Denk-Aufgabe 610 vom 11.10.2006

 

Vom Umgang mit Absolutheitsansprüchen

 

Vereine, Parteien und religiöse Gruppierungen

Nur schon das Nebeneinanderstellen dieser drei Begriffe kann provozierend sein - erst recht aber die Reihenfolge. Falls sich im Sack eines braven Kirchgängers also bereits beim ersten Untertitel ein Fäustchen bilden sollte, wäre das ganz im Sinne des Verfassers. Sinn dieser Denk-Aufgabe ist tatsächlich, den Umgang der Rechtsordnung mit den Absolutheitsansprüchen seitens dieser drei Arten menschlicher Kollektive herauszuarbeiten und daraus ein paar ganz konkrete Schlüsse zu ziehen. Den für mich wichtigsten pappe ich gleich in eine These:

Ideelle (d.h. mehr als nur ökonomische, familiäre oder geographisch-lokal konstituierte) menschliche Kollektive wie Vereine, Parteien und religiöse Gruppierungen sollten von der Rechtsgemeinschaft bezüglich ihrer Absolutheits-Ansprüche gleich behandelt werden.

Etwas schärfer formuliert, sodass auch die Stossrichtung klarer wird: Keine Sonderbehandlung religiöser Gruppierungen gegenüber nicht-religiös motivierten Kollektiven.

Noch schärfer, aber aus einem leicht anderen Blickwinkel: Absolutheitsansprüche jedweden Inhalts und jedweder Trägerschaft verdienen nie den Sonderschutz der Rechtsgemeinschaft.

Aus dieser letzten Formulierung könnte man dann auf die Aufgabe der Rechtsgemeinschaft schliessen, allerdings mit der gebotenen Vorsicht gegenüber ex-negativo-Schlüssen: Zu den zentralen Aufgaben der Rechtsgemeinschaft gehört es, ihre Mitglieder gegenseitig vor Absolutheitsansprüchen anderer zu schützen.

Damit wäre der Schwarze Peter zugewiesen, das Feindbild des Autors ausgeleuchtet: die Absolutheitsansprüche! Da zieht doch wieder mal einer mit absolutem Anspruch gegen die absolut bösen Absolutheistansprüche zu Felde? - Weit gefehlt. Ganz so leicht gehe ich nicht in die selbst gestellte Falle. Absolutheitsansprüche sind etwas Urmenschliches wie Besitzgier, Mordlust und Angst. Sie weghaben zu wollen, zu verdrängen oder gar mit absolutistischem Eifer zu vernichten, wäre infantil und zeugte vom geistigen Niveau der Inquisition. Aber das Gemeinsame an diesen vier menschlichen Typizitäten ist, dass die meisten Weisheitslehren ihre Überwindung als anstrebenswert bezeichnen. Wenn ich also einer Rechtsgemeinschaft empfehle, ein Modell zu schaffen, in dem diese vier mehrfach miteinander verbandelten Arten, auf die Welt loszugehen, zwar nicht verhindert, aber doch so in Schranken gehalten werden, dass für eine möglichst grosse Zahl der Mitglieder der Rechtsgemeinschaft Leben und Entwicklung möglich bleibt, so will dies ein weiser Rat sein, ein Rat, der zu einer weisen Rechtsgemeinschaft führen soll.

Ideelle menschliche Kollektive?

Der erste Stolperstein auf dem Weg zur Plausibilisierung dieser These ist die Bezeichnung 'ideelle menschliche Kollektive'. Da ich ja um die Missverständlichkeit jeglicher verbalsprachlicher Kommunikation weiss und trotzdem ebendieses Kommunikationsmittel fröhlich weiter benutze, bemühe ich mich, das Gemeinte auch durch Ausschlüsse einzugrenzen. Zuerst fallen einmal alle ökonomisch orientierten Kollektive, also Handelsunternehmen aller Art, aus dem Fokus, obwohl man natürlich auch den Handel ideell, ja sogar fanatisch, fundamentalistisch betreiben kann. Aber der Hauptgrund für den Ausschluss dieses Bereichs ist, dass ich der Ansicht bin, es existierte in diesem Bereich bereits eine sehr aufmerksame und umfangreiche Gesetzgebung, die stetig bemüht ist, sowohl absolutistischen Ansprüchen einzelner Giganten wie fundamentalistischen Tendenzen ganzer Branchen entgegen zu wirken.

