Denk-Aufgabe 611 vom 9.11.2006

 

Wie hast Du's mit dem Glück?

Vortrag vom 8.11.06 im Torggel, Kreuzlingen

Das Glück ist ein altes Radio mit einem Drehknopf, mit dem man die Programme wählen kann. Und wenn in einem Programm nur Mord und Totschlag läuft oder nur Bumbum-Musik, dann dreht man ein klitzekleines Bisschen an dem Knopf, bis ein schönes Programm kommt. Also eins, das WIR schön finden. Weil es gibt natürlich Leute, die finden eben gerade Bumbum-Musik megagigageil und andere finden nichts spannender als Mord und Totschlag – und die hören natürlich weiterhin die Programme, denen wir mit einem ganz kleinen Dreh entkommen sind.

Jaja, werden Sie sagen, das ist kalter Kaffee, wissen wir längst, ABER – das grosse ABER! - das nette Radio-Bildli stimmt ja nur dort, wo wir wirklich wählen können! Und ganz vieles haben wir doch nicht gewählt. Haben wir denn all unsere Krankheiten, Misserfolge, Niederlagen, verunglückten Beziehungen, all unsere Schicksalsschläge GEWÄHLT?

Tja, wenn ich jetzt behaupte, wir hätten die Wahl zu finden, wir hätten das alles gewählt- oder zu finden, wir hätten das alles nicht gewählt, dann wählen Sie mich vielleicht gleich ab von der Bühne. – Ich tu's aber trotzdem. Nicht, weil ich als Held des Bodensees in die Torggel-Geschichte eingehen möchte, sondern weil ich mich seit geraumer Zeit überaus glücklich fühle und meine, das habe etwas damit zu tun, dass ich eines schönen Tages die Variante wählte, ich hätte samt und sonders alles – ohne Ausnahme – gewählt, was mir widerfährt. Ich ging sogar noch einen Schritt weiter und wählte die Triple-X-Version, bei der man alles, was man wahrnimmt, selbst zu verantworten hat. Alles, auch George Bush, auch den Terrorismus – aber auch die schöne Nachbarin. Das klingt nun eigentlich eher masochistisch und nicht nach leichtem Glück.

Der Reiz des Krummen
Wieso tat ich mir das an? Die Antwort ist ganz einfach: Ich hab's gern schwierig. Ich hab's gern um die Ecke. Ich liebte immer schon das Adjektiv, das Homer seinem Helden Odysseus verpasste: der Krumm-Denkende. Und als ich von Einstein und seiner Raumzeit-Krümmung hörte, juckte mir das Hirnlein im Kopfe vor Freude. Auch Riemann mit seiner Behauptung, es gebe gar keine Geraden sondern nur Ausschnitte aus Kreisbögen – das war ganz nach meinem krummen Geschmack. Seit ich ein kleiner Junge bin, ziehen mich auch die menschlichen Kurven bedeutend mehr an als alles Rechtwinklige, Kubische und Klein- oder Groß-Karierte.
Ich hab's aber nicht nur gern schwierig und krumm, ich hab's auch gern anstrengend – nicht nur, aber auch beim Denken. Ich liebe Hindernisse. Am liebsten natürlich schwierige. Und während über 15 Jahren machte ich eigentlich nichts lieber als über grausliche Gräben, Wälle, Tische, Klafterbeigen und ins Wasser zu hüpfen mit den Pferden. – Und das in einer Zeit, als überall Bücher erschienen, die versprachen, alles 'leicht' zu machen: Bengalisch kochen – leicht gemacht; Samba tanzen – leicht gemacht; Bomben bauen – leicht gemacht. Und laufend wurden Maschinen erfunden, die uns das Leben 'leichter' machen sollen. Und weil's dann so leicht war, wurden die Leute immer fauler und fetter und da brauchte es wieder neue Maschinen, mit denen sie sich – ganz leicht selbstverständlich – wieder leichter und fiter statt fetter trainieren konnten.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied
Da war ich so was von daneben mit meiner Lust am Schwierigen und Anstrengenden, dass ich mir glatt eine eigene Lebensphilosophie zusammenstellen musste. – Und jetzt kommt der grosse Witz: dieser Akt von Autonomie, dass ich mir selbst eine Philosophie zusammenschusterte, hat alles ins Rollen gebracht, was dann im mehrfachen Sinne zum Glück führte, von dem ich Ihnen heute erzählen möchte. Natürlich ist der Spruch steinalt, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied – und wer gerade einen riesigen Erfolg verbucht hat, zitiert den Satz auch gern. Aber haben Sie schon mal einen Geprellten, einen Pechvogel, einen Gehörnten, Konkursiten, Verlierer, eine Verlassene, Vergewaltigte, Verfolgte angetroffen, die sich als Schmied ihres Unglücks bezeichnete? – Wohl kaum. Da ist man Opfer und es werden Schuldige genannt, einzelne, aber auch ganze Kollektive wie die Gesellschaft, die Menschheit, das Ozonloch und das Schicksal. Bei frommen Zeitgenossen muss da auch mal Gott herhalten, der uns "prüft".

