Denk-Aufgabe 608 vom 15. August 2006:

 

Halali zur Jagd

Im Visier: die dümmsten und die klugsten Sätze des Abendlandes

Und für alle, denen Jägerlatein und die ganze Halali-Metaphorik gegen den Strich gehen, biete ich gern auch einen seröseren Titel: Diskursmacht, ihre Anwender, ihre Rezipienten - demonstriert an ein paar Sätzen, die Furore machten oder noch machen könnten.

 

1. Einleitung
Wir suchten in fröhlicher Runde nach dem dümmsten Satz der Menschheitsgeschichte – und waren uns zumindest einig, was 'dumm' in diesem Zusammenhang bedeuten solle: Wir suchten die Sätze mit den übelsten Auswirkungen; Sätze, die entweder so blöd gemeint waren, wie sie dann umgesetzt und gelebt wurden, oder die derart missverstanden wurden, dass sie grauslichstes Elend zur Folge hatten. Natürlich hätten wir auch wieder stundenlang debattieren können, was denn nun unter 'Elend' und 'üble Auswirkungen' zu subsumieren sei, aber auch da war rasch ein zumindest oberflächlicher Konsens geschaffen: Folter, Mord und Totschlag, Unterdrückung, Terror, Krieg - oder, etwas nüchterner ausgedrückt: Psychisches und/oder physisches Unwohlbefinden der gröberen Art, Verzweiflung, Dahinsiechen, unwürdiges Sterben einer vergleichsweise grossen Zahl von Entitäten.

1.1. Entitäten? - Seiendes?
Einzig bei diesem Begriff der Entität gab's ein kurzes Intermezzo, bis klar war, was damit gemeint sein soll: alles Seiende - und da nicht alle dasselbe als 'seiend' erkennen und anerkennen, heisst es genauer: Eine Entität ist das, was von einem Wahrnehmenden als Wahrgenommenes erkannt und mit Seins-Charakter ausgestattet wird. Damit ist klar, dass auch der Wahrnehmende sich selbst als Entität wahrnehmen kann. Aber auch - je nach Sichtweise und Wertmodell - Tiere, Pflanzen, Dinge, Steine, Vorstellungen, Ideen, Gedanken, Träume - es kommt alles Wahrnehmbare in Frage. Die Begrenzung ist - wie jede Grenze - eine willkürliche, subjektive. Wenn jemand, z.B. ein konsequenter Materialist, beschliesst, nur körperliche Dinge, physisch mit in unserer Wissenschaft gerade gängigen Methoden nachweisbare Zellkonglomerate hätten Seins-Charakter, dann spricht er halt diesem Gedanken den Seins-Charakter ab, bis er in Lettern auf einem Papier steht und 'stofflich' vorliegt. Wir gingen in unserer Runde allerdings von einer etwas weiteren Sicht aus und billigten probehalber allem überhaupt nur Vorstellbaren, auch erstmal nur potenziell Wahrnehmbaren, noch nicht in Materie Geronnenem Seins-Charakter zu, ja wir gingen so weit, auch dem Unvorstellbaren diesen Entitäts-Status zu verleihen, also z.B. der buddhistischen 'Leere', dem 'Nichts' und all den logisch zwingend nicht vorstellbaren Gottes-Konzepten, der Einheit oder All-Einheit etc. Auf der Grundlage eines aus der Quantenphysik Einsteins, Heisenbergs und Schrödingers deduzierten konstruktivistischen Welterklärungsmodells fühlten wir uns frei darin, vorerst einmal gar nichts auszuschliessen von der Wahrnehmbarkeit und damit von der Seins-Qualität. Dies hatte allerdings nicht unwesentlichen Einfluss auf unsere Fragestellung. Wenn wir die Sätze suchten, die in der abendländischen Geschichte die übelsten Auswirkungen auf irgendwelche Entitäten hatten und haben, so erweiterte sich der Kreis möglicher 'Kläger' beträchtlich mit unserem Entitätsbegriff. Wenn wir nur schon die Tiere, Pflanzen, die ganze Natur, den Planeten Erde miteinbeziehen, wird schnell klar, dass andere Sätze um die Spitzenposition konkurrieren, als wenn es nur um Auswirkungen hirnrissiger Sätze auf Menschen ginge.

1.2. Verantwortung des Autors?
Wir beschlossen, uns auf die von uns selektionierten Sätze und ihre Auswirkungen zu beschränken und über die ganze Thematik der Verantwortung des Autors bzw. des Rezipienten ein andermal ausgiebiger zu debattieren. Hier nur der Ansatz, insofern er relevant ist für das Verständnis unseres Vorgehens und für die Zielrichtung unserer Kritik: Fussend auf der Quantentheorie und dem konstruktivistischen Welterklärungsmodell, das davon ausgeht, dass wir nur von 'Wirklichkeit' sprechen können, die wir oder sonst eine Entität wahrgenommen hat bzw. wahrnimmt, dass also erst die Beobachtung , die Messung Wirklichkeit im Sinne von beschreibbaren Teilchen mit beschreibbaren Eigenschaften schafft, dass wir zumindest keine allgemeingültigen, über den jeweiligen Beobachtungs-Kontext hinaus gehenden Schlüsse über die 'Welt' machen können, sollte nachvollziehbar sein, dass wir die Verantwortung für jegliche Welt-Interpretation beim Interpreten ansiedeln. So einleuchtend dies hier klingt, so selten ist diese Haltung doch in der Praxis anzutreffen. Doch auch dafür kann man Verständnis aufbringen: Es ist nicht nur in höchstem Grade anstrengend, die Verantwortung für jegliche Wahrnehmung und ihre Bewertung selbst zu übernehmen, es ist auch ganz schön spielverderberisch. Denn eines - wenn nicht DAS - Lieblingsspiel des Homo sapiens, ja ich bin versucht, zu behaupten, die differentia specifica, die ihn von allen anderen Entitäten unterscheidet, ist die Schuldprojektion nach aussen, also das Zuweisen von Verantwortung für irgendwelche - meist als schlecht bis elend qualifizierte - Wahrnehmungen an andere Entitäten. Dabei zeigt sich Mensch höchst unzimperlich. Sollte sich kein direkt anklagbarer Schuft als Schuldprojektionsfläche willig zur Verfügung stellen, ist jegliches Abstraktum Recht. Beliebt ist die Gesellschaft, der Staat, die Menschheit; hoch im Kurs stehen aber auch 'die Natur', 'die (schnöde) Welt', 'das Schicksal'; etwas sinkende Beliebtheit als Angeklagter - zumindest im sich aufgeklärt wähnenden 'Abendland' - hat im gerade geltenden Zeitparadigma 'Gott' bzw. bei polytheistischen Kulturen wie den alten Griechen 'die Götter'. 'Die Olympier' sind zwar nach wie vor geeignet als Schimpfwort, wenn es im IOC wieder mal ein herrliches Korruptions-Skandälchen gibt, über das man sich entrüsten kann, aber Poseidon wird heute weniger für hohen Wellengang oder gar Tsunamis verantwortlich gemacht als früher. - Wenn wir also in der Folge auch von den Autoren der angeprangerten Sätze sprechen, dann geht es nicht darum, sie zur Verantwortung zu ziehen oder sie gar anzuklagen für ihre Rede oder Schreibe, sondern veil mehr darum, herauszufinden, ob sie bereits als Waffen der Diskursmacht gedacht, geplant, geschaffen wurden und dann zu verfolgen, wie die Sätze aufgenommen, interpretiert wurden, von ihrer Rezeptionsgeschichte aber auch einmal zurück zu schliessen auf die möglichen diskursmachttheoretischen Absichten allfällig erkannter Autoren. Wir negieren die Verantwortung des Autors nicht: selbstverständlich ist auch er wie jede Entität gehalten, mit den Wahrnehmungen umgehen zu können, die er durch sein Verhalten - auch durch seine Sprechakte - erzeugt. Aber wir hängen ihm nicht jedes Wehwehchen der Rezipienten seiner Sprechakte an. Die Beweislast dafür, dass man durch einen Akt eines andern - auch durch einen Sprechakt - verletzt wurde, dass man sich dem Akt des andern nicht entziehen konnte, liegt beim Rezipienten und dürfte im Falle von Sprache eher selten gelingen. Es gibt aber durchaus Sprechakte wie die Verkündung eines Gerichtsurteils, das Ablegen eines Eides oder eines Eheversprechens im entsprechenden Kontext, die direkte physisch-materielle Auswirkungen haben können, denen sich der Betroffene nicht oder nur beschränkt entziehen kann. Aber um solche Sätze mit unmittelbarer Direktwirkung auf Einzelne geht es hier nicht.