Dann sind auch Familien, Sippen, Quartiere, Dorfgemeinschaften, Kantone, Länder, Nationen oder Gemeinschaften wie die EU oder die USA nicht gemeint, da sich vor allem die grösseren der erwähnten Gemeinschaften ja selbst das für sie geltende Regelwerk verpassen. Staaten sind insofern Ansprechpartner der These, als sie rechtssetzende Instanzen sind, aber nicht direkt selbst als gemeinte Kollektive, die in ihrer Eigenschaft als ideelle Zusammenschlüsse möglichst gleich behandelt werden sollten. Mir geht es nur um die Gleichbehandlung innerhalb einer Rechtsordnung. Falls es je so etwas wie eine weltweite rechtssetzende Instanz geben sollte, würde diese natürlich zum Ansprechpartner.

Mit 'ideell' meine ich den Fokus, unter dem ich die Kollektive betrachte. Man kann die angesprochenen Kollektive durchaus unter verschiedensten materiellen Aspekten betrachten (z.B. steuerlich, haftungsrechtlich usw.), mich interessiert aber der immaterielle, geistige oder eben ideelle Bereich und innerhalb dieses Bereichs ist rechtlich vor allem relevant, wo die Freiheit der nicht zu einer bestimmten Gruppierung Gehörenden tangiert wird, z.B. durch Absolutheitsansprüche, die sich dann durchaus wieder materiell-konkret auswirken können. Ob ein Kaninchenzüchter behauptet, die 'Donaublauen' dürften nur in blauem Donauwasser bei lebendigem Leibe ertränkt werden, ob ein rechtsextremer Parteigänger findet, alle nicht-weissen Tiere müssten ausgerottet werden oder ob einer sich auf sein religiöses Bekenntnis beruft, wenn er befindet, dass er nur bei lebendigem Leibe ausgeblutete Tierleichen konsumieren könne, so sind die Hintergründe dieser Ansprüche immer 'ideell', fussen auf meist irrationalen bis hirnverbrannten Ideen, Sichtweisen. Als Schranke wäre in den genannten Beispielen - falls in der entsprechenden Rechtsordnung überhaupt vorhanden - die Tierschutzgesetzgebung zu nennen, die natürlich auch gegenüber dem ökonomisch orientierten Schlachthof oder Tierheim Geltung beansprucht, aber mir geht es hier ganz speziell um die ideell motivierten Ansprüche, die meist ohne die geringste demokratische Kompromissbereitschaft einher segeln.

 

