Denk-Aufgabe 512 vom 24. Dezember 2005:

 

Das Weihnachtslagerfeuer

 

Der Kolibri setzte sich mit einer eleganten Landekurve zuoberst auf den grossen Holzstoss und legte würdevoll seine paar Zweiglein obenauf. Gleichzeitig kam der Bär angezottelt und schleppte den halben Wald an einem Seil hinter sich her. Die Hyäne konnte sich kaum erholen vor lachen, als sie das Nilpferd mit einem tropfnassen schwarz-glänzenden Baumstamm heranwatscheln sah, aber Nili prustete nur: "Wir sprechen uns noch." Von allen Seiten flogen, flatterten, sirrten, tappten, galoppierten, krochen, hoppelten, stolzierten und pirschten die Tiere zur Thing-Lichtung, wo angelehnt an den grossen Felsen das alljährliche Weihnachtslagerfeuer stattfand. Alle hatten ihr eigenes Licht dabei; es war wie ein stilles Seenachtsfest ohne See: am Boden und in der Luft schwebten, zappelten, kreisten Lichtquellen in allen Farben, Grössen und Leuchtstärken. Endlich war es soweit: Der Hahn legte an allen Seiten Feuer an den gewaltigen Holzberg, den die Tiere zusammengetragen hatten. Rund ums Feuer lagerten sich die Abgesandten aller Gattungen, jeder nach seiner Art.

Präsident der Tierversammlung war im laufenden Jahr das Krokodil, das sich nach dem Einstimmungslied "Alles ist eins" eine nach ihm benannte Träne wegwischen musste. Es gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass erstmals ein Menschenkind beim grossen Weihnachtslagerfeuer dabei sei. Erst jetzt seien sie wirklich vollzählig. Das Menschenkind staunte, dass die Tiere eine gemeinsame Sprache hatten, die es selbst auch verstand. Die Tiersprache fühlte sich an wie sanfte Berührungen durch unsichtbare Energieströme, die Bilder und Gedanken erzeugten in ihm drin.

Wie jedes Jahr durften drei durch das Los bestimmte Tiere ihre 'Weihnachtsgeschichte' erzählen. Diese Tradition wurde seit unvordenklicher Zeit im Tierreich gepflegt. Die Abgesandten berichteten ihren Artgenossen dann jeweils am Silvesterabend vom Gehörten. So gerieten über die Zeiten hinweg unzählige Geschichten über die Welten der verschiedenen Tiere in Umlauf und alle Tierkinder lernten schon in ihrem ersten Lebensjahr drei verschiedene Erzählungen kennen.

Das Chamäleon war als erstes an der Reihe. Es glitzerte vor Aufregung und wechselte die Farbe von dunkelgrün zu feuerrot, als das Krokodil es aufforderte, nach vorne zu kommen. Es hub an: "Bei uns ist es so, dass wir uns das ganze Jahr auf die Niederkunft der grossen Camelonta freuen. Der wichtigste Tag im Jahr ist der Tag der Geburt der Farbe. Farbe bedeutet für uns Freude." Bei diesen Worten wechselte es seine Körperfarbe zu einem satten Maisgelb. "Wir glauben, dass Camelonta die Farben in sich trägt und sie jedes Jahr frisch gebiert und uns schenkt. Wir sind unendlich dankbar dafür und versuchen, diese Freude am Farbigen weiter zu geben; an unsere Kinder, die die Fähigkeit, mit den Farben zu spielen, erst entdecken und entwickeln müssen und an unsere Alten, bei denen sie allmählich verblasst, aber auch an euch alle, ans Universum. Wir träumen von einer Welt, wo alle Wesen am grossen Farbenspiel mitwirken." Der Applaus der Tiere war gross für das Chamäleon, das über ein tiefleuchtendes Violett zu Nachtblau wechselte und sich wieder an seinen angestammten Platz zurückbegab.

