Denk-Aufgabe 702 vom 20.2.2007

Die Welt als Selbst-Bedienungsladen

 

A. Axiomatische Grundlagen des folgenden Modells

Ich gehe für diesen Text von folgenden Grundannahmen aus:

1. Welt-Wahrnehmung ist individuell, subjektiv und damit relativ.
Bei der Wahrnehmung von Welt handelt es sich - wie das deutsche Wort 'Wahr-Nehmung' ja eigentlich suggeriert - um ein Nehmen von etwas, das man dann als 'wahr' bezeichnet. Das Verb 'nehmen' assoziiert aber eine Wahlmöglichkeit. Wäre Welt etwas Absolutes, das wir sozusagen an die Sinne geknallt bekommen, wäre diese Wahlmöglichkeit zumindest reduziert, z.B. auf die zeitliche Abfolge der einzelnen Wahrnehmungsakte. Diese Relativierung der Welt-Wahrnehmung, die sich aus der Tatsache ergibt, dass jede Entität von einem anderen Punkt im Raum zu einem anderen Zeitpunkt wahrnimmt, reicht mir für die folgende Untersuchung bereits. Wir können die Frage offenlassen, ob es theoretisch so etwas wie absolute Wahrnehmung und damit absolute Wahrheit gebe, da es vorläufig noch niemandem gelungen ist, die Schöpfungsparameter Zeit, Raum, stand- und zeitpunktgebundenes Ego und die durch die Abgetrenntheit vom Rest der wahrgenommenen Welt nötigen Verknüpfungen so zu überwinden, dass er stringent darüber kommunizieren konnte. Ich stelle nur fest, dass es vorläufig nicht gelungen ist, die Existenz bzw. Nichtexistenz absoluter Wahrnehmung und absoluter Wahrheit zu beweisen.

2. Welt-Wahrnehmung ist Interpretation.
Es gelingt keiner Entität, völlig wertfrei oder objektiv wahrzunehmen. Jedes Wahrnehmungsinstrument - sei es ein Organ oder ein technisches Hilfsmittel - beeinflusst die Wahrnehmung, sei es durch die Wahl eines bestimmten Ausschnittes aus einem viel grösseren Spektrum möglicher Wahrnehmungen wie unsere Sinne, sei es durch die Beeinflussung der Ladung oder des Spins des Wahrgenommenen durch den Wahrnehmenden wie in der Quantenphysik. Wahrnehmung ist also immer Interpretation, d.h. subjektive Bewertung des Wahrgenommenen. Das Mass der Subjektivität und der Bewusstheitsgrad der Bewertung kann allerdings stark differieren, aber völlig frei von Subjektivität ist keine Welt-Wahrnehmung. Was vorschnell als 'objektiv' oder gar als 'Tatsache' hingestellt wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Wahrnehmung, die innerhalb eines bestimmten Modells von einer für den Bewertenden relevanten Anzahl von Entitäten ähnlich oder unwidersprochen akzeptierten Welt-Interpretation. Die Chance für eine Wahrnehmung, als 'objektive Tatsache' von Vielen akzeptiert zu werden, erhöht sich indirekt proportional mit ihrer Aussagekraft und Funktionalität. Wenn der Meteorologe die statistisch erfasste Durchschnittstemperatur in einer Gegend angibt, dann mag diese Zahl innerhalb des gewählten Modells mit der entsprechenden Masseinheit als 'objektiv' gelten, wenn man die durch die Messmethoden entstandenen Ungenauigkeiten toleriert. Aber die Funktionalität dieser Welt-Interpretation steigt erst, wenn der Empfänger dieser Aussage sie mit seiner eigenen Wertung verbindet, die selbstverständlich subjektiv und durchaus widersprüchlich sein kann (25 Grad Jahresdurchschnitt? 'Traumhaft!' - 'Grauenhaft heiss!' - 'Mich fröstelt!'). Hier liegt m.E. die crux wissenschaftlicher Welt-Interpretation: sie möchte sowohl möglichst objektiv wie auch möglichst funktional, nützlich, relevant sein. Die Erkenntnis der Unmöglichkeit der absoluten Erreichung dieses Ziels ist eine gute Voraussetzung, es wenigstens relativ gut zu erreichen, indem man die Grundannahmen, die Axiome jedes Welt-Interpretationsmodells und alle weiteren Wertungsschritte immer transparent macht (wie ich es hier auch versuche).

3. Wir sind für unsere Welt-Interpretation selbst verantwortlich.
Das ergibt sich aus den Annahmen 1 und 2. Auch wenn es also jenseits von allen Wahrnehmungsstandpunkten , von denen Welt wahrgenommen wird - und das heisst auch jenseits der Schöpfungsparameter - so etwas wie einen absoluten Standpunkt geben sollte, sind wir - solange wir diesen nicht kennen - für unsere subjektive Interpretation der von uns wahrgenommenen Welt selbst verantwortlich. An dieser These können wir gleich die Relativität der Interpretation abhandeln. Man kann diese Verantwortung nämlich als grauenhaft, als tragisch, als untragbare Last, als schwere Schuld, als Erb-Sünde betrachten und daran verzweifeln - oder man kann sie als gewaltiges Geschenk sehen, als riesige Freiheit, als Macht, alles, die ganze Welt zu ändern. Ich für mich wähle die zweite Option und damit wird vielleicht der Titel bereits etwas verständlicher: Wenn ich für meine Welt die alleinige Verantwortung trage, dann kann ich mich in ihr ja auch bedienen wie in einem Selbstbedienungsladen? Genau das macht doch der Mensch seit er sich auf zwei Beine erhob? Er bedient sich, benutzt die Welt, verändert sie, macht sie kaputt, baut sie wieder auf. Dann ist doch das völlig in Ordnung, oder? Klar, wenn das ein paar Milliarden gleichzeitig machen und sich die wahrgenommene Welt nicht nur passiv, sondern durchaus auch mal aktiv und bockig verhält, gibt es Konflikte. Aber wenn das stimmt, dass man immer und jederzeit selbst verantwortlich ist, kann man ja die Filiale wechseln und in einen anderen Selbstbedienungsladen gehen? Oder man kann die Bewertung anpassen und Konflikte positiv beurteilen. Man kann Spass daran finden, Widerstände zu überwinden, Konkurrenten zu schlagen, seine Macht zu erweitern, zu festigen, zu verlieren und wieder zu gewinnen. Das Ganze kann man ja auch als Spass und Spiel anschauen. Man könnte aber auch etwas anderes tun als 'Welt beherrschen und benutzen', und davon möchte ich erzählen. Aber dazu brauche ich eine vierte Annahme:

4. Wie innen so aussen.
Die von einer Entität wahrgenommene Welt ist ein Spiegel ihrer Innenwelt. Welt ist nach aussen gestülptes Ich. Jede Entität projiziert ihr So-Sein auf die Matrix 'Welt', um sich selbst zu erkennen. Für den Erkenntnisvorgang braucht sie die Schöpfungsparameter, also primär einmal die Wahrnehmung von sich selbst als vom Rest der 'Welt' abgetrenntem Subjekt. Erst mit diesem primären Erkenntnisvorgang entsteht die Subjekt-Objekt-Spaltung. Und damit ergeben sich die weiteren Schöpfungsparameter zwingend. Eine Entität kann sich nur als Entität wahrnehmen, wenn sie sich einen Raum schafft, in dem sie einen Abstand erzeugt zwischen sich und dem 'Rest der Welt'. Damit ist nichts gesagt darüber, ob es sich dabei um Realität oder Illusion, um 'Traum' oder 'Wirklichkeit' handelt. Zwingend ist nur: 'Wenn Erkenntnis, dann Raum'. Nicht gleich zwingend folgt die Notwendigkeit des Schöpfungsparameters 'Zeit'. Denn es wäre auch denkbar, dass die Entität sich und den 'Rest der Welt' zeitverzugslos, im 'Jetzt', in höchster Präsenz 'erkennen' würde. Bereits die Mühe, die ich bekunde, um diese gegenpolare Art des uns vertrauten Erkenntnisprozesses zu beschreiben, zeigt, wie wenig vertraut sie uns ist. Und doch behaupte ich, dass es sich dabei um einen entscheidenden Schlüssel für eine gelingende Entwicklung handelt. Es gibt unzählige Modelle und Wegbeschreibungen, die einen Zugang verschaffen können zu diesem zeitverzugslosen, nicht analytischen, mithin auch nicht rationalen Erkenntnisprozess. Einen sprachlichen Zugang kann uns das hebräische Wort für 'Erkennen' geben, das nicht nur für den uns vertrauten Vorgang des bewussten Erfassens einer Entität, einer Verknüpfung zwischen Entitäten, einer Vorstellung, eines Gedankens, einer Idee steht, sondern auch für den Vorgang der Vereinigung, und zwar durchaus auch ganz konkret der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Mann und Frau:: "Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain..." (Genesis, 4/1). Wenn 'Erkennen' auch 'Vereinigen' heisst, dann kann doch - zumindest im Hebräischen - damit nicht die rational-analytische Erkenntnis gemeint sein, die ja ganz zwingend auf der Trennung, auf dem Abstand-Nehmen beruht? Einen Erlebnis-Zugang zu dieser Art der Erkenntnis können also Vereinigungs-Erlebnisse geben, angefangen bei der körperlichen Liebe, über die im weiteren Sinne sinnliche Liebe, weiter über die freundschaftliche Liebe bis hin zur bedingungslosen Liebe. Alle Formen intensiver Zuwendung in Vereinigungsabsicht können zu diesem von vielen als paradox empfundenen Erkennen führen, da im Moment der Vereinigung der rational-analytische Erkenntnisprozess aus- oder zumindest auf 'stand-by' geschaltet ist. Qualitätskriterium für diese Liebesformen als Erkenntnis-Instrumente wäre die Unabhängigkeit von der Zeit. Je 'gegenwärtiger', je 'präsenter', je mehr im Jetzt diese Liebe bzw. Vereinigungs-Erkenntnis sich ereignet, desto höher die Qualität - aber nur unter dem Aspekt, dass das Austricksen eines Schöpfungsparameters anstrebenswert sei. Dazu mehr bei der fünften Annahme.

Jetzt geht es noch darum, einen weiteren Zugang zur vierten zu verschaffen, indem ich sie in abgeschwächter Form präsentiere:
'Die Art, wie jemand die Welt wahrnimmt, entspricht seinem Charakter'

Dieser Aussage werden wohl viele zustimmen. Ich gehe einfach einen Schritt weiter und behaupte, dass nicht nur die Frage WIE, sondern bereits die Tatsache DASS eine Entität das eine wahrnimmt und das andere nicht, oder das eine zuerst und das andere hinterher, eine stand- und zeitpunktbezogene, mithin relative Aktivität ist. Mit der Individualität der Welt-Wahrnehmung ist es dabei insofern etwas verwirrlich, als es natürlich auch kollektive und gattungsspezifische Phänomene gibt, die mit den Organen oder den gemeinsamen Zielen zu tun haben. Zwei Schnecken werden das Kriechen der Dritten als Bewegung wahrnehmen, zwei Fledermäuse können im Dunkeln in ähnlicher Weise Hindernissen ausweichen, zwei Bienen in vergleichbarer Weise Tanzbewegungen einer Dritten als Wegbeschreibung decodieren - wo ein Mensch gar nichts oder etwas völlig anderes wahrnimmt. Daraus zu schliessen, die Entitäten gleicher Gattung nähmen dasselbe wahr und mithin gebe es eine kollektive, für viele Entitäten gleicher Gattung auch gleiche Weltwahrnehmung, wäre aber voreilig. Es mag bei oberflächlicher Betrachtung so scheinen, aber eine genauere Analyse - wo wir sie denn vornehmen können - zeigt, dass gleiche Organe und Fähigkeiten in keiner Weise zu gleichen Wertungen führen, die sich in Reaktionen und Verhaltensweisen zeigen. Sonst müssten z.B. alle Hunde, alle Pferde, aber auch alle Menschen sich bei denselben Wahrnehmungen fürchten. Gerade die Angst ist ein wunderbares Experimentierfeld um zu zeigen, dass Welt-Interpretation individuell, subjektiv, relativ und änderbar ist. Es gibt zwar durchaus kollektive Phänomene, statistische Häufigkeiten z.B. von Ängsten bei bestimmten Wesen, die auch über ähnliche Wahrnehmungsorgane verfügen oder ähnliche Interpretationsprägungen erfuhren. So dürfte das Geräusch von Sturzkampfbombern bei denen, die im Zweiten Weltkrieg deren Angriffe erlebt haben, vergleichbare Angst-Reaktionen auslösen, die sich bei jüngeren Generationen weniger häufig zeigen, aber von Identität der Deutungen kann keine Rede sein.

Nun aber zu Axiom fünf:

5. Ziel jeder Entität ist die Rückkehr aus der Abgetrenntheit in die Einheit.
Erst mit dieser Annahme wird verständlich, warum ich das Austricksen, das Ent-Schöpfen des Schöpfungsparameters Zeit als erstrebenswert bezeichnete. Wenn es darum geht, der 'condition humaine' irgendwann wieder zu entkommen, wenn es ein Ziel ist, 'in den Himmel' zu kommen, ins 'Paradies', wenn ein Gottessohn sagt 'Mein Reich ist nicht von dieser Welt', wenn der Gegenspieler Satan als 'Herr dieser Welt' bezeichnet wird, wenn östliche Religionen als Ziel angeben, vom 'Rad der Inkarnationen' frei zu werden, so sind das doch alles Bilder, die einen gegenpolaren Zustand zu demjenigen des 'In-der-Welt-Seins' umkreisen. Natürlich ist Binarität, die Reduzierung einer Palette von Wahrnehmungen auf eine Zweiheit von Gegensätzen, von Gegenpolen, eine gefährliche Simplifizierung, aber wir können dies ja im Hinterkopf behalten, wenn wir dem Modus des 'In-der-Schöpfung-Seins', dem Leben in und mit den Schöpfungsparametern Ego (oder 'abgetrennte Entität'), Zeit, Raum und Verknüpfungen zwischen den Entitäten als Gegenpol den Modus des 'Die-Schöpfung-Überwunden-Habens', des 'Sich-aus-der-Schöpfung-heraus-entwickelt -Habens' entgegenstellen. Wenn wir die Gegensätze als zusammengehörig denken, als unterschiedliche Wegstrecken eines zusammen gehörenden Rundwegs, als Entwicklungsphasen, die in der Ununterschiedenheit der Einheit beginnen, in die Unterschiedenheit, die Abgetrenntheit, ins Abenteuer der Vielheit, des Ego-Profils, der Autonomie und wieder zurück in die Ununterschiedenheit der Einheit führen, dann können wir das Werden der einzelnen Entität, das sich Verwickeln in Rollen und Identifikationen, das Aufrichten von Abgrenzungen, die Hybris der Ich-Bildung als Schöpfungsprozess, das Ent-Werden, das sich Entwickeln aus den Ich-Identifikationen, das Einreissen der Grenzen, die Demut der Hingabe des Egos als Ent-Schöpfungsprozess bezeichnen.

