Denk-Aufgabe 612 vom 15.11.2006

 

'Energie X'

oder

Die Entdeckung des Perpetuum Mobile

Es gibt eine Energie, nennen wir sie 'X', für die der erste Hauptsatz der Thermodynamik nicht gilt, denn

  1. Bleibt diese Energie nicht nur erhalten, sondern sie vemehrt sich bei Gebrauch
  2. Gibt es bei Enregieprozessen keinen Verlust in Form von Wärme, da einerseits die erzeugte Wärme nie als Verlust zu Buche steht sondern geradezu ein Ziel dieser energetischen Prozesse ist, andererseits neben der erzeugten Wärme auch noch ein zusätzliches Plus an Energie entsteht bei allen mit dieser Basis-Energie X initiierten Prozessen

Jeder anständige Physiker wird über diese verrückten Thesen schmunzeln und sagen, dass dies unmöglich sei. Selbstredend meint er mit 'unmöglich' aber 'unmöglich in der materiellen Welt', denn die ist sein Arbeitsgebiet, die 'physis', die Natur, die Schöpfung, in der es voneinander getrennte und unterscheidbare Entitäten gibt, für die die Schöpfungsparameter unentrinnbar gelten, die da sind:

  1. Raum, um die Entitäten überhaupt getrennt voneinander wahrzunehmen
  2. Zeit für die Wahrnehmungsprozesse
  3. Verknüpfungen zwischen den Entitäten, von denen für die Physiker und die Logiker die Kausalität die wichtigste ist.

Er meint mit der Qualifikation 'unmöglich' also die Welt von Ursache und Wirkung, die mithilfe der Rationalität erforscht wird. Was jenseits dieser so eingegrenzten Physis liegt, gehört nicht mehr in sein Fachgebiet, falls es denn überhaupt irgendetwas jenseits der erwähnten Physis gibt. Wissenschaftlich ist da bislang gar nichts bewiesen, werden Sie vielleicht einwenden. Die Emotionen, die intuitiven Einfälle, auch die Genialität sind doch weitgehend auf ganz normale neurophysiologische Prozesse reduzierbar, die alle brav kausal verlaufen. Freud hat doch das auch für die Liebe gezeigt. Was für ein Theater um diese Emotion, die ja nur mehr oder weniger zivilisierte Libido ist, reiner Fortpflanzungstrieb in mehr oder minder hübschem Mäntelchen. Also ganz simpel: weil er vier Fetthügel sieht, laufen im zeugungsfähigen Mann gewisse chemische Prozesse ab. Weil die ablaufen, wird er spitz und weil er spitz ist, macht er sich an die Hügel ran und weil er sich ranmacht gibt's dann früher oder später Junge und weil und weil und weil – so geht das doch schon eine ganze Weile.

Gott und die Metaphysik wurden ja auch schon vor geraumer Zeit abgeschafft, d.h. als Möchte-gern-Illusionen, als Opium und Machtmittel entlarvt, also ist da eigentlich nicht mehr mit viel meta physei, mit irgendwas hinter oder jenseits der materiellen Welt zu rechnen.

Und nun kommt da so ein halbphilosophisch gebackener Plauderi und will eines der ehernsten Naturgesetze, den Satz von der Energieerhaltung, der im ganzen uns bekannten Universum gilt, so mir nichts dir nichts aushebeln? – Lachhaft.

Ja, lachen ist tatsächlich die häufigste bekannt gewordene Reaktion von Menschen, die dieses perpetuum mobile entdeckt haben. Da es sich aber höchst selten und wenn, dann meist erst ganz ganz am Schluss des Lebens ereignet, dass jemand ganz bewusst das Geheimnis von 'Energie X' durchschaut, ist dieses homerische Gelächter nicht erdballumrundend hörbar.

Er krebst schon zurück!
Also, der Plauderi will tatsächlich und gibt bereits die ersten Einschränkungen für seine vollmundige Behauptung:

  1. Die beiden Eingangs-Thesen beanspruchen nur Gültigkeit für einen Bereich, der im Metaphysischen gründet, aber bis in die Physis hinein wirkt.
  2. Nur die allerhöchste Form der hier vorgestellten Energie erzeugt ein wirkliches perpetuum mobile, d.h. eine sich verlustfrei stets erneuernde, ja sogar ein Plus erzeugende Energie.
  3. Die in die Physis hinein wirkenden Energieprozesse entsprechen zwingend nie ganz der reinen metaphysischen Energie. Der Eintritt in die 'Atmosphäre' der Physis erzeugt sofort ein gewisses Mass an Reibung, an Widerstand, sodass es dann eben doch zu Energieverlusten kommen kann, wobei dieser Verlust im Gegensatz zu den materiell-physischen Energien nicht in einer ungezielten Diffundierung von Wärme sondern gerade umgekehrt in einer klebrigen Fokussierung auf eine oder mehrere bestimmte Entitäten besteht.

Im Unterschied zu den materiell-physischen Energien entfaltet diese metaphysische Energie höhere Wirkung, wenn sie nicht gerichtet ist, wenn sie keinen Vektor darstellt, sondern völlig unspezifisch von überallher nach überallhin strahlt. Zwischenziel ist also, weder einen bestimmten Sender noch einen spezifischen Rezeptor dieser Energie bestimmen zu können, sondern eine möglichst grossflächige Sättigung im mehrdimensionalen Raum zu erreichen.

Der Effekt dieser Energie X ist ambivalent. Einerseits ist sie in höchstem Masse beglückend sowohl für den, der sie aussendet, wie für den, der sie empfängt und hat hoch ansteckende, multiplizierende Wirkung, ist unter dem Aspekt der Befindlichkeit, des Glücks in hohem Masse konstruktiv und kreativ, andererseits nagt sie an allen oben erwähnten vier Schöpfungsparametern und ist damit – unter dem Aspekt der Erhaltung der materiell-physischen Strukturen – destruktiv.

X ist akausal
Die Energie X ist in jeder Hinsicht gegenpolar strukturiert wie die uns bekannten materiell-physischen Energien. So ist sie z.B. nicht an Ursachen gebunden, sondern im Gegenteil völlig bedingungsfrei, d.h. es können nicht Voraussetzungen genannt werden, unter denen sie zwingend auftreten muss bzw. unter denen sie zwingend nicht auftreten kann. Diese Eigenschaft relativiert auch die eingangs gemachte Behauptung, sie wirke in die physische Welt hinein. Bei genauerem Hinsehen bzw. im Experiment entzieht sie sich nämlich nicht nur der Kausalität bzw. Konditionalität bezüglich der Voraussetzungen, dass sie überhaupt auftritt, sondern auch bezüglich der Effekte, die regelmässig zu beobachten sind, wenn 'Energie X' oder Annäherungsformen vorhanden ist. Die simplen Formen von Kausalität, die genau eine Wirkung auf genau eine Ursache zurückführen, versagen völlig bei 'Energie X'. Aber auch multikausale Konzepte scheitern an der Einseitigkeit. Der grosse Nachteil der kausalen Verknüpfung ist ja ihre Einseitigkeit, mangelnde Umkehrbarkeit, die wiederum an das Konzept von Zeit als linearer Achse gebunden ist. Wenn Zeit linear ist, dann sind die Scherben eben zwingend nach dem Fall der Tasse einzutragen auf der Zeitachse und ebenso zwingend ist dieser kausale Prozess ein unumkehrbarer.

Synchronizität
Bei 'Energie X' verhält es sich aber anders. Am ehesten sind die Prozesse vergleichbar mit quantenmechanischen Phänomenen der Synchronizität, z.B. des Verhaltens von verschränkten Elektronen. Denn 'Energie X' ist ein synchrones Phänomen, das gleichzeitig an verschiedensten Orten auftritt ohne erkennbare Verbindung zwischen den Orten. Raum und Zeit sind relativiert, verlieren an Relevanz im 'Wirkungsbereich' von 'Energie X'.

X ist akonditional
Auch die Logiker sind ja nicht glücklich mit der Kausalität und ziehen es vor, Aussagen konditional zu verknüpfen. Die Bikonditionalität hat den Vorteil, eine gegenseitige Relation zu beschreiben: 'Immer wenn y, dann z', formalisiert y <--> z, lässt sich umkehren, also immer wenn z, dann y, bzw. z <--> y. 'Energie X' ist aber nicht nur reziprok, wechselseitig, sondern auch noch bedingungslos, d.h. y und z unterscheiden sich gar nicht. So gesehen macht auch die bikonditionale Verknüpfung wenig Sinn zur Beschreibung dessen, was 'Energie X' mit den von ihr Kontaminierten anstellt.

Analogie?
Am ehesten eignet sich vielleicht die Analogie zur Verknüpfung der Energie-X-Phänomene. Analog zur Befindlichkeit bzw. Aktivität von Entität A am Ort α zum Zeitpunkt t0 ist die Befindlichkeit bzw. Aktivität von Entität B am Ort β (oder α) zum Zeitpunkt t1 (oder t0). Die Befindlichkeiten bzw. Aktivitäten von A und B sind vergleichbar, entsprechen sich in gewissen Eigenschaften, ohne dass eine einseitige Zuordnung der Rollen von Ursache und Wirkung oder von Bedingung und Resultat der Erfüllung dieser Bedingung erfolgen muss.

Relativierung der Ich-Wahrnehmung
Wir gingen bei obigen Überlegungen immer noch von definierbaren und unterscheidbaren Entitäten aus. Gerade diesbezüglich hat 'Energie X' aber eine verheerende Wirkung. Denn je stärker, intensiver, 'reiner' sie auftritt, je stärker sie die bereits abgehandelten Schöpfungsparameter Zeit, Raum und Kausalität relativiert, desto mehr nagt sie auch am Profil der von ihr betroffenen Entitäten. Dies ist insofern einleuchtend, als die vier Parameter ja klar miteinander verknüpft sind: Die Wahrnehmung unterscheidbarer Entitäten erfordert Raum, Distanz zwischen den Dingen, der Wahrnehmunsprozess erfordert Zeit und wir kommen nicht umhin, die in Raum und Zeit wahrgenommenen Entitäten bzw. Phänomene auch irgendwie miteinander in Beziehung zu bringen – und da bietet sich als simpelste Verknüpfung wie gesagt die Kausalität geradezu an. Wenn wir nun im Extremfall nicht nur die Relevanz von Raum, Zeit und Verknüpfung mindern, sondern die drei gleich ganz aus dem Modell kippen, dann sind zumindest die verbliebenen Entitäten nicht mehr wahrnehmbar. Und ob irgendetwas existiert, dass nicht wahrgenommen wird, darüber streitet man sich seit Einsteins Relativitätstheorie noch heftiger als zuvor. Aber wir sollen ja nicht gleich so weit gehen und alle vier Schöpfungsparameter völlig rauskippen, sonst können wir uns nicht mehr weiter unterhalten. Aber ein bisschen dran herum sägen, das schon. Relativierung der Grenzen, des Profils der einzelnen Entität heisst aber, dass wir am Schluss nicht nur nicht mehr wissen, ob wir nun Sender oder Empfänger von 'Energie X' sind, sondern auch nicht mehr so sicher sind, wer wir denn nun genau sind. Denn unter dem Aspekt 'Energie X' ist das gar nicht mehr so relevant. Wenn sie ja im Idealfall einem flächendeckenden Hochenergiefeld entspricht, dann kommt es ja gar nicht so darauf an, wer wann wo in diesem Feld herumwuselt – es kriegen ja alle davon ab. Und wenn es noch stimmt, dass es die einzige nicht-endliche Energie ist, die wir als - gerade noch - materiell-physische Entitäten anzapfen können, dann gibt's auch keinen Ressourcenstreit.

Wenn das nun nicht alles Humbuk ist, dann stellt sich doch die dringende Frage, warum wir diese Super-Energie nicht längst alle nutzen und sämtliche Probleme lösen damit?

Energie X ist - je nach Sicht - destruktiv!
Nun, wir kennen sie alle, nutzen sie auch, wenn sie uns mal überfällt, aber das mit dem 'Alle-Probleme-lösen' ist noch ein kleines Problem, da es sich ja wie ausgeführt nicht um eine zielgerichtete Energie handelt und da alle unsere Probleme ja hochgradig mit den vier Schöpfungsparametern verknüpft sind. Und einer davon sind ja bekanntlich wir selbst, wir mit unseren einmaligen Ego-Profilen. Das kleine Problem besteht also darin, dass sich 'Energie X' zwar bestens eignet zur Lösung sämtlicher Probleme, dass wir aber neben den Problemen auch uns auflösen. Zumindest partiell. Aber genau so partiell wie wir uns aufzulösen bereits sind mithilfe von 'Energie X' lösen sich auch die Probleme auf. Hier liegt der Pferdefuss, der Hase im Pfeffer und der Hund begraben: hier zeigt sich die destruktive Seite von 'Energie X'. Sie führt zum höchsten Glück und zur Lösung aller Probleme – aber nur zum Preis des Ichs. Und der Zeit. Und des Raums. Und der Kausalität. Der faule Zauber daran ist also, dass das Produkt zwar Gold wert ist, aber der Preis zu hoch.

Hopser zwischen den Welten
Nun, ich wäre ein schlechter Verkäufer, wenn ich nicht einen Ausweg anzubieten hätte. Man kann nämlich switchen, hin und her hüpfen zwischen der materiell-physischen Welt mit den altbekannten Energien und der metaphysischen Welt, wo 'Energie X' in Hülle und Fülle vorhanden ist. Wir kennen das alle von Momenten, wo die Zeit wie stehen bleibt, wo wir sie ganz intensiv oder überhaupt nicht mehr wahrnehmen, wo wir sowas wie 'höchste Präsenz im Jetzt' erleben. Man kann das auch Glücksmomente, 'Seid-alle-umschlungen-Momente', Orgasmus-Erlebnisse, Vereinigung-mit-allem-Gefühle oder wie auch immer nennen und die Neurophysiologen haben bestimmt ein paar tolle Erklärungen parat, noch toller als die altbekannten Endorphin-Ausschüttungen. Gegen parallele oder analoge Phänomene auf der Körperebene ist auch nicht das Geringste einzuwenden, hinterfragen möchte ich nur die wilde Postulierung einer kausalen Verbindung, bei der das Körpergeschehen die Causa, die Befindlichkeit die Wirkung sein soll. Diese Kausalverknüpfung kann man genau so gut umgekehren oder eben gar keine kausale, sondern eine analoge Relation annehmen.

Der hohe Preis
Wenn aber die Zeit still steht, aus ihrer Linearität kippt, dann entgleitet uns auch der Raum, für dessen Wahrnehmung wir ja dringend Zeit, aber laufende, in eine Richtung laufende Zeit benötigen. Die Verquickung von Raum und Zeit und ihre Krümmung zur Raumzeit (wegen der eben gerade nicht linear laufenden Zeit) hat uns bereits Einstein plausibel gemacht. In einem solchen zeitlosen oder die Zeit auf den Jetzt-Punkt konzentrierenden Moment ist also auch die Raumwahrnehmung völlig anders. Auch hier gibt es die beiden Extreme von ganz intensiver Wahrnehmung des Ortes, an dem wir uns befinden und das andere Extrem von einer völligen Entkoppelung der Raumwahrnehmung zur Beliebigkeit, Austauschbarkeit, Gleichgültigkeit des räumlichen Kontexts oder sogar des Verschwindens jeglicher Raumwahrnehmung. Parallel dazu relativiert sich die Ich-Befindlichkeit, die Selbstreflexion, die Ego-Wahrnehmung. Es ist nicht ein irgendwie moralinsauer verbrämter Akt der Selbst-Disziplinierung, wo wir schmallippig unser macht- und lustgieriges böses Ego zurückpfeifen, in Ketten legen – im Gegenteil. Das Ganze lässt sich nicht nur lustbetont erleben, sondern auch bebildern. Wir können nämlich genau so gut mit dem Bild der gewaltigen Ausdehnung des Egos arbeiten wie mit dem Bild der Relativierung und Auflösung des Egos. Denn wenn wir eine Grenze beliebig weit ausdehnen, verliert sie genau so das Profil, die Markanz wie wenn wir sie auf einen Punkt reduzieren. Sowohl das unendlich und damit unvorstellbar Grosse wie das unendlich Kleine sind – ja eben: unvorstellbar und damit undefinierbar, entziehen sich der Bebilderung, der Beschreibung. Wichtig ist nur die völlige Andersartigkeit der Ich-Wahrnehmung als in der alltäglichen Normal-Befindlichkeit, wo wir uns über die Vergangenheit, das, was wir wann wo taten und erlebten – und die Zukunft, das, was wir wann wo zu tun planen, definieren, also über Zeit und Raum. 'Energie X' bläst minimal ein Nebelchen über diese Parameter, maximal löst sie sie auf – zumindest für einen solchen beschriebenen, aber letztlich unbeschreibbaren Moment, wie Sie ihn bestimmt schon erlebt haben.

Trau, schau wem
Und damit ist das Geheimnis, was denn Energie X sei, was für eine Energie beanspruche, das perpetuum mobile zu sein, wenigstens auf der Sprachebene gelüftet. Aber eben nur auf der Sprachebene – und der sollten wir gründlich misstrauen. Es ist nicht ganz so doof, wie es dem einen oder andern jetzt vielleicht scheint, den plattgewalzten Begriff der 'Liebe' durch den Stellvertreter 'Energie X' zu ersetzen. So konnte ich den Begriff frei von allen irreführenden Assoziationen beschreiben und mit den Eigenschaften bestücken, die ihm meines Erachtens zukommen. Sobald wir von 'Liebe' sprechen, kommt der Alltagsgebrauch des Wortes in die Quere, wo es für fokussierte, klebrige, an Bedingungen geknüpfte Gefühlsvektoren gebraucht wird. Da geistern Besitzansprüche und Eifersucht herum, dass es schon kaum mehr etwas zu tun hat mit 'Energie X'. Fast noch schlimmer wird's, wenn wir den Term 'Liebe' in den Kontext Freud'scher Psychologie - die oben skizzierte Libido als Triebfeder allen menschlichen Tuns - oder engstirniger Neurowissenschaft, die alle inneren Prozess auf diese verursachende äussere, biochemische reduziert - stellen, wo er all das verliert, was ich mit 'Energie X' umschrieb.

Agape?
Wenn schon ein aus anderen Bereichen bekannter Terminus, dann vielleicht AGAPE, das griechische Wort für die 'Nächstenliebe'. Aber auch da besteht die Gefahr, dass sich Bedingungen einschleichen, dass der 'Nächste' eben nur ein Mensch sein kann, womöglich nur ein Christ. Wenn wir also die Verkleidung 'Energie X' auflösen wollen, dann müssen wir der Liebe ein Adjektiv zugesellen, das sie möglichst klar abhebt von allen bekannten Formen. Dazu eignet sich vielleicht am besten 'bedingungslos'. Wenn man den Begriff 'bedingungslose Liebe' auf der Zunge zergehen lässt, merkt man plötzlich, dass das für die meisten Vorstellungen, die wir mit Liebe verbinden, ein Widerspruch in sich selbst ist. Wenn wir lieben, dann lieben wir doch eben genau die oder den oder das aus diesen oder jenen Gründen. Bedingungslos würde ja heissen, alles ohne Unterschied zu lieben? Das kann doch keiner? Das ist doch die totale Überforderung? Gar nicht anstrebenswert? – Hab ich denn das behauptet? Ich versuchte nur zu zeigen, dass es diese 'Energie X' oder 'bedingungslose Liebe' gibt, dass sie in Rein-Form funktioniert wie ein perpetuum mobile, dass wir sie alle schon mehr oder weniger bewusst in vielleicht nur ganz kurzen Momenten erlebt haben. Ob und wann es für wen anstrebenswert sei, diese Momente zu häufen – gegen den Preis häufigerer und stärkerer Relativierung von Ego, Zeit, Raum und Kausalität – das ist eine ganz private Entscheidung, die oft auch in Relation zur Lebensphase und zum Entwicklungsstand steht. Je grösser die heitere Gelassenheit, desto lockerer kann eine Entität mit der Relativierung der Schöpfungsparameter umgehen – und irgendwann auch mit deren völliger Aufgabe. Es braucht aber auch Gelassenheit, um mit der Intensität der Glücksmomente umgehen zu können. Wer nicht reif dafür ist, wer Abkürzungen benutzt, diese Momente mit äusseren Hilfsmitteln erzwingen will, kann in die Suchtfalle treten.