1.3. Ziel dieser Sprachkritik?
Wir möchten sensibilisieren für die Macht des Diskurses - ganz im Sinne Foucaults. Aber wir schieben die Verantwortung für den Umgang mit dem Wort nicht dem zu, der damit Machtmissbrauch betreibt, sondern dem, der Missbrauch mit sich treiben lässt (siehe 1.2.). Unsere Überlegungen enden also nicht auf der Strasse bei einer Demonstration gegen irgendwelche Diskursmachtinhaber, sondern bei uns selbst in der kritischen Reflexion über unseren eigenen Umgang mit Diskursmacht. Die Kritik kritisierend könnte man einwenden, dass diese rational-analytische Sprachkritik doch nicht zum Glücks-Philosophen passe, der das Einverstandensein mit allem, was ist, und das Hinauswachsen über die rationale Analyse predige. Nun, man kann auch einverstanden sein mit dem Nichteinverstandensein, akzeptieren, dass man noch nicht an dem Punkt der Entwicklung angekommen ist, wo man sein Ich und damit auch die anderen Schöpfungsparameter Zeit, Raum, Verknüpfung (v.a. Kausalität) völlig aufgelöst hat, dass man noch auf dem Erkenntnisweg ist, der die Autonomie schaffen soll, welche Voraussetzung für den Rückweg, für ihre Aufgabe und Hingabe ist. Auf diesem Weg zur Autonomie des Erwachsenen ist Sprachkritik durchaus am Platz. Wir schaffen uns Instrumente, wie wir mit dem Produkt 'Sprache' auf dem Markt umspringen wollen. Denn Sprache ist insofern ein faszinierendes Markt-Produkt, als sie nicht nur selbst in Teilen oder als ganzes Paket im Handel ist, sondern auch dazu dient, die anderen Produkte zu beschreiben, anzupreisen, aber auch zu hinterfragen. So gesehen ist sie omnipräsent, wenn auch nicht unverzichtbar. Ein arachaischer Handel kann durchaus auch mit anderen Verständigungsmitteln als mit Verbalsprache zustande kommen, wie die meisten wissen vom Feilschen auf Märkten in Ländern, deren Sprache wir nicht beherrschen.

2. Brainstorming
Wir fanden herrliche Kandidaten für die Spitzenplätze wie:

2.1. Aristoteles' Satz vom Widerspruch: "A kann nicht zugleich A und nicht A sein"
Wir postulieren munter das Gegenteil: A ist sogar zwingend aus der Warte jeder wahrnehmenden Entität etwas anderes, auf jeden Fall nicht identisch mit dem von einer anderen Entität als 'A' qualifizierten. Die Verwirrung ist nach Einstein & Co. noch grösser: es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, ob 'A'. D.h. der eine nimmt 'A' wahr, der andere nimmt nicht einmal etwas Differierendes, sondern überhaupt nichts wahr und bestreitet die Existenz von A, die für den ersten Wahrnehmenden vielleicht lebenswichtig, lebensentscheidend, von zentralster Bedeutung ist. Aristoteles war ein schrecklich kluger Mann und ich bin der letzte, der ihm schnöde Diskursmachtmissbrauchsabsichten unterstellte, aber - das schleckt wohl keine Geiss weg - sein seit bald 2500 Jahren nachgebeteter Satz vom Widerspruch ist die Basis des absoluten Wahrheitsanspruchs und damit das Credo jedes Fundamentalisten, aller Ideologen, aber auch aller Theologen, Politiker und leider auch einer allerdings im Schwinden begriffenen Kaste von Wissenschaftern, die rumkrakeelen, sie und nur sie hätten die absolute Wahrheit gepachtet. Der Satz macht natürlich durchaus Sinn als Spielregel, als Festsetzung innerhalb von Modellen. Aber Modelle sind nie absolut, sondern eben Spiele, Theorien, Systeme, Ordnungen. Da ist völlig freie Bahn für Regeln, selbstverständlich auch für solche wie den Satz vom Widerspruch, der den Satz der Identität (A = A) und das 'Tertium non datur - Prinzip (Etwas kann nur A oder Nicht-A sein, ein Drittes gibt es nicht) im Schlepptau nach sich zieht. Die Willkür der Spielregelsetzung findet ihre Grenze allenfalls an den Regeln übergeordneter Modelle wie z.B. einer Rechtsordnung, die allerdings nur übergeordnet ist, wenn sie auch die Macht hat, ihre Regeln durchzusetzen bzw. den Willen zur Macht (Nietzsche lässt grüssen). Diesem Willen gebricht es z.B. den schweizerischen Anwendern der Rechtsordnung gegenüber den hierarchisch klar untergeordneten Spielregeln religiöser Gruppierungen, die hier leben, wenn sie z.B. ihre Gesetzgebung plötzlich ändert und damit widersprüchlich macht, indem sie das klar tierschutzwidrige Ausblutenlassen lebender, unbetäubter Tiere (koscheres Schlachten) plötzlich wieder erlaubt, nur um irgendeiner Minorität irgendwelche religiös hochgejubelte Spiele möglich zu machen. Was ist denn der Unterschied zur soeben von mir gegründeten Sekte, deren höchstes und heiligstes Ritual ab sofort das Ausblutenlassen tierquälender Menschen wäre, selbstverständlich ohne sie zu betäuben? Fehlt mir der Verweis auf ein dickes mindestens ein paar tausend Jahre altes Buch? - Damit wären wir beim faulsten Trick, mit dem man auch die schrägsten Regeln für unverzichtbar und sakrosankt - eben für absolut - erklären kann: man behauptet, es sei in einer 'Heiligen Schrift' festgtehalten und die habe selbstverständlich der Privatgott eben dieser Gruppe persönlich zu Papyrus gebracht. Mit diesem Kitsch-Trick kann man unglaublich viel erreichen und ich warte nur darauf, dass sich die Aristoteliker zu einer Sekte zusammenschliessen und mit verbieten, ihren grossen Guru zu kritisieren. Wie gesagt, nichts gegen den Satz vom Widerspruch im Schach: der weisse Läufer links kann nur der weisse Läufer links sein, er ist mit sich selbst identisch. Es gibt nur schwarze Figuren und weisse - tertium non datur. Wunderbar und kein Problem, ausser diese Regeln würden für allgemeinverbindlich erklärt. Wäre blöd für den roten Läufer im Walde - es gäbe ihn gar nicht. Übrigens: wer sich gerne noch ein bisschen ausgiebiger mit mir und meinen frotzelnden Ansichten zum heiligen Satz des heiligen Aristoteles vom unheiligen Widerspruch herumbalgen möchten: Hier mehr (Kapitel 4). Und falls Sie mir widersprechen möchten, nur zu: tertium datur!

