Denk-Aufgabe 703 vom 30.3.2007

 

Der Trick mit dem Einverstandensein

Wenn ich jemandem aus meinem Bekanntenkreis meinen dicken Wälzer 'Glück - Eine Philosophie des Einverstandenseins' schenke - oder auch "zur Last lege", wie Lästerer angespürs des Gewichts meinen - zuckt gern ein spöttisches Lächeln um die Mundwinkel der also Beschenkten und die Direkteren unter ihnen fragen: "Du und Einverstandensein? Der scharfe Kritiker und ätzende Kabarettist?" - Wenn ich sie dann auf die Lektüre des Schinkens verweise, hört man - leiderleider - in der Regel bis zur nächsten Eiszeit nichts mehr, da sich die in dem Buch verbratenen Thesen für die meisten als zu lasterhaft, zu lästig, zu wenig Nachttischchen-tauglich, oder vielleicht - trotz der lockeren Sprache - schlicht als zu anstrengend erweisen und die Lieben gar nie vordringen bis zum Glücksweg 5: Die Magie des Einverstandenseins. Da es aber doch einige gibt, die sich die Unwägbarkeiten der meist auch als zu lang beschimpften Denk-Aufgaben antun, habe ich beschlossen, hier einen Short-Cut, einen direkten Zugang zum Einverstandensein - zumindest zu dem, was ich darunter verstehe - zu schaffen. Können Sie damit einverstanden sein? Wenn Sie es nicht sind und sich dabei bestens fühlen, haben Sie bereits etwas ganz Wichtiges erkannt von der kleinen Theorie: Man kann auch mit dem Nichteinverstandensein einverstanden sein. Die beiden Befindlichkeiten können sich nämlich auf verschiedene - auf unzählige - Phänomene bzw. Wahrnehmungen beziehen. Wenn ich einen analytischen Philosophen wie Davidson über das Thema 'Geist der Tiere' lallen höre, dann bin ich zwar mit ihm in keiner Weise einverstanden und finde 'Dümmer als die Polizei erlaubt', aber ich bin mit meiner Ablehnung der geistlosen Äusserungen zutiefst einverstanden und lasse mich auch auf die Streitdiskussion mit ihm oder anderen Jüngern seiner Zunft ein. Ich bin mit mir und meiner kämpferischen Seite im heutigen Zeitpunkt durchaus einverstanden auch wenn ich weiss, dass ich damit einen Mangel an Gelassenheit zeige, dass ich mit jedem Nichteinverständnis zeige, dass ich noch nicht am Ziel des Wegs bin, den ich mir vorgenommen habe. Aber man kann doch auf dem Weg zum Gipfel eines Bergs bei einer Alphütte eine Rast machen und damit einverstanden sein, noch nicht oben angelangt zu sein? Man kann doch sich selbst auch mit einem leisen Schmunzeln zuschauen auf seinem eigenen Weg und braucht sich doch nicht ständig zu verurteilen dafür, dass man nocht nicht am Ziel ist? Dies gilt vor allem, wenn das Ziel 'nicht mehr von dieser Welt' ist. Und wer mit allem einverstanden ist, was er wahrnimmt, wer sein Ego-Profil so weit aufgelöst hat, dass er eins ist mit allem, was ist, der ist minimal 'nicht mehr von dieser Welt' - die einen nennen das dann schlicht 'Totsein', die andern 'Nirwana', die dritten 'Paradies', die vierten... na ja, auch mit den verschiedenen Etiketten kann man einverstanden sein. Jetzt aber zum funktionalen Modell, zum Glücksweg

 

Magie des Einverstandenseins

Das Schwierige an einem Zaubertrick ist nicht das Begreifen, sondern das Üben, bis er sitzt

