Denk-Aufgabe 604 vom 10. April 2006:

 

 

Wenn Liebe trennt

 

"Kann denn Liebe Sünde sein?" - Die Anlehnung dieses Sätzchens an oberkrainersche Filmtitel wie 'Unterm Dirndl wird gejodelt' ist nicht ganz zufällig, aber es gibt durchaus auch grandiose Stoffe der Weltliteratur wie Shakespeares King Lear, die sich um die negativen Folgen der doch allseits so positiv bewerteten Liebe ranken, ja vielleicht ist es das verbreitetste Thema überhaupt, das vom Kaffeekränzchen und Stammtisch über den Popsong bis zum Strafgericht die Menschen umtreibt: Liebe, die zu Leiden führt, zu Hass mutiert und in Eifersucht, Mord und Totschlag endet. Das Titelsätzchen ist also nicht moralisierend sektenpredigerisch mit dem Mahnfinger gesprochen hier, sondern als Einladung zur Reflexion, zum Nachdenken über den Allerweltsbegriff 'Liebe'.

 

Wenn man die (etymologisch nicht gesicherte) Ableitung Sünde < sondern nimmt, leuchtet es am schnellsten ein, dass Liebe Sünde, Sonderung sein kann. Alle Liebesformen unterhalb der AGAPE, der bedingungslosen, nicht wählenden Liebe, die sich vom Gegenstand der Liebe kein Bildnis macht und deshalb auch gar keinen eingrenz-, definier- bzw. benennbaren Gegenstand kennt alle diese weniger entwickelten Liebesformen sondern, trennen ein Liebesobjekt aus der Vielheit heraus und fokussieren ein meist von Besitz- und Machtgier durchtränktes Haben-wollen-Gefühl heraus. Dies als 'Liebe' zu bezeichnen, ist sprachlich höchst fragwürdig und verwirrend, aber es wird seit der Erfindung der verbalen Kommunikation in allen mir bekannten Sprachen dieser Begriffswirrwarr bezüglich Liebe, amour, amore, amor, love etc. betrieben. Einzig die alten Griechen waren etwas differenzierter und unterschieden zumindest EROS (erotische Liebe) und PHILIA (freundschaftliche Zuwendung). Erst die Verfasser des Neuen Testaments prägten für die abendländische Kultur den oben erwähnten Begriff der AGAPE für die Nächstenliebe. Und Sigmund Freud prägte am anderen Ende der Skala den Begriff der LIBIDO (lat. für Gier, Lust) für die triebhafte Komponente der Liebe, also für die rein körperliche Vereinigungs-Geilheit (über die er allerdings in seiner fast rührenden Beschränktheit nicht hinaus zu denken vermochte - wohl weil er nicht über sie hinaus zu fühlen imstande war?). Da Freud mit dieser auch jedem Frosch bekannten Liebesform ein unerschöpflich grosses Zielpublikum ansprechen konnte, hatte seine Theorie, dass sich nicht nur alle Liebesformen, sondern überhaupt alles menschliche Verhalten auf Libido zurückführen lassen, nachhaltigen Erfolg. Er reiht sich damit unter die Volkstribunen, die 'terrible simplificateurs' ein, die z.B. die in allen Entitäten irgendwo auffindbare Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten ansprechen und zu einem politischen Programm aufbauschen.

Zurück zum differenzierteren Umgang mit dem Allerweltswort 'Liebe'. Was sich dahinter alles verbirgt, ist zu wertvoll, zu archetypisch, zu schön und philosophisch zu relevant, um im Eintopf unerkannt zu vergaren.

Die Sonderung, die insofern zur 'Sünde' führt, als sie wie jede Abtrennung zwar etwas schützt, herauspickt, erwählt, aber im gleichen Augenblick einen Rest abtrennt, nicht integriert, aussen vor lässt, dieser archetypischste aller Mechanismen, der schon den 'Sturz aus dem Paradies' charakterisiert: die Sonderung des Menschen aus der paradiesischen 'Einheit mit Gott' hinaus in die Welt der 'Erkenntnis der Unterschiede', der Sonderheit der Dinge, der Ur-Erkenntnis der Entität, sich als wahrnehmendes Subjekt zu erkennen (von lat. sub-iacere = unterwerfen, subiectum also: das Unterworfene, in meiner Interpretation: das seiner Ego-Wahrnehmung Unterworfene) und getrennt von sich wahrnehmbare Objekte (gegenüber Geworfene - Werfer ist, was oft vergessen wird, natürlich das wahrnehmende Subjekt) ; diese Urerfahrung drückt sich bei der untersten und einfachsten Stufe der Liebe, der LIBIDO, entsprechend simpel aus. Was sexuelles Verlangen auslöst, gehört rein in die gute Stube, was keine Triebbefriedigung verspricht, gehört raus.