Um dieses zugegebenermassen lustige und zeitvertreibende Lieblingsspiel des Schuldverteilens prellte ich mich. Auch das ebenso action-geladene und leichenreiche Spiel "Wer hat absolut Recht?" – "Was ist die absolute Wahrheit?" ging natürlich in die Binsen. Aber ich war überzeugt, dass sich andere ebenso tolle Spielwelten eröffneten mit dieser riesigen Autonomie, der gewaltigen Freiheit, die mit dieser Verantwortung für die eigene Welt-Wahrnehmung einherging.

So weit, so gut. Wenn einer glücklich ist beim Spielen, so muss er das ja nicht weiter begründen. Der eine spielt gern Fussball, der andere reitet wie ein Gepickter durch Feld und Wald und der Dritte spielt 'Ich bin für meine ganze Welt selbst verantwortlich' –wir können doch jeden spielen lassen, ohne dass er sich rechtfertigen muss? – Ich war aber noch nicht so locker im Umgang mit Kausalität, dass ich nicht noch nach Argumenten für das suchte, was ich intuitiv als für mich stimmig empfand. Also suchte und fand ich natürlich Argumente für mein Modell, die ich Ihnen nun brühwarm serviere – auch wenn dies für einige unter Ihnen vielleicht gar nicht nötig wäre. Am besten kann man das Einleuchtende des Modells mit dem Licht erhellen.

Doppelnatur des Lichts
Vor Einstein konnte etwas nur entweder Materieteilchen ODER Welle sein, aber nicht beides. Einstein zeigte, dass dies zumindest beim Licht nicht der Fall ist. Denn je nach Versuchsanordnung kann man wunderschön beweisen, dass Licht aus Teilchen besteht oder eben das Gegenteil, dass es aus Wellen besteht. Das Entweder-Oder wich – zumindest beim Licht – dem Sowohl-als-auch, je nachdem WER WIE das Licht untersuchte. Doch bei dieser Relativierung der absoluten Wahrheit blieb es nicht. In der Quantenphysik wurde es dann noch schlimmer. Es konnte gezeigt werden, dass die Art des Sehens, des Untersuchens, des Beobachtens unvermeidbar nicht nur das Ergebnis der Wahrnehmung, sondern auch das Wahrgenommene beeinflusst. Mit der Energie, der Strahlung, den je nachdem kürzer oder länger-welligen Strahlen, mit denen man etwas 'ansieht', beeinflusst man nicht nur das Bild, sondern auch das Ding, das man ansieht, da es auf die Strahlung reagiert, mit der man es ansieht. Wir kennen das bestens aus den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Art, wie wir jemanden anschauen, kann den Angeschauten, die Angeschaute verändern, zu einer Veränderung veranlassen und wir können nicht mehr behaupten, die von uns angestrahlte SIE sei objektiv so, wie sie sich uns aufgrund unseres Blickes präsentiert. Umgekehrt kennen wir das genau so. Der hasserfüllte Blick verändert auch meistens den so Angeblickten. Nun meinte man lange, das seien Phänomene im Bereich des Subjektiven, Psychologischen, Eingebildeten. Mit der Quantenphysik zeigte sich aber, dass es sich dabei um Urmuster auch der physikalischen Welt handelt. Eine einfache Vorstellung kann illustrieren, was sich da wirklich ereignet hat an Wandel. Wenn wir in einem dunkeln Raum herumäugen, sehen wir bestenfalls Abstufungen von Grau und Schwarz und erfühlen vielleicht Gegenstände. Wenn wir eine Taschenlampe anzünden, erhellt sich das jeweils Angeleuchtete, wir erkennen Farben und haben das Gefühl, dass wir jetzt 'richtig' wahrnehmen. Nun kommt einer mit einer Stroboskoplampe, ein anderer mit einem Infrarotgerät, ein Dritter zeigt uns, wie eine Fledermaus den Raum wahrnimmt usw. Wer sieht den Raum nun 'richtig' und wer ist nur getäuscht? Es wird noch schlimmer, wenn der Atomphysiker kommt und zeigt, dass aus seiner Optik der Raum sozusagen leer ist. Angenommen wir ziehen aus einem leeren, glattwandigen Raum noch alle Luft raus, bis wir ein Vakuum haben, das wir als völlig leer bezeichnen, weil weder Atome noch Moleküle drin sind. Der Quantenphysiker wird lächeln und uns zeigen, dass das Vakuum voller Energie ist, ja mit unendlich viel Energie gefüllt ist, denn Materie ist geronnene Energie und wo keine Materie ist, ist eben nicht geronnene Energie. – Verwirrend. Und wer hat jetzt Recht? Im Bereich der kleinsten Teilchen, der Quarks, wird es noch vertrackter: wenn wir sie genau anschauen, ja gar ihre Ladung oder Masse messen wollen, kriegen wir nie ein 'wirkliches', 'objektives' Resultat, da wir das Angeschaute mit unseren Anschauungsinstrumenten ständig verändern: wir brauchen ja Licht, um etwas anzuschauen, und wir wissen ja nicht einmal, ob nun Licht Welle oder Teilchen oder beides sei – und mit diesem Licht beeinflussen wir die Dinge, die wir anschauen. Sie sind also nie das, was wir da gerade sehen und messen. – Der Physiker wird entweder verrückt dabei - oder gelassen. Wir Nicht-Physiker können diese Erkenntnisse locker verdrängen und weiterhin an eine objektive Wirklichkeit glauben, das funktioniert recht gut. Ich kenne einfach nicht viel wirklich Glückliche unter denen, die ständig der absoluten Wahrheit hinterher rennen. Jedenfalls keine Entspannte, Gelassene – und das find ich halt schon anstrebenswerte Eigenschaften.