Wir kennen es alle. Das Gefühl des Einverstandenseins mit sich und der Welt. Am stärksten erleben es die meisten in Phasen der Verliebtheit, wenn der Himmel voller Geigen hängt und die Schmetterlinge im Bauch tanzen. Nur dauert dieser Zustand leider meist nicht sehr lange an. Ent täuschung, also das Wegfallen der Täuschung, der nüchterne Blick auf das geliebte Wesen oder Ding holt uns wieder aus dem Himmel der Projektionen auf den vermeintlich festen Boden der Realität. In solchen Augenblicken neigen wir dazu, die Verliebtheit als Illusion, Hirngespinst, Schaum, das dazugehörige Glücksgefühl auf tönernen, wackligen Füssen, ja auf purer Einbildung beruhend abzutun. Kommt dann noch Amateurpsychologe Onkel Herbert und faselt mit erhobenem Zeigefinger von den Wunschträumen, die wir auf das geliebte Wesen projiziert hätten – und jetzt sei schlicht das Licht im Diaprojektor aus, fühlen wir uns erst recht betrogen. Dann fehlt nur noch der 120-jährige westtimbuktesische Mönch, der noch nie erkältet war, obwohl er barfuss auf mindestens 9000 m.ü.M. haust, der verlauten lässt, Leidenschaft sei sowieso etwas ganz Sirupartiges, Klebrig-Unreifes – und der letzte erinnernde Freudefunken über die verflossene Verliebtheit ist erloschen, die Euphorie vollends verflogen und miese Katerstimmung macht sich breit. Wir beschließen dann auch grimmig 'Nie mehr!' – bis zum nächsten Mal. Je nach unserem Naturell, unserer Leidenschaftlichkeit, unserer Verdrängungskunst und Disziplin sieht diese Sinuskurve von verliebtem Hoch und katrigem Tief anders aus, beim einen bauchig mit großen Amplituden, beim andern flacher, mal hoch frequentig mit schnellen Wechseln, mal ganz langsam die Ausschläge auskostend – aber eine Berg- und Talwelle ist es bei allen.

 

1. Jeder kennt's – fast keiner kann's

Und jetzt kommt also der selbsternannte Prophet und will dem andächtig lauschenden Volke die ultimative Glücks-Software verkaufen? Den todsicheren Trick, wie Sie es schaffen, dieser Wellenbewegung nicht mehr so ohnmächtig ausgeliefert zu sein? – Gemach, gemach. Erstens ist der Trick so alt wie die Menschheit und es gab immer und zu jeder Zeit Menschen, die ihn beherrschten. Aber es ist wie mit den meisten Zaubertricks oder akrobatischen Kunststücken: Viele kennen's, wenige können's. Zweitens behaupte ich nur, der Trick sei einfach zu verstehen , aber nicht, er sei leicht zu beherrschen und zu leben. Und drittens bin ich kein Prophet und will auch keiner sein. Wie Historie und Volksmund wissen, werden Propheten minimal nicht gehört – zumindest im eigenen Lande – maximal verbrannt oder vertrieben. Was ich aber zeitlebens sein wollte, ist eine Miniaturausgabe des kleinen Helferleins, nicht von Daniel Düsentrieb, sondern von Hermes-Merkur, dem frechen, unzimperlichen Briefträger, der im alten Griechenland von der olympischen Hauptpost aus das Quartier Athen und Umgebung bediente. Abgesehen von den coolen Flügeln am Fußgelenk gefiel mir immer seine non-chalante Art der Kommunikation. So "Ich sag's euch nur. Macht damit, was ihr wollt." – Diesem Hermes geht das eitle Pathos der ultimativen Besserwisser-Apostel aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch die 'Ex-cathedra-Pose' vieler anderer Götter oder deren irdischer Stellvertreter völlig ab. Und das Helferlein von Düsentrieb hat's mir angetan, weil es eigentlich nur eine Glühbirne mit Armen und Beinen ist, aber immerhin. Auch wenn's nur eine 40-Watt-Birne ist: sie leuchtet!

 

2. Einverstandensein --> Glück

Jetzt aber endlich zum Trick: Er besteht in einer simplen Umkehrung einer Gedankenfolge. Anstatt Umstände --> Glück --> Einverstandensein verknüpfen wir einfach Einverstandensein --> Glück und werden frei von den Umständen. Der Freiheitsgewinn ist riesig. Anstatt ohnmächtig auf die glücklichen Umstände zu warten, um wenigstens wieder einmal für ein paar Momente einverstanden sein zu können, beschließen wir, wann und wo immer wir wollen, einverstanden zu sein – und sind im selben Augenblick glücklich. Und zwar genau solange, bis wir diesen Entschluss wieder aufgeben. Wer bereits den Durchblick hat und lächelnd nickt, weil er das schon die ganze Zeit so handhabt und im Dauerglück lebt, möge weiterblättern zum nächsten Versuch – oder halt in Gottes Namen das Buch fürderhin zum Blumenpressen benutzen. Für die andern möchte ich's ein wenig genauer beleuchten.

