Denk-Aufgabe 510 vom 22. Oktober 2005:

 

Housi Moser

 

FROUE

 

S'git Froue, wo brönne
Froue, wo lüüchte
Froue, wo glimme
Liechtlosi hani no nie neume troffe

Froue, wo geusse
Froue, wo rätsche
Froue, wo chüschele
Lutloosi si mer no kener vercho

S' git Froue, die schmöcksch uf füfhundert Meter
Froue, wo näble ir Nöchi mit Grüch
Froue, won eim ar Nase verfüere
Duftlosi Froue gits gloubeni nid

S'git Froue, wo chlammere
Froue, wo stütze
Froue, wo biegsam sich an eim chöi schmiege
Ganz Abständigi hani no nie kenneglehrt uf der Wält

S'git Froue, wo schriisse
Froue, wo schupfe
Froue, wo streichle
Ohni Berüere läbt - meineni - keini

Ds Rätsel vor Frou isch ds Gheimnis vom Läbe:
Froue chö Läbe gä u erhalte
Manne - wes guet geit - s'Läbig gestalte

Froue si Sinn u Sinnlichkeit
Manne si Gwinn u Dinglichkeit

Froue brönne für Wärmi u Liecht
Manne brönne für Wüsse u Chrieg

Froue gä ds Ego-Profil här für ds Ganze
Manne gä ds Ganze här für ds Profil

Froue verschmelze, was Manne verstückle
Ds Läbe isch nüt als Verbinde vo Trenntem u Trenne vo Ganzem
Usenang rupfe u zämekleischtere
Muure boue gäg Wind u gäg Wätter
Löcher dri mache für ds Liecht u für d'Sicht

O dr Tod isch e Schritt dür es Muurloch id Witi
Vo angere Rüüm mit eigete Gsetz -
U we Ma gäng no muuret, macht Frou scho dr Schritt

U d Fuuscht vom Fuuscht tuet sich uuf
Zungerscht im Gmuurete wird si zur Hand, wo sich git,
Wo sich ergriiffe u obsi lat zie
Vor Frou, wo scho gäng o dobe isch gsi

Ohni Froue ke Afang
Ohni Froue kes Änd
U ohni Froue ke Sinn zwüschedrin

 

Die Denk-Aufgabe besteht darin, sich zuerst denkend, dann das Denken aufgebend intuitiv und emotional wahrnehmend - also suprarational - mit dem hier skizzierten Frauenbild des Berner Strassenphilosophen Housi Moser auseinanderzusetzen und es mit dem eigenen zu vergleichen. Soviel vorweg: Housi meint - wie sich im Dialog mit ihm ergab - mit 'Froue' nicht nur die äusserlich sichtbar mit einem weiblichen Körper ausgestatteten Menschen als vielmehr das weibliche Prinzip an sich, die Anima, die in jeder Entität als Entsprechung zum Animus, dem männlichen Prinzip als Grundanlage vorhanden ist. Voraussetzung für Leben ist seines Erachtens eine minimale, Erfüllung des Lebens eine ideale Balance zwischen Anima und Animus. Die hier besungenen 'Froue' sind also einerseits mehr als das in der Alltagssprache mit 'Frou' Gemeinte, da er allen Entitäten, allem, was ist, eine latent vorhandene, potenzielle, entwickelbare Anima zuspricht, andererseits enger, als er mit seinem Loblied diejenigen Entitäten anspricht, die ihre Anima auch tatsächlich erkannt, anerkannt und entwickelt haben.