Die Sinn-Vermutung
Ich will nicht tiefer in die Physik steigen, es soll ja um Glück gehen. Aber mir half die Physik, mich tiefer auf das Modell einzulassen, das postuliert, dass der Wahrnehmungsvorgang eben nicht mehr oder weniger richtig die 'wirkliche Welt' erkennt, sondern dass wir mit jedem Wahrnehmungsvorgang unsere Welt erzeugen. Nicht nur die Interpretation einer irgendwo für alle gleich existierenden Wirklichkeit, sondern ebendiese Wirklichkeit basteln wir selbst. Dieser Gedanke gefiel mir ungemein und ich nutzte meine Lizenz zum Weltmodell-Basteln gleich und ging einen Schritt über die Quantenphysik hinaus und postulierte das Sinn-Axiom. Ganz simpel: ich gehe von der Annahme aus, dass alles, was ich wahrnehme und deute, dass meine ganze Welt, wie ich sie mir zurechtlege, sinnvoll ist. Das hat ungemeine Konsequenzen auf den Alltag. Alles, auch das, was wir eingangs erwähnten als bestimmt nicht gewählt wie Krankheiten, Unfälle, Schicksalsschläge – eben das, was wir gemeinhin als Unglück bezeichnen – ist in meinem Modell nicht nur von uns gewählt und selbst gebastelt, sondern auch noch sinnvoll.

Mit dieser Sinnvermutung bin ich hoffnungslos unmodern. Mit der Abschaffung von Gott und der Metaphysik in den letzten paar hundert Jahren ging nämlich auch der Sinn flöten und es kam zur tristen Weltauffassung der Existenzialisten, die sich 'hineingeworfen fühlen in eine sinnlose Welt'. So darf man es selbstverständlich sehen, ich wäre der letzte, der sagte, die sähen das falsch und ich sähe das richtig. Aber ich habe schlicht nicht die geringste Lust, mich so passiv, unfrei, unautonom 'geworfen' zu fühlen – hier sei die Frage erlaubt, wer denn nach der Abschaffung Gottes diese armen Existenzialisten WIRFT? – noch habe ich Lust auf eine sinnlose Welt. Das wäre mir schlicht zu öde, zu wenig abenteuerlich. Die Sinnvermutung hingegen ist – so behaupte ich – nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern auch spannend, abenteuerlich und vor allem glücksrelevant. Es ist manchmal knifflig, herausfordernd, ja ein wildes Abenteuer, bis man den Sinn in einem Geschehen findet, für das man ja selbst verantwortlich ist. Vielleicht ist es auch maßlose Arroganz, dass ich diese Sinnvermutung an das andere Axiom der Eigenverantwortung knüpfe: wenn ich denn schon selbst verantwortlich bin für meine Welt, dann werde ich doch nicht so blöd sein und mir eine sinnlose Welt schaffen? – Aber wohl auch nicht eine, bei der aller Sinn offen daliegt, alle Spielzüge vorgezeichnet oder gar schon gemacht sind. Der Reiz eines Spiels besteht doch gerade in der Unsicherheit des Ausgangs, im Abenteuer des Suchens und Findens der richtigen Spielzüge. Wieso sollte das anders sein beim Lebensspiel? Stellen Sie sich vor, Sie wüssten alles voraus, was Ihnen passiert inklusive Todesdatum und Todesursache? – Für mich keine reizvolle Vorstellung. Überall dort, wo wir versuchen, ein Höchstmass an Sicherheit, an Berechenbarkeit, Planbarkeit des Lebens herzustellen, spüren wir etwas von dieser Langeweile, von dieser Angewidertheit des Einzelnen, dem man das Abenteuer vorenthält. Aus dieser Optik relativiert sich plötzlich die Wünschbarkeit totaler sozialer Sicherheit. Aber auch solche Übertreibungen und Einseitigkeiten haben ihren Sinn – zumindest in dem von mir postulierten Modell. Sie helfen - gerade durch die Verzerrung -, die Balance, das Maß, die Mitte immer wieder neu zu finden zwischen den Extremen.