 

3. Kausale + analoge = dialoge Verknüpfung

'Philosophically correct' besteht der Trick darin, statt nur die (in unserer Zeit so dominante) kausale auch die analoge Verknüpfung der beiden Begriffe Glück und Einverstandensein zu betrachten und daraus eine kombinierte neue Verknüpfung zu machen, die ich eine dialoge nenne. Wir geben also die Fixierung auf die Wirkursache – die Causa efficiens – auf, die immer eine auf der Zeitachse vorher liegende Manifestation als Grund für eine zeitlich nachfolgende Manifestation sucht, auch immer irgendeine findet und dann einen einseitigen Pfeil von der Vergangenheit auf die Gegenwart oder Zukunft zeichnet. Anstelle der einseitigen Vektoren Umstände --> Glück --> Einverstandensein nehmen wir doppelseitige Vektoren Umstände <--> Glück <--> Einverstandensein. Das rein logisch Banale, in der Wirkung aber Spektakuläre daran ist, dass die Umstände die Relevanz verlieren, sobald wir mit dem Einverstandensein beginnen. Natürlich heißt die komplette Reihe dann Einverstandensein --> Glück --> Umstände. Der Pfeil zwischen dem Glück und den Umständen bedeutet aber nur eine Änderung der Wahrnehmung, nicht der Umstände als solcher. Aber da sie aus der Warte des Glücklichen 'versöhnt' wahrgenommen werden, verlieren sie ihre Bedeutung, die sie in der umgekehrten Reihenfolge hatten als 'das Glück erst erzeugende' Umstände. Wichtig ist also, welchen der beiden konkurrierenden Begriffe 'Umstände' oder 'Einverstandensein' wir als Voraussetzung für das Glück betrachten.

Beispiel: "Die Umstände der letzten Wochen, Tage, Stunden sind Grund, mich glücklich zu fühlen, ich habe zum Beispiel die tollste Partnerin, den Traumjob gefunden, im Lotto gewonnen (=Vergangenheit!), einen Riesen-Deal unter Dach gebracht usw., dies bewirkt meinen gegenwärtigen Glückszustand" – das wäre die erste Verknüpfung: Umstände --> Glück . "In diesem (und nur in diesem!) Zustand bin ich einverstanden mit mir und der Welt", also Glück --> Einverstandensein.

Wenn wir jetzt den beidseitigen Vektor nehmen, heißt es Glück <--> Einverstandensein. Die beiden Elemente sind beidseitig miteinander verknüpft, wir können also auch vom Einverstandensein auf das Glück zielen und nicht nur umgekehrt. Das Spannende daran ist nun natürlich die Verknüpfung Einverstandensein --> Glück . Die Verknüpfung funktioniert kausal und analog. Kausal wäre: "Mein Einverstandensein ist Grund, Causa , für das Glücklichsein." Analog wäre: "Mein Einverständnis entspricht meinem Glück. In dem Mass wie ich einverstanden bin, bin ich auch glücklich." Natürlich gilt es auch umgekehrt, darum der Doppelvektor, aber wir haben ja gesehen – und hundertfach erlebt! – wie mühsam und selten es ist, wenn wir auf die glückbringenden Umstände warten, für sie beten oder kämpfen müssen.

 

4. Das Abtauchen der Umstände

Wie sieht es denn mit der zweiten Verknüpfung aus bei der postulierten umgekehrten Gedankenfolge Einverstandensein --> Glück --> Umstände ? – Ganz toll! Wenn wir nämlich einverstanden sind und damit glücklich, können uns die Umstände überhaupt nichts mehr anhaben. Wir haben sie durch das Einverständnis ihrer Macht beraubt. Ist Ihnen klar, was das bedeutet? Was der Unterschied an Freiheit ist? Darf ich die abstrakten Gleichungen nochmals mit Leben füllen?