Nun scheint dies natürlich für eine vergleichsweise einfache Disziplin wie die Freudsche Psychologie interessant genug, denn dieses Verlangen ändert sich ja laufend mit dem Kontext. Die simpelste Änderung ist die Befriedigung selbst, die sich ja beim offensichtlich etwas stärker triebgesteuerten Mann herrlich simpel darin äussert, dass er seinen Joystick nach Gebrauch für eine gewisse Zeit gar nicht mehr in Stellung bringt. Die Natur zwingt ihn zu einem Verdauungs-Päuschen. Aber auch der ganze Lebenskontext färbt die Thematik: von banal-äusserlichen Faktoren wie Alter und Fitness bis zu kompliziert-inneren Strukturen wie all den mehr oder weniger bewussten werthierarchischen und kulturbedingten zivilisatorischen Filtern und Hemmnissen, die sich der Realisierung der Triebbedürfnisse entgegenstellen bzw. sie begünstigen. So kann sich der Freudianer bis heute ausreichend beschäftigen und weiss um eine quantitativ beeindruckend grosse Klientel. Nur kommt er in aller Regel nie über eine Analyse der Triebumstände hinaus, da er gar nie bis zu den höheren Formen der Liebe vordringt. Diese meine Behauptung impliziert, dass Lösungsansätze für Liebesprobleme nicht auf der reinen Triebebene gefunden werden können, was natürlich falsch ist, denn Treibprobleme können durch Analyse der Triebsituation verbunden mit einer Analyse des gesellschaftlich-kulturellen Umfelds des Getriebenen durchaus zu Lösungen führen, z.B. zum therapeutischen Puff-Besuch oder zu Sublimierung der ach so umtriebigen Triebe in der Arbeit, im Spiel oder Sport. Mir geht es hier jedoch nicht um diese Art von Lösungen, weshalb ich präzisieren muss: Lösungsansätze, die zu nachhaltiger Entwicklung der Protagonisten führen, werden m.E. nicht gefunden, wenn man sich auf die Libido-Ebene beschränkt. Nicht einmal so pragmatische Lösungen auf dem Niveau 'Geh nur ins Puff wenn du im Ausland bist, aber vermeide aussereheliche Beziehungen im Heimatgefilde' kommen aus ohne den Verweis auf eine Beziehungskategorie jenseits der rein libidinösen Bumserei. Der Ehe oder der festen Partnerschaft wird also auch von Libido-Fokussierten irgend ein Plus oder zumindest eine andere Farbe zugestanden, die dem Puff-Besuch in der Regel zu fehlen scheint. Erotik, also Sinnlichkeit, die über die reine Triebbefriedigung hinausgeht, sollte ja zumindest im 'oberen Segment' der käuflichen Liebe mit drin sein. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Zusatzfarbe also bereits um Elemente der Philia , der freundschaftlichen Liebe, deren Zentrum nicht mehr im körperlichen, sondern eher im emotionalen Bereich liegt und deren Sinuskurve entsprechend weniger stark ausschlägt, sowohl nach oben Richtung Klimax wie nach unten Richtung Überdruss oder gar Abstossung. Philia hat damit mehr Chancen auf Dauer als Libido und Eros, ist also bereits etwas weniger abhängig von den Schöpfungsparametern Zeit, Raum und Kausalität: Freundschaft ist über weite Distanzen möglich, überbrückt auch grosse Zeitgräben und die Begründungen für eine Freundschaft verlieren sich meist etwas im Vagen. Der Weg von der Libido über Eros und Philia zur Agape entspricht also auch dem Weg von 'Prometheus' zu 'Maria', dem Weg vom Schöpfungs-Gestus zum Entschöpfungs-Gestus oder eben der Relativierung und schliesslich der völligen Überwindung der Schöpfungsparameter Zeit, Raum, Kausalität und Ego-Grenzen.