Grund und Ziel der Denk-Aufgabe?
Wieso denn davon schreiben, wenn es einerseits gefährlich ist, andererseits sowieso die private Entscheidung jedes Einzelnen, ob und wann er eine wie starke Relativierung der Schöpfungsparameter zulassen will? – Wenn man selbst mehrfach solche Glücks-Momente erlebt hat und immer wieder erlebt, möchte man andere daran teilhaben lassen. Das mag kindlich-naiv sein, da bekanntlich nicht jeder dasselbe toll findet, aber es ist eine verständliche Motivation: "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." – Es ist mir ein Anliegen, sowohl in meinen Forschungen wie in dem, was ich schreibe, die Welt der Wissenschaft und die Welt der Spiritualität zu verbinden. Ich lebe selbst in beiden Bereichen und erlebe täglich, wie die Klischees, die hüben und drüben vom anderen Bereich existieren, Quatsch mit Sauce sind. Es gibt mindestens soviele weitsichtige, offene Spirituelle mit gutem Bodenkontakt wie es fundamentalistische und abgehobene Wissenschafter gibt. Die Unterschiede der Seriosität und der Funktionalität der Forschungsresultate liegen nicht in den Sachbereichen, sondern in den Individuen. Was ein aufgeblasener Fundi präsentiert, ist eigentlich immer ungeniessbar, ob er nun Guru oder Professor spiele. Umgekehrt gibt es auch bescheidene, offene, neugierige, staun-bereite Wesen in beiden Bereichen. Wissenschaft und Spiritualität sind nur in unserer heutigen Gesellschaft gerade so weit auseinander. In früheren Kulturen waren sie verbunden, ja eins. Und auch heute gibt es Beispiele für hochspirituelle Wissenschafter oder wissenschaftlich top-gebildete Spirituelle. Man könnte den Graben also auch allmählich wieder zuschütten. Wenn ich da ab und an eine Schaufel reinwerfen kann, mach ich das mit Vergnügen. – Dann macht es mir Spass, immer wieder an die Grenzen sprachlich-rationaler Möglichkeiten zu stossen, den Versuch zu wagen, mich auch Suprarationalem wie der bedingungslosen Liebe wenigstens ansatzweise mithilfe des in Sprache artikulierten Denkens zu nähern. Es ist mir wohl bewusst, dass es am Schluss gilt, das Denken aufzugeben und das Erkannte zu leben. Aber vielleicht bin ich ja nicht der Einzige, dem der Versuch einer theoretischen Durchdringung auf dem praktischen Weg weiterhilft. Was für andere ein Umweg sein mag, ist für uns also ein Weg. Und schliesslich freue ich mich über homerisches Gelächter. Wenn ich auch nur einen winzigen Beitrag leisten kann, dass es wieder mal erschallt, tu ich das gern.

Und die Denk-Aufgabe? Denken Sie doch mal über Ihr Vehältnis zu den Schöpfungsparamtern nach. Und dann über die Verträglichkeit von dem, was Sie 'Liebe' nennen und dem grauslichen Wort 'bedingungslos'. Und dann lassen Sie's mit dem Denken, lieben Sie drauflos - und lachen Sie, es muss ja nicht gleich von Anfang an homerisch sein.