Denk-Aufgabe 603 vom 3. März 2006:

 

Demenz

 

Wir werden nicht dement wir sind es. Demenz ist die folgerichtige Ausbalancierung der Vergötterung der Rationalität. Rationalität ist derart halb, derart einseitig, lässt unsere Seele derart hungern und dursten, dass sich allen, denen der Zugang zur Suprarationalität, zu Emotion, Intuition, Seele, Mythos und Metaphysischem verloren gegangen ist, der Ausweg in den Suizid oder in die Krankheit geradezu anbietet. Von den Krankheiten im Sinne des 'Nicht-ganz-Seins', 'Nicht-heil-Seins' ist die Demenz, die Absenz, das Fehlen, das Verschwinden des Geistigen am folgerichtigsten, am plausibelsten. Einerseits fehlt das, was zeitlebens vergöttert wurde, andererseits erzwingt Demenz den Entwicklungsschritt weg von der Macht, die immer mit Rationalität verbunden ist. Wissen wir denn, wieviel Entwicklung im Dementen noch vor sich geht, solange wir nur mit den Mitteln der sinnigerweise im Dementen verschwundenen Rationalität suchen? Wenn wir keine anderen Erkenntnismittel zur Verfügung haben, keine anderen Antennen als rationale Tests und Geräte, dann bleibt uns die Welt der Dementen völlig verschlossen. Es entbehrt nicht der Komik, aber auch nicht der Logik, wenn Spitzenspieler der Rationalitäts- und Machtliga wie US-Präsidenten von der Demenz eingeholt werden.

Falls irgend jemand an der Rationalität z.B. von Mr. Reagan zweifelt, sei angefügt: Das einzige Kriterium für Rationalität zumindest in meinem Modell, in meiner Sprache ist Macht: Alle Rationalität, die nicht nach Macht strebt, ist schon etwas anderes, etwas mehr, da hat sich bereits ein Schuss Suprarationalität beigemischt, die sich dann im Deutschen in schwammigen Begriffen wie 'Vernunft' oder gar 'Tugend', 'Moral', 'Ethik' niederschlägt. In all diesen Begriffen ist ein Spritzer 'Liebe' drin, also etwas vom vereinigenden Prinzip und dies gehört zumindest in meiner Definition genuin nicht zum Begriff der Rationalität: Rationalität ist das analytisch-trennende Prinzip; Rationalität scheidet alles innen und aussen Wahrgenommene nach differenztheoretischer Methode, unterscheidet es, steckt es aus Ordnungsgründen in Schubladen, die fein säuberlich mit einem Gattungs- oder Kategoriennamen beschriftet werden. Wenn der Rationalist mehrere hochgewachsene Pflanzen mit relativ massiven Stämmen zur Klasse der Bäume zusammenfasst, so ist dies in keiner Weise ein mit suprarationalen Vereinigungsverknüpfungen vergleichbarer Akt. Der Rationalist tut dies nicht, weil er eine Verbindung, eine Zusammengehörigkeit dieser Pflanzen spürt ein Rationalist spürt gar nichts und wenn, dann wischt er es beiseite, unterdrückt, verdrängt er es sondern einzig allein aus Gründen der Macht und der Effizienz: Wenn er Kategorien hat, muss er sich nicht mehr um jede Einzelwahrnehmung kümmern, er gewinnt Zeit und Raum und Macht.

