanz vorliegt, aus der wir es differenziert analysieren und einordnen können. Es ist auch auf der suprarationalen Ebene eine neue Art der Beziehung möglich geworden: nach der mehr oder weniger unfreiwilligen, wenig gestaltbaren Symbiose ist nun eine durch wachsende Freiwilligkeit, durch Gestaltbarkeit der Quantität und Qualität des Zusammenseins geprägte Beziehung möglich.

5. Ambivalenz der Freiheit
Die Geburt illustriert uns auch die Ambivalenz der Freiheit auf schönste Weise: wer Angst hat vor der Freiheit des Neugeborenen, des sich - archetypisch und zwingend - ständig mehr loslösenden Wesens, wer diese Lösung als Machtverlust und/oder Verarmung erfährt, sträubt sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln der Fesselung. Die Analogie zwischen Müttern, die ihre Kinder in möglichst grosser Abhängigkeit zu behalten suchen und Männern, die ihre Unternehmen, ihre Position, das von ihnen Erschaffene, 'Geborene' nicht loslassen können, scheint mir in die Augen zu springen. Und wiederum bietet das Urmuster von Geburt und Heranwachsen des Kindes mit den verschiedenen Abnabelungsprozessen bildhaft auch den Lösungs-Ansatz für das Einverstandensein mit dem Lösungs-Prozess (auch Lösungs-Ansätze helfen eine Enge, einen gedanklichen Knoten zu öffnen!). Bei der Geburt ist sowohl das 'Im-Bauch-behalten-Wollen' wie das Festsitzen in der Enge des Geburtskanals mit zunehmenden Schmerzen verbunden, die zur Loslösung zwingen - oder zum Tod führen. Die Unabdingbarkeit der Entäusserung kann ganz unmittelbar physisch erlebt werden. Auf der etwas weniger unmittelbaren, aber nicht minder einschneidenden und oft ebenso spektakulären Ebene des Psychischen erleben wir die innere Loslösung vom schützenden Familienrund beim Heranwachsen und Erwachsenwerden. Auch hier ist die Dringlichkeit und Notwendigkeit der Abnabelung so stark, dass wir erkennen können, dass es mehr als nur ein optionales JA zur Subjekt-Objekt-Spaltung erfordert. Wollen Mutter und Kind physisch überleben, wollen Eltern und Kind psychisch überleben, müssen alle Beteiligten JA sagen zur Loslösung, zur Trennung, zur Spaltung.

6. Formen der Ent-Schöpfung
Nun kann man sich natürlich dagegen auflehnen - am einfachsten, indem man stirbt, sei es, dass man bewusst seinem Leben ein Ende setzt oder dass man sich 'sterben lässt', indem man das Loslassen bzw. das Losgelassenwerden, den Trennungsvorgang verweigert. Man kann dem schmerzhaften Schöpfungsprozess, der aus der symbiotischen Einheit Zweiheit oder Vielheit entstehen lässt, den ebenfalls schmerzhaften Entschöpfungsprozess entgegenstellen, das Entäusserte, Geborene, Entstandene - die Schöpfung - wieder auslöschen, als Abgetrenntes der Wahrnehmung entziehen, losgelöst und unterscheidbar Lebendes wieder in die (vermeintliche) Ununterscheidbarkeit des Todes, in den Zustand des 'Nicht-Geborenseins', den Zustand der Entschöpfung zurückbefördern ('Entschöpfung' als Antonym zu 'Schöpfung', als gegenpolaren Prozess zum 'Erschaffen', 'Kreieren', zuerst einmal völlig ohne moralische Bewertung). Diese Form der Auflehnung gegen die Subjekt-Objekt-Spaltung scheint mir allerdings auf ein paar wenig einleuchtenden Annahmen zu beruhen:

 
 