Absolutheitsansprüche

Doch zurück zum Kern des Themas: Es geht also um die Absolutheitsansprüche, die sehr häufig von religiösen Gemeinschaften, oft auch von politischen Parteien und eher selten von Vereinen gestellt werden. Konkret äussern sich diese Ansprüche in Aussagen wie "Es gibt nur einen einzigen Gott, nämlich den unsrigen" oder "Es gibt nur einen Weg (in den Himmel, zum Ausweg aus der politischen, wirtschaftlichen, sozialen Misere, zum Glück, zur Erleuchtung etc.), nämlich den unsrigen bzw. den von unserem Religionsstifter, Staats-, Partei-, Vereinspräsidenten, Guru (oder wie auch immer der entsprechende Oberjehudi betitelt wird) eingeschlagenen". Wer für ein grösseres Kollektiv mitverantwortlich ist – und für die Schweiz als Rechtsgemeinschaft sind das z.B. alle Stimmbürger – sollte hellhörig sein auf alle Formulierungen dieser Preislage. Am harmlosesten ist es im Bereich der Werbung. Hier ist man sich Übertreibung und Lüge gewohnt und es wird kaum einer den Absolutheitsanspruch eines Produkte-Anpreisers ernst nehmen. Genau so locker könnte man ja mit dem Geplärr von Vereinsheiris, Politikern und Muezzins aller Farben umgehen: einfach nicht ernst nehmen, als Werbe-Blabla beiseite schieben und zur Tagesordnung übergehen. Eigentlich eine gute Sache – nur besteht die Gefahr, dass man da die Rechnung ohne den Wirt macht. Der klitzekleine, aber bedeutsame Unterschied liegt nämlich darin, dass auch der Werbefritz selbst es gar nicht ernst meint mit dem geäusserten Absolutheitsanspruch. Sogar der Hakle-Werber weiss, dass man seinen Hintern durchaus auch mit etwas anderem sauber kriegt. Ja der Verdacht besteht, dass die Bico-Matratzen-Werber dank des guten Verdienstes und Gewissens auch auf Strohsäcken in einen 'tüüffa, gsunda Schlooff" fallen usw. Leicht anders ist es da bereits mit vielen Partei-Ideologen. Wenn man so menschlich Schwerstbehinderten wie Berlusconi zuhört oder – in helvetischem Kleinformat – eines Äbiglis den Fehler macht, sich von einem skurrilen Museumswärter wie Mörgeli das Tägli verderben zu lassen, dann beschleichen einen schon Zweifel, ob es sich da noch um Werber handle, die bewusst übertreiben und ihre Produkte mit absoluten Formulierungen an die Spitze des (Meinungs-)Marktes bugsieren wollen – oder ob die am Ende den unsäglichen Stuss glauben, der ihnen aus den Lefzen quillt? Ist Letzteres der Fall, kann es delikat werden, wenn man sie nicht ernst nimmt. Ihre Reaktion ist kaum so berechenbar wie diejenige des Werbetexters, der bei ausbleibendem Erfolg seines absoluten Sprüchleins einfach ein neues brünzelt, bis er eins ausgegoren hat, das einschlägt, eben einfach DEN Spruch (Absolutheitsansprüche können so simpel daherkommen: DER Gott, DER Weg, DAS Bier, DIE Brille).

Wenn es aber einem Mörgeli dämmern sollte, dass ihn das Abendland nicht ernst nimmt, dass man in ihm nicht die aufgehende Sonne, sondern eher den untergehenden letzten KZ-Aufseher sieht, dann könnte er überreagieren. Und da politische und religiöse Machtströmungen meist interferieren und sich überlagern, ist der Schritt vom fundamentalistischen SVP-Politiker zum fundamentalistisch-religiös verbrämten US-Präsidenten und von dort in einem Hupferl zu den Ayatollahs, Popen und Päpsten. Das Gemeinsame aller Fundis ist die meist exorbitante Humorlosigkeit und die damit einhergehende Hypersensibilität bezüglich anderer Meinungen. Wer es wagt, eine andere Ansicht als die ihrige zu haben, ist bereits ein Kritiker und damit ein Feind und vor allem ein Lügner – eine völlig logische Kette, wenn man von der absoluten Gültigkeit der eigenen Meinung ausgeht. Aus dieser humorlosen Hypersensibilität gegenüber jeglicher Meinungsabweichung, die eben als Abweichung von der absoluten Wahrheit interpretiert wird, folgt fast zwingend eine Überreaktion, die hochexplosiv und Vernunftargumenten nicht zugänglich ist und bei geringstem oder auch ohne weiteren Anlass zur altbekannten Aufschaukelung der Aggressionen führt, die sich in einer materiell orientierten Welt dann gern in einem veritablen Krieglein entlädt.

 

Absolut gegen die Absolutheitsansprüche?