Die Verbindung von Rationalität und Macht macht auch die These nachvollziehbar, dass es beim Kampf der sogenannten 'Aufklärung' gegen die katholische Kirche gar nicht um 'Logos gegen Mythos' ging, sondern nur um Macht gegen Macht. Die Kirche verfügte über eine gewaltige Macht, nicht nur über politische und indirekt militärische Gewalt, sondern vor allem über die Macht des Wissens. Sie kämpfte mit allen Mitteln um die Macht des Diskurses: während langer Zeit bestimmte sie in der ganzen abendländischen Welt, was wahr und was falsch sei, wie Begriffe zu deuten, auszulegen seien und wie nicht. Ihre Mittel gegen jegliche Abtrünnigkeit waren wirkungsvoll und grausam. Wer auch nur den geringsten Zweifel am Welterklärungsmodell der Kirche anzubringen wagte, wurde mit Hilfe der Inquisition unschädlich gemacht, wobei die Wirkung der Generalprävention, also die Abschreckung potentieller anderer Täter, ein Hauptziel der martialischen Strafen war. Wenn man von einem Denkmodell ausgeht, in dem der unbedingte Machterhalt oberstes Ziel ist, war das Verhalten der Kirche nicht nur folgerichtig, sondern während langer Zeit auch strategisch genial. Doch Erfolg macht übermütig und im 16. Jahrhundert fiel die allzu plumpe Massnahme des Ablasshandels mit politischer Gärung zusammen, sodass es mit der Reformation zu einer ersten massiven Revolte gegen die absolute Macht der Kirche kommen konnte. Bei Licht besehen wurde auch hier aber nur die Macht der Kirchen durch die Macht der Fürstenhäuser ersetzt. Anstelle eines allmächtigen Diktators in Rom gab es im reformierten Einflussbereich nun unzählige weltliche 'Päpste'. Luther und Zwingli legten mit ihrer Entmystifizierung, derm Rauswurf alles Bildlichen, Symbolischen, der Verdammung fast aller Rituale und der platten Wörtlichkeit der Bibelauslegung, dem Bekenntnis zu den bürgerlich-ökonomisch diesseitigen Tugenden wir Fleiss, finanzielle Unabhängigkeit und Staatstreue den Grundstein für die sogenannte Aufklärung, die vielleicht ursprünglich wirklich die Befreiung des gegängelten Kirchen-Sklaven in die Mündigkeit zum Ziel hatte. Zumindest in der etwas naiv klingenden Aufklärungs-Definition Kants weht diese Hoffnung noch mit, dass es darum gehe, den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, auf dass er selbst denken lerne ohne Hilfe anderer. Auch das mutige Gottesbild Spinozas ( deus sive natura = etwa: Gott ist wie die Natur, Gott und Natur sind eins, Gott ist in allem) und die wunderschöne Botschaft Lessings im Nathan gibt noch einen Eindruck von der Intention der frühen Aufklärer.

Aber die Machtthematik holte auch diese eher geistige Revolution ein eine archetypische Struktur, die sich bei allen Revolutionen der Weltgeschichte beobachten lässt. Die Wirkung der Aufklärung war letztlich eine ganz andere als die vielleicht ursprünglich intendierte. Denn eine echte, tiefgreifende Befreiung des Denkens und Fühlens der Menschen macht sie in einer Weise autonom und unabhängig, dass sie sich schlechter beherrschen lassen, ja sich mit jedem Schritt aus der Angst heraus immer stärker fühlen und sich nicht mehr unfreiwillig in Machtsysteme einbinden lassen. Es musste ein neuer Machtapparat her mit neuen Glaubensgrundsätzen, nicht hinterfragbaren Axiomen, mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit. Als neuer 'Gott' wurde die Ratio, der berechnende Verstand auf den Sockel gehoben. Da sich als Anwendungsgebiet für die Ratio, als Reich des neuen Gottes, nur die Materie eignet, ein Gott aber allumfassend zuständig sein will, wurde folgerichtig alles Immaterielle negiert bzw. auf Materie reduziert. Die neue 'Religion', die Anbetung der Ratio, eroberte sich die Welt zwar nicht so leicht wie die alte, die einen besseren, kundengerechteren Köder ausgeworfen hatte, aber immerhin: zumindest im Abendland ist die Ratio als Chefgötze seit rund vierhundert Jahren recht fest im Sattel, und ein Ende scheint nicht abzusehen zu sein. Ist der Köder vielleicht nicht so attraktiv wie es der kirchliche war, was sich an unzähligen auch unqualifizierten Gegenbewegungen zeigt, die das Suprarationale wieder ins Leben zurück holen wollen, so sind dafür die Methoden der Bestrafung Abtrünniger etwas gepflegter geworden. PR-Binsenwahrheiten wie diejenige, dass eines der höchsten Güter jedes Machtinteressierten öffentliche Aufmerksamkeit ist, werden von den heutigen Diskurs-Gewaltigen und Welterklärungs-Machthabern genaustens beachtet und so ist die beliebteste und effizienteste Methode der Rationalisten die Ignoranz und Marginalisierung von allem, was nicht in ihr Konzept passt und ihren absoluten Machtanspruch in Frage stellen könnte.

