Denk-Aufgabe 704 vom 9.5.2007

 

Fallender Schnee

Für einmal biete ich Ihnen einen nicht selbst geschriebenen Text als Denk-Aufgabe an. Vielleicht ist er gerade darum so stark, weil er schon gar nicht versucht, rational einzusteigen. Weil es ein Märchen, eine Legende, ein Mythos ist. Das griechische Verb 'mythologein' bedeutet etwa 'die wahre Geschichte erzählen'. Wahrheit hat in diesem Kontext nicht den für modern-westliche Ohren üblichen Konnex zu Tatsachen-Berichten, zu sogenannten 'facts', zu dem, was - im engeren historisch-materiellen und damit vor-quantenphysikalischen Sinne - der Fall ist. Wahr sind die mythischen Geschichten in dem Sinne, dass sie überindividuelle, allgemeine, archetypische Zusammenhänge, Grundmuster des Seins, Denkens, Fühlens und Handelns von Entitäten bebildern, in kulturspezifische und damit wandelbare, austauschbare Formen verpacken. Wahrheit dieser Qualität dient demzufolge nicht der Rechthaberei, nicht dem Streit, der Legitimierung irgendwelcher Behauptungen und/oder Handlungen, sondern dem Betroffenwerden, dem Sich-berühren-Lassen und darauf fussend der eigenen Entwicklung, die sich in einer Änderung der eigenen Sicht, des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns ausdrückt.

Wenn wir glauben, über Fakten-Wahrheit zu verfügen, führt dies meist dazu, dass wir sie anderen unter die Nase reiben und sofortigen Konsens beanspruchen. Handelt es sich um 'Fakten', die uns begeistern, und erreichen wir nicht die erwartete Zustimmung, reagieren wir sauer, halten den andern minimal für blöd (wo wir doch beweisen können, dass...), maximal für abnormal, für dement. Noch viel schärfer wird unsere Reaktion auf Nicht-Akzeptanz unseres vermeintlichen 'Fakten-Wissens', wenn es sich um Fakten handelt, die uns in Rage bringen. Dann sind wir schnell bereit, dem andern Schuld zuzuschieben, ihn verantwortlich machen für irgend etwas, was uns nicht in den Kram passt. 'Vermeintlich' sage ich, weil mit bislang kein einziges sogenanntes Faktum bekannt ist, das von allen Entitäten anerkannt worden wäre. Es mag Fakten geben, die von einer Gruppe in ähnlicher Weise akeptiert wird, z.B. der Gartenzaun, der zwei Grundstücke abtrennt. Möglich, dass die Nachbarn und ein paar Spaziergänger diesen Zaun als Faktum mit der Bedeutung als Eigentumsschranke respektieren. Aber bereits der Wurm, der Zaunkönig und der Sonnenstrahl sind nicht zu gewinnen für dieses 'Faktum'. Nun kann der Eigentümer natürlich die drei beschuldigen, ihnen den Krieg erklären, den Wurm vergiften, den Zaunkönig erschiessen und gegen den Sonnenstrahl ein Dach bauen - Konsens bezüglich seiner von ihm als faktische Wahrheit betrachteten Eigentümer-Status hat er damit aber nicht erreicht. Das Verabsolutieren von sog. Fakten-Wahrheit ist der ideale Nährboden für Schuldprojektion, Krieg und Konflikt.

Absolut gesetzte Fakten-Wahrheit ist ein Vektor nach aussen, ein Macht- und Gewalt-Vektor und setzt entsprechend gewaltige Energien frei, das Aussen, die vermeintliche 'Welt' zu ändern. Ganz anders ist es mit der Wahrheit im Sinne des 'mythologein'. Hier geht es um eine Wirkung nach innen. Der Vektor zielt auf das Sehen, Sein und Handeln des Rezipienten. Und der Erzähler ist selbst ein Rezipient seiner Geschichte. 'Mythologein' gipfelt in dem Gandhi-Wort "Be the change you wish to see in the world". Im Mythos können wir uns erkennen, unsere gelebten und ungelebten Persönlichkeitsanteile spiegeln. Mythos gibt Gelegenheit, die Verbundenheit, Vernetzung, Interdependenz von Erkennendem und Erkanntem intuitiv zu erfassen; zu begreifen, dass jeder Versuch, kontradiktorische Gegensätze zu konstruieren, den Satz vom Widerspruch in Reinkultur zu finden, scheitern muss und dass sich völlig unabhängige Entitäten, die nicht Anteil haben an anderen, die allein für sich und aus sich existieren, sich nicht finden ausserhalb von konstruierten Denkmodellen.