Nun ist aber auch dieser Sinn, den ich in allem vermute, etwas durchaus Subjektives, Individuelles, Relatives in meinem Modell. Ich bin ja nicht fähig, objektiv, neutral irgendetwas wahrzunehmen, sondern ich ordne jede Wahrnehmung sofort ein, deute sie aufgrund meiner Erfahrungswelt, aufgrund meines Erkenntnis- und Entwicklungsstandes. Also ist es doch auch völlig in Ordnung, wenn andere nicht nur anderes wahrnehmen und anders interpretieren, sondern auch auf einen anderen Sinn kommen. Das kann man als höchst bereichernd erleben, wenn man sich entspannt und tolerant auf die Weltwahrnehmung und Sinnfindung anderer einlässt. Aber locker bleibt man nur, wenn keiner der Beteiligten sich darauf versteift, er und nur er hätte die absolut wahre, die absolut richtige Sicht der Welt, die objektive Deutung und den einzig richtigen Sinn.

Wichtig – und für viele so erschütternd, dass sie sich von diesem Modell gleich wieder distanzieren – ist also, dass dabei unser wunderschönes System von 'richtig' und 'falsch' bachab geht. Denn die Biene, die Fledermaus und die Schnecke nehmen nicht falsch wahr, nur anders. 'Wahr' und 'falsch' gibt es nur noch innerhalb von Modellen, Theorien, Spielen, Systemen. Die Gemeinsamkeit all dieser Phänomene ist die beschränkte Gültigkeit, die Kontextabhängigkeit. So ist eine Rechtsordnung immer räumlich und zeitlich beschränkt gültig und wirksam. Genau so sind Spielregeln nur so lange und so weit wirksam, wie die Mitspieler mitspielen, im Spiel sind. Genau so wäre es nun aber auch mit jeder Theorie, jeder Gesellschaftsordnung, mit jeder Ethik, jeder Religion: die Gültigkeit ihrer Regeln ist immer beschränkt, ist kontextabhängig, bedarf der Zustimmung der Mitmachenden. Und es besteht grundsätzlich immer die Möglichkeit, das Spielfeld zu wechseln, sich von einer Theorie, einer Gesellschaftsordnung, einer Religion, ja sogar von einer Rechtsordnung zu verabschieden, wenn man nicht gerade in den Maschen der Regeln verheddert ist aus der Zeit, wo man mitspielte. Ich behaupte nicht, nun könne jeder in jeder Situation machen, was ihm beliebt und alles sei irgendwie 'richtig'. Wenn der Fussball-Schiedsrichter bei Hands im Strafraum schreit "Schach!", dann ist das natürlich Quatsch, also falsch – aber es ist eben nur im Rahmen dieses Kontexts, dieses Modells 'Fussballspiel' falsch und nicht etwa 'absolut falsch'.

Das Angenehme an meinem Modell für das Umfeld – und gleichzeitig das Anstrengende für den, der es wählt - ist, dass man keine Schuld mehr nach aussen projizieren kann – und wenn, dann nur solange, bis man merkt, dass man die Regel Nummer 1 seines eigenen Spiels verletzt hat. Einer, der in diesem Modell lebt, fühlt sich auch nie als Opfer, ist immer Täter. Aber ist das nicht auch ziemlich hart zu ertragen? Und ist man in seiner eigenen selbst gebastelten Welt nebst der großen Freiheit nicht auch schrecklich einsam, wenn jedes DU nur Projektion ist? Wo bleibt das Glück?