Achtung, jetzt nicht in die Falle fallen und all die erwähnten Termini mitsamt ihren Vertretern und Folgen zum Feindbild erklären und von der Erdoberfläche tilgen wollen. Sonst betreten wir den sausenden Zirkel, der sich schon seit Menschengedenken in kapriolesker Fahrt dreht: der Friedenskämpfer führt Krieg gegen den Krieger, der doch auch nur den Frieden – seinen Frieden – erkämpfen wollte. Der die absolute Wahrheit gefunden Habende kämpft ebenfalls mit dem Schwert gegen die Lügner,die sich alle auch im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und die wieder andere Lügner bekämpfen, unter anderem natürlich den anfangs erwähnten die absolute Wahrheit gefunden Habenden. Der Humorvolle verliert angesichts der vielen Humorlosen den seinigen und haut ebendiesen als humorlos Enttarnten seine Schellenkappe über die Rübe, worauf selbige diese Hauerei höchst humorlos finden und ihrerseits zur Waffe greifen – bis der Humor völlig ausstirbt, weil man beim Hauen nicht gut Lachen kann, da man lachend nicht trifft, weil ja das Zwerchfell wackelt.

 

Versöhnung mit dem Abgelehnten

Es ist also nicht Feindbild-Basteln, sondern Versöhnung angesagt. Und die klappt erfahrungsgemäss am besten, wenn man die Eigenschaften, die zum Feindbild zu werden drohen, bei sich selbst entdeckt, sie ankuckt und auf massvollen Einsatz testet, auf Ausbalancierungsmöglichkeiten. Gleichzeitig empfiehlt es sich, die positiven Eigenschaften oder Zielwerte kritisch zu hinterfragen. Und siehe da, Humor ist wunderbar, aber bitte nicht immer und in jeder Lebenslage dieser Sauglattismus. Wer Humor und Lachen absolut hochwertet, wird zur Strafe 24 Stunden am Stück inmitten einer Horde kichernder Puebertier-Girls an einen Pfahl gefesselt. Er ist garantiert geheilt und sehnt sich nach Ruhe, Ernst und Stille, ja lieber will er die nächsten 24 Stunden auf dem Friedhof verbringen als noch länger diesem dümmlichen Gequietsche ausgesetzt zu sein. Und wer jeglichen Humor verachtet, weil die Welt ja eine so furchtbar ernste Sache ist, der wird in einen Raum verfrachtet, wo lauter Typen – in der Regel Männer – rumsitzen, die sich furchtbar wichtig nehmen. Das kann das Dozentenzimmer der St.Galler Hochschule, ein Workshop mit Fredmund Malik, die psychologische Abteilung der Uni Zürich, aber auch das Leitungsgremium der UBS oder sonst einer sich furchtbar wichtig fühlenden Grossbank sein oder vielleicht das Büro von Bundesrat Couchepin – einfach zu Leuten, die vor Eitelkeit fast platzen, die sich so eminent bedeutend fühlen, dass da einfach kein Platz mehr ist für Anflüge von Humor. Dem unsichtbaren Gefesselten wird wahrscheinlich derart speiübel, dass er den Ort gegen alles tauschen würde oder zumindest mit der Nadel reihum gehen und all den Aufgeblasenen die Luft ablassen möchte. – Wenn er allerdings schon ein hohes Mass an Gelassenheit erreicht hat, kann er sich selbst in dieser Situation königlich amüsieren: Gibt es etwas Lächerlicheres als Männer, die sich aufspreizen und das Rad schlagen? Ist es nicht auch irgendwie kindlich-herzig, wie sich alle bemühen, bedeutend zu sein, Spuren zu hinterlassen, wo doch der Wind allen Eindruck verweht, den wir dem Erdboden einpressen wollen? Ein Augenzwinkern Gottes später sind all die Eitelfratzen noch seniler, noch dementer, noch hinfälliger als sie es jetzt schon sind. Wozu also die Aufregung? Lassen wir die Bubis 'Ich bin der Wichtigste' spielen, solange sie es noch können. Sind wir denn selbst gefeit davor? Geniessen wir es nicht auch, wenn uns – unserem eitlen Ego – Anerkennung entgegen gebracht wird? Wenn wir als Experten für was auch immer um Rat gefragt werden? Geniesst nicht jede Mutter die Phase, wo das Kind resolut verkündet "Nur Mami darf!"?