Nun war die Reihe an der Schlange. Eine wunderschöne Königskobra schlängelte sich nach vorn, glitt geschickt aufs Rednerpult, neigte ihr züngelndes Haupt in alle Richtungen und begann vor dem lodernden Weihnachtslagerfeuer also zu sprechen: "Wir verehren das ewige Schlong-Ging. Niemand kann wissen, wie es wirklich aussieht, da es sich ständig häutet. Alles, was ihm als Kleid dient und in das es sich gerade einhüllt, legt es immer wieder ab. Niemand weiss, wo das ewige Schlong-Ging haust, denn auch den Ort streift es immer wieder von sich wie eine Haut. Und ewig ist Schlong-Ging, da es auch nicht an der Zeit-Haut klebt, sondern in ewiger Gegenwart überall ist also auch jetzt hier unter uns. Wer schlangig genug ist, wer sich für einige Augenblicke in die Haut einer Schlange hüllt, kann seine Gegenwart spüren, denn da Schlong-Ging überall ist, ist es auch in uns allen drin. Wer sich auf Schlong-Ging einlässt, erlebt eine wundervolle Leichtigkeit und erhebt sich in seinem Innern weit über die 'conditions serpentines' , erlebt das Kriechen im Staube von Ort zu Ort durch die Lebenszeit und das Kleben am plumpen Gesetz von Ursache und Wirkung als vordergründigen Witz, als vorläufigen Spass, als Aufgabe, die es zu lösen und dann aufzugeben, loszulassen, abzustreifen gilt wie alle Häute. Wir Schlangen üben das Häuten ein Leben lang, um dereinst in die Freiheit und Leichtigkeit von Schlong-Ging zu erwachen." Ein ehrfürchtiges Raunen ging durch die Tiergemeinschaft, Bravorufe und nachhaltiges Klatschen begleitete die Königskobra zurück an ihren Platz in einer Felsnische. Der Spatz plapperte zu seiner Nachbarin, einer alten Schnee-Eule: "Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber die Schlange scheint furchtbar klug zu sein: Was war das mit der 'condition' so was wie Schlangen-Muskeltraining?" Die Schnee-Eule lächelte und raunte zurück: "Die archetypischen Lebensbedingungen, die für alle Schlangen gelten" Der Spatz dankte, getraute sich aber nicht, zuzugeben, dass er 'archetypisch' genau so wenig verstand wie das mit dem komischen Training und dem Terpentin oder was. War das nicht eine stinkige Flüssigkeit, die die Menschen in ihren Kellern rumstehen liessen? Er wollte schon zum Menschenkind hüpfen, da gebot das Krokodil Ruhe für die dritte ausgeloste Geschichtenerzählerin.

Ein hellgelber Zitronenfalter flatterte aufs Podest und sang mit klarer Stimme das Lied 'Lob der Schöpfung'. Die Stimme der Schmetterlingsdame war so rein und klar, dass diesmal nicht nur dem Krokodil eine Träne aus den Augen kullerte. Dann faltete die Falterin ihre leuchtenden Flügel und sprach: "Wir glauben an den allfarbigen Entfalter, der in uns allen schlummert und alle von uns im richtigen Augenblick erweckt, uns zu entpuppen, uns aus dem selbst gebastelten Kokon, der uns fesselt und einschränkt, zu befreien, unsere Flügel, die wir alle haben, zu entfalten und aufzufliegen in die herrliche Welt der Blumen und Blüten. Wir glauben, dass nicht nur wir Schmetterlinge und alle Vögel, sondern ohne Ausnahme alle Wesen so frei und glücklich sein können wie wir. Wir schauen es als unsere Aufgabe an, euch mit unserer farbenfrohen Freiheit anzustecken, euch zu verlocken, den Entfalter in euch zu entdecken und euch fliegendes Vorbild zu sein, falls ihr das wünscht. Wenn wir von Blüte zu Blüte flattern, sind wir eins mit allem, was ist, Farbe und Form gewordenes Lob der Schöpfung. Ich danke euch." Der Applaus für die Worte des Zitronenfalters wollte nicht enden. Nur der Spatz war leicht bekümmert, wenn er daran dachte, wie er die würdigen Sätze des Schmetterlings am Silvesterabend wohl seinen Spätzinnen und Spatzenkollegen ins Spätzische übersetzen sollte.

