Denk-Aufgabe 511 vom 20. November 2005:

 

Rotkäppchens Coming-out

Es riss Rotkäppchen eines Tages
Sich ihr Emblem vom Kopf – da lag es
Sie hatt' es satt nach all den Jahren
Dies immer gleiche Spielgebaren:

Das süss-naive Mädchen-Klein
Im Ganzen nur ein Rädchen sein
Stets mit dem Körbchen durch den Wald
Dem doofen Wolfe alsobald
Sagen, wohin sie des Wegs -
All das ging ihr auf den Keks

Dann der öde Trip zur Oma
Die im Bauch des Wolfs im Koma
Der in blödester Verkleidung
Drängt Dämchen-Drämchen zur Entscheidung

Zum x-ten Mal muss sie sich plagen
Ihn die dümmsten Fragen fragen
Dann geht IHR er an den Kragen –
Unbequeme Magenlagen
Bis der Jäger frisch und froh
Schlitzt den Bauch auf: "Ach, halloo!"

Man mimt Glück und Rettungsdank
(Wo die Oma doch schon stank!)
"Ha, wir leben! – Wolf ist tot!
Heut zum Znacht gibt's Wolf mit Brot!"
Auf dass man nun den Jäger lobe

Wolf sitzt in der Garderobe
Schliesst den Reissverschluss am Bauch
Gähnt und grochst: "Mir stinkt es auch!"

Sie beschliessen abzuhauen
Durchzubrennen, zu versauen
Diese abgestandne Mär.

"Yello-Capchen killt den Bär!" -
"Oma packt den Jägersmann!"
Die Kleine schreit im Filmvorspann
Bereits: "Ihr könnt mich alle HIER!"
Und trinkt dazu ein dunkles Bier.

Der Jäger mit verzagtem Ton:
"Oh Schreck! Emanzipation!"

Dies alles und noch viel mehr Schlimm's
Wird wecken zwar den Grimm der Grimms
Die dieses Volksgut einst gesammelt
Wohl kaum zum Zweck, dass ihr's vergammelt?
Jedoch, was soll's, die sind längst tot
Und Käppchen wittert Morgenrot:

"Wo hat's denn Literar-Polypen
Die alle diese Archetypen
Die Lebensmuster, Urgestalten
Bewachen und am Leben halten,
Die allesamt unwandelbar
So einzig richtig, klar und wahr
Und sakrosankt im Märchen stecken?

Wer kann denn noch die Zähne blecken
Wenn junge Brut da ums verrecken
Das Festgefügte ändern will
Mit Archetypen-Overkill?"

"Die Psychiater und –ologen?
Die lieben es doch auch verbogen!

Die Omas, Opas, die Verwandten,
Die abgespannten Chinzgi-Tanten?
- Ich glaub, die würden mit Vergnügen
Ein bisschen schummeln und betrügen
Die Märchen mixen und jonglieren
Anstatt der altbekannten, stieren
Und ewiggleichen Grimm-Geschichten:
Wie wär's vielleicht mit andern Schichten
Mit zauberhaften Tankwarts-Nichten
Und höchstens einem schwulen Prinsen?
(Da würden sogar Nonnen grinsen!)

Wie wärs denn statt der sieben Geissen
Mit tausend Ratten, grossen, feissen?
Statt Hans im Glück der George im Dreck
Weil US-Presi gar kein Schleck?

Wie wärs denn, wenn der king of frogs
Sich Prinzen hielt als underdogs?

Wenn zwar gestiefelt, doch ne Katze
Dem Käterchen verziert die Fratze?

Wenn statt zu stampfen, Rumpelstilzchen
Würd' dampfen, Hand am Stummelpilzchen?

Wenn der Tisch, statt sich zu decken
Dir auf den Fuss tritt, dich zu wecken?

Wenn die blöde Fischers-Fruu
Zum Spass ein Männlein wär: 'Juhuu'

Wie auch immer ihr entscheidet:
Mir persönlich ist's verleidet
Und ich hau mein rotes Kappi
Um die Ohren meinem Pappi
Und auch sonst noch jedem Lappi

Pfeif auf eure Tradition
Pfeife auch auf euren Lohn
Den als Alt-Star ich erhielt -
Weil alles auf Erstarrung zielt!

Wahrheit? – Die habt ihr gepachtet
Alles Neue wird verachtet
Wer es wagt, einen Gedanken
Der nicht schon in euren kranken
Hirnen rumgespukt zu denken
Den tut ihr heute nicht mehr henken
Auch nicht schön guillotinieren
Sondern schnöde ignorieren

Wer nicht mit dem Zeitgeist hornt
Wird Dornröschen-gleich verdornt
Vergessen und in Schlaf gelegt
Bis alles still und nichts bewegt -

Ausser was in Folianten
Im Hirn konservativer Tanten
In modrig-alten Bänden steht
Da sagt ihr dann staubig: 'Seht!'

Wahrheit wächst euch mit dem Staub
Ihr schätzt nur verdorrtes Laub
Und ihr spürt nicht junges Sprossen
Das erst aus der Knosp' geschossen!

So sei's! Mir ist es einerlei!
Es steht jedem von euch frei
Meinen Part ab heut' zu spielen
Ich werd' nicht zurücke schielen

Hier das Körbchen, hier die Kappe
Und nun los: macht auf die Klappe
Plappert ihr nun tausend Jahr
Wozu ich gezwungen war.

Stellt beiseite flugs das Cüpchen
Spielt statt mir das Archetypchen
Vom eROTischen Erwachen
Und was man dann gern würd' machen

Aber wisset: Märchen enden
- Drum eignen sie sich gut zum Senden
Zum Hören, Lesen und Erzählen -
Im besten Falle beim Vermählen
Viel eher gar bei meinem Stoff:
Bevor ein Held kommt, heisst es 'off'.

S'gibt also nix von schönen, schlichten
Bettgeschichten zu berichten!
Doch munter zu, ihr Biederlinge
Auf dass die Rolle euch gelinge!

Ich für mein Teil trag das gelbe
Käppchen heut, doch nicht dasselbe
Trag ich morgen – nein, dann blau
Oder rosa wie die Sau

Der Wolf spielt nun in meinen Mären
Einen olivgrünen Bären
Mal Adler und mal Känguru
Mit ihm bin ich auf Du und Du

Wir spielen unter freiem Himmel
Beim Mondlicht und bei Kirch-Gebimmel
Wir spiel'n uns selbst, all unsre Iche
Wir komm'n uns selber auf die Schliche
Die Stücke enden nicht beim Vorspiel
Erotik ist bei uns ein Tor-Spiel
Erwachen reicht mir nicht, ich schlafe
- Nicht ein beim Zählen vieler Schafe -
Nein: bei und mit und überhaupt
Wir tun ab jetzt, was nicht erlaubt
Und fühlen uns vollkommen frei
Von euch und eurem Märchenbrei!"

Und die Moral von der Geschicht? -
Das Rot der Kapp' verblasst gar nicht?

 

Vielleicht kommt IHR Coming-out in, also in den Briefkasten, vielleicht fabulieren Sie ein anderers Märchen um, vielleicht erklären Sie mir, was ich alles Zeitgeist-Unkonformes zu Archetypen im allgemeinen und der Rotkäppchen-Interpretation im Speziellen verwurstete - und vielleicht lassen Sie Bilder aus eigenen Lebenssituationen heraufkommen, wo Sie vielleicht in einer ähnlichen promoetheischen Sturm-und-Drang-Stimmung waren - oder es gerade jetzt, gerade hier und heute sind? Ich freue mich auf alle Farben...