Wenn wir auf der psychologischen Ebene das Bemühen um Ich-Profilierung, die Anerkennungssucht des sich abgetrennt Vorfindenden verstanden und auch bei uns selbst entdeckt haben, wenn wir erkannt haben, dass auch diesbezügliche Übertreibungen durchaus zur natürlichen Entwicklung eines Wesens gehören, können wir uns auch leichter aussöhnen mit den zu solchenEntwicklungsphasen gehörenden Absolutheitsansprüchen. Sie entspringen derselben Unsicherheit, derselben Angst, nicht erkannt und anerkannt, nicht genügend ernst und für voll genommen zu werden. Und wie bei allen Handlungen aus Angst erreicht man das Gegenteil des Angestrebten: Wer noch absolute Ansprüche stellt, wird von denen, die bereits über diese Entwicklungsphase hinaus sind, als Unreifer, als Kindergärtner erkannt und gerade deshalb noch nicht für voll genommen, noch nicht als Erwachsener anerkannt. Man nimmt ihn ernst, so wie man Kinder ernst nimmt, die im Brustton der Überzeugung erzählen, sie hätten selbst herausgefunden, dass zwei und zwei vier sei. Denn der Knirps hat es ja wirklich gefunden, entdeckt, hat die Addition begriffen – das ist ein Erlebnis, und wenn er im Glückstaumel dieses Erlebnisses die Hilfe von aussen ausblendet und nur seinen eigenen Beitrag ins Licht stellt, so ist das völlig entwicklungskonform mit 6 Jahren. Nur: Viele Menschen verhalten sich auch mit 70 noch so, und da wird es etwas anstrengender. Aber die Zeit ist bekanntlich eine relative Grösse, und was wissen wir denn, eine wie junge Seele in dem 70-jährigen Körper steckt?

Ich glaube, wir fahren nicht schlecht, wenn wir mit Absolutheitsansprüchen umgehen wie mit den ihnen zugrunde liegenden Ängsten: Es handelt sich um urmenschliche, verständliche, wenn auch für das Umfeld – und letztlich auch für den, der sie hat bzw. stellt – unangenehme und in einer gesunden Entwicklung letztlich zu überwindende Erscheinungen. Wenn wir als Gemeinschaft ein Rechtsordnungsmodell aufstellen, müssen wir also das Wohl des ganzen Kollektivs im Auge behalten und schauen, wie wir den Einzelnen bzw. den Subkollektiven ihre Ängste und Absolutheitsansprüche belassen, damit sie sich daraus heraus entwickeln können, andererseits die Mitglieder gegenseitig vor den Auswüchsen der Ängste und Absolutheitsansprüche der je anderen schützen.

 

Relativer Schutz vor Absolutheitsansprüchen

Die Crux mit den Absolutheitsansprüchen liegt darin, dass derjenige, der sie stellt, in der Regel zuerst einmal der einzige ist, der sie für absolut hält, dies aber selbstverständlich nicht sieht, und wenn er es noch sähe, könnte er es unmöglich akzeptieren, da sie ja dann ihre Absolutheit verlören. Es bliebe ihm nur noch der oft gewählte Weg, anzunehmen, die Welt sei noch nicht reif für seine Wahrheiten. Noch viel delikater wird es aber, wenn es sich bei den Ansprüchen – wie bei Produkten – um solche handelt, die auf fruchtbaren Boden fallen, um Meinungen, die gerade einem Trend entsprechen, die viele Anhänger finden. Sobald sich ein paar zusammen finden, die eine Ansicht teilen, was ja eigentlich etwas Schönes ist, ist der erste Schritt Richtung Fundamentalismus und Absolutheitsansprüche getan. Es lässt sich gut beobachten, wie neue Kollektive sich definieren in der Entstehungszeit. Meist beginnt es mit einem positiven gemeinsamen Ziel oder Inhalt: Wir wollen zusammen kochen, reiten, spekulieren, züchten, debattieren, eine Bank überfallen, meditieren, Geld verdienen, Macht ausüben, Stars werden etc.. Dann folgt meist eine Phase, wo der Unterschied zu den andern, die Grenze zu den nicht Dazugehörigen betont wird. Je primitiver die Struktur eines Kollektivs, desto schärfer werden diese Grenzen, desto mehr wird es zum Entweder-Oder, das sich zum Beispiel in dem häufig von Despoten geäusserten Dümmst-Sätzlein manifestiert: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Solange das nur Geplapper ist und noch nicht Drohung, kann man – aus der Sicht der Rechtsordnung – die Kinder weiter spielen lassen. Ich meine, dass ein demokratie-erfahrenes Volk wie die Schweizer mit der vom französischen Philosophen Michel Foucault als Schreckgespents hingestellten Diskurs-Macht einigermassen mündig umgehen kann, d.h. dummes Geplapper als solches erkennen und marginalisieren kann. Aber der Schritt vom Geplapper zu veritablen Machtakten ist ein kleiner und die Rechtsgemeinschaft hat hier achtsam zu sein und Schranken zu setzen – völlig unabhängig von der Provenienz und dem äusseren Anstrich des über sein Spielzimmer hinausplärrenden Kollektivs. Konkret: ob es ein Verein, eine Partei oder eine religiöse Gemeinschaft ist, die versucht, einen fundamentalistischen Furz konkret ausserhalb der Gemeinschaft durchzusetzen, ist völlig wurst, die Rechtsgemeinschaft hat allen übrigen Mitgliedern einen relativen Schutz zu gewähren. Aber auch innerhalb der Kollektive gelten die Regeln der Rechtsgemeinschaft: Das Strafgesetzbuch verliert seine Gültigkeit nicht an den Pforten irgendeines sakralen Raumes, einer Parteizentrale oder eines Club-Lokals. Zur Zeit werden die Legitimationsversuche für gesetzwidriges Tun noch unterschiedlich behandelt und – aus mir unerklärlichen Gründen – machen verschiedene Rechtsgemeinschaften vermeintlich aufgeklärter Länder nach wie vor einen Kniefall vor der faulen Ausrede religiöser Begründung. Wie wenn nicht jedweder Stumpfsinn religiös begründet werden könnte. Wenn mein absoluter Anspruch auf eine bestimmte (natürlich die einzig richtige!) Gestaltung oder Machart von Briefmarken vom Staat nicht anerkannt wird, solange ich als Präsident des Philatelisten-Vereins auftreten, so gründe ich einfach eine Sekte, ernenne das Zackige mit dem klebrigen Kern zu meiner Gottheit, das Sammeln, Hegen und Pflegen all der weitgereisten Postzeichen aller Länder zur ersten Pflicht der Gläubigen und das gemeinsame Betrachten der Sammlungen zum vereinigenden Ritual. Und wenn ich nun behaupte, dass mir Frohammed, Fluddha oder Brosames persönlich im brennenden George Bush verkündet habe, der einzig richtige Klebestoff für wahre Briefmarken sei einzig und allein Weinbergschnecken-Schleim, so erhöhen sich meine Chancen, die Einwände der Tierschützer zu übertönen, gewaltig. Ich könnte natürlich als Zwischenlösung auch eine Partei gründen und - wie dies die Autöli-Fäns hierzulande machten - eine Mixtur von Verein, Interessenpartei und Sekte gründen, die auf allen Ebenen für ihren absoluten Anspruch auf freies Frumsen bzw. klagloses Kleben kämpft. Und wem das zu harmlos-lustig ist: Hitler hat zwar nicht offiziell eine Religion begründet, aber sein Germanenkult, sein Judenhass, seine Absolutheitsansprüche, seine Weltherrschaftsgelüste, seine Endlösung etc. sind alles irrationale Elemente, wie sie ähnlich in den meisten Religionen vorkommen. Rassismus und Völkermord waren in den letzten zweitausend Jahren meistens religiös begründet oder wenigstens religiös verbrämt. Auch hier geht es nicht um eine Verteufelung der Religion, aber um ein In-Schranken-Halten, um einen relativen Schutz der Wesen, die nicht zu einem bestimmten religiösen Verein gehören. Es ist ganz ähnlich wie mit der Anti-Trust-Gesetzgebung, mit der Vermeidung von Monopolen in der Wirtschaft. Der Staat hat darauf zu achten, dass Pluralismus möglich bleibt – das gilt im Bereich geistiger Nahrung genau so wie bei physischer Nahrung.