2.2. Descartes 'Cogito, ergo sum'
'Ich denke' oder vielleicht besser 'ich zweifle, also bin ich'. Was Descartes meditierend zu erkennen wähnte, nachdem er ganz konstruktivistisch und grundwissenschaftlich fast auf das Niveau östlicher Weisheitslehren aufstieg mit der Relativierung dessen, was wir gemeinhin 'die Wirklichkeit' nennen, ist eigentlich relativ banal. Er sagte sich, wenn auch alles unsicher ist, wenn man auch die Existenz von allem anzweifeln kann, so ist doch ein Einziges gewiss: Ich verfüge jetzt in diesem Augenblick über die subjektive Sicherheit, dass ich gerade damit beschäftigt bin, zu zweifeln. - Da wird ihm niemand ernsthaft widersprechen, nur die Schlüsse, die er bzw. seine Epigonen aus diesem alltäglichen Erlebnis zogen, reizen zum Widerspruch. Denn er klammerte die Subjektivität dieser Sicherheit aus, die das Wissen um das eigene Denken bzw. Zweifeln zu einem genau so relativen und beschränkt gültigen 'Seienden' macht wie jede äussere Wahrnehmung. Denn es gelingt uns nicht einmal eine einzige andere Entität von der absoluten Richtigkeit der Behauptung zu überzeugen, dass wir jetzt gerade etwas dächten oder bezweifelten. Im Gegenteil, die Unsicherheit bezüglich eines geistigen, nicht äusserlich manifesten Prozesses im Innern einer Entität ist ja viel grösser und demenstprechend ist es viel schwieriger, irgend eine andere Entität dafür zu gewinnen, an die Existenz unseres Gedankens zu glauben als an äusserlich mit den Sinnen erfahrbare Wahrnehmungen. Natürlich bleibt auch hier die Existenznegationsmöglichkeit bestehen - dazu braucht es nicht einmal das spektakuläre Beispiel der Auschwitz-Lügner. Wir kennen es aus unserem Alltag, dass es viele Wahrnehmungen gibt, von denen wir nicht einmal unsere allernächsten Mitwesen überzeugen können. Dies mag man bejammern, ich sehe eher die positiven Seiten: denn wenn ich einen Zaun um mein Grundstück ziehe und alle Entitäten rundherum ersuche, die Existenz dieser Abgrenzung zu respektieren - und dann mitansehen muss, wie sich weder Schnecken noch Sonnenstrahlen noch Pflanzen an diese Aufforderung halten, kann ich erkennen, dass Wahrnehmung immer und zwingend mit Bedeutungsgebung, mit Interpretation verbunden ist. Eine Schnecke mag einen Bogen kriechen um meinen Zaunpfahl, mag also dessen physische Existenz noch anerkennen, aber die Bedeutung, die ich ihr beimesse als Symbol, das sämtliche von mir nicht autorisierten Entitäten von meinem Grundstück fernhalten soll - die lässt die Schnecke schlicht ausser Acht, sie nimmt sie nicht wahr, sie interessiert sich einen Deut dafür und - würde ich sie noch darauf aufmerksam machen, würde sie wohl die Existenz dieser Bedeutung in Abrede stellen. Angenommen, sie wäre eine ganz weise Schnecke, würde sie mich vielleicht mitfühlend darauf aufmerksam machen, dass die Spielregel, die ich mit dem Zaun aufgestellt habe, für sie nicht gelte, da sie in einem andern Spiel spiele, in einem andern Modell lebe als ich.
Das Üble in der Rezeptionsgeschichte dieses Satzes von Descartes ist aber vor allem, dass er als Grundlage diente, um den Geist - als einzig sicher Existierendes - vom Leib, der vielleicht nur illusionären Körper-Maschine, abzutrennen. Unterdessen wurden natürlich die Fronten in diesem 'Leib-Seele-Problem', wie es von Insidern genannt wird, immer wieder gewechselt und es gab durchaus auch ab und an Stimmen, die diese Abtrennung für hanebüchenen Blödsinn hielten. Zur Zeit ist aber eher die Ansicht im Trend, es gebe gar keine Seele und auch keinen Geist, sondern nur Materie. Das, was wir als Geist oder Seele so geheimnisumwittert verehrt hätten, sei nichts anderes als das Resultat biochemischer Prozesse. Ich würde hier gern eine Schlaufe zur Kausalitätskritik einlegen, da dieses Beispiel so schön zeigt, wie fragwürdig es ist, wenn man aus lauter Kausalitätsversessenheit alle anderen Verknüpfungen zwischen Entitäten bzw. Prozessen ausser Acht lässt oder marginalisiert und aus einer Entsprechung - wie z.B. hier der Entsprechung zwischen inneren, geistig-seelischen, und äusseren, körperlichen Prozessen, eine Kausalverknüpfung konstruiert und nicht einmal bemerkt, wie willkürlich man dem einen das Etikett 'Causa' bzw. 'Ursache', dem anderen das etwas weniger begehrte Label 'Wirkung' oder 'Folge' aufklebt. Noch bei Platon war die Etikettierung umgekehrt, für ihn waren die Ideen, die geistig-seelischen Inhalte das wahre Wirkende, und die körperliche Form war nur eine Folge, eine Wirkung, eine physische Manifestation des metaphysischen Inhalts. Heute ist die Mode gegenläufig. Ich halte beides für Quatsch und statuiere statt der plumpen, immer etwas einseitigen und schwarz-weissen Kausalrelation eine dialogische Entsprechung, eine Interdependenz, einen wechselseitigen Interkonnex zwischen Inhalt und Form, d.h. Änderungen auf der einen Ebene finden ihre Entsprechung auf der andern Ebene, aber ohne dass das eine das andere kausal verursacht. Diese Sicht entspricht auch der Quantenphysik, wo z.B. die Eigenschaften von Teilchen nur beobachtet und gemessen, aber nicht kausal erklärt werden können, wo aber die Entsprechung zwingend ist, wo also ein kausal nicht decodierbarer, aber nichtsdestotrotz zwingender Zusammenhang zwischen Teilchen besteht, sobald man sie beobachtet bzw. misst. Die Quantenphysik wurde zum Teil von ihren eigenen Entdeckern als verrückt bezeichnet. Verrückt ist dies aber nur aus der Sicht dessen, für den Kausalität die einzig zulässige Verknüpfung zwischen Wahrnehmungen ist. Wenn wir die Entsprechung mit Analogie und Dialogie dazunehmen, verlieren die Erkenntisse der Quantenphysik ihre 'Verrücktheit' und finden sich mit Systemen, die lange als unwissenschaftlich verschrieen wurden wie der Astrologie und der Homöopathie. Nur ein Kausalitäts-Freak meint, die Astrologie behaupte so sagenhaften Unsinn wie eine kausale Wirkung der Sterne auf unser Verhalten oder gar unseren Charakter. Jeder Astrologe weiss, dass es sich um analoge Abbildungen, um Entsprechungen handelt, um Messinstrumente, genau so wie ein Thermometer die Temperatur eines Raumes nicht erzeugt, sondern nur misst und abbildet. Auch die Homöopathie ist keine Kausal-Therapie, sondern ein auf Entsprechungen, auf dem Simile-Prinzip aufbauender Ansatz der - ähnlich der Quantenphysik - die Information und die 'Wirklichkeit' viel stärker verbindet, als alle kausalen Modelle, in denen Information nur die Bedeutung hat, uns den Hammer zu nennen, mit dem wir dann auf das Ding einschlagen, um eine kausale Wirkung zu erzeugen. Die homöopathische Information hingegen ist gleichzeitig die Wirkung, die Wirklichkeit, aber eben nicht im Sinne einer Kausalkette, sondern im Sinne einer Entsprechung. Genauso ist es mit dem Verhalten kleinster Teilchen in der Quantenphysik: zwei verschränkte Elektronen beispielsweise agieren synchron auch auf weite Distanz, ihr Verhalten entspricht sich, keines ist Causa für das Verhalten des je anderen. Der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger geht sogar soweit zu behaupten, der Grundbaustein des Universums sei nicht Materie, sondern Information. Wer nur in Kausalketten denken kann, stellt sich dabei vor, dass die Information z.B. eines homöopathischen Prinzips im Rezipienten etwas Bestimmtes auslöst, kausal bewirkt, das dann irgendwann zu einer sicht- oder spürbaren Veränderung führt. Aber das ist bloss eine für den Kausalitätsgeschädigten schmackhaft gemachte Anpassung, denn der Ansatz ist eigentlich akausal. Das in einer potenzierten Form eingenommene Homöopathikum entspricht - wenn es richtig gewählt wurde - dem Prinzip, das beim Patienten nicht im Gleichgewicht ist und hat eine Erinnerungsfunktion wie eine Mahnung, die uns ins Haus flattert und die auch nicht konkret den Zahlungsvorgang bewirkt, sondern uns nur daran erinnert, dass irgendwo ein finanzieller Ausgleich noch nicht geschaffen ist. Tätig werden müssen wir schon selbst, genau so wie der Patient des Homöopathen, dessen Energiekörper die Botschaft erhält, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Der Unterschied zu allen klassischen, kausal direkt auf den Körper einwirkenden Systemen ist offensichtlich, denn dort hat der Patient nichts mehr zu tun ausser zu gehorchen und zur befohlenen Zeit das vorgeschriebene Medikament einzunehmen. Klassische Schulmedizin macht - wie alle geschlossenen Kausalsysteme, unmündig. Doch genug der Kausalitätskritik, wir driften sonst von unserem Jagdziel ab. Wer sich allerdings gerne noch etwas mit Kausalität herumschlägt, kann sich - hoffentlich nicht ganz ohne Vergnügen - mit den Denk-Aufgaben 406 und 407 aufs Ofenbänkli setzen.

