Denk-Aufgabe 605 vom 12. Mai 2006:

 

Weiter Denken

"Wer über das Denken nachdenkt, denkt immer im Fliegenglas"
Ursula Pia Jauch

 

Wenn wir den Begriff 'Denken' weiter fassen, weiter denken wollen, also dem 'weiter' eine primär räumliche Vorstellung unterlegen, den Begriffsumfang von 'Denken' erweitern wollen und erst in zweiter Linie zeitlich 'weiterdenken' im Sinne von kontinuierlich auf der Zeitachse nicht ablassen, zu denken (thinking further on), dann geraten wir in das Problem der Zirkularität, am besten bekannt aus der Kunst des Definierens, wenn wir beim Versuch, einen Begriff abzugrenzen, diesen selbst zur Grenzbildung benutzen; bildlich ist die Zirkularität vielleicht am einprägsamsten gefasst im Ouroboros, der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst.


1. Zirkularität – 'im Kreis herum denken'

Die Erkenntnisphilosophie und die Psychologie kennen das Problem der Zirkularität bestens von der Schwierigkeit, die sich ergibt, wenn wir mit dem eigenen Bewusstsein das eigene Bewusstsein untersuchen wollen – mit ein Grund, warum die naturwissenschaftliche Schwesterdisziplin, die Neurophysiologie, den Begriff 'Bewusstsein' mehr oder weniger ersatzlos aus dem Vokabular gestrichen hat, eine denkbar einfache totalitäre Methode, die an den chirurgischen Grundsatz erinnert: "If you doubt, take it out". Die moderne Psychologie, die sich gern empirisch-experimentell-pseudonaturwissenschaftlich gibt, ist auf denselben Zug aufgesprungen und hat den Begriff 'Seele', dem die Disziplin ja eigentlich den Namen verdankt, schlicht weggeputzt: Man spricht jetzt cool von mental-kognitiv-emotiven Kompetenzen oder ähnlich - und nicht mehr von so kitschigem Zeugs wie 'Seele', die sich der anständigen Quantifizierung ja doch ständig entzieht.

1.1. Gefangensein im selbst gezogenen Kreis
Wir kennen das Problem des Gefangenseins in einem Kreis aber auch aus dem Alltag. Immer wenn wir selbst das Gefühl haben, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, wenn wir fundamentalistisch etwas behaupten oder etwas tun in der Überzeugung, so und nur so sei es richtig, sind wir in einem solchen Zirkel gefangen. Wir sagen dann vielleicht zu unserer Entschuldigung, wir könnten nicht aus unserer Haut, meinen damit aber unsere geistigen und charakterlichen Grenzen, die es nicht zuliessen, anders zu denken oder zu handeln. Noch viel besser sehen wir es natürlich bei anderen Wesen, die uns diese selbstgebastelte Beschränktheit spiegeln: ein sturer Vater, der uns erziehen wollte nach Idealen des vorletzten Jahrhunderts, eine überbesorgte Mutter, die uns bei 30 Grad am Schatten noch in die langen Unterhosen stecken wollte, ein pingeliger Lehrer, der nach jedem Titel sagte "zwäi Hüüsli usslaa", ein Schulkamerad, der ständig zu Demos gegen irgendwas aufrief und so weiter. Jeder von uns kann bestimmt unzählige Beispiele aufzählen von Figuren aus seinem Leben, die er als in ihrer Wesensart gefangen, als im Kreis herumdenkend und –handelnd erlebte. Es geht irgendwie besser, andere zu durchschauen und zu kritisieren. Sich selbst erkennen und durchschauen ist natürlich aus demselben Grunde so schwierig wie mit dem Denken das Denken untersuchen: es fehlt die Distanz zwischen Untersuchendem und Untersuchtem. Wir müssen eine künstliche Distanz schaffen, indem wir z.B. in ein Selbstgespräch treten oder unsere Vergangenheit aufrollen aus einer Gegenwartsposition heraus, wie wenn es sich um die Vergangenheit eines Fremden handeln würde. Wer schon mal für eine Bewerbung sein 'curriculum vitae', seinen Lebenslauf schriftlich festhalten musste, weiss vielleicht, wie sich dies anfühlt, wenn man versucht, über sich zu schreiben, distanziert und ohne das Personalpronomen 'Ich' zu verwenden.

1.2. Grundstruktur des Gefangenseins: Axiom und Modell
Wenn wir verschiedenste Beispiele dieses Gefangenseins in einem Zirkel, dieses 'Im-Kreis-Herumdenkens-und-handelns' untersuchen, stossen wir immer wieder auf eine sehr ähnliche Grundstruktur: Der Gefangene lebt in einem Vorstellungs-Modell, das auf Grundannahmen beruht, sogenannten Axiomen, die er nicht hinterfragt, sondern für 'gegeben' annimmt. Ganz am Anfang, als er sich in das Modell hineinbegab, erkannte er vielleicht für einen lichten Augenblick, dass es sich um Annahmen, um Vorurteile im Sinne von vorläufigen Urteilen aufgrund des damaligen Erkenntnisstandes handelte, aber mit dem Einleben und sich Gewöhnen ans Modell, mit der praktischen Anwendung und dem Erleben der Funktionalität des Modells schwindet in der Regel diese Ahnung von der Gemachtheit, dem Thesen-Charakter der Axiome, vom Modellcharakter der Vorstellungswelt – und je länger jemand in einer solchen individuellen, eigenen Vorstellungswelt lebt, desto stärker werden die Konturen, desto absoluter der Gültigkeitsanspruch und irgendwann kippt das Wissen um die Relativität der Gültigkeit der zugrunde liegenden Axiome ganz ins Verdrängte, aus der individuellen Vorstellungswelt wird die objektive, die 'richtige' Tatsachenwelt mit absolutem Wahrheits- und Gültigkeitsanspruch. Noch schneller läuft dieser Prozess des sich Verfangens in einer zirkulären Modellwelt dann ab, wenn wir die Relativität der Axiome auch am Anfang, beim Einstieg in die Modellwelt, nicht erkennen, nicht einmal ahnen, sondern das fixfertige Modell kritiklos übernehmen, sei es, dass wir den Personen oder Institutionen, die uns das Modell 'verkaufen', blindlings vertrauen, sei es, dass wir mit viel zu viel anderem beschäftigt sind, keine Zeit, keine Lust, keine Energie haben, um ständig alles zu hinterfragen, was wir doch einfach als 'Tatsachen' serviert bekommen. Erst wenn unser blindes Vertrauen in nahestehende Personen und die von ihnen vermittelten 'absoluten Wahrheiten' z.B. in der Pubertät, weiteren Emanzipationsvorgängen oder tiefgreifenden persönlichen Erlebnissen erschüttert wird oder wenn wir uns vielleicht mit Wissenschaftsgeschichte befassen, kann ein Bewusstsein wachsen für die 'Wackeligkeit', die Falsifizierbarkeit, die Relativität all dessen, was uns seit über zweitausend Jahren immer wieder neu und immer wieder anders als 'absolute Wahrheit' verkauft wird. Wer dann den Schritt wagt, auch die bislang für unerschütterlich gehaltenen und 'selbst herausgefundenen' 'objektiven Tatsachen', 'absoluten Wahrheiten' zu durchleuchten und zu hinterfragen, der kann zuerst in ein gewaltiges Loch stürzen, jegliche Orientierung verlieren, in Panik ausbrechen – völlig verständlich, wenn fest geglaubte Mauern bröckeln und zusammenzustürzen drohen, wenn all das, woran man sich halten, aufrichten zu können glaubte, sich als relativ, als veränderbar, als nicht für alle Zeiten und alle Wesen gültig erweist. Wenn der aus dem Gefängnis Ausgebrochene aber durchhält, winkt ihm eine herrliche Freiheit und Gelassenheit. Denn auch ein auf relativen, subjektiven, selbst gemachten Grundmauern stehendes Gebäude lässt sich bestens bewohnen.

1.3. Spielerische Relativität
Wir kennen das alle vom Spiel. Fast alle wissen auch während des Spiels, dass sie 'nur' spielen, dass die Beschränkung auf schwarz und weiss beim Schachspiel keine absolute ist, kein Axiom, das überall, in allen Welten gilt, sondern nur eine Spielregel, die jenseits des Brettrandes, wo wir unzählige Farbabstufungen sehen, ihre Bedeutung verliert. Keiner, der 'Eile mit Weile' spielt mit seinen Kindern, käme auf die Idee, am nächsten Morgen vor dem Verlassen des Hauses zuerst verzweifelt eine Fünf zu würfeln. Und trotzdem: innerhalb des Spiels, während der Dauer des Aufenthalts in der Spielwelt sind die Regeln strikt und gültig. Wenn einer mit farbigen Spielsteinen daherkommt und beim Schach mitspielen will, so weisen wir ihn ab, genau so wie auch keiner aus dem 'Haus' darf beim 'Eile mit Weile', auch nicht nach unzähligen vergeblichen Versuchen, der nicht eine Fünf würfelt. Diese Beispiele zeigen, wie leicht wir uns eigentlich tun beim Hüpfen von Modellwelt zu Modellwelt. Die meisten von uns haben auch schon selbst Spiele erfunden – und damit Modellwelten geschaffen. Nun brauchen wir diese Einsichten bloss von der Welt des Spiels in unseren Alltag zu übertragen, und schon verliert die Gefangenschaft in zirkulären Welten ihren Schrecken. Wer eine Hausordnung erlässt, wer in einem Unternehmen Regeln schafft, wer als Rechtswissenschafter, Politiker oder Bürger an einer Rechtsordnung mitgestaltet, kann sich doch immer bewusst sein, dass er an einer Modellwelt herumbastelt, die eine beschränkte Gültigkeit hat, die jederzeit änderbar ist, die auf Axiomen beruht, wie sie bei uns zum Beispiel in der Verfassung niedergelegt sind: "Jeder Schweizer ist vor dem Gesetze gleich" wäre eine solche Grundthese, die uns heute selbstverständlich erscheint, die es aber bei der Schaffung der Verfassung keineswegs war. Nun ist auch diese Grundthese eine Annahme und nicht eine objektive Tatsache oder eine absolute Wahrheit. Und sie ist änderbar. Wir könnten doch heute angesichts des hohen Anteils an Nicht-Schweizern, die in unserem Land leben, auch statuieren: "Jeder Einwohner..." oder wenn wir an die vielen Touristen denken, die ja auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten können "Jeder Mensch..." oder, was mir als Tierfreund natürlich die sympathischste Formulierung wäre "Jedes Wesen..." (Jaja, das hätte dann gröbere Auswirkungen auf die Landwirtschaft, wenn die zur Zeit nur den Menschen zustehenden Menschenrechte Wesens-Rechte würden, die auch von Kühen, Hühnern und Schweinen eingefordert werden könnten, aber davon ein andermal.)

Mit dieser Modell-Hüpferei haben wir aber erst einen Teil des Zirkel-Problems gelöst: Wir sind nicht mehr Gefangene in einem einzigen Modell, sondern können uns zwischen den Modellen verschieben. Aber solange wir die innere Gelassenheit und Distanz zu unserem Tun nicht haben, kann diese Hüpferei auch eine von Gefängnis zu Gefängnis sein. Sie kennen alle die fanatischen Spieler, die sich während des Spiels völlig vergessen, die nicht verlieren können, die das Spiel mit der 'Welt' verwechseln, die Spielregeln verabsolutieren und das Spielgeschehen so todernst nehmen, dass sie zu Mord und Selbstmord fähig sind. Solche 'Spieler' sind keine Spieler mehr, sondern Gefangene, die zwar durchaus Bewegungsfreiheit haben, vielleicht nette Menschen sind am Arbeitsplatz oder im Kollegenkreis, aber sobald das Spiel beginnt, werden sie zu Fundis. Das gibt's in jeder Alterskategorie und in jeder Sportart, ja es gibt sogar Nichtspieler, Zuschauer, die zu absolutistischen Bestien mutieren, weil sie eine spielerische Annahme wie 'FC Niederscherli ist der BESTE' nicht mehr als selbst erfundenes Axiom ihres Modells, sondern als absolute und für alle gültige Tatsache anschauen, was sie dann selbstredend berechtigt, alle die zu verdreschen oder gar umzulegen, die es wagen, die Gültigkeit ihres Axioms nicht nur nicht anzuerkennen, sondern sogar ein dazu in grauslichem Widerspruch stehendes auf ihre Fahne zu schreiben, nämlich 'FC Oberscherli ist der BESTE'. Dasselbe Psychogramm finden wir bei netten Familienpapis, die im Geschäft zu Killern mutieren, von der Gier getrieben, die Konkurrenz vom Markt zu fegen, die absolute Marktherrschaft anstreben, immer hart an der Grenze der Legalität und weit jenseits jeglicher Mitmenschlichkeit – Gefangene ihres Modells mit den simplen Axiomen des Kapitalismus – und zuhause steigen sie aus der Rüstung des Globalisierungskriegers und sind einfühlsame Ehemännlein, spielen spielerisch mit den Kinderleins...

Kurz: Das Bewusstsein, dass es verschiedene Modellwelten gibt, die man betreten, und wieder verlassen kann, genügt noch nicht, um der Gefangenschaft innerhalb der einzelnen Modellwelt zu entrinnen. Was die Gefangenschaft prägt, ist die mangelnde Distanz. Der Gefangene vergisst während des Aufenthalts in der Modellwelt, dass es nur eine Spielwelt ist, nur ein Modell, das auf Axiomen ruht, er hat keine Distanz zu sich selbst, zu seiner Rolle, und damit sind wir bei einer grundlegenden Problematik der Erkenntnis.

1.4. Distanz zwischen Erkennendem und Erkanntem
Der im Zirkel Gefangene verfügt nicht über den nötigen Abstand zu sich selbst, um sein Gefangensein zu erkennen, da er ja als Untersuchender identisch ist mit dem Untersuchten. Das gemeinsame Problem aller Zirkularität ist also, dass der Untersuchungsgegenstand mit dem Untersuchungsinstrument identisch ist – etwas schlechthin Undenkbares für einen Naturwissenschafter. Lachhaft, mit dem Thermometer das Thermometer zu untersuchen! Deshalb rennen die Geisteswissenschaften seit der Aufklärung so verzweifelt hinter den Naturwissenschaften her und versuchen, deren coole, so fein nach Objektivität, Distanz und Wertfreiheit riechenden Untersuchungsmethoden zu kopieren. Nur: Sie übersehen dabei, dass die Naturwissenschaft sich schlicht um die Grundfragen drückt. Der Naturwissenschafter nimmt sein Modellpaket zu den philosophischen Grundfragen, zum Qualitativen im Denken und Handeln samt Axiomen fixfertig als gegeben hin und bastelt auf diesem Boden die tollsten Modelle im quantifizierbaren Bereich. Dass er ja nicht nur mit seinen Messinstrumenten, sondern auch mit seinem mit Vorurteilen vollgepfropften Hirn arbeitet und dass er in diesem Hirn genau dieselben Probleme hat wie der Geisteswissenschafter, beschäftigt den Naturwissenschafter höchstens ganz am Rande, wenn z.B. einer wie Thomas Kuhn daher kommt und zeigt, wie wissenschaftliche Modelle dem Zeitparadigma unterliegen, und Zeitparadigma ist nur ein wohlklingendes Wort für die zu einer bestimmten Zeit gerade geltende Sammlung von Vorurteilen. So gesehen haben wir auch in der Naturwissenschaft natürlich Zirkularität am Laufmeter. Auch wenn sich der etwas Messende nicht bewusst ist, auf welchen Axiomen, Modellvorstellungen, Vorurteilen seine Messerei beruht, so schleckt doch keine Geiss weg, dass auch seine Tätigkeit auf hinterfragbaren und änderbaren Axiomen ruht. Wenn der legendäre US-Agronom mit den Prospekten für günstige Vierscharenpflüge am Rand des Ackers im Hochtibet steht, wo ein tiefreligiöser Bauer Mantram singend hinter dem Ochsen auf den Holzpflug drückt und ein heiliges Ritual ausführt – nämlich Mutter Erde aufreissen und sie befruchten und ihr danken dafür, dass er das tun darf, dass sie ihm und den Seinen Frucht bescheren wird, dann stossen zwei Welten aufeinander, zwei Modelle, die auf völlig verschiedenen Axiomen ruhen. Der US-Agronom hat wohl bis zu diesem Zeitpunkt noch nie hinterfragt, ob es in der Welt jemanden geben könne, der gar nicht schneller, effizienter, ökonomischer pflügen will – und der religiöse Bauer, dessen Axiom das Anstreben von Einklang und Harmonie mit Mutter Erde ist, kann sich kaum in das Geld- und Effizienz-geprägte Denken seines Gegenübers hineinbegeben. Oder wenn die besten Physiker der kriegführenden Parteien im zweiten Weltkrieg an der Atombombe herumbastelten, dann dachten sie wohl kaum intensiv über das zugrundeliegende Axiom 'Wissenschaft hat dem Kriegsgewinn zu dienen' und dessen ethisch-philosophische Dimension nach. Erst im Nachhinein erkannten sie, was sie angerichtet hatten und schoben selbstverständlich die Verantwortung den Politikern und den Geisteswissenschaftern zu. Etwas aktueller ist die ganze Gentechnologie-Debatte. Wenn sich Naturwissenschafter bloss als Techniker verstehen, die einfach immer das tun, was sie gerade tun können ohne über Verantwortung nachzudenken, dann ist es meines Erachtens höchste Zeit, das Primat innerhalb der Wissenschaften wieder umzudrehen, aufzuhören, als Geisteswissenschafter hinter den Naturwissenschaften her zu 'höselen' und den Führungsanspruch der Philosophie wieder so zu stellen, wie er in der Antike bestand, wo z.B. Physik und Biologie Unterdisziplinen der Philosophie waren. Aber dann brauchen wir auch eine andere Philosophie als die vor allem in Zürich dominante Sekte der logisch-analytischen Sprachspieler, die sich mit sich selbst amüsieren ohne den geringsten funktionalen Beitrag an die sie bezahlende Gesellschaft zu leisten. Dann brauchen wir eine Thinktank-Philosophie, die es wagt, funktionale Modelle auch ohne absoluten Gültigkeitsanspruch bereit zu stellen, Modelle, die einen Beitrag an die Lösung aktueller Probleme leisten.

 

2. Auswege aus dem Zirkel

Es fehlt also die erforderliche Distanz zwischen Erkennendem und Erkanntem – und das bei Geistes- und Naturwissenschaftern, da beide mit dem menschlichen Bewusstsein arbeiten – na ja, was sollen sie denn sonst zu Hilfe nehmen? Seit der Mensch seine Wahrnehmungen zu verarbeiten begonnen hat und das Resultat dieser Wahrnehmung 'Erkenntnis' nennt, gibt es Hilfsmittel, Instrumente dafür. Das, was gemeinhin heute unter 'Denken' verstanden wird, ist gerade mal eines dieser Hilfsmittel. Doch bleiben wir noch kurz beim Bewusstsein und der Wahrnehmung, um den Hilfsmitteln etwas auf die Schliche zu kommen, die wir im 'praktischen Alltag' benutzen – auch ganz ohne uns viel dabei zu denken. Wir nehmen nämlich nicht nur vieles wahr, ohne viel zu denken, sondern auch sehr oft, ohne unser Bewusstsein wirklich auf 'wach' geschaltet zu haben, ohne zu durchschauen, was wir gerade tun.

2.1. Künstliche Distanzschaffung mit dem Spiegel
Wenn wir zum Beispiel mit eigenen Augen die eigenen Augen untersuchen wollen, nehmen wir einen Spiegel zu Hilfe. Oder sonst etwas, das spiegelt. Es kann bekanntlich auch eine Wasseroberfläche sein – Narziss lässt grüssen. Wenn man jemanden anspricht bei diesem Vorgang – z.B. die Geliebteste beim Schminken – ob sie sich des Spiegelvorgangs bewusst sei, erntet man in der Regel ein Zischen oder ein mitleidiges Lächeln, je nach Temperament vielleicht auch ein Schminkutensil an den Kopf oder die besorgte Anfrage, ob man sich nicht mal für einen General-Check im Burghölzli melden wolle – alles Verhaltensweisen, die non- oder subverbal zum Ausdruck bringen, was uns als Mediamarkt-Werbung geläufig ist: "Ich bin doch nicht blöd". Das Durchschauen des mechanischen Spiegels funktioniert also bei den meisten Menschen unabhängig vom Mass wachen Bewusstseins. Die meisten erkennen auch Verzerrungen, Verfärbungen, Seitenverkehrung als vom Hilfsmittel herrührend, das gewisse Eigengesetzlichkeiten mit in den Wahrnehmungsvorgang einbringt, die wir bewusst korrigieren müssen – vorausgesetzt, wir haben Lust dazu, denn z.B. die sympathische Verzerrung der Wirklichkeit durch die dunkel getönten Spiegel in guten Hotels, die uns auch nach durchzechter Nacht leidlich gut aussehen lassen, wollen wir in der Regel nicht durchschauen oder gar korrigiert haben.

2.2. Der Spiegel 'Umwelt'
Nicht viel anders halten wir es mit den Spiegeln, die uns nicht unser Äusseres, sondern unser Inneres spiegeln. Wir schauen in den Spiegel 'Umwelt' und kennen natürlich all die psychologischen Theorien der Projektion. Im positiven Sinne gilt diese Spiegelei und Projiziererei selbstverständlich auch für uns. Wir projizieren alles Schöne und Gute in uns nach aussen, auf unsere Mitmenschen, auf alles, was uns umgibt – und siehe da, es strahlt zurück auf uns, unsere Schönheit, unser Gutsein spiegelt sich draussen und wir kucken mit Freuden in diesen Spiegel hinein, durchschauen ihn als Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis, wie dies Max Horkheimer bereits postulierte. Wir halten es im positiven Falle auch mit der simplen, linearen und einseitigen Verknüpfung der Kausalität: "WEIL ich ein so toller Hecht bin, ist auch meine Umwelt so schön, gut und toll." Stossen wir aber auf lauter Griesgrame oder gar aggressive Typen, so sind wir ebenso schnell bereit, Spiegel und Projektionsleinwände in den Estrich zu verbannen, die Kausalität von uns zu weisen: "Nein, mit diesen depressiven Deppen habe ich – hat mein Wesen, mein Sosein, mein Tun - nichts zu tun", oder sie wenigstens umzudrehen: "WEIL die Kerle alle so widerwärtig sind, verderben die mir die Stimmung, den Tag, das Leben."

Der Grad der Bewusstheit bezüglich Projektion in die Aussenwelt und Spiegelfunktion derselben ist also bei den meisten Menschen bereits deftig reduziert, wenn es um mehr als körperlich-äusserliche Wahrnehmungsinhalte geht. Für die seltenen Exemplare, die sich permanent der Spiegelfunktion des Aussens bewusst sind, die in einem Weltmodell leben, in dem alles Aussen Projektion des Innen ist und die deshalb auch die Verantwortung für diese als selbst projiziert, selbst konstruiert erkannte Welt und für alles, was in ihr existiert und agiert, übernehmen, wirkt das Verhalten der andern, die diese Spiegelfunktion der Welt nicht oder nur in Ausnahmefällen wahrnehmen, höchst belustigend. Das Draufhauen auf die Welt, das Bedürfnis, mit allen äusseren Mitteln das Aussen zu ändern, eine bessere Welt im Aussen mit aller Kraft herzustellen, ja, fast am lustigsten: mit Gewalt eine gewaltfreie Welt, mit kriegerischen Mitteln eine kriegfreie Welt hinzuKRIEGen, wirkt für ihn wie das Bild eines unrasierten übelgelaunten Typen, der frühmorgens im Bad einen unrasierten, übelgelaunten Typen antrifft und das macht, was ein übelgelaunter Typ normalerweise mit einem übelgelaunten Typ im eigenen Badezimmer eben so zu machen pflegt: Er haut ihm eins in die Fresse – und schreit dann nach der Frau, wenn er die blutende Faust aus dem Spiegelkasten zieht. – Achtung: ich behaupte nicht, derjenige, der die Verantwortung für seine ganze selbst projizierte Welt übernimmt, habe nun die absolute Wahrheit gepachtet. Ich behaupte nur, dass er sich zumindest die Faust etwas weniger oft blutig schlägt und dass dieses Modell mithin glücksrelevant sei – zumindest von einem gewissen Alter und Entwicklungsstand an. Denn für junge Prometheuse, aber auch für alternde Machos wie Berlusconi, Bush, Vasella, Ospel und wie sie alle heissen, ist das mit der blutigen Faust, mit der unendlichen und ebenso kindlich-pubertären Gier nach Macht, mit der Freude am Welt verändern im Aussen, am Wegfegen von politischen oder wirtschaftlichen Konkurrenten ein riesiger Spass, den wir ihnen doch eigentlich gönnen sollten. Wer aber einmal über diesen Punkt hinweg ist, den man bei den alten Griechen Katastrophe im Sinne von 'Umkehrpunkt' nannte und der Neulateinisch 'Midlife-Crisis' heisst, kann es ja mal versuchen mit dem Modell der Eigenverantwortung, das die ganze Macht der Weltveränderung nach innen verlegt: Man ändert sich, seine Wertungen, seine Ego-Grenzen – und siehe da, die Welt, die ja in diesem Weltbild nichts als Projektion des eigenen Wesens ist, spiegelt die im Innen vorgenommenen Änderungen. Sie wird – wenn wir denn werten wollen – im gleichen Masse und synchron 'besser', wie das Innen 'besser' wird. Eigentlich – das sei für Machtgierige bzw. Ängstliche (was eigentlich dasselbe ist) angemerkt – gibt diese Sicht der Dinge dem Individuum eine viel grössere, eine gigantische Macht: er/sie kann alles verändern. Nur – und das gefällt den Machtgierigen/Ängstlichen dann natürlich wieder bedeutend weniger – das Individuum im Sinne eines abgegrenzten Egos geht bei diesem Prozess sukzessive verloren, löst sich sogar ganz auf zu guter Letzt, doch davon ein andermal.

Das Gezeter über die Welt – so meine These – gilt eigentlich uns selbst; der linear nach aussen geführte Faustschlag ist eigentlich eine runde, eben zirkelartige Bewegung, die dem eigenen Konterfei gilt (Ouroboros grüsst). Wenn wir dieses Modell – Aussenwelt ist Spiegel der Innenwelt – weiterdenken, ergibt sich aber eine grausliche Einsicht: Die Distanz, die wir mit den Hilfsmitteln des mechanischen und des psychologischen Spiegels gewinnen wollten, schrumpft ja Richtung Null, wenn alles Aussen identisch ist mit dem Innen! Dann ist ja die rational-analytische Erkenntnis, die auf dem Grundsatz des Abstands zwischen Erkennendem und Erkanntem basiert, eine Illusion? Dann ist dieser Abstand, den wir zwischen uns und der Welt wahrzunehmen glauben, den wir ja auch quantifizieren können – zwischen mir und George Bush liegen doch Tausende von Kilometern! – nur ein eingebildeter, ein illusionärer Abstand. Grauenvolle Konsequenz des Gedankens, dass die Distanz zwischen Bush und mir gleich Null ist: ich bin identisch mit ihm. Bush ist nur eine Projektion meines Inneren. – Da verstehe ich nun jeden, der sich von diesem Modell schleunigst wieder verabschiedet, der es zumindest relativiert und vielleicht sagt: 'Naja, je nachdem wie ich Bush bewerte, sagt das etwas aus über meine Art und Weise der Projektion eigener Mängel und Probleme, aber identisch, nein, das lässt sich doch schon physikalisch und biologisch beweisen, ich bin eine andere physische Existenz mit anderem Genom in der Raumzeit, man kann uns als separate körperliche Erscheinungen mit unzähligen Messgeräten erfassen und unterscheiden'. – Das Stichwort Raumzeit erinnert aber unweigerlich an Einstein und dessen Relativierung von Raum und Zeit. Einstein sagt, dass die Welt, wie wir sie in Raum und Zeit wahrnehmen, nicht ohne ein wahrnehmendes Bewusstsein existiert. Wenn wir etwas messen und das Resultat dieser Messung mit unserem Bewusstsein wahrnehmen, so sagt dies – nach Einstein – mehr über das wahrnehmende Bewusstsein als über das gemessene Ding aus. Wir haben aber auch ohne Einstein schon erfahren, wie relativ unsere Wahrnehmung ist, haben vielleicht davon gehört, dass Schnecken eine andere Bildauflösung haben und schon 7 Bilder pro Sekunde als Bewegung, als 'Film' sehen, Fledermäuse über ein dem Radar vergleichbares Ortungssystem verfügen, Bienen Farben anders wahrnehmen, Hunde x-fach feinere Riechorgane haben und so weiter. Wir haben vielleicht auch darüber gelesen, dass für die einen Physiker das, was wir als festen Tisch vor uns zu haben wähnen, fast nur leerer Raum ist, in dem winzigste Materieteilchen so schnell rumsausen, dass sich für unser wahrnehmendes Bewusstsein die Illusion ergibt, es handle sich um einen festen Materieklumpen, und dass für andere Physiker, die sich mit dem Modell der Quantentheorie beschäftigen, der Grundbaustein des Universums gar nicht Materie, sondern Information ist. – Wir haben also allen Anlass, an unserem wahrnehmenden Bewusstsein und auch an allen Messresultaten, die es wahrnimmt, zu zweifeln – hélas, es ist auf nichts mehr Verlass!

Es steht also nicht besser, sondern deutlich schlimmer mit der Zirkularität des wahrnehmenden Bewusstseins, das das wahrnehmende Bewusstsein untersucht. Von Abstand keine Spur – ausser wir verlassen dieses ungemütliche Modell, das aber bereits mehr als der Spleen eines Einzelnen zu sein scheint. Wir könnten doch spielerisch weitermachen und – cool wie wir sind – einfach eine gesunde Portion Selbst-Skepsis mit auf den Weg nehmen, wenn wir nun endlich beginnen, über das Denken nachzudenken.