Wer im Prometheus-Status ist, also mitten im Saft der ersten Lebenshälfte als Kreator, als Schöpfer und Gestalter, für den ist die unterste Stufe der Liebesleiter, die Libido, entscheidend: er will sich fortpflanzen, will die Erde mit seinen Werken, seinen Geschöpflein bevölkern. Sein Ich ist der grosse Motor seines machtorientierten Tuns. Dieses libidinöse Verhalten zeigt sich selbstverständlich nicht nur auf der Körperebene, sondern in allen überhaupt denkbaren Lebensbereichen. Es gibt unzählige Möglichkeiten für das Ich, sich fortzupflanzen, Spuren zu hinterlassen, in die Geschichte einzugehen. Ein fast schon herziges aktuelles Beispiel ist der italienische Supermacho Berlusconi. Obwohl schon bald 70 ist er immer noch mit jeder Faser in der jugendlichen, bei einem alten Mann allerdings auch etwas lächerlichen Prometheus-Phase. Seine Machenschaften zur Ego-Aufplusterung, zur Machtentfaltung, zur Sicherung seines Einflusses, Sichtbarmachung seiner Spuren sind derart transparent, in so hohem Masse unraffiniert, dass es fast Muttergefühle weckt und man Lust kriegt, den kleinen Jungen jetzt mal von der Spielwiese reinzurufen und mit einem dicken Znünibrot in die Schule zu schicken.

Und mit der Metapher der Schule meine ich die Entwicklung über die Prometheus-Phase hinaus, das allmähliche Durchschauen der Selbstgebasteltheit und damit der Relativität der eigenen Welt mitsamt ihren Eckpfeilern:

Eckpfeiler Nummer eins ist das von allem andern abgetrennte Subjekt eine zwingend nötige Erfindung, wenn man das Prometheus-Spiel der Macht spielen will. Wie will man gegen Zeus und seine Olympier kämpfen, ihm das Feuer klauen, ihn betrügen, eigene Menschlein herstellen, wenn man sich nicht völlig abgetrennt wähnt von diesem Zeus, wenn der nicht ein ganz anderer ist, ein Gott, mit dem man nichts am Hut hat, den man sauer macht, hintergeht und der einen dann straft, wenn er kann. Hier, mit dem Entscheid 'Ich bin ein Subjekt und alles andere rund um mich herum sind Objekte' entstehen plausiblerweise alle Religionen mit einem aussenstehenden Gott bzw. einer ganzen Schar von Göttern. Der alttestamentliche Jahwe, der islamische Allah, aber auch die griechischen, römischen, germanischen Götterfamilien sind Konstrukte von und für Wesen, deren Hauptbefindlichkeit die des Abgetrenntseins ist, die sich in einer Gegenüberposition zur Welt befinden und deren Verbindung mit den Objekten sich auf die Auseinandersetzung beschränkt. Das mag paradox klingen, aber Auseinandersetzung, Konkurrenz, Kampf, Krieg ist eine sehr starke Bindung, die sich unter anderem in den Mitteln zeigt: eine verbale Auseinandersetzung braucht eine gemeinsame Sprache, die nur funktioniert als Kommunikationsschiene, wenn auch gemeinsame Inhalte, kulturelle und zivilisatorische Grundmuster gemeinsam sind. Aber auch Waffen haben nicht nur den trennenden, sondern auch einen verbindenden Charakter. Zuerst einmal ganz konkret: Waffen stellen Berührung her, natürlich in aller Regel mit dem Ziel der Verletzung oder gar Tötung des Gegenübers, aber vorerst unabhängig von der Motivation des die Waffe einsetzenden müssen Waffen dem Gegenüber angepasst sein. Man benutzt nicht dieselbe Waffe, wenn man einen Grizzly-Bären erlegen, wie wenn man einen Fisch fangen will. Wer sich auf irgendeinen Kampf einlässt, muss sich in sein Gegenüber hineindenken, muss es so gut wie möglich kennen und jetzt kommt das Paradoxe, das Jäger und brillante Detektive am ehesten zugeben: in irgendeiner Weise liebt man das, was man jagt, was man 'erlegen' will, dem man sich mit so viel Eifer zuwendet. Das aus dem Feld schlagen des andern, das Vernichten eines Gegenübers kann also auch als missverstandene Liebe, als sich unqualifiziert ausdrückende Liebe interpretiert werden. Und davon sprachen wir doch ganz zu Beginn: über die so positiv bewertete Liebe die zu negativ bewerteter 'Sünde' mutieren kann. Kampf, Krieg ist so gesehen unbeholfene Liebe. Wenn wir Liebe als das auf Vereinigung gerichtete Prinzip definieren, das immer dann umschlägt, verzweifelt, wenn die Vereinigung nicht gelingt, löst sich das Paradox auf. Vereinigung mit allem, was ist, kann auf der körperlichen, aber auch auf der geistigen Ebene natürlich nicht gelingen, wir kriegen weder alles in unseren Körper rein, was wir verschlingen möchten (auch wenn es diesbezüglich beachtliche Leistungen gibt vor allem in den dekadenten sogenannten Wohlfahrtsstaaten des Westens), noch kriegen wir alles Wissen in unser kleines Hirn reingestopft. Also drängt sich doch eigentlich der andere Lösungsansatz auf: Öffnung der Ego-Grenzen, Relativierung und irgendwann sogar Aufgabe der selbstgemachten Vorstellung, die Abtrennung unseres Egos von allem andern sei eine absolute. Ich möchte diese Überlegung auch als ganz nüchternes Argument gegen die Befindlichkeit der Existenzialisten mit ihrem tristen 'Hineingeworfensein als Opfer in eine ach so grausliche Welt' verstanden wissen. Jetzt kommt also der Moment, wo in der archetypischen Entwicklung eines Menschen die Relativierung der Egogrenzen, das Durchschauen der Willkür dieser Grenzsetzung käme ein Schritt, den Berlusconi vielleicht auch noch macht, man wird heutzutage ja steinalt. Mit diesem entscheidenden Schritt verlieren aber auch die übrigen Schöpfungsparameter an Absolutheit und Macht, denn sie hängen alle mit den Egogrenzen und der Vorstellung des Abgestrenntseins zusammen: Raum entsteht nur, wenn wir eine Trennung durchführen zwischen Subjekt und Objekten, wenn wir einen Spalt, einen Abstand zwischen uns und der Welt konstruieren. Und Zeit entsteht auch erst, wenn wir rumkucken müssen von einem Objekt zum andern. Dieses Anschauen der Objekte im Raum und der Versuch, sie alle unter unsere Macht zu bringen, sie zu verschlingen, zu integrieren, braucht Zeit. Wenn wir die Vorstellung aufgeben, dass es diese Objekte als von uns getrennte, andere gebe und wir uns der gegenpolaren Vorstellung nähern, dass wir eins sind mit all den Projektionen, die wir da auf unsere Rundumkinoleinwand projizierten, dann verlieren auch Zeit und Raum an Bedeutung. Damit werden wir aber auch die simpelste aller Verknüpfungen los, die zumindest im heutigen Zeitparadigma die einzig gültige ist: die Kausalität, die da ständig wild und willkürlich das eine Objekt als Ursache, das andere als Wirkung etikettiert und sofort Krach kriegt mit der Kausalität des Nachbarn, der das selbstverständlich genau umgekehrt sieht. Die Kausalität verschwindet bei diesem Prozess bzw. sie mutiert zur vereinigenden Verknüpfung, die alle Objekte als zur selben Einheit gehörig erkennt und zusammenfügt. Das klingt alles sehr schön und ist es auch, aber der Preis muss genannt werden: die Objekte gehen dabei drauf, das heisst sie hören auf, Objekte, Gegenüberliegende zu sein und verschwinden aus unserer Wahrnehmung. Sie schlüpfen in uns hinein, nicht auf der körperlichen, nicht auf der geistigen Ebene, aber auf einer Ebene, die ich mal die spirituelle nenne. Die Bezeichnung ist nicht relevant, wohl aber der semantische Gehalt: auf der spirituellen Ebene wird nicht mehr differenziert, die Tätigkeit, auf die wir homines sapientes uns doch so unendlich viel einbilden, dass wir sie vorlaut als differentia specifica gegenüber dem Tier behaupten. Diese Art der differenzierenden Wahrnehmung geht mit der höchsten Liebesform, der Agape, in die Binsen. Wer diesen Schritt geschafft hat, kann natürlich bedingungslos lieben, denn er nimmt ja gar nichts mehr wahr, was Bedingungen schaffen könnte. Agape ersetzt die kausale bzw. gemäss moderner Logik die konditionale Verknüpfung durch eine grundlos-bedingunslos-vereinigende Verknüpfung. Dies macht sie unzugänglich für den rein rational-berechnenden, auf seinen Vorteil bedachten Menschen. Mit dem Verzicht auf die Grenzziehung und Differenzierung bei den Objekten der Liebe geht auch der Verzicht einher auf die Grenzziehung und Differenzierung gegenüber sich selbst als Subjekt. Agape bedeutet Verzicht auf Ego-Profil, Identitätsverlust. In letzter Konsequenz bedeutet das sukzessive Sich-Einlassen auf und Zulassen von Agape den genau so sukzessiven, also indirekt proportionalen Tod des Egos. Also: je mehr Agape wächst, desto kleiner wird das Ego bis es sich folgerichtig in der völligen Vereinigung mit allem, was ist, gänzlich auflöst. Dieser Vorgang der Ego-Auflösung entspricht dem, was in östlichen Lehren als 'Erleuchtung', in abendländischen Texten als 'Vereinigung mit Gott' bezeichnet wird.