Diese Vorstellung der Existenz - wörtlich: des Heraustretens als Seiendes - als zu bejahende Phase, als abenteuerliche Herausforderung, als Chance, überhaupt irgendetwas bewusst zu erkennen - aber nicht als Ziel des ganzen Wegs, diese einverständliche und versöhnliche Sicht einer Kreisbewegung, auf der jeder Punkt seinen Sinn und seine Berechtigung hat, ist im Zuge der Aufklärung und vor allem mit der völligen Abtrennung der intellektuellen Elite von allem Suprarationalen, von Mythos, Intuition und Spiritualität zwar nicht vergessen , aber aus dem öffentlichen und vor allem aus dem intellektuellen Diskurs verbannt worden. Auch ein Text wie der vorliegende verliert wahrscheinlich gerade mit diesen letzten Zeilen die Chance universitärer Akzeptanz. Dieses einseitige und teils verzweifelte Festklammern am rein Rationalen, an der analytisch-trennenden Erkenntnismethode, an der Vorstellung absoluter Wahrheit dank naturwissenschaftlicher Beschreibung der Materie und an den Schöpfungsparametern als einzig Wertvollem ist aber aus mehreren Gründen nicht weiter tragisch. Erstens beschränkt sich diese Ausklammerung alles Supra-Rationalen auf den intellektuellen Mittelbau westlicher Gesellschaften, also weniger bedeutende Universitäten und Hochschulen bzw. Gymnasien. Die Spitzenforschung hat in verschiedensten Bereichen wie Neurophysiologie, Quantenphysik und ganzheitlicher Psychologie längst erkannt, dass das rein rational Zugängliche bestenfalls die Hälfte der Erkenntnis ausmacht. Zweitens hat die radikal aufklärerische, fast sektiererische Rationalitäts-Anbetung weite Teile des Volkes gar nie erreicht. Diskursmacht ist etwas Eindrückliches und kann durchaus ein Machtmittel sein, das zu gewaltigem Missbrauch taugt, aber sie reicht eben doch nur soweit, wie sich Empfänger dem als Machtmittel eingesetzten Diskurs öffnen. Und in praxi sind viele Diskursräume eben doch viel geschlossener als man aufgrund der heutigen kommunikationstechnologischen Möglichkeiten annähme. So bleibt zum Beispiel der angesprochene Mittelbau-Diskurs an Hochschulen und Gymnasien ein erstaunlich geschlossenes System, das weder grosse Wirkung auf die breite Öffentlichkeit zeigt, noch von den verunsichernden Erkenntnissen der Spitzenforschung erreicht würde. Konkretes Beispiel: Die philosophische Abteilung der Universität Zürich hat noch nicht einmal die Erkenntnisse von Einstein, geschweige denn die philosophisch höchst relevanten Aussagen der modernen Quantenphysik rezipiert. Umgekehrt kennt aber auch kaum ein Mensch ausserhalb der Universität irgendeine vom philosophischen Lehrkörper vertretene Lehrmeinung.

Deshalb können wir fröhlich fortfahren, unser Modell zu skizzieren, denn Wissenschaft ist für uns nicht das, was vom intellektuellen Mittelbau einer Gesellschaft akzeptiert wird, sondern das, was auf transparent gemachten Annahmen beruht und eine experimentell nachprüfbare Funktionalität hat. Dem ersten Teil dieser Anforderung an eine wissenschaftliche Theorie glauben wir mit den erläuterten Axiomen Genüge zu tun. Es fehlt aber noch der Schluss-Stein des Modells, die sechste Hypothese, bevor wir zur eigentlichen Theorie und ihrem praktischen Nutzen kommen, den jeder Rezipient - so behaupte ich - selbst erfahren kann.


6. 'Welt' ist Sinn.
Wahrnehmung, Interpretation, Erkenntnis und Erfahrung sind grundsätzlich sinnvolle Prozesse. Alles, was wir wahrnehmen, dient zuerst der Verwicklung in Ich-Identifikationen, dann der Entwicklung aus diesen heraus. Dabei ist keine einzige Wahrnehmung überflüssig oder sinnlos. Was wir wahrnehmen, nehmen wir wahr, weil es ganz speziell für uns Sinngehalt hat. So gesehen ist es auch völlig unnötig, anderen die eigenen Wahrnehmungen, Interpretationen und Wertungen aufzwingen zu wollen. Sie sind ja nur gerade für uns sinnvoll und nötig. Wenn wir Mühe haben, den Sinngehalt zu entdecken, können wir andere fragen, die uns wohlgesinnt sind, die aber doch mehr Abstand zu uns haben als wir selbst. Genau so können wir anderen behilflich sein auf der Sinnsuche, wenn sie uns um Hilfe bitten.

 

B. Von 'Welt' lernen

Ich behauptete bereits im Titel dieses Texts, die Gesamtheit der Wahrnehmungen einer Entität - ihre 'Welt' - sei ein Selbst-Bedienungsladen. Wie in den Ausführungen zur Eigenverantwortung für diese 'Welt' erwähnt, sehe ich verschiedene Arten der Selbst-Bedienung. Am besten vertraut ist uns die Methode, Welt zu konsumieren, zu beherrschen, zu zerstören und wieder aufzubauen, zu säen und zu ernten - alles Tätigkeiten im Aussen, gegen die grundsätzlich nichts einzuwenden ist, auch wenn sie zu Konflikten führen. Die Frage ist nur: Gäbe es nicht noch alternative Möglichkeiten, sich in der eigenen Welt zu bedienen? Wenn wir die sechs Axiome für die kommenden Überlegungen als gegeben betrachten, könnten wir folgendermassen argumentieren:

Wenn die von uns wahrgenommene 'Welt' subjektiv, relativ ist, wenn wir nicht anders können, als Wahrnehmung zu interpretieren und wir für diese Interpretation selbst verantwortlich sind, und wenn nun diese unsere 'Welt' der nach aussen projizierte Spiegel unseres Inneren und Ziel unserer Entwicklung letztlich die Überwindung der 'Welt' mit ihren Schöpfungsparametern ist, und wenn schliesslich alles, was wir wahrnehmen, für uns sinnvoll ist, dann können wir diese unsere Welt doch auch als Hilfsmittel, als Lern- und Entwicklungshilfe benützen. Wir können lernen von unserer 'Welt' - nicht um dereinst ein Supernobelpreisträgerstar zu sein, sondern im Gegenteil: um alle von uns angestrebten Rollen so lange zu spielen, wie wir ein dringendes Bedürfnis dazu verspüren - und sie dann locker abzustreifen. Bevor wir überhaupt mit Lernen und Entwickeln beginnen, könnte bereits eine nie geahnte Entspannung eingetreten sein, ja eine fast unerträgliche Leichtigkeit des Seins könnte sich einstellen, wenn wir wissen, dass das Wesentliche an der Weltwahrnehmung, die Interpretation, völlig in unsere Verantwortung gestellt ist. Das hiesse ja auch, dass wir daran herumschrauben können! Wir können beschliessen, uns an etwas zu freuen, uns etwas zuzuwenden, was wir bislang ablehnten oder nicht beachteten. Wir können beschliessen, uns ab sofort nicht mehr über irgend etwas zu ärgern, was uns bisher grantig machte und die Laune verdarb. Wir können beschliessen, von verzweifelt verfolgten äusseren Zielen abzulassen. Wenn wir uns angewöhnen, den Fokus etwas weniger auf Fragen zu richten wie "Kann ich dieses Stück Welt beherrschen?" - "Kann es mich beherrschen?", wenn wir aus dem Wechselbad von Machtgier und Angst aussteigen und bemerken, dass aller Machtwille letztlich auch nur der Angst vor der Ohnmacht entspringt, wenn wir uns schmunzelnd zurücklehnen im Wissen, dass es doch völlig unnötig ist, sich vor etwas Selbstgebasteltem wie der eigenen Welt zu fürchten, dass es aber durchaus sinnvoll ist, sie besser kennen zu lernen, dann wird Leben im besten Sinne spannend. Es ist ja nicht so, dass es dann plötzlich der Dramatik beraubt wäre, denn die nach aussen projizierten Innenanteile, die uns ständig beschäftigen, sind kaum jene, die wir an uns selbst längst entdeckt und bejaht haben. Wir treffen natürlich vor allem und am intensivsten auf diejenigen Innenanteile, die wir zutiefst ablehnen oder deren Vorhandensein in unserem Innern wir schlicht negieren. Und wie das so ist mit Abgelehntem: es kommt immer wieder in neuer Verpackung daher, immer deftiger und heftiger - bis wir uns der Auseinandersetzung stellen, es annehmen, bei uns suchen, aus der Verdrängung befreien. Dann aber verliert es seinen Schrecken und damit auch seine Macht über uns. Wer erkannt hat, dass er das Wahnhafte, das Machtsüchtige, das Rassistische und die Neigung zum Fundamentalismus als Anlagen in sich trägt, braucht sich vor Gestalten wie Hitler oder Bedrohungen wie dem islamistischen Fundamentalismus nicht mehr zu fürchten. Er kann seine Energie dafür einsetzen, diese Anlagen anzuschauen, in seinen Alltag zu integrieren und auszubalancieren.

