Denk-Aufgabe 602 vom 11. Februar 2006:

 

Ambivalenz von Wissen und Können

 

Alles strebt nach Wissen und Können. Es ist das Selbstverständlichste der Welt, ja vielleicht das Einzige - ausser vielleicht noch das ominöse 'Glück', aber darüber hab ich schon fast zu viel geschrieben -, wo sich beinahe die ganze Menschheit einig ist, dass es erstrebenswert sei. 'Wissen und Können ist immer gut', brummeln die Väter aller Länder seit Jahrtausenden in ihre Bärte - und schicken ihre Jungs in die Schule, in die Lehre, in den Kampf, auf den Markt - auf dass sie was lernen und das Gelernte anwenden, es zu Wohlstand und Ansehen bringen - und im besten Falle die alten Väter durchfüttern bis zu deren Eingang in die ewigen Jagdgründe. Bei den Töchtern war's und ist's hingegen schon etwas anders. 'Wissen und Können - Ja' - aber nicht dasselbe wie die Söhne. Keine Konkurrenz vom schwachen Geschlecht bitte, sonst könnte sich noch herausstellen, dass es das stärkere ist.

Die Einigkeit in der positiven Bewertung von Wissen und Können erhält also bereits erste Risse bei der Frage WEM WELCHES Wissen und Können zukommen soll. Die Selektion betraf nicht nur die beiden grossen Zielgruppen der Geschlechter: Zulassung zu Wissen und Können war immer schon eines der trickreichsten Machtmittel. Wissen und Können sind Güter, mit denen jeder Machthaber haushälterisch umgeht, vom Familienvater bis zum Papst. Die alte Machtformel 'divide et impera' - 'teile und herrsche' liess sich schon immer auf Wissen und Können anwenden: "Lass den dieses, den andern jenes erlernen, spiel sie gegeneinander aus, trenne sie durch das Wissen und bringe sie in Abhängigkeit voneinander und von dir als Herrscher."

So wurstelte man im Abendland vor sich hin, hortete das Wissen und das auf Wissen beruhende Können in differenzierten Gruppen. Keiner wusste alles, keiner konnte alles, aber die Fäden liefen mehr oder weniger vollzählig und über Jahrhunderte in Rom zusammen. - Und dann kam die Buchdruckerkunst und mit ihr die 'Aufklärung', die Pestalozzis aller Länder sorgten dafür, dass immer mehr Menschen lesen und schreiben lernten und es auch anwandten, was da alles an Gedrucktem durch die Lande flatterte. Luther war der erste grosse Know-how-Sozialist, übersetzte die Bibel ins Deutsche und liess das Volk teilhaben am so lange gehorteten Wissen und Können. Und heute ist - zumindest in der westlichen Hemisphäre - alles Wissen und Können grundsätzlich allen zugänglich, die sich darum bemühen. Wer will kann seine Schwiegermutter klonen, ein Atombömbelchen bauen, Sanskrit lernen oder die Relativitätstheorie auf die Lohnbuchhaltung applizieren. Nichts - ausser vielleicht das Fernsehprogramm - hindert ihn daran. Wunderbar, die Aufklärung hat ihr Ziel erreicht, Amen. - Oder doch nicht?