-- Woher bezieht der aktive 'Entschöpfer', der Auslöscher, der Suizidale oder Töter, die Gewissheit, dass er mit der Zerstörung der äusserlich wahrnehmbaren, physischen Hülle des Körpers das Seiende als Individuelles, Abgetrenntes ausgelöscht habe? Dies kann nur annehmen, wer in einem Welterklärungsmodell denkt, wo es ausser Materie nichts gibt. Denn dass der 'Auslöscher' die Körperhülle zerstört hat, kann er - zumindest, wenn es sich nicht um die eigene handelt - konstatieren und dann von der wahrgenommenen zerstörten Materie per analogiam auf das Sich-Auflösen des materiellen Anteils seiner selbst schliessen. Es ist selbstverständlich jedermann unbenommen, sich ein solches Weltbild zu basteln. Mir persönlich ist es zu bescheiden, zu wenig attraktiv, zu langweilig, da so wesentliche Erlebnisse wie Liebe in allen höheren Formen in einem ausschliesslich materiellen Weltbild keinen Platz haben. (Wie man am Beispiel von Sigmund Freud sehen kann, bleibt im materiellen Weltbild nur gerade die Libido übrig, und - bei allem Spass - das scheint mir doch etwas wenig zu sein.)

-- Und woher bezieht obgenannter Entschöpfer die Gewissheit, dass er nach dem aktiv vorgenommenen Entschöpfungsakt das Abgetrenntsein nicht mehr wahrnimmt? Er weiss ja gerade nichts über die Befindlichkeit jenseits des physischen Inkarniertseins. Gerade wenn er ausschliesslich rational denkt und naturwissenschaftlich vorgeht, müsste er sich eingestehen, dass der Akt der aktiven Entschöpfung, der vorschnellen Auslöschung des Lebens, weder rational begründbar noch wissenschaftlich klug ist. Erst wenn er sicher wüsste, dass er tatsächlich nicht mehr als abgetrenntes Individuum - einfach ohne Körper - weiter existiert, könnte er die Tötung als rational begründeten Entschöpfungsakt in Erwägung ziehen. Gerade darüber kann ihm aber die auf Materie und Rationalität beschränkte Naturwissenschaft nicht die geringste Auskunft geben. Wer auf der materiellen Ebene entschöpft, wer tötet, begeht also immer eine nicht-rationale Tat. Das ist für Juristen und Krimi-Autoren eine Binsenwahrheit, aber wenn man an all die Selbsttötungen westlicher Intellektueller denkt, doch erwähnenswert: Der Suizid eines sich als rationalen Materialisten bezeichnenden Menschen ist herrlich paradox, da er sich aus der Materie - in seinem Welterklärungsmodell dem einzigen, was existiert - verabschiedet und dies in einem nicht rational begründbaren Akt. Leichter nachvollziehbar ist die Motivation des Selbstmordattentäters: sie wurzelt in der Annahme, dass er sich mit der Tötung von sich und andern eine Sonderstellung im 'Jenseits' einhandelt - für ihn geht es gar nicht um die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung, im Gegenteil: er will sich als Individuum günstige Voraussetzungen schaffen für den Zustand in einem anderen Seins-Modus - seine Tat ist mithin gar kein Entschöpfungsakt, bei dem es ja darum geht, den paradiesischen Einheits-Zustand vor der Geburt, die Symbiose, das Ununterschiedensein wieder zu erlangen, indem man den Sturz aus dem Paradies, die Inkarnation, das 'Ins-Fleisch-Gehen' wieder rückgängig zu machen versucht.