 

Staatskirche ade

Mit dieser Sicht ist natürlich die Idee einer Staatskirche inkompatibel, die in den staatlichen Schulen die Jugend indoktriniert und ihre Erkenntnisse womöglich als absolute Wahrheiten verkauft. Eine Rechtsgemeinschaft kann, darf, ja muss sich immer wieder für Modelle entscheiden, die auf Axiomen beruhen, die hinterfragt werden dürfen. Genau darin besteht doch ganz wesentlich das Leben einer Demokratie, dass von allen Mitgliedern der Gemeinschaft der Anstoss nicht nur für eine Änderung im Geäst eines Modells, sondern auch für eine Debatte der Axiome kommen kann. Zu jedem Regulativ einer freiheitlichen Rechtsordnung gehören die Angaben, wie der betreffende Erlass angefochten oder geändert werden kann. Dies verträgt sich schlecht mit dem Wirkenlassen einer Staatskirche, die gerade dies in aller Regel nicht zulässt: die Infragestellung der Axiome. Zumindest im pädagogischen Bereich wurde ein Schritt in Richtung Offenheit und Meinungspluralismus getan, indem der staatskirchliche Indoktrinationsunterricht einer sachlichen Auseinandersetzung mit Religionen und Religiosität zu weichen beginnt.

 

Toleranz - oder: Vom mündigen Umgang mit Modellen

Weise Gesetzgebung weiss nicht nur um die Pluralität von Modellen, z.B. möglichen Gesetzen, möglichen Rechtsordnungen und Staatsformen, sie versucht auch, so gut wie möglich Freiraum zu schaffen für Menschen, die zwar innerhalb des Gesamtmodells wohnen und leben möchten, die aber in Einzelbereichen völlig quer zum Durchschnittsbürger liegen. So schafft sie auch im hier fokussierten Bereich Regeln, die nur gerade relativen Schutz vor Absolutheitsansprüchen anderer gewähren und appelliert an die Eigenverantwortung, an die Mündigkeit ihrer Mitglieder. In dieser Weisheit unterscheiden sich aber linke und rechte Politik erheblich. Das Menschenbild der rechten Seite ist erstaunlicherweise viel optimistischer: Hier geht man von einem mündigen, verantwortungsbewussten, selbständigen, autonomen Menschen aus, der weitgehend selbst entscheiden kann, was ihm frommt und was nicht. Auf der linken Seite herrscht die Vorstellung vom Menschen als Opfer, als schutzbedürftigem, hilflosem Wesen vor, dessen Bettchen und Arbeitsplätzchen samt Schnuller von Mami und Papi Staat hergerichtet werden muss, der vor sich selbst, vor allen Versuchungen, vor jedem Stolpern geschützt werden muss, ja er muss gegen eigene Torheit versichert sein. Eigentlich eine deftige Beleidigung für sich erwachsen fühlende Menschen. Ich meine, dass man das Menschenbild der rechten Seite favorisieren kann, ohne gleich alle politischen Postulate zu übernehmen.