Ich suggeriere im Titel, das mit dem 'Wissen und Können' sei ein zweischneidiges Schwert, eine ambivalente Sache. Da müssten doch ein paar Argumente nachgereicht werden, damit sich das zu einer Denk-Aufgabe auswächst. Tauchen wir doch einmal in Ihre Erfahrung: Gab und gibt es Momente in Ihrem Leben, wo Sie unter Wissen und/oder Können litten, ja vielleicht fast verzweifelten? Sie spielten die schönste Musik - unter lauter Tauben, Sie tanzten, malten - umgeben von Blinden, Sie dufteten gottvoll - aber rundum waren naslose Nichtsriecher, Sie kochten exquisit - für Junkfoodkids oder 105-jährige Toscanelli-Raucher (igitt, negatives Product-placement, aber Stumpen- klingt irgendwie stumpfer, weniger geschmacksnervenkillend), Sie schufen zu ertastende Formen: Stoffe, Skulpturen, lebendige Körper - im doppelten Sinne für die Katz', die sich draufschnurrte? Sie wollten Ihr Wissen an den Mann, an die Frau oder - noch schlimmer - an die Öffentlichkeit tragen, vielleicht sogar könnerisch verpackt - und hatten das Vogel-Strauss-Erlebnis (ein Strauss steckt den Kopf in den Sand und sagt - nein, das geht ja nicht mit dem Schnabel im Sand, also er denkt - 'Wahrscheinlich kuckt wieder kein Schwein'. Würde er selbst allerdings kucken, sähe er, dass just in diesem Augenblick ein Schwein hinter einer Düne hervorlugt - nur: würde der Strauss kucken, gäbe es ja für das Schwein nichts zu kucken. Das kuckenswerte Straussen-Kunststück ist ja gerade das 'Kopf-in-den-Sand-Stecken'). Ich meine also den Fall, wo wir mit unserer beschränkten Wahrnehmung zur Überzeugung gelangen, dass eben wieder mal 'kein Schwein kuckt'. Niemand nimmt wahr, dass und was wir zu bieten hätten an Wissen und Können - oder, was fast noch schlimmer ist, unser Wissen/Können wird zwar wahrgenommen, aber völlig falsch interpretiert ( falls es sowas wie richtige und falsche Interpretation überhaupt gibt), zumindest ganz anders gedeutet, als es in unserer Absicht lag. Das einzig Tröstliche: Meistens geschieht dies erst posthum, wenn wir schon längst den Zwängen und Fängen des Diesseits entkommen sind. Meine Grossmutter pflegte mich als kleinen Möchtegernjazzpianisten zwar regelmässig zu erschrecken mit dem Seufzer: "Bach würde sich im Grabe drehen, wenn er deine Verhunzungen hörte", aber eigentlich glaubte ich damals schon in zweifachem Sinne nicht daran. Erstens glaubte ich nicht, dass der verehrte Johann Sebastian nichts Gescheiteres zu tun habe im Jenseits, als all seinen epigonalen Interpreten zuzuhören und zweitens hab ich die naiv-selbstselige Überzeugung, dass er, wenn er es doch täte, mit einem Schmunzeln reagierte, ja, sich zu mir setzte und mithälfe, sein bzw. mein wohltemperiertes Klavier ultra hoch zu erjazzhitzen.

Spielen Sie den Gedanken weiter - ich bin überzeugt, Sie finden Szenen, wo Sie Wissen, Können nicht anbringen konnten, wo Sie nicht wahrgenommen oder zumindest nicht in der Art wahrgenommen wurden, wie Sie sich das gewünscht hätten. Am allerschlimmsten ist es doch, wenn wir nicht einfach kühles Schulwissen oder routiniertes Handwerkskönnen abspulen, sondern wenn wir mit Begeisterung, mit Liebe bei der Sache sind und möchten, dass irgendjemand das mitkriegt, dass unsere Liebe auf fruchtbaren Boden falle, dass sie erwidert werde. Wofür haben wir denn jahrelang gelernt, gebüffelt, geübt - wenn am Schluss kein Schwein kuckt wie wir hobeln, Kupferbleche biegen, Geigen bauen, Microchips produzieren, Ziegen melken, aquarellieren oder hochseesegeln?

Falls wir nicht völlig verhornt sind, merken wir zwar, dass es eigentlich ein eitles Wähnen ist, dass wir gar keinen Anspruch auf Applaus, ja nicht einmal auf Echo haben. Sogar mit der primitiv-banalen Denkweise der Ökonomie könnten wir drauf kommen, dass da kein Anspruch besteht, da wir ja umgekehrt auch nicht gerade furchtbar viel investieren ins Belobhudligen der andern, die sich abstrampeln, gerade weil wir ja völlig mit uns und unserem Radschlagen beschäftigt sind. Ein Pfau mit aufgefächertem Schwanz ist in der Regel voll beschäftigt und halbiert sich das Gesichtsfeld mit dem glänzenden Gefiederkranz - wie will er da noch andern zukucken, geschweige denn applaudieren, wenn sein einziges Trachten, seine einzige steifnackige Ausstrahlung in der anerkennungheischenden Frage besteht, die eigentlich weniger eine Frage als eine Drohung ist: "Seht ihr mich?" - oder, fast noch impertinenter nach der Schlacht, z.B. in der Festwirtschaft: "Händ er mi gseh?"