Das Krokodil bat nun das Menschenkind als heutigen Ehrengast zu sich nach vorn und ersuchte es, einige Worte an die Versammlung zu richten. Das Menschenkind sie hiess Murmur war sichtlich ergriffen vom Gehörten und war gespannt, ob es ihm überhaupt gelänge, die Universalsprache der Tiere nicht nur zu verstehen, sondern auch zu sprechen. Denn eigentlich konnte sie doch bis jetzt nur mit Bless sprechen. Murmur stand zuerst einfach da und schaute in die Runde. Der Anblick all dieser ihr zugewendeten so verschiedenartigen Augen und Ohren, das wärmende Feuer, die sich im Nachthimmel verlierenden rot glühenden Funken, der mächtige Fels im Rücken all das erfüllte Murmur mit einer übermächtigen Freude, die sie durchrieselte von Kopf bis Fuss. Sie öffnete ihr Herz und ihren Mund und wusste im selben Augenblick, dass alle sie verstehen würden: "Liebe Tiere! Ich danke euch, dass ihr mich aufgenommen habt in eure Mitte. Ich danke allen voran meinem lieben Freund Bless, der schon zu mir sprach, als ich noch in der Wiege lag und der nicht aufgab, als ich zu zweifeln begann, weil kein Mensch mir glaubte, wenn ich berichten wollte, was er mir erzählt hatte. Was ich heute erlebte, erfüllt mein ganzes Herz und ich werde nicht ablassen, meinen Schwestern und Brüdern davon zu erzählen. Aber die Menschen haben es nicht leicht. Sie können sich nicht häuten, sie haben keine Flügel, können die Farben nur wechseln mithilfe bunter Stoffe, mit denen sie sich verkleiden. Dazu kommt, dass die meisten von uns die Universalsprache schon in ganz jungen Jahren wieder verlernen bis auf ein paar wenige Ausnahmen wie ich, die das Glück haben, an der Seite eines geduldigen Tieres aufzuwachsen. Die Menschen sind auch zu bemitleiden, weil sie sich nicht einmal untereinander richtig verständigen können. Trotzdem meinen sie, die bedeutendsten Wesen der Welt zu sein, weil sie über berechnende Vernunft verfügen eine Gabe, die ihr ja alle auch habt, aber die ihr nur für ganz bestimmte Tätigkeiten einsetzt", fügte Murmur lächelnd hinzu. "Denn bei der Berechnung ist man ja immer entweder in der Vergangenheit, wo man die Daten für die Berechnung sammelt, oder in der Zukunft, auf die hin man die Wirkung der miteinander verknüpften Daten berechnet. Das kann ein lustiges Spiel sein, aber man ist dann leider nie in der Gegenwart. Doch was erzähl' ich euch Dinge, die ihr alle wisst. Die Menschen aber beten ihre Berechnung als einzig wahren Gott an und verachten alle, die ihm nicht huldigen. Denn er hat ihnen das ist kaum zu bestreiten die Macht verschafft, alle und alles auf dem ganzen Erdball jederzeit zu zerstören, auch euch und sich selbst. Die einzige Sprache, die alle Menschen kennen und verstehen, ist deshalb die Sprache der Waffen. Das macht mich traurig und ich bitte euch, uns als die Wesen mit dem vielleicht schwierigsten Los auf Erden nicht aufzugeben." Der Spatz huschte geschwind zur prächtigen Papageiendame und fragte: "Wie war das mit dem Los? Ich dachte, das zieht man aus dem Zylinder des Präsidenten?"

"Es ist nicht hoffnungslos, euer Los" meinte der alte Elefant, der in der Menge alle überragte, "gehe zurück zu deinen Menschen, liebe Murmur, erzähle von uns, unserem Weihnachtslagerfeuer, unserer Sprache, unseren Geschichten, die alle nebeneinander Platz haben. Aber jetzt feiere noch mit uns." Murmur nickte und ging mit weichen Schritten unter dem anhebenden Gesang der Tiere zu ihrem Platz neben ihrem Freund Bless zurück. Der Pinguin und eine rockige Seelöwin hatten den Ice-Blues angestimmt und fingen an zu tanzen, rissen immer mehr Tiere mit in ihre swingenden Rhythmen. Der Bär hatte seine Bongos hervorgezogen und wirbelte mit erstaunlicher Behändigkeit darauf herum. Swingu-Pingu zeigte ungeahnte Hüftbewegungen, der Kolibri probierte eine neue Schrittfolge auf dem Kopf des Büffels und sogar der Maulwurf warf cool im Rhythmus Dreckhäufchen durch die Luft. Schliesslich stand sogar Nili auf und stapfte im Takt in seiner Wasserlache herum. Die Hyäne frotzelte: "Kneipp-Kur oder was, Nili?" Murmur kam aus dem Staunen gar nicht heraus und begann, den Ice-Blues mitzusummen. Bless stupste sie an: "Tanz mit mir!"

"Ja, eines Tages werden auch die erwachsenen Menschen ihren Platz in der Gemeinschaft am Weihnachtslagerfeuer finden" murmelte die Schnee-Eule, mehr zu sich selbst als zu den andern. Aber das Krokodil hatte es gehört. Es verdrückte die letzte Träne des Abends und fragte ungläubig: "Glaubst du wirklich?" In diesem Augenblick setzte sich der Zitronenfalter auf die Nase des Krokodils und es begann zu strahlen. Seine Mundwinkel zogen sich dabei immer weiter auseinander, bis sie soweit hinten waren, wie sie es heute sind.

 

Illustration: Corinne Sutter (www.corinnesutter.ch)

Und was soll nun die Denk-Aufgabe sein? - Ich glaube, die Königskobra erwähnt es doch: sich auf Schlong-Ging einlassen, über die 'conditions humaines' hinausgelangen, sie als 'vorläufigen Spass' durchschauen, "als Aufgabe, die es zu lösen und dann aufzugeben, loszulassen, abzustreifen gilt wie alle Häute. " - Vor allem nach den vielen Festessen sind doch eigentlich viele von uns bereit, sogar noch ein wenig mehr als nur die Haut abzustreifen, oder nicht? - Erste Reaktionen aus dem Freundeskreis reichen von 'herzig' bis 'heilig'. Ich bin also auf alles gefasst und freue mich auf weitere Kommentare: