Denk-Aufgabe 606 vom 4. Juni 2006:

 

Religionen

Angst-Narkotikum oder Angst-Überwindungsmodelle?

Religionen können wir als zu Lebensregeln und Ritualen verdichtete Wertsysteme bezeichnen. Wertsysteme entstehen, sobald eine Entität sich als getrennt von einer Objektwelt wahrnimmt, setzen also eine als Spaltung empfundene Unterscheidung von Subjekt und Objekten voraus. Erfährt sich diese Entität, dieses Subjekt nicht nur als abgetrennt, sondern auch als verletzlich, so hat die Angst Einzug gehalten und es ergeben sich wandelbare Skalen der Gefährlichkeit, Hierarchien potentieller Verletzer-Objekte. Wichtig ist mir hier, dass dieser Prozess zwar leicht nachvollziehbar, aber nicht zwingend ist. Nur wenn das Subjekt die Verbindung zu den es umgebenden Objekten, zum 'Rest der Welt' völlig kappt oder zumindest als unkontrollierbar und damit potentiell bedrohlich einstuft, wenn also das Mass der Einschätzung der Fremdheit im Vergleich zum Mass der Einschätzung der Verwandtschaft, der Ähnlichkeit, Zusammengehörigkeit der erkannten Objekte und der als 'Ich' wahrgenommenen Entität so erfolgt, dass die Fremdheit viel stärker betont wird als die Verbindung erst dann entsteht Angst und Wertung. Bereits in dieser ganz ursprünglichen, 'frühen' Phase des Erkenntnisprozesses steht es der wahrnehmenden Entität frei, auf die Erkenntnis von Unterschieden zwischen sich und Welt mit Angst und daraus folgend mit Wertung zu reagieren.

Das Puzzle-Modell
Um diesen Prozess der Entstehung von Angst und Wertung einzudämmen, können wir uns ein Gedankenmodell zurechtlegen, in dem die Vielheit der abgetrennten Entitäten, von denen sich jede in ihrer Selbstwahrnehmung als Subjekt und den 'Rest der Welt' als Objekte wahrnimmt, aus dem Zerfall einer unvorstellbaren Einheit entstanden ist. Damit würde die Zusammengehörigkeit all dieser Puzzle-Teile betont, alle Entitäten wären nur vermeintlich getrennt, gehörten letztlich zum Gesamtbild. Kein Teil wäre überflüssig, unnötig oder gar in der Art schädlich, dass man es eliminieren, zerstören müsste, sondern alle Teile hätten irgendeinen Platz, irgendeine Funktion im Gesamtbild. Und jetzt sprengen wir die Metapher des Puzzles ein wenig das Gesamtbild wäre erst wahrnehmbar, sein Inhalt erst erkennbar, wenn alle Teile ausnahmslos zusammengefügt wären. Die Konfrontation zweier Teile, die an völlig anderen Ecken des Puzzles zu liegen kommen, die völlig andere Funktionen im Gesamtbild haben, könnte dann immer noch höchst verwunderlich sein, aber nicht mehr bedrohlich, nicht mehr Angst auslösend. Das Wissen um die Zusammengehörigkeit und um die Unverzichtbarkeit aller Teile liessen uns auch das zeitweise Befremden über merkwürdig geformte oder gefärbte Teile aushalten, über vielleicht in ihrer Teil-Sujethaftigkeit auch verzerrt wirkende, verwirrende, wenig sinnvoll scheinende Bildinhalte. Wir wüssten ja immer: es gehört auch dazu, ist nicht sinnlos, auch wenn es etwas so völlig Anderes zeigt als wir selbst.

Funktionalität von Modellen
Dieses Gedankenmodell hat so wenig Anspruch auf absolute Wahrheit, auf Gültigkeit für alle wie jedes andere. Wenn ich es wähle, dann wegen seiner Funktionalität, genau so wie ich für unwegsames Gelände lieber einen Offroader habe als einen Formel 1 Boliden, ein Entscheid, der nicht das geringste über eine hierarchische Wertung der beiden Wagentypen aussagt. Wenn ich meine Angst eher minimieren will, kann das skizzierte Modell bei diesem Prozess helfen, auch wenn ich weiss, dass ich niemandem stringent beweisen kann, dass es hinter der Vielheit eine Einheit gibt, ja dass Vielheit nicht nur aus Einheit entstanden ist, sondern auch wieder zu ihr zurückfindet. Nur: das Gegenteil kann mir natürlich auch niemand beweisen. So gesehen bin ich nicht ganz so blind und naiv wie derjenige, der sein Modell für die Wirklichkeit hält und den Wirklichkeiten der andern überstülpt, z.B. einer, der nach langem Eile-mit-Weile-Spielen am Morgen verzweifelt würfelt, bevor er zur Arbeit geht, da er erst mit einer Fünf aus dem Haus darf. Wenn wir Modelle entwerfen, müssen wir uns immer im Klaren sein, wen wir über unsere Spielregeln informieren müssen, damit überhaupt Kommunikation stattfinden kann. Ich informiere z.B. sämtliche Tiere in meiner Umgebung und das sind viele über das hier skizzierte Modell. Es funktioniert erstaunlich gut, wenn man ihnen sagt, dass man sie als unverzichtbare Puzzleteile des Gesamtbildes betrachtet. Ich erhalte dann immer so Feedbacks wie 'Endlich. Das hat ja gedauert. Willkommen im Club'. Aber all das findet ja wieder nur in meiner Welt statt und ich darf nicht den Anspruch haben, das müsste bei Ihnen gleichartig ablaufen. Vielleicht ist Ihr einziger Kontakt zu Tieren der zwischen den Zähnen, wenn Sie merken, dass das Rind eine Kuh war. Dann sind Sie halt ein Puzzleteilchen, das an einer andern Ecke zu liegen kommt als ich. Völlig in Ordnung und für mich eigentlich interessanter als die, die ganz ähnliche Sujets zeigen wie meins - oder wie das, was ich von meinem schon entdeckt habe.

Ego + Projektion = Selbst
Zurück zur Angst: in meinem Modell entsteht sie also dort, wo das Wissen um die Zusammengehörigkeit aller Teile schwindet. Es gibt auch ein anderes Bild, mit dem ich mein Modell nachvollziehbar machen kann und das vielleicht noch besser die keineswegs zwingende Entstehung der Angst illustriert. Wir können dazu den Jungschen Selbst-Begriff zu Hilfe nehmen: Eigentlich sind wir das 'Selbst' und das meint: alles, was ist. Das Selbst wäre also vergleichbar mit dem, was wir vorher 'Einheit' nannten. Nun finden wir uns zuerst aber einmal als kleine Egos vor und projizieren den ganzen Rest des 'Selbst' nach aussen, auf die riesige Projektionsleinwand 'Welt'. Wir sagen nur zum Filmprojektor 'Ich', zu allem, was wir auf der Grossleinwand sehen sagen wir 'Du', 'Welt', 'Objekte, 'das Fremde', 'das Andere' etc. Solange wir in dieser Meinung befangen sind, können wir weder die Einstellungen noch die Filmrollen wechseln, wir glauben, dazu gezwungen, ja vielleicht dazu verdammt zu sein, genau den Film anzukucken, der gerade läuft. Nur schon dieser Zwang, aber vielleicht auch der Inhalt des Streifens kann uns gehörig auf den Geist gehen, uns erschrecken, befremden, terrorisieren, langweilen usw. Es gibt nun viele Geschichten, die den Moment beschreiben, wo ein Ego diesen gewaltigen Witz durchschaut, merkt, dass es ja in Eigenregie diesen Film nicht nur gedreht hat, sondern auch abspult, dass es von einer Sekunde auf die andere die Filme wechseln kann und genau so lange überhaupt auf die Leinwand kucken muss, bis es alle Filmgestalten, alle Ereignisse, alles Grosse und Niedere als zum gleichen, zum 'eigenen' Selbst gehörig erkennt. Mit diesem Bild wird vielleicht verständlich, dass ein so hochtrabender, das ganze Leben umkrempelnder Moment mit schallendem Gelächter quittiert wird. Es ist derart witzig, zu entdecken, dass man ständig den selbst gedrehten und projizierten Film für 'die Wirklichkeit' hielt, dass man wirklich lachen muss: über sich natürlich, aber auch über alle andern, die schweissgebadet in ihren Kinosälen sitzen und immer wieder auf die Leinwand eindreschen, Richtung Ausgang rennen und sich die eigenen Köpfe einschlagen. Die hier festzuhaltende These bezüglich der Angst heisst also: Angst entsteht dann und dort, wo das Wissen um die Projiziertheit der eigenen Innenwelt nach aussen bzw. die Relativität, Selbst-Konstruiertheit, Fiktionalität der als 'Wirklichkeit' erlebten 'Welt' nicht mehr bewusst abrufbar ist.

Nun, wie viele 'Erleuchtete' kennen Sie? Man erkennt sie wie gesagt an ihrem befreiten Lachen, an ihrer völligen Gelassenheit und Angstfreiheit. Ich kenne keinen Lebenden, aber immerhin Annäherungen, sozusagen Teil-Erleuchtete, komischerweise alles Frauen. Seien wir mal nüchtern: Völlige Angstfreiheit ist ein atypischer Idealzustand des sich in der Vielheit vorfindenden Wesens und wir könnten uns Gedanken machen, wie man die Angst wenigstens kleiner machen könnte. Das Bedürfnis ist offensichtlich, bei uns selbst und bei allen Wesen in unserem Umfeld. Dieses Bedürfnis nach angstberuhigenden Elementen in der eigenen äusseren und inneren Welt ist in der Regel proportional zur Angst, soweit sie vom geängstigten Wesen als negativ empfunden wird.

'Absolute Wahrheit' als Angst-Narkotikum
Das stärkste Angst-Narkotikum ist Sicherheit bezüglich der Welt-Interpretation, also die Gewissheit, die absolute, für alle gültige Wahrheit zu kennen. Das ist leicht nachvollziehbar, denn falls es so etwas wie diese 'absolute Wahrheit' gibt und man sie kennt, weiss man auch, in welcher Weise man mit allen als abgetrennt wahrgenommenen 'Objekten' verbunden ist. Alles 'Wissen' ist Aussage über einen Bezug zwischen Objekten bzw. zwischen Welt und mir, zwischen Objekt und Subjekt. Je grösser der Gültigkeitsanspruch eines vom Subjekt gewussten 'Wissens', desto grösser die Sicherheit, desto kleiner die Angst. Dieser Mechanismus steckt hinter allem Wissen, das benutzt wird um die Kontrolle des Subjekts über seine Umwelt zu erhöhen. Je schärfer das Subjekt die Unterschiede zwischen den Objekten untereinander und zwischen den einzelnen Objekten und ihm selbst erfasst, je mehr er auch über den Wandel von sich, den Objekten und den Unterschieden dazwischen weiss und je sicherer und gültiger dieses Wissen, desto grösser seine Kontrolle, seine Macht 'über die Welt', desto besser funktioniert Prävention, Vorausberechnung von Prozessen. Die Wettervorhersage ändert nichts am Wetter, gibt uns keine Kontrolle über das Wetter, aber sie gibt uns einen angstmindernden zeitlichen Vorspann; wir können uns darauf einrichten, können präventive Entscheide fällen. Diese Angstminderung ist aber direkt abhängig von der Allgemeingültigkeit, der 'Wahrheit' der Wetterprognose. Die Tatsache, dass es damit nicht so weit her ist, dass wir auch mit modernsten Mitteln zumindest weit von der 'absoluten Wahrheit' entfernt sind, lässt auch bezüglich dieses doch eigentlich eher banalen Wissens um die Wetterentwicklung eine 'Restangst' weiterbestehen, dass sich die Prognose und die auf ihr fussenden Entscheide immer wieder als falsch erweisen könnten, dass eben nicht mal auf die Wetterprognose Verlass ist etc.

Die Wertung der Prognose
Diese Angst wird noch verstärkt durch die Unsicherheit bezüglich der Wertung der Prognose. Lautet die Wetterprognose: "Schnee bis in die Niederungen", so kann deren Nichteintreffen Angst auslösen. Unsicherheit, Misstrauen und Angst löst aber auch aus, wenn der eine über diese Prognose jubelt, der andere schimpft, wenn also kein Konsens besteht bezüglich der Wertung der Prognose, völlig unabhängig davon, ob sie eintrifft oder nicht.

Religionen und Mängelrüge
Religionen im weiten Sinne von Welterklärungsmodellen begegneten diesem Problem der Angst-Besänftigung in der Regel recht geschickt, indem sie die Kernaussagen ihres Modells jeweils möglichst in den Bereich des Unüberprüfbaren verschoben bzw. zumindest in den Bereich jenseits möglicher Mängelrüge. Wenn eine Religion den berühmten 'Fensterplatz im Himmel' verspricht für irgendein als positiv dargestelltes Verhalten, z.B. sich und ein paar Andersgläubige für die eigene Religion in die Luft zu jagen, mit dem Kreuz in der Linken und dem Schwert in der Rechten (Linkshänder sinngemäss umgekehrt, for to be politically correct) durch die Meere zu kreuzen und aufkreuzenden Heiden (nicht zu verwechseln mit dem schönen Dorf im Appenzellischen) die nette Alternative vorzulegen 'Christus oder Kopf ab', dann ist die 'Wahrheit' der Prognose gottlob eben nicht nachprüfbar bzw. falls ein so für seine Religion Aufgeflogener dann eben doch im Gang sitzen muss statt am Fenster, kann er keine Konsumentenschutzorganisation mehr anrufen. Auch der Blick, der Beobachter oder die Pferdewoche stehen ihm nicht mehr zu Gebote, um ein Hufeisen zu werfen für 'unten durch'.

Nachteile der Ehrlichkeit
Dieser Betrug wurde natürlich immer wieder durchschaut und gegeisselt. Alternativen wurden angeboten bzw. die Religionen im Sinne der nicht nachprüfbare Prognosen und Versprechen machenden Welterklärungsmodelle wurden abgeschafft. Das hatte aber nicht den geringsten Zuwachs an 'absolut gültigen Wahrheiten' zur Folge, im Gegenteil. Wer so ehrlich war wie Karl Popper, der die Falsifizierbarkeit einer Theorie als Erkennungsmerkmal für ihre Wissenschaftlichkeit postulierte, lief natürlich Gefahr, die Angst im Volke zu erhöhen. Das Bedürfnis nach 'absoluter Wahrheit' wird durch diese Art von Ehrlichkeit derart schlecht befriedigt, dass es sich ganz nach marktwirtschaftlichen Mechanismen Ersatzbefriedigungen sucht.

Religionsersatzmodelle
So kamen unzählige Religionsersatzmodelle zum Einsatz, sei es das aus heutiger Sicht fast etwas lustige von Marx und Engels, das als Glaubensaxiom die oberste Priorität für alle bei der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse ortet, sei es die biedere Morallehre von Kant, die auf der Vergötterung der Vernunft beruht, sei es das immer noch für viele Naturwissenschafter gültige Modell des empirischen Beweises, das auf dem Glaubensaxiom beruht, dass vergleichbar gleiche Experiment-Bedingungen und damit Objektivität herstellbar seien (ein Axiom, das witzigerweise gerade von der fleissig experimentierenden Kognitions-Psychologie längst in Frage gestellt wurde). Auch das Modell des vernünftigen Diskurses von Habermas ist ein Religionsersatzmodell, vom Glaubensaxiom ausgehend, Dialog mittels Verbalsprache sei ein verlässliches und allen zugängliches Mittel zur Konsensfindung. Je leichter aber die Versprechungen und Prognosen der alternativen Welterklärungsmodelle falsifizierbar waren, desto kürzer ihre Halbwertszeit. Die schnelle Folge neuer Theorien und philosophischer Modelle führte zu einer Entwertung und dann auch zu einer gewissen Stagnation in der Produktion funktionaler Modelle. Damit entstand ein Vakuum, das teils durch Rückgriff auf alt-klassische Religionsmodelle, teils durch esoterische Ansätze gefüllt wurde, die durch ihr 'going public' aber mehrheitlich verflachten und nicht nur ihren Gehalt, sondern auch ihre in der Bezeichnung 'esoteros' enthaltene Qualität des 'nur einem inneren Kreis zugänglich Seins' verloren, exoterisch wurden, d.h. konkret zu spirituellem Ramsch, zu Billig-Rezepten der Marke 'Erleuchtung leicht gemacht' degenerierten.

Angst-Überwindung
Die Alternative zum Angst-Narkotikum Religion oder Religionsersatz im Sinne von 'Welterklärungsmodell mit Absolutheitsanspruch' wäre Angstüberwindung. Also nicht ein Zudecken der archetypischen und verständlichen Angst des sich abgetrennt in einer als 'fremd', ja gar 'unwirtlich' empfundenen 'Welt' vorfindenden Subjekts, sondern eine liebevolle Akzeptanz dieser Spielregel. Wer diese Urangst mit auf seine Geisterbahnfahrt durch die selbst gebastelte Welt mitnimmt, hat sie ihres Stachels beraubt und kann wie die Kinder an der Chilbi zwar erschrecken, zusammenzucken, ja sogar quietschen im Wägeli, an dem es sich festklammert (am Körper!), wenn es an grauslichen Gestalten vorbeifährt, plötzlich von etwas Feuchtem gestreift wird, Moderduft in die Nase steigt, ein markerschütternder Schrei die Stille durchfährt und dann doch schauderlich vergnügt aus dem Dunkel wieder auftauchen und den Papi bedrängen: "Nochmals!" Diese Kinderreaktion macht meines Erachtens das Reinkarnationsbedürfnis nachvollziehbar. Kaum haben wir ein Geisterbahn-Leben hinter uns gebracht, schreien wir 'Nochmals' und wollen es 'besser' machen, mit weniger Angst, weil wir es nun doch schon ein wenig kennen. Aber Kinder erschrecken auch beim hundertsten Mal 'Rotkäppli' noch, wenn es vom im Grossmutterbett liegenden Wolf gefressen wird.

Die Angst liebevoll mit hineinnehmen
Und mit ihr alles, was Angst auslöst oder auslösen könnte. Nun, das ist aber so ziemlich alles, was wir überhaupt wahrnehmen können. Zumindest fällt mir nichts ein, was noch nie bei irgend jemandem in irgendeiner Situation Angst ausgelöst hätte. Nur schon bei dieser Feststellung könnten wir zu ahnen beginnen, dass es auch bei den Ängsten keine allgemein gültigen Wahrheiten gibt. Aber wenn wir alles liebevoll mit in unser Geisterbahnwägeli mit hinein nehmen, dann liegt der Fokus ja gar nicht mehr bei der Angst, sondern beim 'liebevoll' und beim 'hineinnehmen'. Und da werden einige vielleicht enttäuscht sagen 'Das ist aber gar nichts Neues: Liebe als Superrezept gegen alles und jedes'. Tja, ich habe auch nicht behauptet, dass die Einsicht neu sei. Aber die Umsetzung ist anspruchsvoll und zwingt uns, mit ein paar liebgewordenen Vorurteilen und Vorstellungen aufzuräumen. Denn 'alles liebevoll hineinnehmen' würde ja bedeuten, die ganze mühsam erarbeitete Differenzierungs- und Selektionstechnik beiseite zu schieben. Wenn wir sowieso alles liebevoll hineinnehmen müssen, dann braucht es doch auch keine Hierarchie, keine Reihenfolge, keine Prioritätenliste mehr. Dann können wir ja immer gerade das liebevoll hineinnehmen, was gerade kommt. Zum Beispiel den nächsten Regenguss, den nächsten Zöllner, den nächsten Bauverhinderungsbeamten, die nächste Steuerrechnung. Wozu sind wir denn so lange in die Schule gegangen, wozu sind wir so klug geworden und können so brillant unterscheiden, was uns frommt und was nicht, was uns passt, was wir hereinzunehmen Lust haben und was nicht?

Schrittchen für Schrittchen
Gemach, gemach: Alles liebevoll hineinnehmen ohn' Unterschied ist das ferne Fernziel, gleichbedeutend mit völliger Angstfreiheit. Wer hat denn gesagt, wir müssten dies gleich sofort und überhaupt in dieser Runde erreichen. Aber wir können ja dort ansetzen, wo uns die eigene Angst stört. Und wenn das haufenweise Ängste sind, dann ganz zart und unserem Stehvermögen angepasst 'eine nach der andern wie in Paris'. Und wenn wir zwischendurch wieder mal einen Aussetzer haben und statt 'liebevoll Hereinnehmen' 'zornerfüllt Wegstossen', so müssen wir uns deswegen nicht in den Zürisee schmeissen. Das Echo kommt garantiert vom Waldesrand, auch wenn's im Stradtverkehr sein sollte, wo wir konkret oder übertragen 'zornerfüllt Wegstossen'. Solange es nur Blech ist, tragen wir sogar zum Bruttosozialprodukt etwas bei. Und wenn uns die Lust überkommt, einem Welterklärungsmodell anzuhängen, das uns Sicherheit gibt, so könnte es ja auch zur Abwechslung das vorgeschlagene sein: 'Alles liebevoll hereinnehmen' ist in drei simplen Worten ein ganzes Modell, eine 'Religion', wenn Sie so wollen einfach ohne absoluten Wahrheitsanspruch, denn wenn Sie das auf der Körperebene umsetzen, haben Sie nur die Wahl zwischen Tod durch Vergiftung oder Tod durch Verplatzen. Also bitte nicht Absolutsetzen für alle und alles auf jeder Ebene. Hereinnehmen meint natürlich 'positiv bejahend ins Herz', oder für alle, die das Herz nur noch vom Bypass her kennen: 'in den Geist' hineinnehmen. Am liebsten mit dem Zusatz aus dem Buddhismus 'das bin auch ich'. Nicht im westlichen Sinne der Ego-Aufplusterung, sondern im östlichen Sinne des sich verbunden Wissens mit allem, was ist.

Funktionalität des Modells individuell prüfen
Bleiben Sie schmunzelnd-kritisch auch dem hier angebotenen Welterklärungsmodell gegenüber, der hier promovierten 'Religion'. Prüfen Sie am besten im Selbst-Experiment ob sie für Sie taugt, ob Sie überhaupt Lust auf weniger Angst haben oder ob Sie im Gegenteil Lust auf mehr Kitzel, mehr Abenteuer haben und die dazu gehörige Angst gerne in Kauf nehmen. Wobei, da wage ich abschliessend eine kleine Prognose: Das mit dem 'liebevoll Hineinnehmen' ist Kitzel und Abenteuer bis zum Abwinken. Es geht ja dann schon nicht nur um Penelope Cruz oder George Clooney, sondern vielleicht um den anderen Georgy-Boy, den Sie vielleicht ein klitzeklein wenig weniger mögen. Ob nun Bush-Buschi, Berlusconi-Hirnoni oder sonst ein homo politicus machtgeilicus simplicissimus, es reicht, den inneren Frieden mit ihm zu finden, körperliche Vereinigung ist nicht nötig, um zum Ziel zu kommen. Der gute George wüsste ja vielleicht gar nicht, wie man das macht, seine Kinderleins könnten ja auch aus dem Supermarkt sein oder von Vize Cheney (Sie sehen, ich bin auch noch nicht ganz soweit...). Falls Sie hingegen zufälligerweise Fall-Angst in der zeitgemässen Form der Flugangst haben sollten, wäre das liebevolle Hineinnehmen schon auch so gemeint, dass Sie sich der Faller- oder eben Fliegerei konkret aussetzen in Ihrer physischen Welt, die Sie als die 'wirkliche Welt' ansehen. Es kann natürlich durchaus sein, dass da eine innere Vorbereitung hilft, am besten vielleicht eine Aussöhnung mit dem Sterben generell und dem 'Vom-Himmel-Fallen' speziell.

Der Vorteil oder auch Nachteil, je nachdem, wie man's sieht dieser gästefreundlichen Hereinnehm-Methode ist, dass man sich bei der genaueren Betrachtung der Gast-Angst selbst auf die Schliche kommt. Wenn wir z.B. auf die Flugangst nicht mit sie begründenden Statistiken eindreschen und uns darin bestärken, dass Leben allgemein und Fliegen speziell gefährlich sei, was ja unsere Angst eher erhöht, ja uns den Spass am Bett verderben kann angesichts der horriblen Statistik betreffend Sterbeort Bett sondern eben zur Abwechslung diese Flugangst mal liebevoll in den Arm nehmen, könnten wir über so hübsche Formulierungen wie 'Angst vor dem Vom-Himmel-Fallen' entdecken, dass irgendwas in uns rauf möchte, höher hinaus, himmelwärts und dass darum Fallen ganz grundsätzlich negativ besetzt ist, am übelsten aber, wenn wir vom Himmel fallen, in den wir ja eigentlich einziehen möchten am liebsten wohl gleich als Chefs. Sollten solche vielleicht bloss halb bewussten Inhalte in unserem Inneren herumspuken, könnten wir uns auch gleich fragen, wieso denn diese ptolemäische Kinderweltvorstellung mit dem guten lieben Gott im Himmel oben und uns sündigen Erdensöhnen hienieden nicht längst einer völlig aufgeklärten, rein rationalen, weltraumphysikalischen Sicht gewichen ist? Sind da doch noch Reste längst überwunden geglaubter Religionsbedürftigkeit auszumachen?

Aber das ist nur ein Beispiel für das, was alles unter dem schön geknüpften Verdrängungs-Teppich hervorlugt, wenn wir die Gast-Ängste liebevoll hineinnehmen. Ich meine, ein abenteuerlicher und lohnender Prozess für den, der ihn wagt. Weniger erfreut über diese Art Angstabbau können allerdings Leute in Ihrem Umfeld sein, die von Ihrer Angst leben: Die Pharma-Industrie, die Versicherungsbranche, die Banken, die Anbieter von Sicherheitsprodukten und -Dienstleistungen, die Anwälte, die Generäle, die Päpste ganze Heerscharen von Wesen summen emsig um uns herum und warten nur darauf, unsere Ängste und Sorgen zu dämpfen mit ihren Angeboten. Wenn wir nun sukzessive angstfreier werden, brauchen wir diese Dämpfer immer weniger. Aber die Gefahr, dass Angstabbau durch liebevolles Hineinnehmen alles Angstauslösenden im grossen Stil von ganzen Bevölkerungsteilen betrieben wird und damit unsere liebe Wirtschaft ins Stocken bringt, ist wohl als gering einzustufen. Allein der Gedanke ist höchst amüsant. Man stelle sich kurz vor, was geschähe, wenn sich auch die Angstdämpfungsprodukteanbieter auf den Trip des liebevollen Angst-Hineinnehmens einliessen und selbst immer angstfreier würden: der grosse Witz ist, dass dann auch die Angst vor dem Rückgang der Gewinne schwände, dass die Vorstellung, nicht mehr zu wachsen, sondern sogar zu schrumpfen, keine Panik mehr auslöste. Ist eine angstfreie Börse denkbar? Wäre sie noch diese spannende, brodelnde Spielhölle, wenn nur Angstfreie mitspielten? Aber das sind alles spekulative Spielereien. Wichtig ist, was wir selbst mit dem Modell erreichen, ob wir es als ethisch relevantes Welterklärungsmodell, ja als Religion ohne Absolutheitsanspruch benutzen können und wollen oder ob wir doch immer wieder in die Falle treten ähnlich dem Psychiatriepatienten, der glaubte, er sei eine Maus und als er nach langer Analyse und Therapie geheilt entlassen wurde, nach wenigen Metern in Freiheit wieder umkehrte und sich voller Panik an seinen Therapeuten wandte mit der Frage: "Okay, ich weiss, dass ich keine Maus bin aber weiss es die Katze auch?"