Nun kann man mit Fug der Ansicht sein, das Bild mit dem Selbstbedienungsladen und die These, man könne von und in der Welt lernen, sei reichlich banal, jede und jeder mache das doch, bediene sich und lerne, die einen vielleicht etwas bewusster als die andern. Sprachpuristen dürfte meine ungewohnte Schreibweise des Kompositums 'Selbst-Bedienungsladen' aufgefallen sein. Damit möchte ich bereits im Titel darauf hinweisen, dass man das Wort auch anders deuten, andere Bilder suggerieren kann als Migros oder Coop. Wenn wir den 'Selbst'-Begriff von C.G.Jung nehmen, ist das Selbst ein gegenpolarer Begriff zum Ich. Die psychische Entwicklung führt vom abgegrenzten Ich zum umfassenden Selbst. Das allumfassende Selbst wird so - ganz im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch, wo es meist synonym mit Ich oder Ego gebraucht wird, zu einer weiteren Metapher des letztlich Grenzenlosen und deshalb nicht Definierbaren (im Term de-finieren steckt ja finis, die Grenze, 'definieren' meint 'Grenzen setzen', 'eingrenzen', also genau den Prozess, dem sich das Grenzenlose entzieht); 'Selbst' gehört somit in die Reihe der Code-Wörter für das Unsagbare, das in den verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichsten Metaphern belegt ist wie 'Einheit', 'Gott', 'Tao', 'Brahman', 'Nirwana', 'Paradies', 'Himmel', aber auch 'Jetzt', 'höchste Präsenz', 'Erleuchtung', 'Agape' etc. Unter diesem Aspekt hebt sich der Titel doch etwas aus den Gemeinplätzen heraus. Wenn die Welt ein Laden ist, in und mit dem wir das Selbst bedienen, dem Selbst dienen, uns so lange bedienen, bis wir alles integriert haben und zum Selbst werden, dann ist dies doch ein höchst anspruchsvoller und abenteuerlicher Vorgang. Auf den ersten Blick klingt es nach gewaltigem Machtgewinn: Das Ego stopft sich voll im Selbst-Bedienungsladen, frisst die ganze Welt auf, erkennt 'Welt' als das nach Aussen Projizierte eigene Innere und integriert es - ja bis wann? Bis es platzt? - Nun ja, so dramatisch muss es nicht sein, aber beim Vorgang der Welt-Integration, beim unaufhörlichen In-sich-Hineinnehmen von allem, was es wahrnimmt, geht leiderleider ganz unmerklich das Ego unter. Denn ein Ich, das alles umfasst, ist keines mehr. Wir entdecken das schon, wenn wir in einer kleinen Debattier-Runde sitzen und zu jeder geäusserten Meinung sagen "Ja, das kann ich verstehen" - und zur Gegenmeinung auch: "Ja, auch das kann ich nachvollziehen" - Nach kurzer Zeit gelten wir als fad, als meinungslos, als unprofiliert - fühlen uns vielleicht selbst so und bemühen uns dann womöglich wider unser eigenes Naturell wenigstens irgendwo dezidierte Ansichten zu äussern, Grenzen zu setzen, uns selbst zu definieren. In solchen alltäglichen Erlebnissen können wir den Untergang des Egos im ganz Kleinen erfahren. Verständlicherweise wehrt sich das Ego. Und es wehrt sich geschickt, unter Einsatz aller Mittel und Tricks - schliesslich geht es ums Überleben! Sobald es merkt, dass ihm das eigene Bewusstsein an den Kragen will, wird eben auch das bekämpft. Genau deshalb ist Bewusstseins-Erweiterung so schwierig, denn es ist ja dasselbe Bewusstsein, das einerseits Ego bleiben und andererseits Selbst werden will. Es ist ein Kampf im Innern, bei dem sich die beiden Bewusstseinsanteile nach allen Regeln der Kunst auszutricksen versuchen. Manchmal ist es wie Schach gegen sich selbst spielen: Wenn man sein eigener Gegner ist, kennt man auch die Pläne und Strategien des andern, der ja eigentlich gar kein anderer ist. Doch auch dieser paradox scheinende Kampf ist sinnvoll, wenn man ihn als Training wesentlicher Kompetenzen ansieht: Die Kompetenz, mit gegensätzlichen, sich widersprechenden Ansätzen einverstanden zu sein, sie zu integrieren und sogar zu vereinigen - die berühmte coniunctio oppositorum des Nikolaus von Kues -, aber auch die Fähigkeit, Aussenwelt als Innenwelt zu erleben und zu verstehen, die Interdependenz und den Dialog, die Zusammengehörigkeit von Innen und Aussen ganz unmittelbar zu erfahren. Denn das Ego kämpft um das Aussen, will äusserlich sichtbares Profil, Macht über anderes Äusseres oder wenigstens sichtbar gemachte Macht über Inneres. Der das Ego stützende Bewusstseinsanteil wirft dem das Selbst suchenden Anteil zu Recht vor, dass es ohne es, ohne Ego-Anstrengungen gar nicht existierte und damit auch nicht tätig sein könnte, dass es eigentlich eine Frechheit sei, anstatt dankbar zu sein, den Untergang des nährenden Egos herbeiführen zu wollen. Umgekehrt kämpft der sich zum Selbst hin entwickelnde Bewusstseinsanteil für das Innen, für die Ausdehnung, die Erweiterung und versucht das Ego zu besänftigen: "Ist es nicht auch dein Ziel, möglichst gross, möglichst allumfassend zu werden? Arbeite ich nicht daran, dich zum Alleinherrscher, zum Allmächtigen deiner Welt zu machen? Was sträubst du dich gegen Schritte auf ein Ziel hin, das doch auch das Deine ist?" - Das Ego-Bewusstsein bleibt misstrauisch, da der Weg des Gegenspielers ja ein innerer ist und es doch nicht nur innere, unsichtbare, sondern reale, äussere, greifbare Macht will. Auch die Grenzverwischerei behagt ihm nicht. Das Ego will zwar erobern, aber das Eroberte bleibt abgetrennt, bleibt Provinz, Untertanenland, die eroberten 'Andern' sind Sklaven, Tiere, Pflanzen, Dinge, vom Ego beherrscht und benutzt. Nix da von Gleichberechtigung oder gar völliger Integration, die das zackig-klare Profil des Egos verwischt. Andererseits merkt das Ego auch, dass es Dinge gibt wie Lerninhalte und Fähigkeiten, die es gerne integriert, die den Eigenglanz erhöhen: Wenn die erlernten Sprachen und Fertigkeiten, das angehäufte Vermögen im konkreten und übertragenen Sinne ihm zugeschlagen werden, dann ist es doch nicht nur ein bedeutenderes, machtvolleres Ich, sondern auch ein glänzenderes, bewundernswerteres. Also lässt es sich doch ein wenig ein auf diese Integrierei in der Überzeugung, schon noch rechtzeitig bremsen zu können, wenn es ihm ans Profil und an den Kragen gehen sollte. Wem es gelingt, auch diesen Konflikt in seinem eigenen Bewusstsein mit einer gewissen Schmunzel-Distanz zu beobachten, wie einen Tennis-Match zwischen zwei starken Spielern, die man beide mag, und ohne gleich einseitig Partei zu ergreifen, der hat sich ausgezeichnete Voraussetzungen geschaffen für das Lernen von 'Welt', für das, was ich Selbst-Bedienung nenne.

Nun hat vielleicht der Begriff des 'Selbst' und die Art und Weise des Lernens an Kontur gewonnen, doch der Begriff der 'Welt' ist nach wie vor etwas vage und undifferenziert. 'Alles, was eine Entität wahrnimmt' sagte ich weiter oben, ist 'ihre Welt'. Da aber Welt-Wahrnehmung und Welt-Interpretation aufgrund meiner Annahmen relativ, subjektiv und individuell sind, kann streng genommen nichts als 'in-allen-Welten-vorkommend' präsumiert werden. Wenn ich im Folgenden doch differenziere, dann immer mit der Möglichkeit im Hinterkopf, dass jemand sich von einer ganzen erwähnten Gruppe nicht oder nur sehr marginal betroffen fühlt, da sie in seiner Welt nicht vorkommen oder eine vernachlässigbare Rolle spielen. Das einfachste Beispiel ist vielleicht die Musik, die für den Berufsmusiker dominant, für den Tauben schlicht nicht Teil seiner Welt ist. Für mich spielten und spielen z.B. Tiere eine herausragende Rolle in meiner Welt und ich werde ihnen gleich den nächsten Abschnitt widmen. Aber ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo Tiere übrehaupt kein Thema waren und kann deshalb sehr gut verstehen, wenn dies auch für Leser dieses Texts so sein sollte. Überspringen Sie den Absatz! Und falls jemand sich wundert, dass nicht zuerst andere Menschen als Lehrer erwähnt werden, gibt es auch da triftige Gründe: Erstens habe ich ausführlich - gewisse finden angesichts der Fette des Schinkens zu ausführlich - darüber geschrieben in meinem Glücks-Buch (Glück - Eine Philosophie des Einverstandenseins. Strub Verlag, Kreuzlingen. 2005); zweitens haben viele andere Autoren (wie z.B. Rüdiger Dahlke oder Eckhard Tolle) sich ebenfalls darüber spannend und facettenreich ausgelassen und drittens haben Tiere als Lehrer gegenüber den Menschen einige Vorzüge, von denen ich nun gleich schwärmen werde.