3. Über das Denken nachdenken

Wir können versuchen, mit den gewohnten Denkmustern dem Gegenstand 'Denken' zuleibe zu rücken und dabei einfach stets im Auge behalten, dass es ziemlich zwingend Lücken ergibt, blinde Flecke, die wir nicht erkennen, die uns durch die Latten gehen bei der zirkulären Arbeitsweise. Wir müssen versuchen, den Mängeln des eigenen Instruments auf die Schliche zu kommen. Was tut einer, der in einer riesigen Halle mit Hunderten von Arbeitern mit einem Schraubenzieher einen Nagel einzuschlagen versucht? Wenn er nicht völlig beknackt ist, kuckt er rum, ob da vielleicht irgendein anderer ein geeigneteres Werkzeug in den Fingern habe. Genau das können wir auch versuchen: Rumkucken, ob irgendwo im von uns wahrnehmbaren Bereich andere Werkzeuge als das Denken auszumachen seien, die sich für die Aufgabe eignen, das Denken zu untersuchen, zu erfassen, zu begreifen, zu verstehen. Wir kommen nicht darum herum, vorerst abzuklären, was wir überhaupt meinen, wenn wir den Begriff 'Denken' verwenden. Wir können es zuerst im Vergleich mit anderen Sprachen versuchen. So ist das deutsche 'Denken' enger im Begriffsumfang, belegt ein kleineres Wortfeld als das englische 'Thinking'. Der Englisch-Sprachige kann gut sagen "I think I'am hungry" – wogegen der deutsche Satz "Ich denke, ich bin hungrig" reichlich blöd bzw. wie ein Anglizismus klingt. Im Englischen ist es offenbar möglich, ein Gefühl, eine Empfindung zu 'denken' (bzw. korrekterweise 'to think'). Im deutschen Sprachgebrauch hingegen meint 'Denken' in der Regel einen rational-analytischen Prozess, der neurophysiologisch beim Menschen mehr oder weniger klar in bestimmten Hirnarealen verortet werden kann. Wichtigstes Element dieses Prozesses ist das Differenzierungsvermögen, also die Fähigkeit, Einzelheiten im Wahrnehmungsfeld zu unterscheiden und die erkannten Unterschiede bzw. Einzelheiten wieder komplexeren Gesamtheiten zuzuordnen und - wenn für nötig erachtet - in Handlungsreize umzusetzen.

Wir können aber auch unsere eigene Verwendungsweise des Terms 'Denken' zu analysieren versuchen, indem wir schauen, wann wir jemandem das Prädikat 'denken' zusprechen. Wann sagen wir: "Die kann denken"? – Doch dann, wenn die gemeinte Entität uns eine Handlung – das kann selbstverständlich auch ein Sprechakt bzw. eine schriftliche Sprachhandlung sein – plausibel machen, begründen kann bzw. wenn sie eine Handlung oder einen Sprach-Akt plausibel falsifizieren kann (Popper lässt grüssen). Doch schon tut sich der nächste Graben auf: Was heisst plausibel? Nach welchen Kriterien bemisst sich Plausibilität? Und muss sich diese Begründerei zwingend der Sprache bedienen – unserer Sprache? Oder reicht auch so etwas wie demonstratives oder konkludentes, also 'schlüssiges' Verhalten, um etwas 'plausibel' erscheinen zu lassen?

3.1. Denkende Fisch-Mutti und cleveres Kätzchen
Was sagen wir von einer Fisch-Mama, die – ein eigenes Junges im Maul, das abgehauen ist und das sie gerade wieder an seinen angestammten Platz zurück bringen will – eine fette Beute vor die Nase kriegt, einen Augenblick innehält, dann das Junge kurz aus dem Maul entlässt, die Beute packt, verschluckt, dann das nur wenige Zentimeter davon geschwommene Junge wieder sorgfältig ins Maul nimmt und das tut, was sie von Anfang an tun wollte: das Junge zu den andern zurück bringen. (Die Szene ist filmisch festgehalten und keineswegs erfunden). Kann die denken? Ist hier nicht durch schlüssiges Verhalten ersichtlich, dass hier die spontane Verarbeitung einer Wahrnehmung einen Handlungsanreiz auslöste – und dass diese Handlung 'durchdacht', 'klug' war und zum Erfolg führte? Was ist mit der Katze, die in einem Raum eingeschlossen ist, in welchem ein Stück Fleisch an einem Faden aufgehängt ist, genau so hoch, dass sie es unmöglich durch Hochspringen erreichen kann. Im selben Raum ist auch ein leichter Schemel, so leicht, dass ihn die Katze mit ihren Pfoten bewegen kann, der aber selbstverständlich nicht unter dem Fleisch positioniert ist. Nun, die Katze springt einmal hoch, blickt sich um, sieht den Schemel, bugsiert ihn unter das Fleisch, springt auf den Schemel und holt sich den Leckerbissen. Wieder die Frage: ist das nun 'gedacht' und schlüssig gehandelt? Die Philosophie ist auf einem hanebüchen dümmlichen Niveau, was das Thema 'Geist der Tiere' betrifft, deshalb helfen Verweise hier wenig. Es ist das alte Lied: ein Bäcker schätzt es nicht, wenn Leute, die keine Lehre gemacht haben, zu Hause gutes Brot backen. Genau so wenig schätzen es die Philosophen, wenn andere Wesen – ja gar Tiere – sich erfrechen, das zu können, was sie als ihre Haus-Kompetenz anschauen. Ihre Selbstachtung, ihr Image würde in den Keller sacken. Und wie die Philosophen denken (!) auch die meisten Menschen: Das fehlte noch, dass man uns die einzige Fähigkeit streitig machen will, die wir für die Unterscheidung vom Rest der Schöpfung dringend brauchen. – Die ketzerische Frage dazu lautet: Ist denn dieser Ausdruck von Angst, dieses verzweifelte Festklammern am Alleinanspruch auf die Fähigkeit zu denken – ist DAS denn denken? Ich wage zu behaupten, dass gerade hier das Denken beim Menschen aussetzt und komme damit auf eine meines Erachtens brauchbare differentia specifica des Denkens gegenüber anderen Arten des Verarbeitens von Wahrnehmungen: Denken ist unvoreingenommenes, nicht von Angst geleitetes Verarbeiten von Wahrnehmungen.

3.2. Denken als angstfreies Verarbeiten von Wahrnehmungen
Ich will nicht behaupten, diese vorläufige Definition – 'Denken ist angstfreies Verarbeiten von Wahrnehmungen' – entspreche dem allgemeinen Sprachgebrauch. Wenn es im Krimi heisst "Er dachte fieberhaft nach, wie er sich aus dieser bedrohlichen Situation retten könne", so wird hier eine durchaus mit Angst belastete Tätigkeit als 'denken' bezeichnet. Dagegen lässt sich einwenden, dass zwar in der Situation vielleicht Angst mitspielt, dass aber das, was der Betroffene hier tut, nämlich nachdenken, in einem Gegensatz zu dieser Angst steht, dass er trotz Angst denken kann, ja dass er gerade weil er für den Vorgang des Denkens die Angst kurzfristig wegschieben oder verdrängen kann, überhaupt denkfähig bleibt und zu einem Resultat kommen kann. Einfacher gesagt: Angst behindert das Denken, je mehr Angst, desto weniger ist Denken möglich. Ich behaupte ja nicht, Angst und Denken könnten nicht im selben Wesen in derselben Situation gleichzeitig auftreten, aber ich behaupte, dass sich die beiden Elemente unterscheiden lassen, sowohl im Bewusstsein dessen, der denkt und von Angst geplagt ist, als auch in seinen Handlungen. Wenn wir jemandem Mut zusprechen, so belobigen wir ihn doch regelmässig dafür, dass er trotz Grund zu Angst etwas Kluges tat. Beruht diese kluge Handlung nicht auf Nachdenken, sondern auf einem Reflex, so sagen wir eher: "Sie handelte instinktiv richtig". Tut jemand in einer Situation, in der er Grund zu Angst hätte, etwas, das ihn zwar als über der Angst stehend ausweist, das aber offensichtlich nicht auf Nachdenken beruht, nicht 'klug' erscheint, so sprechen wir von Tollkühnheit oder Verrücktheit. Ich bezeichne also den Teil einer Wahrnehmungsverarbeitung als 'Denken', der nicht unter dem Diktat der Angst steht. Ich bin mir bewusst, dass sich die Bereiche 'angstfreie' und 'angstbesetzte' Verarbeitung von Wahrnehmungen im konkreten Fall nicht sauber auseinanderhalten lassen, dass unser Denken also immer wieder von mehr oder weniger ausgeprägten Angsteinflüssen angeknabbert, überlappt, beeinflusst, eingeengt wird, aber ich halte die Unterscheidung trotzdem für tauglich.