Natürlich sind Sie kein Indianer und Sie heissen mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht 'Fallender Schnee'. Wahrscheinlich sind Sie auch nicht mit Aufgaben wie Fische fangen, Bogen schiessen und Pferde einfangen konfrontiert. So gesehen, aus der Perspektive historischer Faktizität, real-materieller, gar kausaler Verknüpfung, können Sie die folgende Geschichte als sich völlig abgetrennt Fühlender lesen. Sie haben nichts damit zu tun, es geht Sie nichts an, es ist nicht von Ihnen die Rede - und sie ist mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht 'wahr' im Sinne faktischer Historizität. Falls Sie aber an mythologischer Wahrheit, an der Spiegelung im andern, im Wahrgenommenen, im 'Rest der Welt' interessiert sind, der Ihnen netterweise nicht nur Sie selbst, sondern auch Ihren Schatten spiegelt, all das, was Sie direkt nicht an sich entdecken - genau so wie der mechanische Spiegel Ihnen Ihre Augenfarbe und Ihren Rücken zeigt, wie Sie es selbst direkt ohne dieses Hilfsmittel nicht zu Gesicht bekommen - falls Ihnen etwas an Entwicklung im Sinne von Erweiterung Ihres Horizonts, Erweiterung Ihres Ichs gelegen ist, dann hat die Geschichte einiges für Sie bereit.

Ein letzter Lesetipp: Versuchen Sie, sich nicht nur gerade mit der Hauptfigur zu identifizieren oder gar nur mit den 'richtigen' Indianern, spüren Sie auch den anderen Entitäten nach, dem Vater, dem Grossvater, dem Onkel, dem Schnee, dem Baum, den Fischen, den Hasen, dem Pferd. Wenn Sie sich wirklich darauf einlassen, kann alles eine Saite in Ihnen zum Klingen bringen, auch ohne dass es sich als historisch-faktisches Erlebnis oder als offensichtliche Eigenschaft Ihres Persönlichkeitsprofils verorten lässt.

So viel Einleitung für eine winzige Geschichte? Wenn ich wüsste, dass Sie wissen, was ich unter Achtsamkeit oder 'Mindfulness' verstehe, hätte ich mich mit einem Dreiwort-Sätzchen begnügen können: Lesen Sie achtsam.


Fallender Schnee
(Auszug aus dem Buch 'Kleiner Indianer Fallender Schnee' von Geraldine Elschner, illustriert von Monika Schliephack, erschienen 1998 im Neugebauer Verlag)

Als Fallender Schnee geboren wurde, schlief die Erde unter einer weissen Decke. Wie ein Baum wuchs der kleine Indianer, Jahr für Jahr.

Am liebsten ging Fallender Schnee zum Bach. Aber nie kehrte er mit Fischen zurück: Die flinken Forellen rutschten ihm durch die Finger. "Ein Indianer muss greifen können, so sicher wie der Adler!", sagte sein Vater. Aber Fallender Schnee zögerte zu sehr.

Fallender Schnee spannte oft den Bogen. Aber nie kam er mit Beute von der Jagd: Bis sein Pfeil endlich flog, waren die Hasen weg. "Ein Indianer muss so schnell sein wie der Blitz!", sagte sein Grossvater. Aber Fallender Schnee war so langsam wie die Schneeflocken.

Fallender Schnee spielte gerne mit seinen Freunden. Aber nie war er der Erste: Oft waren die Spiele zu Ende, bevor er sie verstand. "Ein Indianer muss so schlau sein wie der Fuchs!", sagte sein Onkel. Aber Fallender Schnee brauchte immer viel Zeit.

Als er älter wurde, sollte Fallender Schnee wie alle Jungen seines Stammes ein wildes Pferd fangen, das ihn sein Leben lang begleiten würde. Aber als die grosse Herde vorüberlief, fiel ihm das Lasso aus der Hand. Allein blieb er zurück. Eine Träne lief über seine Wange. Nie werde ich ein richtiger Indianer sein, dachte er.

Doch da hörte er Tritte. Der Herde folgte mühsam ein einzelnes Pferd. Es blieb stehen. Sie schauten sich an.

Langsam und ruhig ging Fallender Schnee auf das Pferd zu. Er sprach leise zu ihm. Das Pferd hielt still. Da streichelte er sanft das dunkle Fell und entdeckte eine Wunde.

 

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