 

C. Von Tieren lernen

Bei Tieren ist etwas Normalzustand, was beim Menschen die seltene Ausnahme ist: Sie sind in der Gegenwart, im Hier und Jetzt und benutzen das Erinnerungsvemögen und das Planen für die Zukunft nur dann, wenn es funktional sinvoll ist. Und auch dann sind es bei vielen Tieren intuitive Verknüpfungen, die automatisch im richtigen Zeitpunkt in die Aktualität treten und 'nach Gebrauch' wieder ausgeschaltet werden.

Dieses grundsätzliche Präsentsein, das dem Menschen nur selten in grossen Momenten gelingt, erhöht die Achtsamkeit und damit das situationsadäquate Verhalten bei den Tieren ungemein. Das Gedächtnis ist, wenn es denn gebraucht wird, ebenfalls fokussiert auf das Nötige, Aktuelle. Ebenso zielgerichtet und gebündelt sind zukunftsbezogene Aktivitäten wie Vorratssammlung und Nestbau. Da gibt es kein Steckenbleiben in einem der Zeitmodi wie beim Menschen, kein grüblerisches Verweilen, aber auch kein erinnerungsseliges Suhlen in der Vergangenheit. Und angstvolles Extrapolieren der miesesten Erfahrungen in zukünftige Schreckensszenarios ist den Tieren ebenfalls fremd. Sie haben damit einen fast unanständigen Vorsprung auf die Menschen, für die eine den Tieren vergleichbare Präsenz, eine auch nur annähernde Achtsamkeit, ein ähnlich funktionales Abrufen von Erfahrungen und Planen der Zukunft gewaltige Arbeit, ja bereits schwierig zu erreichendes Ziel einer längeren Entwicklung ist. Tiere sind mit diesen Voraussetzungen auch bedeutend weniger kompliziert in der Beziehung, sind geradlinig und klar in ihrer Kommunikation. Natürlich gibt es auch Macho- und Tussi-Verhalten im Tierreich, aber es ist für die davon Betroffenen bzw. die Rezipienten so leicht zu decodieren, dass man kaum von eigentlicher Verstellung, Heuchelei und Lüge sprechen kann wie beim Menschen. Spannend sind diesbezüglich die Haustiere, die in vielen Bereichen zu eigentlichen Zwischenwesen zwischen Mensch und Tier werden. Haustiere können viel von ihrem intuitiven Wissen, ihrem instinktmässig funktionalen und situationsadäquaten Verhalten verlieren, gleichzeitig aber typisch menschliche Verhaltensweisen zeigen wie Simulieren, bewusst Stehlen, auf 'krank' Machen, Eifersucht zeigen etc.

Man kann die Unterschiede zwischen Mensch und Tier beklagen - oder von den Tieren lernen. Mir schwebt immer das Bild von behinderten Sportlern vor, die ja auch von den Nichtbehinderten lernen, deren Verhaltensweisen imitieren und auf ihre Möglichkeiten übertragen. Mit diesem Bild können wir auch den Respekt vor der Leistung des Menschen zurück gewinnen. Denn es ist doch eine viel beeindruckendere Leistung, sich als Behinderter nicht einfach ins soziale Netz fallen zu lassen, sondern das Beste aus den verbliebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu machen - als einen sowieso schon tollen, gesund-athletischen Körper auch noch ein wenig zu nutzen und einzusetzen. So gesehen ist es eigentlich nicht das Talent, sondern der Grad der Behinderung, der den Sportler adelt. Übertragen auf das Verhältnis Tier-Mensch wäre es das Mass des Entferntseins vom Jetzt, vom funktionalen und situationsadäquaten Verhalten, vom unkomplizierten und geradlinigen Kommunizieren, das den Menschen adelt. Gerade seine Behinderung gegenüber dem Tier macht seine Versuche, einen vergleichbaren Standard zu erreichen, so bewundernswert. Es ist wie mit der Demut: Wer sie schon in die Wiege gelegt bekam, wer sie nie gegen die Hybris eintauschte und sie sich wieder mühsam erarbeitete, ist doch nicht so zu bewundern wie derjenige, der seine Hybris voll auslebte, zur Blüte brachte, eine Gegenwelt aufbaute - und diese dann freiwillig einreisst, sich freiwillig beugt unter die kosmische Ordnung. So gesehen ist die Behinderung des Menschen eine grossartige Chance - und die Ausstattung des Tieres fast ein Hindernis, ähnlich grosse Entwicklungsschritte zu machen wie der Mensch. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass sich der Mensch dem Tier gegenüber so masslos arrogant benimmt. Es ist eine Form des Napoleon-Komplexes: Der Kleine, Handicapierte, der nackte Affe muss Schlauheit und Tricks erfinden, um gegen den Grossen, Nichtbehinderten, mit Fell Geschmückten zu bestehen. Und wehe der Kleine gewinnt die Oberhand: Jetzt rächt er sich für sein Minderwertigkeitsgefühl, das er sich selbst erzeugte, das dem Grossen nicht einmal bewusst zu sein brauchte, geschweige denn von ihm induziert war. - Ein herrliches Beispiel für die These, dass wir unsere Welt zwar selbst möblieren, bei unangenehmen Erfahrungen aber gern die Verantwortung in Form von Schuld nach aussen, auf 'Andere' projizieren und das Selbstgebastelte an der Situation tunlichst verdrängen.

Auch wenn die Rachegefühle der behinderten Menschen also durchaus nachvollziehbar sind - schlau scheint mir das nun bereits Jahrtausende währende und sich stetig zuspitzende Verhalten den Tieren und der ganzen Natur gegenüber nicht zu sein. Wenn es sich ja letztlich um nach aussen projiziertes Inneres handelt, ist es ja ähnlich, wie wenn wir uns im Spiegel sehen, mit dem Konterfei nicht zufrieden sind und die Faust in den Spiegel knallen. Wäre es nicht bedeutend kluger, den Spiegel Welt - und ganz besonders den Spiegel TIER zu benützen, um uns genauer kennen zu lernen, um uns zu entwickeln, um zu lernen, zu wachsen in Richtung Selbst?

Wer sich mit dem schmunzelnden Wissen den Tieren zuwendet, dass er letztlich sich selbst in einem farbenfrohen, artenreichen Film in Aktion erlebt, verliert rasch jegliche Rachegefühle, lernt seine Ängste kennen und überwinden, lernt verschiedenste Formen von Kommunikation kennen, verliert die Arroganz zu meinen, Sprache sei die Krone der Kommunikationsformen, entdeckt auch unzählige Facetten des Zusammenlebens, wird unabhängiger von seiner familiär-gesellschaftlich-kulturellen Prägung, lernt, selbst zu wählen, welche Kommunikationsform, welche Art des Zusammenlebens für ihn in der aktuellen Lebensphase passend ist.

Wer sich Tieren unvoreingenommen nähert, merkt auch bald, dass all die Versuche, sie für dümmer zu erklären, für weniger bewusst, für kommunikationsunfähig, für humorlos, für unberechenbar-wild, für unfähig, sich zu wehren - dass all diese hilflosen Bemühungen vor allem der abendländischen Kultur lächerlich sind und am Ziel vorbei schiessen, den Menschen als Krone der Schöpfung zu installieren.

Wenn wir nämlich nüchtern und sachlich die 'differentia specifica' zwischen Tier und Mensch suchen und dabei nicht Partei nehmen für den Menschen, kommen wir mit grosser Wahrscheinlichkeit zuerst einmal zur Darwinschen Einsicht, dass der Unterschied nur ein gradueller ist. Und wir erkennen vielleicht, dass die wesentlichen Unterschiede vor allem in den erwähnten Behinderungen, aber auch in der Fähigkeit und im Willen zur Zerstörung liegen. Kein Tier kann oder will so schnell, so grausam so viele Artgenossen umbringen wie der Mensch. Dass weiter auch kein Tier soviel Energie in die Beherrschung des 'Rests der Welt' legt wie der Mensch, der dafür eine gigantische Technik entwickelte, da ihm so viele natürliche Fähigkeiten mangeln, mag für die einen beeindruckend sein. Für mich ist es eher ein Umweg, eine Schlaufe, auf der sich jeder Mensch in der ersten Lebensphase etwas verlustieren kann, bis er merkt, dass ihn die Beherrschung seiner Welt mit allen technischen Mitteln nicht näher ans Ziel bringt, eins zu werden mit seiner Welt, mit allem, was er wahrnimmt. Denn Beherrschung ist immer etwas Trennendes, Unterordnendes und steht im Gegensatz zur Vereinigung, auch wenn die Sprache hier nicht sauber unterscheidet und z.B. davon spricht, jemand beherrsche eine Sprache. Wer sich wirklich in einer Sprache zuhause fühlt, beherrscht sie aber nicht, er hat sie integriert, es ist seine Sprache geworden. Das Oben und Unten ist verschwunden, weder herrscht er über die Sprache, noch herrscht sie über ihn - er ist eins geworden mit der Sprache. Tiere kommunizieren - zumindest ist dies in etwa der Stand der Forschung - direkter und konkreter, z.B. mit Bildern, Düften, Gesten, Mimik, Lauten und elektrischen Signalen, die weniger missverständlich sind als die menschliche Sprache. Natürlich gibt es auch herrliche Missverständnisse im Tierreich, nicht nur, aber vor allem zwischen Haustieren, aber sie sind die Ausnahme, wo sie in der menschlichen Kommunikation die Regel bilden.

Ein starkes Erlebnis kann die Auseinandersetzung mit tierischer Intelligenz sein. Man muss sich zuerst einmal lösen von der Gleichsetzung von Intelligenz mit rationaler Analyse. Von Intelligenz zu sprechen ist meines Erachtens dann sinnvoll, wenn eine Entität mit ihren Wahrnehmungen umgehen kann, wenn sie funktional wahrnimmt, interpretiert bzw. in ihren Wahrnehmungen Sinn sucht und sie so funktional macht und dann entsprechend situationsadäquat reagiert. Spannend wird es bei dilemmatösen Wahrnehmungen: Hier kann man Intelligenz mit Dilemmakompetenz gleichsetzen. Intelligent ist, wer ein Dilemma als solches erkennt und es aushält; wer also damit leben kann, dass es in vielen Fällen Entscheidungen zu treffen gilt, die so oder so auch Nachteile mit sich bringen - genauer: Folgen, die man zurzeit der Entscheidfällung als Nachteile interpretiert.

Im Zusammenleben mit Tieren erlebt man immer wieder Beispiele herausragender Intelligenz. Der Mensch hat sich zwar angewöhnt, alles 'richtige', perfekt situationsadäquate Verhalten von Tieren mit dem nichtssagenden Label 'Instinkt' zu versehen, um nicht zugeben zu müssen, dass es sich um Intelligenz handelt, die eben auch kollektiv auftritt. Ein Phänomen, das bei sogenannt zivilisierten Menschen längst verschüttet ist.

Es lohnt sich auch der Versuch, den meist unbedacht gezogenen Schluss 'Wenn sich ein Wesen nicht zur Wehr setzt, ist es dumm' zu hinterfragen. Vielleicht hilft das Beispiel eines kranken oder sterbenden Menschen, der Gelassenheit und Einverständnis ausstrahlt und nicht bis zuletzt und mit allen Mitteln kämpft gegen das Unvermeidliche. Generell kann man sich und andere in der Niederlage, im Scheitern beobachten und vielleicht gerät ja dann 'Einverständnis mit dem Schicksal = dumm' ins Wanken. Nichts gegen die gesunde Aggression eines jungen Wesens, das sich ja zuerst profilieren, ein Ego aufbauen muss. Wunderbar. Aber nach der Lebensmitte, nach unzähligem Scheitern, nach der sogenannten 'Midlife-Crisis' könnte doch auch ein differenzierterer Umgang mit der Aggressions-Energie einsetzen. Man könnte sie z.B. für das Einverstandensein mit seiner Welt, seinem Schicksal, seinem So-Sein verwenden. Das ist nämlich nicht 'easy-peacy' passives Hinnehmen, Fatalismus oder Wurstigkeit: Grenzabbau, Mauern einreissen braucht Kraft! Wer das einmal versucht hat, findet das Opferlamm, das sich ohne grosse Gegenwehr schlachten lässt, vielleicht nicht mehr ganz so doof.

 

D. Von der Natur lernen

Man könnte den Überbegriff 'Natur' selbstverständlich differenzieren in Pflanzen, in organische und anorganische Natur, Kollektive wie Wälder, Berge, Seen, Meere, in Steine und Versteinerungen. Aber ich möchte mich mit ein paar Hinweisen zu möglichen Lerninhalten begnügen und Sie selbst die Details erkunden und erfahren lassen. Denn probieren geht auch hier über studieren. Wichtig scheint mir die Grundhaltung zu sein: Wenn wir schon die Hierarchie 'Mensch oben - Tier unten' aufgegeben haben, könnten wir sie auch bei den weiteren Elementen unserer Welt beiseite lassen. Wieso soll das Tier ein hierarchisch höher angesiedelter Lehrer sein als die Pflanze? Und wieso die lebende Pflanze wichtiger als die tote, die versteinerte - ja die vorgestellte, imaginierte? Wieso soll Organisches besser zum Spiegel und Lehrer taugen als Anorganisches? Ja: Wieso sollen wir von Menschengefertigtem weniger lernen können als von natürlich Gewachsenem? Hier treten wir zwar aus dem Begriff der 'Natur' heraus, wie er in der Alltagssprache gebraucht wird und erweitern wieder zur 'Welt', zur Summe alles von einer Entität Wahrgenommenen. Aber zentral ist mir hier die Unwichtigkeit einer allgemeinverbindlichen Hierarchie der Wahrnehmungen. Es geht ja hier nicht um eine Reihenfolge der Schutzanstrengungen der Völkergemeinschaft, die verständlicherweise mit beschränkten Ressourcen auch eine Prioritätenliste führen muss. Es geht um die Funktion unserer Welt, des von uns Wahrgenommenen, dem Selbst zu dienen, die Entwicklung vom Ego zum Selbst zu promovieren. Und dafür taugt doch schlicht alles, was in unsere Wahrnehmung gelangt. Vor allem unter dem Aspekt der Eigenverantwortung für unsere Wahrnehmung, für unsere Welt ist die Prioritätenliste jeder Entität doch eine völlig individuelle. Will jemand dem Schreiner vorwerfen, wenn für ihn Holz an ganz wichtiger Stelle als Lerhmeister und Spiegel seiner selbst fungiert? Mit was für kruden Begründungen will man der Geigerin verwehren, ihre Stradivari als direktesten Spiegel ihres Inneren anzusehen? Ist es da wichtig, dass sie aus Holz ist und dass Holz doch zumindest zur organischen Natur gehört? Und wieso bin ich ein verwerflicher Mensch, nur weil ich bislang von den Tieren mehr lernte als von den Menschen, wo ich doch den grössten Teil meiner Zeit mit Tieren verbringe?

Die Lerninhalte sind eigentlich unbegrenzt, auch die Methodenvielfalt ist riesig. Auch hier gilt: auf sich hören, nicht imitieren, sondern die zum eigenen Charakter, zum Temperament, zum eigenen Stil und vielleicht auch zum Lebensumfeld passende Methode wählen. Und - wie immer beim Lernen - vom Einfachen zum Schwierigen kontinuierlich die Anforderungen steigern. Einfache Lerninhalte oder Spiegelungen sind die, die uns bewusst sind, also z.B. Charaktereigenschaften, die uns fehlen bzw. die nur sehr rudimentär entwickelt sind - bei mir z.B. die Geduld. Ich weiss seit Jahrzehnten, dass ich ungeduldig bin - aber das allein macht mich noch nicht geduldig (m.E. ein grosser Irrtum in den Axiomen der Psychoanalyse und ähnlicher Therapie-Ansätze, dass das Hinschauen, das Wissen um etwas, das 'Ins-Bewusstsein-Holen' bereits therapeutisch wirksam sei. Die meisten Serienmörder wissen, dass sie Mörder sind, finden Mord vielleicht sogar verwerflich - und fahren trotzdem fort damit. Kenntnis von Ungleichgewicht, Dysbalance im Denken, Handeln, Fühlen, Tun ist in gewissen Fällen eine gute Voraussetzung, aber eben nicht mehr. Es gibt durchaus Fälle, wo das Bewusstmachen sogar hinderlich sein kann, weil es blockierend wirkt. Wenn ich jemanden mitten auf dem Balancierseil daran erinnere, dass er bekanntlich ein schlechtes Gleichgewicht habe und deshalb besonders aufpassen müsse, stürzt er eher ab, als wenn ich ihn lobend motiviere und ihm Selbstvertrauen einflösse. Aber einfacher ist es doch in vielen Fällen, einen Mangel zu beheben, eine Einseitigkeit auszubalancieren, wenn man darum weiss. Also beginne ich z.B. als Ungeduldiger und Rastloser mit einer Entität, die ich für geduldig und ruhig halte, z.B. mit einem Baum. Je nach Naturell reicht es aus, sich geistig mit den Eigenschaften eines Baumes auseinander zu setzen, vielleicht in die Sprache hinein zu horchen, die von etwas Bäumigem spricht, von baumlangen und baumstarken Kerlen, von der Biegsamkeit eines Baumes im Wind, der Mischung von Nachgiebigkeit und Festigkeit usw. Wer ein sinnliches Naturell hat und nicht nur rational lernen will, kann einen Baum anschauen, ihn riechen, ertasten, alle Geräusche im und um den Baum aufnehmen, ihn umarmen und zu versuchen, ihn so besser, tiefer, intensiver, eindringlicher wahrzunehmen. Wer mit meditativen Techniken vertraut ist, kann sich auf diesem Weg auf das Thema einlassen, in der Meditation selbst zum Baum werden oder den Baum in sich entdecken. Wie auch immer diese Zuwendung erfolgt, sie ist dann am Ziel, wenn der Baum nicht mehr etwas Fremdes, Äusseres, sondern zu einem Teil von uns geworden ist - oder wir zu einem Teil von ihm.

Je nach Bedeutung kann eine solche Lernaktion des 'Aussen-zum-Innen-Machens' eine zeitaufwändige und energiefressende Sache sein. Allerdings stellt sich wie bei jedem Lernprozess mit dem Üben auch eine gewisse Leichtigkeit und Routine ein. Die tausendste Wahrnehmung lässt sich in der Regel leichter verinnerlichen als die erste, da wir nicht mehr so grosse Widerstände überwinden müssen, uns überhaupt auf diese Art der Welt-Betrachtung einzulassen. Aber wir steigern ja auch die Anforderungen und nehmen uns im Laufe der Lern- bzw. Lebenszeit immer mehr auch schwierige Inhalte vor: Abgelehntes, Ekelhaftes, Gehasstes, Ängste, ja Wahrnehmungen, die wir so meisterhaft verdrängten, denen wir so geschickt aus dem Weg gingen, dass wir von aussen auf sie aufmerksam gemacht werden müssen. Aber auch das ist kein Zufall, sondern ereignet sich - zumindest in meinem Modell mit der Annahme, dass Welt Sinn sei - genau dann, wenn wir reif sind dafür, wenn wir an dem Punkt unserer Entwicklung angelangt sind, wo wir eine Chance haben, damit umgehen zu können.

Als simples Beispiel mag der Tod dienen, sowohl als Prozess des Sterbens wie als Zustand des Totseins. Als Kind oder junger Mensch begegnet man dem Phänomen vielleicht mit einer gewissen Neugier, schubst das tote Tier, die tote Pflanze an mit dem Fuss um sich zu vergewissern, dass es nicht mehr lebt. Die Neugier richtet sich aber vielmehr auf das Phänomen des Lebens, das an Profil gewinnt durch die Tatsache seiner Begrenztheit und der Leichtigkeit, mit der es zerstört werden kann, also auf den Macht-Aspekt, und weniger auf den Aspekt, dass Sterben und Totsein dem Werden und Lebendigsein gleichzustellende, gleichwertige, einfach andere Prozesse und Zustände sein könnten. Dann kommt in der Regel die Phase der Welt-Eroberung, während der Sterben und Tod verdrängt oder zumindest marginalsiert wird. Die Beerdigung eines Nahestehenden ist ein unliebsamer Unterbruch, eine zeitliche Belastung, aber kaum ein Moment des Innehaltens und der echten Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Das eigentliche Lernen zum Thema Sterben und Tod, wie ich es hier zu promovieren versuche, beginnt meist erst in der zweiten Lebenshälfte, bei einigen auch gar nie. Aber wer sich dieser Auseinandersetzung stellt und sich bemüht, die Balance zwischen Leben und Tod zu finden, die Gleichberechtigung von Aufbau und Abbau, von Schöpfung und Ent-Schöpfung, von Werden und Vergehen zu finden, hat nicht nur ausgezeichnete Sterbevorbereitung geleistet, er lebt auch viel bewusster, viel gelassener und fröhlicher. So wird die zuerst paradox klingende Anweisung 'Lerne sterben, so kannst du leben' vielleicht verständlicher. Es ist nicht die verkürzte Erfahrung, die viele kennen, dass man sich umso dankbarer ans Leben klammert, wenn man einem für grässlich gehaltenen Tod direkt oder indirekt ins Auge geschaut hat . Es ist etwas völlig anderes, ein Einverstandensein mit der Sterblichkeit an sich und mit dem eigenen Sterben ganz speziell. Es ist ein wunderschönes Beispiel für den Schritt vom Entweder-Oder zum Sowohl-als-Auch. Leben und Tod gleiche Gültigkeit zuzubilligen ist auch etwas völlig anderes als Gleichgültigkeit im Sinne von Wurstigkeit, von Desinteresse. Allem, was ist, allem, was wir wahrnehmen, erfahren, uns vorstellen gleiche Gültigkeit zuzumessen ist der Humus, auf dem wahre Gelassenheit wachsen kann.

Gelassenheit haben wir erst verwirklicht, wenn uns auch das Lerntempo nicht mehr kümmert. Eine klassische Falle jeder Entwicklung - auch und gerade der hier beschriebenen spirituellen Entwicklung - ist die Vorstellung eines linearen Fortschritts und die vom Ego gespeiste Motivation, möglichst schnell und möglichst effizient zu lernen, vorwärts zu kommen und - ja, was eigentlich zu werden? Ein Weltmeister im Verinnerlichen von Welt? Wäre das nicht wieder ein Super-Ego? Wollten wir nicht das Ego zugunsten des Selbst abbauen mit diesem Prozess? - Behalten Sie das bei Ihrer Entwicklungsreise im Hinterkopf und beobachten Sie sich und andere mit Schmunzeln bezüglich dieser Falle. Sobald Sie das Gefühl haben, Sie seien nun doch langsam ein spiritueller Super-Hirsch (oder natürlich ein Super-Reh), sobald Sie sich Titel erwerben wie Meister, Avatar oder Guru, ja wenn Sie nur schon in einem Club, einer Vereinigung, einer Sekte oder einem Ashram dabei sind und in sich das Gefühl spüren, doch etwas Besseres zu sein als die nichtsahnenden 'Normalos', dann sind Sie ins Fettnäpfchen getreten. Wobei sich das alles natürlich viel leichter im Aussen, bei den andern beobachten lässt. Bewahren Sie auch ein gesundes Misstrauen gegenüber Leuten, die noch Bücher schreiben und Vorträge halten wie ich. Sollte so jemand behaupten, er sei am Ziel angelangt, ist Lächeln erlaubt, denn es ist mit Garantie Quatsch. Wer am Ziel ist, hat ja sein Ego überwunden - wunderlich, wenn er noch mit einem Namen aufträte und sich in Szene setzte. Aber auch da brauchen wir nicht moralinsauer zu reagieren. Dieses Aufflackern des Egos, diese Rettungsversuche sind das Natürlichste der Welt. Und wer einmal ein starkes, fettes Ego aufgebaut hat, sollte sich nicht wundern, wenn es sich gegen die Schlachtung zur Wehr setzt. Vielleicht hülfe das Bild vom Opferlamm und die witzige Geschichte von Petrus, der noch mit seinem Schwert rumfummelte, als Christus bereits einverstanden war damit, als Osterlamm gekreuzigt zu werden. Ich schliesse diesen Abschnitt bewusst mit diesem Bild aus der christlichen Mythologie, weil ich damit gleich noch ein weiteres Entweder-Oder in ein Sowohl-als-Auch ummünzen möchte. Anstatt in kindlich aufbegehrendem Aufklärungs-Gestus alles Religiöse in Bausch und Bogen zu verdammen oder umgekehrt dem katholischen Kadavergehorsam das Wort zu reden, könnte man alles benutzen, was man wahrnimmt: Sowohl die Religionen wie die Aufklärung und die Rationalitätsanbetung sind reichlich ausgestattete Selbst-Bedienungsläden um zu lernen und sich zu entwickeln. Genau so wie man sich das eine bei Coop, das andere bei Migros und das dritte bei Denner holt - und sich nicht darum schert, dass nun das Kässeli des Dritten in die Schatulle des Zweiten gekippt wird. Auch dieses Alltags-Beispiel hat einen Hintergrund: Wer aus Prinzip, aus Überzeugung, ausschliesslich und NUR bei X einkauft und Leute geradezu verachtet, die sich hergeben, sich bei Y oder Z einzudecken, hat ein hoch aktuelles Thema bei sich entdeckt: die Neigung zum Fundamentalismus. Aber Achtung: Entdecken reicht nicht, es sollte auch bearbeitet werden. Aber wenn der nächste Schritt darin bestünde, zu allen wahrgenommenen Fundis dieser Welt zu sagen: 'Hallo Kollegen, ich bin auch einer von euch', dann ist bereits viel gewonnen. Der nächste Schritt wäre dann einer Richtung Balance, und ein Instrument auf diesem Weg wäre Humor, am besten wohl dosierte Selbstironie.

 

E. Von Fiktionalem lernen

Mit dem Lerntipp, sich auch bei so abstrakten Wahrnehmungen wie 'Religion' oder 'Aufklärung' zu bedienen, haben wir unmerklich die Grenze zwischen sogenannt 'realen', materiellen, konkreten einerseits und fiktionalen, immateriellen, abstrakten Wahrnehmungen andererseits überschritten. Nur: wie scharf ist denn diese Grenze nach Einstein noch? Wenn Zeit und Raum relative und ineinander überführbare Parameter sind, wenn es in schwarzen Löchern Antimaterie geben soll, die Zeit still steht oder rückwärts läuft; banaler: wenn sich schon das, was wir als feste Materie betrachten und erleben, wenn wir draufhauen, bei der genauen Analyse als ziemlich leer erweist, wenn umgekehrt materielle Leere wie das Vakuum erstaunliche Riesenmengen an Energie beherbergt; noch vertrauter: wenn wir an das Phänomen des Phantom-Schmerzes denken, wenn längst verlorene Körperteile zu ganz konkreten und für den Betroffenen genau lokalisierbaren Schmerzwahrnehmungen führen - lässt sich unter all diesen Aspekten die Grenze zwischen 'real' und 'fiktional' überhaupt noch aufrecht erhalten? Dass die Grenze im hier vorgestellten Modell völlig verwischt ist, erklärt sich aus Annahme 4, die besagt, dass Aussenwahrnehmung - das, was wir im Alltagssprachgebrauch als 'Realität' bezeichnen - Spiegelung der Innenwahrnehmung sei. Hier findet sogar eine Umkehrung der Kausalbeziehung statt - ganz im Sinne Einsteins und der Neurophysiologie - indem ich behaupte, dass es Aussenwelt immer nur für ein wahrnehmendes Bewusstsein gebe, wir also gar nicht entscheiden können, ob es irgend so etwas wie 'Realität' gebe, wenn es weit und breit kein Bewusstsein gäbe, dass etwas wahrnimmt. Leider kennen wir niemanden, der uns dies belegen könnte. Aber immerhin haben wir die Versuche der Neurowissenschafter, die Hirnströme ihrer Probanden messen und bestätigen können, dass genau dieselben Hirnregionen aktiviert sind, ob nun der Proband rennt oder träumt er renne, ob er Sex hat oder sich Sex vorstellt, ob er isst oder vom Essen träumt etc.

Das heisst aber, dass wir genau so gut von Fiktionalem, von Träumen, von Vorgestelltem, von Ideen lernen können wie von Wahrnehmungen, die wir der Realität zuordnen. Es braucht dieses wertende Gefälle gar nicht mehr, etwas sei ja 'nur Fiktion'. Wenn wir nach ganz äusserlichen Wirkungen suchend die Weltgeschichte durchstreifen, so waren es doch eigentlich immer die Ideen - die genialen, aber auch die hirnrissigen - die sich in der materiellen Welt auswirkten, sie durcheinander brachten, harmonisierten oder schüttelten. Vielleicht war ja Platon doch nicht so verrückt, wie er heute gern abqualifizierend dargestellt wird mit seiner Idee, dass die Ideen das Wirkende, das wahre Seiende seien. Auch dies kann eine ungemein entspannende Einsicht sein, wenn man sie denn tätigen will. Man muss sich dann auch keine Vorwürfe mehr machen, wenn man sich in der Welt des Fiktionalen besser zuhause fühlt als in der materiellen Welt der Keulen und Motorsägen. Wir brauchen aber auch nicht den Spiess umzudrehen und die Aussenwelt zu verachten, wie es die christliche Lehre - nicht die Praxis, wo der Klerus diesseitige Freuden sehr wohl zu geniessen wusste - zwei Jahrtausende lang tat.

Jeglicher Elitarismus ist unnötig bei unserem Vorhaben, uns vom Ego zum Selbst zu entwickeln. Man könnte zum Schluss den Satz aus dem Matthäus-Evangelium etwas extensiv interpretieren, wo Jesus sagt: "Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan" (Mt, 25/40). Wenn wir die leicht störende Blasiertheit der Wertung weglassen, die in dem 'geringsten' liegt, wenn wir 'Brüder' ausweiten zu 'alles, was du wahrnimmst', wenn wir das 'Tun' erweitern zu allem, was eine Entität denkt, fühlt, sagt oder tut, und wenn wir schliesslich noch das Pathos, die Drohung rausfiltrieren, die suggerieren könnte, es gehe nur um böse Taten, dann scheint mir der Satz durchaus eine fröhliche Botschaft zu enthalten, nämlich die Aufforderung, von allen Hierarchien, von jeglichem Einteilen der Welt in Wichtigkeiten Abschied zu nehmen. Alles, was du tust, tust du dem Göttlichen oder eben: Gott ist in allem. Jede Wahrnehmung ist es wert, dass du mit ihr so umgehst, dass sie dich näher zum allumfassenden Selbst bringt. Alles, was du wahrnimmst, ist Teil dieses göttlichen Selbst. Und wenn jetzt immer noch jemand allergische Reaktionen verspürt wegen der Verwendung der Metaphern 'Gott' und 'göttlich', dann ersetze er sie durch 'allumfassend' und 'Einheit', 'Ganzheit' oder sonst etwas aus dem weltweiten Angebot. Es handelt sich sowieso nur um eine Etikette für das Unbenennbare. Gottlob muss man in der Einheit nicht mehr schwatzen!

Die Denk-Aufgabe könnte darin bestehen, sich mit den eingangs vorgestellten Annahmen auseinander zu setzen, vielleicht eigene aufzustellen und sich selbst ein funktionales Gerüst für die eigene Entwicklung zusammen zu basteln. Eine Entwicklung, die ja vielleicht zu einem völlig anderen Ziel führen soll. Auf Eure Modelle, aber auch auf Kommentare zum hier vorgestellten freut sich: info@marpa.ch