-- Wenn der Akt der Entschöpfung - das aktive Nein zum Leben - hingegen aus Verzweiflung oder einer vergleichbaren Emotion vorgenommen wird, weil der Zustand der Subjekt-Objekt-Spaltung als unaushaltbar empfunden wird, dann muss es sich doch bei der betroffenen Entität um ein Wesen handeln, das für mehr als nur für Rationales und Materielles zugänglich ist - zumindest scheint es mir schwierig, das Gefühl der Verzweiflung - überhaupt Emotionen - als etwas rein Rational-Materielles zu beschreiben. Für alle, die für Immaterielles und Suprarationales offen sind, gibt es aber eine wunderschöne Alternative zur Entschöpfung auf der Körperebene. Ganz einfach: Entschöpfung auf der Seelen- bzw. Geist-Ebene. Wir nennen dieses Phänomen in der Umgangssprache schlicht 'Liebe', aber es scheint mir hilfreich, wenn wir zumindest etwas differenzieren. Ich meine hier natürlich die Liebesformen, die über die rein körperliche Ebene hinausgehen. Der Akt der Entschöpfung, der Aufhebung der Abtrennung zwischen den Entitäten ist mit zunehmender Loslösung von der Körperebene in wachsendem Umfange möglich. Wir können diese Parallele zwischen konkreter und quantitativ sehr beschränkter Libido bis zur abstraktesten, aber dafür grenzenlosen spirituellen All-Liebe gedanklich und praktisch leicht nachvollziehen. Es geht dabei in keiner Weise darum, die unterste Stufe der Libido schlecht zu machen. Östliche Denksysteme haben hier ein viel klareres und stärkeres Bekenntnis zum Sowohl-als-auch von Körper und Geist als westliche mit ihren endlosen Entweder-oder-Debatten zum Leib-Seele-Problem. Ein wunderschön einleuchtendes Bild ist die östliche Vorstellung von der Liebeskraft als Kundalini, als zusammengerollte Schlange, die im untersten Chakra, dem Sexualzentrum schläft und darauf wartet, geweckt und durch die Chakren - die übereinanderliegenden, in der Wirbelsäule situierten Energiezentren - hinauf bis zur höchsten entrollt zu werden. Aufgabe des sich entwickelnden Menschen ist also nicht das Abtrennen und Verurteilen der Sexualität, sondern das Benützen ihrer Kraft auch für Höheres. Die Kundalini-Schlange fusst auch bei völliger Ausgerolltheit und Aufrichtung immer noch auf dem untersten Chakra. Die leibfeindlichen westlichen Theologien und Philosophien könnten sich meines Erachtens hier ein grosses Stück vom östlichen Weisheitskuchen abschneiden und es - leibfreundlich! - geniessen.
Nun waren wir aber bei viel weniger fröhlichen Themen - bei den Selbstmördern aus Verzweiflung - und man wird mir zu Recht entgegenhalten, dass gerade ihnen dieser Ausweg der Entschöpfung über die Liebe in der Regel nicht offenstehe, dass sie ihn sich selbst verbarrikadieren, dass das Gefühl der Verzweiflung, das zur Depression führen kann, ja gerade aus diesem Mangel an Liebesfähigkeit entstehe, einem Mangel, der in der Verantwortungsprojektion nach aussen natürlich der 'Welt' angelastet wird und subjektiv als Mangel an Geliebtwerden, Mangel an Anerkennung durch die andern erlebt wird. - Ich will die Möglichkeit, ja Häufigkeit dieses Teufelskreises nicht herunterspielen, aber anstatt darüber zu lamentieren, möchte ich den Aufforderungscharakter hervorheben, die Chance, die in der Erkenntnis dieses Zusammenhangs liegen kann: Wer auch immer nicht in diesem Zustand der Verzweiflung, der Depression gefangen ist, kann durch das Vorleben der Entschöpfungs-Alternative 'Liebe' ungemein viel bewirken - vielleicht mehr, als alle rational-analytischen und/oder materiell-medikamentösen Therapie-Ansätze. Nur: - jetzt kommt die crux dieses Ansatzes - In einem Zeitparadigma, das die Rationalität und die Materie anbetet, hat die Liebe eigentlich gar keinen Platz - ausser als Ware, als Produkt, als Dienstleistung vielleicht. Doch auch auf diesem Weg schleicht sich immer wieder etwas ein, was mehr ist als nur käufliche Libido. Liebe ist unausrottbar und überlebt auch die sich dem Ende zuneigende Phase des puren Materialismus und der Vergötterung der Rationalität (so glaube ich zumindest zu ahnen).