Wer diesen Weg geht, entfernt sich aber automatisch von dem, was in unserem Zeitparadigma immer noch als höchster Wert gilt: Weltverbesserung, dem Menschen das Leben erleichtern, Anstrengung und Leid vermeiden, den Tod hinauszögern, Krankheit bekämpfen, das quantitative Leben und das äusserliche Wohlbefinden über alles Innere, alles Geistig-Seelische stellen eine Wertskala, die sich grauslich spiegelt in den Pflegeheimen und 'Altersresidenzen' der westlichen Sozialstaaten mit den vielen steinalten Dementen, deren Körperfunktionen immer länger und immer losgelöster vom Geistig-Seelischen erhalten werden können. Nichts gegen die edle Einstellung, die oft hinter den lebenerhaltenden Massnahmen und den Weltverbesserungsansätzen steckt. Die meisten meinen es von Herzen gut, wollen Gutes tun, wollen die Welt in einem besseren Zustand hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben. Und sie wehren sich zum Teil mit grandiosen Verdrängungstechniken gegen die Einsicht, dass sich eigentlich in der Gesamtbilanz unter dem Aspekt Leid, Schmerz, Krieg seit Menschengedenken nichts geändert hat. Einzig die Formen wechseln, das Knowhow, aber auch darin laufen die Entwicklungen parallel: den spektakulären Formen des Folterns und Tötens, die v.a. auch quantitativ beeindrucken, steht die pharmakologische und medizinische Entwicklung gegenüber, die jedoch ständig von neuen Techniken und Plagen herausgefordert wird. Natürlich waren die Schmerzmittel oder die entzündungshemmenden Pharmazeutika des Mittelalters vielleicht etwas dürftig, dafür hatten sie auch keine radioaktiv verseuchten oder AIDS-infizierten Patienten. Agape schliesst die Augen nicht vor dem äusseren menschlichen Leid. Christus, Mutter Theresa und ähnliche Figuren, die da sagten "Kommet her, die ihr mühselig und beladen seid", öffneten sich allen am Leben Leidenden, aber Agape führt darüber hinaus. Es geht der Agape nicht darum, die Grenzen wieder schärfer zu ziehen wie der üblichen Medizin und Sozialfürsorge, die darauf abzielt, dass das leidende Ego wieder ein stärkeres, profilierteres Ego wird. Agape löst die Grenzen auf, auch und gerade die Grenzen zwischen 'Gut' und 'Böse'. Agape führt zur Einsicht, dass auch Schmerz, Leid, Krieg alles Abgelehnte letztlich zum Menschsein gehört und von jedem genau so erlebt wird, wie er es bewertet. Das einfachste Messinstrument für menschliche Wertungen ist die Angst: wir ängstigen uns vor genau den Dingen, die wir auf der Skala 'bös', 'ablehnenswert' haben. Also ist auch die Angst nicht per se etwas Schlechtes, sondern ein sehr nützliches Thermometer für unsere Entwicklung. Und wenn diese Entwicklung Richtung Agape führen soll, dann ist das Ziel klar, was die Angst und die Wertungen betrifft: minimieren, darüber hinaus gelangen und nicht etwa bekämpfen oder verdrängen.