Umstände --> Glück --> Einverstandensein : Wir warten, kämpfen, beten, rennen herum, scheffeln Geld, füllen Lottoscheine aus, suchen verzweifelt den Traumpartner, das Traumhaus am Traumwohnort, den Traumjob in der Traumfirma, schinden uns für das Traumauto und die Traumferien usw. – und wenn alles, aber auch restlos alles stimmt und klappt, sind wir vielleicht mal für ein Momentchen glücklich, sind wir einverstanden mit uns und der Welt. Dieses glückliche Einverstandensein gelingt uns aber meist nur, wenn wir es schaffen, das weiterhin existierende Elend der gesamten restlichen Welt auszuklammern – und vor allem, was von diesem Elend in näherer Zukunft auf uns niederprasseln könnte. Je nach unserer Verdrängungskunst sitzt ein größerer oder kleinerer Stachel in uns drin und vermiest uns das kleine Glück. Meist wird der Glückliche sogar als kindlicher Naivling oder Egomane verachtet. Wie kann man denn glücklich sein, wenn doch ….. und dann folgt eine individuell gewichtete Aufzählung des Elends dieser Welt. Hinter das momentane Einverständnis schleicht sich schnell wieder ein einschränkendes "Jetzt gerade" oder "was mich und meine derzeitige Situation betrifft." – Nichts von purem Glück. Und schon gar nicht anhaltend, weil das Elend dieser Welt uns mit letzter Garantie früher oder später wieder einholt. Meistens früher. Bei der Benissimo-Million, beim Lottogewinn verflüchtigt sich das Einverständnis schon wieder beim Schock darüber, dass man rund die Hälfte des Errungenen gleich wieder Väterchen Staat aushändigt. Bei der Verliebtheit spätestens dann, wenn uns die Eifersucht schüttelt, weil die geliebte Dualseele es wagte, einem anderen Wesen einen Blick zu schenken, den wir als tief und liebevoll deuteten.

Hab' ich Sie überzeugt, dass das mit dem einseitigen Pfeil von den Umständen zum Glück wirklich nicht so toll ist? Vor allem sind wir grauslich unfrei, darbend abhängig von diesen so schwer dingfest zu machenden 'glücklichen Umständen', von den Unwägbarkeiten des Schicksals und allen, die unseres Erachtens unbefugterweise daran herumhantieren. Wo bleibt die vielgerühmte Freiheit? Wir haben's ja überhaupt nicht im Griff, sind nicht Herr über uns und unser Befinden, sind im tiefsten abhängig und unfrei. Gerade bei der Verliebtheit erleben wir – wenn wir zu leidenschaftlichen Gefühlen fähig sind und sie uns auch erlauben – ganz stark dieses Ausgeliefertsein, diesen großen, zeitweise sogar totalen Kontrollverlust (dass das auch was Schönes hat, sei unbestritten; es ist immer eine Frage des Maßes und der Dauer).

 

5. Freiheit mit selbst gemachten Hindernissen

Umgekehrt brauchen wir bei Einverstandensein --> Glück auf gar nichts zu warten. Wir können jederzeit, immer und überall uns frei dafür entscheiden, einverstanden zu sein mit uns und der Welt. – Achtung, ich sage nicht, das sei leicht. Da gibt's tonnenweise Hindernisse, die gesprungen oder weggeräumt werden wollen. Allen voran Wertungen und Ängste – und das sind schon zwei feste Brocken mit olympischen Abmessungen. Ich behaupte hier nur, wir hätten die Freiheit, uns für das Einverstandensein zu entscheiden. Niemand und nichts, keine Macht dieser Welt kann uns daran hindern. Und auch keine außerhalb, notabene. Denken Sie die übelsten Szenarios durch: Krieg, Einzelhaft, Folter, Vergewaltigung, Krebs, Aids, Verhungern, Erfrieren, Tod geliebter Wesen etc. Für materiell Orientierte reicht schon die Vorstellung (weiterer) Börsenverluste, drohender Armut. – Ich sage nicht, das sei Honiglecken, aber die These steht immer noch unerschütterlich da: Niemand kann uns daran hindern, einverstanden zu sein. Außer wir selbst, und das tun wir auch, die ganze Zeit. – Darum beeindrucken mich biblische Gestalten wie Hiob und Maria mit ihrem Einverstandensein, aber auch Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die unabänderliches Schicksal annehmen können. Hier liegt ein großer Stolperstein: In der Unterscheidung von Veränderbarem und Unabänderlichem. Wir bewundern ja vor allem Menschen, die das auf den ersten Blick Unabänderliche doch noch verändern, wie Skirennfahrer Hermann Maier mit seiner schweren Beinverletzung und dem an ein Wunder grenzenden Comeback. Für viele der Beweis, was menschlicher Wille leisten kann, wenn er eben gerade nicht einverstanden ist mit dem, was sich vordergründig als unabänderlich präsentiert.