2.3. Nietzsches 'Gott ist tot'
Dass der Pastorensohn da pubertierend etwas über die Stränge und den Hausherrn gleich tot schlug, wäre ja mit der im modernen Strafrecht üblichen Nachsicht zu verzeihen gewesen. Auch wenn er nur den weissbärtigen Kindergott der monotheistischen Religionen ins Aus befördert hätte, wären wir ihm mit wohlwollendem Verständnis begegnet. Aber leiderleider zielte der zwar blitzgescheite, aber ebenso neurotische Herr Nietzsche weiter und wollte tatsächlich gleich die ganze Metaphysik abschaffen. Dass er anstelle des toten Gottes den idealisierten, nicht realen Übermenschen einsetzte, hätte ich sogar als originellen Einstieg zu schätzen gewusst und als Grundlage benutzt, um zur pantheistischen Idee von 'Gott ist in allem' zurück zu finden. Ich hätte den Übermenschen einfach als Etikett für das Göttliche, das in jeder Entität schlummert, gelesen und der ganzen Theorie bestimmt etwas abgewinnen können. Aber Flachmaler Adolf hat uns die Suppe arg versalzen mit dem konkreten germanisch-arischen Übermenschen, bei dem er nicht unbedingt die 'göttlichsten' Seiten zum Blühen brachte, sodass der Terminus 'Übermensch' zum 'Unterwort' degenerierte und seither im Tartarus der nicht gesellschaftsfähigen 'Unwörter' schmort. Doch die Wirkung von Nietzsches Todesanzeige Gottes ging weit darüber hinaus und bescherte uns mehrere Generationen hochdepressiver Jammerzapfen, an der Welt verzweifelnder Existenzialisten, aber auch Weltmeister des Hasses, die leider jeweils vor ihrem völlig einleuchtenden und meinerseits immer mit grösstem Verständnis bedachten Suizid sich noch zu möglichst vielen Manifestationen ihres Weltschmerzes, ihrer Weltverachtung und ihres abgrundtiefen Selbst- und Welthasses hinreissen liessen. Wenn man all der Wort und Bild gewordenen Negativität die einfache Spiegelmetapher entgegenhält und postuliert, dass wir für unsere Wahrnehmungen und ihre Bewertung selbst verantwortlich sind, fallen die gewaltigen Tonnagen von Welt-Anklage mit einem ausradierenden, aber auch irgendwo witzigen Plumps auf ihre Autoren zurück. Sie haben aus meiner konstruktivistischen Weltsicht nur die ganz bescheidene Bedeutung, die Befindlichkeit, das Innere ihrer Autoren zu offenbaren. Und da kann man ja als moderner Konsument einfach auf die 'Delete'-Taste klicken und sowohl ihnen wie dem 'Gott-ist-tot' - Muezzin Nietzsche wünschen, dass der von ihnen totgesagte Gott ihnen gnädig sein möge. Ich bin davon überzeugt, dass er dies ist, und zwar genau in dem Augenblick und in dem Mass, wo sie ihn wieder als Entität in sich entdecken. Das ist ja das Schöne an der hier vertretenen pantheistischen Gottesvorstellung, (die natürlich wie jede Gottesvorstellung auch ein Blödsinn, eine simplifizierende, unzulässige Reduktion ist), dass wir dieses unvorstellbare göttliche Prinzip, diesen Energievektor, der uns Richtung All-Einheit schiebt, gar nie verlieren können. All das Geschrei, er antworte nicht, er zeige sich nicht, oder eben - noch dramatischer - man habe ihn verloren, ist aus dieser Sicht überflüssig und irrelevant, da wir zwar garantiert unser Körperfahrzeug und auf eigenen Wunsch auch jederzeit unser Ich loswerden können, aber nie das 'Göttliche in uns'.

2.4. Sartres 'L'enfer c'est les autres'
Literaturwissenschaftlich korrekt müssen wir natürlich anfügen, dass dies nicht der Philosoph und Autor Jean-Paul Sartre direkt der Welt kundtut, sondern dass es der Dramatiker Sartre eine seiner Figuren im Theaterstück 'A huis clos' sagen lässt. Mildernde Umstände gibt es auch angesichts des Erscheinungsjahrs 1943. Aber das Sätzchen gefiel uns deshalb so gut, weil es den bereits beschriebenen Mechanismus der Schuldprojektion aufs Schönste und Schärfste auf den Punkt bringt. Das Böse, die Hölle, alles Schlechte wird projiziert auf die Welt, auf die Objekte, auf das Du. Die Projektion wird nicht zurückgenommen, der psychologische Spiegel 'Welt' nicht durchschaut, genau so wie es andere Entitäten gibt, die den mechanischen Spiegel nicht durchschauen und dem widerlichen Typen, der sie aus dem Spiegel anschaut, eins in die Fresse hauen. - Geht man von der Spiegelfunktion der von uns selbstgebastelten Welt aus, ist all unser weltverbesserndes Getue im Aussen nicht viel schlauer.

2.5. De Gaulle's 'L'état c'est moi'
Letzte Zuckungen des patriarchalischen Weltbildes, des Selbstverständnisses überdrehter Macho-Männer, das fast entlarvend, angesichts der langen Nase - im Volksmund ja immer schon eine Analogie zum männlichen Geschlechtsteil - fast schon auf der Kippe zum 'Herzigen' stehende Potenz-Gehabe eines Pubertierenden, der erstmals ein Erektiönlein hat. Und doch, für alle, die im Umfeld solcher Despoten leben, ist es natürlich nicht nur 'herzig' und darum kam der Satz, der stellvertretend für ein paar tausend Jahre Dominanz einseitig männlicher 'Werte' steht, in die engere Auswahl. Aber wenn man ihn ganz wohlwollend liest, kann man auch eine gewaltige Verantwortungsbereitschaft herauslesen. Da ist einer, der übernimmt die Verantwortung für alles, was geschieht in diesem Staat, auch für alles, was misslingt. Diese Übervater-Verantwortung finden wir bei vielen Despoten zumindest als Element der Motivation, überhaupt an die Macht gelangen zu wollen, die dann aber meist marginalisiert wird oder ganz verschwindet angesichts der unglaublichen Anstrengungen, deren es bedarf, um an der einmal errungenen Macht zu bleiben.