Genau so kann es einem gehen, der sich spielerisch auf das Modell mit der Wandelbarkeit der Ängste einlässt. Er lässt eine Gast-Angst herein, nimmt sie liebevoll zu sich, erfährt, dass sie selbst gebastelt ist, mithin relativ, nicht absolut und dass er sie für sich selbst nicht als 'gültige Angst' in ihrer Macht belassen muss. Aber wissen es all die 'Katzen' um ihn herum auch, die Angstauslöser und ehemaligen Mitängstiger, die Angstdämpfungsprodukteanbieter?

Fazit
Es ist mit Welterklärungsmodellen wie mit Auto-Modellen und anderen Produkten: sie müssen passen, müssen auf uns und die Aufgabe, die wir lösen wollen, zugeschnitten sein. Wir sind es gewohnt, nach dem für uns richtigen Auto-Modell zu suchen, nicht nach dem 'absolut wahren' oder 'allgemeingültigen'. Wenn wir uns bei der Interpretation von Welt generell angewöhnen könnten, nur nach der für uns richtigen Interpretation zu suchen und uns aus den für uns richtigen Interpretationen das für uns jetzt richtige Welterklärungsmodell zusammen zu stellen, so wäre viel gewonnen, für uns wie für unser Umfeld. Man könnte sich gegenseitig vorschwärmen von seinem Modell, wie man das bei Autos und Kleidern auch tut. Man könnte aber auch bei andern etwas abkupfern, sich aneignen, andere Modelle ausprobieren, auf ihre Eignung für uns und unsere aktuellen Aufgaben testen. Der einzige kleine Preis, den wir dafür zahlen müssten, wäre der Verzicht auf den Absolutheitsanspruch, die Aufgabe der Illusion, irgendeine der Millionen von individuell richtigen Interpretationen sei die für alle gültige absolute Wahrheit. In diesem jeder Logik widersprechenden Anspruch auf absolute Wahrheit zeigt sich die irrationale Macht der Angst. Die Aufgabe dieses Anspruchs ist der erste Schritt zur Überwindung der Angst. Der zweite ist das liebevolle Anschauen und 'Hineinnehmen', Integrieren, Annehmen, Umarmen der Angstauslöser. Mit diesem Schritt wird die Zusammengehörigkeit wieder erfahrbar, die das angstauslösende Objekt mit dem geängstigten Subjekt verbindet und die Einsicht kann wachsen, dass nicht nur alle an der 'Welt' beteiligten Entitäten Puzzleteile desselben Gesamtbildes sind, sondern dass auch alle dasselbe Ziel haben: das Puzzle zusammen zu setzen, das Gesamtbild zu schauen, das dem unvorstellbaren Selbst, der Einheit entspricht.

Und die Denk-Aufgabe?
Testen Sie das Modell auf seine Tauglichkeit für Sie selbst in Ihrer heutigen Lebenssituation. Wenn Sie dies nicht nur mit rationalem Denken, sondern auch mit Ihren übrigen Wahrnehmungs-instrumenten tun, mit allem was Sie ausmacht, also ganzheitlich, und wenn Sie bei diesem Prozess das rationale Denken sogar vorübergehend ganz hintanstellen, aufgeben, so ist der Doppelsinn des Auftrags 'Denk-Aufgabe' erfüllt. Und wenn Sie mich und die paar Marpa-Leser über allfällig Erlebtes orientieren, dann herrscht kommunikatives Vergnügen