7. Liebe als Weg durch die Schöpfung zur Entschöpfung
Mit der Liebe haben wir - so behaupte ich - bereits den zweiten Schlüssel für den Sinn des Seins gefunden: Immaterielle Liebe als Instrument zur Ausbalancierung der durch die materielle Geburt, die Schöpfung entstandenen Subjekt-Objekt-Spaltung. Nichts gegen materiell-körperliche Liebe, aber sie reicht nicht aus, um die Subjekt-Objekt-Spaltung zu überwinden. Sie dient wundervoll als Hefe, als Lab, als äusserer Anstoss für das Aufgehen, Aufblühen der Vereinigungsfreude im Innern, auch für das Aufgehen der Grenzen. Auch hier sind uns die Frauen wieder überlegen, da das 'Aufgehen der Grenzen' bereits auf der körperlichen Ebene ganz unmittelbar durch eine Körperöffnung symbolisiert - sinnigerweise derselben Öffnung, durch die auch die Geburt, die Schöpfung sich ereignet. Kann die Zusammengehörigkeit der Gegensätze besser illustriert werden, einfacher und unmittelbarer auf der physischen Ebene erlebbar für jedes abgetrennte Wesen? Dieselbe äussere Pforte dient der Geburt, der Schöpfung, bei der sich die Subjekt-Objekt-Spaltung vollzieht, die Abtrennung aus der Einheit in die Zweiheit, in die Vielheit, die Entlassung des symbiotisch Geborgenen nach aussen, in die Ungeborgenheit des Lebens: der weibliche Schoss als das Symbol für die Schöpfung. Und gleichzeitig ist diese Pforte Einstieg ins Wunder der Liebe, der Vereinigung, ist Eingang nach Innen im doppelten Sinne, nicht nur ins Körperinnere, wo durch die Zeugung die nächste Schöpfung initiiert werden kann, sondern auch ins seelische Innere, wo Vereinigung tatsächlich erlebt werden kann, wo die Aufhebung der durch die Geburt entstandenen Abspaltung als abgegrenztes Individuum stattfinden kann. Körperliche Liebe als Einstiegserlebnis für seelische Liebe, Vereinigung mit einem einzelnen, ausgewählten Wesen als Motiv für den Weg der Entschöpfung mit dem letzten Ziel der spirituellen Vereinigung mit allem, was ist. Der weibliche Schoss also auch als Symbol für den Weg der Entschöpfung, der Wiedergewinnung des 'Paradieses', der Einheit.
Die Sehnsucht nach der Ausbalancierung der physischen Trennung durch die metaphysische Wiedervereinigung entsteht einleuchtenderweise bei der Geburt, bei der Entstehung bzw. Bewusstwerdung der Subjekt-Objekt-Spaltung. In einem archetypischen Lebenslauf wird diese Sehnsucht aber während langer Zeit überlagert durch das Abenteuer der Entdeckung der Welt der Vielheit und tritt erst in der zweiten Lebenshälfte, nach dem Scheitern der grossen Macht- und Weltveränderungsentwürfe des Individuums, in den Vordergrund. Wer auch diese Lebensphase einverständlich leben kann, wird seine Grenzen langsam öffnen lernen, zuerst die spirituellen, dann die geistigen, die emotionalen und ganz am Schluss auch die Körpergrenzen. Das Verlieren der Markanz, des Profils, der Unterschiedlichkeit und Einmaligkeit als Individuum ist dann ein langsames und genuin-natürliches Loslassen. Der Entschöpfungsprozess ist dann nicht ein verzweifelt aktiv vorausnehmender, sondern ein Geschehen, bei dem auch die Gegensätze von aktivem Dazutun und passivem Geschehenlassen, von Animus und Anima bereits vereinigt sind.

Schlussbemerkung
Für Frauen mag es vielleicht banal sein, was ich hier alles an Sinn-Stiftendem im Geburtsvorgang zu entdecken glaube - aber angesichts dessen, was in unserem nach wie vor von Männern dominierten Zeitparadigma immer noch weitherum Gültigkeit beansprucht, nämlich dass Sinnsuche und Sinnfindung im Leben anachronistisch und naiv sei, dass nichts existiere ausser der durch Kausalbezüge verknüpften Materie, die allein und einzig rational ergründet werden könne, ist es vielleicht doch nicht ganz überflüssig, auch hier einen Balance-Versuch zu wagen und die Geburt eines weiblicheren, nicht nur rationalen, nicht nur materiellen, die Harmonisierung der Gegensätze anstrebenden Zeitparadigmas anzukündigen, in dem Sinnsuche, Sinnfindung und Sinnstiftung wieder zu den natürlichsten menschlichen Beschäftigungen werden könnten.