3.3. 'Angstwerten' und Denken
Wenn wir unser eigenes Denken unter dem Aspekt der 'Angstbesetztheit' prüfen, entdecken wir immer wieder neue Verpackungen von Angst. Es muss sich in keiner Weise immer um eine Emotion handeln, die sich körperlich in Schweissausbrüchen oder erhöhtem Puls zeigt. Angst kommt auch in nüchtern vorgetragenen Wertungen daher. Wenn ein General von Gefahren spricht, die er mit seinen Armeen bekämpfen will, wenn ein Staatschef den weltweiten Terrorismus bekämpfen will, ein Unternehmens-Chef Massnahmen trifft, um nicht von einem Konkurrenten geschluckt zu werden, dann wird der Begriff 'Angst' in der Kommunikation tunlichst vermieden, obwohl sie ganz zentrales Instrument der jeweiligen Aktionen ist. Dabei ist es weniger wichtig, ob und wie weit der Agierende selbst angstbesetzt ist, als dass es ihm gelingt, bei seinem Zielpublikum Ängste zu schüren und handlungsbestimmend zu machen. Gelingt es ihm sogar, seine Wertungen wissenschaftlich zu untermauern, ihnen den Glanz 'objektiver Tatsachen' oder gar den Hauch absoluter Wahrheiten zu verleihen, so ist der Erfolg seiner Angst-Strategie programmiert. Hier geht es mir nur darum, auch all dies unter Angsteinfluss stehende Denken und Handeln – sowohl das des Agierenden wie dasjenige des Zielpublikums – fein säuberlich vom Bereich des Denkens zu trennen. Weiter ging es mir darum, die Begriffe 'Angst' und 'Wertung' miteinander zu verbinden: je einseitiger, kompromissloser, leidenschaftlicher wir werten, desto mehr Angst ist im Spiel – und desto weiter sind wir vom Denken entfernt. Umgekehrt: je gelassener wir bei der Verarbeitung von Wahrnehmungen unterscheiden, ohne das Unterschiedene gleich mit Wertungen zu versehen, desto angstfreier ist der Prozess – und desto mehr hat der Prozess mit Denken zu tun.

Wenn wir eine Zwischenbilanz ziehen, haben wir damit den Denk-Begriff gegenüber dem alltäglichen Sprachgebrauch aber eher eingeschränkt als – wie im Titel grossspurig versprochen – erweitert. Denn im Alltag sind die meisten Menschen ständig von Ängsten und Wertungen gesteuert, wollen das unbedingt, jenes auf keinen Fall, halten das eine für das einzig Richtige, das andere für das völlig Falsche. Alle Prozesse, die zu Sprach-Akten oder Handlungen führen, die wertungsintensiv und damit angstbesetzt sind, also das, was ich bisher unter dem wenig praktikablen Begriff 'angstbesetzte Verarbeitung von Wahrnehmungen' in die Debatte einführte und der 'angstfreien Verarbeitung von Wahrnehmungen', dem Denken gegenüberstellte, könnten wir der Einfachheit halber mit der Wortschöpfung 'Angstwerten' bezeichnen. Wir hätten also in meinem Modell unter dem Oberbegriff 'Systeme der Verarbeitung von Wahrnehmungen' die beiden Unterbegriffe 'Angstwerten' und 'Denken'. 'Angstwerten' wäre demzufolge angstgesteuertes, nach Kontrolle und Macht über die Wertsysteme der andern – und damit auch über deren Verarbeitung von Wahrnehmungen – gierendes, nicht gelassenes Verarbeiten von Wahrnehmungen.

3.4. Denkende Tiere
Wenn wir mit diesem Unterscheidungsinstrumentarium in die Tierwelt zurückgehen, finden wir ebenfalls beide Systeme der Verarbeitung von Wahrnehmungen. Es gibt unzählige Situationen, in denen Tiere 'Angstwerten' und andere, in denen sie 'Denken', d.h. ihre Wahrnehmungen offensichtlich gelassen und angstfrei verarbeiten. Das von Menschen gerne plakativ für alles Tierverhalten gebrauchte Etikett 'Instinkt' taugt nicht für unser Modell. Damit entfällt aber auch der seit über zweitausend Jahren sorgsam gehegte Unterschied zwischen Mensch und Tier. 'Instinkt' war ein so praktisches Sammelgefäss für all das, was sich bei meiner Betrachtungsweise als tierisches Denken, als Vernunft, als Ratio, als Klugheit, als 'sapientia' erweist. Umgekehrt saust ein gewaltiger Teil menschlicher Wahrnehmungs-verarbeitung aus der vermeintlichen 'Höhe' des Denkens, des 'vernunftbegabten Wesens' jählings lochab in die zu wenig Prahlerei Anlass gebenden Tiefen des 'Angstwertens'. Das tut vielen eitlen und vor allem ängstlichen Menschen natürlich weh, wenn sie da vom Altar des einzig denkfähigen Wesens herunter geschubst werden. Wo man sich doch so gerne als 'Krone der Schöpfung' sähe und den Begriff 'Instinkt' überheblich für alles reserviert hat, was die schmutzigen, dummen Tiere tun. Dieser Sturz hätte natürlich unangenehme Folgen, denn als Legitimation für die Unterdrückung der Tiere, ja der ganzen Natur hätten wir dann nur noch die faulen Sprüche aus der Bibel, was einer sich so schrecklich aufgeklärt wähnenden zeitgenössischen Menschheit etwas schlecht anstünde. Dann stellte sich plötzlich die Frage nach der Legitimation unseres Handelns, wenn sich die tausendfach beschworene 'Vernunft' gar nicht mehr als so einzigartig erweist und uns nicht mehr selbstredend zu 'Herren der Schöpfung' macht. Sind wir vielleicht aus dem simplen Grund am Drücker der Macht, weil wir zur Zeit gerade die Stärksten sind? Wir machen uns vielleicht alles untertan, nicht weil wir es dürfen, sondern schlicht, weil wir es können? Der ganze hochgejubelte Fortschritt der letzten zweitausend Jahre wäre dann gar keiner, zumindest keiner, den wir als Kultur zu bezeichnen Grund hätten, sondern nur eine Perpetuierung des schon immer gültigen Siegs des Brutaleren, des Gewalttätigeren, des besser Bewaffneten, der zum primitivsten Rechtsmodell führt, das je in einem Kollektiv galt: dem Recht des Stärkeren. Vielleicht basiert ja die Macht, die wir über die Tiere haben, nur auf purer Gewalt, genau so wie die Macht, die wir früher über Sklaven, die der Tyrann über seine Untertanen, ja gewisse Unternehmer über ihre Angestellten haben. Nicht auf der Gabe des 'Denkens', der 'sapientia', die wir nach wie vor als epitheton ornans in unserer Gattungsbezeichnung 'homo sapiens' führen.

Gehen wir als Arbeitshypothese einmal davon aus, dass Tiere über vergleichbare Instrumente zur Verarbeitung von Wahrnehmungen verfügen wie wir und schauen wir etwas genauer hin, ob sich noch feinere Differenzierungen machen lassen zwischen den beiden Werkzeugen – nebenbei gesagt: wir sind immer noch mit dem rational-analytischen Werkzeug am Untersuchen der Denk-Werkzeuge und dürfen nicht vergessen, irgendwann noch die Palette der Untersuchungswerkzeuge und –methoden zu erweitern, wenn wir die Titel-Forderung 'Weiter Denken' befriedigen wollen.