2.6. Haiders 'Österreich den Österreichern'
Wir hätten ebenso gut einen Ausspruch Le Pens oder eines anderen rechtsextremen Politikers hernehmen können. Die Aussprüche sind sich ja beim Thema Fremdenhass sehr ähnlich. Haider koppelte seine Fremdenfeindlichkeit aber so deutlich an das politische Spiel mit der Angst, setzte auch sein durchaus attraktives Äusseres, sein Charisma für sein Machtstreben ein, dass er für uns oben aus schwang. Auf Wahl-Plakaten sah man ihn in den 90-er-Jahren im Handwerker-Arbeitsüberkleid mit Arbeitern scherzen. Darunter hiess es: "Er sagt, was alle denken" - Dann wurde aber, PR-mässig geschickt, nicht wiederholt, was 'alle denken'. Der Rezipient des Plakats konnte sich dies selbst ergänzen in der seinem geistigen Niveau entsprechenden Sprache, z.B. "Raus mit den Dreck-Ausländern, die unsere Steuergelder verjubeln, unsere Frauen vögeln, uns die Arbeit wegnehmen..." oder, etwas gepflegter, aber inhaltlich keinen Deut weniger fremdenfeindlich: "Das Boot ist voll, es ist wirtschaftspolitisch unklug, noch mehr Asylbewerber aufzunehmen und überhaupt, die Integration ist gar nicht anzustreben, unsere nationale Identität, unsere Kultur wird sonst verwässert..."

3. And the Winner is: 'Machet euch die Erde untertan' aus der Genesis

3.1. Sakrosankte Texte?
Das inoffizielle Motto der Inquisition: 'Christus oder Kopf ab' hätte uns auch in den Kram gepasst, ist aber leider so salopp nirgends verbrieft - und es geht hier ja doch nicht einfach um Taten oder Haltungen, sondern um die Wirkung konkreter Sätze. Das Rennen machte deshalb schliesslich der Passus aus der Genesis 'Machet euch die Erde untertan', ganz knapp vor den 10 Geboten aus dem Alten und dem 'Unser Vater' aus dem Neuen Testament. Rein äusserlich ist das vielleicht etwas delikat, da für viele die Bibel generell und das 'Vater unser'-Gebet speziell in einem unreflektierten Sinne als 'Wort Gottes' gelten, als direkt vom höchsten Throne 'ex cathedra' verkündete Wahrheiten, die damit der Kritik entzogen sind. Obwohl die so Denkenden zum Glück in unserer Kultur nicht über eine Guillotinen-Macht verfügen und wir nicht mit Sanktionen wie dem islamischen Bann rechnen müssen wie weiland Salman Rushdie mit seinen satanischen Versen, ist gerade diese Eigenschaft der Unantastbarkeit, der Nicht-Kritisierbarkeit eines Satzes ein besonderer Grund, ihn ins Visier zu nehmen. Denn durch diese Sonderstellung kann ein Satz besonders nachhaltig, besonders langfristig wirken und hat die Chance, sich tief ins Unterbewusstsein seiner Empfänger einzugraben. Wir kennen das von eigenen Sprechgewohnheiten oder von sich wiederholenden Sätzen bzw. Satzteilen von Menschen aus unserem Umfeld. Wenn ein Berner Kollege nach jedem zweiten Aussagesatz das stereotype 'es isch eso' anhängte, so gab das seinen Feststellungen ein Gewicht, das sie bei näherem Hinsehen gar nicht verdienten. Doch seine Partnerin war während Jahren fasziniert von dieser unerschütterlichen Sicherheit auch in banalsten Alltagsfragen, die sich in diesem für mich leicht nach Fundi riechenden Anhängsel Ausdruck verschaffte.

3.2. Die 10 Gebote und das 'Unser Vater'
Nach 'Du sollst…' kommt - so stellten wir frotzelnd fest - eigentlich regelmässig Quatsch, Pharisäer-Gelabber, pseudo-ethischer Kitsch, zumindest dann, wenn kein Modell-Rahmen für die moralinschwangere Formulierung angegeben ist. Wenn in einer Anleitung zum Zusammenschrauben eines IKEA-Büchergestells steht: "Du sollst zuerst die Verstrebung befestigen", dann können wir locker damit umgehen, da der Kontext, der Geltungsanspruch beschränkt und völlig klar ist. Dann ist 'du sollst...' nur eine ungeschickte Formulierung für das, was in jedem Rezeptbuch 'Man nehme...' heisst. Es geht dann nur um die Postulierung von Zusammenhängen der Art: "Nach unserer Erfahrung hat sich gezeigt, dass man am effizientesten zum Ziel eines stabilen und konzeptkonformen Büchergestells kommt, wenn man....". Wenn aber in ethischem Zusammenhang die ganze Menschheit angesprochen wird und ohne Einschränkung des Rahmens im Stile absoluter Wahrheitsverkündung 'Du sollst...' - Sprüche zum Besten gegeben werden, ist der Fundamentalismus nicht weit.
Den Vogel abgeschossen mit dummen 'Du sollst…-Sprüchen' hat unseres Erachtens in der abendländischen Tradition die Bibel und innerbiblisch machen das Rennen wohl die zehn Gebote und das 'Vater unser' bei dem schon der Titel ein Schwachsinn erster Ordnung ist. Ohne auch nur das Hirn zu strapazieren, rein in der Gegenüberstellung von Bibel-Zitaten kommen wir in Kürze in gewaltige Widersprüche, und zwar nicht etwa in pingelig marginale, sondern in gröber grundsätzliche. Der Titel des von vielen Christen als DAS Gebet hochgejubelten Textes - 'Unser Vater' (gebräuchlich als Titel) bzw. 'Vater unser' (gebräuchliche Übersetzung des Beginns) - evoziert ein patriarchalisches Gottesbild, aber vor allem ein BILD! – und im ersten der zehn Gebote heisst es " Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht."
Tja, von Naturwissenschaft und Fernsehen hält dieser Gebotsschreiber offensichtlich wenig, dafür umso mehr von Foucault und der Macht des Wissens, der Macht des Diskurses und des Bildes. – Aber wenn man - immer im Sinne der Vermutung, dass ein Sender einer Botschaft im Zweifelsfalle etwas Sinnvolles in die Lüfte fahren liess - dem ersten Gebot etwas halbwegs Kluges abgewinnen will, könnte man das mit dem Bildnis konkret auf Gott beziehen und extrahieren: 'Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen'. In dieser Kurzfassung wird der Satz auch von christlichen Theologen zitiert und ausgelegt.
Abgesehen von der bereits kritisierten, Mei-mei-fingrigen 'Du sollst…'-Formulierung gibt das inhaltlich durchaus etwas her, aber so losgelöst von jeglicher pädagogischen Hilfe ist es m.E. eine völlige Überforderung des 'Users' dieser religiösen Software. Sagen Sie mal in irgendeinem Umfeld, man solle sich von irgendetwas keine Vorstellung machen – es wird nicht nur nicht klappen, sondern sogar den kontraproduktiven Effekt haben, dass alle, die noch nie an X dachten, sich noch nie ein Bild von X – z.B. einem rosaroten Krokodil – gemacht hatten, nun plötzlich ein Bild im Kopf haben, das sie nicht mehr loskriegen. Östliche Religionen sind da bedeutend pädagogischer und sorgfältiger. Der Buddhist lernt in jahrelanger Meditationspraxis, sich die Leere, das Nichts vorzustellen bzw. den entscheidenden Schritt zu machen und sich auch nicht 'Nichts' vorzustellen, sondern die Vorstellung abzuschalten. Er geht den steinigen Weg vom Leerbild zu gar keinem Bild. Die Anhänger der monotheistischen Religionen wie Juden, Christen, Mohammedaner haben es da bedeutend schwerer. Es wimmelt von Geschichten in ihren 'Heiligen Schriften', die verschiedenste konkrete Vorstellungen hervorrufen, vom zornigen Jahwe, der sich u.a. im brennenden Dorn- oder fundamentalistischen George-Bush zeigt, über den sich in drei Teile aufspaltenden dreifaltigen Christengott – eine vorstellungsmässig und logisch delikate Operation, da der Oberbegriff 'Gott' mit einem der drei Unterbegriffe 'Gott-Vater' weitgehend identisch ist und die Abkoppelung des 'Heiligen Geistes' auch nicht etwa bedeutet, dass Vater und Sohn geistlos oder unheilig wären – bis zum Kriegsherrn Allah, der seinen Schäfchen einen Fensterplatz im Himmel zusichert, wenn sie im 'Heiligen Krieg' schön die Richtigen mörderlen und sich selbst dabei nicht schonen. Eine Gottesvorstellung übrigens, die dem jüdischen, der die Ägypter ersaufen liess und dem christlichen, der als Rechtfertigung für die terroristischen Kreuzzüge und die Inquisition herhalten musste, nicht unähnlich ist, also bitte nicht allzu schamlos mit dem Finger gen Arabien zeigen und 'Pfui!' schreien.
Und jetzt also der 'Vater' – ein einseitiges Bild. Nicht nur die Selektion des Geschlechts, sondern auch die Rolle innerhalb einer 'Familie' wird da evoziert. Das ist verständlich, naheliegend, aber doch reichlich selbstbezogen und machohaft. Bereits der frühe Religionskritiker Xenophanes von Kolophon (ca. 570-475 v.Chr.) spottete über die Selbst-Spiegelung von Wesen in ihrem Gottesbild: "Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker,
blauäugig und blond.“ (Fragment B16). Als Anwender dieser Technik der Selbst-Spiegelung kommen für Xenophanes durchaus auch Tiere in Frage. Er zieht die Grenze noch nicht so blasiert eng wie die Juden und Christen, die sich als 'Krone der Schöpfung' missverstehen. Xenophanes: "Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade ihre Form hätte." (Fragment B11)
Die Kirchenfrommen werden mir böse sein, aber ich nehme doch sehr an, dass die Bibel – zumindest all die Stellen, die von Gott als einem 'Vater' sprechen – von Männern verfasst wurde, von Machomännern, mit Verlaub.
Den nächsten Bibel-Widerspruch finden wir in den zehn Geboten, einem Sammelsurium von machtpolitisch und diskursmachttheoretisch doch reichlich plumpen Verhaltensregeln. Wir versuchten, einige Sätze zu zerklauben, z.B. das fünfte Gebot:

3.3. Du sollst nicht töten
Das klingt ja zuerst einmal recht freundlich. Hätten wir nicht Friede, Freude, Eierkuchen, wenn keine Entität eine andere abmurksen würde? Doch so lapidar das Gebot scheint, birgt es doch Konfliktstoff: Um zu wissen, was 'töten' bedeutet, müsste man klären, was 'Nicht-Totsein' bzw. 'Leben' heisst. Darüber kann man trefflich streiten: Lebt ein Stein? Ein Berg? Die Erde? Ein Traum? Der Plan Ihres Hauses? - Der Hardcore-Biologe schreit natürlich 'Nein!' und reduziert Leben auf Organisches. Da haben wir aber immerhin noch alle Einzeller und Kleinstlebewesen mit im Boot und sausen mit voller Fahrt in einen deftigen Widerspruch mit dem bereits oben zitierten Satz aus der Genesis, der wohl das grösste Schlamassel auf dem blauen Planeten mit bewirkt hat: "Machet euch die Erde untertan!" – Und wie soll denn das gehen ohne zu töten? Was sollen wir denn machen, wenn irgendein Viech oder eine Pflanze oder einer, der nicht zum auserwählten Gottesvolk gehört, sich nicht freiwillig 'Untertan-machen' lässt? Ein bisschen einsperren, ein bisschen fölterlen oder nicht am besten gleich töterlen? – Aah, es kommt also darauf an, wer wann wo wen umlegt, das mit dem 'Du sollst nicht töten' ist nur so eine allgemeine Richtschnur und es gibt reihenweise Ausnahmen, ja es gibt viel mehr Ausnahmen als es Regelfälle gibt, denn wenn man das Verhalten der unter diesem Gebot stehenden Juden- und Christenheit in den letzten gut 2000 Jährchen anschaut, so wurde im Namen Gottes so ziemlich alles abgemurkst, ausser den wohlgefälligen regel- und sektentreuen Kumpanen, und auch die wurden jeweils nur solange geschont, wie sie dem aktuellen Machthaber gerade nützlich waren. Wobei auch Päpste und andere Religionsfürsten durchaus auch einmal eines unnatürlichen Todes sterben konnten, wenn sie irgendwelche Regierungstendenzen zeigten, die dem Machterhalt der Kirche in den Augen anderen mächtiger Männer abträglich waren. Sie wurden vielleicht nicht so häufig ermordet wie US-Präsidenten, bei denen es zeitenweise fast schon zur Regel gehörte und der 'unnatürliche' der natürlichste Tod dieser Spezies war, aber es gab sogar in jüngster Vergangenheit Kirchenhäupter, deren Amtszeit in Tagen gemessen werden konnte. Nicht nur die Revolution, die zur Macht drängt, frisst ihre eigenen Kinder, auch die Machterhaltung schreckt vor Opfern in den eigenen Reihen nie zurück. Denn Kampf-Kumpane können sich - sobald der äussere Feind in seinem Blute liegt - sehr schnell in die Haare geraten, zum Teil wegen haarsträubender Wichtigkeiten wie der Frage, ob das komische Backplätzchen und der billige Clevner, der beim Abendmahl im fröhlichen Bazillenbecher rundrum gereicht wird, nun bloss Symbol für das Blut oder echtes Blut des 'Herrn Jesu' (schon wieder ein Mann!) sei. Sie glauben es kaum – ausser Sie gehörten selbst einem dieser beiden Totschlagvereine an – aber das reicht schon - heute noch! - um sich umzulegen, um sich über Jahrhunderte zu befehden, und zwar nicht nur so verbal, sondern mit Schwert, Gift und Bomben. Eine feine Sache, diese innerchristlichen religiösen Auseinandersetzungen, und alles immer unter dem gemeinsamen Dach dieser 10 intelligenten Sätze, die mit 'Du sollst' beginnen. Dabei wird ja ständig gefressen und gesoffen und behufs dessen werden Tiere und Pflanzen millionenfach auf achtloseste Weise malträtiert und industriell gekillt. – Zur Ehrenrettung darf angefügt werden, dass leben ohne töten gar nicht funktioniert, auch wenn man 'leben' auf Organisches reduziert. Mit jedem Schritt töten wir Kleinstlebewesen und sogar faul in der Matratze liegend zermalmen wir schnucklige Mitbewohner-Milbelein. Auch der superstrenge Obergigamega-Vegationaner, der nur noch Nüsse und Früchte futtert, killt organisches Leben: seine Magensäure macht kurzen Prozess und löst das oben Reingestopfte brutal auf: Mörder! - Jedenfalls wenn man den oben postulierten weiten Begriff von 'Leben' zugrunde legt.
Nur: man könnte ja bei den bis auf ein paar versoffene Museumsexemplare ausgerotteten Indianern in die Schule gehen und 'achtsam töten', das Wesen, das man behufs eigenen Weiterlebens sich einverleiben will, anfragen, ob es einverstanden sei, die Familie des Häuptlings 'Roter Plattfuss' zu ernähren. – Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es nur darum plausibel zu machen, dass der Satz 'Du sollst nicht töten' im Widerspruch zu anderen Bibelsätzen und zur ganzen Geschichte des Juden- und Christentums steht – und dass er auch losgelöst von der Bibel minimal undifferenziert, maximal von hanebüchener Blödheit ist. Anständige Rechtsordnungen sind da bedeutend differenzierter und errichten unterschiedliche Modell-Gebäude, in denen das Töten unter ganz klaren Bedingungen mit bestimmten Folgen verknüpft wird. Sie sagen nicht: "Du sollst nicht…", sondern versuchen, eine generalpräventive Wirkung zu erzeugen, indem sie das Töten, das in der betreffenden Kultur als nicht gerechtfertigt erscheint, mit einer entsprechenden Strafe verknüpfen. Darin mag man auch ein 'Du sollst..' erblicken, aber es ist frei von jeglichem Kitsch und Pathos. Gerade weil dieselbe Rechtsordnung meist viele Ausnahmen statuiert, in denen das Töten legitimiert (z.B. Notwehr), ja sogar gefordert und belohnt wird (Krieg, verseuchte Tiere, als Schädlinge gestempelte Tiere wie früher Krähen, Maikäfer etc.), und weil sie weiss, dass es oft winzige graduelle Unterschiede sind, die dieselbe Tat legitimieren oder unter Strafe stellen, vermeidet die Juristensprache in der Regel rhetorische Pathetik und überlässt diese den Politikern und den Pfaffen.