Einsam?
Nun, wenn jedes DU, wenn die ganze Welt letztlich nur Projektion meines Innern ist, dann existiert sie ja gar nicht unabhängig von mir? Wenn die ganze Welt in mir ist und ich dies nur noch nicht in allen Teilen begriffen habe, so bin ich doch eigentlich eins mit meiner Welt. Klar kann ich dies als EINsamkeit deuten, aber da ich ja alle Deutungen eigenverantwortlich vornehme, kann ich es eben auch als EINS-SEIN deuten, als Einssein mit allem, was ist in meiner Welt, als unendlichen und endlosen Reichtum, denn es steht mir ja frei, in jeder Sekunde Neues wahrzunehmen und zu meiner Welt hinzuzufügen. Nur das mit dem Loswerden von Unliebsamem geht nicht so hurtig. Ich kann wegschauen, kann es zu verdrängen versuchen, aber – das leckt keine Geiß weg – es gehört zu mir. Das ist die Kehrseite der Medaille. Aber schauen wir nochmals die glänzende Seite an: Ich kann zu jedem Wesen, zu jedem Ding, aber auch zu jeder Idee, zu jeder Empfindung sagen: "Das bin auch ich" – oder umgekehrt: "Ich bin auch Du".

Tatwamasi - Gottesbilder
Ich hüpfte natürlich vor Vergnügen, als ich in vedischen Weisheitslehren genau diesen Schlüssel-Ausdruck fand: Tatwamasi, was allerdings noch um eine Dimension reicher ist als das horizontale Sich Erkennen im andern, im Gegenüber, im Ding. Tatwamasi meint auch: "Brahman ist in dir wie in mir." – "Ich erkenne das Göttliche, das uns verbindet, in dir wie in mir." Das gefiel mir natürlich bedeutend besser als die monotheistischen Religionen, die Gott immer irgendwo im Himmel anpflanzten und als das ganz Andere dachten, auf jeden Fall als ein Wesen außerhalb von mir, das entweder zornig und selektiv war wie der jüdische Jahwe und der islamische Allah, oder dann gnädig vergebend wie der neutestamentliche Gottvater, uns alle Schulden abnehmend und sich für uns umbringen lassend wie Christus – alles Vorstellungen, die eine gewaltige Distanz zwischen dem wie auch immer gearteten Göttlichen und den Wesen und Dingen hienieden schufen. Wie anders klingt dieses 'Gott ist in allem', 'das Göttliche verbindet alles, was ist zu einer Einheit'. Damit fiel ja auch das ganze Missionieren dahin, die ganze Streiterei darum, wer denn nun den richtigen Gott für sich gepachtet habe. Missionieren, anderen seine Auffassung aufdrängen, passt ja sowieso nicht mehr in dieses Modell, wo jeder in seiner eigenen Welt lebt, wo Überlappung der Wahrnehmungsdeutungen nicht auf Objektivität oder Erkenntnis der absoluten Wahrheit, sondern auf Konsens, auf Einverständnis, auf der Erkenntnis des Brahman im andern, des verbindenden Göttlichen in allem beruht.

Agape
Und jetzt begann es ganz allmählich nach Glück zu duften. Denn auf diesem wissenschaftlichen und modelltheoretischen Weg – aus Ihrer Sicht vielleicht ein Umweg – gelangte ich schnurstracks zur höchsten Liebesform: der bedingungslosen Liebe – na ja, wenigstens theoretisch 'schnurstracks'.
Denn wenn wir uns ein Modell schaffen, in dem alles, was wir wahrnehmen, miteinander verbunden ist, alles zur selben, nämlich zu meiner Welt gehört, die letztlich nichts anderes ist als die Projektion meines Inneren nach außen, dann können wir das Verbindungsmittel statt 'das verbindende Göttliche' genau so gut 'die Liebe' nennen, Hauptsache die Qualität ist so, dass das Verbindungsmittel eben nicht selektioniert, nicht unterscheidet, keine Bedingungen stellt. Eine schöne Metapher dafür ist die Sonne, die auch nicht selektioniert, wenn sie scheint, die nicht fragt, ob jemand wohlgefällig und biederbürgerlich lebt – und erst bei Erfüllung aller Bedingungen ihre Wärme und ihr Licht spendet. Wenn ich den viel gebrauchten Begriff 'Liebe' verwende, muss ich also präzisieren. Ich meine nicht die auswählende Zuwendung oder Begierde, die sagt "das finde ich toll, schön, begehrenswert, die muss ich haben – aber jenes finde ich hässlich, scheußlich, das will ich nicht in meiner Nähe". Wenn wir Liebe auf die Ebene des Brahman, des alles verbindenden Göttlichen heben, dann muss sie bedingungslos sein, sich auf alle und alles erstrecken. Eine solche Liebe bedarf auch keiner Begründung. Sie liebt nicht, weil…oder 'immer wenn...' oder gar 'nur wenn…', sondern einfach so, grundlos, bedingungslos, alles, was ist, alles, was irgendwie in unsere Wahrnehmung gelangt.