Hier müssen wir das Mikroskop auf stärkere Vergrößerung einstellen und genauer hinsehen. Ich sag's zuerst paradox: Wir können auch einverstanden sein mit unserem Nichteinverstandensein, mit unserem Änderungswillen. Genau das könnte der Fall sein beim 'Herminator'. Dass er seine Situation akzeptiert, angenommen, keine Energie verschwendet hat auf das Jammern und Hadern mit dem Schicksal oder gar auf Schuldprojektionen nach außen, dass er sich darauf konzentriert hat, alle Heilungskräfte zu bündeln. Dabei lernte er offensichtlich auch Geduld und Demut kennen. Zwei Eigenschaften, die ihm vorher eher fremd waren. Vielleicht ist er heute bereits weitgehend einverstanden mit dem ganzen Geschehen – und entsprechend glücklich?

 

6. Herausforderungen annehmen

Der Schluss daraus: Einverstandensein heißt nicht, die Hände in den Schoss zu legen und auf den (Lebens-)Abend zu warten. Aber es heißt, voll und ganz anzunehmen, was ist. Auch widrige Umstände, Hindernisse, Rückschläge, Schmerz und Leid. Alles als Chance wahrzunehmen und zu erkennen, dass alle Gegensätze, sämtliche Polaritäten untrennbar miteinander verknüpft sind wie Tag und Nacht, Einatmen und Ausatmen und wir nie nur das eine ohne das andere haben können. Wir kennen das alle von den 'Hindernissen' im beruflichen Alltag, die wir gerne als Herausforderungen bezeichnen, solange wir uns ihnen gewachsen fühlen. Mit diesen Situationen sind wir zutiefst einverstanden, ja, wir suchen sie sogar. Und wenn wir sie im Beruf nicht finden, suchen wir sie in der Freizeit, bei Abenteuerreisen und Extremsportarten. Wir wissen um den 'Kick', den Zusammenhang zwischen Adrenalinschub, Endorphinausschüttungen und Glücksgefühlen.

Nun war das aber erst ein Plädoyer dafür, sich aktiv dem Einverstandensein zu widmen, anstatt auf das Glück zu warten. Ich bin noch den Beweis oder zumindest ein paar stichhaltige Argumente schuldig, dass Einverstandensein --> Glück stimmt und funktioniert. Es ist so eine Sache mit dem Beweisen. Zumindest solange ich mit Worten jonglieren muss. "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nie erjagen" sprach Altmeister Goethe. Also jagen Sie doch bitte mal los. Ich liebe den Experimentalbeweis; vor allem den ganzheitlich mit Körper, Seele und Geist erlebbaren.

 

Einverstanden mit Übungen?

Übung 1: Einverstanden sein mit sich selbst

Also los, versuchen Sie jetzt, jetzt – na ja, wenn Sie diesen Abschnitt zu Ende gelesen haben – die Augen zu schließen, tief durchzuatmen und mit sich einverstanden zu sein. Sagen Sie leise oder laut zu sich: "………, ich bin einverstanden mit dir, wie du bist, was du tust, fühlst, denkst. Ich bin auch einverstanden mit allem Elend, das du schon angerichtet hast, mit allen Irrwegen, die du schon gegangen bist." Und wenn Sie's über die Lippen bringen, fügen Sie noch an: "Ich hab dich lieb, so wie du bist." – Tun Sie's jetzt.

Und, wie war's? – Sie haben's gar nicht gemacht? Dann tun Sie's jetzt.

Ich hab's auch gemacht – und es war sauschön. Ich hatte allerdings etwas Mühe, zu diesem Besserwisser, diesem ätzenden Skorpion, diesem ökonomischen Schwachströmler, diesem Hans-Dampf-in-allen-Gassen…(ich könnte endlos fortfahren!) zu sagen: "Ich hab dich lieb, so wie du bist." Aber es ging dann doch. Und schlagartig breitete sich ein herrlich warmes Gefühl in mir aus. Anfänge eines Glücksgefühls. – Ging's Ihnen ähnlich? Oder ganz anders? Ich wüsste es gern. Auf jeden Fall: Probieren Sie weiter.