3.4. "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus"
Immobilienhandel und Statussymbol-Pflege Ade! Von Kapitalismus verstand der gute Schreiberling wenig bis gar nichts, von Psychologie auch nicht. Denn der ganze Markt basiert natürlich nur ganz marginal auf der Deckung der lebensnotwendigen Bedürfnisse – wobei schon die Diskussion, was da darunter gehöre, ein abendfüllendes Thema wäre – sondern zum ganz grossen Teil auf der Motivation, sich Anerkennung zu verschaffen durch vorzeigbaren Besitz. Gerade die Nutzlosigkeit, die Abkoppelung von jeglicher 'Lebensnotwendigkeit' verschafft dieses von vielen unter letztem Einsatz angestrebte Ziel, zu den 'Schönen und Reichen' zu gehören, mehr zu haben als die 'Normalos' – und vor allem mehr als der Nachbar, der Bruder, der 'Nächste'. Dass der Schreiber dieses Gebots das Geheimnis des kapitalistischen Urparadoxons 'personal vice – public benefit' noch nicht durchschaute, dass nämlich dank dieser vielleicht nicht sehr ehrenwerten Anerkennungs- und Besitzgier für Unzählige Arbeit und Mehrwert geschaffen wird, dass der grossteils idiotische Konsum eben auch das Lebensnotwendige für die weniger Begüterten auf den Tisch zaubert, sei ihm verziehen. Die HSG St.Gallen stand ja noch nicht. Aber dass er so wenig vom Begehren verstand, kann ich kaum glauben und ich komme beim 10. Gebot gleich zu meiner Verschwörungstheorie:

3.5. "Du sollst nicht deines Nächsten Weib begehren"
Gibt es wohl einen Satz, der schon für mehr Theater gesorgt hätte als dieser? Von einer Weltfremdheit, einem Mangel an Menschenkenntnis zeugend – oder vielleicht gerade umgekehrt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Machomann so dumm sein konnte, diesen Satz je in dem Sinne ernst zu meinen, dass er es irgendwie für realistisch hielt, dass irgendwer sich an dieses 'Gebot' hielt bzw. dass es überhaupt möglich sein sollte, ihm nachzukommen. Denn alle Beteiligten wollen das Gegenteil: ALLE! Das mit dem Begehren ist eine perfekte Win-win-win-Situation und gleichzeitig der wohl stärkste Motor des freien Marktes. Denn dass die Frau selbst begehrt werden will und vieles bis alles tut, damit dies auch der Fall ist und sie möglichst lange und von möglichst vielen begehrt wird, ist derart offensichtlich, dass es kaum einer weiteren Begründung bedarf. Da ich aber selbst die grösste Freude an sich begehrenswert machenden Frauen habe, liefere ich gerne eine nach: Frau will – wie jedes sich als abgetrennt von der Ganzheit, vom Rest der Welt wahrnehmendes Wesen – erkannt und anerkannt werden. Und sie hat, wenn auch in vielleicht etwas weniger starkem Ausmass als der Mann, das Bedürfnis, sich zu verewigen. Diese beiden Bedürfnisse kommen zusammen im sich begehrenswert Machen für potenzielle Schwängerer: Jeder Mann, der auf die Signale der Frau mit Begehren reagiert, erkennt sie, gibt ihr Anerkennung und ist ein potenzieller Kindermacher und damit ein potenzieller Verewiger ihrer Gene. Also ist es verständlich, dass die Frau ihre Anerkennungsbemühungen, ihre Signale 'Bin ich nicht begehrenswert?' weniger an Kopfsalate, Hausspinnen oder Grosstanten, sondern eher an Männer richtet, die in Frage kämen als Schwängerer. Dass der bereits gefangene und als Zeuger benutzte Ehemann nicht mehr so sehr in den Genuss dieser Bemühungen kommt, sondern eher mit der abgeschminkten Lockenwickler-Tränensack-Ruine vorlieb nehmen muss, ist zwar auf den ersten Blick ebenfalls verständlich, unter langfristiger Perspektive aber unklug, da die Ehefrau ja nicht allein auf dem Markt ist und ihn mit dieser Vernachlässigung empfänglicher macht für die Bemühungen ihrer Konkurrentinnen. Wenn sie hingegen geschickt agiert und sich sowohl dem Ehemann wie möglichst vielen potenziellen Schwängerern begehrenswert macht, gewinnt sie nicht nur Vorteile für den Fall, dass der Ehemann vorzeitig das Zeitliche segnen oder sich sonst aus dem Staube machen sollte, sondern auch jede Menge Spass und Lebenslust. Das wäre also das erste 'Win'. Der zweite Gewinner, der von dem 'Begehren des Nächsten Weibes' profitiert, ist natürlich der Begehrende selbst. Denn dass Begehren ganz grundsätzlich etwas mit Lebenslust zu tun hat, merkt man spätestens dann, wenn es einem völlig abhanden kommt. Der Depressive zeichnet sich dadurch aus, dass er gar nichts mehr begehrt, nicht einmal mehr, nicht depressiv zu sein. Er isst nicht, trinkt nicht, freut sich an nichts mehr, kuckt keinem Rock mehr nach – Gute Nacht, dann ist wirklich Matthäi am Letzten. Natürlich gibt es auch das Gegenteil, Leute, die sich in ihren Begehrlichkeiten derart verlieren, dass sie eben 'Loser' und nicht mehr 'Winner' sind. Aber es geht nicht um die beiden Extreme, sondern um den riesigen Teil dazwischen, um alle die, die das vergnügliche Spiel des Begehrlichmachens und Begehrens mit einer gewissen Lockerheit spielen. Denn es sind natürlich immer beide, die beide Rollen spielen können – etwas, was dem weltfremden Geboteschreiber offenbar nicht aufgefallen zu sein scheint. Der Mann hat genau so seine Möglichkeiten, sich begehrenswert zu machen und die Frau begehrt genau so gern wie der Mann.
Der dritte Winner ist der Ehemann der sich begehrenswert Machenden und von Aussenstehenden Begehrten. Denn genau das gibt ihm den Kitzel, den Ansporn, das Anerkennungsgefühl: "Alle begehren sie, aber sie ist bei mir!". Die Labilität dieses Zustandes, die Möglichkeit, dass sich das Blättchen wenden könnte, dass einer der Begehrenden Erfolg haben könnte, spornt ihn auch an, sie immer wieder zu erobern, sich selbst begehrenswert zu machen. Und die Unsicherheit, die Möglichkeit des Scheiterns, der Niederlage gehört ganz archetypisch zum Spiel, auch zum Mann-Frau-Begehrspiel, zum Lebensspiel überhaupt. Wie auch Foucault in einem seiner späten Texte zur Macht ("Subjekt und Macht". 1982) erkennt, gehört die Widerborstigkeit der Freiheit als zwingender Gegenpol zur Macht, die Möglichkeit des Widerstandes dessen, den Macht unterwerfen, botmässig machen will, gehört notwendig zum Erlebnis, aber auch zum Begriff der Macht, die ohne dieses Element zur nackten - und banalen - Gewalt degeneriert. Macht ausüben kann man laut Foucault nur über jemanden oder etwas, das grundsätzlich die Möglichkeit hat, sich zur Wehr zu setzen, sich widerborstig zu zeigen, sich der Macht zu entziehen. Die den bereitgestellten Fleisch-Napf leerfressende Katze übt keine Macht aus, nur Gewalt. Erst wenn sie mit der lebenden Maus spielt, die immer wieder ein paar Schritte davonrennen kann, ist es Macht. Das Langweilige an der Ehe ist die Sicherheit, und genau die gilt es zu torpedieren, teilweise aufzuheben durch das Begehr-Spiel, das alle Beteiligten in allen Rollen spielen. – Dies mit einem pseudo-ethischen 'Du-sollst…'-Spruch verbieten zu wollen, ist nun – so meine These – zu dumm um wahr zu sein, deshalb behaupte ich, dass die echte Motivation des schlitzohrig-machomafiosen Gebote-Autors eine ganz andere war: Er wollte Macht ausüben, und zwar Macht über ein möglichst grosses Kollektiv, ein Volk oder noch besser eine Völker übergreifende Religionsgemeinschaft. Unter diesem Aspekt wird der Satz plötzlich genial. Wenn man ihn dann noch mit verfeinernden Macht-Massnahmen wie der Beichte in Zusammenhang bringt, wird er echt macchiavellistisch. Was ist denn das beste und einfachste Mittel, um möglichst vielen Menschen ein schlechtes Gewissen einzujagen? Ihnen das zu verbieten, was das Natürlichste der Welt ist und was alle Beteiligten wollen: "des Nächsten Weib und Haus begehren". Das wirkt aber erst, wenn die Sanktion für die Übertretung des Gebots genügend grauslich ist. Und hier beginnt das Machtspiel mit der potenziellen Widerborstigkeit. Es geht nun darum, diejenigen, die man unter seiner Macht haben will, so in die Religionsgemeinschaft einzubinden, dass man sie mit der Drohung des Verlustes der Gnade Gottes oder des Fensterplatzes im Himmel oder sonst was Fürchterlichem so einschüchtern kann, dass sie das Verbotene zwar nicht etwa bleiben lassen – weil sie es schlicht gar nicht können, da es archetypisch und mithin höchstens verdrängbar ist – aber dass sie tatsächlich ein schlechtes Gewissen kriegen und dafür zu Kreuze kriechen, gestehen, beichten, bezahlen, gehorchen. Das war ein machtstrategischer Trick der Kirche, der immerhin rund 1500 Jahre lang recht gut funktioniert hat, eine unternehmerisch-politische Meisterleistung. In den letzten dreihundert Jahren haben sich immer mehr Segmente aus dem anvisierten Zielpublikum ausgeklinkt, zeigten sich widerborstig, stiegen aus dem Teufelskreis aus, aber bis heute sind es immer noch viele Millionen Schäfchen, die den Zirkus mitmachen und ein gewaltiger Rest, der zwar nicht mehr den ganzen Mummenschanz mitspielt, aber immer noch an die ethische Relevanz des Sprüchleins glaubt, eine Relevanz, die er natürlich immer nur innerhalb des konstruierten Modells hatte. Wenn man schon Ethik ins Spiel bringen will, dann könnte man ja postulieren, es sei anstrebenswert und vorbildlich, das Begehr-Spiel gut, fair, witzig zu spielen, so, dass es eben für möglichst alle Beteiligten eine Win-win-Situation bleibt. Aber so zu tun, als spiele man es gar nicht, ist im besten Fall naiv-dumm, im häufigeren Fall verlogen - von Ethik sehe ich keine Spur.