Kirche und Macht
Das passt selbstverständlich nicht ins Konzept all derer, die Macht über andere Menschen ausüben wollen. Die müssen ein System errichten, in dem man sich Liebe, Zuwendung und vor allem die Zuwendung Gottes durch Wohlverhalten verdienen muss. So gesehen passte der gnädige, alle Schulden vergebende christliche Gott überhaupt nicht ins Konzept der Machtinstitution Kirche. Die Machthaber verstanden es aber ausgezeichnet, den Druck des glücksrelevanten Wohlverhaltens wieder aufzurichten. Und sie koppelten die Gnade des Schuldenerlasses an Information mit der Beichte und Zeitenweise sogar an Geld: man konnte sich durch Gaben an die Kirche von seinen Sünden freikaufen. Von der Kirche könnte jeder moderne Fundrising-Manager lernen!

Einverstandensein mit seiner Welt
Sich bedingungslos dem zuwenden, was man wahrnimmt, es als zum eigenen Selbst gehörig annehmen, als Projektion eigener Innenanteile nach Außen verstehen – genau das meine ich mit meinem Titel: Glück – eine Philosophie des Einverstandenseins. Einverstandensein mit der als selbst gemacht und selbst gedeutet durchschauten Welt. Es heißt nicht alles jederzeit begeistert begrüßen, was in unsere Wahrnehmung gerät. Das wäre natürlich eine ganz saftige Überforderung und könnte deshalb für viele wieder ins stressige Unglück kippen, wenn sie dem hohen Anspruch an sich selbst nicht genügen. Aber man kann versuchen, auf einer zweiten Ebene auch mit dem partiellen bzw. vorübergehenden Nichteinverstandensein einverstanden zu sein. Man kann Ja sagen zur Herausforderung, dass es ein Prozess ist, vielleicht sogar DER Prozess, der unser ganzes Leben ausfüllen kann: zu lernen, auch zu den Wahrnehmungen Ja zu sagen, die uns zuerst einmal zutiefst zuwider sind, die wir vehement ablehnen. Man kann es z.B. sportlich betrachten als Herausforderungen, als Hindernisse, die es zu überspringen, als Berge, die es zu besteigen, als Abenteuer, die es zu bestehen gilt. Wenn wir es schaffen, mit sportlich-spielerischer Grundhaltung, ohne den Humor je ganz zu verlieren und mit wachsender Gelassenheit diesen Weg zum Einverständnis zu gehen, so ist Glück in jeder Phase dieses Prozesses möglich und nicht erst am Ziel.

Relativitierung der Schöpfungsparameter
Die ganze Metaphorik von Weg, Prozess, Ziel macht ja nur Sinn, solange wir uns in Zeit und Raum bewegen. Nun ist aber nicht einmal das mehr absolut sicher seit Einsteins Relativitätstheorie, seit dem Modell, das behauptet, es gebe Welt, also auch Zeit, Raum und Kausalität nur jeweils für ein wahrnehmendes Bewusstsein, Raum und Zeit seien ineinander überführbar. Und die Quantentheoretiker nehmen uns noch den letzten Schöpfungsparameter, indem sie die Kausalität relativieren. Eigentlich einleuchtend, denn alle vier Parameter der Schöpfung, also abgetrennte Entitäten, Zeit, Raum und Kausalität sind so eng verknüpft, dass man nicht einen relativieren kann, ohne dass auch alle andern relativiert werden.

Für die Suche nach dem Glück ist dieses Verblassen der Schöpfungsparameter insofern wichtig, als es mit dem Glück ähnlich ist wie mit der Liebe: je höher die Liebesform, je grösser das Glück, desto blasser die Schöpfungsparameter. Oder umgekehrt: je weniger wir uns als abgetrennte Einzelwesen fühlen, je weniger wir in Zeit und Raum gefangen sind und je weniger wir Liebe und Glück kausal begründen können, desto grösser, großartiger, intensiver wird das Glück. In seiner höchsten Form fällt es sogar mit der bedingungslosen Liebe zusammen: wer alles ohne Unterschied liebt, was er wahrnimmt, wer seine Ich-Grenzen aufgibt, wer auch frei wird vom Ort, vom Standpunkt und vom Zeitpunkt, der ist nicht nur glücklich – der ist IM Glück, aber genau besehen ist er gar nicht mehr, er ist kein DER, DIE oder DAS mehr, ja genau besehen kann man ihn gar nicht mehr besehen, er hat sich verabschiedet aus dem Zustand, wo er von andern besichtigt und bewertet werden kann, da es ja gar keine andern, kein Aussen mehr gibt, da er sich ja mit allem vereinigt hat, was vorher SEINE Welt ausmachte. Für diesen Zustand, der sich einleuchtenderweise der Beschreibung entzieht und den man doch so unbedingt beschreiben möchte, von dem man sich ein BILD machen möchte, haben Religionen und Kulturen verschiedenste teils paradoxe, teils mystische, immer aber metaphorische, symbolische Formen der Umschreibung gefunden: Erleuchtung, Gott, Paradies, Himmel, Nirwana, Brahman, Einheit, Leere, das All-Eine, das Nichts usw. Viele Religionen warnen ausdrücklich davor, sich ein Bild von dem Unvorstellbaren zu machen – und ihre Anhänger treten dann doch voll in die Falle und basteln sich einen zornigen, guten, gnädigen, allwissenden oder was auch immer für einen 'Gott'.