Agape entwickeln heisst also nicht etwa Krieg, Leid und Schmerz bekämpfen womöglich kriegerisch, indem wir denen, die uns mit Krieg, Leid und Schmerz bedrohen, dasselbe androhen oder zufügen sondern angstfrei werden indem wir unsere Wertungen korrigieren, entlasten, erlösen von den Etiketten 'gut' und 'bös'. Denn wer in einer dichotomischen Wertskala 'Gut-Bös' gefangen ist, dem machen auch die 'Gut-Wertungen' Angst, da er ständig fürchtet, sie zu verlieren bzw. gar nicht zu erreichen, nicht halten zu können am herrlichsten sichtbar an der weit verbreiteten Wertung 'Jung = Gut'. Die Gegensätze gehören immer zusammen wie These und Antithese und die Synthese ist immer etwas Neues, auf einer höheren Ebene Liegendes. Beim Wertungspaar Gut-Böse entspricht die Synthese der gleichen Gültigkeit (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit) dessen, was wir als Objekt bzw. Ereignis wahrnehmen. Agape meint nicht nur, alle Menschen ohn' Unterschied zu lieben, sondern auch alle anderen Wesen, alle Dinge, alle Wahrnehmungen, alle Ereignisse, alles was uns widerfährt. Agape heisst Einverstandensein mit allem, was ist. Je nachdem, wo wir uns gerade befinden auf unserer archetypischen Lebensreise heisst das durchaus auch Tätigsein, wie Christus, Buddha, Mohammed, Mutter Theresa auch tätig waren in einer gewissen Phase ihres Lebens. Denn das Erreichen absoluter Agape ist ja zwingend verknüpft mit der völligen Auflösung des Egos, was in aller Regel mit dem Tod des physischen Körpers korreliert. Entwicklung der Agape ist also ein schrittweises, graduelles Wachsen der Liebesfähigkeit, des Einverstandenseins mit allen und allem, des Einswerdens mit allen und allem parallel dazu mit der Aufhebung der Wertung, dem Schwinden des Ego-Profils und der Annäherung an den physischen Tod. Auf diesem Weg ist jede Tätigkeit, die der Entwicklung dient, wundervoll. Wenn wir jeden Tag auch nur etwas hinzunehmen zu dem, was wir lieben, haben wir einen Schritt gemacht in der Entwicklung unserer Agape. Jeder Tag, an dem wir uns stärker verschliessen, für etwas Neues Ablehnung oder gar Hass empfinden, etwas mehr bekämpfen, weghaben, ausradieren wollen, ist ein Schritt in die Gegenrichtung. Aber auch hier, bei diesen Schritten vor und zurück, gilt die Aufforderung des Einverstandensein: denn wenn es uns gelingt, mit uns selbst einverstanden zu sein auch bei solchen Rückschritten, haben wir ja schon wieder einen Schritt Richtung Agape gemacht und der witzige Effekt ist, dass sich der Hass meist sehr schnell mildert und auflöst, wenn wir uns liebevoll in unserer Unvollkommenheit annehmen. Denn der Schritt, auch das Abgelehnte, das, was unseren Hass auslöste, in seiner Unvollkommenheit anzunehmen, ist nur noch ein kleiner. Umgekehrt, wenn wir uns dafür hassen, dass wir hassen, haben wir zwei Schritte weg von der Agape gemacht. Oft gibt sich daraus ein Teufelskreis und wir kennen es alle von uns oder andern, wie ungemütlich es sein kann, wenn jemand aus seinem Hass auf andere und sich selbst nicht mehr herausfindet, ständig das eine für die Anstachelung des anderen benützt ad infinitum.