 

Übungen 2 bis 9: Einverstanden sein mit 'Welt' – mit allen und allem

Wenn die erste Übung gut gelingt, packen Sie die zweite und so fort:

.2. Mit Dingen einverstanden sein

3. Mit 'Umständen' einverstanden sein

4. Mit Pflanzen einverstanden sein

5. Mit Tieren einverstanden sein

7. Mit den wichtigsten Menschen in ihrem Umfeld einverstanden sein ("der darf so sein, so reden, so handeln!")

8. Mit Menschen, die Sie nicht mögen, einverstanden sein

9. Mit dem Zustand der Welt und allen Akteuren einverstanden sein

Wiederholen Sie Übung 1. jeweils als rituellen Einstieg: Einverstanden sein mit sich selbst, achtsam, liebevoll sein mit sich selbst. Auch einverstanden sein mit sich, wenn's gerade nicht gelingt, mit dem kläffenden Nachbarhund, mit dem unfreundlichen Mitarbeiter oder der legendären Schwiegermutter einverstanden zu sein. Und unterteilen Sie die Schritte von Übung zu Übung nach Belieben in kleinere, die für Sie aushaltbar sind. Es geht hier für einmal um etwas viel Wichtigeres als um Leistung und Effizienz. Es geht um Glück, Ihr Glück.

Notieren Sie irgendwo Ihre Befindlichkeit nach den Übungen. Wenn eine gelingt, schauen Sie in den Spiegel. Gut möglich, dass Sie den glücklichen Menschen gar nicht kennen, der Sie da anschaut. Machen Sie ein Foto von Ihrem Spiegelbild und zücken Sie es, wenn es wieder einmal klemmt.

Und wenn Sie bereits jetzt oder irgendwann auf dem Weg das Gefühl beschleicht, das sei eine zwinglianisch anstrengend freudlose Sache, dieses erzwungene Einverstandensein, dann ist etwas schief gelaufen. Sie können ja wie gesagt mit allem einverstanden sein, auch mit explosiven oder leidenschaftlichen Gefühlen. Aber wenn Sie genau hinschauen, neutralisieren Sie mit gewissen 'Einverständnissen' andere. Wenn Sie z.B. mit ihrer Eifersucht einverstanden sind und ihr freien Lauf lassen, gleichzeitig sind Sie aber mit Ihrem Partner voll und ganz einverstanden und auch mit dem (vermuteten) Nebenbuhler. Was passiert? Ihre Eifersucht verschwindet vielleicht nicht, aber sie tritt hinter das Einverständnis mit den beteiligten Menschen zurück und sie leiden nicht mehr darunter. Zurück bleibt Glück. Genau so ist es mit der Verliebtheit. Wenn Sie einverstanden sind mit dem Wandel der ersten aufregenden Liebe in eine tiefere, vertrautere, aber auch weniger aufregende Liebe, wenn Sie erkennen, dass dieser Wandel kein individueller, sondern ein archetypischer oder etwas moderner gesagt systemimmanenter Prozess ist, dann sind Sie der Wellenbewegung doch nicht mehr so ohnmächtig ausgeliefert. Ohne dass Sie den grimmigen Vorsatz Nie mehr überhaupt erwägen müssen.

Irgendwann im Laufe der jahrelangen Überei fällt Ihnen die Erkenntnis in den Schoss, dass das mit dem Doppelvektor zwischen Einverstandensein und Glück nicht abstraktes Gefasel ist. Dass Einverstandensein und Glück nicht nur interdependent, analog und kausal wechselseitig verknüpft, sondern letztlich Synonyme sind, ein und dasselbe bedeuten. Immer wenn wir einverstanden sind, stellt sich Glück ein. Immer wenn wir glücklich sind, sind wir einverstanden mit uns und der Welt. Einverstanden sein ist nur eine andere Bezeichnung für Glück.

Die Denk-Aufgabe könnte darin bestehen, sich zuerst einmal rational mit der These und den vorgebrachten Argumenten auseinander zu setzen - und dann suprarational das Modell auf seine Funktionalität zu prüfen. Das Schwierige ist dabei, die beiden Bereiche möglichst 'clean' zu halten, also bei der rationalen Analyse nicht gleich suprarationale Einmischung zuzulassen und - vor allem - umgekehrt bei der suprarationalen Überei sich das Erlebnis nicht ständig zu versauen mit rationalen Rechnereien. Wenn sich das Modell aber bewähren sollte, ist es nicht für absolut wahr und einzig heilsbringend zu verherrlichen, sondern - wie sonst ein gutes Modell - zu nutzen, immer eingedenk der Möglichkeit, dass er vielleicht einmal abgelöst wird von einem andern Modell, wenn wir uns etwas weiter entwickelt haben.

Über Feedback aller Art - auch über Wehgeschrei der angeschossenen Kinderspielzimmer-Philosophen, die sich das Etikett 'analytisch' vor die Stirn genagelt haben - freut sich info@marpa.ch