Suprarationalität
Woran soll man sich denn noch halten, wenn einem alle Schöpfungsparameter, also Ich, Zeit, Raum, Kausalität – und nun auch noch der Schöpfer entgleiten, sich entziehen, sich auflösen oder – um einen Mode-Ausdruck zu verwenden – dekonstruieren? Wenn die vernünftige Sprache sich als nicht mehr geeignet erweist, um ein Phänomen zu durchdringen und zu beschreiben, so muss das noch lange nicht das Ende aller kommunikativen Bemühungen bedeuten. Vielleicht sind wir nur an die Grenzen des analytischen Denkens, des von der Aufklärung so hochgejubelten rationalen Verstandes gestossen? Vielleicht gibt es ja andere, suprarationale Kommunikationswege, auf denen wir durchaus auch paradoxe Inhalte übermitteln können? Ich kann aus Zeitgründen nur noch antönen, was ich diesbezüglich schon ausprobiert habe – mit glückshaltigen Folgen. Und ich kann natürlich bauernfängerisch auf mein Buch verweisen, wo ich all diesen Wegen nachspüre: Zuallererst natürlich Liebe, auch in noch nicht ganz hohen und bedingungslosen Formen. Liebe ist eine Kommunikationsform mit einer recht hohen Erfolgsquote und zudem eigentlich überhaupt nicht anstrengend. Dann Musik, die für mich eigentlich Klang gewordene Liebe, zu Tönen geronnene Liebe ist. Kombiniert mit Klang aber auch z.B. Meditation und andere rituelle Dialog-Formen. Auch andere Kunstformen wie Malen, Gestalten, wobei ich mich da weniger heimisch fühle. Dann die Kommunikation mit Tieren, die zumindest bei mir nie eine rein rationale ist. Schließlich aber auch Poesie, als eine Form suprarationaler Verbalkommunikation.

Housi Moser
Ein kleines Beispiel für Letzteres. Der Berner Strassenphilosoph Housi Moser machte sich Gedanken über den Schöpfungsparameter ZEIT.

S’git Lüt, die hei Zit
U s’git Lüt, die hei ke Zit
S’git Lüt, die hei Zit für alles
U s’git Lüt, die hei Zit für nüt
Die seckle dr Zit hingerhär
Däne louft d Zit drvo
Zit isch Gält u es klingled gäng i de Hoseseck we se verbihetze
Sie si nie da, si gäng scho am Nächschte
U we de ds Nächschte da isch si se am Übernächschte
Si verpasse nid nur ds Läbe, si verpasse sogar ds Stärbe
U nid emal alsToti si se da
Si verfule chum si se vergrabe u drängle scho wider für di nächschti Rundi

U de gits äbe die wo Zit hei will se gar nid ir Zit drinne verstrickt u vernueled si
Si hei Zit will se gar kei hei
Wills Zit für seie nid würklech git
Uf all Fäll nid die Zit wo die angere hei oder äbe nid hei
S'isch e zitlosi Zit wo die hei, wo Zit hei für alls
E Zit wo nid louft, sondern isch
Aber nit töötelig wen es alts Schwarz-Wiiss-Foti oder e Soldatefriedhof
Nid gfrore wene Ötzi im Gletscher
E Zit wo alls glichzitig drin isch u wäset
Wien imne grosse Musigmönsch all Musig won er kennt gliichzitig drin isch
Är isch gfüllt mit Musig
U die gliichzitigi Fülli vo aller Musig git em das Gfüel vo zitlosem Glück
Är chönti all die einzelne Musige spile, singe, pfiiffe
Ou ganzi Orcheschterkläng vor sis innere Ohr zoubere
Aber das bruuchti de scho wider vo der angere Zit, wo louft

U drum blibt är ir Zit wo ume isch
Wo gfüllt isch mit allem, wo je klunge het u je klinge wird
U die Fülli isch därart gwaltig u dicht u voller Energie
Das' ne schier verschrisst u ids Univärsum schleuderet
U gliichzitig isch die Fülli därart zart u wit
Das' er schier verlouft, versanfted, vertschlooft, verbrösmeled

U beides passiert gliichzitig
U är isch da we na nie u nid da we na nie
Alls isch da we na nie u nid da we na nie

U är isch iiverstange ke 'är' me zsii
Glücklech si Musig z'sii
Glücklech alles z'sii
Glücklech nüt z'sii
Glücklech eis z'sii
Glücklech z'sii.