Und die klugsten Sätze?
Wir wollen das Böglein ja nicht überspannerlen und zwischendurch zeigen, dass es neben diesen hier ansatzweise zerpflückten Sätzen mit nachhaltiger Entmündigungswirkung doch auch schrecklich kluge Sätze gab in der Geistesgeschichte, die wir aber behufs dieser Suche auf das Morgenland ausdehnten. Nur, so unsere Feststellung in heiterer Runde, konnten wir bei diesen Hochwert-Sätzen bedeutend weniger nachhaltige Wirkungen ausmachen als bei den miesen, von denen wir ja erst einige wenige unter die Lupe genommen haben. Wir bilden uns nicht ein, dass wir durch die Promotion dieser Sätze hier an dieser Stelle die Nachhaltigkeit wesentlich beeinflussen könnten, aber vielleicht ein ganz klitzekleines Bisschen? Wir werden der folgenden, hier als Appetit-Häppchen mit Ergänzungswunsch aufgelisteten Auswahl eine spätere Denk-Aufgabe widmen.

"Im Anfang war das Wort [...] und das Wort ward Fleisch"
(Bibel, Neues Testament, Johannes-Evangelium 1.1 und 1.14)

"Wie oben so unten - wie innen so aussen
(zweiter Satz der Tabula Smaragdina, die Hermes Trismegistos zugeschrieben wird)

"In dieselben Flüsse steigen wir hinab und nicht hinab, wir sind es und sind es nicht, denn in denselben Strom vermag man nicht zweimal zu steigen."
(Heraklit; Fragment B12)

Be the change you wish to see in the world
(Mahatma Gandhi)
Charakter + Zeit = Schicksal
(Thorwald Dethlefsen; Schicksal als Chance)

e = mc2
(Albert Einstein)

Erst die Beobachtung legt fest, was für Eigenschaften ein Teilchen hat
(Anton Zeilinger, österreichischer Quantenphysiker)

Die Subjekt-Objekt-Spaltung ist eine sinnvolle Fiktion, die von allen Entitäten im Jetzt durchschaut und damit aufgehoben wird.
(Axiom meiner Glücks-Philosophie; ja, ich weiss, etwas grossspurig nach all den Heroen der Geistesgeschichte, aber was solls, es ist ja nur meine Auswahl und übertriebene Bescheidenheit wurde mir bislang selten vorgeworfen ;-))

Wer etwas nicht will, findet Gründe
Wer etwas will, findet Wege
(aus China)

Die Denk-Aufgabe für Sie, verehrte Leserinnen und Leser, könnte darin bestehen, Ihren Umgang mit Sprache, mit der Macht, die über Sprache ausgeübt werden kann, mit schmunzelnder Gelassenheit zu prüfen, sich vielleicht mit Gleich- oder noch besser mit Andersgesinnten auszutauschen, unsere wild-willkürliche Auswahl sowohl der 'dümmsten' wie der 'klugsten' Sätze zu ergänzen, zu widerlegen oder ausnahmsweise zu bestätigen und - das Wichtigste - bei aller intellektuellen Sprachkritik nicht im rationalen Modus stecken zu bleiben, sondern immer wieder zu versuchen, sowohl Sprache wie alternative Kommunikationsmittel auch suprarational, also emotional, intuitiv, ganzheitlich wahrzunehmen und wirken zu lassen. Lassen Sie zum Schluss doch zum Beispiel folgenden Satz des mittelalterlichen Theologen und Philosophen Nicolai de Cusa auf der Zunge zergehen und setzen Sie ihn neben die angeprangerte Nietzsche-Behauptung 'Gott ist tot'. Leider liegt mir der Satz nicht im lateinischen Original, sondern nur in einer englischen Übersetzung vor, die allerdings zu schön ist, um weiter ins Deutsche übertragen zu werden:

"The nature of God is a circle of which the center is everywhere and the circumference ist nowhere"

 

Ich freue mich, von Ihnen zu hören (079 430 57 67) oder zu lesen: info@marpa.ch