Wo dies nicht möglich ist, hilft die Diskursmacht, die so stark ist, dass die Gesellschaft die konkreten Massnahmen selbst vornimmt. Wenn der machthabende Rationalist bestimmen kann, was 'geistig gesund' und was 'geistig krank' ist, wenn er auch den Begriff für alles, was nicht rational ist, bestimmen kann und dafür natürlich einen pejorativen Begriff wählt wie 'irrational', dann erzeugt er damit eine Eigendynamik, die dazu führt, dass die Gesellschaft unbequeme Mitglieder über das Stigma der Irrationalität der Psychiatrie zuführt und interniert. Dürrenmatt hat in seinem tragikomischen Drama 'Die Physiker' auf diesen Punkt hingewiesen. Die sozial verbrämte Erledigung aller potentiellen Gegner über den Weg der Hospitalisierung ist natürlich ungemein viel eleganter als Folter, Hexenprozesse und Scheiterhaufen - und trotzdem effizienter, da sie unter fast völligem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Wenn wir einen echten Gegensatz zur katholischen Kirche bzw. zur Rationalitäts-Vergötterung suchen, dann müssen wir m.E. die dahinter liegende Macht-Thematik durchschauen und als Gegenpol zur Macht die Ohnmacht anschauen, die sich unter anderem als Demenz zeigen kann. Wenn Macht also das 'Goldene Kalb' des reinen Rationalisten ist, das per se Anstrebenswerte, das unhinterfragt 'Gute', dann ist der Gegensatz dazu logischerweise das per se zu Vermeidende, das unhinterfragt 'Schlechte'. Im Deutschen gibt es einen m.E. sehr geeigneten Terminus für diesen Gegenpol zur Macht, die Ohnmacht. Damit wird auch die Negativbewertung des Dementen durch den Rationalisten nachvollziehbar. Für ihn ist der Demente ohne Macht das Verachtenswerteste, was er sich vorstellen kann. Und er fürchtet für sich selbst nichts mehr als die Demenz, die ihm gleichbedeutend mit Ohnmacht ist. Ein Leben ohne Macht ist für den Rationalisten nicht vorstellbar. Macht ist das, was ihm das Leben lebenswert macht, wenn er berhaupt irgend etwas für lebenswert erachtet. Leben ist für ihn Macht, ein Kampf um Macht von der ersten bis zur letzten, nein über die letzte Stunde hinaus, denn es geht am Schluss für den Machtbesessenen noch darum, eine 'grosse Leiche' zu sein, viele Leute hinter seinem Sarg herziehen zu wissen, den grössten Saal des Dorfes zu füllen beim Leichenmahl, die Todesanzeige in den wichtigsten Blättern der Region, ja des Landes abgedruckt zu wissen. Der letzte Papst, Johannes Paul II., machte mit der Grösse seiner Trauerfeier der Welt vielleicht mehr Eindruck, zeigte grössere Macht, als je zu Lebzeiten. Und wenn man im Modell des Rationalisten denkt und fühlt, dann hat er natürlich Recht. Der Machtkampf beginnt bei der Zeugung. Witziger Trost für alle, die an Versagergefühlen leiden: "Einmal warst du der Schnellste, einmal warst du Sieger unter Millionen von Konkurrenten!"

Das Problem aber auch das Amüsante an diesen Überlegungen ist, dass jeder, der sein Modell, in dem er funktioniert, nicht als Modell, nicht als gewähltes Spiel, die Spielregeln nicht als änderbar erkennt, nie daraus herausfindet. Freiheit kann nur gelebt werden, wenn man den Freiraum, die Handlungsmöglichkeiten erkennt. Wer dies nicht tut und das sind witzigerweise die meisten der bleibt verständlicherweise in seinem Modell, in seinem Spiel stecken, erlebt es als Laufgitter, als Gefängnis. Der nächste plausible Schritt ist die Schuldprojektion. Wo es ein Gefängnis gibt, muss es böse Ankläger, Richter, Gefängniswärter geben. Der sein Modell nicht als selbstgemachtes und selbstgewähltes Durchschauende empfindet sich als Opfer, ein Status, den das Pathos der Existenzialisten vielleicht am schönsten einfing: "Einsam, hineingeworfen in eine sinnlose Welt". Auch das ist nachvollziehbar: Wer sich im Gefängnis wähnt, seine Freiheit weder kennt noch wahrnimmt, dem kommt sein Dasein schnell einmal sinnlos vor.