Soweit der Berner Housi Moser.

Und der Preis?
Nun, die große Frage ist, wollen Sie überhaupt dorthin? Oder auch nur in die Nähe von diesem Glück, das ich Ihnen zuerst einigermaßen rational und 'Housi' nun einigermaßen suprarational zu schildern versuchte? Vielleicht kennen Sie ja diese Zustände bereits aus eigenem Erleben, wo sich das eigene Ich zumindest ein wenig aufzulösen beginnt, wo die Zeit stehen bleibt und doch ganz prall gefüllt und voller Leben ist, wo auch der geographische Ort, an dem Sie sich gerade befinden, nicht mehr so wichtig ist. Vielleicht haben Sie auch schon zumindest fast bedingungslose Liebe erlebt, die die Kausalität aufhebt. Vielleicht erleben Sie dies sogar unmittelbar jetzt, dass Sie sich verbunden fühlen mit ihrem Partner, mit Freunden, ja sogar mit Fremden ohne zu wissen warum. Vielleicht haben Sie auch schon erlebt, wie sich das anfühlt, wenn die Grenze zwischen aktiv und passiv unscharf wird, wenn man nicht mehr so recht weiß, wann man wie sehr der Liebende und wann in welchem Maß der Geliebte ist, wenn auch die Bewertung der beiden Pole verschwimmt und beides genau gleiche Gültigkeit hat, gleich-gültig ist – was so etwas völlig anderes ist als die Gleichgültigkeit im Sinne von Desinteresse, von Wurstigkeit.

Angenommen Sie kennen das und haben durchaus Lust auf solche Zustände – sind Sie bereit, den Preis zu bezahlen? Out zu sein in einer materialistischen, Diesseits-versessenen Kultur, in der körperliche Gesundheit und hohes Alter höchste Werte sind, ist etwas, was wir vielleicht noch in Kauf nähmen – vor allem wenn wir daran denken, dass wir ja auch diese Wertungen selbst vornehmen. Aber die Relativierung des Egos, unseres tollen Profils, unserer Markanz, unserer Individualität, unserer klar abgegrenzten Unverwechselbarkeit? – Wollen wir das? Und wenn uns das noch einleuchtet, dass man dieses tolle Ego ja doch eines Tages aufgeben muss: wollen wir wirklich heute und freiwillig damit schon beginnen? Kommt das nicht sowieso mit dem Alter, mit der abnehmenden Energie und der zunehmenden Demenz? – Wenn mich ein Mensch unter 30 das fragte, würde ich ihm wahrscheinlich raten, noch etwas zuzuwarten damit und zuerst ein supertolles Ego auszubilden, so richtig einmalig und erwachsen zu werden – und erst dann mit der Gegenbewegung, der Auflösung des Aufgebauten, der Dekonstruktion des Konstruierten zu beginnen. Es ist auch keine lineare Bewegung, sondern je nachdem in welchem Kontext, in welchem Spiel, in welchem Modell wir uns gerade befinden, brauchen wir ein mehr oder weniger profiliertes Ich. In der Liebe, in der Meditation, in der Musik und anderen künstlerischen Tätigkeiten, aber auch in jedem Ritual können wir es in den Hintergrund schieben – Ferien vom Ich machen. In unserem Beruf, in unseren Rollen in der Gemeinschaft brauchen wir es vielleicht manchmal stärker. Wichtig scheint mir, spielerisch umzugehen damit und – auch wenn wir z.B. eine fürchterlich wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen – diese nicht Tag und Nacht zu spielen, das ist nämlich schrecklich anstrengend, sowohl für den Wichtigen wie für die, die ihn aushalten müssen.
Ich habe Verständnis für jede Antwort auf die Frage 'Wie hast du's mit dem Glück' – und ich habe Ihnen heute Abend nur mal meine Antwort gegeben, die für mich hier und heute gilt. Wenn Sie Lust auf das beschriebene Glück haben, dann wäre der erste Schritt, die Verantwortung für Ihre Antwort auf die Frage nach dem Glück zu übernehmen. Vielleicht mögen Sie es ja ausprobieren? Ich finde, das Leben macht schlicht viel mehr Spass, wenn man es als grosses Spiel mit den beiden Rahmenbedingungen anschaut:

Die Denk-Aufgabe bestünde darin, mit eigenen Antworten auf die Frage nach dem Glück zu experimentieren. Vielleicht kommen Sie auf ganz anderen Wegen zu einem ganz anderen Glück, zu Ihrem Glück? Gerne erführe ich davon.