3.5. Angstwerten: Konnex zwischen Angst und Wertung
Ich möchte dem Zusammenhang zwischen Denken auf der einen Seite, Angst und Wertung auf der andern Seite noch mit den Mitteln moderner Logik zu Leib rücken. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Werkzeugen zur Verarbeitung von Wahrnehmungen, also 'Angstwerten' und 'Denken' hat mit der Angst zu tun – so meine oben ausgeführte These. Überall, wo Angst im Spiel ist, ist auch Wertung im Spiel. Wer Angst hat, wertet das Angst-Auslösende negativ, dessen Absenz bzw. Entfernung als positiv. Ich gehe noch einen Schritt weiter und verbinde Angst und Wertung beidseitig. Also nicht nur 'immer wenn Angst, dann Wertung' (Angst --> Wertung), sondern auch 'immer wenn Wertung, dann Angst' (Wertung --> Angst), logisch formalisiert als Bikonditional: Wertung <--> Angst. Das ist auch wieder ein dicker Happen für Menschen, die sich so unheimlich viel einbilden auf ihre Wertsysteme, die diese geradezu als Zeichen für Zivilisiertheit, Kultur hochjubeln. Nun: Angst ist auch ein Zeichen für Zivilisiertheit, oder nicht? Der moderne Stadtmensch unterscheidet sich doch vom Höhlenbewohner vor allem dadurch, dass er vor tausend Dingen Angst hat, vor denen der Höhlenbewohner keine hatte, sei es, dass er sie besser kannte wie z.B. die Tiere, Pflanzen, die Natur, das Wetter, sei es, dass er sie eben gerade nicht kannte wie Stinkluft, verseuchte Böden, Radioaktivität, Massenvernichtungswaffen etc. Das naiv-herzige Ziel der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, den Menschen durch Entzauberung der Welt, durch Überwindung des Mythos und der Spiritualität und Ersatz all dessen durch Vernunft, durch naturwissenschaftliches Wissen die Angst nehmen zu können, wurde ja nicht nur nicht erreicht, sondern der Schuss ging ganz gehörig hinten raus. Wahrscheinlich gab es nie so viele ängstliche Menschen wie heute in der so genannt 'aufgeklärten' westlichen Welt. Seit über hundert Jahren produziert die Philosophie und auch die 'ernste' Kunst fast nur noch Angst-Produkte, pessimistische bis apokalyptische Darstellungen in Bild, Wort und Ton. Und es wird dabei gewertet auf Teufel komm raus. Fast jeder weiss, was alles falsch läuft auf der Welt, vom Stammtisch bis nach Oxford, von der Anti-Bush-Demo bis zur weltweiten Terror-Bekämpfung.

Tja, und jetzt kommt da einer und behauptet, dass alle Verarbeitung von Wahrnehmungen, die von Angst gezeichnet sei, sich nicht mit dem prahlerischen Begriff 'Denken' schmücken dürfe, dass der für gelassenes und das heisst 'nicht wertendes' Verarbeiten von Wahrnehmungen reserviert werden sollte. Aber aufgepasst: Wenn Denken ein nicht wertender Prozess ist, dann darf unser Nachdenken über das Denken ja auch nicht werten, d.h. wir sollten ganz gelassen 'Angstwerten' und 'Denken' nebeneinander stellen, nicht das eine verdammen und das andere hochjubeln. Ganz gelassen beobachten – auch und vor allem uns selbst – wann wir das eine, wann wir das andere Instrument benutzen.

Meist wählen wir intuitiv richtig – wenn nicht, merken wir es früher oder später, weil wir zu keinen funktionalen bzw. effizienten Resultaten kommen. Dann wäre es angezeigt, das Instrument zu wechseln und den Nagel versuchsweise mit dem Hammer einzuschlagen statt mit dem Schraubenzieher. Nun, das Stichwort 'intuitiv' ist gefallen. Könnte Intuition ein Instrument sein, das ausserhalb der Zweiteilung 'angstbesetzt' und 'angstfrei' funktioniert und die reduktionistische Simplizität, die jeder Zweiteilung anhaftet, etwas entblöden?


4. Alternative Differenzierungskriterien für die Verarbeitung von Wahrnehmungen

Anstatt des qualitativen Kriteriums der Angstbesetztheit bzw. Angstfreiheit der Wahrnehmungsverarbeitung könnten wir aus ganz praktisch funktionalen Gründen ein quantitatives Kriterium suchen. Ich meine, in der Prozessgeschwindigkeit des Vorgangs der Wahrnehmungsverarbeitung ein brauchbares Kriterium gefunden zu haben, das neben dem quantitativen Aspekt – der Messbarkeit der Zeit, die gebraucht wird, um eine Wahrnehmung zu verarbeiten – auch über qualitative Aspekte verfügt. Zusätzlich ist die von mir vorgeschlagene Unterteilung auch neurophysiologisch verortbar und naturwissenschaftlichen Experimenten zugänglich.

4.1. Ganzheitlich-komplexe vs differenzierend-analytische Wahrnehmungsverarbeitung
Ich meine mit 'ganzheitlich-komplexer Wahrnehmungsverarbeitung' des Menschen die von der Neurophysiologie vornehmlich in anderen Hirnarealen als die differenzierend-analytische lokalisierten Fähigkeiten, zeitverzugslos Erkanntes zu verarbeiten, d.h. auch ohne bewusste Anwendung erworbener Fähigkeiten oder erlernten Wissens. Es handelt sich dabei durchaus um Wahrnehmungsverarbeitung, die auf Bewusstsein beruht – einem Bewusstlosen steht sie gemäss heutigem Forschungsstand nicht oder nur beschränkt zur Verfügung. Aber diese Aussage ist insofern von marginaler Bedeutung, als sich die moderne Neurophysiologie wie bereits erwähnt gar nicht gross um den Begriff des Bewusstseins kümmert, da er sich der genauen Bestimmung entzieht. Wir können aber sagen, dass im allgemeinen Sprachgebrauch das Prädikat 'bewusst' im Zusammenhang mit Wahrnehmungsverarbeitung meist auf die differenzierend-analytische Methode beschränkt wird. Wir sagen: "Ich konnte zwar nicht sagen, warum, aber mir war auf den ersten Blick klar, dass...", meinen damit unbewusste, weil nicht mit simplen Kausalketten plausibilisierbare Wahrnehmungsverarbeitung. Und wir sagen: "Obwohl ich gefesselt und geknebelt im Fonds des Wagens lag, registrierte ich jede Kurve, jede Abzweigung und wusste nach der 10-minütigen Fahrt mit ziemlicher Sicherheit, wohin die Entführer mich verschleppt hatten..." und meinen damit einen bewussten, weil rational aufschlüsselbaren, begründbaren Wahrnehmungsverarbeitungsprozess.

Wichtig sind mir hier aber die quantitativen und qualitativen Unterschiede zwischen den beiden Methoden, da sie uns gleich die unterschiedliche Funktion, die unterschiedlichen Einsatzbereiche offenbaren. Die ganzheitlich-komplexen Wahrnehmungsverarbeitungs-Methoden eignen sich für Situationen, in denen keine - oder nicht genügend - Zeit vorhanden ist für die meist langwierigen, zeitintensiven, auf unzähligen trennbaren Einzelschritten, auf Kombinationen von zu memorisierendem Wissen beruhenden Prozesse der differenzierend-analytischen Methode. Typischerweise sind es Extremsituationen, in denen die Wahrnehmungsverarbeitung sogar automatisch auf diesen Modus kippt. Ein einigermassen gesund entwickelter Mensch kann aber auch willkürlich zwischen den beiden Modi wechseln. Selbstverständlich gibt es auch alle Zwischenformen zwischen zwingendem Automatismus und überlegt freiem Entscheid für eine der beiden Formen. Es gibt östliche spirituelle Disziplinen, die ganz gezielt die Kompetenzen schulen, zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsverarbeitungs-Modi zu wechseln und damit ein höheres Mass an Autonomie zu erreichen.