Aus dem Gesagten ergibt sich leicht, dass der Agape entwickeln Wollende natürlich auch versucht, mit dem Sterben und dem Tod einverstanden zu sein. Hier entfernt er sich vielleicht am stärksten vom aktuellen Zeitparadigma, das verständlicherweise ohne metaphysische Wurzeln in einer rein materiellen Weltsicht sich ans Leben klammert, auch wenn es nur noch physisches Überleben, dementes Überdauern sein sollte.

Umgekehrt ergibt sich auch der Zusammenhang zum von mir in meinem Buch behaupteten Glück: Wer Agape zu entwickeln versucht, erlebt bei jedem Schritt der Integration von etwas Neuem zu dem, was er schon liebt und mit dem er bereits einverstanden ist, einen Glücksmoment. Eins sein mit jemandem oder mit etwas erleben wir in aller Regel als Glück. Wenn wir die Palette potenzieller Geliebter derart öffnen, dass letztlich alle und alles in Frage kommen, ist auch das Glück ein unbeschränktes. Verglichen mit dem libidinös Getriebenen, der ständig auf der Jagd ist nach Entitäten, die seinen Treib befriedigen können, verglichen mit dem Erotiker, der auf erlesene sinnliche Genüsse aus ist, mit der Befriedigung immer heikler wird, immer mehr Kitzel braucht, um überhaupt noch erotisch angeregt zu werden, und schliesslich verglichen mit dem auf freundschaftliche Zuwendung zielenden, der ständig selektionieren muss, wer denn wann warum und wie lange, wie intensiv seiner Freundschaft, seiner Zuwendung würdig sei verglichen mit all den andern scheint mir der auf Agape zielende letztlich doch der Glücklichste zu sein. Vor allem endet das Glück bei ihm nicht mit dem Tod. Im Gegenteil: die völlige Auflösung des Egos, die Vereinigung mit allem, was ist, ist die grösste Glücks-Chance überhaupt. In östlichen Lehren ist es nicht zwingend, dass er es mit dem Tod schafft. Wer sich im Leben zu wenig auf dieses Vereinigungserlebnis vorbereitet hat, wer noch Ego-Profil in den Tod mitnimmt, kommt wieder, kriegt weitere Chancen als inkarniertes Wesen sich diesem grossen Ziel anzunähern. Wie auch immer, mir scheinen beide Möglichkeiten durchaus glücksverheissend. Und Ihnen?

Ich will Ihnen nichts vorgaukeln, den dicken Schluss schleckt keine noch so glückliche Geiss weg: Wer sich auf den Agape-Weg macht und die Schöpfung, die Subjekt-Objekt-Spaltung mit einer entschöpfenden Geste rückgängig machen will, alle Objekte integriert, verliert auch das, was ihm am liebsten war und zu dessen Erhöhung, Vervollkommnung er doch all die Anstrengung auf sich nimmt. Denn das, was nach 'Auffressung' aller Objekte noch übrig bleiben sollte auf unserem Spielplatz, das unendlich fette Ego, das Subjekt, das die ganze heroische Leistung vollbracht hat, bleibt nicht etwa als Superguru, Avatar, Meister oder sonstwas Tolles übrig, es entschwindet auch als letzter Schöpfungsparameter. Oder diese Vorstellung ist doch irgendwie netter es wird zum Alleins, zum göttlichen Selbst, es umfasst alles. Aber mit Profil und Name und Bild ist dann nix mehr. Kein Grabstein mit Zahlen, keine Gedenkschrift mit Foto und auch die Bezeichnungen Gott, Selbst, Alleins sind Leerformeln. Wir sind beim buddhistischen Nirwana angelangt. Aber eben nicht mehr 'wir'.

Die Antwort auf die Titelfrage ist also lakonisch und doch doppelbödig, nämlich entweder: Ja, Liebe ist 'Sünde', solange sie sondert anstatt vereinigt, oder anders rum: Nein, Liebe, die sondert, ist gar keine, auf Vereinigung zielende Liebe kann also auch keine 'Sünde' sein.

Na dann lieben Sie mal fröhlich drauf los und vergessen Sie nicht, nach all dieser Denkakrobatik das Denken zu vergessen bzw. aufzugeben. Falls es Ihnen gelingt, auch gleich die körperliche, emotionale und geistige Sonderung aufzugeben, liebt es sich aufgezeichnet und sozusagen mutationsfrei.