Und doch - Eitelkeit hin oder her - es macht einfach keinen Spass, wenn man gar nicht oder nur noch als Massen-Nummer, als Im-Stau-Stehender, als Sozialhilfebezüger, als einer der 'Viel-zu-Vielen' wahrgenommen wird. Wenn die ganze Zuwendung sich erschöpft im geseufzt-vorwurfsvollen: "Es ist zwar mühsam, dass auch du noch lebst und das Budget belastest, aber trotzdem, obwohl du eigentlich gar nicht leben solltest und überflüssig bist, füttern wir dich durch, weil wir das unserem Renommée als Sozialstaat schuldig sind, jedenfalls solange bis die Pleite komplett ist."

Wir haben allesamt ein Urbedürfnis nach mehr Echo auf unser Dasein als nur dieses unwillige geduldet und mitgeschleppt werden, wie klein oder gross unser Wissen und Können immer sei. Und wenn wir ganz tief in uns hineinhorchen, dann ist es nicht einfach irgendein Echo, sondern Achtsamkeit, liebevolle Zuwendung, die wir uns erträumen. Wenn wir nun gar nichts wüssten und könnten, wäre es da nicht einfacher, diese Zuwendung zu kriegen? Haben es kommunikativ noch (Säuglinge) oder wieder (Greise) Bescheidene nicht leichter, weil Sie keine Konkurrenz darstellen für die potenziell sich Zuwendenden? - Probieren Sie's aus: fallen Sie schnell in Ohnmacht. Natürlich nur, wenn jemand zugegen ist, sonst haut's nicht hin, wenn Sie sich hinhauen. - Falls Sie wieder aus der Ohnmacht erwacht sind: wie war's? Erfuhren Sie nicht beispiellose Zuwendung? Alles kümmerte sich reizend und aufopfernd um Sie? Nun: obwohl Sie nichts wussten/konnten während der Ohnmacht oder gerade weil Sie nichts wussten/konnten? Ich weiss, die Übung ist etwas wenig ergiebig, da Sie ja infolge Ohnmacht gar nicht recht dabei waren. Also drehen wir den Spiess um. Sie müssen ja nicht gerade mit dem Spiess auf jemanden los, auch nicht die berühmte Old-Shatterhand-k.o.-Faust ausfahren. Gehen Sie doch einfach ins nächste Pflegeheim und schauen Sie, wie liebe- und hingebungsvoll viele Schwestern mit den Alten und Kranken umspringen - auch und gerade, wenn Sie gar nicht oder nicht mehr 'bei Sinnen' sind.

Der ungemütliche Schluss daraus könnte sein, dass Wissen und Können tatsächlich ambivalente Gaben sind und sich gar nicht so eignen, um das hinter der Anerkennung steckende erstrebte Gut 'liebevolle Zuwendung' zu ergattern. Andererseits geht's auch nicht ohne Wissen und Können. Nicht nur aus ökonomischen Gründen - da haben wir ja (noch) unsere bereits oben auf die Rolle geschobenen und immer schneller davon rollenden Sozialstaaten, die jeden, der nichts weiss und nichts kann als Opfer ankucken und durchfüttern - sondern aus psychologisch-philosophischen Gründen. Keine Angst, ich werde jetzt nicht episch, aber eine ganz kurze Schlaufe muss sein:

Eine Entität kann sich nur als solche wahrnehmen und überhaupt eine Identität ausbilden, ein Profil entwickeln, wenn sie sich von andern Entitäten unterscheiden kann. Und bereits diese Unterscheiderei, sogar wenn sie sich nur mal ganz konkret und banal auf Unterschiede in der äusserlichen Erscheinung konzentriert, braucht bereits ein gerüttelt Mass an Erkenntnisfähigkeit und die führt immer zu Wissen und Können. Wer das nicht glaubt, soll sich in die nächste Psychiatrische stürzen und nach einem Patienten fragen, der felsenfest davon überzeugt ist, König von Zürich (den gibt's im Fall!), Newton oder ein Tisch zu sein - und ihn von etwas anderem zu überzeugen versuchen.