Hier endet eigentlich die Brauchbarkeit des Bildspenders 'Gefängnis', denn der Gefangene weiss in aller Regel, dass es ausserhalb der Gefängnismauern so etwas wie Freiheit gibt. Die Weltwahrnehmung des Existenzialisten ist bei weitem trister, da er als reiner Rationalist jegliches 'Jenseits', jegliche Weltmöglichkeit jenseits der von seiner Ratio erschliessbaren, negiert. Es gibt für ihn nur das Gefängnis. Damit verflüchtigt sich auch der 'Sinn' des Gefängnisses, den es z.B. in Rechtsstaaten zu haben beansprucht: Stätte der Spezialprävention, wo der Gefangene motiviert werden soll dafür, sich in der 'Freiheit' wieder in die Gemeinschaft einzugliedern, die Regeln dieser Gemeinschaft, dieses Modells, in dem er sich einmal zu leben entschloss, fortan zu respektieren oder den Spielraum, den Rechtsraum gänzlich zu verlassen. Das in ein rechtsstaatliches Strafrecht eingebundene Gefängnis hat also ein doppeltes soziologisch-pädagogisches Ziel: zuerst für die Gegenwart prioritär den Schutz der Gemeinschaft, dann für die Zukunft prioritär die Wiedereingliederung des rehabilitierten Delinquenten. All dies fehlt beim Existenzialisten. Er hat nur das Grauen des Gefangenseins vor sich, halluziniert vielleicht etwas über die möglichen Schuldigen, ist aber zutiefst überzeugt, dass es eigentlich keine Rettung gibt aus dem Jammertal, da auch der Tod nirgendwohin führt, schon gar nicht in die Freiheit, sondern bestenfalls in die totale Demenz, in die völlige Absenz des Rationalen. Aus Sicht des Rationalisten ist dies die folgerichtige Vorstellung der Hölle. Und wenn man sich genug lange und genug intensiv mit dieser selbstgebastelten Höllenvorstellung der Ohnmacht befasst, realisiert sie sich vielleicht bereits im Diesseits als 'Krankheit', als präletaler Dämmerzustand.

Aus meiner Sicht zeigt die gewaltige Zunahme der Demenzkranken, wie gut es funktioniert mit der Realisierung der eigenen Vorstellungen. Wir kennen es aus den Träumen und ihrer Deutung, wir kennen es aus den Visionen grosser Künstler, grosser Unternehmer, aber durchaus auch aus unserem vielleicht etwas weniger spektakulären Alltag: Wir können Visionen realisieren und manchmal entwickelt sich eine Eigendynamik wie bei Goethes Zauberlehrling und wir werden die Geister, die wir riefen, nicht mehr los.