Ich meine, dass unsere Rechtsgemeinschaft grundsätzlich von erwachsenen Menschen ausgehen kann, die mündig mit Modellen umgehen können, die sich vor allem bewusst sind, dass es sich nicht nur bei Nähmaschinen und Autos, sondern auch bei politischen und religiösen Bekenntnissen um Modelle handelt, um immer nur relativ gültige Aussagenkomplexe, die vielleicht für einen selbst oder für eine ganze Gruppe eine eminent wichtige Bedeutung haben – und doch nicht für die ganze Menschheit Gültigkeit beanspruchen können. Menschen, die auch wissen, dass sie in einem Rechtsordnungsmodell leben, das nicht allen alles Recht machen kann, das nicht die Wünsche jedes Vereins, jeder Partei, jeder Sekte erfüllen kann; Leute, die aus Erfahrung wissen, dass man sich in einem grösseren Kollektiv immer kompromissbereit zeigen muss; darunter sogar Menschen, die ihre Absolutheitsansprüche nur noch ganz privat für sich stellen, an sich selbst – und im Scheitern des Versuchs, sie zu erfüllen, immer wieder erkennen, dass sich Absolutheitsanspruch und Menschsein zwar anziehen, aber doch unvereinbar bleiben. Ausser es gelinge, sich in so absoluter Weise vom eigenen Ego zu trennen, dass die Vereinigung mit dem Selbst gelingt – ein Erlebnis, das die meisten von uns von so genannten Jetzt-Momenten kennen; Augenblicke, die als tiefes Glück oder höchste Form von Liebe erlebt werden. Dann bleibt nur die sophistische Frage, ob ein von seinem Ego völlig losgelöster Mensch noch Mensch sei, ob der Fall – oder der Aufstieg – in die Profillosigkeit, in die Einheit mit allem, was ist, uns völlig aus oder völlig ins Menschsein katapultiert. Einen solchen Zustand könnten wir als 'absolut', als 'losgelöst' bezeichnen – im wörtlichen Sinne des lateinischen Verbs 'absolvere'. Aber in einem solchen Zustand stellt das losgelöste Wesen auch keine Ansprüche mehr an andere, schon gar keine absoluten, ja es ist gar kein abgetrenntes Wesen mehr, da es ja eins ist mit allem, was ist.

Doch wir alle, die wir noch nicht so weit sind, die wir uns noch als Abgetrennte, als Unterscheidbare erleben, die wir noch Ansprüche stellen und uns mit Ansprüchen anderer konfrontiert sehen, tun gut daran, mit der Absolutheit achtsam umzugehen, sie in Schranken zu weisen, sowohl bei uns wie bei andern, und uns nicht blenden zu lassen von Tradition, vom Alter einer Idee und der Grösse der Gruppe, die einen absoluten Anspruch stellt. Ein stumpfsinniges Ansinnen bleibt ein stumpfsinniges, auch wenn es über tausend Jahre von Tausenden vertreten wird. Wenigstens soviel sollten wir aus der Geschichte der Kirche und von Adolfs tausendjährigem Reich gelernt haben. Mir hat noch nie jemand Eindruck gemacht, nur weil er etwas vertritt, was schon vor zweitausend Jahren vertreten wurde, nur weil er einen wohlklingenden Titel, haufenweise Kohle oder monströse Macht hat - aber ich lasse mich liebend gern von offenen Herzen und Weisheit beeindrucken, in Kinderaugen, in den Augen alter, glücklicher Menschen, ja, auch in Tiergesichtern, was viele Menschen wohl nicht verstehen können. Für die, die es nicht intuitiv erkennen, gibt es ein untrügliches Zeichen: Offene Herzen und Weisheit sind nie mit Absolutheitsansprüchen gepaart. Amen, bin ich versucht zu sagen, selbstironisch schmunzelnd...