4.2. Intuitive, emotionale und instinktive Wahrnehmungsverarbeitung
Wir können die ganzheitlich-komplexe weiter unterteilen in eine intuitive, emotionale und instinktive Wahrnehmungsverarbeitung. Kriterium für diese Unterteilung ist Ort und Art des Ausdrucks des Resultats dieser Verarbeitung (der Term 'Verarbeitung' ist etwas irreführend bei den Ganzheitlich-Komplexen, da es ja gerade um zeitverzugslose Ereignisse geht, hinter denen zumindest nicht 'Arbeit' im üblichen, Zeit benötigenden Sinne steckt). Intuitionen zeigen sich im Geist des Wahrnehmenden als inneres Bild, als Gewissheit. Wer intuitiv etwas zeitverzugslos erfasst sagt "Ich weiss es einfach". Emotionen als psychische Ereignisse haben spezifische Orte im und am Körper und spezifische Arten des Ausdrucks, die sich einigermassen deutlich von intuitiv oder instinktiv erlangten Resultaten unterscheiden. Wer emotional etwas zeitverzugslos erfasst, sagt: "Ich spüre es im Bauch, im Herzen, ich habe Ohrensausen, mir wird schwindlig etc". Wer schliesslich instinktiv etwas zeitverzugslos erfasst, reagiert in der Regel reflexartig mit dem ganzen Körper, aber auch mit dem ganzen Wesen; Geist und Emotionalität können, müssen aber nicht beteiligt sein. Er kann meist auch im Nachhinein, wenn er auf den differenzierend-analytischen Modus umschaltet, nicht begründen, weshalb er auf die Art reagierte, wie er es tat. Am signifikantesten sind instinktive Reaktionen, die sich auf der Körperebene manifestieren: Automatismen, die bewusster und auffälliger sind als die 'normalen' unwillkürlichen Bewegungen wie das Schliessen der Augen beim Niesen, aber weniger bewusst als das willkürliche Schliessen der Augen nach dem Lichtlöschen vor dem Einschlafen. Am einfachsten zu erkennen sind die instinktiven Wahrnehmungsverarbeitungen in Gefahrensituationen.


5. Überlappung der verschiedenen Unterteilungen

Nun können wir unser erstes Kriterium der Angstbesetztheit wieder auf die neu gefundenen alternativen Unterscheidungskriterien anwenden und entdecken, dass es sich überall anwenden lässt. Es gibt angstbesetzte und angstfreie Intuitionen, Emotionen, Instinktreaktionen und selbstverständlich auch angstbesetztes und angstfreies differenzierend-analytisches Verarbeiten von Wahrnehmungen. Wenn wir den angst- und wertungsfreien Ausformungen der jeweiligen Methoden eine höhere Glücksrelevanz zuschrieben, gälte es also nicht etwa, eine Methode einseitig zu bevorzugen, z.B. die differenzierend-analytische, wie dies unsere patriarchalische Kultur immer noch tut, sondern nach funktionalen Gesichtspunkten die situationsadäquate Wahrnehmungsverarbeitungsmethode zu wählen und wo immer möglich tendenziell die angstfreie Subvariante bevorzugt einzusetzen.

Die Glücksrelevanz der angstfreien Varianten liegt nicht zuletzt an der trennenden Funktion der Angst. Wer irgendeine Wahrnehmung mit irgend einer Methode angstvoll verarbeitet, neigt proportional zum Mass der Angst zur Abtrennung des Wahrgenommenen von sich selbst. Was Angst auslöst, wollen wir weghaben von uns, trennen, ja am liebsten zum Verschwinden bringen, in die Nicht-Existenz befördern oder wenigstens aus unserer Wahrnehmung verdrängen. Wenn wir das genug häufig und genügend intensiv machen, landen wir in der völligen Isolation wie sie die existenzialistische Philosophie vorführte, die mit Hilfe der angstbesetzten differenzierend-analytischen Wahrnehmungsverarbeitungs-methode zum Schluss kam, das wahrnehmende Subjekt sei völlig allein, isoliert hineingeworfen in eine sinnlose Welt. Demgegenüber steigt die Vereinigungsbereitschaft mit dem Mass der Angstfreiheit. Und zwar eine gelassene, nicht von Gier und Machtwillen geprägte, weil angstfreie Vereinigungsbereitschaft , nicht Vereinigungsgier, wie sie sich in der übergriffbereiten Besitzgeilheit Angstbesessener gegenüber Menschen, Tieren, Ländereien oder Dingen ausdrückt.

 

6. Fazit aus der differenzierend-analytischen Untersuchung des Denkens

Wichtig ist mir nicht das Begriffsgefüge oder die Implementierung meiner Wortschöpfung des 'Angstwertens', sondern die Sache, der Inhalt, den ich mithilfe der untersuchten Begriffe zu vermitteln versuchte. Der Kern dieses Inhalts lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Die verschiedenen Methoden der Wahrnehmungsverarbeitung sind nicht per se in einer Hierarchie geordnet. Intuition ist nicht mehr oder weniger wert als differenzierend-analytische Ratio.
  2. Für die Glücksrelevanz bedeutend ist hingegen das Mass der Angstbesetztheit einer gewählten Methode der Wahrnehmungsverarbeitung.
  3. Es gibt Situationen, in denen wir die Methode nicht wählen können. Wir können die Wahlfreiheit aber trainieren.
  4. Für die Wahl zwischen angstfreien Methoden der Wahrnehmungsverarbeitung empfiehlt es sich, nach funktionalen Kriterien vorzugehen und die der jeweiligen Situation adäquate Methode auszusuchen.
  5. Das Denken kann auch mit intuitiven, emotionalen und instinktiven Methoden erfasst werden. Wenn ich dies hier nicht versuche, so nicht, weil ich nicht an die Funktionalität und Relevanz dieser Ansätze glaube, sondern weil sich diese Methoden nicht - oder schlecht - mit verbalsprachlichen Mitteln kommunizieren lassen. Man kann sehr wohl mithilfe von Verbalsprache über Intuition, Emotion und Instinkt kommunizieren, aber es ist ungemein schwierig, mit einer an Zeit und Raum gebundenen Kommunikationstechnik – und das ist die Sprache – ganzheitlich-komplexe Methoden der Wahrnehmungsverarbeitung vermitteln. Versuche in diese Richtung sind die Lyrik, die poetische Sprache, die Verbindung von Sprache mit Musik, mit statischen oder bewegten Bildern - sicher faszinierende Annäherungen, die im Bereich der emotionalen Verarbeitung von Wahrnehmungen durchaus erfolgreich sein können Aber bei den synchronen Erkenntnismethoden Intuition und Instinkt stolpern wir immer wieder über das Problem der Zeitgebundenheit der Sprache. Der Ball liegt jetzt bei Ihnen: Probieren Sie's aus. Versuchen Sie, Ihr Denken um die Dimension von Intuition, Emotion und Instinkt zu erweitern. Es macht durchaus Spass. Beginnen Sie doch am besten bei der Liebe, dort vermissen Sie die Verbalsprache am wenigsten.
  6. Wenn's geklappt hat, stellen Sie sich doch einer etwas anspruchsvolleren Herausforderung und beginnen Sie, mit Nicht-Menschen zu kommunizieren, in Austausch zu treten - vielleicht entsetzt es Sie an dieser Stelle nicht mehr, wenn ich von 'Gedankenaustausch' spreche. Wagen Sie sich aus dem Schneckenhaus der menschlichen Selbstüberschätzung heraus und trauen Sie grundsätzlich allem, was Sie wahrnehmen, Dialogfähigkeit zu. Am einfachsten geht es vielleicht mit höheren Säugetieren - naturferneren Wesen liegt womöglich der Dialog mit ihrem Auto oder PC näher, Musikern der Dialog mit ihrem Instrument. Suchen Sie nicht nach Hirnarealen in ihrer Topf-Pflanze, sondern erinnern Sie sich an das Modell mit dem Spiegel: Suchen Sie nicht nach dem, was ihr Gegenüber nicht spiegelt - die Pflanze spiegelt offenbar nicht Ihr Hirn - sondern nach dem, was es spiegeln könnte, die Pflanze zum Beispiel das Welken, das Abserbeln, den Durst - oder das Aufblühen, das sich nach der Sonne recken, das Knospen und Wachsen.
  7. Und vergessen Sie dabei nicht meine Angst-These: Sowohl bei der Liebe wie beim Dialog mit allem, was wir wahrnehmen, erhöht Angstfreiheit das Vergnügen ungemein.