Das Rezept, sowohl therapeutisch wie präventiv, klingt aus meiner Optik schon fast erschreckend simpel: die Rationalität ausbalancieren mit Suprarationalität, was automatisch zur Folge hat, dass das Leben in all seinen Erscheinungsformen sinnhaft wird, Bedeutung hat, die es zu deuten gilt. Nur, es mag wohl simpel klingen, die Realisierung dieser Vision ist aber recht anspruchsvoll. Wenn man meine grossspurige Theorie 'Ausbalancieren mir Suprarationalität' in die Praxis umsetzt, heisst das Liebe, Liebe und nochmals Liebe. Denn Liebe in ihrer höchsten Ausprägung ist der Gegensatz zur Rationalität. Probe auf's Exempel: Rationalität heisst Gründe angeben können, heisst alles, was man tut, denkt, fühlt, begründen zu können. Liebe im Sinne der Nächstenliebe ist aber gerade wesentlich grundlos. Solange wir Gründe angeben können, warum wir lieben, ist Rationalität, Berechnung drin: 'weil sie sexy ist, weil er reich ist, weil sie mir hilft, weil er meiner Karriere dienlich ist' solange die Lieblingsfrage der Rationalisten beantwortet werden kann, nämlich 'Was bringt's?', solange hat die Empfindung wenig mit Liebe, dafür umso mehr mit Macht zu tun, mit Absicht, Besitz, Gewinn. Die definitorische differentia specifica von höchster Liebe ist also ihre Grundlosigkeit, ihre Bedingungslosigkeit. Die Konditionalität (wenn, dann) hat ja auch in der modernen Logik die Rolle der Kausalität (weil) übernommen, ist also für den Rationalisten eine mindestens gleichwertige, wenn nicht stringentere Verknüpfuing. Also können wir den Begriff 'grundlose Liebe' ohne Trickserei durch den vertrauteren Begriff 'bedingungslose Liebe' ersetzen. Und genau diese anspruchsvolle Liebesform wäre nun das Heil- und Präventionsmittel gegen Demenz? Ich meine 'Ja' und bin mir bewusst, dass wir alle an dieser Anforderung scheitern. Doch Verzweiflung wäre fehl am Platz, zumal darin das Wort ZWEI steckt, Zweimachung, und das gehört ins Reich des Rationalismus. Es geht ja bei der Realisierung der bedingungslosen Liebe auch nicht um 'ab sofort immer überall jederzeit allen Entitäten gegenüber'. Es ist doch schon hinreissend, wenn es uns irgendwann einmal an einem Ort einem einzigen Wesen gegenüber gelingt: bedingungslos lieben, ohne wenn und aber, ohne 'nur solange du so und so bist, dich so und so verhältst etc'. Ich kenne Mütter, die das können, deren Liebe für ihre Kinder unerschütterlich ist, auch wenn diese sie mit Füssen treten. Gandhi konnte es wohl auch, als er in den wenigen Augenblicken, die ihm noch zu leben blieben, seinem Mörder verzieh, der auch in diesem letzten Augenblick seinem Aufruf treu blieb "Be the change you wish to see in the world".

Verlangen wir nicht so viel von uns, seien wir auch liebevoll zu uns selbst. Es gelingt nämlich erst, wenn man auch sich selbst bedingungslos liebt. Aber damit haben wir ein gutes Anzeigeinstrument gefunden: Immer dann, wenn wir uns selbst mit allen unseren Fehlern und Schwächen, allen Dummheiten, vielleicht sogar Grässlichkeiten, die wir schon begangen haben, bedingungslos lieb haben, dann und genau dann ist der ideale Zeitpunkt, um dieses Gefühl auch auf andere überschwappen zu lassen, auf Dinge, Pflanzen, Tiere und als Gesellenstück dann auch einmal auf Menschen.

Und jetzt kommt der 'Clou' der Geschichte: Sollte es uns jemals gelingen, dann sind wir in diesem Augenblick für allfällig anwesende Rationalisten dement. Natürlich, unsere berechnende Ratio muss ja abwesend sein, sonst hat die bedingungslose Liebe keinen Platz. Nur: diese Demenz ist eine höchst beglückende. Wer sie erlebt hat, erträumt sich nichts Schöneres, als irgendwann ganz in sie einzutauchen, über alle Machtgier hinaus zu gelangen, nichts Machtgebendes mehr festhalten zu müssen und damit auch der berechnenden Ratio nicht mehr zu bedürfen. Vielleicht sind wir dann nicht mehr 'lebensfähig' im Sinne der Rationalisten. Aber wenn wir die beeindruckende Suizidrate der Existenzialisten anschauen, dann kann es mit deren Lebensfähigkeit auch nicht so weit her sein. Wer bedingungslose Liebesmomente erlebt hat, hat so intensiv gelebt, hat so viel Lebensqualität erfahren, dass die Bedeutung der Lebensquantität in den Hintergrund tritt.

Die Denk-Aufgabe ist ganz einfach: Suchen Sie in Ihrem Leben nach solchen Erfahrungen von bedingungsloser Liebe. Vielleicht wurden Sie ja von jemandem so geliebt? Auf jeden Fall: versuchen Sie es; es gibt nichts, kein noch so 'geringes' Gegenüber, das nicht wert wäre, bedingungslos geliebt zu werden. Sie müssen dazu einfach das Denken, zumindest das rationale Denken, zumindest vorübergehend, aufgeben und das ist ja der Sinn einer Denk-Aufgabe.