Dann wäre die Lösung, nur gerade soviel Wissen und Können anzuhäufen, dass wir uns von Heu- und anderen -schrecken unterscheiden können - und im übrigen still, dement und ohnmächtig vor sich hin zu vegetieren (das ist kein Angriff auf die Vegetarier, die auch keine Unterart der Arier sind, mit Verlaub)? - Ich hätte da noch etwas anderes anzubieten von unter dem Ladentisch: Das Ausweiten des Applauskreises, das Vergrössern der Gruppe derer, die in Frage kommen, sich uns liebevoll zuzuwenden. Wenn sich die lieben Mitmenschen - wir inklusive! - schon so schwer tun damit, weil sie entweder selber gerade daran sind, das Rad zu schlagen oder Konkurrenz fürchten - dann könnten wir ja beispielsweise die lieben Tierchen nehmen. - Na also! werden ZeitgenossInnen seufzen, die mich und meine Tierverrücktheit schon bis zum Überdruss kennen: endlich ist er wieder bei seinem Lieblingsthema. Ich schlage ihnen aber ein Schnippchen und bleibe keine Zeile länger dabei, sondern weite gleich nochmals aus: wie wär's mit den Pflanzen und überhaupt allem, was wir wahrnehmen? Für hoch geeignet halte ich z.B. das Medium, an und mit dem wir unser Wissen als Können Ereignis werden lassen - einfacher gesagt: unser Arbeitsgerät, unser Werkmaterial, unsere Instrumente, Stoffe, Dinge, einfach alles, was wir bei all unserem gekonnten Tun so brauchen, die Welt der Objekte, die uns vis-à-vis steht und zu der potenziell alles gehört, was wir nicht zu uns selbst als Subjekt zählen.

Jeder Hölzige, der noch mit dem Herz beim Holzbearbeiten dabei ist, wird mich verstehen. Arbeit am und mit dem Holz ist Dialog. Aber auch der Stein des Steinmetzen, der Kupferdraht des Elektrikers, das Sieb des Käsers, die ertasteten Tasten des Pianisten, der Sattelbaum des Sattlers - alles lebt, wenn wir es zum Leben erwecken. Wenn wir in Dialog treten mit den Dingen, dann antworten sie auch - einfach in ihrer Sprache. Der Ferrari von Ex-Formel-1-Weltmeister Alain Prost antwortete, indem er pannenfrei ins Ziel lief, meine Tastatur antwortet manchmal mit einer gewissen Klebrigkeit, wenn ich mich ihr zu fordernd, zu wenig achtsam zuwende.

Auch wenn Sie das alles für ausgemachten Quatsch halten: probieren Sie's doch mal ganz kurz und ganz spielerisch aus, zum Beispiel indem Sie mit Hefe, Mehl und Milch ins Zwiegespräch treten, lauter liebevolle Gedanken und Gefühle für die potenziellen Beglückten in den Sonntagszopf hineinkneten. Oder indem Sie Ihrem Auto mal - wenn's niemand sieht - zärtlich über die Kotflügel streichen, wie mein Freund Claudius das bei seinem F360 Modena tut, auch wenn's jemand sieht. - Erwarten Sie keine ausgefeilten Sätze in deutscher Sprache als Antwort, die kriegen Sie ja von mir, falls Sie sich hier melden mit dem Resultat dieser doch recht praktischen Denk-Aufgabe. Versetzen Sie sich mal in ihr Vis-à-vis, sei es eine Amöbe, ein Abfallsack oder eine Alphütte - und überlegen Sie sich, wie Sie antworten würden, in welcher Sprache, mit welchen Verhaltensweisen. Und falls Sie ein Fasnächtler sind: geh'n Sie doch mal als Tram, als Bildschirm oder als Sackmesser, vielleicht wächst ja das Verständnis für den Dialog mit Dingen auf diese Weise? Und - wenn Sie mal den Schritt über die Hemmschwelle gemacht haben, dass Kommunikation auf menschliche Sprache beschränkt sei - vielleicht kommt sogar so ein sonnenwarmes Gefühl auf wie 'sich wahrgenommen, angenommen, verbunden wissen' mit allem Möglichen und Unmöglichen. Nur wer vergeblich probiert hat, kann verkünden: "Unmöglich!" Und falls es sich als möglich erweisen sollte, ist vielleicht auch sowas wie Glück nicht mehr unmöglich, ganz ohne deutsche Landeslotterie.